Hallo zusammen!
Mein erster ernstzunehmender Testleser (ein Arbeitskollege) hat mir eine ganze Liste von Sachen gegeben, die er unverständlich, schlecht formuliert usw. findet. Das ist super. Nur, ein paar seiner Anmerkungen kann ich nicht nachvollziehen, deshalb die Frage an die Runde, ob Ihr es auch so seht.
Und zwar geht es um ein Wort und eine Form, die er ganz seltsam findet.
1.
ZitatPolizisten hatten dem Entführer eines Kindes Schmerzen angedroht, um das Opfer möglichst schnell und vor allem lebend zu finden, ohne zu wissen, dass der arme Junge zu der Zeit bereits tot war. Dass der feige Kindermörder sich hinterher erfolgreich als Opfer hatte gerieren können, war wohl den meisten Menschen, die den Fall in den Medien verfolgt hatten, sauer aufgestoßen.
Sein Kommentar:
gerieren
Keine Ahnung wo du dieses Wort her hast, ist für mich ein Klugscheisserwort, hab ich vorher noch nie gehört.2.
Zitat"Also" hub Jackie an. "Ich werdet es mir nicht glauben, weil, ich glaub es ja selbst nicht. ..."
Sein Kommentar:
hub Jackie an
hub an? Stimmt wahrscheinlich, aber hört sich einfach doof an.Also die Frage an Euch:
Findet Ihr das Wort gerieren auch so klugscheißerisch bzw. völlig unbekannt? Und ist "hub an" eine doofe Formulierung?
Ich finde das recht normal, aber ich bin selbst nicht ganz normal, von daher... ;)
Danke schon mal für jeglichen Input!
Also, gerieren kantne ich bis jetzt auch nicht, Duden kennt das zwar (grade mal nachgeguckt), aber ich fände da auch ein Synonym (ausgeben, darstellen, auftreten) besser verständlich. Es sei denn, du möchtest ganz bewusst so "bildungsaffin" formulieren, dann könntest du es stehen lassen. Aber die Mehrheit wird es nicht kennen, denke ich und unter Umständen sogar einen Rechtschreibfehler vermuten (generieren)
Hub an ist schon sehr veraltet, denke ich, würde ich also auch nicht unbedingt empfehlen zu benutzen ;)
Mir sind beide Wörter nicht aus dem "normalen" Sprachgebrauch bekannt. Unter "gerieren" kann ich mir ohne Dudenhilfe gar nichts vorstellen, statt "hub" würde ich "hob" nehmen, weil das einfach gebräuchlicher ist. "Hub" klingt mir sehr altertümlich, vom Kontext her kommt mir das unpassend vor.
Was mich am zweiten Satz allerdings noch mehr stört als das "hub" ist das fehlende Komma nach dem "Also". ;)
Hm. Also der Duden bezeichnet "gerieren" tatsächlich als "bildungssprachlich". Ich kenne es zwar, bin aber trotzdem ein klein wenig darüber gestolpert; ich würde es wohl eher in Fachtexten erwarten (und verwenden), oder im journalistischen Zusammenhang, aber nicht unbedingt in einem erzählenden Text (es sei denn, in der wörtlichen Rede einer Figur, zu der das passt).
Was das "hub an" betrifft, empfinde ich es als etwas veraltet (oh, ich sehe gerade, der Duden sieht das genauso). Es klingt für mich daher in modernen Texten fehl am Platz und unfreiwillig komisch. Grundsätzlich bin ich immer sehr dafür, auch alte Wörter und Wendungen im aktiven Sprachgebrauch zu erhalten, wo es geht, aber es muss eben auch stimmig sein. "hub an" klingt für mich auch immer ein wenig pathetisch-salbungsvoll und passt damit auch sicher nicht zu jeder Situation bzw. Erzählerstimme.
[EDIT] Ich tippe zu langsam. :P
gerieren: Nie gehört. Aus dem Zusammenhang wird zwar klar, was gemeint ist, ich würde es dir vermutlich aber auch anstreichen. Es klingt... na ja, klugscheißerisch trifft es gar nicht mal so schlecht ;)
Wenn dein Text eher auf gehobenes Publikum abzielt und du dauern hochgestochene Ausdrücke verwendest, passt es rein, ansonsten würde ich es ändern.
hub an: Klingt schauerlich. Heißt es nicht, wenn überhaupt, "hob an"? Kommt aber für mich zumindest sehr altmodisch rüber.
edit: Ich tippe auch zu langsam ;)
Ich schließ mich Pygmalion an. Bei gerieren musste ich es auch erstmal googlen (und schon google lieferte mir Ergebnisse für generieren). Sofern du Unterhaltungsliteratur schreiben willst, würde ich daher eher davon abraten.
Zu "hub an" sagt duden.de (http://www.duden.de/rechtschreibung/anheben) auch, dass es veraltet ist und "hob an" besser wäre. Vom Gefühl her fände ich auch, dass es sehr altertümlich klingt.
(Edit: ich tippe auch entschieden zu langsam :rofl: )
Jetzt führe ich ganz einfach mal an, dass sowohl "sich gerieren als" und "hub an" für mich ganz normale Wörter sind. Nicht im Alltagswortschatz, aber im Rede- und Schreibwortschatz. Ich fühle mich alt. :D
Bei den ersten beiden Sätzen stört mich eher die Satzlänge und die an die Grenze zum Verschwurbelten gehende Grammatik. Setz da mal lieber die stumpfe Axt an und töte ein oder zwei Kommata zugunsten von Punkten. Dann stört auch das ungewöhnliche Verb nicht mehr. Zu viele Stilmittel auf einen Haufen sind leider tödlich.
Zum Zweiten solltest du "hub er an" nur in einem stark altertümlich geprägten Kontext nehmen. Alternativ kann "hub" in dieser Bedeutung auch in der wörtlichen Rede kommen, um die Personensprache eines Charakters schnell und deutlich zu prägen. Aber als Inquit-Formel, wie du das hier gebraucht hast, ist es zu stark. Da lenkt die Stärke des Wortes und der Beugung von der einfach nur klärenden Aufgabe des Wortes ab.
Ich hoffe, ich habe dich nicht zu sehr über-kluggeschissen?
