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Staats- und Regierungsformen?

Begonnen von Joscha, 25. Juni 2009, 21:59:15

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Einsamer Falke

Zitat von: Smaragd am 28. Juli 2010, 23:13:04
Mit Städten kann man immer noch schön experimentieren, finde ich. Da sind ganz unterschiedliche Regierungsformen glaubwürdig.

Ich bastele im Moment für eine neue Welt an den Regierungssystemen. Die drei, die ich brauche, werden sich ziemlich ähneln, aber wie genau das wird, weiß ich noch nicht. Irgendeine Mischung aus Feudalismus und rudimentärer Demokratie wahrscheinlich. Vielleicht gibt`s auch eine konstitutionelle Monarchie, mal sehen.

Bei mir geht diese dünn besiedelte Welt mit ihren kleinen, autonomen Stadtstaaten auf die Anfangszeit meiner Schreiberlingstätigkeit zurück. Diese Welt existiert schon seit Anfang an, und damals habe ich halt nicht viel über solche Sachen nachgedacht und desswegen alles relativ einfach gelassen.
Heute finde ich allerdings, dass genau diese Welt absolut passend ist für meine Geschichten, und ich kann immer noch weiterbasteln.

Was Demokratien angeht, in dem kleinen, städtischen Rahmen, in dem sich das bei mir abspielt, finde ich sowas noch plausibel, aber auf ein ganzes Reich würde ich das in einer Fantasygeschichte eher nicht ausweiten. Alleine schon, weil so eine Wahl ja Datenverarbeitungstechnisch schon ein ziemlicher Aufwand ist, und ich kann mir irgendwie nicht vorstellen, dass die Wahlurnen samt Inhalt damals mit Kutschen durchs Reich in die Hauptstadt gefahren wurden, wo dann irgendwer die Stimmen zählen musste (ist meine persönliche Meinung, muss nicht jeder so sehen).

Zitat von: Krähe am 28. Juli 2010, 23:24:33
Für das nächste große Projekt allerdings überlege ich noch wesentlich mehr am politischen System, weil es viel Intrigen und sowas damit geben soll - und ich es vor allem zum Zusammensturz bringen möchte. :D

Ja, mach kaputt! :pompom: Destruktive Gedanken hast du da. Viel Spaß dabei. ;)

Gruß
Eric

Churke

Zitat von: Einsamer Falke am 28. Juli 2010, 23:30:03
Alleine schon, weil so eine Wahl ja Datenverarbeitungstechnisch schon ein ziemlicher Aufwand ist, und ich kann mir irgendwie nicht vorstellen, dass die Wahlurnen samt Inhalt damals mit Kutschen durchs Reich in die Hauptstadt gefahren wurden, wo dann irgendwer die Stimmen zählen musste (ist meine persönliche Meinung, muss nicht jeder so sehen).

Man kann das über Wahlmänner lösen. Siehe Verfassung der USA.
Oder Delegierte. Ein Beispiel sind die Reichstage des Heiligen Römischen Reiches, auf denen die Delegierten nach "Bänken" abstimmten. Theoretisch wäre es möglich, anstelle des Kaisertums ein präsidielles System mit einem Präsidenten an der Spitze zu installieren und das mit einem ständigen Reichstag zu kombinieren. Wahrscheinlich hätte der Präsident allerdings mangels Hausmacht null zu melden und das Reich würde auseinander fallen...  ::)

Einsamer Falke

Hm ja, über Wahlmänner ginge das. Vielleicht bastel ich mir in meiner Welt noch ein etwas größeres Reich, das so funktioniert. Ist ja eigentlich auch ein wunderbarer Apparat für Geschichten über Intriegen. Einfach Wahlmann kalt machen und jemand anders schicken, der sich als der ausgibt.
Heute nicht mehr möglich, aber in diesen mittelalterlichen Gefilden sicherlich. 8)

Gruß
Eric

Rika

Für lokale Representation kannst du dir auch das Britische Parlament angucken, das ist schon ziemlich alt. (Wenn auch im Zusammenhang mit einer Monarchie.) ;)

Mir geht es weitgehend wie Hanna:
Zitat von: Gothanna am 07. Juli 2009, 13:15:25
Ich muss gestehen, dass ich äußerst ungerne über Politik nachdenke, sowohl im wahren Leben als auch bei meinen Projekten. Meistens schaue ich eher in die Figuren hinein und die interessieren sich so wenig für Politik wie ich.

