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Das Maskeraden-Paradoxon

Begonnen von AlpakaAlex, 26. August 2021, 16:52:25

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AlpakaAlex

Als Urban Fantasy Autor wollte ich einmal zu einem der großen Diskussionsthemen in der Urban Fantasy Szene einen Thread eröffnen, weil es mich interessieren würde, was ihr darüber denkt.

Urban Fantasy arbeitet ja häufig mit einer Maskerade: Also die magischen Aspekte der Welt werden geheim gehalten. Auf der Meta-Ebene dient dies dazu, dass man sich vorstellen kann, dass es tatsächlich unsere Welt ist und wir nur einfach nicht fähig sind - wegen der Geheimhaltung - diese magischen Aspekte wahrzunehmen, solange wir nicht selbst magisch sind (oder durch vertrackte Umstände in die Welt hineingezogen werden, wie es so manch einer*m Protagonist*in passiert).

Allerdings stellt sich häufig dabei eine Frage: Warum wird eigentlich die magische Welt geheim gehalten? Die häufigste Begründung ist: "Weil es gefährlich wäre, es nicht geheim zu halten. Bla-Laber-Bla, Hexenverbrennung." Allerdings ... so richtig macht diese Begründung häufig keinen Sinn, weil einzelne Magier*innen nicht selten ein Machtlevel erreichen können, das einer halben Armee entspricht. Ganz zu schweigen von all jenen Urban Fantasy Welten, wo es neben Magier*innen auch noch Gottheiten gibt, die unter den Menschen wandeln. Also ist die Frage wirklich: Warum?

Es gibt halt häufiger ein paar vage Ideen. Eine der häufigsten habe ich schon genannt: Hexenverbrennung. Allerdings macht diese häufig keinen Sinn als Begründung. Zum ersten, weil es eine sehr lokale Sache war, die Maskerade aber sehr global ist. Zum zweiten, weil sich eigentlich echte Hexen laut den Regeln vieler Welten wehren können sollten (und es sogar in einigen Geschichten sehr erfolgreich getan haben). Zum anderen, weil es fast immer so ist, dass noch explizit gesagt wird, dass bei der Hexenverbrennung mindestens genau so viele nicht-magische Menschen draufgegangen sind, wie magische. Es macht also wirklich keinen Sinn.

Dann gibt es och ein paar andere Ideen: Irgendeine Instanz/Behörde/irgendein Wesen besteht auf die Geheimhaltung. Eigentlich sind Menschen mächtiger, als magische Wesen. Es gibt einfach so viel mehr normale Menschen, als magische Wesen, weshalb sie den zahlenmäßigen Nachteil hätten ... Irgendwie so etwas ist häufig die Begründung. Na ja, das oder di*er Autor*in macht es sich ganz leicht und sagt: "Nicht-magische Menschen können Magie einfach nicht wahrnehmen."

Prinzipiell: Was haltet ihr davon?
Denkt ihr, dass es einfach auf der Meta-Ebene so etabliert ist, dass man sich da keine weiteren Gedanken machen müsste?
Oder stört es euch schon?
 

Mondfräulein

Das ist ein echt spannendes Thema!

In letzter Zeit erwische ich mich immer mehr dabei, dass ich diese Frage damit löse, dass ich einfach darauf verzichte. Urban Fantasy, in der jeder von Magie weiß, eröffnet zum einen dieses Problem überhaupt nicht, zum anderen hat man dadurch mehr Spielraum beim Weltenbau. Holly Black macht das meiner Meinung nach wirklich brilliant (besonders in der Curse Workers Reihe und The Coldest Girl In Coldtown). Wie die magischen Elemente mit unserer Welt interagieren würden ist ein unheimlich spannender Gedanke und wenn ich Magie prinzipiell geheim halte, beraube ich mich dieser Möglichkeit. Gerade weil ich so viel Spaß mit dieser Art von Weltenbau habe, frage ich mich also immer mehr: Warum möchte ich Magie in meinem Buch geheim halten? Warum sollte ich als Auto dieser Entscheidung treffen? Denn ja, vielleicht wirkt das Buch dadurch realistischer, aber ich könnte auch Vampir-Influencer auf Instagram haben, die Eistee mit Hibiskus-Blutorange-Geschmack verkaufen. Und realistisch ist Fantasy ja sowieso nicht. Auf der anderen Seite habe ich "Oh, Magie existiert und ich habe gerade davon erfahren! Ich bin ja so überrascht!" schon so oft gelesen, dass es nicht mehr allzu spannend ist.