--Thea
Die dieses Problem oft in ihren Rohtexten hat. Bei mir hat sich mal ein Redakteur beschwert, er bräuchte bei meinen Texten immer ein Fremdwörterlexikon. Ich musste ihm freundlich zurückgeben, dass alle Leute in meiner Umgebung aus dem FF wissen, was ein Tarp (oder traditioneller: eine Persenning) ist. Nur er nicht ... ich glaube, ich habe zu viele Bundis und Seeleute in der Bekanntschaft. Also - Klugscheissen ist relativ.
Okay, okay, Ihr habt mich überzeugt!
Danke für die vielen Reaktionen!
Also werde ich das "gerieren" durch "aufspielen" ersetzen, genau das bedeutet es letztlich hier. Nur, daß "aufspielen" für mich eher das primitivere Verhalten trifft (Türsteher Hakan und so), "gerieren" dagegen die zivilisiertere Form (in dem Fall juristisch).
Und "hob an" ist nicht dasselbe wie "hub an". Er hob einen Teppich an (um drunterzukucken), aber er hub zu einer Rede an. Aber wenn gleich so viele sagen, das ist unverständlich/unpassend, dann muß auch was dran sein. Ich kann ja "setzte Jackie an" schreiben.
Oh, das Komma! Ja, Ryadne, das ist so ein Ding. Ich lese so viel, aber mir ist nie aufgefallen, daß vor Dialogauszeichnungen ein Komma (nach dem Dialogteil) kommt. Muß ich alles noch nachziehen, und dabei überseh ich immer ein paar Stellen.
Übrigens hab ich auch in den wörtlichen Reden "du, sie, ihr" etc. klein geschrieben, weil ich dachte, ich als Autor spreche ja niemanden direkt an. Eine Kollegin hat dann mit mir darüber diskutiert, ich hab in den nächsten Romanen nachgeschaut, Mist! Hab ich auch schon alles geändert. Hoffenlich alles...
Zitatdie Satzlänge und die an die Grenze zum Verschwurbelten gehende Grammatik
Das ist aber schön formuliert. :)
Puh, naja, das ist eigentlich noch harmlos. Da sind ganz andere Dinger drin.
Übrigens sagt mir ein Tarp auch nix. Da hätte ich an ein Tier gedacht. :D
Persenning, okay, irgendwas mit Booten oder Schiffen. Bin doch bayrischer Schluchtensch...er!
Zitat von: Sascha am 06. Februar 2014, 21:34:07
Und "hob an" ist nicht dasselbe wie "hub an". Er hob einen Teppich an (um drunterzukucken), aber er hub zu einer Rede an.
Da widerspricht dir der Duden (http://www.duden.de/rechtschreibung/anheben) ;)
Zitat
Beispiel:
sie hob (veraltet hub) an[,] zu singen
[...]
3 [mit einer Tätigkeit o. Ä.] beginnen
Grammatik
Präteritum veraltet: hub an
Gebrauch
gehoben
Beispiele
von Neuem zu sprechen anheben
der Gesang hob an
Wobei ich da aber auch "setzte Jackie an" schöner fände, weil es nicht so gestelzt klingt.
Zitat von: Sascha am 06. Februar 2014, 21:34:07
Also werde ich das "gerieren" durch "aufspielen" ersetzen, genau das bedeutet es letztlich hier. Nur, daß "aufspielen" für mich eher das primitivere Verhalten trifft (Türsteher Hakan und so), "gerieren" dagegen die zivilisiertere Form (in dem Fall juristisch).
Was hältst du denn von "inszenieren"? Das wäre für mich eine Form die nicht diesen leicht proletenhaften Einschlag wie "aufspielen" hätte, aber auch für jeden ohne Dudenhilfe verständlich sein sollte.
Ich kenne und mag beide Wörter, allerdings auch eher aus dem leicht ironisch-gehobenen Zusammenhang. Ich halte es schon für eine andere Sprachebene als die, die in den gängigen Unterhaltungsromanen sonst benutzt wird. Gerade in direkter Nähe zu etwas so Umgangssprachlichem wie dem Weil-Satz mit Hauptsatzstellung wirkt der Kontrast schon fast komödiantisch. ;)
Allerdings bedaure ich es durchaus, dass solche Wörter immer weniger Einsatzmöglichkeiten finden und wohl nach und nach verschwinden werden.
LG
Thali
Ich verwende solche Wörter ständig. Das ist stilbildend, wie das "Sie sollten sich calmieren!" in Demolition Man.
Besonders witzig finde ich das Verwenden von Fachtermini an Stellen, wo man diese absolut nicht erwartet. Das setzt Akzente.
@ Churke: Wenn es in den Gesamtzusammenhang passt, würde ich mich an solchen Ausdrücken auch nicht stören, aber ich würde es arg nervig empfinden, alle zwei Seiten im Fremdwörterduden nachzuschlagen, obwohl mein Wortschatz gar nicht der schlechteste ist ("gerieren" kannte ich auch nicht und dachte zuerst auch an "generieren", was wenig Sinn gehabt hätte).
Ich hatte bei meinem Roman Testleser, die sind auch über Wörter wie "Usurpator" oder "Mär" gestolpert, die mir persönlich relativ geläufig waren und die in das mittelalterliche Setting sogar ganz gut reingepasst haben. Ich denke, da muss einem einfach ein gewisser Spagat gelingen, je nachdem, wen man speziell als Zielgruppe ansprechen will.
Als Autor soll man sich nicht wichtig machen wollen, aber auch nicht vor der Leserschaft kapitulieren. Wortschatz wächst durch Gebrauch, nicht durch Vermeidung.
Bin gerade mal ein Kapitel durchgegangen:
Heterochromie (habe ich aus X-Men ;D ),
fertilisieren (habe ich aus dem Fernsehen)
aristotelische Hermeneutik
Erythroprotein ("EPO")
ionisierende Strahlen
taktische Kernwaffen (auch bekannt als "Atombomben")
Kochylgewebe (selbst erfunden)
Zitat von: Churke am 07. Februar 2014, 12:25:57
Als Autor soll man sich nicht wichtig machen wollen, aber auch nicht vor der Leserschaft kapitulieren. Wortschatz wächst durch Gebrauch, nicht durch Vermeidung.
Genau so soll es sein.
Meiner Meinung nach könntest du "gerieren" drin behalten. Ich war mir auch nicht sicher, was das Wort heißt, obwohl ich ihm schon begegnet bin, aber die Bedeutung erschließt sich ja aus dem Kontext. Als Autor schlägt man andauernd Wörter nach, warum sollte man das als Leser nicht auch tun? ich machs jedenfalls gerne.
