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Autor Thema: Sensitivity Reading  (Gelesen 500 mal)

Offline Siara

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Sensitivity Reading
« am: 13. März 2021, 11:29:49 »
Hey ihr Lieben,

da es noch keinen gibt, mache ich mal einen Thread zum Thema Sensitivity Reading auf. Ich selbst habe bisher noch keine Erfahrungen damit, deswegen würden mich eure umso mehr interessieren. Mittlerweile ist es ja nicht mehr ganz so unbekannt, aber für alle, die den Begriff zum ersten Mal hören, vorab mein Verständnis davon. (Falls was nicht stimmt, lasse ich mich gern korrigieren).

Was ist Sensitivity Reading?
Sensitivity Reading wird wichtig, wenn man als Autor Figuren aus einer marginalisierten Menschengruppe schreibt, der man selbst nicht angehört. Sei es, als Weißer eine nicht-weiße Figur zu schreiben, als cis Person eine trans Person, als jemand ohne Behinderung eine Person mit Behinderung, als Autor ohne psychischen Erkrankungen eine Figur mit einer solchen oder als heterosexueller Autor eine homo-/bi-/.../asexuelle Figur. Der erste Schritt ist natürlich immer eigene Recherche, und das Internet bietet dahingehend mannigfaltige Möglichkeiten. Aber auch wenn man sich alle Mühe gibt, können versehentlich trotzdem Stereotype oder anderweitig schädliche Darstellungen zustandekommen. Ein Sensitivity Reader ist eine Person, die der betreffenden Gruppe angehört und sich mit der Thematik tiefer beschäftigt hat. Er prüft den Text, um solche schädlichen Darstellungen zu vermeiden, und gibt Tipps, was verbessert werden sollte. Dieser Dienst ist in der Regel kein Freundschaftsdienst und auch kein einfaches Betalesen. Da es Fachwissen erfordern und außerdem für den Sensitivity Reader belastend sein kann, wenn verletzende Darstellungen gewählt wurden, fallen Kosten an.

Soweit mein Bild davon. Wenn es aber konkret wird, bin ich ziemlich aufgeschmissen und habe deswegen ein paar Fragen, die sicher auch für andere interessant sein können. Ich reihe die einfach mal als Grundlage für diesen Thread auf, aber natürlich darf auch anderweitig zum Thema diskutiert werden.

Brauche ich immer einen Sensitivity Reader, wenn ich eine Figur aus einer marginalisierten Gruppen schreibe?

Wo finde ich einen zuverlässigen Sensitivity Reader?

Wie läuft das Ganze ab?
Gibt es die Möglichkeit, den Sensitivity Reader schon in den Schreibprozess mit einzubeziehen, um am Ende nicht alles umwerfen zu müssen, falls Dinge falsch dargestellt sind? Oder liest er die Texte erst am Ende? Wie ist das Vorgehen? Ist es mit einem Lektorat mit speziellem Augenmerk auf die betreffende Darstellung vergleichbar?

Wie viel kostet Sensitivity Reading in etwa? (Was sind angebrachte Preisspannen?)

Falls man das Projekt schon in einem Verlag untergebracht hat, übernimmt der Verlag unter Umständen die Kosten?

Gibt es Alternativen für Autoren, die sich den Dienst nicht leisten können?

Welche Erfahrungen habt ihr bisher damit gemacht? Gibt es sonst noch etwas zu beachten?
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Offline Evanesca Feuerblut

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Re: Sensitivity Reading
« Antwort #1 am: 13. März 2021, 11:53:57 »
Ich habe schon SR machen lassen und selbst SR gemacht, daher mal ein paar Perspektiven:

Brauche ich immer einen Sensitivity Reader, wenn ich eine Figur aus einer marginalisierten Gruppen schreibe?