Es stimmt auch, dass die Erklärungen dafür oft schnell in sich zusammenfallen. Zum einen ist es ein ziemlich regional gedachtes Konzept. Es wirkt ziemlich unrealistisch, dass sich alle magischen Wesen auf der ganzen Welt einig sind, dass ihre Existenz geheim bleiben sollte. Selbst wenn sie sich innerhalb von Europa geeinigt haben und das einigermaßen hinbekommen (denn Ausreißer und Leute, die sich nicht an die Regeln halten, gibt es immer, außerdem macht das ganze Konzept schon irgendwie erpressbar), was wenn man in Japan auf einmal entscheidet, dass man sich offen zeigen möchte? Was sollen sie tun?

Für mich funktioniert hat es im Raven Cycle von Maggie Stiefvater. Magie ist hier gerade abstrakt, subtil und selten genug, um zu glauben, dass nur wenig Leute von ihr wissen. Und es gibt auch viele, die von Magie wissen und offen darüber reden, aber die meisten, die noch nie mit Magie zu tun hatten, glauben einfach nicht daran. Das Konzept würde in anderen Büchern mit anderen Magiesystemen aber nicht funktionieren.

Es st schon realistisch, dass die meisten magischen Wesen eine glaubhafte Motivation hätten, ihre Magie geheim zu halten. Aber in so einem Fall braucht es eben nur eine Ausnahme, die der Welt beweist, dass es Magie gibt, schon fällt das alles in sich zusammen. Oder würden die Leute das einfach nicht glauben, wenn es selten genug vorkommt? Auf jeden Fall ist es nicht unrealistisch, dass die meisten Magie eher geheim halten wollen, es ist eher unrealistisch, dass es davon keine Ausnahmen gibt, die das ganze System in sich zusammenfallen lassen.

Ich denke, in vielen Fällen funktioniert das Buch trotzdem. In den meisten Büchern habe ich die Erklärungen geschluckt und akzeptiert, dass einfach niemand von Magie weiß. Es stört mich selten. Aber als Autorin frage ich mich, was ich davon überhaupt habe. Spare ich mir da nicht eine Menge Aufwand? Naja, wahrscheinlich nicht, denn dadurch muss ich auch genauer über den Weltenbau nachdenken. Aber macht es meine Welt wirklich spannender, wenn alles genauso ist wie jetzt und niemand von Magie weiß? Oder könnten einige Geschichten nicht auch davon profitieren, wenn jeder von Magie weiß? Macht das viele Geschichten nicht sehr viel spannender?

Wildfee

Wenn ich mir all die Verschwörungsfuzzis angucke und deren abstruse Ideen, sehe ich da überhaupt kein Problem  ;D

Mal ehrlich: Wenn es Magie/Gestaltwandler/etc. gäbe, würde es als Spinnerei abgetan oder als gute Maskenbildnerei oder Spezialeffekte.

Von daher überlege ich bei Urban Fantasy nicht, ob die Maskerade und deren Gründe schlüssig erklärt sind oder gut herausgearbeitet sind. Wenn die jetzige Gesellschaft die Blaupause für die fiktionale Gesellschaft ist, darf diese sehr leicht an der Nase herumzuführen sein.

