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Tabum bel Hattasu, genannt "Perle"

Begonnen von Blaustein, 11. Februar 2022, 12:57:40

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Blaustein

Hi!
Vorweg: "Perle" ist der Protagonist meiner Serie "Brüdergesänge aus der Toten Ebene". Drei Episoden sind schon draußen, aber dadurch, dass sich mein Protagonist als Ich-Erzähler im Reigen von 7 weiteren Blutsbrüdern behaupten muss, geraten seine eigenen Bedürfnisse und Charakteristika vielleicht manchmal etwas ins Hintertreffen. Da kann ich mir vorstellen, dass ihr mir dabei helfen könnt, ihm etwas mehr Fleisch auf die Knochen zu bringen :)

Perle ist der einzige Sohn einer Adelsfamilie, die im "Feuersturm von Ur" ausgelöscht wurde. Er wurde von seinem Hauslehrer ein paar Jahre erzogen und ausgebildet, bis dieser von religiösen Fanatisten überfallen und getötet wurde. Viele Jahre verbrachte Perle als Sklave der "Hüter des Himmlisches Schatzes". Dank seiner Bildung blieben ihm harte körperliche Arbeiten oft, aber nicht immer, erspart. Als Schreiberling für seinen letzten Herren begegnete er erstmals seinen späteren Blutsbrüdern. Einer der Brüder setzte sich in den Kopf, Perle zu befreien - eine Aktion, die denselben Bruder später das Leben kostete. Unter diesen schwierigen Startvoraussetzungen beginnt seine gemeinsame Reise mit den Blutsbrüdern. Zu Beginn der Reise trägt er noch immer das sichelförmige Brandmal der Sklaven von Babuterti (eine akkadische Stadt, die fest in der Hand von Theokraten ist).
Perle hat - im Gegensatz zu seinen späteren Blutsbrüdern - beide Extreme, menschenunwürdige Armut und Reichtum im Überfluss, miterlebt. Seine Perspektive ist für die Geschichte so wertvoll, weil er einerseits von Selbstzweifeln geplagt ist, andererseits fest von den Idealen seiner Blutsbrüder überzeugt. Er nimmt soziale Interaktionen sehr feinfühlig wahr, ist tendenziell schüchtern.


So. Wie ihr seht, die groben Linien sind ausgearbeitet - aber der Teufel steckt bekanntlich im Detail, also löchert mich! Ich bin neugierig  :)
"[...] Und solang du das nicht hast - dieses: "Stirb und werde!"
Bist du nur ein trüber Gast auf der dunklen Erde."
Auszug aus "Selige Sehnsucht" (1814, von Johann Wolfgang von Goethe, Gedichtsammlung: "Westöstlicher Diwan")
Instagram: Blaustein.official

Jantasy

Hi Blaustern
Zuerst: Wow. Hört sich richtig toll an! Bin jetzt schon ein Fan! Cool ausgedacht! Adelsfamilie und diese Blutsbrüder-einfach nur klasse! Hat mich an mein aktuelles Buch (!Protagonistin ist Kronprinzessin!) erinnert. Für Perle hätte ich folgenden Vorschlag: Er verändert sich während der Geschichte, seine Schüchternheit zieht sich eventuell etwas zurück. Ich nehme einfach einmal frech an, er ist eher der Denker als der, der gleich eine Prügelei anzettelt. Er könnte auch plötzlich eine besondere Fähigkeit entdecken, die ihn von seinen Blutsbrüdern unterscheidet.
Fragen: Du hast dir eine eigene Welt ausgedacht, oder? Spielt es ihm Mittelalter oder in einer erfundenen Zeit? Kommt Perle gut mit seinen Blutsbrüdern aus?

Viel Glück
Jantasy


Der Inspektor

Ohh das klingt nach viel Wordbuilding, I love it.

Wie hat es Perle geprägt, dass er erst seine Familie, dann seinen Lehrer und dann auch noch den Mann, der ihn rettete, verloren hat? Fällt es ihm schwer, Leute an sich heranzulassen, weil er das Gefühl von Verlust nicht mehr ertragen möchte? Wie verhält sich seine traumatisierende Vergangenheit dazu, dass er jetzt "Blutsbrüder" hat? Ist er sehr vorsichtig beim Umgang mit Menschen, weil er hinter jedem einen Mörder vermutet / Wie ist sein Menschenbild jetzt? Du schreibst, er hat Selbstzweifel - gibt es da eine Entwicklung? Er ist feinfühlig, aber haben ihn seine Erlebnisse vielleicht auf manche Weisen doch brutal oder kalt gemacht? Ist er vielleicht auf Rache aus? Wenn nein, warum nicht?

Hoffe, der Input hilft dir irgendwie weiter :)
"Ich habe die Schlimmste aller Sünden begangen, die ein Mensch begehen kann. Ich war nicht glücklich." -Jorge Luis Borges, Die Reue

Zauberfrau

#3
Hallo Perle!

Sei gegrüßt!

Ich weiß, du bist schüchtern und schiebst lieber deinen Autor vor, als dich selbst vorzustellen. Allerdings möchte ich genau von dir wissen, wie es um dich steht.

Wie hast du deine Kindheit erlebt? Deine Lehrjahre im Reichtum bei deinem Hauslehrer? Was hast du empfunden, als die Fanatisten so kaltblütig in dein Leben eingedrungen sind und deinen - ich nenne ihn mal - Mentor getötet haben. Hast du Rache geschworen?

Wie kamst du zu dem Spitznamen Perle?

Wie hast du deine Sklavenjahre wahrgenommen? Hattest du gute Herren? Oder wurdest du gequält? Als Schreiber warst du vielleicht auch beliebt? Hattest du auch Kontakt zu Frauen? Waren sie dir wohlgesonnen? Oder wurdest du vielleicht von ihnen benutzt (für Intrigen oder körperlich)?
Wie bist du zu deinen Blutsbrüdern gekommen? Warum sind es so viele? Ist es eine Bruderschaft, die dich aufgenommen hat? Oder haben sich deine Blutsbrüder nach und nach um dich geschart?
Ich habe erfahren, dass dein erster Blutsbruder deine Befreiung mit dem Leben bezahlt hat. Warum hat er dich befreit? Wie standet ihr zueinander? War er dein Geliebter? Was hast du empfunden, als du von seinem Tod erfahren hast? Waren es vielleicht auch diese Fanatisten, die dich schon einmal in die Einsamkeit getrieben haben?
Wie muss ich mir die Blutsbruderschaft vorstellen? Ich weiß nicht, ob du Karl May kennst. Bei ihm gab es auch zwei Blutsbrüder - Winnetou und Old Shatterhand - die durch das Aufeinanderlegen ihrer frischen Wunden zu Blutsbrüdern wurden. Gibt es in deiner Welt ein ähnliches Ritual? Unter welchen Umständen wird es abgehalten?

