• Willkommen im Forum „Tintenzirkel - das Fantasyautor:innenforum“.
 

Multiperspektive?

Begonnen von Halblingschruut, 08. März 2020, 10:38:46

« vorheriges - nächstes »

0 Mitglieder und 1 Gast betrachten dieses Thema.

Annie

In meiner Geschichte ist es ähnlich. Meine zwei Hauptcharaktere haben am Anfang auch nicht viel geneinsamt und ganz eigene Ziele/ Wege. Irgendwann treffen sie aufeinander, stehen sich erst feindselig gegenüber, werden aber schließlich Weggefährten. Ich schreibe dabei auch aus zwei Perspektiven. Am Anfang ganz verschiedene Sachen, später auch eine Szene aus zwei verschiedenen Sichtweisen. Das hat für mich mehrere Vorteile: es ist spannend, man kann die Welt sehr gut abdecken und man kann größere Zeitsprünge sinnvoll nutzen, ohne ins Schwafeln zu verfallen  :) ich finde es auch bei Lesen sehr angenehm. Man muss kur drauf achten, dass es nicht zu verworren geschrieben ist und der Leser dadurch den Überblick verliert. Aber sonst ist das meiner Meinung nach ein schönes Mittel seine Geschichte auf Blatt Papier zu bringen.

Natascha

Ich persönlich finde es auch spannend, wenn in einem Roman mehrere Perspektiven beschrieben werden, sofern man immer genau weiß, aus welcher Sicht gerade geschrieben wird, da es sonst schnell verwirren kann. Wenn es aber gut gemacht ist, ist es fast immer eine Bereicherung, mehrere Sichtweisen zu kennen. Ich denke sogar, dass es auf Dauer das eigene Denken verändert, dass es einem leichter fällt, sich in andere hineinzuversetzen, wenn man so etwas liest und schreibt.

@Nikki Angel Sanctuary war eine meiner liebsten Mangareihen. Tolles Beispiel. :wolke:
We are all in the gutter, but some of us are looking at the stars (Oscar Wilde)

Annie

Ja das stimmt. Man lernt dadurch, sich noch mehr in andere Peronen/ Rollen zu versetzen. Vor allem kann man die Persönlichkeiten der Charaktere besser erfassen  :) ich finde es ist auch für einen selber sehr spannend, weil man mehr über die eigene Geschichte erfährt und auch mehr Handlungsspielraum hat.

Natascha

Sehe ich genauso.
Bei modernen Krimis oder Thrillern ist es ja öfter so, dass man am Ende einen Teil aus Sicht des Täters lesen kann. Das finde ich auch immer extrem spannend. Einige solcher Passagen sind mir in Erinnerung geblieben.   :darth:
We are all in the gutter, but some of us are looking at the stars (Oscar Wilde)

Annie

Oh ja das ist auch spannend. Ein gutes Beispiel ist da Passagier 23 von Sebastian Fitzek finde ich.

Nikki

@Natascha Perspektiventechnisch ist Angel Sanctuary wirklich eine Goldgrube. Wenn man sich das als Vorbild nehmen will, dann hat man sich hohe Ziele gesteckt.  :rofl: Man muss aber auch dazu sagen, dass Yuki mit einem ganzen Team an Assistent*innen gearbeitet hat und da die Frage offen bleibt, wie viel hat da ein einzelner Mensch tatsächlich geleistet. Also wenn man Vergleichbares in einer Solonummer schaffen will, dann ist das nicht ohne.

@Annie
Zitat
Ja das stimmt. Man lernt dadurch, sich noch mehr in andere Peronen/ Rollen zu versetzen. Vor allem kann man die Persönlichkeiten der Charaktere besser erfassen  :) ich finde es ist auch für einen selber sehr spannend, weil man mehr über die eigene Geschichte erfährt und auch mehr Handlungsspielraum hat.

Die Geschichte erhält auf jeden Fall ein paar Tiefen bzw. Ebenen mehr pro Perspektive. Es ist aber eine Gratwanderung zwischen "ich möchte möglichst viele meine Figuren reden und handeln lassen" und die Geschichte dynamisch und effektiv bzw. effektvoll zu erzählen. Manche Szenen sind zu wenig komplex, um mehrere Perspektiven zu rechtfertigen (bspw. die Post wird zugestellt), andere wiederum entfalten ihre volle Wirkkraft erst mit mehreren Perspektiven (bspw. das Postgebäude wird in die Luft gesprengt, mehrere Überlebende/Opfer erleben den Hergang).

