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Konflikt zwischen Vorarbeiten, Ansprüchen und Schreiben

Begonnen von Zepyhr, 27. April 2007, 10:23:13

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Zepyhr

Guten Morgen miteinander!

Ich stecke in folgender Misere: ich weiss nicht, wo mit Schreiben anfangen.

Etwas zur Vorgeschichte. Ich bewege mich schon seit vielen Jahren im selben Fantasysetting, eine Welt, die in Kindertagen entstanden ist und mich bis heute nicht losgelassen hat. Es war schon immer mein Bedürfnis, eine Geschichte zu schreiben, die an diesem magischen Ort stattfindet. Natürlich habe ich früher wild darauf los geschrieben - wie man's halt so macht. Viel ist dabei nicht herausgekommen, aber es hat sich bei jedem Versuch ein Konzentrat ergeben, dass alle Versuche überlebt und sich mit der Zeit verdichtet hat, zum Beispiel Charaktere, Karten, etc.
Vor ein paar Jahren begann eine Phase des Nicht-Schreibens - die Gründe sind verschiedener Natur. Dafür habe ich mich mit dem "Schreiberhandwerk" an und für sich auseinander gesetzt. James Freys Bücher waren meine heiligen Bücher! ;) Vor rund einem Jahr hatte ich dann das grosse Glück, eines dieser "Jetzt-hats-Klick-gemacht"-Erlebnisse zu haben: Ich hatte meinen Helden gefunden! Leider habe ich bis heute immer noch nicht wirklich geschrieben. In sehr groben Zügen habe ich bspw. über einen Plot nachgedacht und ein wenig darüber sinniert ("geträumt").

Nun das eigentliche Problem: Inzwischen brennt es mir unter den Nägeln, endlich wieder zu schreiben.  Aber ich weiss nicht, wo ich anfangen soll. Es herrscht ein Konflikt - einerseits zwischen dem Bedürfnis, zu schreiben und andererseits zwischen den Ansprüchen an eine Geschichte und alle ihre ausgearbeiteten Teile (Char, Plot, Prämisse, Setting, etc.). Ich sitze also da und denke mir: "Schreiben lernt man nur durchs schreiben! Andererseits sind Vorarbeiten unerlässlich - dann kann ich aber nicht richtig schreiben." Man dreht sich unablässig im Kreis.
Ich bin mir nicht sicher, ob es irgendeinen Mittelweg gibt, bei dem ich sowohl z.B. das Setting ausarbeiten und gleichzeitig bereits mit der Geschichte - nach minimalen Vorbereitungen - beginnen kann. Auch wenn meine Ansprüche für gewöhnlich ziemlich hoch sind, ist es mir wichtiger überhaupt etwas aufs Papier zu bringen.

Welche Tipps und Hilfen könnt ihr mir geben? Kann man diesen Mittelweg gehen? - Ich bin für alles - auch gutes Zureden ;) - dankbar. In diesem Sinne

ein freundlicher Gruss!
°zephyr°

Chuck

Naja... wenn du schon gewisse Pläne hast, dann setzt doch da einfach an und schreib schonmal. Musst ja nicht in einem Ruck das Werk schreiben.
Sobald du dann nicht mehr weiter weißt mit Schreiben - plane wieder.
Oder fällt dir während des Schreibens etwas ein, mache dir eine kurze Notiz.

Beides ist wichtig, aber einfach mal anfangen mit Schreiben wohl primär. Wenn du erst den Anfang der Geschichte im Kopf hast... schreib sie auf.


Ary

Hi Zephyr,
Wie wär's, wenn Du die Geschichte erst mal grob durchplottest (Anfang-MITTE, ganz wichtig-Ende). Dann weißt Du, wo du hinwillst und über welchen Weg Du hinkommst.
Hat bei mir gut geklappt, ich habe einen groben Handlungsfaden und plotte die Details von Kapitel zu Kapitel.

Grüße,
Aryana

Pandorah

Also ich würde dir auch zu einem groben Durchplotten der Geschichte raten, dann aber - LEG LOS! Ich glaube kaum, dass man bei dir von "zu wenig Vorarbeit" sprechen kann, so lange, wie du dich schon mit der Welt befasst. O_o

Und James Freys Bücher zum Schreiben sind auch meine heiligen Schriften. ;D Ich lese mir gerade mal wieder The Key durch. Seeeeeeeeeeehr hilfreich und motivierend.

gbwolf

Hallo Zaphyr!

