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Kapitellänge

Begonnen von Coppelia, 30. Januar 2007, 09:31:58

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Kaeptn

Pust...Pust... So viel Staub hier  :hatschi:

Zeiten ändern sich, der Thread ist vom Urprung her ja 10 Jahre alt, daher würde mich interessieren, wie ihr das heute seht.

Ich lese gerade einen Thriller, der recht extrem ist bei den Kapitellängen: 119 Kapitel auf 405 Seiten. Aber ich merke: Das funktioniert bei mir. Ich komme voll in den "Das Kapitel schaff ich auch noch"-Flow und lese abends oft, bis mir die Augen zu fallen.

Nun schreibe ich einen Fantasy-Thriller und habe da zum Ende hin, wenn die Spannungskurve anzieht, sehr viele kurze Szenen mit nur 500-1000 Wörtern, jeweils mit Perpektivwechsel dazwischen, da 4 Protas in den Wirren eines Putschversuches natürlich viel gleichzeitig machen. Normalerweise würde ich mehrere Szenen zu einem Kapitel zusammenfassen und den P-Wechsel mit einem "***"-Absatz kennzeichnen. Aber nachdem das bei dem gelesenen Thriller so gut funktioniert überlege ich jetzt, ob ich nicht auch viele kurze Kapitel machen soll (zumal das Werk mit 70-75k Wörtern auch eher kurz ist und sich so mit Seitenumbrüchen vor dem Kapitel ein paar Seiten rausholen lassen).
Haken: Zu Beginn nehme ich mir aber Zeit, die Figuren vorzustellen, da sind die Szenen teilweise bis 2500 Wörter lang, die Kapitel wären also zu Beginn lang und gegen Ende immer kürzer, bis es dann nach dem Showdown wieder etwas länger wäre.

Also: Lieber ungefähr einheitliche Kapitellängen und Szenen mit unterschiedlichen Perspektiven (die aber zeitlich beieinander liegen, so a la "Was tun die Protas gerade, als der König angegriffen wird") zusammenfassen und mit *** trennen. Oder ruhig die Spannungskurve mit kurzen Kapiteln zum Höhepunkt hin betonen?

Jörg Benne
.....................
http://www.joergbenne.de

Evanesca Feuerblut

ZitatOder ruhig die Spannungskurve mit kurzen Kapiteln zum Höhepunkt hin betonen?
Das. Vor allem: Wenn du die GANZE Zeit über bei Perspektivwechsel ein neues Kapitel angefangen hast, gegen Ende auf einmal alles zu ändern? Nein.
Einheitliche Kapitellängen halte ich sowieso für Blödsinn. Für mich ist ein Kapitel fertig, wenn es fertig ist. Das ist mal länger und mal kürzer (allerdings bin ich eine Kurzkapitelschreiberin, also die sind bei mir sowieso sehr selten länger als 14 Seiten und liegen meist im Schnitt bei 900 Wörtern :D )

Arcor

Ich bin da bei Evanesca. Einheitliche Kapitellängen sind Käse. Ich habe es früher mal versucht, irgendwie hinzukommen, aber viel wichtiger sind die Sinnabschnitte. Perspektivwechsel ist immer ein guter Grund für ein neues Kapitel, ich mache es aber auch manchmal so, dass es mehrere Perspektivträger in einem Kapitel gibt, wenn es sich sinnvoll zusammenfügt (Handlung an einem Ort, an einem Tag etc.)

Gerade bei einem Thriller ist es doch ideal, wenn die Kapitel gegen Ende hin kürzer werden. So untermalst du den Spannungsbogen noch durch die Länge der Kapitel und ziehst den Leser stärker hinein. Das "Ein Kapitel geht noch"-Phänomen zeigt dir ja sehr deutlich, dass es wunderbar funktionieren kann.

Gleiche Länge von Abschnitten würde ich eher bei einer Ebook-Reihe für wichtig erachten, da ich dort als Leser mich auf eine gewisse Länge für jeden Teil einstelle.
Not every story is meant to be told.
Some are meant to be kept.


Faye - Finding Paradise

Kerstin

Zitat von: Arcor am 23. April 2018, 09:32:42
Gerade bei einem Thriller ist es doch ideal, wenn die Kapitel gegen Ende hin kürzer werden. So untermalst du den Spannungsbogen noch durch die Länge der Kapitel und ziehst den Leser stärker hinein. Das "Ein Kapitel geht noch"-Phänomen zeigt dir ja sehr deutlich, dass es wunderbar funktionieren kann.
Das sehe ich komplett gegenteilig.
Gerade beim Thriller bietet es sich an, durch kurze Kapitel die etwas langsameren Passagen und Charaktereinführungen für den Leser gefühlt zu beschleunigen, indem man da mit kurzen Kapiteln arbeitet.
Thriller bedeutet schließlich Hochspannung, man muss den Leser mitreißen. Man erreicht das Gegenteil, wenn man die etwas öderen Szenen dadurch betont, dass man längere Kapitel hat - das zieht sich für den Leser noch viel mehr.

