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Mittelalter oder Fantasy?

Begonnen von Arielen, 15. Mai 2006, 09:59:29

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silsi

In dem Roman "Timeline" von Michael Criton wird schön mit den gängigen Mittelalter Klischees aufgeräumt. Im Gegensatz zu den gängigen Zeitreise-Romanen (à la "Ein Yankee aus Conneticut..."), wo der ach so überlegene Neuzeitler den Deppen im Mittelalter mal erklärt, was Sache ist, kommt bei Criton wunderbar rüber, dass die Menschen im Mittelalter sich - entsprechend ihrem Stand der Technik - optimal an ihre Umwelt angepasst hatten. Die Zeitreisenden haben größte Schwierigkeiten, ihren 36-Stunden-Aufenthalt überhaupt zu überleben - so brutal war die Zeit.

Zum Thema Baden: so weit ich weiß endete die Kultur der Badehäuse mit der Entdeckung der Neuenwelt - und der Einschleppung der Syphilis. Aus der Spaß. Insofern hatten die Freunde im Barock gar nicht so unrecht mit ihrer Angst vor dem Wasser.

Zum Thema Hexen: da gibt es eine wunderbare ZDF-Dokumentation (3 Teile) auf DVD, wo das Verhältnis zu "Hexen" durch die Amtskirche und durch die Bevölkerung über die Jahrhunderte sehr schön dargestellt wird - auch hier wird mit manchem Klischee aufgeräumt. Z.B. wurde zur Zeit der großen Hexenverfolgung in Deutschland im 17. Jhrd. im Vatikan keine einzige "Hexe" verurteilt. Vielmehr bemühte sich der Großinquisitor, durch Hinzuziehen von Wissenschaftlern zu beweisen, dass es sich bei der vermeintlichen Hexerei  um Naturphänomene handelte. Soviel auch zum Thema "böse, verbohrte Kirche".

Zum Thread (Fantasy oder Mittelalter):
Generell finde ich jeder Autor darf sich seine Welt so stricken, wie er lustig ist. Aber es sollte in sich stimmig sein, und die Anleihen aus der realen Welt sollten korrekt sein. Beispiel Pferd: die Verwendung einer Kandarre bei einem indianisch angehauchten Volk hinkt. Und man sollte wissen, dass ein Pferd immer höher springen kann als ein (normaler) Mensch. Alles andere wirkt auf mich schlampig recherchiert,  und ich ärgere mich, weil der Autor sich keine richtige Mühe gegeben hat.



Manja_Bindig

Insbesondere Pferd: Ich wette, jeder Mensch kennt ein paar Menschen, die entweder reiten oder wenigstens theoretische Pferdefans sind(sprich: keine Reitmöglichkeit, aber im theoretischen Bereich sehr gute Recherchequellen). Oder jemand im Bekanntenkreis hat da Kinder, auf dei das zutrifft. Oder hatte das auch mal durch(ich ärger mich heute noch, dass mein Reitstall damals zugemacht hat).

Gut.
Es dürfte nciht schwer sein, da etwas bei Pferden zu recherchieren. Wenn dann ungenauigkeiten auftreten, zeigt das, dass der autor auch noch ein wenig faul war... ;)

Allerdings: wenn man sich am Mittelalter orientiert, sollte man sich im Klaren sein, dass Mensch und Tier selten genug eine wirklich enge emotionale Bindung zueinander hatten. Hunde warem zum Bewachen, für die Reichen zum Jagen, da.
Katzen, um den Hof Mäusefrei zu halten.
Pferde und Ochsen für das Feld oder den Kaaren.
Tiere waren Besitz. Ein geschätzter, teurer Besitz, den man pflegen muss und der es einem bei guter Pflege mit guter Arbeit dankt. (und mit Treue)
Aber mehr nicht. Kein Bauer hat um seinen Ackergaul getrauert. Eher um die Arbeitskraft. DAS war schlimm(heißt nicht, dass man den Ackergaul nicht gern gehabt hat - aber die Arbeitskraft stand im Vordergrund).

Und der Adel war da auch nicht anders. Ein Tier war Besitz und Lebendkapital. Und Fleischvorrat.
Ausnahme waren die Hündchen und Hätscheltierchen der feinen Damen, aber das kam erst gegen Ende des Mittelalters auf.

Es wäre also unrealistisch, wenn man sich bei der Fantasy stark am Mittelalter orientiert, aber der Hauptchara schrecklich um seinen Hund trauert, der am Anfang stirbt. Dieses Haustier-Hätscheln ist ein neuzeitlicheres Phänomen.

