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Autor Thema: [Workshop] Kampfszenen  (Gelesen 13221 mal)

Sprotte

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[Workshop] Kampfszenen
« am: 09. April 2015, 17:16:30 »
Kampfszenen schreiben

Dies wird keine perfekte Anleitung, wie ab sofort jeder die absolut mitreißende, umwerfende und turbotolle Kampfszene schreiben kann. Aber ich habe nun von mehreren Seiten gehört, dass das Schreiben dieser Szenen schwer fällt – und dass meine Kampfszenen gefallen. Dankeschön!
  Ich schreibe Heroic Romantic Fantasy – „Schmachten & Schlachten“, und natürlich dürfen da Kampfszenen nicht zu kurz kommen, präsentieren sie doch den Helden im martialischen Leuchten eines entfesselten Kriegsgotts. Mein Setting ist also ganz grob dem europäischen Mittelalter vergleichbar. Waffen und Rüstungen müssen nicht immer aus dieser Epoche und Region kommen. Meine Jungs arbeiten mit Axt (Zweihandaxt, die es so nur in der Fantasy gibt), Schwert, Säbel, Streitkolben, Klingenstab, Dolch und notfalls auch Stilett. Sie sind unterschiedlich gerüstet, wobei nur der Wikinger-Grimmenhelm (Brillenhelm) meistens auftaucht.

Die Perspektive:

  Wichtig ist, wer da gerade zusieht und für den Leser beschreibt, wie weit diese Figur vom direkten Geschehen entfernt ist. Welche Motivation hat die Figur, den Kampf zu beobachten? Wie bewandert ist die Figur selbst im Umgang mit Waffen?
Ist er einer der Kämpfer? Dann bekommt er nichts von einem womöglich riesigen Schlachtfeld mit außer seinem eigenen Kampf. Seine überlasteten Muskeln, den Gestank nach Blut und Kot, das Hämmern des Herzens etc.
  Ist er ein Heiler in der zweiten Reihe, verliebt in jemanden? Besorgt um  jemanden, den er erst 10 Minuten vorher wieder zusammengeflickt hat? Dann starrer Blick auf diesen einen Kämpfer, jedes Straucheln, Keuchen, jeder Schlag wird akribisch festgehalten.
  Ist es ein Bogenschütze in der dritten Reihe? Der sieht nur Schnappschüsse, weil er ja Pfeil um Pfeil entlässt. Und nur im Moment des Zielens sieht er etwas klar, bis der Pfeil im Gegner einschlägt. Denn er folgt mit dem Blick dem Geschoss.

Die Nähe:
Meiner Überzeugung nach ist Nähe das A und O. Sonst beschreibt der Autor nur ein undurchsichtiges Wogen, Hauen und Stechen, ohne den Leser mit sich auf das Schlachtfeld zu ziehen.
  Nähe bedeutet für mich auch, dass der Kämpfende nur das in seinem direkten Umfeld wahrnimmt. Ich nehme Gerüche stark mit rein, und da meine Jungs (bis auf drei Ausnahmen: Kenna, Farlin und Shadac) alle um die Vierzig sind (also alt für Krieger), kommen auch körperliche Wehwehchen dazu, die der Krieger im Moment des Zuschlagens abgemildert dank Adrenalin wahrnimmt.
  Aber das Allerwichtigste ist die Nähe, der Tunnelblick des Kämpfers, der nicht ringsum gemütlich zusehen kann, was seine Leute alles machen, ob da vielleicht einer gerade Probleme hat oder einen Sieg einfährt. Der Krieger ist vollauf damit beschäftigt, seine Gegner zu Boden zu senden und selbst am Leben zu bleiben.
  Ich beschreibe diese Nähe gerne mit einem Kameramann. Meiner steht nicht mit einem Teleobjektiv oben auf einem Berg drei Meilen entfernt, wo die Luft klar und frisch schmeckt und Schmetterlinge ihn umflattern und Vögel singen, sondern er klebt dem Kämpfenden (oder einem der oben genannten Perspektivträgern) auf der Schulter, spürt die Erschütterungen, hört den Schlachtenlärm, wird von oben bis unten mit Blut vollgespritzt und riecht alles, was sich da so tummelt: ungewaschene Körper, Blut, Schweiß, Urin und Kot.

