Tintenzirkel - Das Fantasyautorenforum

Handwerkliches => Workshop => Thema gestartet von: Theophilus am 23. August 2019, 10:39:46

Titel: Ich-Perspektive im Jugendbuch
Beitrag von: Theophilus am 23. August 2019, 10:39:46
Ich hätte einmal eine Frage an die Autorschaft bzgl. der Perspektive.
So habe ich überlegt, den Hauptprotagonisten aus der Ich-Perspektive erscheinen zu lassen, sprich, dass die Geschichte aus seiner Perspektive erzählt wird.
Meine Frage geht dahin, ob es opportun ist, diese Perspektive für ein Jugendbuch zu wählen bzw. inwieweit ein solches Buch einer/einem von Euch schon über den Weg gelaufen ist.
Wie seht Ihr das, würdet Ihr die Ich-Perspektive wählen? Ich empfinde es jedenfalls als ein Wagnis, das ich gerne mal eingehen möchte.

Für Eure Hilfen im Voraus schon mal herzlichen Dank.
Titel: Re: Ich-Perspektive im Jugendbuch
Beitrag von: Araluen am 23. August 2019, 10:55:55
Ich wüsste nicht, was dagegen spricht. Ich-Perspektive in Jugendbüchern ist meines Wissens sehr populär.
Bekannte Bücher und Reihen, die mir spontan einfallen:
Die Biss-Reihe von Stephanie Meyer
Percy Jackson von Rick Riordan
Die Edelstein-Reihe von Kerstin Gier
Die Panem Reihe von Suzanne Collins

Das lässt sich sicher noch beliebig weit fortführen. Also versuch es ruhig.
Titel: Re: Ich-Perspektive im Jugendbuch
Beitrag von: moonjunkie am 23. August 2019, 10:56:23
Das geht auf jeden Fall und ich habe auch schon mehrere Jugendbücher in Ich-Perspektive gesehen und gelesen. Wenn du daran Spaß hast, mach das auf jeden Fall.
Titel: Re: Ich-Perspektive im Jugendbuch
Beitrag von: Angela am 23. August 2019, 11:01:54
Im Jugendbuch wird die Ich-Perspektive durchaus häufiger gewählt. Wenn du mit einem Prota hinkommst, probiere es doch mal aus. Ich mache das häufig in KGs.
Titel: Re: Ich-Perspektive im Jugendbuch
Beitrag von: Theophilus am 23. August 2019, 15:06:20
Danke für die schnellen Antworten.
Dann werde ich das auf jeden Fall jetzt mal weiterverfolgen. Ich merke nur, dass es nicht einfach ist, sauber aus dieser Perspektive zu schreiben.
Ich habe gerade mal in Percy Jackson reingelesen :buch:, wofür gibt es sonst Amazon  ;), und ich denke, dass dieser Stil Jugendliche sehr gut in die Geschichte hineinziehen kann.
Die anderen Protagonisten sind wieder wie bei meinem anderen Projekt drei meiner Schüler/innen. Ich werde es jedenfalls mit ihnen abstimmen.
Ich kann ja mal im Laufe des Schreibens hier einige kleine Auszüge hineinstellen. Vielleicht kommt ja dann die ein oder andere Bemerkung, die mir weiterhelfen könnte. :jau:
Titel: Re: Ich-Perspektive im Jugendbuch
Beitrag von: Angela am 23. August 2019, 17:14:20
Zitat
Ich kann ja mal im Laufe des Schreibens hier einige kleine Auszüge hineinstellen. Vielleicht kommt ja dann die ein oder andere Bemerkung, die mir weiterhelfen könnte.
Texte darfst du hier nicht posten, aber nach einer Weile wirst du für das Betaleseboard freigeschaltet und kannst da Testleser suchen.
Titel: Re: Ich-Perspektive im Jugendbuch
Beitrag von: Trippelschritt am 23. August 2019, 19:29:03
Das einzige Wagnis, das ich bei der Ich-Perspektive sehe, ist, ob der Autor in der Lage ist, diese Perspektive zu beherrschen. Sie ist zwar nicht schwieriger zu schreiben als jede andere Perspektive, aber sie ist beschränkter und ist durch eine extrem große Nähe zur Figur gekennzeichnet. Der Autor muss also in der Lage sein, diese Nähe zu ertragen, was vielleicht nicht immer einfach ist.
Der Nachteil einer Ich-Perspektive ist, dass der Plot sehr stark auf den Hauptstrang bezogen ist. Ganz unterschiedliche Fäden lassen sich nicht verflechten, weil die anderen Perspektiven nicht zur Verfügung stehen.
Man kann aber auch im Sonderfall, neben der Ich-Perspektive auch noch andere Perspektiven einführen, wenn man das kann. Lange Zeit galt das als handwerklicher Fehler, bis dann die erstenv Autoren kamen und es einfach machten.