Allerdings, jetzt wo ich eure Beiträge lese, glaube ich, ich sollte mal etwas Zeit investieren und mich damit beschäftigen.
Sowohl diese thread beginnt mein Interesse zu wecken, als auch ien paar Gespräche vor/um die letzte Wahl hier in England. Trotzdem ist das ein so komplexes Thema, das es mri einfach nicht naheliegt. Ich bin wohl ein Mensch, dem das "kleine Bild" näher liegt, als das "große", sowohl mir persönlich, als auch beim Schreiben.
Bisher habe ich auch einfach noch nicht über Charaktäre geschrieben, die mit der Welt-/Landherrschaft direkt viel zu tun hatten, da war es also nicht notwendig. Sollte mir aber ein Chara mit mehr Einfluß in den Schädel laufen, dann müßte ich mir natürlich über Staatsform in seinem Wohnort/Land/Welt Gedanken machen, da ginge es dann nciht ohne.

Churke

Zitat von: Rika am 29. Juli 2010, 12:30:43
Bisher habe ich auch einfach noch nicht über Charaktäre geschrieben, die mit der Welt-/Landherrschaft direkt viel zu tun hatten, da war es also nicht notwendig.

Ein freier Germane, der auf der Thingstätte seine Meinung sagt, denkt anders als ein Leibeigener. Ein heiliger Krieger kann Staat und Religion nicht trennen. Ein Ritter fühlt sich einem feindlichen Ritter näher als seinen eigenen Knechten. Und so weiter.
Es muss nicht immer das Kanzleramt sein.

Rika

Zitat von: Churke am 29. Juli 2010, 13:21:29
Ein freier Germane, der auf der Thingstätte seine Meinung sagt, denkt anders als ein Leibeigener. Ein heiliger Krieger kann Staat und Religion nicht trennen. Ein Ritter fühlt sich einem feindlichen Ritter näher als seinen eigenen Knechten. Und so weiter.
Es muss nicht immer das Kanzleramt sein.
Klar, aber für dergleichen muß ich auch nicht unbedingt wissen, wie genau die Staatsform exakt aufgebaut ist und auf allen Ebenen funktioniert. Und auch diese Bilder sind in der Hinsicht schon "größer" als meine Charas bis jetzt. Vielleicht mal von der TZ Welt Geschichte abgesehen, aber da existiert ja auch ein bißchen was dazu.
Dennoch, genau diese Art Überlegung motiviert mich ja so langsam ein kleines bißchen dazu, bei Politik nicht sofort in "ih-bäh" Abschalt-Reaktionen auszubrechen.

Einsamer Falke

Bei mir ist das Problem, mein "Held" ist dem Stadtlord inzwischen näher als der Kommandant der Garde, weil der Lord seine objektive Berichterstattung zu schätzen gelernt hat. (Der Kommandant mag seine Leute und hat gerne beschönigt).
Dadurch ist der Stadtlord selbst auch einer der Hauptakteure, was mir also keine andere Wahl lässt, als zumindest grob seine Politik zu beschreiben.

Gruß
Eric

Smaragd

Zitat von: Churke am 28. Juli 2010, 23:47:05
Theoretisch wäre es möglich, anstelle des Kaisertums ein präsidielles System mit einem Präsidenten an der Spitze zu installieren und das mit einem ständigen Reichstag zu kombinieren. Wahrscheinlich hätte der Präsident allerdings mangels Hausmacht null zu melden und das Reich würde auseinander fallen...  ::)
Das käme drauf an, wie man den Präsidenten bestimmt und welche Befugnisse er hat, oder? Im Moment überlege ich mir, ein Parlament mit einem erblichen Posten als Premierminister zu kombinieren. Der Premierminister - ok, da muss noch eine andere Bezeichnung her - wäre dann gleichzeitig auch Staatsoberhaupt. Und das Parlament bekommt zwei Kammern, quasi Ober- und Unterhaus. Im Oberhaus sitzen der Erbadel und Zauberervertreter, im Unterhaus die Delegierten. Das könnte doch funktionieren, oder?

Ich brauche meine politischen Systeme immer mindestens so klar, dass ich selbst durchblicke, wer welche Entscheidungen trifft und was zu einer Krise führen kann. Bei einer Geschichte brauchte ich es wie Krähe, weil ich wissen musste, wie ich das ganze Ding ordentlich zum Wackeln bringen kann, im Moment brauche ich nur das, was meine adlige Prota weiß.

Mit politischen Systemen spiele ich ganz gerne, die geben immer so viel Stoff für Intrigen, wenn es nicht gerade eine Geschichte über die Rettung der Welt wird. ;)

Churke

Zitat von: Smaragd am 29. Juli 2010, 14:11:39
Das käme drauf an, wie man den Präsidenten bestimmt und welche Befugnisse er hat, oder? Im Moment überlege ich mir, ein Parlament mit einem erblichen Posten als Premierminister zu kombinieren. Der Premierminister - ok, da muss noch eine andere Bezeichnung her - wäre dann gleichzeitig auch Staatsoberhaupt. Und das Parlament bekommt zwei Kammern, quasi Ober- und Unterhaus. Im Oberhaus sitzen der Erbadel und Zauberervertreter, im Unterhaus die Delegierten. Das könnte doch funktionieren, oder?