Da trägst Du ein ähnliches problem mit Dir herum, wie ich. Meine Lösung heißt mittlerweile: Disziplin  :omn:
Bisher habe ich viel im Kopf entworfen und ebenfalls "geträumt". Dann kam immer irgendwann die Phase, in der ich den Druck los werden musste und einfach geschrieben habe. Meistens Kraut und Rüben und mit der Ausrede, ich müsse mich erst in Welt, Charaktere und Geschichte "einschreiben". Dementsprechend bin ich dann auch beim TiNoWriMo regelmäßig an meinen Vorsätzen soundsoviel zu schreiben gescheitert.
Dann habe ich mich hingesetzt und nur geplottet. Ganz wichtig: Den groben Plot habe ich im Kopf, die Charaktere habe ich im Kopf und: Den genauen Schluss habe ich im Kopf. Immein fast die Hälfte des Romans habe ich unter Zwang niedergeschrieben und mir an vielen Stellen die Zähne ausgebissen, an denen während des Schreibens die "Wie geht es wieter"-Verzweiflung eingesetzt hätte. Klar muss man während des Schreibens noch immer viel improvisieren, aber es geht deutlich besser und flüssiger, weil ich mich nit mehr fragen muss, wie ich diesen Konflikt in der Zukunft auflöse und weil ich die Spannungsmomente vorher so plane, dass es zu keinen langen Langeweilephasen kommt.

Ich plotte übrigens keine Kapitel, sondern grob die Szenen. Immer wenn die Figur wechselt oder ein neuer Tag beginnt, fängt eine neue Szene an. Dann sind die Textblöcke kleiner und man hat schneller ein Erfolgserlebnis, bzw. man kann die Spanung zum Szenenende hin heben und ab und an einen Cliffhanger setzen. Ganz sklavisch halte ich mich nicht daran, immer eine neue Szene zu beginnen, wenn die Handlung ein paar Stunden überspringt, aber einigermaßen und das hilft mir.

Wenn Du ebenfalls zu den Leuten gehörst, die ein "Korsett", eine feste Struktur brauchen, um etwas zum Festhalten zu haben, kann ich Dir den yWriter empfehlen (Benutz mal die Such-Funktion ... es gibt einen Thread dazu). Dort kannst Du Szene für Szene planen, verwalten und schreiben. Und es gibt eine praktische Funktion zum Wörterzählen, die Dir zeigt, wie weit Du von einem gesetzten Ziel entfernt bist.
Da man im yWriter nur ein Projekt laufen lassen kann (jedenfalls bringe ich das durcheinander), benutze ich für den anderen Roman Open Office: Ich lasse mir rechts in der Navigator-Spalte die Szenenüberschriften anzeigen, setze Textmarken und kann leicht hin- und her springen. Ohne Scrollen und mit schneller Übersicht fide ich diese Arbeitsweise sehr angenehm.

Grüße, Wölfin

Elena

Hallo,

ein ähnliches Problem habe ich zur Zeit auch, mir fehlt ein bisschen viel beim Plot, um einfach draufloszuschreiben. Ich werde es jetzt trotzdem tun, weil ich weiß, wohin ich ungefähr will und weiß, wie weit ich "trocknen Fußes" komme.
Vielleicht hilft es dabei sich zu sagen: Die Worte sind nicht in Stein gemeißelt. Selbst wenn du merkst, dass das ganze bis Seite 100 in eine falsche Richtung lief, man kann es noch ändern. Je nachdem, wie groß der Schaden ist, ist das ein riesiger Aufwand, aber das sollte das Manuskript einem Wert sein (bitte nicht schlagen, ich weiß, ich rede hier als Blinde von den Farben).
Vieles ergibt sich zwischendurch, und für Vieles muss man das Geschrieben auch schon vor Augen haben, dann ergeben sich Wendungen von selbst. Das muss man immer im Hinterkopf behalten.

Gerade beim Setting kann man später noch eine Menge drehen, bei mir wird das mit Überarbeitung zu Überarbeitung immer klarer.

Also: Verstrick' dich nicht in den Planungen. So, wie ich das in "Schreiberkreisen" sehe, ist so etwas oft der erste Schritt zum Tod der Idee. Damit meine ich nicht eine zu genaue Planung, sondern sich an der Planung aufzuhängen in dem Glauben, wenn man nicht die Farbe der Schnürsenkel des Helden kennt, funktioniert gar nichts.

Viel Glück!

