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Singleshaming – Lebensglück durch Partnerschaft?

Begonnen von Brillenkatze, 27. März 2022, 09:47:48

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Möchtegernautorin

Erstens: es tut gut zu lesen, dass ich nicht die Einzige bin, der das auf die Nerven geht.
Zweitens: fühle ich mich dadurch auch oft nicht repräsentiert.

Ich habe in den letzten Jahren so viel über mich gelernt und dazu gehört auch, dass ich einfach keine Partnerperson will und keine brauche. Und ja, ich habe mich tatsächlich viel zu lange den gesellschaftlichen Erwartungen einerseits gebeugt, andererseits musste ich aber, obwohl ich verheiratet war (Stichwort: toxische Beziehung), dennoch eine ganze Familie durchschleppen.
Dann habe ich mich von dem Vater meiner Kinder getrennt und, nun ja, offenbar erwarten viele Menschen, dass ich mir eine neue Beziehung suche. Der Ex wartet sehnsüchtig darauf, weil er sich wegen seiner Religion so lange keine neue Partnerin suchen darf, so lange ich nicht "fremdgehe". Eine Kollegin meinte, das ginge nach der Trennung wieder ganz schnell, dass jemand für eine Beziehung in meinem Leben auftaucht, weil das "immer so ist". Und auch die erste Frage meines Onkels war: "Und? Gibt es einen Neuen?".
Nein. Einfach nein. Schon damals war die Heirat nicht meine Idee. Auch die Frage, ob ich Kinder bekommen will, nicht. Das war einfach so (und ja, ich liebe meine Kinder trotzdem über alles). Damals wusste ich es nicht besser. Jetzt aber schon und ich bin glücklich mit meiner Familie und meinen Freund*innen. Keine Partnerperson haben wollen heißt schließlich nicht, keine tiefen Beziehungen zu haben.
Genau das wird aber leider oft falsch dargestellt.

In Büchern, Serien und Filmen fällt mir das vermehrt auf und ich bin echt froh um alles, das mein Interesse weckt und in dem es auch eine wichtige Figur gibt, die eben nicht auf der Suche nach einer Partnerperson ist – oder zumindest schon mal ohne Sex und/oder Sexualisierungen auskommt. Ich liebe Emotionen, ich mag auch romantische Beziehungen. Aber muss es denn, wie in einem der Romane, die ich letztes Jahr gelesen habe, bei sechs im Vordergrund stehenden Figuren am Ende wirklich unbedingt drei Pärchen geben?
Nein, muss es nicht. Aber da gibt es wieder einfach den Konflikt, dass es anderen Menschen schwerfällt, zu begreifen, dass nicht alle so denken.

Und weil ich das mittlerweile weiß, handhabe ich das nun in meinen Geschickten auch einfach anders  :)  Bei einer Protagonistin bin ich mir mittlerweile sicher, dass sie Asexuell ist.
Allerdings bin ich mir noch nicht sicher, wie ich das Thema Beziehung und vor allem auch Sexualisierungen allgemein behandeln werde. Meistens gibt es ohnehin keinen Anlass dafür, fällt also aufgrund der Story sowieso weg. Bis zu meiner Erkenntnis war ich immer bemüht, da etwas einzubauen, weil ich das Gefühl hatte, es gehört dazu und wird erwartet. Aber letztlich bin ich ohnehin nicht Mainstreamtauglich und ich brauche das in meinen Geschichten nicht.
Her plants and flowers, they're never the same - Blue and silver, it's all her gain
flying dragons, an enchanted would - She decides, she creates
It's her reality
Within Temptation - "World of Make Believe"

Damiano

@Robin:
Es ist für mich tatsächlich auch unverständlich, was an der Vorstellung, dass nicht jeder Charakter mit einer romantischen Beziehung versorgt werden muss, so schwierig ist. Als ich jünger, sehr viel jünger, war, hat sich dieses Phänomen auch in meinen Entwürfen gezeigt, zum Teil in ziemlich unangebrachter Form. Heute kann ich nur noch den Kopf schütteln, wenn ich entsprechende Konzepte in meinen alten Unterlagen finde.

@Möchtegernautorin:
Das ist in einer so betroffenen Lebenslage natürlich noch einmal extra ätzend, wenn man nicht allein aufgrund der Veranlagung genervt, sondern auch noch nach einem entsprechenden Weg mit Trennung in diese entsprechende Richtung gedrängt wird. Auch meine Schwester hat sich nach 15 Jahren Ehe getrennt, sehr in beiderseitigem Interesse, und weiß sehr vergnügt vorzuleben, dass das für sie die beste Entscheidung gewesen wäre. Trotzdem kommt immer wieder aus dem familiären Umfeld die Frage an mich (warum überhaupt an mich?), ob ich denn nicht meine, dass da vielleicht doch jemand bei ihr im Busch wäre.

Leute, seht es ein! Auch das Bedürfnis nach keiner Beziehung ist eine Neigung, und die hat es genau wie alle anderen Neigungen verdient, repräsentiert zu werden!   

Serafina

Ich muss gerade etwas schmunzeln, weil es mir einerseits ähnlich geht wie vielen hier - ich bin als Single zufrieden und nicht aktiv auf der Suche nach einer Beziehung. Falls ich jemanden finden sollte, wäre das sicher schön, aber falls es nicht passieren sollte, ist das auch völlig okay.
Von meinem Umfeld wurde ich - zumindest bis vor einigen Jahren - auch ziemlich mit dem Thema genervt und ich kann gerade diese "Beziehung ist ein Muss"-Einstellung, die einige Leute ja leider haben, überhaupt nicht nachvollziehen.

Aber ich muss andererseits zugeben, dass sich das nicht unbedingt in meinem Literaturgeschmack widerspiegelt. Ich liebe Liebesgeschichten und würde mal schätzen, dass ca. 80 % meiner in letzter Zeit gelesenen Bücher eine enthalten. Zwar bin ich schon etwas wählerisch (lieber keine Liebesgeschichte als eine unpassende oder schlecht geschriebene), aber ich lese (und schreibe) einfach sehr gerne Geschichten, in denen Anziehung und Sehnsucht eine Rolle spielen.

Bei Büchern/Filmen/Serien, in denen am Ende wirklich alle Figuren in einer Beziehung sind, verdrehe ich allerdings auch die Augen. Und wenn stattdessen auch glückliche Singles gezeigt werden, fällt mir das gerade in letzter Zeit auch sehr positiv auf.

Wenn ich so darüber nachdenke, finde ich Liebesgeschichten eigentlich nur gut, wenn dabei Folgendes klar wird: Es ist toll, dass die beiden (oder mehr) sich gefunden haben, aber das ist nicht die einzige Möglichkeit, um ein erfülltes Leben zu haben.