Da ist die erste Frage: Was bzw. wer ist der Erbadel? Wenn es Fürsten sind, die auf Burgen sitzen, in Städten residieren und Armeen unterhalten, dann kann man dieses Modell vergessen. Denn sie werden sich in ihre Angelegenheiten nicht hinein quatschen lassen. Und sie werden einem Premierminister auch nur so lange folgen, wie es nicht an ihre Privilegien oder ihren Geldbeutel geht.
Was man also braucht, ist eine Entmachtung des Adels, genau genommen eine Art Herrschaft der Bourgeoisie, mag diese nun bürgerlich sein oder von Adel, das spielt keine Rolle.

Romy

Zitat von: Einsamer Falke am 28. Juli 2010, 23:30:03
Was Demokratien angeht, in dem kleinen, städtischen Rahmen, in dem sich das bei mir abspielt, finde ich sowas noch plausibel, aber auf ein ganzes Reich würde ich das in einer Fantasygeschichte eher nicht ausweiten. Alleine schon, weil so eine Wahl ja Datenverarbeitungstechnisch schon ein ziemlicher Aufwand ist, und ich kann mir irgendwie nicht vorstellen, dass die Wahlurnen samt Inhalt damals mit Kutschen durchs Reich in die Hauptstadt gefahren wurden, wo dann irgendwer die Stimmen zählen musste (ist meine persönliche Meinung, muss nicht jeder so sehen).

In meinem Roman "Der ewige Krieg" geht es ja um zwei Kontinente, die sich schon seit sehr langer Zeit bekriegen. Einer davon (Xedasin) wird parteienpolitisch regiert - und er besteht aus 6 Ländern und ist sehr groß.
Die Wahlen finden alle 6 Jahre statt. Einmal wird für jedes Land eine Regierung gewählt und dann eine Regierung, die für den ganzen Kontinent gilt. Höchstes Amt ist der Präsident, in Kriegszeiten jedoch der Kriegsminister. Die Ämter werden Parteienintern vergeben, das Volk (Männer und Frauen ab 17 Jahren) wählt nur die Parteien.
Jeder Mensch geht dann also in seiner/m Dorf/Stadt wählen, dort werden die Stimmen ausgezählt und nur die Ergebnisse werden weitergeleitet. Da es Magie gibt, werden die Ergebnisse auf magisch-telepathischem Wege in die Hauptstadt des Kontinents oder des jeweiligen Landes weitergeleitet ;) So dauert es zwar trotzdem noch einige Tage, bis die Endergebnisse bekannt sind, aber trotzdem müssen nicht wochenlang Wahlurnen durch die Weltgeschichte transportiert werden.
Bei den Parteien habe ich mich an unseren echten deutschen Parteien orientiert.
Die Partei, die zum Zeitpunkt der Romanhandlung seit 4 Wahlperioden an der Regierung ist und sowohl Präsident als auch Kriegsminister stellt, ist die SDUX = Sozial-Demokratische Union Xedasins.
Dann gibt es die LPX, die ewige Zweite ;D -> Liberale Partei Xedasins.
MDU -> Mallenies Demokratische Union. Mallenie ist die Göttin der Xsins.
PA -> Partei der Arbeit
BJP -> Bündnis Jugend Partei
BGP -> Bündnis Grün Partei
APX -> Aristokratische Partei Xedasins -> Der verbliebene Adel versucht's halt auch immer noch, was aber von keinem allzu großen Erfolg gekrönt ist.