Liebe Grüße,

Elena

Manja_Bindig

#6
Als Allererstes, Zephyr: Dieses Thema haben wir in ähnlicher Form schon im Workshop. Ich werds also dorthin verschieben.
In Zukunft schau bitte erst, ob deine Frage schon irgendwo steht. :)  :wache!:


Und jetzt zum Thema:
Ich kann hier nur wiederholen, was gesagt wurde - mach eine Planung, ohne dich in Details zu verzetteln.

Ein Plot, vielleicht ein, zwei Nebenplots, eine grobe Übersicht der Charaverhältnisse, das ist eine gute Grundlage um anzufangen.

Um in die Geschichte reinzukommen, rate ich aus eigener Erfahrung, sich zuerst mit den Charakteren zu beschäftigen. Gib ihnen einen hintergrund, schreib ein paar Kurze Geschichten zu ihnen, um sie zu charakterisieren... das hilft und führt dich in deine welt ein.

Zepyhr

Hätte mich gewundert, wenn die Frage bisher noch nicht gestellt worden wäre. Danke für den Hinweis; ich werde das nächste Mal genauer nachschauen :).

Ein herzliches Dankeschön auch für die Antworten! :jau:

Aneirin

Hallo Zephyr,

vor Jahren ging es mir auch so, dass ich eine Scheu hatte bei einer Geschichte das erste Wort, den ersten Satz zu schreiben - es war wie etwas Heiliges. Ich habe mir dann regelmäßig einen Ruck gegeben und es einfach gemacht. Das Gefühl der Hemmung hat sich nach und nach verflüchtigt.

Heute weiß ich in der Regel sehr genau, mit welcher Szene ich eine Geschichte beginnen will und dann brennt es mir unter den Nägeln mit dem Schreiben zu beginnen.

ZitatAuch wenn meine Ansprüche für gewöhnlich ziemlich hoch sind, ist es mir wichtiger überhaupt etwas aufs Papier zu bringen.
Diese Ansprüche schraube bei der ersten Rohfassung runter. Die erste Fassung ist nämlich genau das - roh. Es kommt nicht darauf an, dass jedes Wort sitzt und dass die Charaktere und der Plot vorher bis ins Letzte ausgearbeitet sind. Die Geschichte entwickelt sich häufig noch beim Schreiben und dem gebe ich auch Raum.  Den Feinschliff bekommt die Geschichte dann in der Überarbeitung.

Ich kenne alle Wendepunkte der Geschichte und weiß, welche Szenen unbedingt geschrieben werden müssen und recherchiere vorher das Meiste, was ich wissen muss, dann plane ich aber immer nur die nächsten 10 bis 15 Szenen und wenn ich an das Ende von diesen komme, plane ich wieder. Ich lege mir auch eine Liste von Szenen an, die ich schreiben könnte, schriebe aber längst nicht alle davon. Damit komme ich besser zurecht, als wenn ich von Anfang an, alles durchplane.

Du musst natürlich deinen eigenen Weg finden und das Wichtigste ist, dass dich deine Geschichte begeistert. Sie muss weder furchtbar originell noch furchtbar kompliziert sein.

Grüße
Aneirin

Cassi-the-Orc

Ich plotte mittlerweile auch nur noch grob aus. So weiß ich, was genau vorkommen MUSS, kenne das ungefähre Ende und weiß halbwegs, wie ich dort hin komme. Im Nachhinein muss ich zugeben, dass die schreibtechnisch schlimmste Geschichte die war, die ich bis ins kleinste Detail geplottet hatte. Jede einzelne, noch so kleine Szene, jeder Charakter hatte seinen Plot - grausam. Es hat keinen Spaß gemacht, ich kam mir über die ganze Geschichte hinweg eingezwängt vor. Letzlich war es ein Versuch, weil mir immer jeder sagen wollte, dass man genauso schreiben muss. Warum auch immer.

Nun mit dem groben Rahmen komme ich besser zurecht. So ist es auch nicht schlimm, wenn Charaktere ein Eigenleben entwickeln (was meiner Meinung nach bis zu einem gewissen Maß gut ist, da die Charas so glaubhafter und echter erscheinen) und ich muss in diesem Fall nicht das Eigenleben eines Charakters "vernichten" oder aber den ganzen Plot ändern, sondern kann seinen Hintergrund ganz normal verwenden. Gut, ich verzettel mich dabei auch nie und komme zurück zu dem Punkt, den ich erreichen will, aber oftmals hat mich diese eigene Entwicklung schon zu einem völlig anderen, jedoch wesentlich besseren Ende gebracht, als ich vorher zu schreiben meinte.