Viel Erfolg dabei und
hab' Mut

Trippelschritt
Titel: Re: Ich-Perspektive im Jugendbuch
Beitrag von: Theophilus am 24. August 2019, 02:27:42
Danke für die tollen Hinweise und Hilfen.
@Trippelschritt, danke für die Tipps darüber, welche Schwierigkeiten auftreten können, wenn ich die Ich-Perspektive wähle. Ich habe schon bei den ersten Absätzen gemerkt, dass es nicht einfach ist, in der Perspektive zu bleiben und nicht in die Rolle des allwissenden Erzählers zu verfallen. Aber wie heißt es so schön, Übung macht den Meister.
@Angela, danke für den Hinweis zu den Postings. Das hatte ich ursprünglich mal irgendwo gelesen, aber dann wieder verdrängt. Nur, wie lange wird es dauern, bis man freigeschaltet wird?

Jetzt bin ich erst einmal gespannt, wie sich die Geschichte entwickelt. Vielleicht komme ich im Laufe des Schreibens zur Überzeugung, dass die Perspektive des Erzählers doch die bessere ist. Ein Versuch ist es jedenfalls wert.
Titel: Re: Ich-Perspektive im Jugendbuch
Beitrag von: Theophilus am 01. September 2019, 23:28:11
Ich habe jetzt mal die ersten Seiten ungeschrieben und muss sagen, dass es gut läuft. Ich habe auch eine Testleserin, die meint, dass die Inhalte so besser rüberkommen, sprich, sie ist davon angetan.
Ich werde das Projekt jedenfalls so weiterführen, da es zudem Spaß macht, über den Ich-Protagonisten sich in gewisser Weise selbst am Geschehen teilnehmen zu lassen.
Denn ich habe den Eindruck, dass auch darin der Reiz der Ich-Perspektive liegt bzw. liegen kann.
Titel: Re: Ich-Perspektive im Jugendbuch
Beitrag von: Tigerhai am 23. Januar 2020, 18:32:15
Ich persönlich finde eigentlich die Ich-Perspektive am besten, ich schreibe sie und lese normalerweise (außer mich haut ein Buch so richtig um) nur Bücher, die in der Ich-Form geschrieben sind. Ich lese außerdem generell nur Jugendbücher, aber ich bin ja auch erst in der Mittelstufe. ;)
Titel: Re: Ich-Perspektive im Jugendbuch
Beitrag von: Oneira am 23. Januar 2020, 18:39:19
Ich habe kürzlich mal ein interessantes Projekt begonnen: Ich schreibe ein Fantasybuch aus der Sicht von zwei Schwestern, die abwechselnd aus "Ich-Perspektive" erzählen. Ich mag diese Perspektive eigentlich nicht so sehr, aber hier war es sogar notwendig, denn es geht in diesem Buch im Grunde über deren verschiedene Charaktere und sogar darum, dass sie beide die Namen tauschen, dass es aber niemand merken darf. Diesen "Kampf gegen sich selber", den dann jede der Schwestern führt, kann ich einfach nicht aus etwas anderem als Ich-Perspektive schreiben. Und ich muss sagen, es macht direkt Spaß, immer wirklich gezielt in eines der Mädels zu schlüpfen und dessen Charakterzüge dann für das Kapitel zu schreiben.

