Tintenzirkel - Das Fantasyautorenforum

Allgemeines => Tintenzirkel => Phantastik und Fantasy => Thema gestartet von: Siara am 27. November 2020, 11:53:57

Titel: Haben die Unterhaltungsmedien nachgelassen?
Beitrag von: Siara am 27. November 2020, 11:53:57
Vorab: Vielleicht ist der Thread hier nicht ganz richtig, weil es auch, aber nicht nur um Fantasy geht. Allerdings habe ich keinen besseren Ort dafür gefunden.

Der Titel ist sehr schwammig gehalten, was darin begründet liegt, dass mir das Thema genau so vorkommt. Gefühlt haben sich Unterhaltungsmedien (Serien, Bücher, etc.) grundlegend verändert, auf eine Weise, die zwar wahrnehmbar ist, auf die ich aber nicht den Finger legen kann. Eine Weile dachte ich, es läge an mir und meinem Umgang mit diesen Medien. Aber inzwischen bin ich nicht mehr sicher.

Es hat damit angefangen, dass Bücher mich nicht mehr so stark eingenommen haben wie früher einmal. Das soll nicht heißen, dass sie nicht spannend geschrieben sein können. Aber die Nachwirkungen sind geringer. Bei guten Thrillern ging es mir immer schon so, dass ich sie zwar beim Lesen kaum aus der Hand legen konnte, den Namen des Protagonisten aber quasi in dem Moment vergessen habe, in dem das Ende kam. Bei Fantasy ging es mir früher anders. Ich weiß heute noch, wie der Mundschenk des Königs in „Der Drachenbeinthron“ hieß oder wie in bestimmten Szenen die Stimmung war. Die Bücher haben nachgewirkt, sind wochen-, monate- oder teils jahrelang nicht ganz aus dem Kopf verschwunden. Selbiges galt für manche Serien. Inzwischen ist es Jahre her, dass ich ein neuerschienenes Buch gelesen habe, das mich auf diese Weise fesselt.

Bei mehreren Gesprächen im Familien- und Freundeskreis habe ich festgestellt, damit nicht allein zu sein. Viele haben zugestimmt, aber niemand konnte genau beschreiben, was diesen Serien/Büchern/etc. eigentlich fehlt. Sie scheinen gut gemacht zu sein, haben einen ausgearbeiteten Spannungsbogen und durchdachte Charaktere. Das Tempo ist eventuell höher als noch vor zehn Jahren und die Dichte an spannungsgeladenen Szenen höher. Ob das ein Problem sein könnte, weiß ich nicht. Etwas scheint damit jedenfalls nicht zu stimmen.

Eine Überlegung war, dass es nicht an den Werken an sich, sondern am übermäßigen Angebot liegt und dass der übersteigerte Konsum verhindert, sich auf einzelne Werke so einzulassen. Das Problem wäre dann nicht bei den Urhebern, sondern bei den Empfängern zu suchen. Seit einigen Monaten habe ich meinen eigenen Konsum nun stark eingeschränkt: kein Fernsehen (auch keine Streaming-Dienste, höchstens mal zwanzig Minuten am Tag), keine Freizeit am Handy, keine ständige Beschallung mit Musik. Mein eigenes Schreiben hat dadurch tatsächlich Aufwind bekommen, und ich bin so gefesselt von meinen Romanen wie lange nicht mehr. Aber nicht von den kürzlich erschienen Werken anderer. Ich lese gerade ein paar Romane von vor zehn oder zwanzig Jahren noch einmal und habe endlich wieder das Gefühl, mich voll darauf einlassen zu können und mitgenommen zu werden. Neuere Romane schaffen das noch immer nicht. (Bei Serien weiß ich es natürlich nicht, weil ich zur Zeit keine gucke).

Meine Frage ist: Ist es euch aufgefallen oder ist es vielleicht doch nur Einbildung? Und falls es euch ähnlich geht, habt ihr eine Idee, woran es liegen kann? Was genau hat sich geändert, dass die Geschichten zwar kurzzeitig geradezu süchtig machen, langfristig aber flüchtig sind? Und vielleicht noch wichtiger: Wie kann man in seinen eigenen Werken diesen Effekt verhindern?

Edit nach einem Hinweis von Trippelschritt: "In letzter Zeit" bezieht sich in meiner Wahrnehmung auf die vergangenen fünf bis zehn Jahre.
Titel: Re: Haben die Unterhaltungsmedien nachgelassen?
Beitrag von: Volker am 27. November 2020, 12:31:29
Ein Problem das mir in letzter Zeit immer wieder auffällt, dass ich in "industriell hergestellten" Werken immer häufiger Standard-Patterns und nur dürftig gewandete Skelette erkenne.

Sehr dünne Motivationen. Plötzlich werden aus jahr(zehnte)langen Erzfeinden beste Freunde, nur weil sie sich in einem Stressmoment mal menschlich zueinander verhalten haben. Der völlig durchsichtige Zwischenstopp beim alten weisen Lehrer (und dessen baldiger Tod - weil Heldenreise). Die dazustoßende, sympatische Kameradin - die in der nächsten Szene brutal sterben muss um zu zeigen wie gefährlich es ist.

Das nervt. Aber keine Ahnung, ob das überwiegend einem Story-nach-Schema-F geschuldet ist, oder aber meiner zunehmend analytischen Autorenbrille.
Ähnlich machen mir Konzerte oder Songs teilweise keinen Spaß mehr, weil mich da technische Fehler oder tiviale Songkonstruktionen anbrüllen - ich mache selber relativ viel Audio-Engineering, live und Aufnahme, und da trainiert man unweigerlich das Gehör auf sowas.
Titel: Re: Haben die Unterhaltungsmedien nachgelassen?
Beitrag von: Trippelschritt am 27. November 2020, 12:58:01
Ich versuche es mal mit drei Punkten, die mir ganz spontan eingefallen sind, auch wenn ich nicht so genau weiß, was dich plagt. Auch ist letzte Zeit etwas relativ. Entsprechend relativ ist auch meine Antwort.

1. Der wichtigste Punkt ist für mich das nachlassende Gedächtnis. Das geht seit Kindheitstagen permanent nach unten.

2. Überlagert wird das von der vorhandenen Lebenserfahrung. Als junger Mensch kann man in Unterhaltungsprodukten ungemein viel über das Leben erfahren. Da ging mir in einigen Büchern mancher Seifensieder auf, wie man so schön sagt(e). Das lässt mit zunehmendem Lebensalter nach.

3. Das Angebot ist von wenigen Highlights (Nach der Erfindung des Buchdrucks gab es zunächst einmal nur die Bibel.) zu einer Multimediashow verkommen. In meiner eigenen Jugend gab es nur das Buch und Radio/Schallplatte, wenn ich mal von wenigen Randerscheinungen wie Kindertheater, Kirmessensationen oder ähnlichen absehe. Es gab auch den Film, aber der bis auf das Martinee am Sonntag Vormittag doch schon recht teuer.
Und dann kam das Fernsehen, Tonbandgerät, Kassettenrekorder.
Und das Internet war dann noch einmal ein Quantensprung.
Wie soll da noch etwas wirklich prägend wirken.

4. außer der Reihe
Unterhaltung hat sich immer schon gewandelt. Und immer gab es Qualität und Schund. Heute ist es viele schwieriger als früher Qualität zu entdecken und man selbst hat sich ja auch verändert. Und unser Gedächtnis sortiert und sucht aus.

Es gibt bestimmt noch viel mehr.

Liebe Grüße
Trippelschritt

Titel: Re: Haben die Unterhaltungsmedien nachgelassen?
Beitrag von: Linda am 27. November 2020, 13:21:26
Ja, kann ich nachvollziehen. Nicht generell und immer aber ...
Ich gebe auch mal meinen abgehobenen künstlerischen Senf dazu.

Eine Sache ist mir aufgefallen, die sich eher am Filmmedium festmacht, aber für die Buchbranche mit anderen Kriterien wohl ebenfalls gilt. Die finanziellen Erwartungen an die Produkte werden höher, d. h., es muss mehr mit einem Film verdient werden, die Quote muss besser sein etc. Und zwar, weil mehr Leute in der Verwertungskette stecken (nicht, weil der Urheber gierig ist) und es nur noch globalisiertes Business ist.

Filme werden für den internationalen Markt (oder in D. wenigstens noch mit Hoffnung aufs europäische Umland) produziert. Deswegen muss vorab alles aussortiert werden, was den Erfolg gefährdet, irgendwie anstößig, kulturell schwierig, zu kompliziert etc pp ist.
Es wurschteln auch immer mehr Leute am Drehbuch herum (das gilt definitiv auch für D.)

Statt einer künstlerischen Vision, die mit einem möglichst kleinen Team möglichst dicht umgesetzt wird, wird nicht geguckt, "was machen wir Tolles", sondern "was machen wir bloß besser nicht ,weil ..."
  Und jeder, der seine Finger drin hat, verwässert die Grundidee und will dafür noch Geld bekommen. Höhere Kosten, höhere Erwartungen, breit getretener Quark als Ergebnis.
  Sehe ich übrigens bei Verlagen leider ähnlich, es fehlt der Mut zum Risiko. Es geht nur noch ums next big thing, das am besten ein Konglomerat aus anderen vorher erfolgreichen Dingern darstellt. Orginelle Ideen werden solange in Konferenzen zerkaut, bis alles vereinheitlich wurde, mit Ausnahme eines kleinen Elements, das noch neu ist.

Auch das Überangebot tut sein Übriges. Früher musste man einem Fantasy-Ereignis monatelang entgegenfiebern, heute ist es nur ein Film oder Buch unter vielen. Sortiert unter dem Gesichtspunkt des kleinstmöglichen Risikos und trotzdem im harten Konkurrenzkampt um ein paar Stunden deiner Zeit.  Und Zeit ist eben ein rares Gut heutzutage.
Titel: Re: Haben die Unterhaltungsmedien nachgelassen?
Beitrag von: Araluen am 27. November 2020, 13:53:21
Ich kann mir auch gut vorstellen, dass es ein Stück weit mit dem Alter zu tun hat. In meinen Teens- und Tweensjahren haben mich Bücher und Serien ganz anders mitgenommen. Da hätte es niemals einen Mittwoch Abend ohne Buffy geben dürfen (ich weiß sogar noch, dass es immer mittwochs war), ich habe teilweise vier Bücher gleichzeitig gelesen und alle vier haben sich gleichsam in mein Hirn gebrannt. Zum einen gaben mir diese Dinge etwas. In dem Alter war ich ncoh großteils frei von Sorgen und auf dem Weg meinen Platz zu finden. Da gabs einfach noch eine Menge zu lernen. Zum anderen war ich (und vermutlich auch viele andere) deutlich eher bereit mich in einen Hype reißen zu lassen. Ich hatte einen Ordner mit gesammelten Fakten rund um die drei Fragezeichen - wer sieht wie aus, wie alt sind sie, wer hat wo welche Narbe und wieso und wie oft wechselt Blacky seine Spezies usw.
Mittlerweile bin ich in den 30ern und würde sagen, die Zeit des Forschens ist vorbei. Ich habe meinen Platz gefunden und es herrscht zunehmend das Gefühl das meiste schon gesehen zu haben (stimmt natürlich nicht) Folglich schaffen es auch Unterhaltungsmedien schwerer bei mir zu punkten. Oft ist das Résumé nur noch ein : Kenn ich schon, war aber nett umgesetzt. Damit bleibt man aber natürlich nicht im Gedächtnis. Und um gehypte Sachen mache ich mittlerweile nahezu aus Prinzip einen Bogen und habe schon selbst lange keinen Hype mehr mitgemacht.

Dann spielt bei mir auch Zeit eine Rolle. Heute bin ich nach 9h plus Arbeit, Familie versorgen und Haushalt schon froh, wenn es abends für eine entspannte Stunde reicht und kürzere oder auch längere Warte- und Fahrtzeiten werden halt doch meist mit dem Smartphone überbrückt. Ich habe den Kopf oft nur selten frei, um mich auf ein Buch wirklich einzulassen. Das wird konsumiert (wenn es denn dafür noch reicht) und dann weggelegt. Früher hatte ich einfach mehr Zeit zur freien Verfügung und damit auch mehr Zeit mich auf Unterhaltungsmedien einzulassen. Da hatte ich noch Zeit mich über den Zeitpunkt des Konsums hinaus damit zu beschäftigen. Oft musste man das ja auch. Streaming Dienste gab es noch nicht. Also musste man eine Woche auf die nächste Folge seiner Lieblingsserie warten und wenn die Staffel zu Ende war, tja, dann erwartete einen die lange Durststrecke der Sommerpause und man wünschte sich inständig Zugriff aufs amerikanische Fernsehen, wo die nächste Staffel bereits ein paar Wochen früher anlief. Bei Büchern verhielt es sich ähnlich. Amazon kam bei mir zwischen 2000 und 2004 irgendwann an. Davor war ich ganz normaler Stammkunde in meinen Lieblingsbuchhandlungen und in der Bibliothek. Wenn ich ein Buch wollte, musste ich dorthin und es suchen oder bestellen und das dauerte. Wenn ich noch nicht wusste, was ich wollte, musste ich vor Ort eben stöbern und nach unentdeckten Schätzen stöbern hat seinen ganz eigenen Reiz. In jedem Fall verging Zeit, bis man ein neues Buch in den Händen hielt. Man konnte sich richtig darauf freuen und ich glaube auch das macht einen Großteil dessen aus, wie wir ein Buch wahrnehmen.
Heutzutage stapeln sich die SuBs in der Regel bis unter die Decke. Will ich einen Titel haben, genügen zwei Klicks und ich habe ihn auf meinem Reader. Bestehe ich auf ein "echtes" Buch muss ich halt 24h warten, aber dann ist es auch da und ich bin dafür keinen Schritt vor die Tür gegangen. Neben dem tatsächlichen SuB, der sich in meinem Besitz befindet gibt es noch eine gut ebensolange Wunschliste bei Amazon. Die werde ich niemals abgearbeitet kriegen und wenn ich ein Buch gelesen habe, wartet bereits das nächste und dahinter das nächste und ich habe gar keine Zeit mich davon fesseln zu lassen.
Mit Serien verhält es sich ähnlich. Wenn ich eine Serie schauen will, dann mach ich das notfalls auch alle 8 Staffeln am Stück. Da gibt es kein Warten mehr, kein hoffen, dass die nächste Staffel auch tatsächlich noch in drei Monaten gesendet wird, keine Spekulationen ob der Prota nun in die Falle tappt oder nicht. Ein Klick und ich werde es erfahren, indem ich einfach direkt im Anschluss die nächste Folge schaue. Hinzu kommt dann noch das Überangebot. Es gibt einfach viel zu viel zu schauen, zu lesen und auch zu hören. Da fällt es schwer die Diamanten herauszupicken. Früher war das auch nicht unbedingt einfacher, aber ich glaube wir waren geübter darin und das Angebot war einfach kleiner.

