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Herein, Hinein, Heraus, Hinaus - etc. pp. ; Hilfe!

Begonnen von NatNat, 08. Juli 2021, 10:08:02

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NatNat

Guten Morgen liebe Leute!  :winke:

Ich bin der deutschen Sprache generell mächtig. Ich mache selten irgendwelche Rechtschreib- oder Grammatikfehler, wenn sie natürlich auch mal vorkommen. Meist jedoch aufgrund geistiger Umnachtung.

Es gibt aber ein Problem, was mich kontinuierlich begleitet und wo ich jedes einzelne Mal vorsitze und mich frage "Wie geht's denn nu'?"
Und zwar geht es um alle Wörter im Stil "Herein, Hinein", "Heraus, Hinaus" , "Herauf, Hinauf" und so weiter.
Ich kann auf Biegen und Brechen nicht unterscheiden, was ich wann benutzen soll. Dabei geht es nicht darauf, wann ich Hinauf oder Hinaus benutze - das ist ja logisch. Sondern eben auf dieselben Wörter einer Familie.
Geht er jetzt die Treppen herauf oder hinauf?
Geht er in eine Tür hinein oder herein?
Wahrscheinlich ist das eine total dumme Frage, zumal ich auch auf Google keine hilfreichen Tipps dazu finde, aber ich verzweifel' wirklich. Diese Wörter sind meine Achillesferse. Ich hasse sie.
Nun zur Frage: Habt ihr irgendwelche Erklärungen parat, die mir helfen könnten, zu verstehen, wann ich was benutze?

Einen schönen Tag wünsche ich euch und danke schon einmal!

Dämmerungshexe

Ist eine Frage der Perspektive - "her" bedeutet auf den POV zu, "hin" bedeutet vom POV weg oder auch auf ein anderes Objekt/Ziel zu. Also wenn ich jemandem sage "komm her!" meine ich, er/sie soll zu mir kommen. Wenn ich sage "gehe dort hin", schicke ich betreffende Person mehr oder weniger von mir fort.
,,So basically the rule for writing a fantasy novel is: if it would look totally sweet airbrushed on the side of a van, it'll make a good fantasy novel." Questionable Content - J. Jacques

Solmorn

#2
Guten... Morgen ;)

Ich habe da eigentlich immer folgende Faustregel benutzt: Die Vorsilbe "hin-" bedeutet eine Bewegung von der Perspektive weg und zu etwas anderem hin; die Vorsilbe "her-" bedeutet eine Bewegung zur Perspektive hin und von etwas anderem weg.

Also "er" geht die Treppen herunter, wenn die POV unten steht und ihn erwartet. Er geht die Treppen hinunter, wenn die POV oben steht und ihm hinterhersieht.
Er geht zur Tür hinein, wenn die POV draußen steht. Er geht zur Tür herein, wenn die POV drinnen steht. Alternativ gibt es da ja auch die Formulierung "Er kommt herein", die auch nur dann funktioniert, wenn die POV schon drinnen ist.

Wenn du die Bewegung der POV beschreiben willst - steht am oberen Treppenabsatz und geht nach unten - dann würde ich grundsätzlich hinunter verwenden, da du mit der Erzählung ja der Bewegung folgst.

Oder noch anders ausgedrückt:
Bei "hin-" habe ich immer das Gefühl, die betreffende Person steht mit dem Rücken zu mir* und bewegt sich weg. *ich als Leserin
Bei "her-" habe ich immer das Gefühl, die betreffende Person sieht in meine Richtung und kommt auf mich zu.


Hilft dir das weiter?

Edit: Bin zu langsam, hat sich mit Dämmerungshexe überschnitten...
"Wenn Klugheit ein verwinkeltes Haus wäre, dann würden diese Leute außen vor der nackten Wand stehen und sich wundern, warum es innen so dunkel ist." - Babaduck, interdimensionaler Parasit (verkatert)

NatNat

Zitat von: Dämmerungshexe am 08. Juli 2021, 10:17:11
Ist eine Frage der Perspektive - "her" bedeutet auf den POV zu, "hin" bedeutet vom POV weg oder auch auf ein anderes Objekt/Ziel zu. Also wenn ich jemandem sage "komm her!" meine ich, er/sie soll zu mir kommen. Wenn ich sage "gehe dort hin", schicke ich betreffende Person mehr oder weniger von mir fort.
Zitat von: Solmorn am 08. Juli 2021, 10:20:41
Guten... Morgen ;)

Ich habe da eigentlich immer folgende Faustregel benutzt: Die Vorsilbe "hin-" bedeutet eine Bewegung von der Perspektive weg und zu etwas anderem hin; die Vorsilbe "her-" bedeutet eine Bewegung zur Perspektive hin und von etwas anderem weg.

Also "er" geht die Treppen herunter, wenn die POV unten steht und ihn erwartet. Er geht die Treppen hinunter, wenn die POV oben steht und ihm hinterhersieht.
Er geht zur Tür hinein, wenn die POV draußen steht. Er geht zur Tür herein, wenn die POV drinnen steht. Alternativ gibt es da ja auch die Formulierung "Er kommt herein", die auch nur dann funktioniert, wenn die POV schon drinnen ist.