Oder anderes gesagt: Wenn es heutzutage Leute gibt, die an Reptiloiden, Hohlerde und Raumschiffe hinterm Mond glauben, ist es doch ziemlich schlüssig, wenn die Gesellschaft im Urban Fantasy Roman Magie/Gestaltwandler/etc. nicht wahrnimmt oder nicht sehen will.


Archibald

Zitat von: NelaNequin am 26. August 2021, 16:52:25

Urban Fantasy arbeitet ja häufig mit einer Maskerade: Also die magischen Aspekte der Welt werden geheim gehalten. Auf der Meta-Ebene dient dies dazu, dass man sich vorstellen kann, dass es tatsächlich unsere Welt ist und wir nur einfach nicht fähig sind - wegen der Geheimhaltung - diese magischen Aspekte wahrzunehmen, solange wir nicht selbst magisch sind (oder durch vertrackte Umstände in die Welt hineingezogen werden, wie es so manch einer*m Protagonist*in passiert).

Mir fallen da nur Beispiele ein, wo die Magiepraktizierenden mentale Magie bewirken, die andere Menschen nicht wahrnehmen können. Viel andere Aspekte der Magie sind aber von allen Menschen wahrnehmbar.


Zitat von: NelaNequin am 26. August 2021, 16:52:25
     

Allerdings stellt sich häufig dabei eine Frage: Warum wird eigentlich die magische Welt geheim gehalten? Die häufigste Begründung ist: "Weil es gefährlich wäre, es nicht geheim zu halten. Bla-Laber-Bla, Hexenverbrennung." Allerdings ... so richtig macht diese Begründung häufig keinen Sinn, weil einzelne Magier*innen nicht selten ein Machtlevel erreichen können, das einer halben Armee entspricht. Ganz zu schweigen von all jenen Urban Fantasy Welten, wo es neben Magier*innen auch noch Gottheiten gibt, die unter den Menschen wandeln. Also ist die Frage wirklich: Warum?

Weil so eine (mehr oder weniger) saubere Trennung nach der Heldenreise möglich ist. "Held betritt andere Welt). Bei einigen Büchern geschieht das tatsächlich physisch (Narnia, Alice im Wunderland), bei anderen, insbesondere bei Urban Fantasy (Harry Potter, Benedict Jacka, Aaronovitch, Hearne), "versteckt" sich die Welt der Magie in der Regel. Ich denke, es geht darum, dass man dieses "zwei Welten" Modell erhalten möchte. Ist Magie hingegen alltäglich (die Magiebegabten verstecken sich nicht) wie z.B. im Erdsee-Zyklus, Tolkien oder bei Rothfuss, ergeben sich andere Settings. Vielleicht finden es machen AutorInnen reizvoller, vielleicht ist diese Separierung (magische Welt vs. mundane Welt  aber auch dem damaligen Zeitgeist geschuldet. Hier denke ich an Alice im Wunderland. (Liebe Eltern: Natürlich weiß ich, dass dass alles Quatsch ist, deswegen habe ich für das Seelenheil der Kinder fein säuberlich getrennt, in das, was Fantasie ist und in das, was Realität ist).

Vor- und Nachteile haben beide Herangehensweisen. Eine geheimgehaltene Welt besitzt den Vorteil, dass sich die mundane Welt nicht an ihr reiben muss. Eine völlige Durchdringung/Akzeptanz von Magie könnte sehr schnell auf die "Superhelden"-Schiene herauslaufen.

     
Zitat von: NelaNequin am 26. August 2021, 16:52:25

Prinzipiell: Was haltet ihr davon?
Denkt ihr, dass es einfach auf der Meta-Ebene so etabliert ist, dass man sich da keine weiteren Gedanken machen müsste?
Oder stört es euch schon?

Stören tut mich das nicht. Es hängt davon ab, welche Art von Geschichte erzählt werden soll.

Malou

Ich antworte übers Handy, deswegen ohne Zitate.