Abschließend kommt bei mir noch hinzu, dass ich heute mit Autorenerfahrung auf die dinge blicke. Ich durchschaue Plotschemata, halte unbewusst die Schablone über das Buch/die Serie und schnalze genervt mit der Zunge, wenn ich Abweichungen erkenne. Der innere Lektor lässt sich nur schwer abstellen und verleidet oft den reinen Genuss.

Daher glaube ich nicht unbedingt, dass die Unterhaltungsmedien flacher geworden sind, wobei es auch sehr viel mehr Fließbandware nach Schema F gibt, sondern dass es vor allem daran liegt, dass sich unser Konsumverhalten und unsere Lebensumstände verändert haben. Natürlich sind Serien und auch Bücher heute anders konzeptioniert als damals. Früher wurden Serienepisoden entsprechend der Werbeblöcke konzeptioniert, nun konzeptioniert man sie fürs Bingewatching. Früher nahm man sich mehr Zeit für Geschichten. Es wurde deutlich langsamer erzählt. heute gleichen Unterhaltungsmedien oft eher einer Achterbahnfahrt. Ich glaube aber nicht, dass das eine besser ist als das andere. Es ist nur anders.
Man sagt ja auch gern, dass das Kinderfernsehen von heute die reinste Katastrophe ist und pure Grütze und früher war alles besser als es noch die Gummibärenbande gab und eine pummlige Biene Maja. ich finde auch, dass vieles im Kinderprogramm viel zu hyperaktiv ist. Es entspricht absolut nicht meinen Sehgewohnheiten und auch nicht dem, was ich von Kinderfernsehen erwarte (und wir haben auch eine ganze Menge grütze geschaut). Dennoch gibt es auch hier genug, was den Kids von heute eine ganze Menge geben kann und sie begeistert und ja, wenn man sich als Erwachsener die Mühe macht und sich dazu setzt, kann man sogar verstehen wieso.
Titel: Re: Haben die Unterhaltungsmedien nachgelassen?
Beitrag von: Mondfräulein am 27. November 2020, 14:01:44
Ich merke das teilweise auch bei mir. Ich glaube aber nicht, dass die Qualität generell nachgelassen hat. Ich persönlich hatte noch nie Zugang zu so vielen großartigen Medien wie jetzt. Netflix und Amazon-Prime haben sehr, sehr viel im Angebot, das mich überhaupt nicht interessiert, aber auch sehr viele gute Serien, die vor fünfzehn Jahren so überhaupt nicht produziert worden wären, und sehr viele gute Filme, zu denen ich vor fünfzehn Jahren nicht so einen Zugang gehabt hätte.

Aber mein Anspruch ist auch stark gestiegen, einerseits durch die sehr guten Filme, Serien und Bücher, die ich in der Zwischenzeit entdeckt habe, andererseits weil ich mich als Autorin selbst weiterentwickelt habe. The Shannara Chronicles hätte ich früher bestimmt geliebt, weil es Fantasy ist und ich mag Fantasy sehr, aber mittlerweile packt mich nicht mehr alles. Mit jedem wirklich großartigen Werk, das ich konsumiere, steigt mein Anspruch. Ich habe mich vor ein paar Jahren ertappt, wie ich durch die Buchhandlung ging und mich vieles nicht ansprach, was mich früher angesprochen hätte, weil ich mir manchmal wirklich denke "das würde ich lieber schreiben als es zu lesen". Twilight habe ich damals mit so viel Eifer gelesen, auch weil ich vorher kaum Bücher mit so prominenter Liebesgeschichte gelesen hatte. Zwischendurch habe ich dann Liebesgeschichten gelesen, die ich noch besser fand, der Markt wurde von ähnlichen Büchern überflutet. Im Moment packt mich eine Liebesgeschichte nur noch, wenn sie wirklich, wirklich gut geschrieben ist. Ich war riesiger Fantastic Four Fan, als der erste Film rauskam, heutzutage würde ich andere Superheldenfilme ganz klar bevorzugen, aber damals gab es in diesem Genre nicht so viel Auswahl. 

Mit steigendem Angebot wird es natürlich schwieriger, die wirklichen Perlen herauszufiltern. Wenn ich mir dann ältere Serien anschaue, dann ist meistens nur das verfügbar, was sich aus irgendwelchen Gründen im Gedächtnis gehalten hat. Vielleicht weil es besonders gut war, vielleicht weil es besonders beliebt war. Aber viele ältere Filme und Serien kann ich mir auch nicht mehr anschauen, weil sie meinem Qualitätsanspruch nicht mehr genügen, auch wenn sie viele in liebevoller Erinnerung halten.

Außerdem sind meine Kapazitäten auch anderweitig besetzt. Heutzutage bin ich viel von meinen eigenen Geschichten in den Bann gezogen. Das ist für mich auch viel befriedigender. Aber wenn ich so viel über meinen eigenen Roman nachdenke, kann ich das nicht auch noch mit dem Buch tun, das ich gerade lesen, auch wenn es wirklich, wirklich gut ist und besser als vieles, was ich vor fünfzehn Jahren so gelesen habe. Ich kann nicht so tief in jeder Geschichte stecken und meistens ist dieser Platz von meinen eigenen Geschichten besetzt. Aber ich will ihn auch lieber mit meinen eigenen Geschichte besetzen.
Titel: Re: Haben die Unterhaltungsmedien nachgelassen?
Beitrag von: Siara am 27. November 2020, 14:06:52
@Volker : Danke für den Beitrag. Standard-Pattern an sich wäre ja kein Problem. Aber ich habe auch das Gefühl, dass den Werken zunehmend das Drumrum fehlt, "Skelett" trifft es da ganz gut, finde ich. Dass man mit wachsender Erfahrung immer mehr als Autor und nicht als reiner Konsument liest, kommt sicherlich dazu. Aber da es (zumindest in meinem Umfeld) und nicht-Autoren ähnlich geht, scheint das eher nebensächlich zu sein.

@Trippelschritt : Guter Hinweis, den Zeitrahmen näher zu benennen, hatte ich glatt vergessen. Mir geht es tatsächlich so um die letzten fünf bis zehn Jahre. Das ergänze ich mal im Startpost, damit es nicht für Verwirrung sorgt und wir nicht aneinander vorbeireden.

Überlagert wird das von der vorhandenen Lebenserfahrung. Als junger Mensch kann man in Unterhaltungsprodukten ungemein viel über das Leben erfahren. Da ging mir in einigen Büchern mancher Seifensieder auf, wie man so schön sagt(e). Das lässt mit zunehmendem Lebensalter nach.
Besonders das trifft einen Punkt, den ich zwar wahrgenommen, aber nicht wirklich zu fassen bekommen habe. Allerdings ist es auch ein sehr trauriger Gedanke, dass Geschichten einem mit zunehmendem Alter immer weniger zu bieten haben. Ich hoffe jetzt einfach mal, dass es genug herausragende Werke gibt, die da Ausnahmen bilden. Ähnliches gilt für das, was @Araluen gesagt hat. Ich bin jetzt Mitte zwanzig, und bei mir war das mit der fanatischen Begeisterung für manche Werke schon vor fünf Jahren vorbei. Allerdings: "Ältere" Bücher (konkret solche von vor 15-30 Jahren) schaffen es manchmal immer noch, mich zu packen. Das scheint also glücklicherweise nicht der einzige Auslöser zu sein.

Deinen dritten Punkt, Trippelschritt, hatte ich ja auch bereits angesprochen, und ich halte ihn für ein enormes Problem. Die schiere Masse, der Drang andauernd unterhalten zu werden und die Allgegenwärtigkeit und der ständige Zugang zu Medien jeder Art übertönen sich nicht nur gegenseitig, mich persönlich überfordern sie auch. Manchmal, wenn ich auf der Suche nach neuen Büchern (oder vor einiger Zeit noch nach neuen Serien) war und im Onlinehandel oder Streaming-Dienst durchgescrollt habe, habe ich nach einer halben Stunde ohne Ergebnis und müde die Seite wieder geschlossen. Einfach, weil die Auswahl zu groß war. Das Aussuchen war so anstrengend, dass ich auf das Ansehen/Lesen schon gar keine Lust mehr hatte. Seltsam, weil das große Angebot ja eigentlich genau das ist, was beworben wirbt und lockt. Das schlägt wohl auch in dieselbe Kerbe wie das, was @Araluen angemerkt hat. Zum Genießen gehört eben nicht nur das Konsumieren, sondern auch das Vorher und Nachher.

Höhere Kosten, höhere Erwartungen, breit getretener Quark als Ergebnis.
Das trifft es gefühlt leider sehr gut. Der finanzielle Aspekt ist sicherlich wichtig. Aber ist er wichtiger als noch vor zehn oder zwanzig Jahren? Um das zu beurteilen, stecke ich bei weitem nicht tief genug in der Materie und weiß zu wenig über die hintergründigen Vorgänge am Markt.

Früher nahm man sich mehr Zeit für Geschichten. Es wurde deutlich langsamer erzählt. heute gleichen Unterhaltungsmedien oft eher einer Achterbahnfahrt. Ich glaube aber nicht, dass das eine besser ist als das andere. Es ist nur anders.
Der Unterschied zwischen besser und anders ist natürlich ein wichtiger Punkt und außerdem eine Frage, die ich noch gar nicht aufgeworfen hatte. Ich stimme dem auch nicht zu, denn ich sehe das Langsamere, Tiefergehende als besser an als das Schnellebigere. Die auf ältere Weise konzeptionierten Geschichten konnten echte Gefühle wecken und zum Nachdenken anregen, die neuen nur noch ablenken. So zumindest ist meine Sicht darauf.
Titel: Re: Haben die Unterhaltungsmedien nachgelassen?
Beitrag von: Yves Holland am 27. November 2020, 14:28:39
In erster Linie halte ich das auch für ein "Problem" beim Empfänger. Man wird halt älter, ist etwas unkonzentrierter, saugt die Geschichten nicht mehr so begierig auf wie früher, als man jünger war.

Doch hin und wieder schafft es ein Hammer-Werk, das zu brechen: Harry Potter hatte mich immens mitgezogen, Der Drachenbeinthron ebenso (ich weiß noch wie heute, dass ich darum gebangt hatte, dass Terry Pratchett nicht von einem Auto überfahren wird, bevor er die vier Bände endlich abgeschlossen hatte. Ich habe nämlich quasi parallel zur Schreibezeit gelesen - jedes Jahr gab es einen Band!  :rofl: )

Auch was Serien angeht, hat mich hin und wieder eine ENORM am Wickel. War bei Twin Peaks so, bei Fringe auch.

Aber ja - das Angebot ist so groß wie nie! Man hat kaum mehr Zeit einer Geschichte über Monate nachzuspüren, weil der Output so schnell getaktet ist. Trotzdem schaffen es immer wieder ein paar Serien, länger nachzuwirken, Dark zB.

Unterm Strich ist es also wohl eine Melange aus allen Gründen - sowohl beim Autor/Produzenten als auch beim älter werdenden Konsumenten.
Titel: Re: Haben die Unterhaltungsmedien nachgelassen?
Beitrag von: Araluen am 27. November 2020, 14:37:00
Zitat
Der Unterschied zwischen besser und anders ist natürlich ein wichtiger Punkt und außerdem eine Frage, die ich noch gar nicht aufgeworfen hatte. Ich stimme dem auch nicht zu, denn ich sehe das Langsamere, Tiefergehende als besser an als das Schnellebigere. Die auf ältere Weise konzeptionierten Geschichten konnten echte Gefühle wecken und zum Nachdenken anregen, die neuen nur noch ablenken. So zumindest ist meine Sicht darauf.
Langsamer heißt nicht zwangsläufig, dass es tiefer geht. Wenn ich an die ersten Star Trek Filme denke... Zehn Minuten starrte man auf dei Brücke, hörte die "Motoren" im Hintergrund summen. Alle zwei Minuten gab es es einen Schwenk auf die Außenansicht der Enterprise, dann wieder zurück auf die Brücke, wo alle konzentriert aufs Frontfenster starrten. Bis Endlich "Captain, wir empfangen eine Nachricht" (oder etwas ähnliches. Ich weiß nicht mehr, was der erste Satz war) die Stille durchbrach. Das war eine Entdeckung der Langsamkeit, die der Erzählung nicht unbedingt gut getan hat ;) (ich habe den Film nie bis zum Ende gesehen) Aber ich bin ganz bei dir, dass es auch mir mehr gibt, wenn man sich Zeit für die Erzählung nimmt, der Leser oder auch der Zuschauer Zeit hat, sich einfach mal umzusehen und man Gelegenheit hat, die Figuren und Hintergründe wirklich kennen zu lernen. "Rebecca" fand ich total toll erzählt zum Beispiel. Würde man heute so mit Sicherheit nicht machen (wie man schon an der Musical Adaption sieht, die aber an sich sehr gut ist). Ich mag diese hyperaktive Erzählweise auch nicht, wenn alle wie kleine Duracellhäschen durch die Geschichte zu rennen scheinen und von einem Problem ins nächste stürzen. Es kann aber auch sehr gut gemacht sein und manchmal passender als die doch eher ausufernde Erzählweise eines Tolkien oder auch Tad Williams. Ich denke auch, dass viele, die mit der jetzigen (sagen wir die letzten fünf Jahre) Konsumwelt aufwachsen an Erzählweisen, die wir aus unserer Jugend noch gewohnt sind, überhaupt nicht mehr herankommen.
Ein Beispiel davon habe ich sogar zuhause ;) Mein Sohn liebt Glücksbärchis. Aber nur die neu aufgelegte Serie. Die Episoden sind kompakt erzählt, die Zahl der Charaktere verringert (es gibt auch keinen echten Bösewicht mehr) und insgesamt rauscht man doch eher durch den Plot. Ich habe Folgen der alten Serie angeboten, die ich noch aus meiner Jugend kenne und liebe (und mich teilweise davor gegruselt habe). Mein Sohn hat nach fünf Minuten den Faden verloren und fand es langweilig, einfach weil anders und langsamer erzählt wird. Mir selbst gefallen die alten Glücksbärchis immernoch besser, aber auch die neuen Folgen sind schön, haben Botschaft (wenn auch deutlich plakativer formuliert) und geben ein schönes Erlebnis. Daher denke ich, dass man nicht per se sagen kann, dass die eine Erzählweise jetzt unbedingt besser als die andere ist. Es kommt sehr stark auf die Umsetzung und die individuellen Gewohnheiten an.
Titel: Re: Haben die Unterhaltungsmedien nachgelassen?
Beitrag von: Mondfräulein am 27. November 2020, 14:43:15
Eine Entwicklung der letzten Jahre ist aber auch der Trend zur Serie. Besonders mit Game of Thrones wurde es sehr beliebt, Handlung und Figuren über viele Folgen und Staffeln hinweg zu entwickeln. Die neuen Star Trek Serien (Discovery, Picard) gehen auch viel eher in die Richtung einer kontinuierlich erzählten Handlung als die alten Serien.