Du siehst, ich habe viele Fragen. Zudem würde mich interessieren, wie du dich kleidest und ob du dein Haar wild und offen oder lieber sittsam gebunden bzw. kurzgeschoren trägst.
Liebst du Waffen? Oder ist deine Waffe dein Wort?

Was ist dein Ziel im Leben?
Wer ist dein größter Widersacher? Der  Mörder deines Befreiers?
Oder wirst du von der Rachsucht den Fanatisten gegenüber getrieben?

Würde mich sehr interessieren.

Angenehmes Grübeln über dein bisheriges Leben
wünscht dir die
Zauberfrau

Vielleicht fällt dir beim Nachdenken auch auf, wo dich dein Lebensweg hintragen möchte.

Blaustein

[ :hmhm?:
Wie konnte ich denn diese vielen Beiträge verpassen? Nun, es war eine schwierige Woche. Nicht nur weltpolitisch, sondern v.a. privat. Meine Oma ist gestorben und wurde Freitag beigesetzt. Trotzdem habe ich hin und wieder mal reingeklickt und nix gesehen... egal!]

@Jantasy : Dein Vorschlag geht in eine spannende Richtung! Letztlich hat er mit seinen Fähigkeiten als Schreiber schon etwas, was ihn von den meisten der Brüder unterscheidet, was aber auf ihren Abenteuern selten Anwendung findet. Aber vielleicht kommt auch noch etwas dazu? Darüber muss ich noch nachdenken. Zu einzelnen seiner Brüder habe ich mir tatsächlich schon sehr weitgespannte Entwicklungen gedacht, zu Perle, um den es hier ja geht, allerdings nicht. Das sollte ich in der Tat nicht versäumen. Zu deinen Fragen: "Meine Welt" ist eine erfundene Zeit. Das Worldbuilding greift aber durch Dimensionsöffnungen/ Zeittore, wie auch immer man es nennen will, auf die Menschheitsgeschichte zurück, d.h. exakt unsere Geschichte, aber auch Abwandlungen davon. Im "Kontinuum" der Welt gibt eine unendliche Zahl von Entwicklungen der irdischen Geschichte, andere Kontinente, andere Kreaturen. Und dabei auch ein paar Anleihen von Lovecraft. Aber  :zensur: ich weiß nicht, ob das hier schon den Regeln dieses Formats widerspricht. Über das größere Worldbuilding und deinen Roman können wir ja auch vielleicht per PN quatschen :)

@Der Inspektor : Oh super, danke! Ja, in Perle schlummern noch einige Konflikte. Ich glaube, gerade gegenüber Babuterti hat Perle einen Hass, den zwar auch seine Blutsbrüder empfinden, aber nicht in dieser Intensität. Für die Blutsbrüder sind diese Menschen Fremde, die einen ihrer Brüder auf dem Gewissen haben. Für Perle sind das Angehörige seiner Kultur, die diese Kultur aufgegeben haben und Bestien geworden sind. Im Rahmen seines Brüderbundes äußern sich seine Verluste in starker Anhänglichkeit. Diese tritt in den Episoden selten zutage, weil die Brüder sowieso sehr viel Zeit miteinander verbringen und es zu den Regeln des Bundes gehört, dass man sich nicht ohne wirklich guten Grund trennt.
Stichwort Rache: Da gibt es ja zwei mögliche Zielscheiben - die Drachen, die seine Heimatstadt zerstört haben, und die Hüter des Himmlischen Schatzes - also die Fanatiker, die den Blutsbruder und seinen Lehrmeister auf dem Gewissen haben. Die Gesellschaft der Brüder und die Distanz zu diesen Schauplätzen lenkt ihn meistens davon ab, aber nicht immer. Eine kleine Äußerung kann reichen, um diese Wunden wieder aufzureißen. Noch ist Perle aber im "Fright/ Flight Mode" - er hat eher Angst vor seinen früheren Herren und Alpträume von der Zerstörung seiner Stadt. Die Entwicklung wird aber dazu führen, dass er seinen Peinigern aktiver entgegen treten wollen wird. Ob er dabei brutal und kalt wird oder sich trotz neuen Mutes seine Menschlichkeit bewahrt, das hängt dann vielleicht auch am Einfluss seiner Blutsbrüder :)

