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Autor Thema: Sind Kinder in der High Fantasy unsichtbar?  (Gelesen 918 mal)

Offline FeeamPC

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Re: Sind Kinder in der High Fantasy unsichtbar?
« Antwort #15 am: 21. September 2019, 12:41:32 »
In der Spiegelmagie-Serie (definitiv High-Fantasy) tauchen immer mal wieder Kinder auf, Sklavenkinder, spielende Kinder in der Stadt, hungrige Kinder in den Slums, die einen Hund jagen, weil sie ihn als Nahrung ansehen, Kinder, die "collateral damage" in kriegerischen Unruhen sind, Kinder, die einem Erwachsenen, der neu zum Stamm kommt, richtig Reiten beibringen usw. Unsichtbar sind sie nicht. Sie fallen nur nicht so ins Auge, weil der Leser natürlich meistens die Hauptpersonen in seinem Kopf herumträgt. Wie im realen Leben. Wir tendieren dazu, Kinder als "Anhängsel" der Erwachsenen zu sehen und meist nicht gezielt wahrzunehmen.
Biete für werdende Hexen folgende Kurse:
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Offline Churke

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Re: Sind Kinder in der High Fantasy unsichtbar?
« Antwort #16 am: 23. September 2019, 16:54:04 »
Ich glaube, dass die Kinder einfach "stören". Das Phänomen ist nicht auf die Fantastik beschränkt. Man findet es auch in historischen Genres.
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Offline Slenderella

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Re: Sind Kinder in der High Fantasy unsichtbar?
« Antwort #17 am: 23. September 2019, 20:35:54 »
Streng genommen ist der halbe Cast von GOT minderjährig und definitiv mit dem Merkmal "Kind" zu versehen.

Dasselbe gilt für Six of Crows, die sind teilweise was ... um die 13?

Ansonsten sind sie gerade in Dystopien schon häufiger vertreten. Klassiker: Battle Royale.
Ich brauch noch eine Katze
Und ein Beil wär nicht verkehrt
Denn ich gehe heute abend
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Offline Churke

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Re: Sind Kinder in der High Fantasy unsichtbar?
« Antwort #18 am: 24. September 2019, 22:12:35 »
Der Cast ist keine Statisterie.
Nehmen wir mal einen x-beliebigen Sandalenfilm. Eigentlich müssten die Kulissen von der Kinderschar der Haussklaven bevölkert werden. Aber die wären den Intrigen & großen Gefühlen der Protagonisten nur im Weg.
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Offline Zitkalasa

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Re: Sind Kinder in der High Fantasy unsichtbar?
« Antwort #19 am: 24. September 2019, 22:22:34 »
Six of Crows ist doch aber ein Jugendbuch, oder? Da ergibt sich auf Grund der Zielgruppe schon ein Fokus auf jüngere Protagonisten, finde ich.

Offline Gilwen

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Re: Sind Kinder in der High Fantasy unsichtbar?
« Antwort #20 am: 25. September 2019, 07:14:38 »
In "Six of Crows" werden sie zwar an einigen Stellen als Kinder bezeichnet, aber ich weiß noch, dass mich das ein bisschen irritiert hat, denn ich hab sie für älter gehalten. Vielleicht so um die 16 oder 17, dachte ich.  :hmmm:
Zumindest bei Kaz kann man anhand seiner Hintergrundgeschichte nachrechnen, wie alt er ist. Ich schau das nachher mal nach, das interessiert mich!