Insofern würde ich überhaupt nicht sagen, dass langsames Erzählen weniger modern ist, im Gegenteil.
Titel: Re: Haben die Unterhaltungsmedien nachgelassen?
Beitrag von: Leann am 27. November 2020, 14:48:24
Zitat
Der Drachenbeinthron ebenso (ich weiß noch wie heute, dass ich darum gebangt hatte, dass Terry Pratchett nicht von einem Auto überfahren wird, bevor er die vier Bände endlich abgeschlossen hatte
Terry Pratchett hat damit gar nichts zu tun, weil Tad William die Reihe geschrieben hat. Soweit ich mich erinnere lag mehr als ein Jahr zwischen den Veröffentlichungen. War in den Neunzigern.

Zum Thema: Ich glaube nicht, dass die Unterhaltungsmedien nachgelassen haben, sondern dass es einfach zu viel von allem gibt. Heute haben wir sehr viele Möglichkeiten, die es zumindest in meiner Jugend so nicht gab: Internet, Streamingdienste, mehr als drei Fernsehprogramme, Youtube. Durch das Angebot tritt vermutlich eine gewisse Übersättigung ein. Früher hatte man mehr Zeit, sich mit den einzelnen Werken zu beschäftigen. Ein Film war lange im Gespräch, heute ist der ja nach ein paar Wochen schon wieder vergessen. Das gilt auch für Bücher. Was ich nur aus subjektiver Beobachtung so empfinde: Ich habe das Gefühl, dass durch die ständige Medienberieselung die Aufmerksamkeitsspanne vieler Menschen viel geringer ist als noch vor z.B. dreißig Jahren.

Außerdem, da kann ich nur aus eigener Erfahrung sprechen, war für mich als Kind und Jugendliche alles noch neu und aufregend und ich hatte nicht so viele Vergleichsmöglichkeiten wie jetzt. Mal als Beispiel: Neulich las ich bei Instagram, wie sich eine Bloggerin über eine völlig neue originelle Idee in einer Romantasy freute: "Ein unscheinbares Mädchen kommt neu in eine Stadt und trifft einen Jungen mit einem düsteren Geheimnis." Das hab ich z.B. schon viel zu oft gelesen. Gilt auch für die auserwählten Waisen, die sich auf eine abenteuerliche Reise begeben müssen, um die Welt zu retten. Früher war das für mich total neu und superspannend. Heute muss da schon die Umsetzung großartig sein, um mich vom Hocker zu reißen. Es macht schon einen Unterschied, ob ich mit 10 Jahren vielleicht 500 Bücher gelesen hatte oder mit 50 Jahren 5000.

Aber: Ich möchte das Angebot echt nicht missen. Und dass ich mit steigendem Alter eben nicht mehr ganz so leicht zu begeistern bin, trifft auf alles im Leben zu. Hat Vor- und Nachteile und wenn ich es recht bedenke, bin ich immer noch begeisterungsfähig genug, um Spaß an Büchern und Filmen zu haben. Nur weiß ich jetzt besser, was mir gefällt und warum und was eben nicht.
Titel: Re: Haben die Unterhaltungsmedien nachgelassen?
Beitrag von: Araluen am 27. November 2020, 15:13:08
Eine Entwicklung der letzten Jahre ist aber auch der Trend zur Serie. Besonders mit Game of Thrones wurde es sehr beliebt, Handlung und Figuren über viele Folgen und Staffeln hinweg zu entwickeln. Die neuen Star Trek Serien (Discovery, Picard) gehen auch viel eher in die Richtung einer kontinuierlich erzählten Handlung als die alten Serien.

Insofern würde ich überhaupt nicht sagen, dass langsames Erzählen weniger modern ist, im Gegenteil.
Früher wurden Serien tatsächlich Staffelweise konzipiert wenn überhaupt. Manchmal hat man sich auch einfach von Folge zu Folge gehangelt wie bei Star Trek TOS oder TNG. Da hatte man sich auch selten noch daran erinnert, welche Probleme man hier und da mal aufgeworfen aber nie wieder angesprochen hatte. So werden bei Star Trek sehr gerne die Serienkinder immer wieder vergessen. Dass Deanna Troi eine ältere Schwester gehabt hatte, die im Kindesalter verstorben ist, war ein dramatischer Fakt, der für eine sehr gute Folge gesorgt hatte, aber nie wieder aufgegriffen wurde. Ich bring grad nur so viele Star Trek Beispiele, weil ich gerade DS9 schaue, nachdem ich quasi direkt aus TNG gepurzelt bin.
Bei Buffy lief es ähnlich. Es gab eine große Staffelbedrohung. Auf die wurde hingearbeitet und sie besiegt. Dann kam die nächste Staffel mit der nächsten großen Staffelbedrohung (meist noch schlimmer als vorher, wenn möglich, worüber sich die Serie dann ja auch selbst irgendwann lustig macht). Erst im Verlauf der Staffeln und vermutlich mit der Sicherheit, dass es auch wirklich bis zum bitteren Ende weitergehen würde, kristallisierte sich langsam ein größerer übergeordneter Plot heraus.
Babylon 5 war soweit ich weiß die erste Serie, die von Staffel 1 bis 5 durchgeplant war und einen übergeordneten Handlungsbogen für alle Staffeln hatte. Das war damals ein extrem hohes Risiko, da man nicht wusste, ob man das Geld für so viele Staffeln bekommt und den Cast so lange binden kann. Es wäre auch beinahe schief gegangen, weshalb Staffel 4 und 5 stellenweise etwas unharmonisch wirken, da erst gedroht wurde, die Serie abzusetzen - man also schnell ein befriedigendes Ende schrieb - dann aber doch die Freigabe bekam und irgendwie den Bogen zum ursprünglichen Plan schlagen musste mit leicht verändertem Cast.
Andere durchgeplante Serien wie Ghostwisperer oder auch Ringer versandeten leider, weil keine weitere Staffel genehmigt wurde. Das schmerzt, da dann noch viele lose Fäden übrig bleiben und man einfach kein allumfasend zufriedenstellendes Ende hätte schaffen können (Ghost Wisperer hätte mindestens noch eine Staffel gebraucht, um alle zusammen zu führen). Und auch nicht immer finden durchgeplante Serien höheren Anklang als die alten nach dem Schema "Monster der Woche", die sich halt von Folge zu Folge hangelten ohne signifikaten Handlungsbogen. So war Dark Angel Staffel 1 sehr beliebt. Klar gab es auch hier den Ansatz eines übergeordneten Handlungsbogens, aber letztlich ging es Woche für Woche nur um das "Monster der Woche" und man musste nur wenig Wissen aus der Vorwoche in die Folge der aktuellen Woche mitschleppen. In der zweiten Staffel entschied man sich für ein durchgeplantes Konzept mit einem ordentlichen Handlungsfaden, der sich durch alle Folgen zieht - eine Folge verpassen war also eine blöde Idee, weil einem dann wichtige Infos fehlten. Obwohl ich persönlich die zweite Staffel genau deswegen deutlich stärker als die erste Staffel fand, brachen die Einschaltquoten der vormals doch recht beliebten Serie ein und obwohl auch hier noch nicht alles erzählt war, wurde die Serie eingestellt. Aber zu zeiten von Dark Angel musste man auch noch eine Woche auf die nächste Folge warten. Mediatheken gabs auch noch nicht. wenn man also eine Folge verpasste, hatte man Pech. Heroes krankte glaube ich an einem ähnlichen Problem. Als Netflixserie hätte die zweite Staffel mit Sicherheit wunderbar funktioniert.
Ich sehe den Trend derzeit weniger in Serien mit vielen Staffeln, als in ausgefeilten Miniserien. Vermutlich lassen diese sich besser durchplotten bei vermindertem Risiko, das einem nach der Hälfte der Hahn zugedreht wird. Ich muss sagen, ich mag die Miniserien, da in diesem Format vermehrt Bücher verfilmt werden und das Serienformat ist für die meisten Bücher viel besser als ein Kinofilm, bei dem man trotz Überlänge und Streckung auf einen Mehrteiler wichtige Figurenentwicklungen und Subplots rausstreichen muss. Good Omens und Alias Grace fand ich absolut toll.
Titel: Re: Haben die Unterhaltungsmedien nachgelassen?
Beitrag von: Yves Holland am 27. November 2020, 17:29:09
Zitat
Der Drachenbeinthron ebenso (ich weiß noch wie heute, dass ich darum gebangt hatte, dass Terry Pratchett nicht von einem Auto überfahren wird, bevor er die vier Bände endlich abgeschlossen hatte
Terry Pratchett hat damit gar nichts zu tun, weil Tad William die Reihe geschrieben hat. Soweit ich mich erinnere lag mehr als ein Jahr zwischen den Veröffentlichungen. War in den Neunzigern.

 ::) Natürlich!!
Titel: Re: Haben die Unterhaltungsmedien nachgelassen?
Beitrag von: Sunflower am 28. November 2020, 14:14:27
Ich sehe das tatsächlich ganz anders als viele hier. Ich bin eher so ziemlich dauerbegeistert, wie viele tolle, diverse und komplexe und vor allem nischige Serien es gibt. Ich liebe, dass man durch Streamingdienste auf Produkte aus ganz anderen Ländern in den USA hat, dass ich über Netflix einfach italienische, spanische, usw. Serien schauen kann. Der Oscarfilm dieses Jahr war "Parasite", ein Film, der (fand ich) komplett anders erzählt war als man das aus westlicher Erzähltradition so kennt. Für mich hat der mit vielen klassischen Tropes gebrochen, er war auch relativ langsam erzählt und ich war trotzdem richtig begeistert davon. Keine Ahnung, ob ein Film ohne weiße Menschen und so anders erzählt früher eine Chance auf den Oscar gehabt hätte, das kann ich tatsächlich nicht einschätzen.

Was ich eher merke, ist so eine Müdigkeit gegenüber Büchern, Serien, Filmen, die Anfang der 2000er veröffentlicht wurden. Ich finde, durch Metoo und Diversitätsdiskussionen wirken viele dieser Sachen mittlerweile sehr altmodisch. Alle sind hetero und weiß und natürlich straight und wenn es mal BIPoC oder LGBTQ* gibt, dann erfüllen sie allermeistens sehr schreckliche Klischees, zumindest in den Mainstreamprodukten. Abseits des Mainstreams kann das natürlich ganz anders sein. Aber ich liebe, was für eine wahnsinnige Diversität sich in den letzten Jahren entwickelt hat. Es ist immer noch ein weiter Weg, aber viele Dinge kann ich einfach viel besser schauen / lesen als die älteren Sachen.

Abgesehen von Diversitätsaspekten finde ich viele Sachen auch einfach deutlich komplexer als früher. Gerade Serien. Game of Thrones hat das Level an erzählerischer Komplexität einfach nochmal total angehoben, finde ich. (Hatte das auch irgendwann mal in der Uni, dass es immer weider so Sprünge im Serien-Erzählen gab und man dem Publikum danach einfach viel mehr zumuten konnte als vorher.) Ich hatte eine ähnliche Diskussion vor kurzem mit meinem Freund, aber ... hätte irgendwer früher so viel Geld in eine Serie wie "Stranger Things" investiert? Das hätte nämlich auch komplett schiefgehen können. Ist es nicht, gut für uns. Oder "Dark"? Eine komplett wirre Zeitreisegeschichte mit viel zu vielen Ebenen und dazu noch in einer deutschen Kleinstadt? International erfolgreich war es trotzdem (und ich mochte die Serie auch sehr). Aktuell wird Leigh Bardugos Grishaverse in eine Netflix-Serie verwandelt, das hätte früher allenfalls einen mäßigen Kinofilm abgegeben und wäre dann nach einem Film abgesetzt worden (denke da an den Shadowhunter-Film).

Klar gibt es auch viel Mist da draußen, aber ich glaube a) das gab es immer und b) wenn mehr Produkte insgesamt erscheinen, ist halt auch mehr Mist dabei.

Bei Büchern fällt mir ein bisschen auf, dass gerade der deutsche Markt schon extrem "ängstlich" ist und gefühlt gerade in den Genres, die ich halt mag (Urban Fantasy, Young Adult) sehr alte und staubige Tropes wieder und wieder aufgewärmt werden. Das finde ich auch ziemlich nervig, aber das ist gefühlt eher so ein deutsches Mainstream-Buchmarkt-Problem und auch da gibt es Ausnahmen. Glaube, das wäre aber eine andere Diskussion.

Insgesamt gab es früher auch mehr Bücher, die mich begeistert haben. Das liegt aber bei mir ganz klar daran, dass ich mittlerweile zu analytisch lese und nur noch "absorbiert" werde, wenn mich was richtig umhaut. Dafür kann ich das dann aber gefühlt auch mehr wertschätzen als früher. Deswegen sehe ich das auch nicht so pessimistisch a la "früher war alles besser", sondern halt als eine Veränderung. Wenn immer alles gleich bleiben würde, wäre es aber auch langweilig.
Titel: Re: Haben die Unterhaltungsmedien nachgelassen?
Beitrag von: L. F. Montemunion am 28. November 2020, 14:51:52
Ich kenne das Problem leider gerade bei all dem, was ich früher geliebt habe. Serien und Franchises enttäuschen mich schon seit geraumer Zeit immer öfter. Ideen werden geritten und ausgetreten, bis sie tot sind und dann noch ein ganzes Stück länger. Vor allem aber habe ich das Gefühl, dass die Köpfe hinter solchen Projekten oft denken, "wir haben ja jetzt schon den großen Namen, wir brauchen noch ein paar aktuelle Themen und gut". Dabei bleiben gute Plots und glaubhafte Charaktere leider völlig auf der Strecke.

Ganz konkret: Die Hobbit-Filme fand ich furchtbar, Star Trek: Disovery und Star Trek: Picard sind zum Davonlaufen, die neue Star Wars Reihe ist unterirdisch und Game of Thrones hat auf die letzten Meter leider auch arg enttäuscht. Alle haben in meinen Augen ein ähnliches Problem: Da werden ein paar Dinge für die Fans herausgekramt und aufgewärmt, seien es nun Tribbles oder Wookies, und den Rest füllt man mit "tiefgreifenden" Dialogen, die nur hölzern und völlig weltfremd daherkommen, und uninspirierten Geschichten auf. Wenn Charaktere von früheren Werken auftauchen, dann sagen sie in der Regel noch ihre Catch-Phrases, sind aber oft nur noch Karikaturen ihres früheren selbst. Dann (das gilt jetzt nicht mehr für alle, aber für erschreckend viele) verkaufen sie einem eine überemotionale Mary Sue nach der anderen als "starke Frau" und werfen fröhlich mit Repräsentation aller Art um sich. Versteht mich nicht falsch: Ich finde es großartig, einem diversen Cast zuzusehen, aber nicht, wenn ich den Eindruck habe, man hat außer "Repräsentation gut" nichts mehr zu erzählen, und schon gar nicht, wenn ich jedes Mal, wenn der weiße Hetero-Mann ins Bild kommt, schon weiß, dass der dann wohl der neue Bösewicht ist.