Meine Ansprüche sind auch extrem hoch und nur selten bin ich komplett zufrieden mit dem, was ich schreibe. Um mich jedoch nicht in endlosen Überarbeitungen aufzuhalten, schreibe ich mittlerweile eine Geschichte komplett runter - ohne einmal zu lesen, was ich vorher geschrieben habe. Höchstens lese ich noch einmal den letzten Satz, wenn ich mitten in einer Szene aufgehört habe. Ansonsten schreibe ich, bis ein "Ende" unter die Geschichte geschrieben werden kann, schließe die Datei und ein, zwei Tage später lese ich sie durch.

Was mir noch geholfen hat, um mich nicht in meinem "das ist zu schlecht, das passt nicht-Überarbeitungsrhythmus" zu fallen, war der Tipp, einfach etwas völlig anderes zu schreiben. Wenn ich merke, dass ich an der bereits auf dem PC vorhandenen Rohfassung mäkelig jeden einzelnen neuen Satz unter die Lupe nehme, wende ich mich erstmal von dem Projekt ab und schreib etwas in einem anderen Stil. Das gilt auch für die Zeit nach der Beendigung der Rohfassung und der ersten Überarbeitung.

Und noch ein Tipp: Schreib handschriftlich vor. Die Szenen sind meist weniger ausgearbeitet, schlechter formuliert etc, aber du hast etwas zu Papier gebracht. Und vielleicht wirst du ebenso wie ich merken, dass du nie das übernimmst, was auf dem Blatt steht. Beim Abtippen überarbeitet man gleichzeitig, ergänzt, erklärt, schreibt schönere Formulierungen. Und man schreibt mit dem sicheren Wissen, dass das ja niemals die Endfassung sein wird *g*

Und wie Aneirin schon sagte: Fürs erste musst nur du von der Geschichte begeistert sein. Bist du es, tauchst du komplett in deine Welt ein, ergibt sich das Schreiben wie von selbst und du weißt ganz genau, warum du das und das jetzt schreiben musst und was als nächstes kommt. Und wenn dem nicht so ist: So hart es klingt, aber dann löse dich von dieser Idee und fange was anderes an. Vielleicht kommst du später wieder auf das Projekt zurück, vielleicht auch nicht.

Ich weiß, solch ein Fall tut weh. Ich hab bis vor kurzem drei oder dreieinhalb Jahre keinen Satz mehr zustande bekommen, weil ich mich an einer Idee festgeklammert habe, die zwar gut, aber nicht schreibbar ist. Alles, was ich versucht habe zu schreiben, lief auf diese Idee hinaus. Grausam.

Lavendel

Also, das Problem kennt wohl jeder.
Aber hey, du hast einen Protagonisten! Der Protagonist hat eine Vorgeschichte, nehm ich an, und daraus ergibt sich doch meistens ein absolut spannender Plot! Vielleicht hab ich einfach glück, dass ich mich, wenn ich an diesem Punkt bin, nur zwei-drei Stunden brauche, um die Grundidee für einen Plot zu haben. Aber das reicht auch echt schon - was kommt am Ende raus?

Dann kannst du ruhig erstmal schreiben (ich mache das auch oft nicht chronologisch, sonder nehm mir erstmal die Eckpunkte vor, ohne die es nicht läuft; die hat man dann ja auch meist besonders klar im Kopf). Es ändert sich sowieso immer noch was, während des Schreibprozesses.

Also immer fein loslegen!

Solatar

Also...zunächst mal "Es wird alles gut!"
Es gibt Autoren, die müssen alles genauestens vorplanen und es gibt Autoren, die schreiben einfach darauf los und lassen sich treiben. Beides hat seine Vor- und Nachteile und hängt sicherlich von den persönlichen Neigungen ab. Mitunter entscheiden aber auch Komplexität der Handlung, Verzweigungen, Charaktere etc. Ein episches Jahrhundertwerk in mehreren Bänden mit hunderten von unterschiedlichen Charakteren, Orten und Nebenhandlungssträngen wird auf Dauer schwierig, wenn man sich nur "treiben" läßt. Wohingegen ein einzelner, überschaubarer Handlungsstrang mit wenigen Charakteren recht einfach (auch im Kopf) zu strukturieren ist und man sich in diesen Fällen sicherlich treiben lassen kann.

Zur Überwindung der Anfangsschreibhemmung hilft m.E. nur...Hinsetzen und Schreiben. Lass die Gedanken einfach fliessen.
Hast Du erst einmal die ersten Seiten auf Papier oder im PC, kannst Du überarbeiten, kürzen, ändern, strukturieren etc. ...aber Du hast dann immerhin etwas. Das ist motivierend und hilft ungemein.