Zum Thema: Jetzt, wenn du es sagst, fällt es mir auch auf. Da habe ich irgendwie noch nie drüber nachgedacht. Danke fürs Aufmerksammachen :)
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Offline canis lupus niger

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Re: Sind Kinder in der High Fantasy unsichtbar?
« Antwort #21 am: 27. September 2019, 12:00:53 »
In aktuellen High Fantasy Romanen tauchen meiner Meinung nach Kinder nur deswegen so selten als Statisten auf, weil insgesamt nur wenige Statisten vorhanden sind. Werden wir Autoren nicht immer gemahnt, uns auf die wesentlichen plotrelevanten Aspekte einer Geschichte zu beschränken, um eine Geschichte nicht zu ausschweifent zu schreiben? Ist es nicht erwünschtes Ziel, alles unnötige wegzulassen? Nun, in High Fantasy Romanen sind die sozial und biologisch unverzichtbaren Kinderscharen nun mal selten plotrelevant. Manchmal tauchen sie als Teil des Settings auf, wie zum Beispiel in Funkes "Tintenherz"-Trilogie. Aber das scheint mir eine Ausnahme zu sein.

Da ich es mit GRRM halte, dass der Genuss an einem Fantasy-Werk größer wird, wenn das Setting lebendig bis opulent erlebbar ist, bemühe ich mich, in meinen Geschichten auch Kindern und anderen nicht plotrelevanten Statisten Raum zu geben. Aber ich habe das Privileg, nicht zum Geldverdienen schreiben zu müssen (dorfen, können  ::)), sondern zu meinem eigenen Vergnügen. Kein Verleger oder Agent sagt mir: "Hm, ja, schön und lebendig, aber versuchen Sie bitte, das Manuskript um 20 Prozent zu kürzen. Der Verlag möchte nichts über 400 Seiten. Diese Marktszene im dritten Kapitel, die ist doch eigentlich völlig entbehrlich. Die sozialen Spannungen kann man auch in einem der anderen Kapitel thematisieren."

Bei mir tauchen Kinder auf, die den Pagen meines Prota in eine Prügelei verwickeln, weil einer von ihnen etwas gegen den Prota hat. Die Flucht zwei anderer Charaktere wird dadurch erschwert, dass sie ihre drei kleinen Kinder mitnehmen müssen und wollen. Eines der Probleme des rechtlosen "fahrenden Volkes" besteht darin, dass ihre Kinder von den Einheimischen oftmals bedroht werden. Alles vielleicht nicht plotrelevant, aber wichtig für die eigentlichen handelnden Personen, weil ihr Handeln dadurch stark beeinflusst wird.

Offline Guddy

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Re: Sind Kinder in der High Fantasy unsichtbar?
« Antwort #22 am: 27. September 2019, 14:11:58 »
In aktuellen High Fantasy Romanen tauchen meiner Meinung nach Kinder nur deswegen so selten als Statisten auf, weil insgesamt nur wenige Statisten vorhanden sind. Werden wir Autoren nicht immer gemahnt, uns auf die wesentlichen plotrelevanten Aspekte einer Geschichte zu beschränken, um eine Geschichte nicht zu ausschweifent zu schreiben? Ist es nicht erwünschtes Ziel, alles unnötige wegzulassen?
Das hieße ja, keine Bechreibungen zuzulassen. Welten nicht auszuschmücken. Dabei finde ich es gerade wert- und vor allem auch sinnvoll, Fantasywelten und deren unterschiedlichen Kulturen zu beschreiben. Wie soll das besser gehen als durch passive Beschreibungen auch der Umgebung? Und da können eben auch Kinder sein.
Plotrelevant oder nicht.

Ein Mond ist auch nur selten plotrelevant und dennoch taucht er in Büchern auf.

Offline Ratzefatz

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Re: Sind Kinder in der High Fantasy unsichtbar?
« Antwort #23 am: 27. September 2019, 14:29:34 »
Streng genommen ist der halbe Cast von GOT minderjährig und definitiv mit dem Merkmal "Kind" zu versehen.