Wenn du die Bewegung der POV beschreiben willst - steht am oberen Treppenabsatz und geht nach unten - dann würde ich grundsätzlich hinunter verwenden, da du mit der Erzählung ja der Bewegung folgst.

Oder noch anders ausgedrückt:
Bei "hin-" habe ich immer das Gefühl, die betreffende Person steht mit dem Rücken zu mir* und bewegt sich weg. *ich als Leserin
Bei "her-" habe ich immer das Gefühl, die betreffende Person sieht in meine Richtung und kommt auf mich zu.

Hilft dir das weiter?


Ihr seid aber verdammt schnell.  ;D

Ja, das hilft mir enorm, danke euch!
Also wenn ich aus der "ich-Perspektive" schreibe und sage, dass sie irgendwo eintritt, sage ich "Ich öffnete die Tür und trat herein, right? (Weil ich ja quasi die Prota bin und sie ja ... rein, also quasi von der "Kamera" weg geht? Oder ist das dann hinein, weil sie quasi von ihrem alten Standort weggeht? Argh!  ???  Dieser Perspektive ...   :hmhm?: :rofl:
Und wenn sie jemanden beobachtet, der gerade bei ihr zu Besuch ist und das Haus dann verlässt, geht der hinaus, oder wie? Weil sie ja von der Kamera - meiner Prota, mir - weggeht?

Finde das mit der Ich-Perspektive echt grausig, weil eigentlich die Kamera die Protagonistin ist, ergo geht sie ja weder von der Perspektive (Heißt POV Perspektive? ;D ), weg, noch hin.
Uff, manchmal ist die deutsche Sprache etwas ... seltsam.  :hmhm?:
Auf jedenfall schonmal ein fettes Danke!
Der Nebel lichtet sich etwas, jetzt verwirrt mich nur noch die Ich-Perspektive.  :rofl:

Dämmerungshexe

Ok, Ich-Perspektive macht das ganze etwas komplizierter, das stimmt.
hin wäre in dem Fall immer zum Ziel gehend/gerichtet, also eigentlich im Großen und Ganzen der Normalfall.
her wäre dann eine Ausnahme, wenn zB der Fokus der Emotion hinter dem POV liegt - also wenn zB ein Streit in einem Zimmer stattgefunden hat und der POV dieses Zimmer verlässt würde ich schriben "ich trat heraus"
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Solmorn

Sehe ich auch so - bei Ich-Erzählform grundsätzlich "hin-". Das ist auf jeden Fall nie falsch, würde ich behaupten.

Also auch "Ich öffnete die Tür und ging hinein" (wobei ich selten in eine Tür gehe, ich gehe bevorzugt durch die Tür und in den dahinterliegenden Raum ;))
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Kaeptn

#6
So wie oben erklärt habe ich es auch von meiner ersten Lektorin gelernt.

Ein Sonderfall ist das "runterschlucken". Wie handhabt ihr es da? Egal ob der POV oder ein anderer Charakter etwas runterschluckt findet da ja keine Bewegung zur Perspektive statt. Also heißt es

Er schluckte den Kloß in seinem Hals hinunter oder herunter?
Jörg Benne
.....................
http://www.joergbenne.de

Araluen

Ich habe runterschlucken immer als verkürztes herunterschlucken gelesen. Von daher wäre ich bei herunter. Aber da pachte ich keine Richtigkeit drauf.

Solmorn

Ich würde auch denken, es heißt "herunterschlucken", aber keine Ahnung.

Übrigens @NatNat , das hatte ich vorhin ganz überlesen: POV steht für Point of View, also auf deutsch Perspektive, ja. ;)
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NatNat

Zitat von: Dämmerungshexe am 08. Juli 2021, 10:54:43
Ok, Ich-Perspektive macht das ganze etwas komplizierter, das stimmt.
hin wäre in dem Fall immer zum Ziel gehend/gerichtet, also eigentlich im Großen und Ganzen der Normalfall.
her wäre dann eine Ausnahme, wenn zB der Fokus der Emotion hinter dem POV liegt - also wenn zB ein Streit in einem Zimmer stattgefunden hat und der POV dieses Zimmer verlässt würde ich schriben "ich trat heraus"

Okay, alles klar! Danke auf jedenfall! Und wenn sie weint? Fließen die Tränen dann ihre Wange hinunter oder herunter? Weil da geht ja nix von ihr weg. Ich würde jetzt herunter sagen, weil es ja nicht "wegfließt" sondern eben an ihr runter. Aber ist das jetzt richtig?  ???

Aber es ist seehr beruhigend zu wissen, dass ich nicht die Einzige mit diesem Problem bin, dass auch die Lektoren dazu schon Erklärungen rausgeben mussten. Ich dachte immer, das wäre vollkommen offensichtlich und ich einfach zu dumm dafür.  :rofl:

Meine Verwirrung hat sich auf alle Fälle schon deutlich gelichtet - wobei ich das ganze in der Ich-Perspektive wirklich wirklich gruselig finde.  :rofl:

Dämmerungshexe

Im Fall der Tränen würde ich hinunter sagen, da die ja dann weg sind.
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Herbstblatt

Zitat von: NatNat am 08. Juli 2021, 14:10:44

Und wenn sie weint? Fließen die Tränen dann ihre Wange hinunter oder herunter? Weil da geht ja nix von ihr weg. Ich würde jetzt herunter sagen, weil es ja nicht "wegfließt" sondern eben an ihr runter. Aber ist das jetzt richtig?  ???


Hm. So kann man es auch sehen. Ich hätte noch gesagt, die Tränen fließen von ihren Augen weg. Nach der Logik were es dann Die Tränen fließen hinunter.

Zitat von: Dämmerungshexe am 08. Juli 2021, 14:17:02
Im Fall der Tränen würde ich hinunter sagen, da die ja dann weg sind.
Aber das wäre der Kloß dann auch. Demnach wäre Einen Kloß herunterschlucken nicht richtig. Ich bin mir nicht sicher, welches Wort ich in diesem Beispiel verwenden würde. Mir persönlich gefällt es mit "hinunter" besser, möglicherweise habe ich sogar beide Wörter in dem Kontext in Romanen gesehen, möglicherweise. Ich werde in Zukunft mal darauf achten.

Kare

@NatNat

Wobei ich bei Tränen am ehesten im Bauchgefühl hätte:
ZitatIhr liefen Tränen die Wangen herab.

Das fühlt sich stimmig an.  :hmmm:
"Die Vergangenheit interessiert mich nur soweit, wie sie mir hilft, die Zukunft zu planen."  ~ Dravos Kanael Salanos - "Drakan"


Avatar © Olga Kolbakova

Anj

Zitat von: Dämmerungshexe am 08. Juli 2021, 10:54:43
Ok, Ich-Perspektive macht das ganze etwas komplizierter, das stimmt.
hin wäre in dem Fall immer zum Ziel gehend/gerichtet, also eigentlich im Großen und Ganzen der Normalfall.
her wäre dann eine Ausnahme, wenn zB der Fokus der Emotion hinter dem POV liegt - also wenn zB ein Streit in einem Zimmer stattgefunden hat und der POV dieses Zimmer verlässt würde ich schriben "ich trat heraus"

Ergänzend dazu würde ich noch ergänzen, dass es ggf. nicht nur auf die Perspektive in der Bewegung ankommt, sondern auch darauf, wo der Fokus liegt. Wenn ich deutlich machen will, dass Prota einen Raum oder ein Haus verlässt, dann geht es eben eher darum, dass aus einem Haus herausgegangen wird und weniger darum, dass in den Garten/ auf die Strasse hinaus getreten wird. Was ich damit sagen will, es kann auch sein, dass entscheidend ist, wo der innere Fokus liegt, um zu entscheiden ob es ein hin oder ein her ist. In den meisten Fällen wird bei "Sie ging aus dem Haus hinaus" noch hinzugefügt "in was hineingangen wird".

Beim Schlucken würde ich (wenn nicht eh intuitiv) ebenfalls auf den inneren Fokus schauen. Will ich etwas weg haben, also einen Kloß hinunterschlucken, dann entferne ich das sozusagen durch das Schlucken aus meiner Wahrnehmung und will es woandershin Schlucken. Will ich dagegen Worte zurückhalten und nicht aussprechen, dann will ich sie durch das runterschlucken bei mir behalten und damit wäre es  (zu mir) herunterschlucken.

Ich gebe aber zu, dass ich das im Falle von Schlucken jetzt das erste Mal wieder reflektiert habe und das in der Regel intuitiv gemacht habe.


Bei den Tränen denke ich mir folgendes:
@Kare sie könnten die Wange aber auch hinab laufen, oder? ;-)
Da finde ich es tatsächlich auch gar so eindeutig, wenn ich drüber nachdenke und ich würde mich da auch fragen, ob mir das im Text überhaupt auffallen würde. Möglicherweise kann es im Bild einen Unterschied machen, ob ich darauf schaue, wohin die Tränen laufen oder ob ich "nur" wahrnehme, dass sie gerade fließen. Im ersten Fall wäre es dann "hinab/hinunter" und im zweiten "herab/herunter". Aber genauso könnte ich jetzt Argumente dafür finden, es anders zu betrachten - also an der Stelle:  ???  ;D
"Wenn du andere Leute ansiehst, frage dich, ob du sie wirklich siehst, oder ob du nur deine Gedanken über sie siehst."
Jon Kabat-Zinn.

Volker

Wie beschrieben:
"hin" bei Bewegung vom PoV weg,
"her" bei Bewegung auf PoV zu.

Daher auch beim Schlucken:
"Schnell noch einen Bissen herunttergeschluckt..." - das Essen bewegt sich in den PoV hinein.
"XY schluckte die Angst hinunter." - drückt die (schon drin steckende) Angst von sich in Richtung Magen weg.