Allgemein lese ich weder gerne Ich-Perspektive, noch schreibe ich sie gerne, aber bei solchen Charakter-Psycho-Sachen muss es einfach sein und macht sogar Spaß zu schreiben. Dafür kann ich es also auf jeden Fall empfehlen!
Titel: Re: Ich-Perspektive im Jugendbuch
Beitrag von: Grey am 23. Januar 2020, 19:39:50
Ich schreibe Jugendbücher eigentlich ausschließlich aus der dritten Person und komme mir damit inzwischen fast exotisch vor, weil die Ich-Perspektive mittlerweile extrem populär ist. Tatsächlich ist es auch gar nicht mehr so unüblich, sogar mehrere Ich-Erzähler zu haben. Immerhin hat man so noch die Möglichkeit, auch verschiedene Schauplätze zu bedienen, wenn der Plot aus Sicht des einen Helden gerade zu langweilig ist. Mein liebstes Negativbeispiel dafür ist der dritte Teil der Panem Reihe, wenn Katniss seitenlang auf der Krankenstation liegt, während die Action eigentlich anderswo stattfindet. ::)
Titel: Re: Ich-Perspektive im Jugendbuch
Beitrag von: Oneira am 04. Februar 2020, 09:44:52
Ich finde die 3. Person als Erzähler allgemein einfach vielfältiger. Beim Ich muss man sich immer auf die eingeschränkte Sichtweise der einen Person beschränken, das nervt mich manchmal, weil ich mich als Autor, der ja alles im Blick hat, dann trotzdem auf diese eine Sichtweise beschränken muss. Wie gesagt, das kann auch sinnvoll sein, aber ich bin auf jeden Fall ein Fan des Allwissenden Erzählers.
Titel: Re: Ich-Perspektive im Jugendbuch
Beitrag von: Churke am 04. Februar 2020, 15:02:54
Mein liebstes Negativbeispiel dafür ist der dritte Teil der Panem Reihe, wenn Katniss seitenlang auf der Krankenstation liegt, während die Action eigentlich anderswo stattfindet. ::)

Dann ist es wahrscheinlich schlecht gemacht.   ;)
In einem Kriegstagebuch las ich eine Beschreibung der Marne-Schlacht (?) aus der Perspektive eines... Patienten im Krankenhaus von Cambrai. Kein Wort über die Schlacht, die Kampfhandlungen oder wer gewonnen hat, nur über Verwundete, Sterbende und Ärzte, die trotz 24-Stunden-Schichten nicht alle operieren können.

Wäre es erfunden, wäre es genial.
Titel: Re: Ich-Perspektive im Jugendbuch
Beitrag von: Alana am 04. Februar 2020, 15:09:35
Das Problem an der Ich-Perspektive ist auch, dass viele keine echte Ich-Perspektive schreiben, sondern einen personalen Erzähler in der dritten Person in der ersten Person. (Hatte erst letztens wieder so ein Buch in der Hand.) Wenn das so geschrieben ist, braucht man eigentlich keine Ich-Perspektive zu schreiben, denn der Reiz und der wahre Wert der Ich-Perspektive liegt ja in den Dingen, die man nur dort machen kann und nicht in der 3. Person. Ich empfinde die 3. Person nicht als vielfältiger, sondern in vielen Dingen als sehr einschränkend, aber ich denke, das kommt darauf an, wie man schreibt. Mein Fokus liegt auf Gefühlen und der inneren Entwicklung, dabei aber sehr extrem fokussiert auf Show don´t tell (manchmal zu viel) und da ist die Ich-Perspektive für mich perfekt. Aber eine echte Ich-Perspektive zu schreiben und auch noch im Präsens, so wie ich es meistens mache, erfordert schon Anpassung und Übung und ich erwische mich immer noch oft genug dabei, dass ich Dinge mache, die da eigentlich einfach nicht möglich sind. (Vorausgehende Andeutungen zum Beispiel.) Ein Problem ist die Ich-Perspektive schon lange nicht mehr, gerade im Jugendbuch gibt es sehr viele Bücher, die so geschrieben sind, und im New Adult ist es standard. Aber es gibt doch immer noch viele Leser, die die Ich-Perspektive nicht mögen, daher kann man durchaus auch in der 3. Person schreiben, vor allem dann, wenn man die Vorteile der Ich-Perspektive gar nicht ausnutzt.
Titel: Re: Ich-Perspektive im Jugendbuch
Beitrag von: Wildfee am 04. Februar 2020, 15:16:23
Ich kann nur für mich selbst sprechen, ich bin einer der Lesenden, die mit Ich-Perspektive und Präsens so gut wie nie etwas anfangen können.
Es gibt nur ein, zwei Autorinnen, wo diese Form so umgesetzt ist, dass ich die Bücher nicht wieder nach den ersten Seiten weggelegt habe. Ich-Form in der Vergangenheit ist da allerdings nochmal eine andere Sache, die wirkt auf mich distanzierter und diese Form kann ich viel besser lesen.
Titel: Re: Ich-Perspektive im Jugendbuch
Beitrag von: Alana am 04. Februar 2020, 15:27:53
Das ist lustig, denn mit Ich und Präteritum kann ich nichts anfangen. Beim Lesen ist es mir egal, aber zum Schreiben fühlt sich das für mich total unnatürlich an.
Titel: Re: Ich-Perspektive im Jugendbuch
Beitrag von: Trippelschritt am 04. Februar 2020, 16:09:59
Ich liebe die Ich-Perspektive, obwohl ich erst einen Roman so geschrieben habe. Man muss seinen Protagonisten eben sehr gut kennen, sonst geht das nicht.
Aber bei Ich-Perspektive und Präsens klappe ich das Buch wieder zu. Ich möchte doch eine Geschichte erzählt bekommen und keine Reportage lesen. Aber das ist wohl Geschmacksache und ein Trend der letzten Jahre.