Alana

Ein genial gemachtes Beispiel für Multiperspektive ist der Film "The Hole". Dreimal die gleiche Geschichte erzählt von drei verschiedenen Personen. Wer sich für diese Erzähltechnik interessiert, sollte sich das unbedingt mal anschauen. Ich habe manchmal schon damit gearbeitet, aber nicht direkt, sondern zeitversetzt. In Band 2 von Seelenmagie sieht man eine Szene aus seiner Sicht, die man in Band 1 nur aus ihrer Sicht kannte. Dadurch und durch das, was man inzwischen weiß, ergeben sich für die Szene und die Geschichte plötzlich ganz neue Zusammenhänge. Ich liebe sowas.
Ich brauche jetzt kein Entenfett.

Annie

@Nikki da hast du Recht. Es sollte natürlich Sinn ergeben und nicht wahrlos reingeschmissen werden. Sonst verliert das ganze an Mehrwert und wirkt eher wie gewollt, aber nicht gekonnt.
@Alana Was ich auch immer cool finde ist, wenn man z.B. merkt, dass der vermeintlich böse gar nicht mal so schlimm ist und man versteht wie er zu so einem Charakter geworden ist. Das sind dann auch nochmal ganz andere Hintergründe.

Trippelschritt

Echte Multiperspektive verwende ich nicht, weil das ein wirklich technischer Hammer ist, dessen Schlagwucht große Teile der oder die ganze Geschichte bestimmen.
Ich kenne eine Gerichtsszene, in der von vielen Zeugen dasselbe Ereignis beschrieben wird, wobei aber nicht das gleiche herauskommt. Dort ergibt so ein technischer Trick Sinn.

Ich kenne einen Film, in dem es um ein Attentat geht und die Multiperspektive Teil der Suche nach dem Täter ist. Nur halb gelungen im Film - einfach zu schwierig für den zuschauer - aber vielleicht gut im Buch, wenn es denn ein Buch zu dem Film gibt.

Was ich aber selten mache - man kann so etwas nicht häufig machen, da wird man als Autor schnell abgestempelt - ist, bei einem generellen Perpektivwechsel von einer Erzählperson zu einer anderen, diesen Wechsel zu nutzen, um kleine Teile, vielleicht eine oder mehrere Szenen aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten. Aber es sind in diesem Fall immer nur zwei Perspektiven.

Ich halte mich an einen einfachen Ratschlag: Die beste Erzählweise ist !einfach! . Alles, was wirklich besonders, trickreich oder auffällig ist, muss seine Berechtigung aus der Geschichte selbst ableiten. Sonst bleibt es ein Effekt. Und reine Effekte helfen nicht der Geschichte. Sie wirken hohl oder leer oder aufgesetzt oder sonst wie falsch.

Liebe Grüße
Trippelschritt
(empfiehlt aber immer mit solchen Dingen herumzuexperimentieren)

Annie

Das sehe ich etwas anders. Ich finde, dass gut gemachte Effekte der Geschichte die persönliche Note geben. Ansonsten arbeitet man die Fakten nur ab. Aber ja man muss mit Persepktivwechseln vorsichtig sein. Gerade, wenn der Erzähler dann auch noch wechselt. Das kann gelingen, kann auf der anderen Seite aber auch schnell sehr holprig werden und verwirren. Aber das schöne am Schreiben ist ja, dass es da keine Grenzen gibt außer dem eigenen Geschmack :)

Trippelschritt

Dem könnte ich zustimmen, wenn ich wüsste, was gut gemachte Effekte sind. Ich hoffe, dass du jeden Effekt um des Effektes willen nicht zu den gut gemachten zählst.