Spannend ist das Thema auf jeden Fall und es gab ja auch schon spannende Impulse. Freu mich, zu lesen, was noch so kommt ;)

Mich selbst stört das überhaupt nicht, wenn das getrennt wird. Da ich persönlich Fantasy auch deshalb gern lese, um in andere Welten zu entfliehen, mag ich es, wenn es getrennt wird. Da kann ich leichter eintauchen und sinniere nicht über Manches, was mich von der Story fernhalten könnte (wie ob ich X jetzt logisch finde wenn beides offen koexistiert). Wobei man sich natürlich auch bei dem anderen zurecht viele Fragen stellen kann (wie dein interessanter Thread zeigt), aber das blende ich ein wenig geschickter aus *g*

Als Autorin, die selbst Urban Fantasy schreibt, kann ich dazu noch sagen, dass es für mich tatsächlich leichter ist, es zu trennen. Auch fürs ganze Worldbuilding. Das andere würde einen Haufen Herausforderungen mit sich bringen und da traue ich mich mit meinem ersten Projekt noch nicht ran.
»Ich werde dich nicht töten, Ossian von Cumhaill. Nein, ich werde zusehen, wie du lebst.«.


Amanita

Interessantes Thema.
Grundsätzlich habe ich auch den Eindruck, dass die Maskeraden-Plots häufig logische Schwächen haben, oder sich zumindest sehr platter Methoden wie Vergessenszauber bedienen. Die Begründung mit der Bedrohung durch die nichtmagischen Menschen kann ich allerdings dann gelten lassen, wenn diese a) zahlenmäßig deutlich überlegen und b) durch nichtmagische Waffen verwundbar sind. Bei Harry Potter ist ja beispielsweise a) ziemlich eindeutig gegeben, während auf b) nie eingegangen wurde und die Informationen dazu sind ambivalent. Einmal rettet die Magie sie vor normalen Verletzungen, beispielsweise durch Stürze, dann wieder nicht. 
Wenn es in einem Setting beispielsweise eine relativ geringe Anzahl von Vampiren und Werwölfen gibt, die Menschen töten, aber mit Silber, Pfählen etc. getötet werden können, ergibt es auch Sinn, dass Ausrottungskampagnen gegen sie gestartet wurden, die sie in den Untergrund gezwungen haben.
Wenn sich die Magie "nur" auf Telepathie und ähnliches beschränkt, aber die Magier sonst normale Menschen sind, wäre eine Geheimhaltung auch nachvollziehbar, eventuell noch von Regierungen forciert, die diese Magier dann für ihre Zwecke nutzen wollen.

Grundsätzlich verstehe ich jedenfalls, warum man die Maskerade wählt, wenn man die Geschichte in der realen Welt spielen lassen möchte. Einerseits aus dem schon genannten Grund, dass es dann bis auf die Magie immer noch die reale Welt ist und man das auch gerne so haben möchte und andererseits, weil Magie oder übernatürliche Wesen komplexe Auswirkungen auf Kultur, Religion und wissenschaftlich-technische Entwicklungen hätten, die unter Umständen dazu führen würden, dass die Welt mit der, die wir kennen, nicht mehr viel gemeinsam hat. Wenn man das möchte, hat man es mit einer komplett erdachten Welt einfach viel leichter. Ich stelle es mir jedenfalls extrem schwer vor, eine durch Magie geprägte, reale Welt darzustellen und dabei trotz der hierdurch entstandenen Veränderungen allen Gruppen und historischen Ereignissen wirklich gerecht zu werden.
Wenn dann am Ende sowas rauskommt, wie das Grindelwald für den Zweiten Weltkrieg verantwortlich ist, dann ist das einfach nur  :nöö:
So etwas würde meiner Meinung nach höchstens für eine begrenzte Region, die man sehr gut kennt, funktionieren.

Solmorn

Interessantes Thema!