Bei einem Thriller halte ich es auch für völlig überflüssig, sogar kontraproduktiv, Kapitelenden mit Szenenenden oder gar Sinnabschnitten gleichzusetzen. Manchmal muss man es machen / bietet es sich an, aber das Arbeiten mit den verschiedenen Arten von Cliffhangern gehört eigentlich zum Handwerk beim Thriller.

Bei meinen Thrillern haben meine Kapitel meistens um die 5 Seiten - ich gehe nicht unter drei Seiten und nicht über 9.
Zu große Variation in der Länge von Kapiteln halte ich bei diesem Genre für nicht sinnvoll, vor allem nicht, wenn man eher kurze Kapitel verwendet.
Prinzipiell versuche ich unabhängig vom Genre meine Kapitellänge um nicht mehr als 30% vom Durchschnittswert variieren zu lassen. Damit vermeidet man Frust beim Leser, wenn er sich denkt "Hach, das Kapitel geht noch" und dann ist das nächste 5 Mal so lang ...

Carolina

Ich peile immer 2000 Wörter an und akzeptiere alles von 1900 bis 3500. Damit fahre ich eigentlich ganz gut. Im Zweifel geht natürlich die Story vor der Kapitellänge, aber ein bisschen Struktur braucht man finde ich schon.

Churke

Zitat von: Evanesca Feuerblut am 23. April 2018, 08:33:07
Einheitliche Kapitellängen halte ich sowieso für Blödsinn. Für mich ist ein Kapitel fertig, wenn es fertig ist. Das ist mal länger und mal kürzer (allerdings bin ich eine Kurzkapitelschreiberin, also die sind bei mir sowieso sehr selten länger als 14 Seiten und liegen meist im Schnitt bei 900 Wörtern :D )


Einspruch!
Die Kapitellänge ist notwendige Folge der Erzählweise und des Erzähltempos. Es ist reichlich unwahrscheinlich, dass ein Kapitel von 3 Seiten inhaltlich und formal so aufgebaut ist wie eines von 30 Seiten.
Das bedeutet, dass ich bei stark wechselnden Kapitellängen Brüche in meiner Erzählweise haben muss, das lässt sich überhaupt nicht vermeiden.
Die Frage lautet nicht, ob man das machen kann oder nicht, die Frage muss lauten, ob man sich dessen bewusst ist. Erst dann kann man entscheiden, ob es im Einzelfall eine gute Idee ist oder eher eine schlechte.

Angela

Kapitellänge kann so oder so sein, gleich aber sicher eher nicht. Ich wähle einzelne Handlungsabschnitte als Kapitel, bei einem Thriller kann man durchaus diese Kapitel unterteilen und Unterkapitel machen, bei denen die Protas ständig wechseln, wenn es der Spannung dient. X möchte  Y mördern und wer gewinnt am Ende. Glesen habe ich das oft genug, es ist schon so, dass man dann immer weiterliest. Aber ein ganzes dickes Buch so zu lesen, dass ist eine andere Geschichte. Ich brauche immer, bis ich wieder in die Perspektive des Protas komme, er oder sie muss mir wieder nah werden und ans Herz wachsen. Wenn das gleich wieder abgeschnitten wird, funktioniert es bei mir nicht.

FeeamPC

Ein Kapitel ist so lang, wie es ist. So lang, wie es die jeweilige Handlung erfordert. Und wenn es nur eine halbe Seite lang ist.

Turiken

Grundsätzlich mag ich als Leserin, wenn die Kapitel nicht zuuuu ausufernd sind, gerade wenn ich abends nur noch ein paar Seiten lesen kann. Ein Kapitel, das gerade mal eine halbe Seite lang ist, sollte da allerdings die Ausnahme sein. Klar ist es schnell gelesen und klar kann es zwischendurch das Ganze auflockern. Aber man möchte ja auch in die Atmosphäre und das Setting eintauchen, da darf es (für mich) also auch nicht zu knapp sein.

Churke hat schon richtig geschrieben, dass die Länge der Kapitel sowohl das Tempo als auch die Erzählweise beeinflusst. Tempo: Klar, bei einem Thriller oder allgemein bei einer spannenden Stelle können es gern kürzere, knackigere Kapitel sein. Erzählweise: Gerade in der Fantasy kann man sich manches Mal in einem Kapitel verlieren, da halte ich es nicht für zwingend notwendig, etwas zu verknappen, nur weil das Kapitel gefühlt ein paar Seiten zu lang wird.

Um zur Ausgangsfrage zurückzukommen: Gerade in einem Fantasythriller, der zum Finale hin an Fahrt aufnehmen soll, halte ich es für sinnvoll, die Einheiten etwas kürzer zu gestalten. Die Alternative mit den Perspektivwechseln in einem Kapitel ist natürlich auch in Ordnung. Wichtiger wäre in meinen Augen, nicht zwischen beiden Möglichkeiten wild hin und her zu springen, sondern definitiv eine Marschroute einzuschlagen und die dann auch durchzuziehen, damit eine gewisse Struktur erkennbar ist.