@ Alana
Unter einem personalen er-Erzähler, der ich ich-Perspektive erzählt, kann ich mir beim besten Willen nichts vorstellen. Kannst Du da mal ein Beispel geben?

Liebe Grüße
Wolf

Titel: Re: Ich-Perspektive im Jugendbuch
Beitrag von: Alana am 04. Februar 2020, 16:39:11
Ich meine damit, das das Buch klingt, als wäre es ein personaler Erzähler in dritter Person. Du könntest Ich einfach durch sie oder er ersetzen und nichts würde sich ändern. Das ist keine echte Ich-Perspektive.
Titel: Re: Ich-Perspektive im Jugendbuch
Beitrag von: Wallrabe am 04. Februar 2020, 18:54:26
Ich denke auch, dass man da nicht wirklich sagen kann, ob sich das eine oder andere mehr eignet. Dritte Person und Ich-Erzähler haben wie hier schon verschiedentlich genannt beide ihre Vor- und Nachteile und letztlich muss man denke ich schauen, was einem persönlich zum Schreiben am besten taugt, was am besten funktioniert für die Geschichte, die ich als Autor erzählen will.

Bei Ich-Erzählungen funktionieren auch mehrere Protagonisten, zumindest nach meiner begrenzten Schreib-/Leseerfahrung damit. Ich habe mich dann zwar immer gefragt, wie ich es anstellen sollte, zu schreiben, sollten sich beide Ich-erzählten Protagonisten eines Tages treffen, habe dieses Problem aber bisher aufgeschoben. Ansonsten hat es meiner Ansicht nach sehr viel für sich, mehrere Ich-Erzähler zu haben, da man so trotz der beschränkten Sicht mehrere Perspektiven bekommt und/oder Handlungsstränge. Allerdings habe ich das selbst bisher nur mit 2 Figuren gemacht und ihnen dann jeweils einzelne Kapitel gewidmet - also nicht innerhalb eines Kapitels gewechselt. Das stelle ich mir als recht verwirrend sonst vor.
Titel: Re: Ich-Perspektive im Jugendbuch
Beitrag von: Alia am 05. Februar 2020, 09:21:48
Ich habe jetzt einige Bücher mit zwei Ich-Erzählern veröffentlicht und die beiden sind dabei oft gemeinsam unterwegs. Finde ich nicht schwer. Man muss halt immer schauen, in welchem Kopf man steckt.
Wenn ich die Perspektive wechsel, schreibe ich aber immer den Namen des neuen POV-Charakters als Unterüberschrift drüber. Wobei man aber m.E. alle Ich-Erzähler auseinanderhalten kann, weil sie ganz andere Stimmen haben und anders ticken. Die Gedanken einer romantisch veranlagten 21 Jährigen sind einfach anders als die eines 27 Jahre alten Nerds oder die eines 34 Jahre alten Vaters/Geschäftsmannes.
Titel: Re: Ich-Perspektive im Jugendbuch
Beitrag von: Trippelschritt am 05. Februar 2020, 10:42:04
Ich meine damit, das das Buch klingt, als wäre es ein personaler Erzähler in dritter Person. Du könntest Ich einfach durch sie oder er ersetzen und nichts würde sich ändern. Das ist keine echte Ich-Perspektive.

Danke, Alana. Obwohl ich mich sonst grundsätzlich sonst mit Wertungen zurückhalte, frage ich mich hier, was der Autor damit bezweckt. Er verzichtet auf die Vorteile der Ich-Perspektive und behält alle Nachteile.
Ohne seine Gründe zu kennen, ist das zunächst einmal für mich eine schlechte Schreiberei. Ich muss aber zugeben, dass mir so etwas noch nicht begegnet ist. Und ich lese gern Ich-Perspektive. Viele meiner Lieblingsautoren nutzen sie.