Diese Art von Maskerade und Geheimhaltung habe ich relativ lange als selbstverständlichen Bestandteil von Urbaner Fantasy wahrgenommen, aber seit einigen Jahren stört es mich immer mehr, wenn es in Geschichten auftaucht. Genau wie @NelaNequin habe ich meistens das Gefühl, dass es einfach keinen Sinn ergibt.
Ich habe bisher genau einmal in einem Roman damit gearbeitet, dass Menschen und alles andere getrennt voneinander leben. Die Begründung war da, dass jede Spezies ihre eigene Welt hatte und von den Magiern und Elben sowieso nur ganz wenige überhaupt in der Menschenwelt gelebt haben. Und da haben sie sich ganz still verhalten, um nicht die Aufmerksamkeit von noch mächtigeren Wesen zu erregen; dadurch haben auch die Menschen nichts von ihnen gewusst, aber das war nicht das Ziel der Maskerade, sondern nur der Nebeneffekt.
Der Grund, warum ich überhaupt mit dieser Trennung gearbeitet habe, war, dass sich dadurch einen größeres Gefühl von Bedrohung ergibt. Die menschliche Protagonistin wird mitten in den Plot hineingezogen und ist umgeben von Leuten, die ganz genau wissen, was Sache ist - für sie selbst ist aber alles neu und feindselig, und sie muss sich erst mühsam erarbeiten, dass sie überhaupt versteht, was um sie herum und mit ihr passiert.

Ansonsten halte ich es auch wie @Mondfräulein und nutze die Chance auf interessanten Weltenbau. Ich finde es einfach plausibler, dass eine alternative Welt, in der Magie* schon immer existiert hat, auch von ihr geformt wurde, und dass Magie* dann auch ein Teil des Alltags ist. Da ergeben sich viel mehr Möglichkeiten, als wenn man sich immer um Trennung und Vertuschung Gedanken machen muss.
*beziehungsweise alles "Übernatürliche", was im Echten Leben nicht existiert

Zitat von: Amanita am 27. August 2021, 07:49:24
Einerseits aus dem schon genannten Grund, dass es dann bis auf die Magie immer noch die reale Welt ist und man das auch gerne so haben möchte und andererseits, weil Magie oder übernatürliche Wesen komplexe Auswirkungen auf Kultur, Religion und wissenschaftlich-technische Entwicklungen hätten, die unter Umständen dazu führen würden, dass die Welt mit der, die wir kennen, nicht mehr viel gemeinsam hat. Wenn man das möchte, hat man es mit einer komplett erdachten Welt einfach viel leichter.
Das finde ich auch einen guten Punkt. Ich würde fast schon so weit gehen zu behaupten, wenn ich ein softes Magiesystem erstelle, das genug Raum für annähernde Allmacht lässt (zum Beispiel bei Harry Potter), dann kann ich nicht mehr Urbane Fantasy schreiben, in der diese Welt mit ihrer ganzen Geschichte und jetzigen Struktur so existiert. Entweder ich bastel dann gleich eine ganz eigene Welt, oder ich schreibe eine alternative Realität mit einer alternativen Geschichte und Struktur. Urbane Fantasy in der Welt, die wir kennen, kann doch eigentlich nur mit einem harten Magiesystem und beschränktem Machtlevel funktionieren, oder? Also sowas wie "nur Telepathie" oder "Vampire und Werwölfe", oder notfalls ein Magiesystem mit großem Machtpotential aber fetten Schwachstellen.
Oder ich muss halt die ganzen Logiklöcher in Kauf nehmen... so wie bei Harry Potter...
"Wenn Klugheit ein verwinkeltes Haus wäre, dann würden diese Leute außen vor der nackten Wand stehen und sich wundern, warum es innen so dunkel ist." - Babaduck, interdimensionaler Parasit (verkatert)

Sommerlilie

Zitat von: Wildfee am 26. August 2021, 17:42:07
Wenn ich mir all die Verschwörungsfuzzis angucke und deren abstruse Ideen, sehe ich da überhaupt kein Problem  ;D

Mal ehrlich: Wenn es Magie/Gestaltwandler/etc. gäbe, würde es als Spinnerei abgetan oder als gute Maskenbildnerei oder Spezialeffekte.

Von daher überlege ich bei Urban Fantasy nicht, ob die Maskerade und deren Gründe schlüssig erklärt sind oder gut herausgearbeitet sind. Wenn die jetzige Gesellschaft die Blaupause für die fiktionale Gesellschaft ist, darf diese sehr leicht an der Nase herumzuführen sein.

Oder anderes gesagt: Wenn es heutzutage Leute gibt, die an Reptiloiden, Hohlerde und Raumschiffe hinterm Mond glauben, ist es doch ziemlich schlüssig, wenn die Gesellschaft im Urban Fantasy Roman Magie/Gestaltwandler/etc. nicht wahrnimmt oder nicht sehen will.

Ich sehe das Ganze ähnlich, wie Wildfee. Wenn man die heutige Gesellschaft als Vorbild nimmt, ist es nicht unwahrscheinlich, dass alle Formen von Magie als Spinnerei abgetan werden würden. Um also zu verhindern als Spinner zu gelten verbirgt man dann eben seine magischen Talente.
Ein zweiter glaubhafter Erklärungsansatz wäre, dass Menschen mit ihnen fremden Gegebenheiten große Probleme haben und diese "Anderen" dann ausgrenzen oder gar verfolgen vor allem wenn die magischen Wesen in der Unterzahl sind. Um das zu verhindern verbirgt man sich.
Und wenn man die Hexenverbrennung als Argument nimmt könnte man eben so argumentieren, dass es eben Einzelne gab die sich an diese Geheimhaltung nicht halten wollten und dann mit dem Leben bezahlten, was Nachahmer davon abhält, dies heute zu tun.
"Du und ich: Wir sind eins. Ich kann dir nicht wehtun, ohne mich zu verletzen." Mahatma Gandhi

Magineer

#8
Wobei ich mich beim unmaskierten Status Quo immer fragen würde, seit wann selbiger existiert, weil das durchaus Auswirkungen auf das Worldbuilding hätte. Wie schon bereits erwähnt wurde, macht die Trennung zwischen magischer und nichtmagischer Welt die Heldenreise einfacher und die Geschichte behält so viel stärker ihren Sense of Wonder bei - wenn ich dagegen davon ausgehen muss, dass sich magische und nichtmagische Wesen schon seit Jahrhunderten miteinander arrangiert haben, dann muss ich (um zumindest im Kontext der Story realistisch zu bleiben) die komplette bekannte Weltgeschichte umwerfen, was mich dann wiederum viel stärker in Richtung High Fantasy drängt.
Es ist m.E. kaum glaubhaft, dass ein offener Umgang mit Magie vor allem in der Vergangenheit den Lauf der Zeit und unsere gesellschaftlichen Strukturen NICHT verändert hätte, seien es durch mit magischen Mitteln geführte Revolutionen/Umstürze, mit denen man früher schneller zur Hand gewesen wäre oder das offene Infragestellen einer christlich oder anderswie religiös motivierten Weltordnung. Damit hätte sich die Welt, wie wir sie kennen, völlig anders entwickelt, zumindest wenn wir annehmen, dass es zu allen Zeiten einen einigermaßen relevanten Anteil an magischen Wesen gab.
Und selbst wenn die Magie an einem vordefinierten Point of Divergence geballt auf den Plan getreten wäre, würden zumindest ab dem Zeitpunkt ihrer Öffentlichmachung relativ schnell globale politische Spannungen entstehen, da so ein Ereignis zuallererst für staatliche Interessen wichtig und je nach Einstellung entweder Risiko, Gefährdung oder Chance wäre.
Wenn ein einzelner Roman auf diese Aspekte fokussiert, ist das vermutlich durchaus richtig spannend, allerdings funktioniert und agiert Urban Fantasy doch zumeist im Kleinen, mit eher persönlichen Geschichten in einem eng definierten gesellschaftlichen Kontext, bei dem eine globale Perspektive von den meist privateren Problemen der Charaktere ablenken würde. Oft gehts ja eben doch nur um das nächste mysteriöse Love Interest  ;) ...
"In the midst of winter, I found there was, within me, an invincible summer." (Albert Camus)

AlpakaAlex

Zitat von: Mondfräulein am 26. August 2021, 17:32:53
Urban Fantasy, in der jeder von Magie weiß, eröffnet zum einen dieses Problem überhaupt nicht, zum anderen hat man dadurch mehr Spielraum beim Weltenbau.
Das Problem dabei ist ja halt immer wieder, dass wenn man eine offene Welt ohne Maskerade hat, man erklären muss, wie lang das schon so ist. Sonst landet man bei demselben Weltenbau-Problem, das Bright hatte: Die Welt ergibt einfach 0 Sinn. In Bright leben ja magische Wesen seit jeher offen unter Menschen, aber dennoch ist es erkennbar unsere Welt, was eben keinen Sinn ergibt. Wenn eine Welt die ganze Zeit offene Magie gehabt hätte, dann hätte sich auch die Weltgeschichte ganz anders entwickelt.

Das ist allerdings auch ein Problem, mit dem ich allgemein zu kämpfen habe. Denn technisch gesehen muss ich mir halt auch immer die ganze Zeit erklären, wieso in meiner Urban Fantasy Welt die Geschichte denn genauso gelaufen ist, wie in der Realität. Sicher, es gab in Europa seit dem 8. Jahrhundert die Maskerade, aber es wird immer wieder Leute gegeben haben, die sich nicht dran gehalten haben - wie es ja uach in den eigentlichen Geschichten immer wieder Leute gibt, die sich nicht daran halten.

Ich meine, was hätte die Götter in den Amerikas denn davon abgehalten, sich einzumischen und die Kolonialisten zu besiegen? Da muss ich eben an der Seite eingreifen und sagen, dass an der Stelle welche von den Kolonialisten mit den Engeln des abrahamistischen Pantheons zusammengearbeitet haben - anders lässt es sich eben nicht erklären.

Urban Fantasy-Weltenbau macht in der Hinsicht einfach oft richtig Kopfschmerzen. Es ist halt eben ein: Man nimmt es hin, weil es zum Konzept des Genre gehört, aber eigentlich tun sich oft viele Fragen und Widersprüche dabei auf.
 

Mondfräulein

Da hast du natürlich recht. Tatsächlich sprichst du da ein Weltenbau-Problem an, vor dem ich gerade erst stand. Ich habe Magier in Deutschland, die eine ziemlich solide Struktur haben. Und dann habe ich über den zweiten Weltkrieg nachgedacht. Einfach so tun, als hätte es den nicht gegeben, will ich nicht, das kommt mir ziemlich problematisch vor. Also habe ich es jetzt so gelöst, dass die Magier erst danach begonnen haben, die strikte Trennung zwischen Mensch und Magier aufzulösen und sich der Welt offener zu präsentieren. Das bedeutet, dass sie immerhin keine Mittäter des Nationalsozialismus waren, aber halt auch nichts gemacht haben, um zu helfen. Die Frage will ich zumindest irgendwann anreißen, ob sie nicht eine gewisse Verantwortung gehabt hätten, hier einzugreifen.

Ich denke, das kommt aber vor allem dann auf, wenn man mit Institutionen arbeitet, die die Macht gehabt hätten, die Geschichte zu verändern. Mein meinen Magiern ist es vor allem deshalb ein Problem gewesen, weil sie eine Institution sind und nicht einfach nur Einzelpersonen, die zwischen den Menschen leben. Die Frage stellt sich definitiv nicht in jedem Fall, aber in manchen Fällen definitiv und dann muss man darüber nachdenken, wie man mit der Geschichte umgeht.