Ich hoffe, dein Testleser hängt sich nicht ausschließlich an Wörtern auf, die er nicht versteht. Der Kommentar vonwegen "Klugscheißerwort" macht mich ja fast böse. Das ist doch ein bisschen ignorant. :( Sorry, musste ich loswerden. Ich kenne den Menschen ja nicht und es gehört nicht ins Thema.
Puh, da wird ja fleißig weiterdiskutiert.
Also, Dahlia, der Duden ist natürlich die Referenz, aber mein Sprachgefühl weicht da ab. Ich kenne dieses "hub an" eben speziell, wenn jemand zum Reden ansetzt. Und gefühlsmäßig ist es für mich mit so einem tiefen Durchatmen/Luftholen verbunden. Vllt. bringe ich das auch noch in den Text.
traumfängerin, das "inszenieren" war mir auch noch eingefallen. Oder in dem Fall sogar eher "in Szene setzen". Ich glaub, das paßt tatsächlich am besten, eben, weil's nicht so prollig ist.
Thaliope, die Dame, die da spricht, ist vom horizontalen Gewerbe. Da gibt's zwar sicher auch sehr gebildete, die Jackie ist aber eher ein einfaches Mädchen. Und der Kontrast war durchaus gewollt.
Lothen, wenn jemand "Usurpator" oder "Mär" nicht kennt, da hätte ich auch kein Erbarmen. Der soll sich ruhig erst mal etwas bilden. ;)
Churke, Du bist sicher ein Fan vom Leben des Brian, oder? :D Aber Du hast völlig recht. Wenn wir Schreiberlinge uns immer auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einschießen, verbrechen wir bald nur noch Texte auf BLÖD-Zeitungs-Niveau.
Und absinthefreund, na ja, er hat öfters mal Probleme mit meinen Ausdrücken. Hab mal irgendwann in einer Mail über einen Kunden geschrieben "cave canem", da hat er überlegt, von was für einer Höhle (englisch cave) ich fasele. :rofl:
(Als ich dann später mal "cave serpentem" geschrieben hab, hat er schon gar nimmer nachgefragt. ;D )
Aber immerhin, andere haben einfach drüber weggelesen, und ich habe ja hier gesehen, daß er schon irgendwie recht hatte. Und da wir uns seit gut 15 Jahren kennen, darf er das schon mal etwas direkt sagen.
Ich kenne beide. "sich gerieren" würde ich als gehobene Sprachebene betrachten, und "hub an" (laut meinem Gefühl und Online-Duden ;D gibt es die Form ebenso wie "hob an", vermutlich ist sie veraltet) würde ich als dichterisch-episch betrachten. Ich würde sie in meinem Text vermutlich nur als "Figurentext" verwenden, also in direkter Rede oder wenn sich Vokabular, das der Perspektiventräger verwendet, im Text niederschlägt.
@ Churke: Ich denke, es gibt einen Unterschied zwischen Fach-Chinesisch (wie in deinem Fall) und Begriffen, die in die Sätze eingewoben werden und über die man beim Lesen unbeabsichtigterweise stolpert, weil sie es einem erschweren, den Satz an sich zu verstehen (s. "gerieren"). Wenn ich "Dr. House" sehe verstehe ich auch 80 % der medizinischen Fachbegriffe nicht ;) Ich denke, das ist dann schon okay - und ja auch durchaus beabsichtigt.
Ich würde unterscheiden, wie wichtig die Wörter sind. "Usurpator" und "Mär" sind für das Buch/Genre einfach zu wichtig, die muss man kennen oder sich eben nachschlagen.
Verben, die ungeläufig sind, würde ich gerade im Krimi (?) eher nicht verwenden. Je nachdem, was Deine Zielgruppe genau ist.
Ich denke auch, dass das ein ganz starkes Altersproblem ist: Thea hat Abitur und studiert (einige andere auch! so war das nicht gemeint), und da ist sie vermutlich mit Leuten in Berührung gekommen, die das ganz selbstverständlich benutzen und hat sich diese Wörter ganz natürlich angeeignet.
Wer dagegen andere Fächer studiert hat, bei Leuten mit anderer Mentalität Vorlesungen hatte oder nicht studiert hat und keinen Lateinunterricht gehabt hat, wird sich mit solchen Wörtern schwerer tun.
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Wenn es nicht zu oft vorkommt, kannst Du solche Wörter aber auch im Text erläutern lassen. Beispielsweise hat der Kommissar vielleicht in mehreren Situationen jemanden dabei (Kollegen, Praktikanten, aufdringlichen Journalisten, trauernden Hinterbleibenen), der das Wort nicht kennt.
Daraus kann man einen Running Gag machen oder aber Konfliktpotential schöpfen (beispielsweise, wenn der Kollege des Kommissars oder der Hinterbliebene häufig ein Problem haben, den K zu verstehen und Spannungen aufgrund eines unterschiedlichen gesellschaftlichen Hintergrunds u.a. in solchen sprachlichen Dingen transportiert werden).
Falls jedoch beides nicht passt, musst Du Dich sprachlich etwas zurücknehmen falls Du ein breites Publikum ansprechen willst.
Ich finde es für Krimis ungewöhnlich, mit potentiell eher nachzuschlagenden Wörtern zu arbeiten, aber ob das ein Hindernis oder ein Alleinstellungsmerkmal ist, weiß man vorher nie.
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Außerdem finde ich es schwer, bei Deinem Projekt die Thematik einzuschätzen. Das erste Wort fällt für mich eher unter "Spezialvokabular", das zweite dagegen kann man in meinen Augen durchaus verwenden (den Hinweis mit "hob an" statt "hub an" finde ich sehr gut).
So kann ich natürlich nur schwer wissen, ob sich Dein Testleser eher an Wörtern der zweiten Kategorie stößt oder der ersten.
Hi Fianna!
Sicher, ist immer zielgruppenabhängig. Und eigentlich möchte ich grad auch jüngere Leute mit dem Buch erreichen. Deshalb habe ich diese Worte ja auch nun ersetzt.
Ist manchmal echt nicht ganz einfach einzusehen, daß Worte, die einem selbst ganz normal vorkommen (und eben eine ganz spezielle Bedeutung haben, die gerade an dieser Stelle exakt paßt), für andere völlig unbekannt sind und den Leser aus dem Tritt bringen.
Hier war es der Erzähler, der ja keine bestimmte sprachliche Charakterisierung hat. Da konnte ich es also leicht ändern.