Einzelheiten:
Ich beschreibe keine Kampfschritte aus einem Handbuch für französischen Degenkampf. Keine Terz, keine Finte. Ich beschreibe nicht, wie der Kämpfende seine Füße stellt, in welchem Winkel er das Schwert hält. Vor allem lasse ich ihn nicht mitten im Kampfgetümmel darüber nachdenken, ob er die Waffe jetzt genauso einsetzt/hält etc., wie Meister Gottdeskampfes ihm das mal vor zweiunddreißig Jahren auf einem Kasernenhof im strahlenden Maisonnenschein … Nein. Der Kämpfende denkt nicht weiter als bis zur Spitze seiner Waffe, die irgendwie in den Kerl ihm gegenüber rein muss, damit der endlich stirbt und mein Krieger die Chance hat, den Kampf zu überleben.
  Aber: Details wie Blut, das Röcheln eines Sterbenden, eine Gestanksmischung aus Kot und Schweiß, Schmerzen, Überlastung, Atemnot, ein Knie, das einfach zu alt für einen solchen Kampf ist und dauernd nachgeben will, eine quackenasse Rüstung, Verheddern in Eingeweideschlingen, Hängenbleiben an einer Leiche, schlammiger Untergrund, blutroter Schnee, eine Dunstwolke von Blutnebel, Schweißdünsten und Atemluft über den Kämpfenden: JA!

Auch Massenschlachten beschreibe ich nach diesem Muster. Der Perspektivträger sieht halt nur das, was von seinem Standpunkt aus erkennbar ist. Vielleicht ist die Figur dabei selbst überfordert, verwirrt oder besorgt, oder sie hält nur nach den Knackpunkten Ausschau, ob z.B. Stellung XY gehalten werden kann.

Das sind meine Gedanken zu Kampfszenen. Und wie es viele Autoren und viele Kampfszenen gibt, existieren ganz gewiss auch viele verschiedene Ansätze, wie solche Szenen geschrieben werden können.


Hinweis: Maja hat erlaubt, daß wir für diesen Workshop exemplarische Kampfszenen, die vom Autor dafür freigegeben wurden, analysieren - nicht kritisieren!
Also: Was zieht den Leser in die Szene hinein? Wo wirft der Autor den Leser wieder aus dem Geschehen? Welche handwerklichen Kniffe können wir erkennen? Warum gefällt uns diese Szene so gut?

Offline Arcor

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Re: [Workshop] Kampfszenen
« Antwort #1 am: 09. April 2015, 17:46:53 »
Gute, solide Zusammenfassung, Sprotte.  :jau: Gefällt mir richtig gut, was du da zusammengestellt hast und es trifft den Nagel auf den Kopf, so wie ich Kampfszenen mag. Die können nur mitreißen, wenn sie aus einer sehr persönlichen Sicht geschrieben sind. Bei Massengefechten kann in meinen Augen aber auch eine Außensicht genutzt werden, um den Verlauf der Schlacht darzustellen, da den der einzelne Kämpfer ja nicht wirklich wahrnehmen kann.

Begriffe wie Terz etc. finde ich persönlich nicht schlecht, aber sie nehmen halt die Leser nicht mit, die sich darunter nichts vorstellen können. Auch sollte man sie nur dann verwenden, wenn man eine Ahnung von der Thematik hat, sonst setzt man sich da ganz schnell in die Nesseln.

Momentan habe ich keine fertige Kampfszene parat, aber ich finde es gut, dass wir die hier besprechen dürfen. Ich würde in jedem Fall eine zur Verfügung stellen, wenn ich damit fertig bin (dauert sicher noch zwei Monate, bis ich da bin  ;))
  

Sprotte

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Re: [Workshop] Kampfszenen
« Antwort #2 am: 09. April 2015, 17:50:49 »
Dankeschön, Arcor!  :vibes:

Zum Thema Szenenanalyse wollte ich gerade noch anmerken, daß dieses Board öffentlich ist und Verlage gerne allergisch darauf reagieren, wenn angebotene Manuskripte auszugsweise veröffentlicht wurden/werden. Ich habe eine ältere Szene von mir ins Auge gefaßt, die ich hier demnächst vorstellen möchte.

Offline Duana

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Re: [Workshop] Kampfszenen
« Antwort #3 am: 09. April 2015, 18:01:10 »
Bei Massengefechten kann in meinen Augen aber auch eine Außensicht genutzt werden, um den Verlauf der Schlacht darzustellen, da den der einzelne Kämpfer ja nicht wirklich wahrnehmen kann.
Wenn man allerdings nicht durchgehend einen auktorialen Erzähler hat, erzeugt das womöglich bei Schlachtszenen einen seltsamen Effekt. Wenn ich mich recht erinnere, "zoomen" die Erzähler der klassischen Literatur bei Schlachten auch immer mal wieder an eine Figur heran, damit man den Helden nicht aus den Augen verliert. Die Beschreibung der Schlacht durch den auktorialen Erzähler lässt mir aber meistens eher kalt, weil ich dann nur Zuschauer bin und nichts vom Innenleben der Figuren erfahre.

Danke Sprotte für die viele Mühe und die tolle Zusammenfassung! :vibes:
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Offline Miezekatzemaus

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Re: [Workshop] Kampfszenen
« Antwort #4 am: 09. April 2015, 18:04:51 »
Jetzt weiß ich, was der ultimative Fehler meiner Kampfszenen ist! Ich zeige nicht, ich erzähle, Stichwort was passiert anderen gerade.
@Sprotte: Vielen Dank! Aus welcher Perspektive (1. oder 3. Person) schreibst du meistens?
Wenn du heute aufgibst, wirst du nie wissen, ob du es morgen geschafft hättest.

Sprotte

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Re: [Workshop] Kampfszenen
« Antwort #5 am: 09. April 2015, 18:07:43 »
Ich schreibe in der 3. Person.
Meistens aus der Sicht der weiblichen Perspektivträgerin, die mit einer Mischung aus Bewunderung und Sorge ihren Kämpen im Auge behält. Manchmal auch aus Sicht genau dieses Kriegers. Ich habe immer Heldenpärchen, da ich Romance schreibe, da geht es prima, daß die beiden sich abwechseln oder die Perspektivarbeit nur bei der Heldin liegt.

Für die anderen hat der Perspektivträger im Kampfgetümmel meistens gar keine Zeit. Diesen Blick rundum kann er sich leisten, wenn gerade niemand mehr in seiner Nähe ist, der ihn angreift.

Offline Arcor

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Re: [Workshop] Kampfszenen
« Antwort #6 am: 09. April 2015, 18:18:57 »
Wenn man allerdings nicht durchgehend einen auktorialen Erzähler hat, erzeugt das womöglich bei Schlachtszenen einen seltsamen Effekt. Wenn ich mich recht erinnere, "zoomen" die Erzähler der klassischen Literatur bei Schlachten auch immer mal wieder an eine Figur heran, damit man den Helden nicht aus den Augen verliert. Die Beschreibung der Schlacht durch den auktorialen Erzähler lässt mir aber meistens eher kalt, weil ich dann nur Zuschauer bin und nichts vom Innenleben der Figuren erfahre.
Das kommt darauf an, wie der Rest des Buches aufgebaut ist. Ich lese gerade Sapkowski, der wechselt ständig Perspektiven, Zeiten, Handlungsstränge. Das muss man mögen, klar, aber er mischt z. B. Schlachtszenen aus Charaktersicht mit Geschichtstexten, die viele Jahrzehnte später verfasst wurden. So kreiert er ein umfassendes Bild der Schlacht.
  

Offline Duana

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Re: [Workshop] Kampfszenen
« Antwort #7 am: 09. April 2015, 18:32:46 »
Das meine ich, mit einem durchgehend auktorialen Erzähler. Wenn auch andere Szenen relativ unabhängig vom Protagonisten erzählt werden, ist das bei der Schlacht nichts besonders Auffälliges. In deinem Beispiel scheint der Autor sich für einen heterodiegetischen Erzähler entschieden zu haben, den er bereichert mit Geschichtsbüchern, die an sich keinen Erzähler haben.
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Offline Arcor

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Re: [Workshop] Kampfszenen
« Antwort #8 am: 09. April 2015, 18:45:43 »
Das meine ich, mit einem durchgehend auktorialen Erzähler. Wenn auch andere Szenen relativ unabhängig vom Protagonisten erzählt werden, ist das bei der Schlacht nichts besonders Auffälliges. In deinem Beispiel scheint der Autor sich für einen heterodiegetischen Erzähler entschieden zu haben, den er bereichert mit Geschichtsbüchern, die an sich keinen Erzähler haben.
Das Wort habe ich ja noch nie gehört.  :o Man lernt hier echt nie aus.
Druchgehend auktorial ist Sapkowski nicht, aber er ist z. B. deutlich weniger personal als G.R.R. Martin, um mal ein bekanntes Beispiel in den Raum zu werfen.
  

Offline Duana

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Re: [Workshop] Kampfszenen
« Antwort #9 am: 09. April 2015, 18:56:52 »
Entschuldigung, ich habe glaube ich die letzten zwei, drei Male hier im Forum vergessen zu erklären, was das heißt. Und gerade habe ich auch den falschen Begriff genannt. ::) Vielleicht sollte ich das mal in den Thread zu den Erzählern posten. ;D Ein homodiegetischer Erzähler ist einer, der Teil der Welt der Erzählung ist. Was wir oft als 3. Person Erzähler bezeichnen, kann man auch homodiegetischer, intradiegetischer (auf Ebene der Figur) Erzähler nennen. [/Off Topic]
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Offline Churke

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Re: [Workshop] Kampfszenen
« Antwort #10 am: 09. April 2015, 19:43:10 »
Also ich mache das ganz anders als Sprotte, um nicht zu sagen gegenteilig.

Schlachtbeschreibungen meist als Mauerschau, wie man das früher auch gemacht hat. Bei der Perspektive "mittendrin statt nur dabei" greife ich auf persönliche Erfahrungen zurück.  Dabei vermeide ich ganz bewusst das in meinen Augen etwas plakative blutige Gemetzel vom Dienst. An letzterem habe ich grundsätzliche Zweifel, weil es in den Quellen nämlich nie so beschrieben wird, sondern abstrakter, mit größerer Distanz.

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Offline PinkPuma

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Re: [Workshop] Kampfszenen
« Antwort #11 am: 09. April 2015, 21:51:31 »
Vielen Dank, Sprotte, für diesen Threat! Ich finde, du hast es wunderbar auf den Punkt gebracht.  :jau: Was du beschreibst ist die Art, wie auch ich Kampfszenen schreibe (oder es zumindest versuche  ;) ). Da ich ohnehin immer personale Erzähler nutze, bin ich bei der Beschreibung des Kampfgeschehens immer nahe an einer Figur. Dabei finde ich es v.a. wichtig, dass das Ausmaß von dem, was der jeweilige Perspektivträger mitbekommt, realistisch bleibt. Der Kämpfende bekommt nun mal nicht mit, was zwanzig Meter entfernt passiert und er hat auch keine Zeit, sich zwischendurch mal locker zu unterhalten. Er (oder sie) kann in einem kurzen Moment, in dem kein direkter Angreifer da ist, um sich blicken, vielleicht nach einem Freund Ausschau halten. Aber das große Ganze der Schlacht wird er/sie nur am Rande mitbekommen.

Was mir allerdings beim Schreiben von Kampfszenen manchmal Sorgen macht, ist die Intensität des Gemetzels. Einerseits finde ich es wichtig, Details wie spritzendes Blut, den Gestank etc. zu zeigen, da erst das eine Szene für mich greifbar macht. An einer Stelle meines Romans wird auch beschrieben, dass der Kampf in der Schlacht für meinen Prota wie ein Tanz zur Musik von Totenklängen ist. An einer solchen Stelle kommt man doch leicht in eine Richtung, die etwas von Gewaltverherrlichung hat. Wie seht ihr das? Wie blutig, wie brutal darf eine Schlacht geschildert werden? Inwieweit darf der Perspektivträger in eine Art Blutrausch verfallen? Und kann man diese - ich sage mal - "Bestialität" mit Adrenalin und Überlebenswillen rechtfertigen?
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Offline Leann

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Re: [Workshop] Kampfszenen
« Antwort #12 am: 10. April 2015, 07:40:07 »
Vielen Dank, Sprotte! Das hast du richtig toll geschrieben, sehr motivierend. Am Wochenende werde ich mich endlich an die Schlacht herantrauen, die ich einfach mal ausgelassen hatte. Du hast das auch in deinem Blog geschrieben, oder? Darf ich das bei FB teilen?

@PinkPuma: Meiner Meinung nach ist eine Schlacht kein Kindergeburtstag und sollte auch nicht beschönigt werden. Allerdings sehe ich das Problem, ins andere Extrem abzurutschen, eine Art von "Gewaltverherrlichung". Metzeln um des Schockeffektes wegen. Eine Schlacht "darf" dennoch so blutig beschrieben werden, wie der Autor will (dieses "Nichtdürfen" und "Rechtfertigen" sehe ich sowieso sehr kritisch). Jeder Autor muss da entscheiden, wie weit er ins Detail geht, wie viel er sich und seinen Lesern zumuten will und auch, wie die Schlacht in den Roman passt. 
  

Offline Duana

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Re: [Workshop] Kampfszenen
« Antwort #13 am: 10. April 2015, 09:32:32 »
Dabei vermeide ich ganz bewusst das in meinen Augen etwas plakative blutige Gemetzel vom Dienst. An letzterem habe ich grundsätzliche Zweifel, weil es in den Quellen nämlich nie so beschrieben wird, sondern abstrakter, mit größerer Distanz.
In welchen Quellen?

Da fände ich es sehr spannend, Churke, wenn du uns vielleicht auch eine Szene zum analysieren beisteuern könntest? Als "Gegenpol" sozusagen.
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Offline Lothen

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Re: [Workshop] Kampfszenen
« Antwort #14 am: 10. April 2015, 10:19:58 »
Ich sag auch danke für den Thread, Sprotte, und für deine Eindrücke.  :jau: Kampfszenen sind auch bisweilen meine Nemesis. ;)

Im Vergleich meiner zwei aktuellen Protas ist mir aufgefallen, dass es mir sehr viel leichter fällt, einen Kampf aus der Perspektive der unerprobten Schankmaid zu schreiben, als aus der meines erfahrenen Auftragsmörders. Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich selber - abgesehen von ein paar LARPs - selber wenig Erfahrung mit Nahkampf habe. Bei einem Profi habe ich schon das Bedürfnis, seine Handlungen und die der Gegner mit einer gewissen Professionalität zu beschreiben. Ein bisschen so wie in den neuen Sherlock-Holmes-Filmen mit Downey Jr., in denen er den Kampf vorher immer genau analysiert, bevor er zuschlägt. ;) Deswegen haben mein Freund und ich die Szenen einfach immer im Wohnzimmer mit Schaukampfklingen nachgestellt. Übersichtlicher oder anschaulicher werden die Szenen damit aber trotzdem nicht, das merke ich, wenn ich sie jetzt nach einiger Zeit noch mal lese.

Langer Rede, kurzer Sinn: Ich denke, du hast insofern recht, Sprotte, dass die Innenansicht des/der Prota wesentlich wichtiger ist als die Kampfhandlungen an sich. Zumindest für Laien, die sich nicht exakt vorstellen können, wie die Schlagfolge abläuft. Eine echte "Schlacht" in dem Sinne kam bei mir glücklicherweise noch nicht vor, das kommt aber auch irgenwann zwangsläufig.

An einer solchen Stelle kommt man doch leicht in eine Richtung, die etwas von Gewaltverherrlichung hat. Wie seht ihr das? Wie blutig, wie brutal darf eine Schlacht geschildert werden? Inwieweit darf der Perspektivträger in eine Art Blutrausch verfallen?
Ich bin da bei  Leann - eine Schlacht ist gewalttätig und brutal und das sollte man auch nicht schönreden. Die Bagatellisierung von Gewalt fände ich hier sogar noch problematischer.

Zitat von: PinkPuma
Und kann man diese - ich sage mal - "Bestialität" mit Adrenalin und Überlebenswillen rechtfertigen?
Das ist, denke ich, gänzlich abhängig vom Protagonisten. Wenn er/sie zum Kämpfen ausgebildet wurde und schon Leben genommen hat, dann ist es für ihn/sie vielleicht kaum mehr als ein blutiges Handwerk. Ein Kämpfer aus Leidenschaft, der im Töten eine Art Lebensaufgabe oder einen Dienst an Göttern sieht, zelebriert das Abschlachten von Gegnern vielleicht regelrecht. Bei einem/r Prota dagegen, der/die zum ersten Mal gezwungen ist zu töten (oder bei einer schlotternden Bauernmiliz), sieht das schon wieder ganz anders aus. Denen geht es wahrscheinlich nur ums nackte Überleben.

Ich gebe da Leann recht: Wie viel Gewalt angemessen ist, muss jeder für sich entscheiden.

/EDIT: Fällt mir gerade ein: Schöne, individuelle Schlachtszenen findet man bisweilen auch im Pen&Paper. Wer da Material zuhause hat (z.B. die Borbarad-Kampagne bei DSA), kann sich da sicher auch schöne Anregungen holen.
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