Liebe Grüße
Trippelschritt
Titel: Re: Ich-Perspektive im Jugendbuch
Beitrag von: Coppelia am 05. Februar 2020, 10:45:34
In der Erzähltheorie (war ja mein Promotionsthema) gelten manchmal spezielle Ansichten über die Ich-Perspektive. Ich habe eine Theorie verwendet, die davon ausgeht, dass es tatsächlich wenig Unterschied zwischen der personalen und der Ich-Perspektive gibt bis auf die Pronomen. Mir leuchtete das damals ein. Ich wüsste gern, was denn eurer Meinung nach die Vorteile der Ich-Perspektive gegenüber der personalen sind (die ich jetzt mangels besserer Begrifflichkeiten so nenne; ihr wisst, was gemeint ist: Aus der Perspektive einer Figur in der Dritten Person schreiben.) Denn es gibt keinen Zweifel, dass zumindest subjektiv ein ganz großer Unterschied besteht in Hinblick auf die Frage, wie "dicht" man an einer Person "dran" ist. Wobei ich finde, dass auch die personale Perspektive extrem nah ran gehen kann.
Titel: Re: Ich-Perspektive im Jugendbuch
Beitrag von: Zitkalasa am 05. Februar 2020, 20:39:27
Mir persönlich als Leser geht es so, dass "Ich" je nach Stimmung bei mir sich wirklich wie ich-Ich liest, also das ist dann so eine sehr merkwürdige Nähe, die mir, je nachdem wie ich mit den Ansichten der Figur konform gehe, auch schnell unangenehm werden kann. (Ich fände es deswegen mal interessant, negativ besetzte Figuren wie Gewalttäter und Tierquäler in Ich-Perspektive darzustellen, eben um beim Leser durch die unangenehme Nähe Unbehagen auszulösen und die Negativität der Figur noch mehr zu unterstreichen.) Ich mag den personalen Erzähler daher lieber, weil er mir zwar Nähe gibt, indem ich die Gedanken der Figur kenne, aber gleichzeitig auch einen Mindestabstand wahrt. So ein bisschen wie der Höflichkeitsabstand, wenn man Menschen gegenübersteht.
Titel: Re: Ich-Perspektive im Jugendbuch
Beitrag von: Holger am 05. Februar 2020, 20:44:56
Gerade in Kurzgeschichten nutze ich gerne die Ich-Perspektive - oftmals auch, um den Leser in Sicherheit zu wiegen. Denn viele denken, dass dann nicht viel Schlimmes passieren kann, denn der Protagonist könne ja nicht sterben. Dabei gibt es auch da so einige Möglichkeiten.

Wichtig empfinde ich bei Ich-Perspektive stets: Es muss einen Grund geben, warum eine Person über diese Geschichte schreibt oder sie erzählt. Das wird leider oftmals vergessen. Gibt es aber einen solchen Grund, entsteht eine fiktive Authentizität, die man mit einem personalen Erzähler nur schwer erreichen kann. Das ist zumindest etwas, das ich sehr bei der Ich-Perspektive schätze. Kann ich einen solchen Grund erzeugen, dann nehme ich die Ich-Perspektive. Das empfinde ich auch deswegen häufig als angenehmer, weil der Ich-Erzähler eindeutig unzuverlässig Erzähler ist (was ich bevorzuge) und auch andere Erzählstimmen ermöglicht als bei einem personalen.

Den personalen Erzähler schreibe ich zwar auch gerne unzuverlässig und mit einer spürbaren Erzählstimme, aber gerade diese funktioniert in meinen Augen beim personalen Erzähler nie so gut wie bei der Ich-Perspektive. Außerdem stört der personale Erzähler oftmals die "Suspension of Disbelief". Auch das kann man abmildern, aber ein gut gemachter Ich-Erzähler ist da in meinen Augen förderlicher.

Für mich sind also die Bonuspunkte für den ...
Titel: Re: Ich-Perspektive im Jugendbuch
Beitrag von: Aphelion am 05. Februar 2020, 21:25:59
Ich benutze zwar auch den Begriff Ich-Perspektive, aber eigentlich betrachte ich sie nicht als inhaltliche Perspektive, sondern als Form. Diese Form legt zwar eine gewisse "Nähe" nahe, aber diese inhaltliche Nähe kann auch in der Er-/Sie-Form dargestellt werden.