Wo anders ist es aber eine Person, die eben "ihre" Sprache hat. Und ein Professor, der sich gegen die Kirchen engagiert, benutzt z.B. ganz selbstverständlich das Wort "säkular". Auch darüber ist mein Testleser gestolpert, obwohl ich es gleich im selben Satz halbwegs erkläre:
"Unser angeblich so säkularer Staat, in dessen Grundgesetz die Trennung zwischen Staat und Kirche schon ausgesprochen halbherzig festgeschrieben ist, ..."
Und ja, der soll so geschraubt/verschachtelt reden. ;)
Die Thematik in meinem Projekt ist auch nicht ganz einfach. Es ist an sich ein Krimi mit Fantasy-Elementen, da ist aber auch einiges an Gesellschaftskritik mit drin (Herrje, klingt das jetzt hochtrabend.). Das Thema Religion und Aberglaube wird auch durchaus ernsthaft behandelt.
Ich hab inzwischen sogar schon Fußnoten mit eingebaut, die Erläuterungen zu einigen Punkten bringen. Klingt erst mal nach NoGo in einem Unterhaltungsroman, oder? Aber ich habe das schon in Büchern der richtig Großen gesehen (ich glaube u.a. auch von Terry Pratchett), also kann es nicht grundsätzlich ganz böse sein.
Und es geht fast nicht ohne. Sonst denkt der Leser an einigen Stellen, ich hätte mir was aus den Fingern gesaugt, was (leider) vollkommen real ist.
Ich sehe da jetzt richtig vor mir, wie einigen die Haare zu Berge stehen. ;D
Nun ja, das Gesamtecho war bis jetzt aber (auch bei meinem nicht so Fremdwort-affinen Kollegen) recht positiv; also mal sehen, was noch ein paar andere Testleser sagen.
Ach so, @Lothen: Stimmt schon, das ist im Prinzip ja auch der Unterschied zwischen "säkular", einem dort einfach nötigen Fremdwort, und "gerieren", über das der Leser ohne Not stolpert.
Zitat von: Sascha am 09. Februar 2014, 21:37:04
Ach so, @Lothen: Stimmt schon, das ist im Prinzip ja auch der Unterschied zwischen "säkular", einem dort einfach nötigen Fremdwort, und "gerieren", über das der Leser ohne Not stolpert.
Ich sehe das anders. Diese "Klugscheißerwörter" sind meist keine simplen Synonyme, sondern haben Konnotationen und Bedeutungen, die etwas im Text transportieren. "Gerieren" heißt nicht "sich aufspielen"sondern "auftreten, sich als jmd., als etw. zeigen", es ist also schwächer und feinsinniger, geht mehr in Richtung Hochstapelei.
Wenn man solche Worte meidet, verliert die Sprache an Ausdrucksstärke.
Zitat von: Sascha am 09. Februar 2014, 21:37:04
Auch darüber ist mein Testleser gestolpert, obwohl ich es gleich im selben Satz halbwegs erkläre
Das ist doch wieder mal typisch. Alle meckern an den Kirchen herum, besonders an der katholischen, aber das Wort "säkular" kennt man nicht. Übrigens bedeutet "säkular" nur "weltlich". Die Trennung von Staat und Kirche ist "laizistisch". :versteck:
Zitat von: Sascha am 09. Februar 2014, 21:37:04
Ich hab inzwischen sogar schon Fußnoten mit eingebaut, die Erläuterungen zu einigen Punkten bringen. Klingt erst mal nach NoGo in einem Unterhaltungsroman, oder? Aber ich habe das schon in Büchern der richtig Großen gesehen (ich glaube u.a. auch von Terry Pratchett), also kann es nicht grundsätzlich ganz böse sein.
Doch.
Pratchett nutzt es nicht zu Informationszwecken, die meisten Fußnoten haben rein humoristosche Zwecke und sind vom informationsgehalt relativ überflüssig.
Stroud (Bartimäus-Reihe) nutzt es als Anmerkungen des Dämons zu der alternativen Realität, die er geschaffen hat.
Bei dem was Du erzählst, klingt es aber so, als sollten die Fußnoten Fremdworte erklären oder Wissensdefizite füllen - also zu unserer normalen Welt, nicht zu der alternativen Variante von Dir.
In so einem Fall sind Fußnoten für mich nicht vertretbar.
Es fällt Leuten immer schwer, zu akzeptieren, dass nicht alle Leser alle Anspielungen oder auch nur Facetten erfassen, aber das ist nur normal, weil jeder Mensch andere Interessen und damit einen anderen Wissenshintergrund hat. Jemand, der meine historischen Anspielungen nicht begreift, versteht vielleicht vollkommen eine technische/physikalische/naturwissenschaftliche Stelle, die ich als Autor selbst mit Berater immer noch nicht ganz durchschaue.
Das ist eben so, auch bei Sprache.
Und wenn es wirklich rein um Fremdworte geht (so wirkt das gerade zumindest) würde ich von Fussnoten in jedem Falle absehen. Da muss der Autor den Spagat zwischen dem Ideal, wie er sich den Text vorstellt, und dem, was die größte Menge an Menschen versteht, finden.
Zitat von: Sascha am 09. Februar 2014, 21:37:04
Und es geht fast nicht ohne. Sonst denkt der Leser an einigen Stellen, ich hätte mir was aus den Fingern gesaugt, was (leider) vollkommen real ist.
Dafür ist das Nachwort da.
Falls Du außer solchen Dingen (=Nachwort) und Fremdwörtern also nichts für Fussnoten hast, würde ich davon absehen.
Zitat von: Sascha am 09. Februar 2014, 21:37:04
Nun ja, das Gesamtecho war bis jetzt aber (auch bei meinem nicht so Fremdwort-affinen Kollegen) recht positiv; also mal sehen, was noch ein paar andere Testleser sagen.
Nunja, sie lesen etwas und sollen ein Feedback geben, natürlich finden sie Fussnoten da super. So wissen sie, worum es geht und können Deinen Wunsch nach einer Rückmeldung erfüllen.
Aber hätten sie auch ein Buch gekauft, wenn sie den Autor nicht kennen, das sich in dieser Form präsentiert? Ein Buch, dass sie nicht lesen "müssen" weil es einer ihrer Freunde geschrieben hat?
Das steht auf einem anderen Blatt.