Elena

Hm... Bei mir ist es nicht so, dass ich mich an bestimmten Epochen orientiere. Ich fände das sogar eher unrealistisch, weil, wie einige bereits andeutete, dann die Entwicklung in meiner Fantasywelt ähnlich oder sogar gleich abgelaufen wäre wie in unserer Welt. Ist sie aber nicht, kann sie auch gar nicht sein, wenn ich die Bedingungen ganz anders setze.
(Jemand wies mich mal darauf hin, dass ja Tomaten und Kartoffeln in meiner Fantasywelt vorkämen, was nicht passen würde, da es sie im Mittelalter in Europa noch gar nicht gab, ließ sich aber davon beruhigen, dass die ganze Sache zu einem gewissen Grad zeitlich etwas später angelehnt ist. Egal. Allerdings würde das auch voraussetzen, dass es ein Amerika gibt, aus dem sie importiert werden könnten. Muss ich dann Christoph Columbus auch mitnehmen? Mir reicht es zu wissen, dass die Dinger unter den Klimabedingungen meiner Fantasyumgebung wachsen, und das ziemlich gut, da sie unserem gemäßigten Klima ähnlich sind. Da brauche ich kein Amerika, in dem sie sich erst fernab von einem Europa entwickeln können.)

Diese Bedingungen muss ich dann aber einigermaßen konsequent weiterdenken, anhand meines Wissens. Geschichte als Inspiration ist gut, Details machen die Geschichte lebendiger, aber für mich ist auch der Fantasyteil mit das Wichtigste. Mal schauen, was ich jetzt anklicke, vielleicht das letzte oder so.

Liebe Grüße,

Elena

Arielen

Und wie sieht es gesellschaftlich aus? Was Hierarchiedenken, Glaubenstiefe oder Ehrverständnis betrifft? Die meisen von euch sind jetzt eher auf Hintergrund und Setting eingegangen, die wenigsten aber auf wirklich kulturelle odergesellschaftliche Dinge?

Habt ihr da schon einmal das gesellschaftliche Wissen über das Mittelalter und andere Epochen - deren Moralverständnisse sich ja nun auch unterschieden - genutzt um euch inspirieren zu lassen? Um z. B. jemanden an einer Ehrstrafe verzweifeln zu lassen, die ihm gesellschaftlich in der Heimat das Genick brach und ihn deshalb zum Wanderer machte. Oder versucht ihr nachzuvollziehen was tiefe Religiosität bedeutet?
Alles liegt im Auge des Betrachters

Elena

Hm, bei meinen neueren Werken eher nicht, die sich zum einen vom Mittelalter immer mehr entfernt haben (inzwischen bin ich, wie Maja, in unserer Zeit angekommen), früher etwas mehr, aber es war nie ein Hauptbestandteil der Geschichte.

Liebe Grüße,

Elena

Manja_Bindig

Teils ja, teils nein.

Die Hierarchien sind "leicht" mittelalterlich - außer bei meinen Elfen, das erinnert ans Florenz der Renaissance(aber nur n bissl).

Moralvorstellungen - unterschiedlich.
Stichwort Homosexualität:
- Da sind die elfen iezig - man kann gemeni sein und es mit fundamental-islamistischen Ländern verleichen, nur dass man bei den Elfen nicht gesteinigt, sondern verbrannt wird.
Meine Menschen... sind da schon toleranter. Sie mögen es nciht, es kann mehr oder minder unangenehme Folgen haben, als homosexuell bekannt zu sein - auf der anderen Seite gibt es entsprechende Bordelle. Und gesetzlich ist auch kein Wort drüber verloren.
Quasi Mitteleuropa 80iger Jahre, wenn es darum geht.

Stichwort Mischehen(also beispielsweise Elfen - Menschen)
- Geht gar nicht. ÜBERHAUPT nciht.
Und Kinder... ach du schreck.
Was das betrifft, haben meine Völker extreme Meinungen - wobei Mischehen zwischen Elfen und Dämonen tatsächlich nciht wirklich gute Folgen haben.
Es hat eben alles seine wurzel.

Miu

hey

ich schreibe fantasy und halte mich nicht an historische fakten, denn bei diesem genre ist die eigene fantasie entscheidend, wie der name schon sagt.
wenn ich mich an fakten halten würde, dann würde ich einen historischen roman schreiben und das hätte dann nichts mehr mit fanatsy zu tun.
fantasy ist eben dieses unerklärliche, dieses unbegreifliche, eben genau das, was in keinem sachbuch je zu finden sein wird.

lg