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Autor Thema: Schmerz inspiriert gute Kunst - Was ist dran an diesem Mythos  (Gelesen 402 mal)

Offline AngelikaD

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Re: Schmerz inspiriert gute Kunst - Was ist dran an diesem Mythos
« Antwort #15 am: 28. Mai 2019, 12:11:21 »
Frida Kahlo wird immer wieder als Beispiel für von Schmerz inspirierte Kunst genannt.
Schreibe derzeit: "Der Atem des Waldes" Short Story aus dem Schattenthron Universum

Offline Linda

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Re: Schmerz inspiriert gute Kunst - Was ist dran an diesem Mythos
« Antwort #16 am: 28. Mai 2019, 22:51:57 »
Ich bin bei (solchen) Generalisierungen immer vorsichtig.
  Zum einen ist das oft ein Produkt von Legendenbildungen seitens der Künstler oder ihrer Chronisten: 'ich hatte es mit diesem Werk ja ach so schwer ..."   ::) Komischerweise kommt das immer nur aufs Tapet, wenn die Werke schmerzerfüllter Künstler anerkannt "gut" sind. Die vielen Schöpfungen von unbekannten Künstlern, wo niemand weiß, unter welchen Lebensumständen sie entstanden, haben an diesem Nimbus wenig Anteil.

Zwotens: dient das auch gerne als Entschuldigung etablierter Kreise: hach Künstler, denen es (finanziell/gesundheitlich) zu gut geht, die schaffen nichts Wertvolles, also ist nicht schlimm, wenn sie in elenden Dachkammern am Rande des Existenzminimums hausen oder an TB krepieren, das ist gut für ihre KuHunst.

Jede Erfahrung ist IMHO gut für die Kunst. Ausnahmslos jede. Also auch die von Schmerz und Leid. Die vom Glück und Liebe aber ebenso.
  Wobei ich schon eine Ausnahme mache, weil ich persönlich denke, dass Kreativität und Kunst tatsächlich eher in den "Lücken" gedeihen, in den Leerstellen des Lebens, nicht in der Fülle. Vielleicht weil Menschen instinktiv ihr Glück still und aus vollem Herzen genießen und ihr Unglück lieber lautstark beweinen (was natürlich auch in Kunst ausgedrückt werden kann).

Bei Frida Kahlo sehe ich ihre Krankheiten tatsächlich als Initialzündung der Kreativität. Sie konnte lange nicht viel anderes machen, als im Bett liegen und malen wegen a) Kinderlähmung und später dem Unfall mit der Straßenbahn/Bus (die Quellen widersprechen einander da) und den zig daraus folgenden Operationen.
Wenn sie in eine Dachkammer eingesperrt gewesen wäre, mit Farbe und Leinwand, hätte sie wohl auch zu malen begonnen. Ihre Motive und Motivationen wären dann aber möglicherweise (wahrscheinlich) andere gewesen.

Und zu guter Letzt: Schmerz erschafft die Kunst, ja, habe ich schon mal in einem historischen Setting als Grundidee verbraten. Hat Spaß gemacht, allerdings war es der Antagonist, der sowas dachte ...
“We like to think we live in daylight, but half the world is always dark, and fantasy, like poetry, speaks the language of the night.”

― Ursula K. Le Guin

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