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Ich finde, man kann "gerieren" auch anders übertragen, "sich als etwas darstellen" oder "sich inszenieren" - letzteres wäre mein erster Vorschlag gewesen, als ich den Thread zu lesen begann, aber dann ging die Diskussion ja doch etwas vom Wort-Ersatz weg.
Zitat
"Also" hub Jackie an. "Ich werdet es mir nicht glauben, weil, ich glaub es ja selbst nicht. ..."
Bin ich eigentlich die einzige, bei der sich die Zehennägel bei dieser Formulierung aufrollen?! :o Wenn Du schon eine recht gehobene Sprache nimmst, dann bitte auch hier. Andernfalls würde Jackie nämlich auch nicht anheben, sondern sagen. ;)
Zumal es hoffentlich laut Duden nach wie vor falsch ist - sonst suche ich mir umgehend eine neue Muttersprache!
Nur zum Verständnis: "Weil etwas so ist", aber "denn es ist so".
Altertümliche Wörter? Immer gerne, wenn sie in den Kontext passen. Falsche Grammatik? Bitte nicht! :bittebittebitte:
chaosqueen, ich steh auf dem Schlauch. Was ist daran falsch? "ich glaub es ja selbst nicht" ist doch ein Einschub, der nach dem Weil korrekt abgetrennt ist, und nach dem es dann normal mit dem Satz weiter geht.
Das "weil" ist der Fehler. Ganz abgesehen vom Stilbruch, der mit "hub an" (Hochsprache) beginnt und mit "weil, ich glaub" abgeschlossen wird.
Ich hatte das unter "Erzähler ist gebildet, sprechende Person nicht" abgelegt. Solche Dinge kann man eigentlich nur am vollständigen Text richtig verbessern beziehungsweise anmerken und glätten.
--Thea
Ich zitier mal Sascha auf meine diesbezügliche Anmerkung weiter oben:
Zitat
Thaliope, die Dame, die da spricht, ist vom horizontalen Gewerbe. Da gibt's zwar sicher auch sehr gebildete, die Jackie ist aber eher ein einfaches Mädchen. Und der Kontrast war durchaus gewollt.
Der Weil-Satz mit Hauptsatzstellung ist ein umganssprachliches Phänomen, über das sich schon viele Sprachwissenschaftler graue Haare haben wachsen lassen ;)
Zitat von: chaosqueen am 10. Februar 2014, 12:49:24
Bin ich eigentlich die einzige, bei der sich die Zehennägel bei dieser Formulierung aufrollen?! :o
Nein, bist du nicht ;)
Diesen krassen Stilbruch zwischen Text und wörtlicher Rede finde ich auch zum davonlaufen und habe es nur nicht angesprochen, weil ich nichts näheres über die Figur wusste und hier keine (Off Topic) Diskussion lostreten wollte. Immerhin hat sich dann auch herausgestellt, dass es Absicht ist.
Gefallen braucht es uns deswegen ja nicht, es wird ja keiner zum Lesen gezwungen. ;)
Wow! Da hab ich ja mal 'ne Diskussion losgetreten.
Okay, also der Reihe nach:
@ Churke: Ja, ich bin ja auch der Meinung, daß man feine Unterschiede auch ausdrücken soll, wenn es schon Worte dafür gibt. Es bringt aber andererseits auch nichts, wenn ich den Leser völlig aus dem Fluß bringe, weil er erst mal googeln rennt, was das nun bedeutet. Ich denke mit "sich in Szene setzen" hab ich einen ganz guten Ersatz gefunden.
Zu säkular vs. laizistisch: Frankreich oder die Türkei sind laizistisch (na gut, in der Türkei wird's grad wieder aufgeweicht). Deutschland ist nur halbwegs säkular. Die Kirchen haben offiziell in der Politik nichts zu sagen, pfuschen aber munter dauernd rein. Im GG ist eben recht halbherzig so was wie eine Trennung zwischen Staat und Kirche festgeschrieben, man gibt sich säkular (die meisten Staaten Europas werden so bezeichnet). Laizismus ist eher die reine Lehre, quasi das Gegenstück zum Gottesstaat am anderen Ende der Skala. Vielen ist Deutschland nicht säkular genug (mir auch), ohne daß sie es gleich übertreiben wollen (Ich als Atheist fand den berüchtigten Kruzifix-Streit bei uns in Bayern ziemlich lächerlich). Leider ist man aber ziemlich parteiisch, muslimischen Lehrerinnen will man das Kopftuch verbieten, aber christliche Lehrer dürfen ruhig das Kreuz um den Hals tragen.
Aber ich glaube, das geht jetzt zu weit weg vom Thema dieses Forums...
Wichtig ist hier: Deutschland ist nie und nimmer laizistisch, aber eben leidlich säkular.
@Fianna: Die Idee mit den Fußnoten kam auf, als ich Kommentare bekommen habe wie:
- "Ich mußte erst mal googeln, was das ist. Und ich hab X Leute gefragt, keiner kann was mit dem Begriff anfangen." Gemeint war hier der "Bible Belt".
- "Das hab ich noch nie gehört, das wird der Leser als haltlose Unterstellung abtun." Hier ging es um einen SEK-Einsatz, nur weil jemand den Aufstand kritisiert hatte, der um Ratzinger gemacht wurde. Bayrische
Realsatire.
- "Was ist mit Uganda?
Eat da poo poo, muß man das kennen?" Ich weiß nicht, wie viele hier gleich wissen, welchen Irrsinn ich anspreche.
Und es hieß, daß man völlig aus dem Text fliegt, wenn man nicht weiß, worum es da geht.
Nun, das will ja nun auch keiner: Den Leser aus dem Text werfen, weil der nicht weiß, wovon der Autor faselt. Zwar habe ich immer versucht so zu formulieren, daß man sich zumindest das Wichtigste aus dem Zusammenhang zusammenreimen kann. Aber bei diesem Testleser reichte das nicht.
Und mit Gewalt eine ausführliche Erklärung in den Text zu quetschen, das ist erst recht bäh.
Ich meine, wenn jetzt die nächsten Leute sagen "Was soll der Quatsch? Man merkt doch, worum's geht!", dann schiebe ich alles wieder ins Nachwort (wo es auch mal war).
Oh, ähm, ja, Pratchett nutzt es nicht erklärend, sondern humoristisch, hast ja recht.
Ich selbst gehöre ja auch zu den Lesern, die dem Autor mal ein paar Zeilen oder auch Seiten Zeit geben, sowas aufzuklären...