@Zauberfrau Sei gegrüßt! Ich habe bisher nicht gewusst, dass ich auch selbst sprechen darf, entschuldigt dieses Versäumnis. Ich würde mich auch nicht schüchtern nennen, sondern eher vorsichtig und vernünftig. Meine Kindheit... war leider kurz und kommt mir mittlerweile sehr weit weg vor, wie ein Traum. Den anderen Sklaven, mit denen ich in den vielen Jahren bis zu meiner Befreiung zu tun hatte, durfte ich von meiner Herkunft nicht erzählen, damit sie mich nicht ausschlossen und dachten, ich würde mich für etwas Besseres halten. Es ging also immer nur um das Steine hauen, den Schlangenfraß, den wir vorgesetzt bekamen, welche Aufseher schlimm/ erträglich waren. Es ging immer nur um den Tag, den wir lebten, nie darum, wer wir vorher waren. Ich habe das auf dem harten Weg gelernt, nachdem ich mich in den frühen Jahren einer Frau aus den Ostgebieten von Ur anvertraut hatte. Die Hüter des Himmlisches Schatzes hatten sie von ihrem Verlobten getrennt, verschleppt - und nun knüpfte sie Seile, wusch Kleider und kochte für ihre neuen Herren. Lumma hieß sie. Sie hatte Ur nie besucht, also erzählte ich ihr von den üppigen Gärten meiner Eltern, von den Bewässerungskanälen, die abends in allen Himmelsrichtungen in der Sonne glitzerten, von dem Badehaus, in das mein Onkel mich einmal mitgenommen hatte, und all den Süßigkeiten. Aber ich merkte an den vielen Fragen, die sie hatte, auch, wie wenig ich selbst von meiner Heimat gesehen hatte. Ich erzählte Lumma viel, wir tauschten kleine Botschaften aus und hatten schließlich auch eine gemeinsame Nacht. Am nächsten Tag war sie fort, keine Ahnung wohin, warum. Die anderen im Steinbruch wussten es nicht oder wollten es mir nicht sagen. Es gab noch einmal eine Frau, Jahre später, als neue Herren mich längst als Schreiber einsetzten, die an mir Gefallen fand. Ich merkte nach zwei Wochen, dass sie über mich versuchte, die Herren auf sich aufmerksam zu machen. Ihren Namen benutze ich nicht mehr.
Es sind vor allem einzelne Tage aus meiner Kindheit in Ur, an die ich mich immer wieder erinnert habe: Meine Geburtstage, eine große Willkommensfeier für Vater, der von wichtigen Geschäften zurückkehrte, wobei meine Mutter schon Wochen im Voraus die Dienerschaft umher scheuchte und selbst meinen Schwestern Angst einjagte. Dabei hatte sie einmal aus Versehen auch mich angekeift - und sich gleich unter Tränen entschuldigt und einen Spaziergang durch den Palmengang mit mir gemacht.
Den kleinen Jungen, der ich damals gewesen bin, habe ich tief weggeschlossen, während ich für meine Herren protokollierte, welche und wie viele Gegenstände sie in diesem und dem nächsten Dorf erbeutet hatten, welche weiteren Orte sie lohnen mochten und welche Männer und Frauen man dort ausschalten sollte, um den Widerstand der Bevölkerung gleich zu unterbinden.
Die Hüter hatten wieder einmal Beute gemacht, als die Blutsbrüder sie ausfindig machten und Tarnjam, einer von ihnen, mir begegnete. Er wollte von mir Informationen über die Fanatiker gewinnen und sah irgendetwas in mir, das ihn davon überzeugte, dass die Brüder mich den Hütern entreißen mussten. Die Brüder waren schon zu Acht, als sie mich trafen und befreiten.
Auf Tarnjams letzten Willen hin brachten sie mich zu ihrem Steinkreis in den Sümpfen und vollzogen das Aufnahmeritual mit mir. Ich weiß zwar nicht, wer Karl May ist ( ;) ), aber die "Bluts"-Bruderschaft haben wir so vollzogen, wie du sie beschrieben hast. Auch mein Spitzname "Perle" hängt mit Tarnjam zusammen. In der Sprach seiner Heimat bedeutet sein Name "Steinhauer". Mein eigentlicher, akkadischer Name bedeutet zwar "Der Gute", aber in der Sprache meiner Blutsbrüder klingt er ein bisschen wie deren Wort für "Kieselstein/ Perle". Meine Brüder finden das passend, dass ihr "Steinhauer" mich gefunden hat, und nennen mich daher so.

Meine Haare fangen sich an, leicht zu kräuseln, wenn ich sie länger wachsen lasse. Ich schneide sie aber kurz, wann immer wir uns als Brüder dafür zusammen setzen. Es ist eines der Rituale, das wir pflegen. Unsere Kleidung ist rein pragmatisch. Ich habe auch keinen Drang, die Trachten meiner Kindheit und Jugend wieder anzulegen. Es war die Kleidung von Herren, von Sklavenhaltern. Jetzt trage ich die Kleidung von Brüdern, gleicher unter gleichen.

Ich liebe Waffen nicht. Ich habe (je nachdem, an welchen Punkt meiner Geschichte man blickt) noch nie einen Menschen getötet, kann jedoch leidlich gut kämpfen dank der Ausbildung meines Meisters.
Getrieben bin ich im Moment eher von dem Bedürfnis, in freundschaftlicher Gesellschaft zu sein und mein Leben für eine gute Sache einzusetzen. Dass ich dabei unter meinen Brüdern nicht den Ton angebe, stört mich nicht. Ich bin glücklich, dass sie mir nicht den Tod ihres Blutsbruders anlasten und sich bemühen, auch meine Meinung zu anstehenden Entscheidungen einzuholen. Das ist auch eine Pflicht, der ich eifrig nachkomme. Mein Widersacher sind alle, die sich uns in den Weg stellen - allerdings muss ich gestehen, dass ich den Hass auf diesen Großfürsten, den meine Blutsbrüder empfinden, nicht teilen kann. Ich habe ihn nie gesehen, kenne ihn nur durch ihre Erzählungen. Klar, ich werde auch in ihrer Heimat Drachenturm an ihrer Seite dafür kämpfen, einen gerechten Herrscher auf den Stuhl des Großfürsten zu bringen - aber das könnte noch sehr lange dauern. Vielleicht ist meine Distanz zu dieser ganzen Vorgeschichte meinen Brüdern später ja sogar von Nutzen?
Wer weiß, was die Zukunft bringt!


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Das hat Spaß gemacht! Danke für die tollen Fragen! Da musste ich z.T. doch echt tief buddeln. Ich muss mir meine Antworten wahrscheinlich auch irgendwo speichern. Manches ist an dieser Stelle vielleicht noch nicht so detailliert geworden, aber bohrt gerne nach :) Und je nachdem, wie eng/ weit das hier mit der Vorstellung eines Charakters gesehen wird, können wir uns wie gesagt übers Worldbuilding unserer Welten auch gerne via PN austauschen :)

LG Blaustein
"[...] Und solang du das nicht hast - dieses: "Stirb und werde!"
Bist du nur ein trüber Gast auf der dunklen Erde."
Auszug aus "Selige Sehnsucht" (1814, von Johann Wolfgang von Goethe, Gedichtsammlung: "Westöstlicher Diwan")
Instagram: Blaustein.official

Zauberfrau

Zitat von: Blaustein am 27. Februar 2022, 11:25:12

Das hat Spaß gemacht! Danke für die tollen Fragen! Da musste ich z.T. doch echt tief buddeln. Ich muss mir meine Antworten wahrscheinlich auch irgendwo speichern. Manches ist an dieser Stelle vielleicht noch nicht so detailliert geworden, aber bohrt gerne nach :) Und je nachdem, wie eng/ weit das hier mit der Vorstellung eines Charakters gesehen wird, können wir uns wie gesagt übers Worldbuilding unserer Welten auch gerne via PN austauschen :)

LG Blaustein

@Blaustein :  Hmm... Eigentlich ist der Vorstellungsthread tatsächlich dazu da, ein Interview mit der betreffenden Figur zu führen. Dadurch wird ein Autor "gezwungen", ihre Sicht komplett zu übernehmen. Damit kommen schneller Ambivalenzen zutage, als wenn man nur über sie schreibt. Ich hatte mal meinen Goldfürsten hier. Sein Interview kannst du noch im Archiv lesen.