Sascha

Ich lese gerade "Alpha und Omega: Apokalypse für Anfänger" von Markus Orths. Es beginnt mit dem kürzesten Kapitel, das ich je gesehen habe:
ZitatEigentlich bin ich Gott. Dazu später mehr.
Das war's.

Das Buch ist allerdings auch vieler anderer Hinsicht sehr eigen. Nicht ganz einfach zu lesen, aber noch halte ich durch. Mal sehen, wie es sich entwickelt.

Evanesca Feuerblut

@Churke
ZitatEs ist reichlich unwahrscheinlich, dass ein Kapitel von 3 Seiten inhaltlich und formal so aufgebaut ist wie eines von 30 Seiten.
Stellt ja auch niemand in Frage, aber wieso sollte es das auch sein?
Von Brüchen würde ich da allerdings nicht reden. Mal geht es rasanter zu und mit mehr Wechseln, mal ruhiger. Mal ist es die Ruhe vor dem Sturm. Ich sehe da also das Problem nicht.

Trippelschritt

#86
Ich gehöre zu der Gruppe hier, die der Meinung ist, dass der Text seine Kapitellänge fordert. Und so ganz klar ist es auch nicht, was ein Kapitel ist. In meinem Erstling hatte ich drei Kapitel, die eigentlich drei Akte mit einer sehr starken Trennung waren. Ich habe aber auch schon Kapitel geschrieben, die nicht länger waren als zwei Seiten. Ich mache das ganz intuitiv.

Trippelschritt

Fianna

Das ist doch genau so eine Sache wie mit Perspektivwechseln. Macht man es künstlerisch-intuitiv oder gehört man zu der Gruppe, die Perspektivwechsel nach einem Absatz für falsch und schlechtes Handwerk halten?

Nachdem ich angefangen habe, auf sowas zu achten, fiel mir auf, dass in historischen Bestsellern (nicht die Wanderhure, schon historischer) das auch gemacht wird...

Ich versuche auch, die Kapitel einheitlich zu halten, aber wenn es mal nicht klappt, ist das so. Da muss dann aber etwas Besonderes inhaltlich geschehen. Dass Tante Trudi zum Supermarkt geht, ist kein Grund für ein so kurzes Kapitel. Außer es wurde vorher erzählt, dass er in der Hand von Terroristen o.Ä. ist.

Gizmo

In meiner Geschichte mit vielen Perspektiven und einer Handlung, die an verschiedenen Ort gleichzeitig stattfindet, halte ich es so: Finden Handlungen in örtlicher Nähe statt - z.B. im selben Stadtviertel, Schiff usw. - verwende ich ***, um den Szenenwechsel zu vollziehen. Findet eine Szene dagegen an einem völlig anderen Ort statt oder zu einer ganz anderen Zeit, beginnt ein neues Kapitel, auch wenn es deutlich kürzer ist. Es mag an meiner mangelnden Erfahrung liegen, aber so ist es für mich am einfachsten, den Text so sinnvoll zu strukturieren, dass der Leser leicht folgen kann. Demnach kann ein Kapitel in meinem Fall mehrere oder auch nur ein einzelne Szene enthalten.

Ich habe eine Weile versucht, gleiche Kapitellängen zu verwenden, fahre aber nicht gut damit. Für mich persönlich - und am Ende auch für meinen Text - ist es am besten, wenn ein Kapitel so lang ist, wie es sein muss, um gut erzählt zu werden. Am Ende geht es auch auf Kosten von Lesefluss und Spannungsbogen, wenn ein Kapitel künstlich verlängert oder verkürzt wird.
"Appears we just got here in the nick of time. What does that make us?"
"Big damn heroes, sir!"
- Joss Whedon's "Firefly", Episode 5, "Safe"

Churke

Zitat von: FeeamPC am 23. April 2018, 14:45:49
Ein Kapitel ist so lang, wie es ist. So lang, wie es die jeweilige Handlung erfordert. Und wenn es nur eine halbe Seite lang ist.

Na ja, aber du legst die Handlung doch vorher fest und damit auch die Kapitellänge. Hinter deiner halben Seite steht also eine bewusste Entscheidung.

Zitat von: Evanesca Feuerblut am 23. April 2018, 16:21:13
Von Brüchen würde ich da allerdings nicht reden. Mal geht es rasanter zu und mit mehr Wechseln, mal ruhiger. Mal ist es die Ruhe vor dem Sturm. Ich sehe da also das Problem nicht.
In Formalien steckt ein Kraft, der sich die meisten Leute leider nicht bewusst sind. Die einen klammern sich sklavisch an Regeln, die anderen halten die Regeln für obsolet, aber eigentlich weiß niemand so wirklich, wozu die Regeln da sind.
Dabei ist es ganz einfach: Äußere Formalien spiegeln innere Strukturen. Die äußere Ordnung, die ich mir beim Schreiben auferlege, erzwingt eine innere Ordnung in der Dramaturgie. Das ist wie ein Gerüst, über das man die Story spannt.
Natürlich kann (und muss) man an Gerüsten herumschrauben, aber man sollte sich vorher mit der Statik befassen.