Es kommt darauf an. Ich bin so sensibilisiert, dass ich von mir aus gesagt habe, als "R0mEO und Julz" auf einmal eine Hauptfigur hatte, die sowohl Schwarz als auch trans ist "Okay, ich habe weder von der Lebensrealität von trans Jungen noch von Schwarzen Menschen in Deutschland irgendeine Ahnung, Recherche führt mich nur so und so weit, ich brauche da DRINGEND Leute, die sich das anschauen."
Allerdings handelt es sich bei mir um
- eine Hauptfigur
- einen der zentralen Perspektivträger (bis auf eine Ausnahme werden alle Kapitel aus der Sicht von zwei Personen erzählt, für Person 2 bin ich Own Voice)
- ein Contemporary Setting, das in einer grob undefinierten Jetzt-Zeit vor Corona spielt (sodass reale Marginalisierungserfahrungen in der Gesellschaft eine Rolle spielen und den Charakter beeinflussen).
Das waren für mich die Punkte, die ausschlaggebend waren.

Wo finde ich einen zuverlässigen Sensitivity Reader?

Ich habe SR für die trans Aspekte auf Twitter gefunden und bin aktuell noch auf der Suche nach einem zweiten SR, das konkret die Intersektion "trans männlich" und "Schwarz" im Blick haben kann. Generell ist Twitter eine gute Anlaufstelle und die Wahrscheinlichkeit kleiner als auf Facebook, erstmal drölf unqualifizierte Replies à la "Deine Geschichte, deine Fantasie, lass den Scheiß" zu lesen.
Einige Leute, die SR anbieten, haben hier ein Profil: https://sensitivity-reading.de/
Allerdings gibt es auch eine Menge Leute, die SR anbieten, aber nicht auf der Homepage gelistet sind.

Wie läuft das Ganze ab?
Gibt es die Möglichkeit, den Sensitivity Reader schon in den Schreibprozess mit einzubeziehen, um am Ende nicht alles umwerfen zu müssen, falls Dinge falsch dargestellt sind? Oder liest er die Texte erst am Ende? Wie ist das Vorgehen? Ist es mit einem Lektorat mit speziellem Augenmerk auf die betreffende Darstellung vergleichbar?


Kommt auf die spezifische Situation an.
Bisher habe ich SR nur für den Gesamttext in Anspruch genommen, also in Form von "Text ist in Rohfassung fertig und ich erhalte eine Mischung aus spezialisiertem Lektorat und E-Mails mit Denk- und Rechercheanregungen".
Aber ich hatte bereits auch die Form "Chatgespräch, um zu evaluieren, ob das ausgedachte Setting jüdische Repräsentation überhaupt gut händeln könnte und welche Einschränkungen es gibt" und die Form "Ich erzähle in einem bezahlten Skype-Call ein wenig über das jüdische Leben in Deutschland, gebe kleine Einblicke in die Situation beispielsweise in Berlin und brainstorme Möglichkeiten, wie dies gut in die Geschichte einzubauen ist."
Im Prinzip geht alles, was vereinbart wurde.

Wie viel kostet Sensitivity Reading in etwa? (Was sind angebrachte Preisspannen?)

Mein Stundensatz liegt aktuell bei 55€/Stunde und ist damit eher im niedrigen Bereich. Da sind Arbeitsausfälle, weil mich ein Text triggern und für mehrere Tage außer Gefecht setzen könnte, mit eingerechnet
Zitat
Weil es sich bei einem Sensitivity Reading um eine Form der Textarbeit handelt, bei der ein Text auf Themen geprüft wird, die für mich potentiell traumabehaftet und emotional aufwühlend sind.
Andere Leute machen das auf Spendenbasis, gratis oder auf "Gegenleistungsbasis", also "Du bei mir SR, ich designe dir ein Cover" oder je nachdem, was vereinbart wurde.
Es gibt da also keinen Consens, aber grundsätzlich sollte SR bezahlt werden - die Person, die es gratis anbietet, macht das aus Idealismus.

Falls man das Projekt schon in einem Verlag untergebracht hat, übernimmt der Verlag unter Umständen die Kosten?

Dazu kann eventuell @DunkelSylphe was sagen, ich habe bisher nicht mit Verlagen gearbeitet und "R0mEO und Julz" soll im SP erscheinen.