Na ja, es ist ein Experiment mit den Fußnoten, die können wie gesagt auch wieder ans Ende/ins Nachwort verschoben werden.
Übrigens: Das Wort "säkular" per Fußnote zu erklären, da hab ich mich denn doch geweigert. Das käme so dermaßen nach "Lieber dummer Leser, ich erklär Dir mal was!" rüber. :(
Mal sehen, ich hab schon das nächste Opfer in der Firma gefunden. Abwarten, ob die das auch ohne Fußnoten soweit schnallt.
@die anderen: Und dann noch zu meinem grammatikalischen Verstoß gegen die Genfer Konvention:
Ich hab nun mal verschiedene Typen in der Story. Da ist der Uni-Professor, der Detektiv, aber eben auch die kleine Hure spielt mit. Und jeder spricht nun mal irgendwie anders. Die Situation spielt auch eine Rolle.
Mir wurde z.B. dann vorgehalten, daß der Detektiv (ein Ex-Soldat mit Abi) so unnatürlich und gestelzt redet, wenn er was erklärt, in anderen Situationen aber ganz "normal". Aber für mich ist es normal, in einer Kneipe anders zu reden als am Flipchart, wenn man Sachzusammenhänge darstellt. Deshalb hab ich es nur da geändert, wo mir selbst aufgefallen ist, daß der Satz zu lang und verschachtelt ist. Ich erinnere an Theas schönen Ausdruck:
Zitatan die Grenze zum Verschwurbelten gehende Grammatik
Also, ja, die Kombination aus dem Weil-Satz und dem einleitenden "hub an" war schon arg krass, ich fand es zur Situation passend (die Ihr ja nicht kennt), aber nun hab ich das eh umgeschrieben.
Ich möchte auch zu bedenken geben:
1. Meine Testleser haben sich nicht wie Ihr schon lange mit der Schriftstellerei beschäftgt oder gar schon veröffentlicht.
2. Ich selbst schreibe zwar schon lange, aber das sind auch gerade die ersten ernstgemeinten, kritischen Reaktionen, die ich auf ein Buch von mir bekomme. Da wird man schon schnell noch unsicher.
Deswegen bin ich ja hier, um professionellere Kritik zu bekommen! ;)
Das Problem mit den wechselnden Sprachebenen habe ich auch. Ich habe es mir sogar angetan, zwei zweisprachige Protagonisten (Deutsch und Arabisch) zu haben. Spricht der Araber deutsch, so drückt er sich gewählter aus als in seiner Muttersprache, spricht die Deutsche arabisch, tut sie das Gleiche: Umgangssprachliches Deutsch, Arabisch in Hochsprache. Meine Überlegung ging dahin, dass man abgesehen von personenbezogenen "Standardfehlern", in einer Fremdsprache immer überlegter formuliert als in der Muttersprache.
Und wisstewas? Niemandem, wirklich niemandem, außer meiner besten Freundin und der Lektorin, ist der ständige Wechsel der Bezugsebenen aufgefallen. Nur waren beide meine Charaktere sehr gebildete Menschen und deshalb den übelsten Abgründen einer Lokalgrammatik nicht zugeneigt. Die schwankende Sprachqualität war erstens allgegenwärtig und zweitens zu subtil gehandhabt.
Auf der anderen Seite kann es aber auch passieren, dass die Wechsel der Sprachebenen zu hart und wie gewollt, aber nicht gekonnt wirken. Das kann man aber wirklich nur am ganzen Text festmachen, nicht an ein paar aus dem Zusammenhang gerissenen Sätzen.
Der Protagonist und seine Nebendarsteller müssen immer sie selbst bleiben. Ein oder zwei Zitate in Vulgärsprache, gut. Der bayrische Protagonist übt Plattdeutsch, um in Schleswig-Hollstein als Einheimischer durchzugehen und zieht das durch - perfekt.
Der Protagonist red mit seiner Omma inner Oberpfalz in Pfälzerisch, spricht mit seinem Vorgesetzten in förmlichen Tönen und hängt abends etwas entspannter in der Kneipe rum - das geht. Aber dann muss irgendwo Kontinuität sein. Die Wortwahl, die Grammatik oder einfach die dahinterliegende Gedankenebene muss dem Leser das Gefühl geben, dass es sich trotz der ständigen Sprachwechsel immer noch um die gleiche Person handelt. Die Gratwanderung ist schwierig, und ich hadere bei jedem neuen Buch mit genau diesen Problemen. Zum Glück habe ich ein paar Leute in der Hinterhand, die über sehr viel instinktives Sprachgefühl verfügen und mir tote Tauben postwendend zurückschicken. Meist mit dem Kommentar: "Mir ist klar, was du meinst, aber ich kenne dich schon 20 Jahre. Deine Leser haben diesen Vorteil nicht."
Zuletzt muss ich aber noch die Tintenzirkel-Keule schwingen: Wir sind kein Textkritikforum, sondern ein Forum übers Schreiben. Da ist ein kleiner Unterschied, wie du sicherlich aus diesem Thread herauslesen kannst. :ätsch:
--Thea
Hey Thea!
ZitatZuletzt muss ich aber noch die Tintenzirkel-Keule schwingen: Wir sind kein Textkritikforum, sondern ein Forum übers Schreiben. Da ist ein kleiner Unterschied, wie du sicherlich aus diesem Thread herauslesen kannst.
Der Thread hat sich auch wesentlich mehr verselbständigt, als ich das erwartet hatte. Meine Ursprungsfrage, denke ich, paßte hierher.
Und das mit der Kritik bezieht sich auf später, wenn ich mich "hochgearbeitet" habe, und auch Testleser suchen darf. Das ist ja noch lang hin, schätze ich. Vorerst bin ich jetzt mal wieder am Buch meines Kollegen, der im Vergleich zur vorigen Version einiges verbessert hat. Da hatte er die Kommas noch mit dem Salzstreuer verteilt und solche Scherze. Oh, und er hat jetzt auch Fußnoten drin! :rofl:
Wenn ich das erledigt habe, schau ich mal, ob ich mich hier schon nützlich machen kann. Irgendwann ja auch als Testleser, aber da muß ich mich dann noch belesen, wie es dabei so zugeht.
Zitat von: Sascha am 10. Februar 2014, 20:21:53
@Fianna: Die Idee mit den Fußnoten kam auf, als ich Kommentare bekommen habe wie:
- "Ich mußte erst mal googeln, was das ist. Und ich hab X Leute gefragt, keiner kann was mit dem Begriff anfangen." Gemeint war hier der "Bible Belt".