Bei Büchern weiche ich der Problematik in der Regel aus, indem ich die nachgeschobenen Ergänzungen zu Werken wie den Hunger Games, der Fließenden Königin und Co einfach nicht mehr lese. Vielleicht tue ich ihnen damit unrecht, aber ich bringe es einfach nicht über mich, mir damit am Ende das wunderbare Bild dieser Welten zu versauen, das ich mir über die Jahre geschaffen habe. Stattdessen gbe ich lieber neuen Geschichten eine Chance. Das klappt nämlich. Unter den neuen Serien, Filmen und Büchern ist vieles dabei, das mich noch genauso fesselt, wie es die oben genannten Franchises früher getan haben. Da werden interessante Charaktere auf interessante Probleme losgelassen und oftmals kommen dabei wirklich gute Geschichten heraus.
Titel: Re: Haben die Unterhaltungsmedien nachgelassen?
Beitrag von: Alana am 28. November 2020, 15:42:46
Mir geht es da wie @Sunflower, ich bin eher begeistert davon, wie viele wirklich tolle und auch mutige Sachen es im Bereich Serien und Filme gibt und eben auch deutlich komplexere Handlungen in Serien. Ich hab mal gelesen, dass das daran liegt, dass diese "eine Folge pro Woche" nicht mehr beachtet werden muss und man deswegen zum einen nicht mehr im Kopf haben muss, dass Zuschauer seit der letzten Folge einiges vergessen haben, sondern auch, dass die Leute keine Folge mehr verpassen und die Serie auch funktionieren muss, wenn man nur ab und zu mal reinschaltet, so wie es früher war. Das ermöglicht ganz andere Erzählstrukturen und staffelübergreifende Handlungsbögen, die es früher nicht gab.

Also nein, ich kann da absolut nicht zustimmen. Im Gegenteil, dadurch, dass Netflix gerne kreative, neue Ansätze verfolgt, werden gerade hier in Deutschland Produktionen wie Dark möglich, wo es früher nur die immer gleichen Fernsehfilme gab. (Ich habe dazu mal ein Interview mit den Machern von Dark gelesen, wie sich gerade die deutsche TV-Landschaft durch Netflix extrem positiv verändert hat, zumindest aus Sicht der kreativen Köpfe der Filmbranche, das war sehr interessant.)

Bei Büchern mag das anders sein, aber bei Filme und Serien, da verstehe ich diese Kritik wirklich überhaupt nicht. Vielleicht habt ihr nur nicht die richtigen Sachen gefunden?

Edit: Was evtl. nachgelassen hat, ist das "echte" Fernsehen. Das schaue ich überhaupt nicht mehr. Ich gucke manchmal auf Joyn oder TV Now meine Kochsendungen und was mir dabei an Mist begegnet - wenn sich da beschwert wird, wundere ich mich nicht. Wirkt manchmal fast so, als hätten die Fernsehsender es aufgegeben, guten Content machen zu wollen, und sich ganz auf das konzentriert, was Netflix (noch) nicht in ausgedehntem Maße macht. (Schlecht produzierte und mies gescriptete Reality-Shows zum Beispiel.)
Titel: Re: Haben die Unterhaltungsmedien nachgelassen?
Beitrag von: Angela am 28. November 2020, 16:15:01
Alana, mir geht es so wie dir. Wir sehen praktisch nur noch Streaminginhalte. Da gibt es solche beeindruckende, nicht leicht zu ertragende Sachen wie 'The Handmaiden's Tale', aber auch nur einfach lustige/dämlich gut gemachte Sachen für jeden Geschmack. Dazu findet sich eine kulturelle Vielfalt, wie wir sie noch nie hatten. Russische, polnische, spanische, israelische, koreanische, türkische, indische, was auch immer Produktionen.
TV nutzen wir nur noch für Nachrichten, wenn etwas passiert ist und wir Politiker hören wollen.
Früher haben wir weit mehr politische Sendungen angesehen, das fehlt nun tatsächlich, bzw das lesen wir nun im Netz bei verschiedenen Anbietern.
Ich bin der Meinung, das klassische Fernsehen muss sich neu erfinden, oder es wird ganz verschwinden.
Zusätzlich sind nun die Spielekonsolen hinzugekommen, die mittlerweile durchaus spannende und tiefgründige Storys erzählen, in denen die zukünftigen Probleme schon vorüberlegt und durchgespielt werden. (Ich meine nicht die Zombies, aber wer weiß, was dieses Jahr noch drauf hat.)
Titel: Re: Haben die Unterhaltungsmedien nachgelassen?
Beitrag von: Mondfräulein am 28. November 2020, 16:21:33
Ich stimme euch da in allen Punkten zu, besonders auch bei Diversität. Ich erinnere mich noch an die ersten Diskussionen, die ich hier im Tintenzirkel dazu erlebt habe und dass die Situation insgesamt einfach ganz anders war als jetzt und wie jetzt darüber geredet wird. Früher gab es kaum nicht-weiße oder queere Figuren, jetzt fällt es mir schon sehr auf, wenn es in einer Serie keine gibt. Das Damengambit hätte man vor Jahren als Serie so nicht gemacht. Man merkt im Vergleich auch häufig, was als Serie besser funktioniert. Über das britische Königshaus gab es einige Filme, aber The Crown finde ich um Welten besser. His Dark Materials funktioniert als Serie auch viel besser als der Film damals.

Beim deutschen Buchmarkt muss ich aber auch zustimmen. Ich würde gerne mehr auf Deutsch kaufen und lesen, auch weil ich es unterstützen möchte, wenn Verlage Bücher mit Diversität und tollen, neuen Geschichten herausbringen, aber vieles was auf Deutsch erscheint spricht mich kaum an. Der englischsprachige Buchmarkt ist da eine ganz andere Geschichte. Da gibt es so viele so tolle Bücher. Aber leider werden viele davon, auch wenn sie sich sehr gut verkaufen, nicht ins Deutsche übersetzt. Der englische Buchmarkt begeistert mich regelmäßig, da ist meine Wunschliste sehr lang, aber zu Weihnachten würde ich mir gerne speziell Bücher auf Deutsch wünschen und da suche ich noch.

Das deutsche Fernsehen ist in vielen Punkten einfach... deutsches Fernsehen eben. Da gibt es viel Müll, aber auch ein paar Perlen. Kitchen Impossible finde ich zum Beispiel wahnsinnig originell und spannend, dafür gibt es dann auch Temptation Island. Scripted Reality TV ist jetzt total modern, aber früher hat man an gleicher Stelle über echte Menschen  berichtet und sie vor der Kamera bloßgestellt. Was man jetzt auch noch tut, aber im Gegensatz zu Mitten im Leben früher sind mir diese Formate dann doch lieber. Ich bin echt nicht sicher, ob das früher so viel besser war und welche Formate es nicht mehr gibt, die jetzt fehlen. Die öffentlich rechtlichen Sender machen meiner Meinung aber auch ab und zu noch wirklich gute Fernsehfilme und Serien. Da ist auch viel Müll dabei, aber ab und zu auch ein Fernsehfilm, den ich richtig gut finde.

Während der Pandemie schaue ich mehr Fernsehen, weil das für mich auch Zeit ist, die ich mit meiner Familie verbringe und nicht ganz alleine. Aber insgesamt streame ich mehr als früher - aber auch viel aus den Mediatheken der öffentlich rechtlichen Sender. Früher war das Angebot einfach nicht da und ich habe dann entweder weniger Filme und Serien geschaut oder mich mit dem zufrieden gegeben, was halt da war. Durch das bessere Angebot bin ich auch dem Fernsehen gegenüber kritischer geworden. Für The Masked Singer sitze ich gerne mit meiner Mutter vorm Fernseher, wenn mich Pretty in Plüsch nach einer halben Stunde zu Tode langweilt, dann gehe ich lieber in mein Zimmer und schaue die nächste Folge der richtig spannenden Netflix-Serie, die ich gerade gefunden habe. Früher habe ich die Wahl nicht gehabt und hätte die Sendung wohl zu Ende geschaut. 
Titel: Re: Haben die Unterhaltungsmedien nachgelassen?
Beitrag von: Alana am 28. November 2020, 17:03:52
Kitchen Impossible, The Taste und Rosins Restaurants und Die Höhle der Löwen - dafür hohle ich mir gelegentlich einen Monat TV Now oder eben Joyn. Auch wenn ich jedesmal was anzünden möchte, wenn wieder jemand "das kann sogar die Hausfrau zu Hause" sagt.  :wums: ;D
Titel: Re: Haben die Unterhaltungsmedien nachgelassen?
Beitrag von: Sunflower am 28. November 2020, 17:42:37
Bin froh, dass ich nicht die einzige bin, der es so geht :vibes:

Von deutschem Fernsehen habe ich tatsächlich überhaupt keine Ahnung mehr. Habe gar keinen Receiver mehr. Wenn, dann schaue ich noch öffentlich-rechtliche Mediathek, aber sonst bin ich da komplett raus. Das Geld fürs Kabelfernsehen geben wir lieber für die Streamingdienste aus  :D

Noch so ein Punkt ist ja: Heute gibt es endlich Teenie-Serien, die mir als Teenager total gut getan hätten. Weil da eben nicht alle Mädchen idealtypisch aussehen, weil es eben nicht mehr nur darum geht, wer am beliebtesten ist und die besten Typen abkriegt. Ich habe mich früher extrem viel an Geschichten orientiert und da gab es einfach nicht so viele richtig gute Sachen, die als vernünftiges Vorbild oder irgendwas gedient hätten. Heute gibt es Serien wie Sex Education, Atypical, Never have I ever, (bis zu einem gewissen Grad auch 13 Reasons Why, weil das eben psychisch divers ist) und ich könnte noch ewig so weitermachen, ich liebe das. Genau das hätte ich mir als Teenie auch gewünscht, aber wenigstens jetzt kann ich das sehen  :vibes:
Titel: Re: Haben die Unterhaltungsmedien nachgelassen?
Beitrag von: Zitkala am 28. November 2020, 18:28:35
Ihr habt schon viele Sachen genannt, dass ich auch gar nicht mehr hinzufügen kann. Ich denke auch, dass sich die Medienlandschaft eher gebessert hat und dass diese... fehlende „Überbegeisterung“ vor allem daran liegt, dass Menschen altern, also mehr Erfahrung sammeln, mehr konsumiert haben, wir allesamt Autoren sind und sich auch die Themen, die uns interessieren, sich im Laufe unseres Lebens ändern. Zum Beispiel interessieren mich Filme mit Kindern und Jugendlichen als Protagonisten eher weniger, weil ich selber einfach erwachsen bin. Beispielsweise Cobra Kai. Ich kenne die Filme nicht, aber die Serie nimmt mich trotzdem mit, weil ich mich in den Problemen, die die erwachsenen Kontrahenten haben, wiederfinde. In Filmen/ Serien für Teens und jünger kommt das ja nicht immer so raus, da hat man gern das Gefühl, dass die Erwachsenen fest im Leben stehen und auch Probleme wie Geldsorgen nicht ganz so krasse Probleme sind. Was aber auch nicht verwunderlich ist, weil es ja um die Probleme der Teens geht und weniger um die Erwachsenen. (Und dann gibt es trotzdem Filme wie I Kill Giants, die schwere Themen so verpacken, dass sie sowohl für Teenager als auch Erwachsene zugänglich sind.) Außerdem möchte ich auch einfach die technischen Möglichkeiten nicht missen, wodurch wir technisch hochwertige Serien machen können, siehe Altered Carbon, The Expanse, The Mandalorian, etc. Gerade fantastische Geschichten profitieren davon sehr, weil die Einstiegshürde „Ugh, das sieht voll künstlich aus“ immer kleiner wird. (Wenn man aber natürlich Menschen hat, die Fantastisches generell nicht annehmen können/ wollen, dann hilft das natürlich auch nicht.) Wobei sich auch die Art der Kameraführung geändert hat, und man gerade durch Drohnen Blickwinkel einfügen kann, die früher nicht möglich gewesen wären. Und dann gibt es natürlich noch Serien wie Fargo, die vom Film-Cast sehr profitieren. Wenn man dann noch die ganze Diversitätssache hinzu nimmt — ich vermisse keine alten Bücher oder Filme oder Serien. (Natürlich gucke ich alte Sachen, die nach heutiger Sicht problematisch sind (Star Trek, Bond...), aber das ist mehr aus Nostalgie heraus, weniger weil ich sie besser finde.)
Titel: Re: Haben die Unterhaltungsmedien nachgelassen?
Beitrag von: Siara am 28. November 2020, 20:37:38
Danke für eure Meinungen dazu, es war auf  jeden Fall einiges dabei, das mich zum Nachdenken bringt. Ich kann nicht auf alles eingehen und halte mich deswegen primär an allgemeine Punkte.

Ganz grundsätzlich: Die Medien haben sich natürlich verändert, und das haben sie immer schon getan. Nicht alle diese Veränderungen sind in meinen Augen schlecht. Erweiterte technische Möglichkeiten (z.B. für Fantasy), langfristigere Handlungsverläufe und Diversität sind Dinge, die ich als positiv empfinde. (Was die Diversität angeht mit einer kleinen Einschränkung, auf die auch @L. F. Montemunion schon hingewiesen hat, aber das ist noch mal ein ganz anderes und vermutlich sehr empfindliches Thema). Auch Trends, was Thematiken, Settings oder Kameraführung angeht möchte ich nicht per se als gut oder schlecht einordnen. Es sind neue Werkzeuge und neue Materialien, aber was daraus wird, liegt an der Umsetzung des Künstlers.

Ich glaube mittlerweile, neben persönlichen Gründen wie dem Alter liegt mein Hauptproblem tatsächlich in Folgemdem begründet: Die Dichte an, in Ermangelung eines besseren Begriffs, "Dopamin-Szenen" hat stark zugenommen. Damit meine ich Szenen, die sich anbahnen, die dem Zuschauer indirekt versprochen werden, sei es ein Gespräch, in dem ein Konflikt eskaliert, die Aufdeckung eines lange erwarteten Geheimnisses oder auch Sexszenen. Früher hat man in Serien teils eine ganze Staffel auf die eine angedeutete Szene gewartet und den Rest der Geschichte auf dem Weg dahin verschlungen. Heute liegen zwischen der Andeutung auf die Szene und der Szene manchmal nicht mal ein paar Minuten/Seiten, und zwischen den einzelnen "Dopamin-Szenen" sogar noch weniger. Die Geschichten sind voll davon, deswegen machen sie süchtig. Aber das bedeutet meiner Meinung nach nicht, dass sie auch gut sind.