Gibt es Alternativen für Autoren, die sich den Dienst nicht leisten können?

Dienstleistungstausch geht eigentlich immer. "Du machst mir ein Sensitivity Reading und ich bastle dir ein Cover, das ungefähr den gleichen Wert in Arbeitsstunden hat", beispielsweise. Oder wenn Person A SR zu Thema A anbietet und Person B zu Thema B, kann man das auch tauschen. Da gibt es Möglichkeiten.

Welche Erfahrungen habt ihr bisher damit gemacht? Gibt es sonst noch etwas zu beachten?

Ich hatte tierisches Muffensausen, aber bekam dann das Prädikat "Schon sehr viel richtig gemacht und die häufigsten Fehler schon mal nicht reproduziert, gemeckert wird auf hohem Niveau". Wie beim normalen Lektorat auch, ist es generell wichtig, dass die Kommunikation okay ist und die Chemie stimmt. Manche Leute können nicht gut zusammenarbeiten, weil die Arbeitsweisen zu verschieden sind. Das ist okay.

Wichtig ist, wie bei jeder Form von Textdienstleistung:
- Steckt vorher bitte alles in den Text, was ihr könnt (Ja, gerade bei trans Themen ist die Recherche auf Google absolut mistig und komplett unnütz, aber Own Voice Sachbücher lesen und ein paar Leute z.B. auf Twitter lesen, hilft ungemein, schon mal ein Gefühl für die Gruppe zu bekommen, über die man schreibt und welche No-Gos es da in der Darstellung gibt. Über einiges wird so oft geschimpft, das kriegt man einfach mit, wenn man sich etwas in der Bubble aufhält.)
- Seid so respektvoll wie möglich - packt das Buch nicht mit Slurs und Gewalt voll und schickt es dann mit einem "Hier, mein Buch, mach mal" ins SR
- Sensitivty Reading kann triggern, kann retraumatisierend sein und für die Person, die es anbietet, emotional zum Risiko werden - Aushandeln von Consent und Grenzen ist wichtig (ich weigere mich beispielsweise, Texte im SR zu übernehmen, die autobiografisch/biografisch sind - sie müssen fiktiv sein, sonst kann ich den emotionalen Abstand gerade bei Antisemitismus nicht einnehmen und ich brauche dringend eine Vorwarnung in Bezug auf antisemitische Gewalt)

Sonst fällt mir gerade nichts ein, da gäbe es bestimmt noch mehr zu wissen.
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Offline DunkelSylphe

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Re: Sensitivity Reading
« Antwort #2 am: 18. März 2021, 23:44:09 »
Das sind eine Menge Fragen hier. Ich kann nicht gerade auf alle eingehen, aber weil @Evanesca Feuerblut gefragt hat, ob Verlage Sensitivity Reading übernehmen, will ich das mal beantworten @Siara.

Aus meiner Erfahrung gibt es schon Verlage, die das machen, klein wie groß. Es kommt jedoch noch nicht allzu häufig vor und wird meist als "Panikreaktion" gebucht, etwa, wenn Blogger*innen beim Vorablesen Problematisches anmerken. Dagegen buchen viel öfter Auto*innnen bei mir und anderen, entweder als SPler oder weil ihnen das Thema persönlich wichtig ist, sie es als Weiterbildung begreifen. Selbst finde ich das aber nicht richtig, Autor*innen bezahlen ja auch in der Regel nicht das Lektorat. Wenn Verlage also Bücher herausbringen, in denen sensible Themen drinstecken, und wenn sie diese sensiblen Themen extra vermarkten, dann ist es nur richtig, dass die Autor*innen entsprechendes Personal an die Seite gestellt bekommen.

Was das angeht, ist die Szene noch in der Entwicklung. Ich will zukünftig auf jeden Fall versuchen, auszuhandeln, dass ich Sensitivity Reading bei entsprechenden Projekten vom Verlag bekomme, und weiß, dass das auch einige andere schon tun.
Man braucht die Dunkelheit, um stärker leuchten zu können.

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