In meinen Khyrun-Chroniken (die sowas von auf Eis liegen, aber die Welt ist trotzdem sehr gut ausgearbeitet) habe ich 5 Länder, die alle unterschiedlich regiert sind.
Es gibt erst Mal 3 Monacharchien (ein mal Patriarchat, ein mal Matriarchat und ein Mal eine "normale" Monarchie -> Söhne werden als Erben bevorzugt, aber wenn keine da sind, dann wird es halt doch die Tochter), außerdem ein Land, in dem eine Art "Adelsrat" herrscht. Die Posten der 16 Mitglieder werden jeweils an das älteste Kind desselben Geschlechts weitervererbt (soll heißen, ein männliches Ratsmitglied vererbt an seinen ältesten Sohn, ein weibliches Ratsmitglied an die älteste Tochter).
Im fünften Land gibt es ein Senat mit 216 Mitgliedern, das von einem Kanzler geleitet wird. Alle Posten, sowohl von den Senatoren, als auch vom Kanzler werden auf Lebenszeit gewählt, nur in Ausnahmefällen (schwere Krankheiten wie Alzheimer oder anderes Siechtum im Alter) kann jemand abgewählt werden. Senator werden kann grundsätzlich jeder Bürger des Landes, der in Direktwahl vom übrigen Volk mit einfacher Mehrheit gewählt wird. Hier gibt es übrigens keine Telepathie, aber Drachen und Drachenreiter, die die Wahlergebnisse ebenfalls recht schnell durch die Gegend transportieren können ;) Kanzler werden kann man nur, wenn man vorher Senator war. Sobald ein neuer Kanzler benötigt wird, werden vom Senator einige Kandidaten per Mehrheitsbeschluss bestimmt und dann darf wieder das gesamte Volk in Direktwahl darüber bestimmen, wer es denn nun wird.

 
Das sind mal meine Vorzeigebeispiele für Demokratien, ansonsten greife ich auch immer gerne zur guten alten Monarchie oder auch mal zum Kaisertum. Passt im Fantasyroman ja immer gut ;D

Smaragd

Zitat von: Churke am 29. Juli 2010, 16:31:26
Da ist die erste Frage: Was bzw. wer ist der Erbadel? Wenn es Fürsten sind, die auf Burgen sitzen, in Städten residieren und Armeen unterhalten, dann kann man dieses Modell vergessen. Denn sie werden sich in ihre Angelegenheiten nicht hinein quatschen lassen. Und sie werden einem Premierminister auch nur so lange folgen, wie es nicht an ihre Privilegien oder ihren Geldbeutel geht.
Was man also braucht, ist eine Entmachtung des Adels, genau genommen eine Art Herrschaft der Bourgeoisie, mag diese nun bürgerlich sein oder von Adel, das spielt keine Rolle.

Das hatte ich vergessen zu erwähnen. Der Adel hat zwar ausgedehnte Ländereien, aber die unterliegen den allgemeinen Gesetzen, wie auch die Adligen an sich. Eine eigene Armee hat keiner und in Städten haben sie nur dann etwas zu melden, wenn sie die Wahlen zum Stadtrat beeinflussen können, wo das Bürgertum aber auch mitspielt.  Von daher ist die Macht des Adels schon stark begrenzt.

Das klingt echt gut, Romilly! :pompom: Mal was anderes als die gute alte Monarchie ;)

Einsamer Falke

@Romilly
Klingt nett, wenn auch ungewohnt. Ich würde es nicht so machen, aber das muss ich ja auch nicht, und wenn es gut funktioniert, warum nicht? :)

Bei mir wäre lediglich das Problem (neben der dünnen Besiedelung des Planeten), dass es keine wirkliche Magie gibt, jedenfalls nicht so eine Abrakadabra-Magie, die jeder erlernen kann.
Meine Welt geht mehr in die Richtung, das die Magie den Menschen (genau genommen den sterblichen Völkern) nur in Form von uralter Technologie zur Verfügung steht. "Echte" Zauberei können nur die Götter selbst wirken, wobei das in Wirklichkeit einfach nur noch mächtigere Technologie ist.
Nun ist eben das Problem, dass die uralte Technologie praktisch von niemandem bediehnt oder nachgebaut werden kann und auch keine neuen Maschinen erschaffen werden. Somit scheidet das in meiner Welt schonmal als Hilfsmittel bei Wahlen aus.

Gruß
Eric

Telas

@ Falke, ich finde mit deinen Stadtstaaten liegst du in deiner dünnbesiedelten Welt durchaus richtig. Möglicherweise liegen sie ja so weit voneinander entfernt, dass eine geordnete Verwaltung bei einer Zusammenfassung der einzelnen Zellen gar nicht möglich wäre. Da ist es also legitim, dass man in seinem Dorf unter sich bleibt und den Lebensunterhalt selbst verdient, anstatt auf Handel, Tribute oder andere politische und wirtschaftliche Beziehungen zu setzen.
Eine richtige Demokratie habe ich noch nie entworfen. Warum? Weil bei meinen Werken das Volk meistens Not leidet und der oder die Herrscher ziemliche Eigenbrötler sind. Gut, ich wiederhole mich dabei, aber wenigstens habe ich dann Erfahrung auf diesem Gebiet :ätsch:

Smaragd

Stadtstaaten sind durchaus auch bei dichterer Besiedlung möglich, siehe deutsche Kleinstaaterei.  ;)