Ich habe Atypical gesehen und auch Sex Education, und fand beide großartig - während ich sie gesehen habe. Danach nicht mehr. Danach waren sie mir ziemlich egal. Bei beiden wurde in meinen Augen gezielt auf die Emotionsknöpfe der Zuschauer gedrückt, was durchaus davon zeugt, dass die Macher wissen, was sie tun. Sie haben beide liebenswerte Charaktere und schöne Aussagen. Aber irgendetwas stört mich, und vielleicht ist es wirklich dieses Hetzen zwischen spannungs- oder emotionsintensiven Szenen ohne Verschnaufpausen zwischendrin. Da viele das anders sehen, ist es aber vielleicht auch nur eine persönliche Präferenz. Und wenn mir dieser Trend nicht gefällt, habe ich eben einfach Pech gehabt. :engel:

Langsamer heißt nicht zwangsläufig, dass es tiefer geht.
Damit hast du natürlich vollkommen recht. Aber langsamer heißt, dass man sich auf das, was passiert, besser konzentrieren kann. Ich könnte mir vorstellen, dass die höhere Dichte an Handlung und Spannung in neueren Geschichten auch darauf zurückzuführen ist, dass die Menschen wegen der ständigen Beschallung und den z.B. auf dem Smartphone ständig aufblinkenden Icons etc. mit Langsamkeit nicht mehr umgehen können. (Das habe ich bei mir selbst auch beobachtet und es deckt sich mit @Leanns Beitrag). Ein Beispiel hat ein Bekannter vor einiger Zeit geliefert. Er sagte,es gäbe in Breaking Bad (hab ich übrigens nicht gesehen) einige Szenen beim Abendessen, in denen teils minutenlang kaum etwas gesagt wird. Es wird nur Stimmung vermittelt. Das kann unglaublich intensiv wirken, aber die viele Zuschauer hätten inzwischen vermutlich spätestens nach zwanzig Sekunden nebenbei das Handy in der Hand, um mehr Input zu bekommen. Ich vermisse solche Szenen in neueren Werken. Sie waren weniger eindeutig, es brauchte mehr Eigenleistung, um Subtext und Bedeutung zu erkennen. Und gerade durch diesen eigenen Beitrag, den man gelegentlich leisten musste, sind sie meiner Vermutung nach tiefer im Gedächtnis geblieben. Neue Serien und Bücher machen es den Leuten leichter.

Oder "Dark"? Eine komplett wirre Zeitreisegeschichte mit viel zu vielen Ebenen und dazu noch in einer deutschen Kleinstadt? International erfolgreich war es trotzdem (und ich mochte die Serie auch sehr).
Gehört nicht mehr ganz hierher, aber Dark hat mir zum Beispiel gar nicht gefallen, und ich verstehe den Hype darum nicht. Es hat eine schöne düstere Aufmachung, rein ästhetisch hat es eine hohe Qualität. Aber ansonsten war es für mich sehr viel Show um nicht viel dahinter. Den Teil der Handlung, dem ich gut folgen konnte, fand ich vorhersehbar, und den Rest so verwirrend, dass es nur anstrengend war und keinen Spaß gemacht hat. Und das alles dann für einen finalen Twist, der eher so mäh war. [/offtopic]
Titel: Re: Haben die Unterhaltungsmedien nachgelassen?
Beitrag von: Sunflower am 28. November 2020, 21:11:20
Und das alles dann für einen finalen Twist, der eher so mäh war. [/offtopic]

Ich mochte den Twist am Ende ja auch nicht ;) - aber darum geht es mir gar nicht. Dark ist eine Serie von einer Komplexität und Nischigkeit, die man früher einfach nicht gemacht hätte. Niemand hätte so viel Geld in eine deutsche (!) Serienproduktion mit so einem Thema gesteckt. Das wäre einfach nicht passiert. Das ist der Punkt, den ich meine - es gibt heute viel mehr und internationalere Serien als früher, nicht nur das 08/15 Gedöns aus den USA (und wenn man Glück hat, noch UK). Und nischigere und komplexere. Ich verstehe, wenn es dir nicht gefallen hat und das ist ja auch völlig "okay" - ich meine nur, es ist nicht alles flacher und standardisierter geworden. Das finde ich zumindest. Sondern eher viel tiefer, komplexer, mutiger, nischiger, diverser, weniger USA-lastig.

That said, ich kann in gewisser Weise nachvollziehen, was du vorher schreibst.

Ich habe Atypical gesehen und auch Sex Education, und fand beide großartig - während ich sie gesehen habe. Danach nicht mehr. Danach waren sie mir ziemlich egal. Bei beiden wurde in meinen Augen gezielt auf die Emotionsknöpfe der Zuschauer gedrückt, was durchaus davon zeugt, dass die Macher wissen, was sie tun. Sie haben beide liebenswerte Charaktere und schöne Aussagen. Aber irgendetwas stört mich, und vielleicht ist es wirklich dieses Hetzen zwischen spannungs- oder emotionsintensiven Szenen ohne Verschnaufpausen zwischendrin. Da viele das anders sehen, ist es aber vielleicht auch nur eine persönliche Präferenz. Und wenn mir dieser Trend nicht gefällt, habe ich eben einfach Pech gehabt. :engel:

Mir geht es auch so, dass einige wenige Figuren aus meiner Kindheit / Jugend noch viel stärker nachwirken als heutige Figuren. Das sind bei mir vor allem Buchfiguren, Meggie aus Tintenherz, Sonea von Trudi Canavan zum Beispiel. Mit denen verbinde ich viel mehr Gefühle als mit den allermeisten anderen Held*innen, die ich heute lese. (Es gibt definitiv Ausnahmen, Elena aus Meine geniale Freundin - das Buch habe ich 2019 zum ersten Mal gelesen, aber sie ist so wahnsinnig komplex und lebendig und ich denke sehr oft an sie.) Ich für mich beziehe das nur eher darauf, dass ich als Kind und Jugendliche Bücher und Medien ganz anders rezipiert habe. Das liegt für mich nicht an den Geschichten selbst, sondern an mir. Ich habe mich verändert. Ich nehme Geschichten anders war. Ich kenne schon viel mehr Geschichten, natürlich sind die frühen Erlebnisse ganz anders als die, die ich heute habe. Wie gesagt, es gibt Ausnahmen. Es gibt immer noch Geschichten, die mich überraschen, umhauen können. Aber es passiert nicht mehr so oft und das finde ich natürlich auch schade.

Ich will übrigens damit nicht sagen, dass es bei dir auch so ist! Das ist nur, wie ich das für mich empfinde. Für dich kann es einfach so sein, dass die modernere Erzählweise nicht so funktioniert und das ist sehr schade, weil das "alte" wohl nicht mehr zurückkommt, höchstens etwas, das wieder neu und anderes ist. Geschichten sind einfach sehr persönlich und was für den einen funktioniert, klappt für den anderen überhaupt nicht.

Was du aber noch schreibst, dass du heutige Geschichten gehetzter und ohne Verschnaufpause empfindest, das geht mir tatsächlich gar nicht so. Ich habe das Gefühl, viele Sachen lassen sich teilweise sogar mehr Zeit, irgendwelche Sachen auszuerzählen. Und auch konkreter und mit mehr Geduld darauf hinzuarbeiten, eben weil man nicht mehr an die eine Folge pro Woche gebunden ist, sondern die Zuschauer*innen die ganze Serie so schnell hintereinander schauen können, wie sie wollen. Ich rewatche gerade die Netflix-Serie Baby, das ist eine italienische Teenie-Serie (aber sehr düster), die ich dank Netflix a) überhaupt in Deutschland schauen kann und b) sogar auf Italienisch. Und ich bin gerade ziemlich überrascht, wie langsam das erzählt wird. Das erste Mal habe ich sie ziemlich durchgesuchtet, aber nach drei Folgen ist praktisch immer noch nicht wirklich viel passiert. Die Figuren werden ganz langsam entwickelt und aufgebaut, die Szene wird so langsam sichtbar und nach drei Folgen wird zum ersten Mal angedeutet, wo das ganze hingeht (Hintergrund ist ein realer Prostitutionsskandal von Minderjährigen). Nach drei Folgen sind aber schon knapp drei Stunden rum. So viel Zeit hätte man sich in einer TV-Serie früher nie genommen, glaube ich. Oder in einem Film schon gar nicht.

Aaaber was wiederum zu deinem Empfinden passt, ist (wohl) diese Folge von dem neuen Funk-Format So Many Tabs (https://www.youtube.com/watch?v=0_pi3Pqw3tc). Da geht es auch darum, wie Netflix Geschichten entwickelt - meinte mein Freund, ich hab es noch nicht gesehen  :D

Letztendlich ist es wohl so wie mit allem, bei einigen funktioniert die Netflix-Weise halt ganz gut (bei mir, aber das heißt jetzt auch nicht, dass ich automatisch alles liebe, was die machen ;)) und bei anderen nicht. Aber ein allgemeines Abseichten, Abflachen, und Mainstreamen der Kulturindustrie sehe ich zumindest bei Serien nicht.

Und was Zit schrieb, gilt für mich auch: Ich will wirklich überhaupt gar nicht die Medien von früher zurück. So überhaupt nicht. Ich ertrage das nur noch extrem schlecht, wenn z.B. Frauen nicht mehr als die hübsche Dekoration für die Männer sein dürfen, da schalte ich mittlerweile auch einfach ab oder klappe das Buch zu, weil ich da total allergisch drauf geworden bin.
Titel: Re: Haben die Unterhaltungsmedien nachgelassen?
Beitrag von: Zitkala am 28. November 2020, 21:49:18
Ich habe nicht den Eindruck, dass aktuelle Serien immer einen Dopaminkick nach dem anderen bringen. Die angesprochenen Serien wie Fargo oder Expanse (oder Breaking Bad) tun das nicht. Und dann gibt es Filme wie Crank, die nichts anderes sind. Ich weiß nicht, ob das nicht auch eine Genrefrage ist. Gerade Tempo ist bei Genren wie Thrillern typisches Mittel zum Zweck. @Siara Ging es dir früher auch so, dass du „schnelle“ Filme/ Medien nicht mochtest oder ist das eher eine Entwicklung? Es kann ja sein, dass das bei dir schon immer so war und du nun nur Medien verstärkt wahrnimmst, die deinen Gewohnheiten widersprechen. (Ocean‘s Eleven, Transporter, Mission Impossible — alles Actionfilme, die die schnellen Beats von Anfang an hatten.)
Andererseits hast du aber natürlich recht, dass Social-Media-Nutzung bzw. die modernen Messenger wie WhatsApp dazu führen, dass Leute weniger Geduld aufbringen und warten können als früher. Ich bin aber noch uneins ob das immer so schlecht ist. Letztlich heißt das ja auch, dass Handlungen dadurch gestrafft und kompakter werden können, was durchaus atmosphärisch besser wirkt. (Und man bei gleicher Laufzeit wie früher mehr erzählen kann.) Wir haben an anderen Stellen auch darüber gesprochen wie sich Lesegewohnheiten ändern und „kürzere“ Bücher bevorzugt werden. Das ist ja auch nicht immer schlecht letztlich.
Titel: Re: Haben die Unterhaltungsmedien nachgelassen?
Beitrag von: Mondfräulein am 28. November 2020, 22:03:51
Auf der anderen Seite kam vor einiger Zeit The Irishman raus, der sehr langsam erzählt ist. So langsam, dass ich nach einer halben Stunde immer noch nicht wusste, worum es überhaupt geht und abgeschaltet habe. Alle haben darüber geredet, wie langsam dieser Film erzählt ist. Das Damengambit fand ich auch eher langsam erzählt und wie gesagt, diese Serie hätte man vor ein paar Jahren als Film herausgebracht.

Ich glaube nicht, dass Geschichten grundsätzlich schneller oder langsamer erzählt werden, sondern dass es vielleicht einfach mehr Diversität gibt, was die Erzählweise angeht. Streamingdienste geben auch vielen kleineren und experimentelleren Produktionen eine Chance, die es früher vielleicht auch hätte geben können, zu denen man aber nicht so einfach Zugang hatte. Da sind schnelle Sachen dabei. Da sind langsame Sachen dabei. Da sind Dinge dabei, die für mich nicht funktionieren.

Das mit den Dopamin-Szenen kann ich so nicht ganz nachvollziehen. Aus meiner Perspektive heraus war es früher eher so, dass man ewig auf eine Enthüllung oder etwas bestimmtes gewartet hat, ja, aber das hat die Serien für mich nicht unbedingt besser gemacht. Es hat sich eher angefühlt, als würde eine Enthüllung möglichst lange hinausgezögert werden, weil die Geschichte ansonsten nicht so viel Substanz hat. Ich habe mal angefangen, Supernatural zu schauen. Da wird am Anfang viel geteasert, danach gibt es das Monster der Woche und dazwischen nur kurze Momente, in denen man nochmal daran erinnert wird, dass es ja auch noch um etwas anderes geht. Für mich war das super langweilig und ich bin nicht lange dabei geblieben, weil es sich so angefühlt hat, als würde ich nur hingehalten werden.
Titel: Re: Haben die Unterhaltungsmedien nachgelassen?
Beitrag von: Siara am 28. November 2020, 22:13:54
Okay, um es kurz zusammenzufassen: Geschmäcker sind verschieden. ;D Denn genau das, @Mondfräulein , was du an diesen älteren Serien nicht mochtest, hat mich mitgerissen.

Vielleicht habe ich in den letzten Jahren auch tatsächlich bisher einfach immer die falschen Serien/Bücher erwischt und sollte mich mal anderweitig umsehen. Unter dem riesigen Angebot etwas zu finden, ist allerdings gar nicht so leicht, besonders wenn man gar nicht weiß, was man eigentlich sucht. Mir ist nur tatsächlich der Unterschied aufgefallen zwischen "Ich bin im Augenblick gefesselt von dieser Serie/diesem Buch" und "Es bewegt mich auch langfristig".

Andererseits hast du aber natürlich recht, dass Social-Media-Nutzung bzw. die modernen Messenger wie WhatsApp dazu führen, dass Leute weniger Geduld aufbringen und warten können als früher. Ich bin aber noch uneins ob das immer so schlecht ist. Letztlich heißt das ja auch, dass Handlungen dadurch gestrafft und kompakter werden können, was durchaus atmosphärisch besser wirkt. (Und man bei gleicher Laufzeit wie früher mehr erzählen kann.)
Das sehe ich immer noch anders. Mir gefällt es nicht, dass die Geschichten kompakter werden, mir war die Proportion von Inhalt und Länge früher genau recht. Aber wieder: Geschmackssache.

Fazit bis hierher: Die Unterhaltungsmedien haben nicht generell gesprochen nachgelassen, aber sie haben sich verändert.
Titel: Re: Haben die Unterhaltungsmedien nachgelassen?
Beitrag von: Alana am 29. November 2020, 00:04:23
Mir geht es eher so, dass mir vieles gerade im Moment zu langsam erzählt ist, zu lateral. Zumindest anfangs brauche ich deswegen oft länger, damit eine Serie mich richtig zieht. Langsam erzählen kann auch packend sein, aber es muss richtig gemacht sein. Ich habe das Gefühl, dass heute eben nicht mehr so auf den Punkt erzählt wird, sondern man sich viel mehr Zeit für alles nimmt; was ich prinzipiell toll finde, aber häufig hat es eben den Effekt, dass einem am Anfang der Einstieg schwer gemacht wird. Da würde ich mir häufig etwas mehr effektvolle Dramaturgie wünschen.