Distanzierte Ich-Erzähler, bei denen die Distanziertheit nicht auch ein inhaltliches Merkmal des Ichs sein soll, sondern nur formal genutzt wird, empfinde ich allerdings als unstimmig. Insofern hat die Ich-Form mMn keine exklusiven Vorteile, von der möglichen Wirkung auf Lesende abgesehen (die aber stark zu variieren scheint).
Titel: Re: Ich-Perspektive im Jugendbuch
Beitrag von: Trippelschritt am 06. Februar 2020, 07:17:23
Was die Nähe angeht, ist die Ich-Perspektive unübertroffen. Ich bin ich und er/sie ist jemand anderes. Aber der Nachteil, den ich mir dafür einkaufe, ist gewaltig. Es gibt nur einen einzigen Erzählstrang und das Verflechten mehrerer Stränge ist schwierig.
Ich erinnere mich noch an die Zeit, in der es hieß, man müsse sich für eine dieser Perspektiven entscheiden und alles andere ginge gar nicht. Bis dann doch jemand kam und diese Perspektiven mischte. Heute meckert niemand mehr darüber, aber Mischungen sind immer noch schwierig.

Die Ich-Perspektive hat noch eine Besonderheit. Das Ich ist auch die Erzählstimme. Das ist bei der dem personalen er/sie nicht der Fall. Es gibt Autoren, die der Meinung sind, dass über den Erfolg einer Geschichte letztlich die Erzählstimme entscheidet. Aus diesem Streit halte ich mich raus, obwohl diese Position viel für sich hat. Damit besitzt die er/sie Persktive gleich zwei wichtige Stimmen mit denen der Autor spielen kann, wenn er sein Metier beherrscht, und die Ich-Perspektive nur eine.
Zwar lässt sich auch bei der Ich-Perspektive eine unabhängige Erzählerstimme einführen, aber das ist äußert schwierig und wird auch nur ganz selten gemacht. Ich könnte auf Anhieb kein Werk nennen, wo das gemacht wurde. Vielleicht ist es auch nur eine theoretische Möglichkeit.

Orson Scott Cart hat diesem Thema mit "Character & Viewpoint" einen guten Schreibratgeber gewidmet.

Liebe Grüße
Trippelschritt
Titel: Re: Ich-Perspektive im Jugendbuch
Beitrag von: Klecks am 06. Februar 2020, 10:24:02
In Gay Romances sind Präsens und Ich-Perspektive auch das Gängigste. Für mich ist das dermaßen Standard, dass ich Gay Romances im Präteritum, vor allem aber mit "er" statt "ich", ehrlich gesagt kaum lesen kann, so doof ich selber das auch finde. Bei den momentan populären New Adult-Romanzen von Bianca Iosivoni, Laura Kneidel, ect. geht es mir ähnlich, allerdings ist mir da gleich, ob es Präteritum ist oder Präsens. Hauptsache "ich". Das "er" oder "sie" hat mich noch nie so sehr gefangennehmen können.

Ich selber habe schon immer tausendmal lieber aus der Ich-Perspektive geschrieben, gerade bei Gay Romances und Young/New Adult. Wie hier schon mehrfach erwähnt wurde: Diese Perspektive macht es leichter, der Figur nahe zu kommen, und gerade bei jungen Lesern kann das unverzichtbar wichtig sein. Meine Gay Romances habe ich aber auch schon immer so geschrieben. Manchmal noch im Präteritum, mittlerweile nur noch im Präsens.

Für mich das wichtigste Argument: Es fühlt sich natürlicher und flüssiger an, in Ich-Perspektive und Präsens zu schreiben. Vielleicht, weil man dann in diesen Stunden wirklich die Person wird, aus deren Sicht man schreibt. Zumindest fühlt es sich für mich so an.
Titel: Re: Ich-Perspektive im Jugendbuch
Beitrag von: Churke am 06. Februar 2020, 11:12:33
Aber der Nachteil, den ich mir dafür einkaufe, ist gewaltig. Es gibt nur einen einzigen Erzählstrang und das Verflechten mehrerer Stränge ist schwierig.