Wenn du dich über deinen Roman und das Setting/Worldbuilding im Allgemeinen austauschen willst, dann mach doch einen Thread in der Rubrik  Mein Roman auf.  ;)  Da ist dann dein persönlicher Bereich, wo du den Stand deines Projektes mitteilen und auch Probleme ansprechen kannst, die dann aber besser im Autoren helfen Autoren-Board geklärt werden. Die genauen Regeln von Maja findest du hier.

Beim Vorstellungsgespräch geht um die Probleme mit einer Figur, die dann mehr oder weniger auf die Bühne zum Interview muss. Ich finde es toll, dass du schon tief buddeln musstest.  :jau: Denn dazu ist der Thread da.  ;D


Hallo Perle,

vielen Dank für dein Vertrauen und für deine ausführlichen Antworten. Ich hatte tatsächlich den Glauben, dass dir der Name  "Perle"  schon sehr früh gegeben wurde. Aber nun erfahre ich, dass er noch sehr neu ist, weil er von der Bruderschaft erdacht wurde. Zudem ist es ein seltener Zufall, dass ausgerechnet ein Wort, das in unserer Sprache etwas Kostbares, in der Sprache der Bruderschaft aber eher etwas Belangloses wie ein Stein bedeutet. Empfindest du es nicht etwas respektlos, wenn die Bruderschaft dich betitelt, als hätte Tarnjam dich zurechtgeklopft/gehauen? Oder bist du einfach nur froh, dass sie dich aufgenommen haben?

Was mich beschäftigt: Dein Auftreten ist sehr selbstsicher. Zu deinen Rettern wahrst du Distanz, lässt dich nicht von ihren Zielen und Beweggründen mitreißen. Diese Eigenschaft, diese Distanz, gibt dir nicht zu denken, sondern du betitelst sie sogar als Nutzen für die Bruderschaft. Auch über den Tod von deinem Befreier kommst du locker hinweg, zeigst nicht einen Moment Trauer oder Bestürzen. Da frage ich mich, ob du auch Ängste oder Sorgen hast. Welche Gedanken rauben dir nachts den Schlaf? Bei welchen Aufgaben fürchtest du dich, zu scheitern? Welche inneren Dämonen stürzen dich in Konflikte? Gibt es etwas, das du vor deinen Brüdern versteckst - außer vielleicht deine hohe Herkunft? Oder wissen sie davon? Gibt es einen Bruder, der dir besonders nahe steht, dem du dich gerne anvertraust? Wenn ja, hast du dir einmal Gedanken gemacht, was ihn so besonders macht? Hat er vielleicht Züge deines alten Meisters? Oder hat er Eigenschaften, die du selbst gerne hättest, aber noch nicht an dir entdecken konntest?

Und - du sieht, ich bin hartnäckig - ich frage dich noch einmal: Was ist dein Ziel im Leben?
Ich meine nicht, das Ziel der Bruderschaft. Dein Ziel! Strebst du nach Wissen, nach Frieden oder Macht? Willst du irgendwann in einem Kloster vorstehen oder lieber eine Familie gründen und - wie Highlander (falls du ihn nicht kennst, frag deinen Autoren, der kennt ihn bestimmt) - alle Sonderstellungen für Frau und Kinder aufgeben? Welche Konflikte gibt es, dieses Ziel erreichen zu können?

Viele Grüße von der
Zauberfrau


Blaustein

[Okay, in diesem Beitrag wird es Dopplungen bzw. offene Widersprüche zu meiner ersten Antwort geben. Ich habe natürlich bestimmte Entwicklungen des Plots bereits im Kopf - und welche Rolle Perle darin spielt. Das spiegelte sich leider z.T. in "seinen" Antworten wider. Wenn ich hier jetzt aus Perle Perspektive antworte, dann sind wir bitte auch präzise: Perle antwortet in der Mitte des Jahres 811 nach dem Kalender von Sishlan, genauer: Zu dem Zeitpunkt des Endes von Episode 3, wenn er mit seinen Brüdern das Sichelgebirge verlassen hat. Damit ist er nun etwas mehr als ein halbes Jahr an der Seite der Brüder unterwegs und seit Kurzem auch deren Blutsbruder.]

ZitatZudem ist es ein seltener Zufall, dass ausgerechnet ein Wort, das in unserer Sprache etwas Kostbares, in der Sprache der Bruderschaft aber eher etwas Belangloses wie ein Stein bedeutet. Empfindest du es nicht etwas respektlos, wenn die Bruderschaft dich betitelt, als hätte Tarnjam dich zurechtgeklopft/gehauen? Oder bist du einfach nur froh, dass sie dich aufgenommen haben?

Ich bin noch nicht darauf gekommen, es so zu sehen! Ich kannte Tarnjam nur kurz, aber ich weiß genug, um mich geschmeichelt zu fühlen durch diesen Spitznamen. Ich weiß, dass Tarnjam meinen Brüdern wichtig war. Fa'el hat mir erklärt, dass "tarbek" ein Kiesel oder eine Perle sein kann. "tabum" klingt ein bisschen so. Ich sehe es so, dass die Brüder mich als ein "Erbstück" ihres ermordeten Blutsbruders betrachten. Und ob das ein Edelstein ist oder ein gewöhnlicher Stein, ist mir ehrlich gesagt gleich! Wir sind alle nicht mächtig, reich oder umwerfend schön.

ZitatWas mich beschäftigt: Dein Auftreten ist sehr selbstsicher. Zu deinen Rettern wahrst du Distanz, lässt dich nicht von ihren Zielen und Beweggründen mitreißen. Diese Eigenschaft, diese Distanz, gibt dir nicht zu denken, sondern du betitelst sie sogar als Nutzen für die Bruderschaft. Auch über den Tod von deinem Befreier kommst du locker hinweg, zeigst nicht einen Moment Trauer oder Bestürzen. Da frage ich mich, ob du auch Ängste oder Sorgen hast.

Das tut mir Leid, wenn der Eindruck entstanden ist. Ich kann nicht wirklich behaupten, selbstsicher zu sein. Wegen Tarnjam, dem ermordeten Bruder, empfinde ich eine große Schuld und einen großen Druck, den Brüdern meinen Wert unter Beweis zu stellen. Über Drachenturm, die Heimat meiner Brüder, habe ich bisher nicht so häufig gesprochen - nicht aus Distanz, sondern einfach, weil auch meine Brüder gerade nicht darauf erpicht sind, so schnell dorthin zurück zu kehren. Dafür sitzt der Großfürst mit seinen Großbauern viel zu fest im Sattel. Ich mache mir hierüber also keine Gedanken und lasse mich treiben. Dass wir uns nun allerdings wieder der Toten Ebene nähern, damit auch dem Gebiet, wo die Brüder den "Hütern des Himmlisches Schatzes" begegnet sind und mich von diesen befreit haben, ruft gemischte Gefühle in mir hervor: Einerseits habe ich Angst. Immer wieder sehe im Dunkeln ihre ockerfarbenen Kutten, höre das Rasseln ihrer Säbel und ihren seltsamen Akzent. Andererseits will ich ihnen entgegen treten, sie besiegen. Was ich mit ansehen musste, als ich bei ihnen war - das soll niemandem zustoßen. Diese Kerle müssen aufgehalten werden. Aber ob 8 Kerle es mit ihnen aufnehmen können? Die Hüter sind nicht dumm. Wir brauchen Freunde, um es mit ihnen aufzunehmen. Das sagen auch Etran und Duthul.

ZitatWelche Gedanken rauben dir nachts den Schlaf? Bei welchen Aufgaben fürchtest du dich, zu scheitern? Welche inneren Dämonen stürzen dich in Konflikte? Gibt es etwas, das du vor deinen Brüdern versteckst - außer vielleicht deine hohe Herkunft? Oder wissen sie davon? Gibt es einen Bruder, der dir besonders nahe steht, dem du dich gerne anvertraust? Wenn ja, hast du dir einmal Gedanken gemacht, was ihn so besonders macht? Hat er vielleicht Züge deines alten Meisters? Oder hat er Eigenschaften, die du selbst gerne hättest, aber noch nicht an dir entdecken konntest?
Ich will damit anfangen, dass Etran ein großartiges Gespür für die Sorgen seiner Brüder hat. Als ein adliger Schnösel aus dem Sichelgebirge meinen Familiennamen erkannt hat, wurde ich an dieses frühere Leben erinnert - und das Leben, das mir einfach genommen wurde. Meine Brüder haben sich alle gegen ein geordnetes Leben entschieden, dagegen, die Ungerechtigkeit ihres Herrschers einfach zu schlucken, um persönlich weiter zu kommen im Leben. Ich dagegen hatte diese Wahl nie. Meine Familie ist ausgelöscht, mein Meister ist ausgelöscht. Der Name meines Hauses ist irrelevant, weil Ur zerstört ist. Mich quält immer wieder die Frage: Bin ich nur bei den Brüdern, weil ihre Gesellschaft besser ist als Sklaverei? Ich teile zwar auch ihre Überzeugungen - aber wäre ich unter anderen Umständen genau so mutig, mit ihnen dafür zu kämpfen?
Etrans besondere Fähigkeit ist es, schnell schwierige Entscheidungen zu treffen. Die Regeln den Bundes verbieten einen "Anführer", aber er kommt so einer Rolle sehr nahe. Er muntert die anderen auf, schluckt seine eigenen Zweifel oft runter, damit es weiter geht. Das kann ich nicht. An Meister Saphum-Lippur erinnert mich eher Fa'el, unserer "gelehrter" Bruder. Ein nachdenklicher, neugieriger und sehr rücksichtsvoller Kerl. Er hat mir das meiste erklärt, was ich über Drachenturm und meine Brüder wissen muss - vor allem habe ich es hauptsächlich ihm zu verdanken, dass ich die Sprache meiner Brüder mittlerweile fast fließend spreche.
Vor meinen Brüdern verstecke ich nichts. "Keine Geheimnisse unter Brüdern" ist eine unserer Regeln und daran halte ich mich!

ZitatUnd - du sieht, ich bin hartnäckig - ich frage dich noch einmal: Was ist dein Ziel im Leben?
Ich meine nicht, das Ziel der Bruderschaft. Dein Ziel! Strebst du nach Wissen, nach Frieden oder Macht? Willst du irgendwann in einem Kloster vorstehen oder lieber eine Familie gründen

Mein Ziel? Eine Heimat haben. Meine Heimatstadt liegt in Trümmern, der Hof meines Meisters ist Einöde - meine Fähigkeiten könnten mich in irgendeiner Reichsverwaltung weit bringen, aber da sehe ich mich nicht mehr. Das ist das Leben, das für den 5-jährigen Adelssprössling geplant war. Das ist nicht das Leben, das der 28-jährige Akkader mit dem durchgestrichenen Brandmal auf der Wange noch anstrebt. Wenn du mich so hartnäckig fragst, dann muss ich gestehen: Nur wieder irgendwo zuzugehören ist nicht alles, was ich will. Jeder, dem ich wie Tarnjam helfen kann, ein freies Leben zu führen, würde mich ein wenig ruhiger schlafen lassen. Aber ich mache mir nichts vor. Weder ich allein noch wir alle 8 zusammen werden die Mauern von Babuterti einreißen und überall die Knechtschaft beenden.
An eine Familie kann ich zur Zeit nicht denken. Ich wüsste nicht, wo und wovon ich eine Frau und Kinder ernähren sollte. Wer weiß? Vielleicht finde ich eines Tages in der Heimat meiner Brüder einen Platz, um mich nieder zu lassen? Ich weiß, dass mein Vater und mein Meister so etwas für mich wünschen würden... aber die Welt, die sie kannten, ist nicht mehr.

Wie du siehst: Wenn meine Ziele sehr ähnlich sind zu den Zielen des Brüderbundes, dann ist das kein Zufall :)

Ich hoffe, dass ich die Missverständnisse etwas aufklären konnte und deine Fragen etwas genauer beantworten konnte!

Gute Nacht,
Perle
"[...] Und solang du das nicht hast - dieses: "Stirb und werde!"
Bist du nur ein trüber Gast auf der dunklen Erde."
Auszug aus "Selige Sehnsucht" (1814, von Johann Wolfgang von Goethe, Gedichtsammlung: "Westöstlicher Diwan")
Instagram: Blaustein.official

Biene

Hallo Perle,
verzeih, wenn ich deiner Unterhaltung mit Zauberfrau, dem Inspektor und Jantasy einfach so gelauscht habe. Ich würde gerne noch etwas nachbohren.
Dass Rache dich im Moment nicht umtreibt, hast du ja deutlich gemacht, das ist auch gut, denn Rache führt zu nichts. Du hast erzählt, dass deine Kindheitserfahrungen dich zumindest im Moment noch ängstlich machen und Albträume dich plagen. Dein Autor sagt, dass du dich irgendwann deinen Peinigern stellen musst und ihnen dann auch aktiver entgegentreten wirst.
Was geht dir durch den Kopf, wenn du an die unweigerlich kommende Konfrontation denkst? Ich versteh ja, dass du generell Angst davor hast, aber gehen dir keine Phantasien durch den Kopf, was du mit deinen Peinigern machen möchtest? Ich kann mir kaum vorstellen, dass du nicht insgeheim davon träumst, ihnen das, was sie dir angetan haben, heimzuzahlen. Selbst wenn es nicht blutig ist, muss es doch etwas geben. Jeder hat eine dunkle Seite, du mit Sicherheit auch. Ich würde schon gern wissen, wie die aussieht.
Tu erst das Notwendige, dann das Mögliche, und plötzlich schaffst du das Unmögliche. (Franz von Assisi)

Blaustein

[Euer Inquirieren nach der Gefühlswelt von Perle hat mich darauf gestoßen, dass ich die Background-Geschichten aller meiner 8 Protagonisten vertiefen muss. Ich habe natürlich eine Kurzvita mit 2-3 Eckpunkten zu jedem Blutsbruder, aber Fragen wie die Euren berühren ganz stark die Erfahrungswelt der Figuren - Wertvorstellungen und wunde Punkte sind mit Anekdoten verbunden, mit Sprüchen von verehrten oder verachteten Akteuren aus der Vergangenheit. Ich möchte an dieser Stelle deshalb vermeiden, relativ beliebig eine Antwort einzugeben, die ich als Autor für weise/ sinnvolle hielte]

[Jetzt spricht Perle:] Danke für Deine Frage, Biene. Ich fand immer beängstigend, wie all diese Menschen wie ein Mann zusammen gearbeitet haben. Als ob sie Puppen einer unsichtbaren Hand sind. Von den wenigsten Hütern des Himmlischen Schatzes habe ich das Gesicht gesehen, auch von den vielen Anpeitschern, die ich in den Jahren meiner Knechtschaft durchlaufen habe. Mein letzter Besitzer, der Erwählte Gissu, war da anders. Ihn habe ich oft Auge in Auge gesehen, weil ich in seinem Zelt oder seinem Geschäftszimmer eingesetzt wurde. Dort verhüllte er nie sein Gesicht. Er sah ganz gewöhnlich aus. Wie ein etwas unnahbarer Nachbar, mit dem man morgens ein paar Worte wechselt. Er hatte immer seine Täfelchen und Schriftrollen bei sich, hatte eine einnehmende Stimme.

Aber er war eben etwas anderes. Wenn er mit seinem Griffel kritzelte, wurden am nächsten Tag unschuldige ermordet. Wenn du mich fragst, was ich diesen Leuten antun will? Manche sind vielleicht aus Angst gefolgt und sollten Gnade erfahren, manche hatten sichtlich Spaß am Leid anderer und sollten hängen. Aber die Leute vom Schlag wie Gissu, die hohen Tiere, die sollten es im Gesicht tragen. Ich glaube, ich müsste mir wohl Mut antrinken, um meine Worte in die Tat umzusetzen, aber wenn ich Gissu in die Finger bekommen würde, würde ich ihm mit einem Messer in der Schrift unserer Väter "Verbrecher" auf die Stirn schreiben. Dass er nicht nach Kusibuti oder Napistum abwandert und sich einen ruhigen Lebensabend macht, während alle, die seine Befehle überlebt haben, noch immer schlaflose Nächte erleiden.
"[...] Und solang du das nicht hast - dieses: "Stirb und werde!"
Bist du nur ein trüber Gast auf der dunklen Erde."
Auszug aus "Selige Sehnsucht" (1814, von Johann Wolfgang von Goethe, Gedichtsammlung: "Westöstlicher Diwan")
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Zauberfrau

#9
Hallo Blaustein, ich wende mich jetzt mal an dich, von Autorin zu Autor.  :winke:

Das Inquirieren nach der Gefühlswelt von Perle hat einen Grund. Für eine Hauptfigur brauchst du Tiefe. Sehr viel Tiefe! Du musst die Figur nicht nur verstehen, du musst sie erleben können. Was Perle antwortet, ist in meinen Augen ganz nett, aber Perle antwortet immer so, als ob er alles wie ein stummer Beobachter hinter einer Scheibe verfolgt. Er lebt für mich nicht. Mit meinen Fragen wollte ich, dass du Perle zum Leben erweckst. Aber er bleibt immer wie ein neutraler Beobachter und passiver Erzähler. Ist ein bisschen wie "Show, don't tell", falls dir das was sagt. Hier ist ein Link darüber. Dort geht es sogar weiter zum Charakterbuilding. Ich weiß jetzt nicht, ob die Links hier jetzt das Nonplusultra sind, aber sie geben zumindest mal in etwa wieder, was ich meine. Ich hab einfach mal schnell gegoogelt. Es gibt bestimmt noch bessere Seiten.

Für mich kommt Perle noch ziemlich eindimensional rüber. Er beobachtet, er erklärt ganz genau alles, weiß viele Namen und so weiter. Zwar spricht er Emotionen an, ist dabei aber noch völlig emotionslos. Deswegen die Gefühlswelt-Inquisition. Wenn du deine Leser und Leserinnen fesseln willst, dann musst du dafür sorgen, dass sie mit Perle mitfiebern können. Mir ist Perle noch zu gestelzt, allwissend und dadurch irgendwie unsympathisch (keiner mag Alles- oder Besserwisser). Er wirkt für mich nicht interessant. Für mich kommt es so an, als ob du mir über seinen Mund dein Weltsetting erklären willst. Aber das will ich gar nicht wissen. Mir geht es allein um die Figur und wie sie im Gespräch reagiert. Wie sie lebt. So würde Perle nicht reden, wenn er tatsächlich aus Fleisch und Blut vor mir stehen würde. (Es ist auch eine hohe Kunst beim Schreiben, die Figur nicht dazu zu benutzen, um dem Leser oder der Leserin die Geschichte zu erklären. Das merkt man nämlich sehr schnell. Aber das ist wieder aus dem Ressort "Erzähltechnik".) Gut, das ist jetzt nur mein Empfinden. Vielleicht sehen das andere hier anders und ich krieg hier gleich eins aufs Dach (:pfanne:). Vielleicht bekommst du noch weitere - vielleicht auch konträre - Meinungen, das wäre super. Dann kannst du dir nämlich ein Bild machen, wie verschieden Perle auf LeserInnen wirkt.

Die Vorstellungsgespräche sind dafür da, die Figuren zu vertiefen. Meine Fragen waren mit voller Absicht geschrieben. Du wirst durch sie gezwungen, die Sichtweise deiner Figur einzunehmen. Damit musst du in sie hineinschlüpfen und sie erspüren. Und genau dann findest du, was deine Figur braucht, um interessant zu werden (das hast du auch gemerkt  :jau:). Wenn man nämlich versucht, wie die Figur zu denken, fallen einem schnell ihre blinden (oder noch undefinierten) Seiten auf. Was wirklich wichtig ist: Deine Figur braucht ein äußeres und ein inneres Ziel. Das äußere Ziel ist das direkt sichtbare Ziel (er will zur Bruderschaft gehören oder er will sich an jemandem rächen oder er will eine Frau erobern, was auch immer). Sein inneres Ziel ist größer. Das ist sein Lebensziel. Will er die Erleuchtung, endlich Ruhe, das Reich seiner ausgelöschten Familie wieder aufbauen ... Eben das Ziel, was viel, viel weiter in der Ferne liegt.

Übrigens musst du auch noch viel "Fleisch" an manch andere Figur packen (vielleicht nicht ganz so weit ausgearbeitet wie bei deinem Protagonisten). Meist gibt es ja auch wichtige begleitende Charaktere. Deine Bruderschaft höchstwahrscheinlich. Sie kommt auch noch sehr flach daher, das schreibst du ja selbst. 2-3 Eckpunkte reichen da nicht, um sie zum Leben zu erwecken. Und gerade der Bruder, der sein Leben geopfert hat, der muss schon einen triftigen Grund gehabt haben, warum er das für einen wildfremden Sklaven tut.
Ebenso braucht dein Antagonist (den kenn ich noch gar nicht richtig, ist aber egal, es  muss ihn ja geben) ein fundiertes Innenleben, damit er nicht zur flachen Wand wird, gegen die dein Protagonist rennt, und wie Pappe zusammenfällt.

Aber ich schweife ab. Es geht hier erst einmal ausschließlich um Perle.

An Perle muss ich mich nicht mehr direkt wenden. Er hat genug Fragen-Futter, mit dem er wachsen kann. Ich hatte gehofft, du würdest verstehen, warum ich genau diese Fragen gestellt habe. Naja, jetzt habe ich es mal meine Gedanken schreibtheoretisch aufgeschrieben und an Perles Autor gerichtet.  ;)

Viele Grüße von der
Zauberfrau

Biene

Hallo Perle,
nun ja, immerhin etwas. Ich hatte allerdings doch mehr erwartet. Du scheinst sehr zurückhaltend zu sein oder verbirgst du etwas, das wir nicht wissen sollen?


Hallo Blaustein,
ich hoffe, es ist ok, wenn ich dir ein direktes Feedback gebe, so wie Zauberfrau es auch getan hat. Ich muss gestehen, ich werde mit Perle auch nicht warm, so wie er sich bis jetzt vorgestellt hat. Er kommt mir (so wie Zauberfrau es schon geschrieben hat) emotionslos rüber, als ob alles an ihm vorbeigeht und ihn nicht berührt, wie ein Lehrer, der diese Unterrichtsstunde schon oft gehalten hat. Das ist merkwürdig und lässt ihn unscheinbar und (verzeih bitte) langweilig erscheinen, als ob er nicht wichtig und nur ein Mitläufer ist. Als Hauptfigur sollte er schon im Mittelpunkt stehen und den Leser mitreißen und das klappt nicht, wenn er emotional und gedanklich ein kleines graues Mäuschen ist. Das ist er im Moment für mich. Er wirkt irgendwie abgestumpft, leidenschaftslos, wie ein Außenstehender. Ich hätte auf meine letzte Frage ein paar Kraftausdrücke erwartet oder das er etwas sagt wie: Allein bei dem Gedanken an ... kommt mir die Galle hoch. Irgendetwas, das gezeigt hätte, wie sehr ihn das Leben in Gefangenschaft und Angst verletzt hat, was es für körperliche Auswirkungen hat, so dass man sich in ihn hineinversetzen kann. Ein paar Anhaltspunkte braucht man schon, damit es funktioniert.
Ich gebe zu, dass ich noch nie so ein Interview wie hier mit einer eigenen Figur durchgeführt habe und es ist sicher nicht einfach sich darauf einzulassen. Ich werde auf jeden Fall es mit den wichtigen Figuren aus dem nächsten Roman versuchen und habe jetzt schon ein wenig Bammel.  :)
Ich hoffe, dass wir noch einiges von Perle hören und er sich zu einer spannenden Figur entwickelt. Die Story an sich finde ich spannend, auch wenn das hier nicht das Thema war.  ;)


Tu erst das Notwendige, dann das Mögliche, und plötzlich schaffst du das Unmögliche. (Franz von Assisi)

Blaustein

Gut, dann auch mal kurz von mir persoenlich eine Zwischenbemerkung zur emotionalen Entwicklung von Perle. Ja, ihr habt recht: er ist orientierungslos, etwas abgestumpft und befindet sich nicht an einem Punkt, wo er seine Staerken und Schwaechen genau kennt.
Das ist aber nicht etwas, woran ich arbeiten muss, sondern Perle (also doch ich, aber spaeter xD) . Das ist eine entscheidende Herausforderung seiner Reise - und etwas, was er selbst noch nicht so recht erkennt.

Also versteht mich nicht falsch, diesen Zustand arbeite ich zur Zeit noch weiter aus, praezisiere ihn und entwerfe vor allem Entwicklungsschritte, die ihm ein Ausbrechen aus dieser Lethargie erlauben.
Aber das aendert erstmal nichts daran, dass Perle kein Atreju ist, sondern ein Bastian Balthasar Bux (tendenziell). Er ist nicht der markige Held, sondern jemand, der froh ist, am Leben und in guter Gesellschaft zu sein - und seine Rolle in der Mitte dieses Bundes erst noch (er-)finden muss.