Ich habe letztens mal wieder Zwielicht gesehen, diese großartigen Film mit Richard Gere, der Edward Nortons Durchbruch war. Und da dachte ich auch: sowas wird heute gar nicht mehr gemacht. So straight auf den Punkt erzählt mit perfekter Dramaturgie, gerade so genial, weil es so simpel ist und nicht tausend Ebenen braucht und am Ende doch ein Twist steht, der einen umhaut. Was heute gemacht wird, finde ich nicht schlechter; aber diese Art von Filmen fehlt mir. "Aus Mangel an Beweisen" war auch so einer. Ohne Effekthascherei, einfach nur grandiose Erzählkunst.

Dafür gibt es heute viel mehr kreative Erzählkunst, die ich unheimlich genieße, auch wenn ich mich dafür am Anfang manchmal etwas durchbeißen muss.  ;D
Titel: Re: Haben die Unterhaltungsmedien nachgelassen?
Beitrag von: Ahneun am 29. November 2020, 03:54:42
Na ja Siara, als ich Dein Startposting bis zu den letzten Worten las dachte ich spontan bei mir, "Willkommen im Club."  :hmmm:
Dann las ich weiter und erkannte viele gute Gedanken, Erklärungsversuche und die verschiedensten Ansätze einer Lösung für Deine Frage.

Was Du hier aufwirfst ist, so stellt sich mir selbst die Problematik, das "Älterwerden".

Du schreibst von einem Zeitraum in dem Du gerade fünfzehnjährig bis heute, wo Du mit fünfundzwanzig Lebensjahren, eine junge Frau bist. Inwieweit Du schon mit beiden Beinen fest im Leben stehst vermagst nur Du zu beantworten.

Für mich, - zurückblickend als ich 25 Jahre alt war, gab es Kassettenrecorder die beim Abspielen der Magnetbandaufzeichnungen zuweilen einen Bandsalat verursachten und die aufgenommenen Aufzeichnungen waren futsch.  :d'oh:

Ja, viele hier gegebenen Antworten zielen genau in diese Richtung. -> Der Vergleich von Damals und Heute.
Als Du mit jungen 15 Lebensjahren versucht hast die Welt für Dich zu entdecken waren Deine Gefühle und Wahrnehmungen anders als Heute. Du erachtetes andere Dinge wichtiger. So war auch Dein Konsumverhalten etwas anders als heute. Das Konsumverhalten, nicht nur beim Einkaufen, sondern Dein Konsumverhalten, wie Du Medien ver- konsumiert hast.

Da komme ich nun auf meine Wenigkeit,
als ich 15 Jahre jung war, habe ich Radio gehört und versucht (Westradio) Musiktitel mit dem Radiorecorder mitzuschneiden. Die Qualität der Mitschnitte war zuweilen egal, Hauptsache, ich hatte den gesuchten Musikmitschnitt. Ich habe sogar in den Nächten mehrmals ganze Radiosendungen (mit zwei Musikkasetten) komplett aufgezeichnet um sie mir dann am Tag im Stück anzuhören. Im Vergleich dazu, als ich 25 Jahre alt war, wurde ich das erste Mal Vater. Und wieder waren andere Dinge in meinem Leben wichtiger. Auch das Interesse nach den Medien wandelte sich bei mir.

Die "Wende" kam und ich entdeckte erneut neue Möglichkeiten. Auch hier wandelte sich mein Musikgeschmack und das Musikempfinden grundlegend. Auch die Technik der Medien änderte sich, was auch hier bei mir eine Änderung nach sich zog. Schon allein vom Hörgenuss.

Ganz ehrlich! Ich vermisse solche Serien wie, "Der Mann in den Bergen", "Alf", "Dallas", auch, "Peter Steiners Theaterstad'l", usw. Etwas ähnliches jedenfalls gibt es heute nicht mehr. "Der Bergdocktor"? oder "Alarm für Kobra 11"? Nein! Nix für mich.
Heute hat sich mein Konsumempfinden grundlegend geändert, dass ich dahingehend überhaupt jegliche Serie im TV ablehne, weil ich sie sowieso nicht bis zum Ende schauen kann und werde. "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" ist bei mir ein sehr gutes Beispiel. Ich habe früher ab und zu mal eine Folge gesehen. Heute kannst Du mich damit jagen. Ich lehne jeglichen Bezug zu dieser Serie komplett ab!

Abschließend;
ich möchte damit nur zum Ausdruck bringen, dass ich Zusammenfassend, mich hier in einigen Antworten wiederfinde.
Und, @Siara - ja, die Medienlandschaft hat sich geändert. Und Dein Empfinden hat sich ebenfalls verändert. -> Und Du wirst feststellen, Du kannst in fünf bis zehn Jahren erneut diese Feststellung treffen.
Titel: Re: Haben die Unterhaltungsmedien nachgelassen?
Beitrag von: Angela am 29. November 2020, 09:30:02
@Ahneun , ja das Alter. ;D Wenn ich manchmal auf etwas stoße, was ich früher soo toll oder soo doof fand, wundere ich mich über mich selbst, wie sehr sich der Geschmack über die Zeit ändert.
Einiges bleibt ein Leben lang, auch klar.
Gut erzählt, Figuren bei denen man mitleben kann, funktionieren für mich immer, ob langsam oder schnell erzählt. Dann geht auch Puppenspiel oder uralt schwarzweiß.
Titel: Re: Haben die Unterhaltungsmedien nachgelassen?
Beitrag von: Linda am 29. November 2020, 14:13:10
Mir fällt auf, dass diese Diskussion von verschiedenen Voraussetzungen und damit unterschiedlichen Wahrnehmungen ausgeht. Die Blase der allgemeinen TV-Gucker, der Kinogänger, der Netflixer/Streamer, der deutsches-TV-Gucker ... und da sind nicht einmal die Printmedien dabei.
  Das ist nicht unbedingt die gleiche Basis für Vergleiche, daher mein Posting cum grano salis.

  Mit Netflix kann man Serienschauen tatsächlich wieder anfangen. Aber - Serialisierung ist für mich auch nicht alles (künstliche Dramatisierung mit Figurenwendungen um 180 Grad, nur um noch etwas Drama herauszukitzeln, nerven).
  Meine Anmerkungen zu zunehmend generischer werdenden Filmen bezogen sich auf Hollywood-Kinofilme, nicht Sachen wie Dark (das ich, im Gegensatz zu Stranger Things nicht mochte, dem ich jedoch eine gute Ästhetik und einen für deutsche Verhältnisse exotischen Plot attestieren möchte, dessen Figuren - für mich- aber an den typisch deutschen Unzulänglichkeiten litten).
  Die Bücher sind in der Diskussion ob der Vielfalt der Bildschirmmedien leider auch ins Hintertreffen gekommen (eben wie in der Realität).  Naja, das passt ja auch weitestgehend zum Thema.



 
Titel: Re: Haben die Unterhaltungsmedien nachgelassen?
Beitrag von: Siara am 29. November 2020, 14:14:23
@Ahneun : Was mich davon abhält, zu glauben, dass das Alter der primäre Grund ist, ist, dass ich ältere Geschichten ja sehr wohl noch verschlingen kann. Insbesondere Bücher, die vor zehn oder mehr Jahren erschienen sind, fesseln mich immer noch. Das sollte ja eigentlich nicht der Fall sein, wenn die pure Lebenserfahrung bzw. das "kenn ich schon"-Syndrom der Auslöser wäre. Mit rein spielt dieser Punk aber vermutlich schon.

Aber gut, das wird jetzt gerade persönlich, und das war gar nicht meine Absicht. Mir ging es darum zu ergründen, welche Veränderungen in der Medienlandschaft eventuell dafür sorgen könnten, dass die Geschichten trotz Suchtpotential eine weniger tiefgreifende und kurzzeitigere Wirkung auf die Leser/Zuschauer ausüben.
Titel: Re: Haben die Unterhaltungsmedien nachgelassen?
Beitrag von: Alana am 29. November 2020, 15:28:48
@Siara Na ja, dein ganzer Ansatz ist sehr persönlich, denn deine Fragestellung beruht ja nicht auf objektiven Zahlen, sondern allein auf deinen Erfahrungen. Ich könnte mir auch vorstellen, wenn du dazu eine wissenschaftliche Studie machen würdest, würde sich auch herausstellen, dass die meisten Leute das anders sehen. Jedenfalls erlebe ich auf Instagram sehr häufig, dass Leute von lebensverändernden Büchern schreiben, die ganz neu sind, und diese auch immer wieder posten. Ich denke daher, dass die Diskussion auch nur sehr subjektiv und persönlich geführt werden kann und die Lösungen ganz bestimmt mit den persönlichen Empfindungen der Diskutierenden zu tun haben. Was sie in meinen Augen aber keinesfalls uninteressant oder weniger diskutierenswert macht. :)
Titel: Re: Haben die Unterhaltungsmedien nachgelassen?
Beitrag von: Amanita am 29. November 2020, 17:09:45
Ich gehöre ja zu den Leuten, die was Fernsehen angeht noch sehr altmodisch unterwegs sind. (Mein Fernseher ist zu alt für Internet, funktioniert aber sonst noch super und der Laptop-Bildschirm ist mir zu klein fürs Fernsehen.) Dabei habe ich aber nicht den Eindruck, dass die Qualität in der Breite nachgelassen hat, sondern es gibt nach wie vor Schrott, leichte Unterhaltung, gute Sachen, Hochanspruchvolles... Wobei ich allerdings zugeben muss, dass Filme auf mich sowieso immer einen eher vorübergehenden Effekt haben und mich nicht so dauerhaft bewegen, wie das manche Bücher in der Kindheit und Jugendzeit getan haben.
Ein Punkt, der vielleicht auch manchmal den Genuss mindert ist die heutige Tendenz, alles genaustens zu sezieren, ob da irgendetwas rassistisch/sexistisch... ausgelegt werden könnte, oder ob sich die Schauspieler:innen entsprechend verhalten oder geäußert haben und man dann deswegen den Film nicht mehr mögen darf, ohne sich selbst mit solchen Einstellungen gemein zu machen. Ein ähnliches Phänomen wie die schon angesprochene Autoren-Metaebene bei Büchern, wo man dann die Plotbausteine und Klischees analysiert, statt sich wirklich auf die Geschichte einzulassen und sie dann nicht mehr mögen kann, weil man etwas schlecht Gemachtes entdeckt hat.
Eine Tendenz, die mir im Filmbereich auch nicht gefällt ist die, dass man jetzt überall wieder versucht, alte Erfolgsgeschichten wieder aufzuwärmen, wie das ja gerade mit Star Wars exzessiv geschieht. (Wobei sich mir der Reiz dieses Settings zugegebenermaßen nie erschlossen hat.)

Allgemein kann man meiner Meinung nach festhalten, dass es durch das enorm wachsende Angebot inzwischen nicht mehr so viele Werke gibt, die von einer sehr großen Anzahl von Menschen verfolgt und diskutiert werden. Früher gab es im Fernseher mal ein Programm und jeder hat gesehen, was da kam, dann kamen die Privaten und dann irgendwann die Streaming-Angebote, wo sich jetzt jeder sein eigenes maßgeschneidertes Programm zusammenstellen kann.
Dieses Gemeinschaftserlebnis und das gemeinsame Spekulieren war meiner Meinung nach auch einer der Hauptaspekte, die das Phänomen Harry Potter ausgemacht haben. Dazu musste die Geschichte nicht brillant geplant und geplottet sein, sondern es mussten nur für sehr viele interessante Elemente dabeisein, die man weiterspinnen konnte und das war offensichtlich der Fall. Ich muss auch zugeben, dass ich nach wie vor immer noch ganz gerne gute Harry Potter-Fanfiction lese, also eigentlich ein ganz ähnliches Phänomen wie das Wiederaufwärmen von Star Wars und Co nur ohne kommerzielles Interesse.

Speziell beim Thema Fantasy wäre ich vor fünfzehn+-Jahren bestimmt eine von denen gewesen, die der Meinung sind, dass mehr Grautöne und weniger Schwarz-Weiß schön wären. Inzwischen hat sich der Trend aber so stark verändert, dass ich mir das Gegenteil wünschen würde, also mehr moralische Klarheit.
Wenn ich mich damit befassen möchte, wie sich verschiedene Fraktionen, die ein paar verständliche Motivationen und jede Menge Hass und Machtstreben haben, gegenseitig Gewalt antun, kann ich Nachrichten schauen, oder ein Geschichtsbuch aufschlagen, dafür brauche ich kein Fantasy-Buch und erstrecht keins, wo der Hauptunterschied zur Realität im Fehlen moderner Waffen besteht.
Womit ich bei meinem zweiten Kritikpunkt an moderner Fantasy wäre: Man sollte mal wieder mehr Fantasie wagen.
Herr der Ringe, Die Unendliche Geschichte, Narnia, Harry Potter... sind alle vollkommen unterschiedlich und trotzdem alle voller fantastischer Elemente, die den Reiz etwas Neues, Unbekanntes zu entdecken mit sich bringen und einen in eine völlig fremde Welt eintauchen lassen. Heute hat man stattdessen Werke wie Game of Thrones, die sich eher wie extrem gewalt- und sexlastige (pseudo)historische Romane lesen.

Aber irgendwie habe ich ja die Hoffnung, dass sich da aus den Erfahrungen der Corona-Krise früher oder später mal wieder ein neuer Trend entwickeln wird...
Natürlich sind solche Spekulationen immer schwierig, aber ich könnte mir durchaus vorstellen, dass diese "Grim and Gritty"-Werke das Ergebnis eines sicheren, übersättigten Lebens waren, wo man als Ausgleich gerne mal in Gewalt schwelgen will.
Wobei ich auch vermute, dass die Veränderungen des Selbstbildes zumindest in progessiven britischen und amerikanischen Kreisen auch eine Rolle dabei spielen. In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg hat man sich selbst für die Guten gehalten, die die bösen Nazis besiegt und der Welt Zivilisation, Freiheit und Demokratie gebracht haben. Heute dagegen hält man sich eher für die umweltzerstörenden, ausbeuterischen Sklavenhalter und Kolonialisten und die Vorstellung, anderen Zivilisation zu bringen ist sehr aus der Mode gekommen...
Titel: Re: Haben die Unterhaltungsmedien nachgelassen?
Beitrag von: Mondfräulein am 29. November 2020, 17:21:24
Ein Punkt, der vielleicht auch manchmal den Genuss mindert ist die heutige Tendenz, alles genaustens zu sezieren, ob da irgendetwas rassistisch/sexistisch... ausgelegt werden könnte, oder ob sich die Schauspieler:innen entsprechend verhalten oder geäußert haben und man dann deswegen den Film nicht mehr mögen darf, ohne sich selbst mit solchen Einstellungen gemein zu machen. Ein ähnliches Phänomen wie die schon angesprochene Autoren-Metaebene bei Büchern, wo man dann die Plotbausteine und Klischees analysiert, statt sich wirklich auf die Geschichte einzulassen und sie dann nicht mehr mögen kann, weil man etwas schlecht Gemachtes entdeckt hat.