Das braucht kein Nachteil zu sein. Die Beschränkung auf eine Erzählperspektive bietet auch Möglichkeiten, denn man entscheidet sich aus dramaturgischen Gründen dafür, dem Leser Informationen vorzuenthalten. Das ermöglichst Plots und Erzählungen, die mit mehreren Handlungssträngen nicht funktionieren. Die optimale Erzählform hängt von der Geschichte ab.

Die Ich-Perspektive hat noch eine Besonderheit. Das Ich ist auch die Erzählstimme. Das ist bei der dem personalen er/sie nicht der Fall.

Da melde ich Zweifel an. Wenn ich mich von meiner Figur distanziere, ihr Handeln und Denken kommentiere, reicht der Wissenshorizont über den der Figur hinaus. Ich erzähle dann auktorial.
Titel: Re: Ich-Perspektive im Jugendbuch
Beitrag von: Klecks am 06. Februar 2020, 13:17:31
Aber der Nachteil, den ich mir dafür einkaufe, ist gewaltig. Es gibt nur einen einzigen Erzählstrang und das Verflechten mehrerer Stränge ist schwierig.

Das braucht kein Nachteil zu sein. Die Beschränkung auf eine Erzählperspektive bietet auch Möglichkeiten, denn man entscheidet sich aus dramaturgischen Gründen dafür, dem Leser Informationen vorzuenthalten. Das ermöglichst Plots und Erzählungen, die mit mehreren Handlungssträngen nicht funktionieren. Die optimale Erzählform hängt von der Geschichte ab.

Für mich ist das sogar einer der größten Vorteile der Ich-Perspektive. Ich sehe die Welt durch die Augen einer bestimmten Person, eingefärbt durch ihre ganz individuellen Gegebenheiten (Meinungen, Überzeugungen, Wünsche, Erfahrungen, ...) - für mich ist das Lese- und Schreiberlebnis dadurch intensiver und realer.
Titel: Re: Ich-Perspektive im Jugendbuch
Beitrag von: Oneira am 20. März 2020, 11:10:55
Aber der Nachteil, den ich mir dafür einkaufe, ist gewaltig. Es gibt nur einen einzigen Erzählstrang und das Verflechten mehrerer Stränge ist schwierig.

Das braucht kein Nachteil zu sein. Die Beschränkung auf eine Erzählperspektive bietet auch Möglichkeiten, denn man entscheidet sich aus dramaturgischen Gründen dafür, dem Leser Informationen vorzuenthalten. Das ermöglichst Plots und Erzählungen, die mit mehreren Handlungssträngen nicht funktionieren. Die optimale Erzählform hängt von der Geschichte ab.

Für mich ist das sogar einer der größten Vorteile der Ich-Perspektive. Ich sehe die Welt durch die Augen einer bestimmten Person, eingefärbt durch ihre ganz individuellen Gegebenheiten (Meinungen, Überzeugungen, Wünsche, Erfahrungen, ...) - für mich ist das Lese- und Schreiberlebnis dadurch intensiver und realer.

Ja, aber das geht auch ohne Ich-Perspektive, wenn quasi "über die Schulter" dieses einen Charakters erzählt wird. Ist also nicht nur ein Vorteil der Ich-Perspektive. Und da ich auch ausgesprochen gerne mit verflochtenen Handlungssträngen schreibe, stimme ich @Trippelschritt zu: Mehrere handelnde Charaktere zu verflechten, stelle ich mir absolut unmöglich und unübersichtlich in Ich-Perspektive vor. Es kommt, finde ich, wirklich darauf an, ob man sich mehr auf den einen Charakter konzentriert oder mehr auf die Handlung mit verschiedenen Strängen.
Ich persönlich finde auch nicht, dass das Verwenden der Ich-Perspektive die Spannung oder das Einfühlsvermögen in irgendeiner Weise verbessern würde, es hängt ganz vom Autor ab, wie er das Potential ausnutzt. Aber das ist ja ein vollkommen subjektiver Eindruck. Wenn sich ein Autor besser in die Ich-Perspektive hineinversetzen kann, wird das Ergebnis auch bei mir als Leser überzeugender ankommen.
Um es kurz zu sagen: Ich konnte noch nie viel mit Ich-Perspektive anfangen und es gibt sehr wenige Autoren, bei denen ich mit der Perspektive klarkam, zum Beispiel in der Edelsteintrilogie von Kerstin Gier. Auch Nina Blazon ("Totenbraut" etc.) hat das hinbekommen.