Und darunter sind nicht nur die Protas wie zB die Stark-Kids, sondern auch viele Statisten. In den Stammbäumen der Häuser findet sich jede Menge Nachwuchs (allein schon die vielen Lannister-Cousins). In Winterfell gibt es Kinder (Jeyne Poole taucht zB im ersten Buch nur als Sansas Freundin auf und wird erst später plotrelevant). Cersei Lannister verbrachte als Mädchen Zeit mit ihren Freundinnen, Arya trifft auf ihrer Flucht Kinder und Brienne beschützt die Kinder in einem Gasthaus vor dem vermeintlichen "Hound".
„Dein Name ist Venko“, raunte Zoya in sein Ohr. „Venko, Venko, Venko.“ Sie gab ihm für jedes „Venko“ einen Kuss und ermahnte ihren Mann: „Vergiss deinen Namen nicht!“
„Wie könnte ich ihn vergessen, meine Zoya“, raunte er zurück, „wenn ihn vergessen auch dich vergessen hieße?“

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Offline Aphelion

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Re: Sind Kinder in der High Fantasy unsichtbar?
« Antwort #24 am: 02. Oktober 2019, 23:32:14 »
Wenn Du sie jetzt in Deinen Geschichten etwas emporhebst, wär das doch eine schöne Innovation - und außerdem auch noch auf Deiner eigenen Beobachtung gewachsen.
Naja, eine große Innovation ist das jetzt nicht. ;D Und das Problem ist mir bei mir selbst aufgefallen... Aber ich werde in Zukunft auf jeden Fall stärker darauf achten.

Zumal ja in solchen wenig entwickelten Gesellschaften, auf die du dich beziehst, die Kinder viel sichtbarer sein sollten, als wir es aus unserer Gesellschaft kennen: sie gehen dann eher selten zur Schule, stattdessen müssen sie mitarbeiten oder sie treiben sich im Freien und auf den Straßen herum.
An diesen Punkt habe ich noch gar nicht gedacht, aber ich halte ihn für sehr wichtig. Danke! :)

@Cooky
@Aryana
Das halte ich für eine plausible Erklärung, wie dieser "Fehler" zustandekommt. Letztlich projizieren wir beim Schreiben sehr viel...

Könnte es nicht sein, dass dies vor allem mit der Perspektive zu tun hat?
In dieser Frage bin ich noch unschlüssig. Einerseits denke ich, dass eine sehr enge personale Perspektive schon damit zusammenhängen kann, dass die (Nicht-)Erwähnung von Kindern dem Fokus des Erzählers geschuldet ist – dadurch bin ich überhaupt erst auf das Thema aufmerksam geworden, um ehrlich zu sein. ;D Ich habe in einer Geschichte eine Figur, die kinderlieb ist, und eine, die Kinder hasst, und wollte das so ganz nebenbei einfließen lassen... Und dabei fiel mir auf, dass sowohl ich als auch (einige?) andere Autoren Kinder textlich vernachlässigen.

Andererseits: Die Kinder müssen dem Erzähler ja nicht überproportional ins Auge springen, damit er sie zur Kenntnis nimmt. Z.B. können die Hauptfiguren an einem erwachsenen Schäfer vorbeikommen - oder eben an einem Kind. Dann würde der Erzähler dem Kind zwar keine weitere Beachtung schenken, aber das Kind wäre im Text trotzdem als solches erkennbar.  :hmmm:

Allgemein meine ich, gerade in älterer High-Fantasy kommen wirklich viele Kinder vor. Gerade in Kriegsszenarien, um den Schrecken noch zu verdeutlichen. Wie das in aktuelleren Büchern ist, weiß ich gerade nicht. Da lese ich zur Zeit echt wenig.
Bei Büchern, die nach dem 2. Weltkrieg erschienen sind, habe ich denselben Eindruck, nicht nur in der Phantastik. Wobei ich denke, dass Kinder dort meistens nicht "einfach so" erwähnt werden, sondern (wie du schreibst) wegen des Kontrasts Unschuld-Krieg.

Dein Post bringt mich auf einen anderen Gedanken: Ist es eigentlich ein relativ neues Phänomen, das Setting so pedantisch auf Stimmigkeit abzuklopfen?  :hmmm:

Kinder als Kulisse sind etwas anderes, aber Kinder in Hauptrollen sind schwer an erwachsene Leser zu vermitteln.
Wenn Kinder nicht als Hauptfigur auftauchen, aber ansonsten schon, wäre das für mich kein "Fehler", weil der Weltenbau ja trotzdem stimmig sein kann. :)

@Tintenteufel @Cooky
Danke für die Beispiele aus einem anderen Bereich! Da ich mich da nicht auskenne, finde ich die Bemerkungen wirklich interessant.