- "Das hab ich noch nie gehört, das wird der Leser als haltlose Unterstellung abtun." Hier ging es um einen SEK-Einsatz, nur weil jemand den Aufstand kritisiert hatte, der um Ratzinger gemacht wurde. Bayrische Realsatire.
- "Was ist mit Uganda? Eat da poo poo, muß man das kennen?" Ich weiß nicht, wie viele hier gleich wissen, welchen Irrsinn ich anspreche.
Und es hieß, daß man völlig aus dem Text fliegt, wenn man nicht weiß, worum es da geht.
[...]
Aber bei diesem Testleser reichte das nicht.
[...]
Das ist nicht das Problem des Autors, sondern des Lesers. Er gehört nicht zu der (anscheinend doch deutlich angesprochenen) Zielgruppe, also kann er damit nüscht anfangen.
Dann muss der Autor sich überlegen, ob er a) die Zielgruppe zu eng gefasst hast (also wirklich nicht viele Menschen das verstehen) oder er mit diesem Testleser einfach Pech gehabt hat oder b) das Ganze allgemeingültiger formulieren sollte. Es haben ja auch nicht alle Figuren in einem Manuskript immer dasselbe Wissen über alles. Da kann man sowas gut mit den Fragen/Erklärungen der Charaktere klären.
Besonders überlegene oder spezialisierte Figuren haben deshalb einen Sidekick, der solche Erklärungen fortlaufend einfordert (Holmes seinen Watson, ein spezialisierter Ermittler hat dann einen Anfänger oder ein Fachberater einen normalen Cop zur Seite etc).
Zitat von: Sascha am 10. Februar 2014, 20:21:53
Und mit Gewalt eine ausführliche Erklärung in den Text zu quetschen, das ist erst recht bäh.
Wer braucht denn eine ausführliche Erklärung zum Bible Belt? Da reicht ein Satz. Gleiches gilt für den Rest, da muss man nicht alles drüber wissen, eine knappe Verortung reicht.
Hast Du eigentlich recherchiert oder nachgelesen, um das Buch zu schreiben? (Falls Du verneinen willst: nicht mal eine Jahreszahl, einen Ort oder einen Begriff nachgeschlagen?)
Ich gehe mal davon aus, dass die Antwort darauf "Ja" lautet ;) deswegen fahre ich direkt mit der nächsten Frage fort: wenn Du als Autor recherchieren/nachlesen musst, warum soll der Leser dann sofort alles in der vollen Tragweite wissen und begreifen können?
Ich kenne dein Manuskript nicht, aber bei dir könnte beides eine Baustelle sein (natürlich ist es in der Wirkung miteinander verknüpft): einerseits zu enge Fokussierung auf eine Zielgruppe mit bestimmtem spezifischen Hintergrundwissen, andererseits eine zu starke Anreicherung des Textes mit Anspielungen und Fachbegriffen, die nicht zur Allgemeinbildung gehören.
Zitat von: Sascha am 10. Februar 2014, 20:21:53
Ich meine, wenn jetzt die nächsten Leute sagen "Was soll der Quatsch? Man merkt doch, worum's geht!", dann schiebe ich alles wieder ins Nachwort (wo es auch mal war).
Lass Dich doch von
einem Feedback nicht so verwirren! Ein einziges Feedback ist null aussagekräftig. Wenn es danach geht, ist meine Lieblingsnovelle entweder Nobelpreiswürdig oder stinklangweilig - je nachdem welchen Testleser ich als Maßstab nehme.
Zum Glück habe ich weitere Meinungen abgewartet, bevor ich meine Dankesrede einstudiert bzw. das Manuskript verbrannt habe ;)
Zitat von: Sascha am 10. Februar 2014, 20:21:53
Mal sehen, ich hab schon das nächste Opfer in der Firma gefunden. Abwarten, ob die das auch ohne Fußnoten soweit schnallt.
Ich halte es für unklug, die Testleser aus einem so relativ engen Kreis zu nehmen. Warum nimmst Du nicht ein geschlossenes Textkritik-Forum
(vorsicht, viele Foren sind öffentlich einsehbar, auch in diesen Teilen, und das will man nicht, dann gilt Dein Text als verbrannt in der Verlagswelt!) oder nutzt die Betaleser-Börser des TiZi? Dann kannst Du gezielt Feedback von Deiner Zielgruppe finden anstatt von zufällig ausgewählten Menschen, die Du von der Arbeit kennst und die unklugerweise gestanden, dass sie selbst schreiben oder gerne Krimis lesen... da ist es Glückssache, ob die in die Zielgruppe des Manuskripts passen (das scheint ja etwas speziell zu sein, "Krimifreund" hilft da als Kriterium nicht - falls Du dein nächstes Opfer überhaupt unter diesem Gesichtspunkt ausgesucht hast).
Lieber genau die Zielgruppe mal lesen lassen und dann eventuell die absolut unerklärte Darreichungweise geschickt auflösen.
Es gibt einen Unterschied zwischen "Fakten/Anspielungen vor den Latz knallen" und "erstmal seitenlang erklären" ;)
Der Unterschied zwischen Erzählsprache und Dialogsprache ist ohnehin interessant (gibt es dazu schon ein Thema?), hierbei wäre jedoch am interessantesten, was für eine Erzählart Du hast. Auktorial oder personal?
Okay, wenn das Mädel so spricht, dann ist nichts gegen den falschen Satzbau mit "weil" einzuwenden - sofern sie denn insgesamt im Text eine eher einfache, nicht immer grammatikalisch ganz korrekte Sprache verwendet, wäre es vermutlich sogar seltsam, wenn sie hier korrekt formulierte, denn gerade "weil das ist so" ist ja im Deutschen inzwischen salonfähig und viele wissen nicht mal mehr, dass es falsch ist.
Ich gebe meinen Figuren auch unterschiedliche Stimmen, arbeite mit Elisionen und Auslassungen, aber ich gebe mir Mühe, die Grammatik nicht zu sehr zu verbiegen - oder so sehr, dass es hoffentlich auch dem dümmsten Leser auffällt, dass da was nicht stimmt. ;D Ich möchte später nicht als Beispiel für die Verschleifung der Sprache hinzugezogen werden (wobei das immerhin bedeuten würde, dass ich überhaupt mal etwas veröffentliche, das dann auch noch Bestand hat - hehre Ziele! ;D).
