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Autor Thema: Multiperspektive?  (Gelesen 2572 mal)

Online Wintersturm

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Re: Multiperspektive?
« Antwort #30 am: 14. Januar 2022, 12:45:02 »
Ich habe mich irgendwie in der Multiperspektive festgefahren. Ich kann gefühlt gar nicht aus einer einzigen Sicht erzählen, einfach, weil es dann so einseitig ist. Man sieht eben nur, was dieser eine Charakter sieht und fühlt. Das macht es natürlich leicht, die Bösen als die Bösen darzustellen, nimmt der Geschichte meiner Meinung nach aber die Tiefe. Bei anderen Charakteren im Kopf zu sitzen ist oft recht erfrischend, man bekommt deren Sicht der Dinge zu sehen und vor allem sitzt man nicht im Kopf des einen Charakters, von dem man gerade nicht zeigen will, was bei ihm im Kopf vorgeht. Vor allem aber macht die Multiperspektive es wunderbar möglich, die Gegenseite zu "entdämonisieren" und die eigentliche "Prota-Seite" zu dämonisieren. Ich habe da ein Beispiel aus meiner eigenen Reihe: Zwei Fürstentümer liegen im Streit miteinander und das zieht sich schon seit Generationen hin. Jetzt bricht der Krieg aus, Fürstentum A macht Fürstentum B platt und verleibt sich das Gebiet und die Einwohner ein. Während der Auseinandersetzung sind wie üblich einige Menschen gestorben und bei den Kriegsverbrechen haben beide Seiten auch nicht unbedingt gespart, auch wenn B da etwas mehr Mist gebaut hat. Sieht man nun alles aus der Sicht von A, ist B das ultimative Böse, dass die eigenen Leute, auch Zivilisten, ermordet, die Frauen schändet und - gegen jedes Gesetz - Kinder ermordet, um das eigene Volk auszurotten. Sieht man nun aus der Sicht von B, dann ist A das ultimative Böse, weil der Herrscher von A vor Ewigkeiten mal das halbe Land unter seiner Fuchtel hatte und auch nicht gerade zimperlich darin war, diesen Machtanspruch durchzusetzen. Schaut man dann aber zu Bürger XY von Fürstentum B, der nur gehört hat, dass A der Feind ist, dann in den Kampf zieht, weil A ja praktisch den Krieg erklärt hat (von B´s Provokation weiß XY ja nix) und seine Heimat verteidigen will, dann sieht man A ganz eindeutig als das Böse. Und so bekommt man eben sehr unterschiedliche Sichtweisen auf eine Sache. Umgekehrt kann man Dinge auch bestärken. Das hat dann zwar die Gefahr, dass es langweilig wird, aber: Z sieht zu, wie Prota A und B zusammen Schlittschuh laufen und findet, die gäben ein wunderbares Paar ab. Dann sieht man die ganze Sache in den Erinnerungen von A und sieht, dass A die Schlittschuhlauferei auch total toll fand und B sehr gern hat. Und man sieht B´s Sicht, dass A total toll ist und man selbst völlig verknallt. Ja, und wenn man dann beiden die Beziehung durch äußere Einflüsse versaut...
Worauf ich hinaus will, ist, dass andere Standpunkte einen anderen Blickwinkel auf die Geschehnisse geben und so durchaus zur Vielschichtigkeit der Geschichte beitragen können. Darüber hinaus bieten mehr Perspektivträger auch mehr Anschluss an das soziale System und die Zusammenhänge der Welt, verzahnen den Leser so mehr mit der erfundenen Gesellschaft und bieten viel Platz für Nebengeschichten und Ansatzpunkte zur Charakterentwicklung in einer Reihe.
Bei einem Einzelband hingegen ist das sicher schwierig, weil man ja besser nicht mit einer Viertelmillion-Wörter-Geschichte bei einem Verlag aufkreuzen sollte, aber mehr Perspektivträger eben sehr viel Platz brauchen und das Buch ewig lang wird.

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