@FeeamPC
Stimmt, die Brille des Lesers spielt bei der Wahrnehmung von Kindern auch eine Rolle. Danke für den Buchtitel!

Ich glaube, dass die Kinder einfach "stören".
Das zählt für mich als Erklärung, warum Autoren Kinder weglassen; aber es ist kein Argument, das diesen Fehler rechtfertigt, solange andere Teile des Settings in der High-Fantasy schließlich auch beschrieben werden. Letztlich ist es für die Handlung egal, ob die Person, die im Hintergrund Schafe hütet, ein Erwachsener oder ein Kind ist – aber wenn es ein Kind ist, wird damit dem Leser die Welt noch ein bisschen näher gebracht, ohne dass eine langatmige Ausführung hinsichtlich Kinderarbeit notwendig ist.

In aktuellen High Fantasy Romanen tauchen meiner Meinung nach Kinder nur deswegen so selten als Statisten auf, weil insgesamt nur wenige Statisten vorhanden sind. Werden wir Autoren nicht immer gemahnt, uns auf die wesentlichen plotrelevanten Aspekte einer Geschichte zu beschränken, um eine Geschichte nicht zu ausschweifent zu schreiben? Ist es nicht erwünschtes Ziel, alles unnötige wegzulassen?
Du streust Salz in (m)eine offene Wunde. ;D Die Frage ist: Was ist für eine Geschichte wichtig? Ich bin eine erklärte Gegnerin dieses durchökonomisierten Stils, bei dem "Geschichte" auf "Plot" reduziert wird, und "Plot" sich auf "Hauptplot + max. zwei Nebenplots" beschränkt. Es gibt extremere und weniger extremere Beispiele dafür – umgekehrt will ich keine seitenlangen Landschaftsbeschreibungen lesen.

Deine Beispiele gefallen mir sehr gut. :)

Allein durch spezifische Bezeichnungen lassen sich in meinen Augen Details unterbringen, ohne die Geschichte aufzublähen. Natürlich ist das eine Frage des Stils, aber ich persönlich mag es nicht, wenn eine Geschichte nur aus Plot besteht. Für mich liegt der Reiz von High-Fantasy darin, dass ich als Autorin eine Welt erfinde oder als Leserin in eine fremde Welt eintauche, da bin ich bei @Guddy.

Sorry für's Off Topic, aber ein (mir) wichtiger Punkt fällt mir dazu noch ein: Ich habe von einer Studie gelesen, in der festgestellt wurde, dass Naturbegriffe immer stärker aus der Literatur verschwinden und dass auch die Spezifität der Begriffe abnimmt. Sprich: Bäume werden seltener erwähnt – und wenn, dann ist der Baum immer häufiger einfach nur ein Baum, keine Buche und erst recht keine Rot- oder Hainbuche. Ich habe das Gefühl, dass dasselbe mit anderen Begriffen passiert. Das finde ich schade, obwohl (und weil) es das (Un-)Wissen der Mehrheit widerspiegelt; denn dadurch verzichten Autoren nicht nur auf spezifische Bedeutungen, sondern auch auf den charakteristischen Klang, gängige Assoziationen und metaphorische Bedeutungen der Worte. "Rotbuche" wirkt eben anders als "Winterlinde", selbst wenn der Leser keine Ahnung hat, wie diese Bäume aussehen.

Man kann zum Möbelbau einen Stuhl mit der Kettensäge zuschneiden oder einen barockschwülstigen Thron anfertigen. Ich will weder das eine noch das andere, aber gängige Schreibempfehlungen sind mir eindeutig zu nah an der Kettensägen-Variante.  :d'oh:

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