Die weiteren Beispiele, die Du nennst, fallen für mich alle unter "müsste ich nachgucken". Wenn Du aber im Text so weit darauf eingehst, dass Du nicht vom Leser erwartest, dass er alles weiß, sondern die Figuren selber recherchieren oder sich darüber unterhalten, so dass der Leser zumindest die Grundinfo hat, dass es da etwas gibt, das einen realen Bezug hat und das man recherchieren kann, dann dürfte das kein Problem sein.
Du scheinst ein ehrgeiziges Projekt am Wickel zu haben, in dem auch weniger geläufige politische Probleme zur Sprache kommen. Bleib dabei, aber sorg dafür, dass die Leser am Ende wissen, worum es geht. Ich werfe gerne als Beispiel Khaled Hosseini in den Raum, der seine Geschichten in einem zerstörten und dem Wahnsinn (bzw. den Taliban) anheim gefallenen Afghanistan spielen lässt und mir mehr über die Vorgänge dort beigebracht hat, als jede Nachrichtensendung es konnte. Und ganz ohne Fußnoten und Erklärungen, die nicht in den Kontext passten.
Zitat von: chaosqueen am 14. Februar 2014, 23:21:09
Okay, wenn das Mädel so spricht, dann ist nichts gegen den falschen Satzbau mit "weil" einzuwenden - sofern sie denn insgesamt im Text eine eher einfache, nicht immer grammatikalisch ganz korrekte Sprache verwendet, wäre es vermutlich sogar seltsam, wenn sie hier korrekt formulierte, denn gerade "weil das ist so" ist ja im Deutschen inzwischen salonfähig und viele wissen nicht mal mehr, dass es falsch ist.
Ich weiß, ehrlich gesagt, grad gar ned, ob ich sie sonst auch auf schlechtes Deutsch gesetzt hab. Aber als Akademikerin erscheint sie sonst auch nirgends, da bin ich mir sicher.
Zitat von: chaosqueen am 14. Februar 2014, 23:21:09
Ich gebe meinen Figuren auch unterschiedliche Stimmen, arbeite mit Elisionen und Auslassungen, aber ich gebe mir Mühe, die Grammatik nicht zu sehr zu verbiegen - oder so sehr, dass es hoffentlich auch dem dümmsten Leser auffällt, dass da was nicht stimmt. ;D Ich möchte später nicht als Beispiel für die Verschleifung der Sprache hinzugezogen werden (wobei das immerhin bedeuten würde, dass ich überhaupt mal etwas veröffentliche, das dann auch noch Bestand hat - hehre Ziele! ;D).
Ich geb Dir mal ein ganz berühmtes Beispiel, wobei ich natürlich nicht weiß, ob er im Original was ähnliches tut.
Zur Zeit (wenn ich mal zu allem anderen zu schlapp bin) lese ich "Doctor Sleep" von Stephen King. Und bei dem kommt (vom Erzähler, nicht in wörtl. Rede!) dauernd was wegen dem Dativ und nicht wegen des Genitivs. :wums:
Möglich, daß gleichzeitig Übersetzer
und Lektor schlecht sind, aber ich denke, da wird irgendwas nachgebildet, was King auf englisch macht. Und der Typ war mal Englischlehrer!!!!111einself
Zitat von: chaosqueen am 14. Februar 2014, 23:21:09
Die weiteren Beispiele, die Du nennst, fallen für mich alle unter "müsste ich nachgucken". Wenn Du aber im Text so weit darauf eingehst, dass Du nicht vom Leser erwartest, dass er alles weiß, sondern die Figuren selber recherchieren oder sich darüber unterhalten, so dass der Leser zumindest die Grundinfo hat, dass es da etwas gibt, das einen realen Bezug hat und das man recherchieren kann, dann dürfte das kein Problem sein.
Ich wollte eigentlich heute eh schon hierhin schreiben, daß wir den Thread mal beenden können. Hab mit Fia noch eine Diskussion per PN weitergeführt, aber das mit den Fußnoten gehört ja eigentlich nimmer hierher.
Sei's drum.
Ich will den Leser schon zur Recherche anregen, muß ihn aber gleichzeitig soweit innerhalb der Geschichte informieren, daß er bei der Stange bleibt, ohne dabei vor lauter Information in den Oberlehrermodus zu rutschen. Ich versuch noch mal, das nötige Minimum an Infos besser in der Story unterzubringen, den Rest liefere ich im Nachwort als eine Art Faktenliste. Die hab ich eh drin, da wandert dann halt doch einiges wieder rein.
Zitat von: chaosqueen am 14. Februar 2014, 23:21:09
Du scheinst ein ehrgeiziges Projekt am Wickel zu haben, in dem auch weniger geläufige politische Probleme zur Sprache kommen. Bleib dabei, aber sorg dafür, dass die Leser am Ende wissen, worum es geht.
Oh ja, ehrgeizig ist vorsichtig ausgedrückt. Das Schwierige ist ja auch, die Aussagen und Infos nicht plump mit dem Holzhammer anzubringen. Da ist eig. meine größte Sorge dabei.
Zitat von: chaosqueen am 14. Februar 2014, 23:21:09
Ich werfe gerne als Beispiel Khaled Hosseini in den Raum, der seine Geschichten in einem zerstörten und dem Wahnsinn (bzw. den Taliban) anheim gefallenen Afghanistan spielen lässt und mir mehr über die Vorgänge dort beigebracht hat, als jede Nachrichtensendung es konnte. Und ganz ohne Fußnoten und Erklärungen, die nicht in den Kontext passten.
Nie gelesen, aber klingt so, als sollte ich das nachholen. Erst recht, da mein Haupt-Prota ein Ex-Soldat ist, dem der Irrsinn in Afghanistan schwer auf den Magen geschlagen hat. Es ist nicht direkt das Thema, da laß ich die Finger weg. Aber es prägt ganz gewaltig seine Einstellung zu religiösen (und auch antireligiösen) Fanatikern.
So, nun möchte ich das Thema aber gerne für beendet erklären, bevor die große :pfanne: kommt, weil solche Diskussionen hier nix zu suchen haben. Mal sehen, vllt. melde ich mich bzgl. Fußnoten/Nachwort-Problematik noch mal im Workshop. Ein alter Fußnotenthread existiert ja schon. Aber vorher bau ich mal ein bißchen rum, wie ich's am vernünftigsten hinbekomme.
Vielen Dank an alle, die ihre Gedanken beigesteuert haben! :winke: