• Willkommen im Forum „Tintenzirkel - das Fantasyautor:innenforum“.
 

Behinderung in der Phantastik

Begonnen von AlpakaAlex, 27. März 2022, 13:15:19

« vorheriges - nächstes »

0 Mitglieder und 1 Gast betrachten dieses Thema.

Biene

ZitatIn einem Projekt wollte ich eine Alienspezies vorkommen lassen, die telepathisch kommuniziert, ein Alien kann das nicht und gilt dadurch quasi als behindert. Ich weiß aber noch nicht, ob das so eine gute Idee ist.  ???

@Franziska , warum nicht? Objektiv betrachtet ergibt das einen hervorragenden Konflikt mit viel Potential für Konfliktbewältigung, Entwicklung des Charakters ... Ich fänd's spannend.

Es erinnert mich ein Stück an einige Romane aus dem Darkover-Zyklus von Marion Zimmer-Bradley, in denen einige Figuren auch kopfblind in einem Umfeld aus  telepathisch Begabten sind und die Betroffenen und das Umfeld damit umgehen müssen. Zumindest einer fällt mir da spontan ein, ist aber schon eine Weile her, dass ich die Romane gelesen habe.
Tu erst das Notwendige, dann das Mögliche, und plötzlich schaffst du das Unmögliche. (Franz von Assisi)

AlpakaAlex

Dann schreibe ich selbst mal etwas dazu. (Es ist übrigens sehr schön zu sehen, dass ihr das Topic so interessant findet :) )

Fangen wir also mal so an: Ich habe immer mal wieder Charaktere mit körperlichen Behinderungen - und sowieso sind fast alle meine Protagonisten neurodivers, weil ich nun einmal neurodivers bin und mir gar nicht vorstellen kann, wie neurotypische Menschen denken. ^^" Also in meiner leider (wegen Verlag und Exfreund) abgebrochenen Buchreihe Der Schleier der Welt hatte die Protagonistin ADHS. In meiner Webserie Mosaik ist die Protagonistin wahrscheinlich irgendwo im autistischen Spektrum anzusiedeln. Selbiges gilt für meine Protagonistin in 7 Nächte.

Ich habe halt auch hier und da ein paar andere Behinderungen drin. Also in Mosaik hat die Protagonistin einen Arm und ein Auge verloren (selbst wenn das Auge durch ein magisches Auge ersetzt wurde und das daher kaum eine Behinderung ist). Dann habe ich noch ein angefangenes Projekt, bei dem ich noch nicht weiß, ob ich es weiterschreibe, wo die Protagonistin zumindest für den ersten Band blind ist (durch einen Unfall ganz am Anfang der Geschichte). Zugegebenermaßen habe ich soweit noch niemanden mit einer angeborenen körperlichen Behinderung. Da muss ich wirklich noch dran arbeiten.

Ich muss sagen, dass soweit mein liebes Buch in der Phantastik über Behinderung The Arcadia Project von Mishell Baker ist. Die Protagonistin dort hat beide Beine verloren, sitzt am Anfang im Rollstuhl, lernt im Verlauf der Trilogie allerdings auf Prothesen zu laufen. Technisch gesehen ist fast das ganze Cast darin psychisch krank. (Es ist Urban Fantasy über eine Organisation, die magische Wesen in unserer Welt kontrolliert - und die Menschen, die für die Organisation arbeiten haben alle eine psycholigische Vorgeschichte, damit die Organisation Plausible Deniability hat. Also wenn jemand aussteigt und anfängt öffentlich zu machen, dass magische Wesen unter uns leben, können sie sagen: "Hmm, ja, Person hat psycholigische Vorgeschichte ...")

Ich habe außerdem zu Weihnachten noch die Anthologie Rebuilding Tomorrow geschenkt bekommen. Eine Own Voice Solarpunk Anthologie von behinderten Autor*innen.

Übrigens habe ich die Tage noch einen guten YouTube Kanal gefunden, der über Behinderungen in Film und Fernsehen spricht: https://www.youtube.com/c/Oakwyrm

Zitat von: Franziska am 29. März 2022, 01:45:33
In einem Projekt wollte ich eine Alienspezies vorkommen lassen, die telepathisch kommuniziert, ein Alien kann das nicht und gilt dadurch quasi als behindert. Ich weiß aber noch nicht, ob das so eine gute Idee ist.  ???
Das finde ich absolut in Ordnung. Das Problem mit "magischen Behinderungen" ist meistens, dass die Autor*innen sie nicht sensibel machen. Also ein Klassiker ist ja der Charakter in einer magischen Welt, der selbst keine Magie besitzt. Das ist in einer Welt, wo Magie die Norm ist, eben auch eine Behinderung und sollte als solche behandelt werden ...
 

Hüterin der Feder

Zitat von: Franziska am 29. März 2022, 01:45:33

Jetzt hatte ich eine gesehen, wo eine blinde Frau geheilt wurde, einfach, weil sie dann ein besseres Leben hätte, wie es dargestellt wurde. Das fand ich schon etwas kritisch.
Und genau sowas stößt mir bitterböse auf. Gerade Menschen mit einer angeborenen Behinderung haben häufig einen eigenen Wirkungskreis und entscheiden sich dann durchaus gegen eine "Modifizierung." Z. B. Gibt es durchaus taube Menschen, die auf ein Implantat verzichten, weil sie es in ihrem Leben nicht vermissen und für Sie das Taub sein keine Beeinträchtigung darstellt. Oder weil sie fürchten, dass sie dann Ihren Wirkungskreis verlassen müssen bhw sich mit einem neuen kontrolliert sehen.

Mondfräulein

Zitat von: Franziska am 29. März 2022, 01:45:33
Dann gibt es noch den Aspekt, den du ansprichst, das Magie oder Technologie benutzt wird, um die Behinderung weniger einschränkend zu machen. Da kommt es für mich wieder sehr darauf an, wie das dargestellt wird. Manchmal kommt es mir dann so vor, als solle es da eine Figur mit einer Behinderung geben, es passt aber nicht in den Plot, dass sie irgendwie eingeschränkt ist? Finde ich besonders schlecht, wenn die Erkrankung/Behinderung dann vorkommt, wenn es gerade in den Plot passt und dann ignoriert wird, wenn nicht ...

Das stimmt. In meinen Fantasysettings versuche ich das so zu handhaben, dass ich mit Magie ungefähr das nachstelle, was es auch in unserer echten Welt gibt. Magische Prothesen zum Beispiel lehne ich an High Tech Prothesen an, die es in unserer echten Welt gibt und versuche Schwierigkeiten und Einschränkungen davon zu übernehmen. Ich möchte Behinderungen durch Magie nicht komplett wegzaubern, sondern Hilfsmittel erschaffen, wo es logisch und sinnvoll erscheint. Auf der anderen Seite ist das für mich praktisch, weil ich so das Gefühl habe, Behinderungen realistischer darstellen zu können. Ich kann auf Erfahrungsberichte zurückgreifen und das macht mir die Recherche sehr viel einfacher.

Yamuri

Ich glaube die Darstellungen in Büchern/Filmen sind häufig eine Darstellung, die sehr viel mit dem persönlichen Empfinden, der individuellen Wahrnehmung der Autor:innen oder Filmemacher:innen zu tun hat. Beispielsweise gäbe es für mich nichts Schlimmeres, als bettlägrig und blind zu sein. Ich fände das so entsetzlich, dass ich bei einer Thematisierung von Erblindung möglicherweise Lösungsmöglichkeiten darstellen würde, die das Problem umgehen oder "heilen", einfach weil ich es mir wünschen würde. Das macht es denke ich auch so schwierig. Wir alle, wenn wir ein Buch schreiben, schreiben ja erstmal aus unserer eigenen Weltsicht, Perspektive und Wahrnehmung heraus, schreiben über unsere eigenen Ängste und Sehnsüchte.

Was aber für den einen eine schwere Einschränkung wäre, kann für eine andere Person etwas sein, dass einfach zum Leben dazu gehört. Mein Geruchs- und Geschmackssinn sind beispielsweise immer schon eingeschränkt. Ich atme meist durch den Mund und nur selten durch die Nase. Für mich ist das völlig normal. Aber Menschen, für die es anders normal ist, würden vermutlich alles dafür tun, damit der Ursprungszustand wieder hergestellt wird. Genau deswegen denke ich aber, wäre es wichtig, wenn Menschen, die an einer "Einschränkung" (aus Sicht der Gesellschaft) leiden, mehr für sich selbst sprechen, also im Sinne von Own Voice ihre Darstellung zeigen, natürlich nur, wenn sie das möchten. Ich habe eine Freundin, die an einer Spastik leidet und die man damit jagen kann, sie solle doch darüber schreiben. Sie möchte das z.B. gar nicht, weil sie über ihr Problem einfach nicht lesen möchte und sich in Charaktere hineinversetzen mag, die gesund sind. So tickt halt jeder etwas anders.

Ich denke auch, dass wenn man sich für eine bestimmte Darstellung entscheidet, vielleicht zumindest irgendwo in einem Nebensatz auch erwähnt werden sollte, dass diese Darstellung eben nur eine von vielen Möglichkeiten ist und andere Menschen anders damit umgehen, man also auch hervorhebt, wenn sich jemand gegen eine Heilung entscheidet und das in der Gesellschaft aber respektiert und akzeptiert wird. Generell bin ich dafür, dass Behinderungen auch als ein normaler Bestandteil dargestellt werden dürfen, etwas, das für die anderen kein Problem ist, sondern etwas, das es auch gibt und wo auf die Bedürfnisse der Betroffenen eben entsprechend Rücksicht genommen wird. Ich will auch in der Parallelwelt meiner Science-Fantasy Reihe dann einen Chara in einen Rollstuhl setzen und ihn dennoch zu einem Chara machen, der für die Geschichte eine wichtige Funktion erfüllt, ohne deswegen eine Heilung zu brauchen, obwohl die Technologie in der Gesellschaft weit genug wäre und es ggf. Möglichkeiten gäbe ihm zu helfen, sodass er keinen Rollstuhl mehr bräuchte. Es soll einfach auch zeigen, dass Behinderung in irgendeinerweise auch als ganz normaler Bestandteil einer Gesellschaft funktionieren kann und nicht immer problematisiert werden muss.