Liebe Grüße
Trippelschritt

Annie

Definitiv nicht. Ein gut gemachter Effekt ist für mich einer, der die Geschichte beispielsweise von der Stimmung her gut umschreibt. Ich hab jetzt z.B. eine Szene geschrieben, in der einer meiner Hauptcharaktere benommen durch die Straßen irrt. Ich hab das erst kurz und knapp geschrieben, wodurch die Szene eher langweilig war. Jetzt habe ich beschrieben, was der Charakter sieht und empfindet und dabei etwas mit meiner Beschreibung gespielt. Dadurch wirkt alles viel lebendiger. Wenn man jetzt natürlich völlig benalae Dinge beschreibt wie z.B. einen Gang aufs Klo, dann naja bringt das selbst mit tollen stilistischen Mitteln meistens keinen Mehrwert  :hmmm:

Liebe Grüße zurück

AlpakaAlex

Also eigentlich bevorzuge ich es Geschichten mit einer einzelnen Perspektive zu schreiben. In meinen letzten beiden fertigen Projekten habe ich Einzel-Perspektive in der ersten Person Präsens geschrieben. In meinem aktuellen Projekt allerdings - Sturmjägerinnen - nutze ich tatsächlich eine echte Multiperspektive. Dort habe ich drei Personalerzähler*innen, weil ich zwischen den drei Protagonist*innen wechsele. Technisch gesehen habe ich sogar noch mehr Perspektiven, da eine der Figuren die Fähigkeit hat, in die Erinnerungen anderer Menschen einzudringen und diese Erinnerungen natürlich wieder eine eigene Perspektive bekommen.
 

Mefisto

Ich "kämpfe" Gerade auch mit dem Sachverhalt - bei mir kommt es aus der Lage heraus dass scheinbar losgelöste Themen Schnittpunkte haben ich aber es viel interessanter finde wenn verschiedenen Personen die erleben und sie sich dann verbinden - es ist aus meiner Sicht einfach "langweilig" wenn eine Person alles - wie an einer Perlenkette aufgereiht - nacheinander erlebt. Allerdings finde ich es schwer zu erreichen dass der Leser sich - wie so oft gefordert - mit verschiedenen Personen identifiziert ... das wäre für mich auch schwer zu erreichen wenn die Perspektive ein fieser, sadistischer Mörder ist ... - wie seht ihr das?

Araluen

Bei Thrillern kommt es tatsächlich hin und wieder vor, dass es auch Szenen oder ganze Kapitel aus Sicht des Serienkillers gibt. Meist ist das schwer verdauliche Kost. Was hier fesselt ist aber nicht die Identifikation mit der Person, sondern die Faszination für das Böse (zumindest bei mir). Ich wäre dann sehr irritiert, wenn man mir gleichzeitig den Serienkiller als guten Kumpel und eben auch Identifikationsperson verkaufen wollte. Die Frage ist dann, wozu braucht man die Perspektive des sadistischen Serienmörders. In Thrillern wird sie in der Regel dazu verwendet die Spannung zu steigern und eben dem Leser einen Blick in den finsteren Abgrund zu geben (noch intensiver ist für mein Befinden dabei aber die Perspektive eines Opfers, während es in Gewalt des Killers ist). In diesem Fall geht es um seine inneren Abgründe und sadistischen Phantasien, die er auslebt. Es geht in der Regel nicht darum, den Killer als Person begreiflich zu machen und damit auch ein Stück weit zu entdemonisieren - in der Geschichte ist er der Feind und soll es auch bleiben.
Wenn du willst, dass sich deine Leser mit dem sadistischen Serienmörder identifizieren, wartet ein gutes Stück Arbeit auf dich. Man kann einen Serienmörder entdemonisieren, indem man aufzeigt, wie es zu den Taten gekommen ist. Denn einem Serienmord geht meist ein tragisches Schicksal vorraus und als Leser ist man dann vielleicht bereit eine Art Verständnis aufzubringen. Doch wird sich ein Leser mit einer derart traumatisierten und höchstwahrscheinlich psychisch gestörten Person identifizieren, die zusätzlich jeden Bezug zu Recht und Unrecht verloren hat? Und dann ist wieder die Frage, warum man das wollen würde als Autor. Nicht, dass ich das völlig abwegig finde, aber Perspektiven wählt man ja aus einem bestimmten Grund und für einen bestimmten Zweck.