Was ich aus seiner Perspektive nicht tun kann: Gleichzeitig seinen "Status Quo" zu Beginn der Geschichte beschreiben und seine zukuenftige Entwicklung, die er natuerlich nicht kennt. Was ich auch nicht tun kann, ist ihn Dinge sagen zu lassen, die er nicht aussprechen wuerde. Unter dieser Praemisse habe ich zumindest einige seiner Aeusserungen formuliert.
Aber vielleicht haben sich eure Fragen ja auch zT an seine Gedankenwelt gerichtet und ich habe das Wort "Interview" ein bisschen zu woertlich verstanden. Denn Perle ist nunmal trotz der vielen Jahre Sklaverei adliger Herkunft und versteht es, sich hoeflich und zurueckhaltend auszudruecken.

Tut mir aber bitte den Gefallen: Wenn ihr die Aeusserungen von Perle beurteilt, koennt ihr mir dann bitte benennen, auf welche ihr euch bezieht? Es kommt mir etwas komisch vor, wenn aufsummiert eine DINA4-Seite Text ueber die Rachefantasien und Aengste von Perle als "emotionslos" betitelt wird. Da weiss ich dann nicht, wie ich damit arbeiten soll ^^
Mit euren Fragen konnte ich naemlich bisher gut arbeiten und ihr koennt ja sehen, dass fuer mich Emotionen meist mit Anekdoten verbunden sind: Erfahrungen, die als Begruendung dienen für Hass, Freude, Verbundenheit, Liebe, die Weltanschauung der Charaktere et c.

Was ich nach diesen Rueckmeldungen jetzt aber auch mal machen werde, ist, mir die Threads zu den anderen Protagonisten anzuschauen. Ich bin ein wenig neugierig, was dort anders laeuft als hier :-) So. Wenn ihr das in einer beleidigten oder verärgerten Stimme gelesen habt - bitte nochmal in einer verwunderten/ fragenden Stimme lesen, dann passt es. Ich weiß auch das kritische Feedback sehr zu schaetzen, besonders, weil ich sehr viel Wert auf den Teil des Eisbergs lege, der unterm Wasser liegt.  :jau:

[Eine andere, nun sehr technische Sache ist die "Schlagzahl" von Postings und den Antworten darauf: Ich habe mich "beeilt", meine Antworten zu verfassen - kann mir damit aber selbstverständlich auch deutlich länger Zeit lassen, wenn das niemand als unhoeflich oder undankbar quittiert! Im Laufe der kommenden Woche kommen also nochmal zu einzelnen Fragen ausfuehrlichere Antworten.]

Kurzes PS zum Worldbuilding, weil das Stichwort "Antagonist" angesprochen wurde: Die "Tote Ebene" ist der Antagonist. Es gibt ganz verschiedene "Unholde", mit denen die Brueder aneinander geraten - dazu gehoeren auch die o.g. "Hueter des Himmlischen Schatzes" - aber insgesamt geht es darum, dass die Welt, in der sich die Brueder bewegen, eine staendige Gefahr fuer ihre Ideale und ihren Zusammenhalt bildet: Zynismus, Unverstaendnis, Missgunst, Egoismus, mal offen zur Schau gestellt, mal subtil und kaum zu entdecken. Das nur zur Einordnung, denn es geht ja hier um Perle.
"[...] Und solang du das nicht hast - dieses: "Stirb und werde!"
Bist du nur ein trüber Gast auf der dunklen Erde."
Auszug aus "Selige Sehnsucht" (1814, von Johann Wolfgang von Goethe, Gedichtsammlung: "Westöstlicher Diwan")
Instagram: Blaustein.official

Biene

Hallo Blaustein,
da sagst du was. Man sollte sich schon genau überlegen, an welcher Stelle in der Geschichte sich der Interviewte befindet. Vielleicht wäre es gut, wenn er schon ein Stück gegangen ist und bereits einige Dinge über sich wissen sollte. Sonst ergibt das ganze Interview nicht viel Sinn. Dazu sollte man natürlich aus den Antworten den Charakter der Figur erkennen, allerdings ist es nicht hilfreich, wenn er zurückhaltend ist und im Interview antwortet, wie er es im Roman tun würde, wir dort aber seine Gedanken kennen.
Ich denke man sollte das Interview wie eine Therapiesitzung sehen, in der sich der Befragte öffnet, auch wenn es nicht seinem Naturell entspricht und so auch seine Gedanken aussprechen kann. Ich habe mir ebenfalls einige der anderen Befragungen angeschaut und zumindest eine Eröffnung gefunden, in der die Figur direkt sagt, dass sie die Situation merkwürdig findet und nicht gern mit Fremden redet und es dann doch recht frei von der Leber weg tut. Auf diese Weise kann man trotzdem Zurückhaltung oder eben andere Charaktereigenschaften darstellen.

Zu Perles Entwicklung würde ich dir noch vorschlagen, dass du dir überlegst, wie er auf den Leser wirken soll. Und ja die Wirkung kannst du dann nicht nur über das, was er sagt, sondern auch über das was er denkt und tut erzeugen. Das Pferd sozusagen von hinten aufzäumen. Mir persönlich helfen diese Überlegungen immer sehr bei der Figurenausarbeitung.

Das Ganze hat mich jetzt richtig juckig gemacht und ich denke ich werde meine Hauptfigur Gräfin Adonia auch in die Fragerunde schicken. Auch wenn der Roman schon fertig ist, habe ich doch vor, für den Content auf Facebook und Twitter noch einige Sequenzen zum Vorher und Danach zu schreiben. Da gibt es bestimmt noch die ein oder andere Lücke in Adonias Lebenslauf, die ich schließen muss. Mal schauen, wie ich mich schlage.
Vielleicht magst du ja den Spieß umdrehen und die bohrenden Fragen stellen. Möglich, dass dir das auch bei Perle weiterhilft.
Tu erst das Notwendige, dann das Mögliche, und plötzlich schaffst du das Unmögliche. (Franz von Assisi)

Sandschlange

Hallo Perle, ich weiß du kennst mich nicht, aber ich war ein wenig auf Reisen und auf meinem Weg habe ich Geschichten über dich gehört, dass du einmal ein Adeliger warst und ein Sklave. Ich war interessiert, dich kennen zu lernen und jetzt da ich dich treffe, habe ich ein paar Fragen. Ich hoffe, ich stehle dir damit nicht deine Zeit.

Ich gerne wissen, wenn du dich entscheiden müsstest, einen Freund zu opfern oder erneut in die Sklaverei zu gehen, was würdest du tun? Und wie würdest du dich fühlen, wenn dich jemand vor diese Wahl stellt? Was würdest du mit der Person machen, der dich vor diese Wahl stellt - insofern du die Macht hättest, etwas mit dieser Person zu tun?
Der Frieden kennt keine Opfer.