Ich sehe diese Entwicklung sehr, sehr positiv. Anstatt diskriminierende Elemente unreflektiert zu reproduzieren, spiegeln Geschichten nun den gesellschaftlichen Wandel wieder, der sich gegen Homophobie, Sexismus und Rassismus stellt. Viele Medien sind sehr schlecht gealtert und gefallen mir aus diesem Grund heute nicht mehr, ja. Manchmal kann es einem einen Film ruinieren, wenn man erkennt, was dahinter steckt, z.B. Das Dschungelbuch. Aber die Debatte hat auch dazu geführt, dass sich die neu produzierten Medien zum Positiven hin gewandelt haben.

Wäre die Medienlandschaft wirklich eine bessere, wenn wir wieder anfangen würden, sexuelle Belästigung als Witz einzubauen und rassistische Stereotype unreflektiert bedienen?

Aber als wir hier über Tolkien und Rassismus oder JK Rowling diskutiert haben, hat niemand gesagt, dass man die Werke nicht mehr mögen darf. Die Debatte war weitaus komplexer und differenzierter.
Titel: Re: Haben die Unterhaltungsmedien nachgelassen?
Beitrag von: Amanita am 29. November 2020, 18:12:04
Zitat
Wäre die Medienlandschaft wirklich eine bessere, wenn wir wieder anfangen würden, sexuelle Belästigung als Witz einzubauen und rassistische Stereotype unreflektiert bedienen?
Sicher nicht.
Aber teilweise habe ich den Eindruck, dass es etwas ins andere Extrem geht. Wenn es beispielsweise schon als "sexistischer Liedtext" gilt, wenn ein Mann davon singt, dass er eine Frau sexuell attraktiv findet, ohne dass irgendwo impliziert wäre, dass er sich vorstellt, dass da irgendetwas gegen ihren Willen stattfinden soll.

Zitat
Aber als wir hier über Tolkien und Rassismus oder JK Rowling diskutiert haben, hat niemand gesagt, dass man die Werke nicht mehr mögen darf. Die Debatte war weitaus komplexer und differenzierter.
Meine Aussage sollte keine Anspielung auf konkrete Diskussionen hier im Forum sein. Sonst hätte ich das auch explizit geschrieben.
Titel: Re: Haben die Unterhaltungsmedien nachgelassen?
Beitrag von: Zitkala am 29. November 2020, 18:46:42
Wobei das mit dem Mögen so eine Sache ist. Natürlich sagt niemand, man soll die Sachen nicht mehr mögen — das kommt von ganz allein und ist eher ein Prozess bei jedem Einzelnen, weil man a) erkennt, was da alles für problematische Inhalte plötzlich in den geliebten Werken steckt und man b) sich selbst schuldig fühlt, das früher nicht gesehen zu haben und nun eine Art schlechtes Gewissen hat. Das kann dann nur jeder für sich selbst lösen, sich selbst zu vergeben und zu entscheiden, ob man den Rest trotzdem noch genießen kann oder nicht.
Titel: Re: Haben die Unterhaltungsmedien nachgelassen?
Beitrag von: Amanita am 29. November 2020, 18:59:53
Ja, das muss jeder für sich entscheiden. Ich erwarte von Autor:innen nicht, dass sie politisch perfekt auf meiner Linie sind und neige meistens eher dazu, Werk und Autor zu trennen. Anders als so manche "wahren Harry Potter-Fans" habe ich Rowling auch nie als meine Heldin und das perfekte Vorbild verehrt, sodass ich jetzt wahnsinnig geschockt darüber gewesen wäre, dass sie zum Thema Geschlecht eher konservative Vorstellungen hat. (Das habe ich auch als Teenager schon aus den Büchern herausgelesen...)

Bei mir ist die Grenze dann überschritten, wenn jemand wirklich zu Gewalt aufruft, oder solche gutheißt und natürlich, sobald es tatsächlich um Taten geht. Das ist ja leider bei Marion Zimmer-Bradley der Fall, deren Werk ich jetzt tatsächlich mit deutlich anderen Augen sehe, seit ich weiß, dass sie ihren Partner bei Missbrauchstaten an Kindern unterstützt hat. Beispielsweise habe ich es früher immer so interpretiert, dass die sexuellen Handlungen eines Ausbilders mit seinen Schülern in den Darkover-Romanen, die nie wirklich innerhalb der Geschichte verurteilt wurden, eben ein Aspekt der geschilderten Kultur waren, mit dem heutigen Wissen frage ich mich jezt tatsächlich, ob die Autorin so etwas akzeptabel findet und kann das dann auch nicht mehr so einfach lesen.
Titel: Re: Haben die Unterhaltungsmedien nachgelassen?
Beitrag von: Churke am 29. November 2020, 23:09:32
In der Popkultur zeigt sich modernes Management. Ikonische Titel haben immer etwas Besonderes, ein Alleinstellungsmerkmal, das sie von anderen Werken unterscheidet. Nennen wir es Phantasie. Heute setzt das Management auf die handwerkliche Perfektionierung der Dutzendware. Das Ergebnis verkauft sich gut b bei überschaubaren Risiko, aber wenn eine Zeit ins Land gezogen ist, kann man sich an den Inhalt partout nicht mehr erinnern.
Titel: Re: Haben die Unterhaltungsmedien nachgelassen?
Beitrag von: FeeamPC am 30. November 2020, 08:55:25
Allerdings ist es auch ein sehr trauriger Gedanke, dass Geschichten einem mit zunehmendem Alter immer weniger zu bieten haben.

Ich finde nicht, dass die Geschichten weniger zu bieten haben. Es ist eher so, dass unser bereits gelebtes Leben mehr zu bieten hat, und da wir beides miteinander vergleichen und das Leben der meisten Leute in einigen Jahrzehnten genügend Höhen und Tiefen und Katastrophen sammelt, erscheinen die Geschichten trivialer. Dann hängt es von dem Können der Autoren ab, ob sie uns trotzdem weiterhin in die Geschichte hineinziehen.
Und da ist, auch dank des Selfpublishings, heute einfach mehr Mittelmaß auf dem Markt als früher. Alleine auf die schiere Menge an Büchern bezogen, meine ich. Mittelmaß wurde auch früher veröffentlicht, auch von großen Verlagen, aber es gab einfach weniger davon, weshalb die Chance größer war, über ein gutes Buch zu stolpern.
Titel: Re: Haben die Unterhaltungsmedien nachgelassen?
Beitrag von: Siara am 01. Dezember 2020, 15:38:05
Heute setzt das Management auf die handwerkliche Perfektionierung der Dutzendware.
Das deckt sich ziemlich genau mit meinem Eindruck. Und vielleicht ist es das, was mich stört. Nicht nur, weil es (manchen) Werken wirklich etwas nimmt, sondern auch aus unbewussten Trotz.

Allerdings ist es auch ein sehr trauriger Gedanke, dass Geschichten einem mit zunehmendem Alter immer weniger zu bieten haben.

Ich finde nicht, dass die Geschichten weniger zu bieten haben. Es ist eher so, dass unser bereits gelebtes Leben mehr zu bieten hat, und da wir beides miteinander vergleichen und das Leben der meisten Leute in einigen Jahrhzehnten genügend Höhen und Tiefenund Katastrophen sammelt, erscheinen die Geschichten trivialer. Dann hängt es von dem Können der Autoren ab, ob sie uns trotzdem weiterhin in die Geschichte hineinziehen muss.
Irgendwie musste ich da gerade an Jack Sparrow denken: "Die Welt ist groß genug. Sie hat nur weniger zu bieten." Deine Erklärung ergibt natürlich Sinn, aber leider macht es die Sache in meinen Augen nicht weniger traurig. Es bedeutet schließlich, dass uns alles immer ein wenig trivialer vorkommt, mit jeder Erfahrung, die wir sammeln. Aber das weicht jetzt wirklich vom Thema ab und wird philosophisch, denn es betrifft ja nicht nur Unterhaltungsliteratur, sondern auch alles andere.
Titel: Re: Haben die Unterhaltungsmedien nachgelassen?
Beitrag von: Trippelschritt am 01. Dezember 2020, 16:15:17
Ich sehe das ähnlich wie die Fee. Wenn ich es wie Du @Siara sehen würde, könnte ich mich in meinem fortgeschrittenen Alter ja vor den nächsten Zug werfen. Davon bin ich aber meilenweit entfernt. Mit zunehmendem Alter und der entsprechenden Lebensweise nimmt die Erfahrung kontinuierlich zu. Auch wenn der See der Unwissenheit niemals austrocknet, verstehe ich doch von der Welt, in der ich lebe, immer mehr und werde klüger. Entdsprechend sagen mir Dinge etwas, die früher nur weißes Rauschen waren. Die Entwicklung geht nicht von viel zu wenig oder umgekehrt, sondern verändert sich einfach.

Standardbeispiele sind: Als Kind findet man Kakao ganz toll. Dann lernt man Alkohol kennen, brennt ein bisschen und macht beduselt, aber das ist es schon. Von dort bis zu einem Weinkenner ist es noch ein langer Weg.

oder

Am Anfang schöne Kinderlieder gesungen, dann kamen die tollen Songs der Teeny und Twen-Zeiten. Und dann keine Musik mehr oder Weiterentwicklung - wenn man will - zu Feinheiten der Klassik oder Jazzimprovisationen.

Das zweite Beispiel ist nicht so klar. Mit entsprechendem Elternhaus wachsen manche Kinder auch mit der Klassik auf oder Schubertliedern oder so etwas. Aber ich hoffe, ich konnte mein Prinzip deutlich machen.

Liebe Grüße
Trippelschritt
Titel: Re: Haben die Unterhaltungsmedien nachgelassen?
Beitrag von: FeeamPC am 02. Dezember 2020, 13:52:31
@Siara  Das Leben wird nicht trivialer, im Gegenteil, es wird wertvoller. Es ist nur so, dass sich die Gewichtung verschiebt, dass bestimmte Dinge ( und Bücher) trivialer erscheinen, weil sie dem Leben nicht mehr genug neue Erfahrung beisteuern können.
Titel: Re: Haben die Unterhaltungsmedien nachgelassen?
Beitrag von: Churke am 02. Dezember 2020, 14:58:54
Ein Buch ist trivial, wenn es nicht überrascht. Manche Zielgruppen sind leichter zu überraschen als andere, aber die Verantwortung dafür liegt immer beim Autor und zwar nur bei ihm.
Titel: Re: Haben die Unterhaltungsmedien nachgelassen?
Beitrag von: Phlox am 02. Dezember 2020, 16:23:16
Oh neiiin! Da würden dir aber sämtliche Literaturprofessor/innen, die ich so kennengelernt habe, widersprechen!!!  :wache!:  ;) 
Eines der Stichworte in diesem Zusammenhang hieß, glaube ich, Rezeptionsästhetik.
Und soweit ich weiß, gibt's auch in den Kommunikationswissenschaften einschlägige Theorien, nach denen es eigentlich egal ist, wie der "Sender" es gemeint hat, sondern nur wichtig ist, wie's beim "Empfänger" angekommen ist.
   
Titel: Re: Haben die Unterhaltungsmedien nachgelassen?
Beitrag von: Trippelschritt am 02. Dezember 2020, 21:02:06
Von Rezeptionsästhetik verstehe ich nichts, aber das Kommunikationsbeispiel ist nicht mit dem Romane Schreiben vergleichbar. Wenn ich einen Vortrag halte, geht es nur um das, was bei den Zuhörern ankommt. Um die zu erreichen, sollte ich einiges über sie wissen. Mein Auditorium ist ein Teil meiner Planung.

Das muss bei der Schreiberei nicht unbedingt sein. Selbstverständlich gibt es Autoren, die schreiben auf ein bestimmtes Publikum hin, aber es gibt auch welche denen das völlig egal ist. Sie wollen sich nur ausdrücken oder empfinden ihre Geschichten als Kunst. Vergleichbar mit der Malerei.

Als Autor muss ich in jedem Fall entscheiden, ob ich überraschen will - oder nicht. Und das Leserpublikum lässt sich nicht ausrechnen.

Wahrscheinlich liegt die Wahrheit wieder einmal in der Mitte.

Liebe Grüße
Trippelschritt
Titel: Re: Haben die Unterhaltungsmedien nachgelassen?
Beitrag von: Alana am 03. Dezember 2020, 01:18:36
Nun ja. Es ist ein Teil der Theorie, dass wahre Kunst immer ein Dialog zwischen Betrachter und Erschaffer ist. Wenn du ein Buch schreibst und Leute es lesen, passiert das automatisch. Und zwar auch auf eine Art, die man als Autor nicht immer vorher sieht. Es gibt ja auch die Diskussion, ob man als Autor akzeptieren muss, dass Leser den Text ganz anders auslegen als man selbst und zwar auch dann noch, wenn sie die ursprüngliche Absicht des Autors kennen. De fakto kann man das nicht verhindern (würde ich eh nicht wollen, ich finde das toll und spannend). Das bedeutet, der Leser hat IMMER Anteil an der Rezeption eines Buches. Ob es dem Autor gefällt oder nicht. Der Autor kann dafür nicht komplett verantwortlich sein, weil er nicht jeden Leser vorhersehen oder berücksichtigen kann und meiner Meinung nach auch nicht sollte.
Titel: Re: Haben die Unterhaltungsmedien nachgelassen?
Beitrag von: Churke am 03. Dezember 2020, 12:33:54
Wenn man einen Text auf verschiedene Arten lesen/deuten kann, werte ich das als Qualitätssignal. Es bedeuet nämlich, dass der Text offensichtliche dreiminensional ist und eine gewisse Denkarbeit erfordert. Ob das vom Autor so gewollt war, spielt in diesem Zusammenhang keine Rolle.

Phlox, meine These lautete (und lautet immer noch), dass Trivialität das Fehlen von Überraschungen ist. Wenn mich ein Buch zum Gähnen bringt, weil ich das alles so oder so ähnlich schon mehr als einmal gelesen habe, kann der Autor schlecht sagen: "Ich konnte doch noch wissen, dass du das alles schon kennst."
Gut, er kann schon, aber dann sind die Ansprüche an sich selbst nicht sonderlich hoch.


Titel: Re: Haben die Unterhaltungsmedien nachgelassen?
Beitrag von: Alana am 03. Dezember 2020, 13:12:18
@Churke Das ist aber massiv arrogant, denn dabei gehst du von dir ganz persönlich aus. Gerade im Jugendbuchbereich wächst die Zielgruppe immer wieder nach, da MUSS man immer wieder die gleichen Themen bearbeiten, gegebenenfalls mit einem neuen Twist etc. Auch in anderen Genres kommen immer wieder neue Leser dazu und auch Autoren kennen nicht immer alles, was schon geschrieben wurde. Dann kann so ein Buch super ankommen und wird von den Lesern nicht als trivial betrachtet. Wenn du nun so ein Buch liest, ist es dann trivial, weil du das schon mal gelesen hast? Sicher nicht. Ich denke, man sollte hier differenzierter herangehen.
Titel: Re: Haben die Unterhaltungsmedien nachgelassen?
Beitrag von: Trippelschritt am 03. Dezember 2020, 13:27:44
Nun ja. Es ist ein Teil der Theorie, dass wahre Kunst immer ein Dialog zwischen Betrachter und Erschaffer ist. Wenn du ein Buch schreibst und Leute es lesen, passiert das automatisch. Und zwar auch auf eine Art, die man als Autor nicht immer vorher sieht. Es gibt ja auch die Diskussion, ob man als Autor akzeptieren muss, dass Leser den Text ganz anders auslegen als man selbst und zwar auch dann noch, wenn sie die ursprüngliche Absicht des Autors kennen. De fakto kann man das nicht verhindern (würde ich eh nicht wollen, ich finde das toll und spannend). Das bedeutet, der Leser hat IMMER Anteil an der Rezeption eines Buches. Ob es dem Autor gefällt oder nicht. Der Autor kann dafür nicht komplett verantwortlich sein, weil er nicht jeden Leser vorhersehen oder berücksichtigen kann und meiner Meinung nach auch nicht sollte.

Dem stimmte ich sofort zu. Das ist in der Malerei oder Bildhauerei auch nicht anders. Dem Künstler mag die Öffentlichkeit gleichgültig sein, in dem Augenblick, wo sein Werk die Öffentlichkeit erreicht, gibt es diese Dreieinigkeit: Künstler-Kunstwerk-Rezipient

Liebe Grüße
Trippelschritt
Titel: Re: Haben die Unterhaltungsmedien nachgelassen?
Beitrag von: Churke am 03. Dezember 2020, 14:18:10
Alana, der Anspruch die Leserschaft zu überraschen, ist nicht besonders hoch. Wir reden hier über Grundlagen einer Spannungskurve. Die Jugendbücher, dich ich damals so gelesen habe, waren alle irgendwie originell und darum kann ich mich auch noch an sie erinnern.
Titel: Re: Haben die Unterhaltungsmedien nachgelassen?
Beitrag von: Phlox am 03. Dezember 2020, 14:48:06
Um mal den Bogen (mehr oder weniger elegant...) zurückzuschlagen zu Siaras Eingangsfrage: die Unterhaltungsmedien haben wahrscheinlich nicht pauschal nachgelassen, aber vermutlich hat sich die Art und Weise verändert, wie du, Siara, sie wahrnimmst. Und das dürfte für uns alle hier gelten in unserer Laufbahn als Medienkonsument/innen... Hinzu kommt, dass wohl auch der Grad unserer Begeisterungsfähigkeit lebensphasenabhängig schwankt - also, nur Mut, Siara - früher oder später wirst du wieder etwas finden, was dich so richtig mitreißt. Oder noch besser: es selber schreiben!  :winke:   
Zum Thema Überraschungen möchte ich noch einwerfen, dass viele zwar von sich sagen würden, dass sie gerne überrascht werden - Studien aber oft eine andere Sprache sprechen. z.B. im Radiobereich - angeblich reichen 300 Musiktitel aus, damit die Hörer treu bei der Stange bleiben und ja nicht wegschalten. Manche Studien sprechen sogar nur von 100 Titeln. Hinzu kommt die Macht der Algorithmen "(wenn du dies magst, konsumiere mal jenes...") und dass man heute vieles im Voraus googeln kann, wovon man sich früher überraschen lassen musste.
Ich halte es für durchaus wahrscheinlich, dass die Bereitschaft, sich überraschen zu lassen, tatsächlich eher ab- statt zunimmt. Ist aber wohl ein anderes Thema.       

   
Titel: Re: Haben die Unterhaltungsmedien nachgelassen?
Beitrag von: Yamuri am 03. Dezember 2020, 18:12:39
Ich denke, dass nicht unbedingt die Medien nachlassen. Tatsächlich habe ich auch den Eindruck, dass sie vielfältiger werden. In Deutschland kommt das halt, wie das oft so ist, erst 10 Jahre nachdem es in Amerika schon zur Normalität gehört, an. Die deutsche Medienlandschaft habe ich in meiner Jugend als sehr starr, konservativ und unbeweglich wahrgenommen. Aber ich merke, dass sich da durchaus langsam etwas bewegt. Es ist nicht mehr ganz so verkrampft und erstarrt wie noch vor 20 Jahren.

Bezüglich des "überraschens" kommt es immer darauf an wie viel der Empfänger bereits gelesen/angesehen hat von einem best. Genre oder Thema. Jemand der ein richtiger Nerd ist und alles verschlingt was da Fantasy heißt, hat logischerweise schon mehr Tropes kennengelernt und lässt sich nicht mehr so leicht überraschen. Ich habe z.B. in meiner Kindheit/Jugend alle Krimis verschlungen. Daher überraschen sie mich nicht mehr. Ich kenne einfach schon zu viele Varianten und kann mir daher oft schon vorher denken, wie es ausgehen wird. Bei den ostasiatischen Krimis finde ich allerdings hin und wieder noch Überraschendes, weil ich da noch nicht so viele kenne, wie von den westlichen Krimis. So ist das mit allem. Umso mehr man kennt, aber auch umso höher die eigenen Ansprüche sind, desto schwieriger wird es, etwas zu finden, was einen mitreißt.

Sicherlich bediene auch ich ein paar Tropes, die anderen schon bekannt sind und die sie dann nicht mehr so bahnbrechend finden werden. Aber es wird bei bald 8 Milliarden Menschen (ich weiß nicht genau ob wir schon 8 Milliarden erreicht haben) wohl genauso viele Menschen geben, die  die Tropes noch nicht kennen. Es wird also immer jemanden geben, der überrascht wird. Und es wird sicher auch diejenigen geben, die gar nicht überrascht werden wollen, weil sie genau nach einem best. Trope gesucht haben und sich dann darüber freuen, dass es noch ein Buch/ noch einen Film dieser Art gibt.
Titel: Re: Haben die Unterhaltungsmedien nachgelassen?
Beitrag von: Feuertraum am 03. Dezember 2020, 22:02:51
[...] z.B. im Radiobereich - angeblich reichen 300 Musiktitel aus, damit die Hörer treu bei der Stange bleiben und ja nicht wegschalten. Manche Studien sprechen sogar nur von 100 Titeln.

Ich hatte eine Zeitlang versucht, ein Volontariat bei einem Radiosender zu bekommen und habe mich dafür auch deutschlandweit bewerben. Zeitgleich war ich Mitglied in einem Forum für Radiomacher aber auch Radiokonsumierer.
Es war gar nicht mal selten, dass ich Sätze gelesen habe wie "Musik jenseits des Mainstreams ausprobiert und damit Zuhörer vergrault", "Beraterin empfiehlt immer Adult Contemporary Titel zu spielen und eine Playlist von maximal 120 Titeln in der Rotation", aber auch Sätze wie "Ich höre Webradio, um vom Einheitsbrei wegzukommen".
Von daher glaube ich, dass es mittlerweile eine Art "Erziehung" gegeben hat, eine Art: Wir spielen nur diese Musik, weil der Hörer nur diese Musik haben will. Und der Konsument hört eben nur diese Musik, weil er sich daran gewöhnt hat.
Ich kann mir allerdings auch vorstellen, dass es irgendwann eine Übersättigung gibt, wie auch im linearen Fernsehen. Diverse Formate wurden begraben, weil der Zuschauer diese nicht mehr sehen wollte. Was teilweise auch verständlich war, belegten doch gerade die Privaten Fernsehsender ihre Zeiten mit einigen Stunden Talkshows, Gerichtsshows, Scripted Reality Shows, wobei es teilweise auch in die Richtung geht "Aggressivität, Beleidigungen, Abwertung"
Irgendwo sehe ich die Problematik eben in der Taktik, einen Hype auszulösen und so den Konsum zu steuern, auch wenn es eigentlich nicht die hohe Qualitätsstufe hat, die er haben sollte.
 
Titel: Re: Haben die Unterhaltungsmedien nachgelassen?
Beitrag von: Aphelion am 06. Dezember 2020, 10:43:14
Ich finde schon, dass Unterhaltungsmedien im Durchschnitt nachgelassen haben. Das liegt mMn aber einfach daran, dass der viele Schrott den Durchschnitt nach unten zieht. Es ist heutzutage viel einfacher, zu veröffentlichen. Das hat auch Schattenseiten, wenn auch nicht nur.

Zu allen Zeiten haben die Menschen geglaubt, es sei schon alles erzählt worden. Wirklich gestimmt hat das nie. Das Gefühl kenne ich aber auch. Bislang konnte ich mich als Leserin allerdings noch jedes Mal eines Besseren belehren. :D

Abgesehen davon gibt es heutzutage eine enorme Auswahl – und zu viel Auswahl macht nachweislich unzufriedener. Diese paradoxe Unzufriedenheit beschreibt zwar den aktuellen Zustand unserer Gesellschaft, aber ich denke, dass sie sich beheben lässt, sobald wir besser damit umgehen können. Dieses extreme Überangebot an Unterhaltungsmedien ist relativ neu. Da ist es eigentlich kein Wunder, dass sich die Gesellschaft (und damit auch der Einzelne) erst noch darauf einstellen muss.

Ich würde deshalb auch nicht wollen, dass mir diese Auswahl wieder genommen wird und es nervt mich, dass ständig Algorithmen versuchen, mir die Auswahl abzunehmen. DAS ist so ein Punkt, den ich viel schlimmer finde. Ich fand es allerdings auch schon früher™ saudämlich, wenn mir irgendwelche Hypes oder andere Formen von "Gruppenzwang" vorgeben wollten, was ich laut anderen lesen sollte...

Und klar: Wenn man immer wieder dasselbe liest, wird es irgendwann langweilig. Aber ist das nicht eher das Problem der Lesenden als der Gelesenen? Als Autorin ziehe ich mir diesen Schuh jedenfalls nicht an, als Leserin aber sehr wohl.
Titel: Re: Haben die Unterhaltungsmedien nachgelassen?
Beitrag von: Schneerabe am 06. Dezember 2020, 14:25:14
Also zur größeren Auswahl und einer geringeren Qualität durch niedrigerer Hürden kann ich sagen das ich bis vor etwa einem Jahr ohnehin nur Bücher von Konzernverlagen wahrgenommen habe (und Filme der großen Studios aber beim Filmdrehen ist die Hürde wohl noch größer als beim Schreiben) und ich hatte trotzdem auch irgendwie das Gefühl, dass es mit den Geschichten gerade nicht so weit her ist... Ich ziehe mir den Schuh da auch als Leser an - ich glaube ich finde einfach nicht die richtigen Bücher und das man aus Genres rauswächst ist normal...

Davonabgesehen kommen mir viele Geschichten auch irgendwie so... trivial vor. Im jüngeren Fantasy-Bereich fühlt es sich so an wie ein endloses durchkauen von Campbells Heldenreise +/- ein wenig Twililight-Flair, wieder und wieder ohne das irgendwelche ernsthaften Reflektionen hinter den präsentierten Moralvorstellungen stehen würden- oder ohne das jemals irgendwie vom alten Kochrezept abgewichen werden könnte. Und das macht es für mich irgendwie... belanglos ohne Gewicht und Gravitas - Tv-Shows wie Avatar (die Serie) haben auch klassische Helden-Moralvorstellungen präsentiert, aber zumindest wurden hier auch durch die Figuren Reflektionen zu Themen wie Ehre und Moral angestellt - und das durchaus auf eine Weise, die für ein jüngeres Zielpublikum geeignet war, während die eigentliche Story ja noch dazu meisterhaft erzählt wurde... Solche Sachen, die ein wenig tiefer gehen, vermisse ich irgendwie und nehme sie in den Unterhaltungsmedien momentan im jüngeren Fantasybereich eben nicht wirklich wahr - dabei gab es sowas vor nicht allzu langer Zeit wie gesagt durchaus mal zumindest in meinen Augen... Aber gut, vielleicht sind wir ja auch nur in einen kleinen Loch bis zum nächsten Hype (und ich meine das gar nicht abwertend, ich meine hier einfach nur populäre Werke a la Panem die irgendwas treffen, dass den Zahn der Zeit berührt...)
Titel: Re: Haben die Unterhaltungsmedien nachgelassen?
Beitrag von: Ahneun am 07. Dezember 2020, 02:28:53
Ihr Lieben,
ich möchte sehr gern den Titel des Threads etwas genauer betrachten, und, die aufgeworfene Frage von Siara, sowie meinen Beitrag vom 29. November dahingehend ergänzen.

Ich würde die Frage, ob die Unterhaltungsmedien nachgelassen haben, sehr gern mit einem "Nein" beantworten. Wenngleich ich generell eine Veränderung des Angebotes unserer Unterhaltungsmedien feststellen kann und hier wäre diese Frage für mich mit einem "Ja" zubeantworten. Ist das aber eine Verschlechterung? Hier würde meine Antwort,"Nein" lauten.
So ist es doch das jeweilige Empfinden des Konsumenten, ob er eine Verschlechterung bzw. eine Veränderung feststellt. Ich persönlich habe nicht die Absicht, das Angebot von privaten und öffentlich Rechtlichen Anbietern zu vergleichen. Es kommt doch hier speziell auch auf mein eigenes Konsumverhalten sowie auf mein breitgefächertes Interesse an den Inhalten an.

Ich denke beim Lesen der Kommentare hier zum Beispiel, - an das alte Programm von "Jürgen von der Lippe - Männer, Frauen, Vegetarier". *Tante Gogg'l weiß Bescheid* Dieses Programm ist in dieser Fassung SO heute überhaupt nicht mehr darstellbar. Weil sich die beschriebenen Personengruppen diskriminiert sowie verunglimpft fühlen und eine Klagewelle wäre die Konsequenz. Etwas Lustig finden, oder aber sich in der Öffentlichkeit über Etwas lustig machen, muss als Veranstalter/Moderator/Autor/Darsteller heute sehr genau überlegt werden.

Ich erinnere mich an die ausschweifenden Diskussionen über gendergerechte Formulierungen hier im Forum (Nein!! Bitte jetzt nicht) Genau hier sehe ich aber auch eine Veränderung der Unterhaltungsmedien, in Wort, Schrift und Bild. Ist das aber ein Nachlassen der Qualität? Hier denke ich, "Nein", denn der Erzeuger von Unterhaltung MUSS sich genau überlegen, was er dem gemeinen Konsumenten präsentiert.

Ob die Unterhaltungsmedien nachgelassen haben, - kann also entweder mit einem "Nein" als auch mit einem "Ja" beantwortet werden.

Sicher ist, dass sich mein Beitrag mit anderen Kommentaren überschneidet bzw. deckt. Ich wollte nur noch eine Ergänzung meiner Äußerung zum Besten geben.  :engel: