Ich denke schon seit ein paar Monaten darüber nach, ob junge Autoren eigentlich in der Lage sind, dasselbe zu leisten wie ältere Autoren. Die Diskussion über "Das Drachentor" hat mich wieder dran erinnert.
Ich hoffe nicht, dass sich irgend ein jüngerer Schreiberling hier von dem Thread angegriffen fühlt, das ist nämlich überhaupt nicht meine Absicht. Ich zähle mich auch selbst noch zu den jungen Autoren.
Anlass, dass mich dieses Thema beschäftigt, ist eigentlich der lateinische Autor, an dem ich rumforsche. Dieser Mann war erst 26, als er Selbstmord begehen musste, und hat von ca. 24 bis 26 an seinem Bürgerkriegsepos gesessen, das er zwar nicht fertig bekommen hat, das aber bis heute zumindest in den fertig gestellten Teilen vollständig erhalten ist (fast 2000 Jahre alt ist es also).
Dass er so jung war, bringt viele Interpreten dazu, väterlich-herablassend oder auch gar nicht wohlwollend Dinge zu äußern wie "Für 26 ist das ja schon ganz nett, aber der Autor hätte erst älter werden müssen, um etwas richtig Gutes zu schreiben. So hat er nur nachgemacht, was er von Verwandten oder Vorbildern übernommen hat, kann aber nicht selbst etwas leisten, außerdem fehlt irgendwie der Zusammenhang blabla ..." Andere Interpreten versuchen dann, das Gegenteil zu beweisen.
Ich selbst bin sehr beeindruckt und mag den Text sehr, aber ich muss doch zugeben, auch ich finde, man merkt manchmal, dass der Autor noch nicht so alt war. Nicht, weil er schlecht geschrieben ist, sondern weil so viele "krasse" Dinge vorkommen, Nekromanten, Giftschlangen, Mord und Totschlag und etwas in Masse, was man nur als "Splatter" bezeichnen kann. Aber wieso denke ich überhaupt, dass so etwas darauf hinweist, dass der Autor jung war? Und ist das Buch daher "schlechter"?
Übrigens: Ich stehe auch auf Nekromanten und Giftschlangen. ;D Zumindest in Büchern ...
Ich frage mich auch oft, ob ich mich mit 27 überhaupt dafür qualifiziere, über einen Mann zu schreiben, der am Ende der Reihe ca. 80 ist. Aber soll ich warten, bis ich selbst 80 bin? ;D
Ist man als Jungautor wirklich schlechter in der Lage zu abstrahieren? Oder seine Begeisterung für manche Stoffe zu bremsen? Oder macht man nach, was man irgendwo findet? Das wird ja nicht nur "meinem" Römer vorgeworfen, sondern auch Leuten wie dem Eragon-Autor. Ich persönlich versuche immer, irgendwie originell zu sein, aber was mache ich nach? Bestimmt auch irgend etwas ...
Was meint ihr zu dem Thema? Braucht man sowas wie Lebenserfahrung, um gut zu schreiben? Oder reicht Talent aus? Oder hat man als junger Mensch heutzutage schon Lebenserfahrung? ;)
Es kann so und so aussehen. Es gibt durchaus Leute, die schon mit zwanzig tolle Sachen schreiben. Andere kriegen es mit vierzig immer noch nicht hin, obwohl sie seit fünfundzwanzig Jahren üben. Natürlich hat es ein bisschen was mit dem Alter zu tun, wie erfahren und geschickt sich ein/e Autor/in beim Schreiben anstellt, aber das Alter ist nicht alles. Es gibt viele berühmte Schriftsteller, die schon sehr jung veröffentlicht haben, und deren Werke nicht unbedingt jugendlich naiv sind.
Was nachmachen, das tun wir alle irgendwie. Es fragt sich nur, wie geschickt wir das tun ;).
Ich glaube, dass es zum größten Teil darauf ankommt, was für eine Art von Schreiber man ist, und wie viel Durchhaltevermögen man hat. Ob man nur für sich selbst schreibt, Tag und Nacht an seinen Geschichten sitzt, um sich beim Schreiben zu verbessern. Oder ob man nur schreibt, weil schreiben cool und modern ist.
Bestimmt gibt es beide Arten von Autoren in allen Altersklassen, deswegen denke ich, dass es weniger ein Frage des Alters des Schreibers ist, sondern, wie lange sich dieser jemand schon mit dem Schreiben beschäftigt, wie viel er schon geschrieben hat.
Trotzdem ist es so, meiner Meinung nach, dass ein 17jähriger, der schreibt, seit er zwölf ist, und ein 35jähriger, der schreibt, seit er zwölf ist, sehr unterschiedlich schreiben. Nicht nur qualitativ, sondern auch inhaltlich.
Und dass man (außer manche Einzelfälle) als 17jähriger keine große Chancen auf Veröffentlichung hat, einfach weil man wirklich noch nicht so viel Erfahrung hat, und die Sicht auf alle Dinge sich im Laufe der Zeit sehr verändert.
Liebe Grüße,
Nagi.
Guten Morgen Coppelia!
Das ist eine Frage, die sich nciht pauschal mit einem lapidaren "Ja" oder "Nein" beantworten läßt. Dennoch wage ich es einmal und lehne mich weit aus dem Fenster, in dem ich sage, dass Alter schon eine Rolle spielt. Gar nicht mal, weil man einfach mehr üben konnte, sondern weil man im Alter ein wenig ruhiger wird. Die Sturm und Drangzeit ist vorbei, man hat eine gewisse Abgeklärtheit dem Leben gegenüber.
Klar, man kann es nicht pauschalisieren, und es gibt mit Sicherheit auch 20jährige, die sehr gut schreiben und 50jährige, die bescheiden schreiben. Und dennoch sage ich, dass das Alter schon Einfluß auf den Schreibstil hat.
ZitatIch frage mich auch oft, ob ich mich mit 27 überhaupt dafür qualifiziere, über einen Mann zu schreiben, der am Ende der Reihe ca. 80 ist. Aber soll ich warten, bis ich selbst 80 bin?
Nö. Ich habe auch hin und wieder eine Leiche in meinen Storys, ohne dass ich im realen Leben jemanden umgebracht habe.
LG
Feuertraum
Nagi hat es, denke ich, gut auf den Punkt gebracht. Es kommt auf die Art des Schreibens an, den persönlichen Stil, der ja auch mit den Jahren reift. Wenn ich mir mit meinen aktuell 37 Jahren anschaue, was ich vor 20 Jahren oder vor sogar noch zehn Jahren verbrochen habe, dann gruselt es mich. Die Plots waren unausgegoren, die Charaktere waren unausgegoren, ich hatte Vorbilder und versuchte, diese zu kopieren. Was dabei herauskam, war natürlich Schrott.
Vielleicht liegt es daran, dass viele gerade jüngere Autoren sich das Recherchieren sparen ("ist ja Fantasy, da funktioniert alles") und sich auch darum Logiklöcher in Plot und Charakteren auftun. Coppi, ich denke schon, dass Du das Leben eines 80jährigen beschreiben kannst - weil Du sicher schon den einen oder anderen 80jährigen beobachtet hast und ohne Zweifel auch recherchierst, wenn Du dir bei einer sache nicht sicher bist. Es kommt immer darauf an, wie man als Schreiber in der Lage ist, sich in einen Protagonisten hineinzuversetzen, und das wird umso schwerer, je mehr man selbst NICHT ist, wie der Protagonist.
Und das kann man, denke ich, besser, je mehr eigene Erfahrungen und Beobachtungen mal selbst "in sich trägt". Und wenn man gut recherchiert. :)
ZitatIch frage mich auch oft, ob ich mich mit 27 überhaupt dafür qualifiziere, über einen Mann zu schreiben, der am Ende der Reihe ca. 80 ist. Aber soll ich warten, bis ich selbst 80 bin?
Sicher nicht. Ich schreibe fast ausschließlich männliche Protagonisten und war auch noch nie selbst ein Mann. ;D
Ich denke, das Alter spielt eine Rolle. Ich denke jetzt mal nicht so sehr an Schreibstil und Technik, sondern an den Inhalt.
Erfahrung lässt reifen. Mit zunehmenden Alter kann man davon ausgehen, dass man sich mit anderen Dinge beschäftigt hat, als ein junger Mensch. Zumindest sollte man davon ausgehen können, Gegenbeispiele gibt es noch und nöcher.
Und es gibt einfach Dinge, die lassen sich schwer nachvollziehen, wenn man sie selber nicht erlebt hat. Schwangerschaft und Geburt, die Umwälzungen, die kleine Kinder mit sich bringen, gehören meines Erachtens dazu. Ich empfinde immer noch die Geburt als Grenzerfahrung und ich wenn ich umschaue, so fällt mir keine Frau ein, die sich nicht deutlich dadurch verändert hätte. Man sieht mit bestimmten Erlebnissen weiter und tiefer ins Leben.
Wobei ich nicht sagen möchte, dass man sie erleben muss! Man muss keinen Menschen umbringen, um einen Krimi darüber zu schreiben, und man muss auch nicht erst 80 werden, um einen alten Menschen darzustellen. Und man muss auch keine Kinder haben, um eine Mutter auftreten zu lassen.
Aber, ist es gleich schlechter, was ein junger Autor schreibt? Es ist vielleicht weniger Lebenserfahrung drin, und häufig stolpert man irgendwann über logische Fehler oder die Charaktere sind nicht so ausgegoren - wobei ich davon überzeugt bin, dass es nicht so sein muss und ehrlich gesagt es manchen Älteren auch nicht anders geht - aber auf der anderen Seite sind halt andere Dinge da, die vielleicht bei einem älteren Autor fehlen.
Ich sehe zumindest an mir - obwohl ich mich nicht als ältere Autorin sehen würde mit meinen zarten 34, aber doch mit ein wenig mehr Erfahrung ausgestattet als mit 17 - dass ich zwar einiges mitbekommen habe. Ich habe mich mit Tod und Krankheit auseinander setzen müssen, ich begleite auch jetzt jemanden, von dem ich weiß, dass ich ihn bis zum Ende betreuen werde, und vieles mehr. Aber - wo ist denn mein komisches Talent geblieben? Wo die pointierten Sprüche, der fröhlich unbeschwerte Wortwitz? Ist Ernsthaftigkeit und Tiefgang wirklich eine Tugend für einen Autor? Beziehungsweise, die einzige Tugend?
Warum sollen denn nicht manche Dinge geschehen, die ein älterer Autor weniger einsetzen würde? Es ist dann halt etwas anderes. Und davon, dass bestimmte Aspekte kopiert werden, mehr oder minder bewusst, kann sich wohl keiner frei sprechen.
Ich schreibe seit frühester Jugend, und seit mittlerer Jugend schreibe ich viel und mit dem Ziel, es professionell zu tun. Aber mit sechzehn hatte ich Probleme, mich ein einen Zwangzigjährigen hineinzuversetzen, weil der so alt war. Mit zweiundzwanzig scheiterte ich an der Schilderung eines Mitdreißigers. Je älter ich werde, desto besser kann ich Menschen verschiedener Altersgruppen verstehen, auch Leute, die älter sind als ich. Ich habe mehr erlebt, mehr erreist, mehr erlesen, und vor allem: Mehr geschrieben.
Es gibt hier ein paar junge Autoren, die schon mit unter zwanzig Jahren richtig viel auf dem Kasten haben - aber wenn sie vierzig sind, werden sie trotzdem deutlich besser sein als heute. Anders wäre ja auch schlimm. Wenn ich jetzt sehe, was ich während meines Studiums geschrieben habe, "Eine Flöte aus Eis", mein erster fertiger Roman - damals war ich sicher, dieses Buch gehört verlegt. Heute bin ich aber viel, viel besser. Und in zehn Jahren erst...
Wenn ich ein Buch lese, ist mir egal, wie alt oder jung der Autor war. Dann will ich schlichtweg ein gutes Buch lesen - und da bekomme ich einfach von älteren Autoren die besseren Bücher. Was jetzt keine Kritik sein soll, sondern Ansporn. Auch für mich selbst.
Ach ja, den 80jährigen hatte ich vergessen. Dazu sage ich nur, man muss nicht in der Pfanne gelegen haben, um über ein Schnitzel zu schreiben (vereinfacht gesagt ;) ).
In sehr jungen Jahren spielt auch noch etwas ganz anderes, als Lebenserfahrung eine Rolle. Das Gehirn ist erst um das zwanzigste Lebensjahr herum völlig fertig. Konkret geht es dabei um die Entwicklung Präfrontalen Kortex, der für einige ganz erstaunliche Dinge verantwortlich ist. Die weniger spektakulären wären das Planen zeitlicher Abläufe und die Erarbeitung von Strategien zur Problemlösung oder die räumliche Strukturierung von Sinneswahrnehmungen. Aber der PFC hat auch mit den bewussten Komponenten des Ich-Gefühls und des Charakters zu tun und hat eine besonders wichtige Funktion für das Sozialverhalten. Außerdem ist er für kontextgerechtes Handeln und Sprechen und mit der Entwicklung von Zielvorstellungen zuständig. Dann hätten wir noch die Verarbeitung motivationaler und emotionaler Aspekten von Situationen und Handlungen im Angebot - und wahrscheinlich noch vieles mehr.
Ich bin keine Neurologin, aber ohne ein paar von diesen Sachen wird das Schreiben doch schon ganz schön schwierig ;).
Ich stimme da Lavendel zu. Es geht beim Schreiben nicht nur um Wortschatz, Phantasie, Lebenserfahrung oder Stil, sondern auch um Management, Struktur, Aufbau - und das sind Dinge, bei denen man als Jungautor oft noch nicht mal weiß, daß es sie gibt und wie wichtig sie sind.
Schiller: 22
Kleist: 29
Euripides: 29 (24?)
Büchner: mit 24 schon gestorben
... und da gibt's sicherlich noch mehr.
Ich denke jedoch, dass Schreiben Lebenserfahrung voraussetzt, und wer heute immer nur die Schulbank gedrückt hat und dann Bankkauffrau ode Kfz-Mechaniker geworden ist - der kann in diesem Alter auf nicht besonders viel Input zurück blicken. "Mord auf der Hebebühne" wird dann unglaubwürdig, wenn die aus CSI abgeschriebenen Ermittler anrücken...
Der große Unterschied, den ich bei mir heute im Vergleich zu früher sehe, ist, dass ich heute aus erster Hand Charaktere und Situationen kenne, die ich mir früher kaum hätte vorstellen können.
@Churke
Was möchtest du uns mit der Auflistung sagen? Daß es junge Autoren gab? Daß große Autoren auch jung angefangen haben? Oder was? Ich würde mich über eine Erläuterung freuen.
Hier dreht es sich ja um die Frage, was junge Autoren zu leisten vermögen und ob sie Lebenserfahrung brauchen oder nicht.
Mit den paar Beispielen (zu denen ich noch Ernst Jünger hinfzuügen möchte :snicker: ) wollte ich ein wenig den Blick dafür schärfen, dass junge Autoren nicht zwangsläufig wie Nuyen oder Paolini schreiben müssen. Aber früher hatten die jungen Leute auch noch Lebens- und nicht nur Playstation-Erfahrung. ::)
Wie sagte doch schon Machiavelli? Die Leute sagen immer: Früher war alles besser. ;D
Ich glaube nicht, dass man junge Autoren aus den vorigen Jahrhunderten mit jungen Autoren des 21. Jahrhunderts vergleichen kann. Du schreibst selbst, "damals" hatten junge Leute viel mehr Lebenserfahrung in jüngeren Jahren. Früher war vielleicht nicht alles besser, aber früher war definitiv vieles anders.
Ich glaube schon, dass ein 22jähriger Schiller über mehr Lebenserfahrung verfügte als eine 19jährige Nuyen oder ein 16jähriger (oder wie alt ist der inzwischen? 18?) Paolini.
Ich habe das Gefühl, mit dem Alter eines Autors ist es wie mit dem Unterschied zwischen Männern und Frauen: Es gibt irgendwie einen im groben Durchschnitt bedeutsamen Unterschied - aber der wird dann von so vielen individuellen Faktoren überlagert, dass er im Einzelfall fast unkenntlich wird.
Im Grunde sage ich immer, für Lebenserfahrung gibt es keinen Ersatz; und tatsächlich merkt man vielen Werken auch an, dass der Autor (zu) jung war. Andererseits scheint es Leute zu geben, die von Lebenserfahrung auch im hohen Alter gänzlich unverdorben bleiben und Dinge schreiben, für die ich mich mit 16 geschämt hätte ;)
Es gibt manche Dinge, die assoziiere ich inzwischen ganz selbstverständlich mit bestimmten Altersgruppen. Meistens liegt man damit richtig, und man kann die Werke denn auch nicht so ernst nehmen, weil sie kein Ausdruck eines individuellen Künstlers sind, sondern eher Ausdruck einer gewissen Entwicklungsstufe, womit der Autor dabei etwas Austauschbares bekommt. Andererseits durchlaufen viele Autoren diese "typischen" Entwicklungen nie; andere bleiben darauf hängen und schreiben weiterhin Geschichten dieser Art, obwohl sie die entsprechende Lebensphase längst hinter sich gelassen haben.
Prinzipiell würde ich auch sagen, unter 20 kann man noch nichts wirklich "weltfähiges" schreiben, weil man zu sehr mit sich selbst beschäftigt ist, um souverän mit dem Material umzugehen. Andererseits kann ich auch diesen Satz nicht absolut verstehen, weil es auch da Ausnahmen geben mag - und womöglich sogar Geschichten, bei denen die jeweiligen, altersbedingten Schwächen gar keine Rolle spielen.
Alter, würde ich sagen, ist also eher ein Faktor, der statistisch relevanter ist als in Bezug auf den konkreten Autor. Im Zweifel würde ich immer das Werk entscheiden lassen. Auch wenn ich inzwischen diese Entscheidung oft sehr schnell treffe, wenn ich das Werk eines sehr jungen Autors lese oder davon höre und gleich die "klischeehaft altersbedingten" Merkmale darin erkenne. Aber das ist dann eine Frage der Erfahrung ;D
Zumindest die Geschichte sollte sich alterslos anfühlen; höchstens ein gewisses Alter besonders ansprechen - aber nicht eines ausstrahlen. Allenfalls kann man sagen, dass bestimmte Autoren in einem bestimmten Alter zumindest bestimmte Bücher nicht schreiben können ...
Um auf den jungen Schiller zurückzukommen: Bei aller Bewunderung, aber "Die Räuber" sind unsäglich, die Mono-Dialoge unles- und vor allem unspielbar und der Plot in weiten Teilen bei Shakespeare geklaut - eben ein typisches Erstlingswerk eines durchaus talentierten, aber unerfahrenen Autors. Kein Vergleich zu Schillers späteren Werken. Und besonders viel Lebenserfahrung spricht aus diesem Werk auch nicht unbedingt.
Ich mag "Die Räuber", aber ich kann da abstrahieren.
Na das sind ja schon mal interessante Antworten. :)
Schiller soll übrigens erst 19 gewesen sein, als er "Die Räuber" geschrieben hat, hab ich so in Erinnerung. Früher fand ich Schiller klasse, aber die Latinistik hat meinen Geschmack für seine Sprache verdorben. Jung gestorben ist er aber auf jeden Fall.
Die antiken Autoren kenne ich ja am besten, daher hab ich noch mal drüber nachgedacht ... offenbar war es in Rom nichts Besonderes, als junger Mensch schon etwas Bedeutendes zu schreiben. Cicero war schon ein Redner-Star, als er in meinem Alter war, und hatte mit 19 ein Lehrbuch über Rhetorik geschrieben (aber ein Prof an unserem Institut hält es für unecht ;)). Ovid behauptet, er wäre schon ein berühmter Dichter gewesen, als er sich gerade das erste Mal rasiert hatte (aber das glaube ich wiederum Mr. Sunshine nicht). Catull jedenfalls ist auch mit Anfang 30 gestorben, der Theaterdichter Terenz - der besonders "erwachsene" Themen behandelt und für seinen guten Stil berühmt ist, allerdings das meiste von griechischen Autoren übernommen hat - Ende 20. Horaz soll seine ersten Gedichte auch irgendwann in den 20ern herausgegeben haben. Vergil, der Lieblingsdichter der Römer, soll auch schon so jung angefangen haben, dass "mein" 26jähriger Epiker total besorgt war, dass er älter sein würde als Vergil, wenn er sein erstes bedeutendes Werk herausbringt. ;D So sagen jedenfalls seine Biographen. Vielleicht hat er auch nur besondere Miesmacher als Interpreten. Bei Horaz labern die Interpreten stattdessen von "jugendlichem Feuer blabla". :)
Was ich mich auch frage: "Mein" Autor ist nun ein besonders scharfer Gesellschaftskritiker. Er geht sehr harsch und feurig dabei zu Werke. Ist man als junger Mensch vielleicht eher geneigt, die Gesellschaft anzugreifen, in der man zu leben gewzungen ist, als dann, wenn man schon lange Gelegenheit hatte, sich an sie zu gewöhnen?
Das alles ändert aber nicht so viel an der Tatsache, dass ich mich im Augenblick irgendwie etwas zu jung fühle. *g* Aber während ich mich sonst gern zu alt fühle , ist das auch mal eine angenehme Abwechslung. :rofl:
ZitatWas ich mich auch frage: "Mein" Autor ist nun ein besonders scharfer Gesellschaftskritiker. Er geht sehr harsch und feurig dabei zu Werke. Ist man als junger Mensch vielleicht eher geneigt, die Gesellschaft anzugreifen, in der man zu leben gewzungen ist, als dann, wenn man schon lange Gelegenheit hatte, sich an sie zu gewöhnen?
Ich denke, da ist etwas dran: Sturm und Drang ist etwas typisches für junge Leute. Wenn sie älter werden, haben sie sich vielleicht nicht an die Gesellschaft gewöhnt, aber sie realisieren sich selbst als einen Teil der Gesellschaft und erkennen, daß es an ihnen selbst ist, etwas praktisch und von innen zu ändern, statt die Gesellschaft nur pauschal von außen anzugreifen.
Zitat von: Coppelia am 10. September 2008, 11:38:27
Die antiken Autoren kenne ich ja am besten, daher hab ich noch mal drüber nachgedacht ... offenbar war es in Rom nichts Besonderes, als junger Mensch schon etwas Bedeutendes zu schreiben.
In Rom wurde man ja bereits als Kind mit Rhetorikunterricht beglückt, es gehörte zum guten Ton, sich eloquent äußern zu können. Also kann man sagen, die Römer wurden zu Rhetorikern erzogen.
Cicero war aber auch unter Römern sicherlich eine Ausnahmeerscheinung, genau wie die von Churke genannten jungen Genies. Das gleiche könnte man ja auch auf die Musik übertragen und dann hätte man den recht jungen Mozart (dessen Frühwerke auch vor Klischees strotzen) und den gereiften Bach.
Alter muß nicht gleichbedeutend mit Qualität sein, aber es hat in unserer Zeit sicherlich mit erlebter Erfahrung zu tun.
Je mehr man schreibt und sich mit dem "Handwerk" beschäftigt, z.B. darüber liest, wird man besser. Die Einsichten in das Schreiben selbst verhelfen neben dem ständigen Training zu qualitativen Unterschieden, das merke ich schon bei mir. Das, was ich früher geschrieben habe, ist geradezu naiv.
Heute kann ich mich viel besser in Menschen hineinversetzen als früher. Das bringt die Lebenserfahrung/das Alter (*hust*röchel*) und die möglichen Techniken, die man sich angelesen und antrainiert hat.
Junge Autoren haben den Vorteil eines "unverstellten Blicks", und viele Themen beziehen sich auf ihr direktes Umfeld. Oder sie werden zu Fanfiction-Schreibern, was ja auch nichts anderes ist als bevorzugtes Umfeld...
Was mir an heutigen (jungen) Autoren negativ auffällt, ist daß viele einfach zu wenig Bildung besitzen. Das mag vielleicht daran liegen, daß es früher eben kein Fernsehen und keine Playstation gegeben hat und die Leute entsprechend mehr Zeit zum Lesen und Studieren hatten. Abgesehen von der Lebenserfahrung macht es eben einen gewaltigen Unterschied, ob einer die Klassiker gelesen hat, sich in der antiken Mythologie auskennt und auf 3000 Jahre Kulturgeschichte zurückgreifen kann, oder ob sein kultureller Horizont nur bis zu Star Wars und Buffy der Vampierjägerin reicht.
Vielleicht fällt dieser Mangel an Bildung und Vorkenntnissen im Bereich Fantasy besonders auf, vielleicht liegt es auch daran, daß sich in diesem Genre besonders viele junge und unbedarfte Autoren tummeln.
@Tenryu
Ich habe hier schmerzlich schon Autoren jenseits der 40 erlebt, denen jedwede Bildung abging und die ich beim ersten Eindruck für unbedarfte Jugendliche gehalten hätte. Niemand muß sich jetzt angegriffen fühlen, die Betreffenden haben es hier im Forum nicht lange ausgehalten - und das gilt übrigens auch für die Eragon-Kiddies, die wir zwischenzeitlich mal hier hatten.
Ich finde es müßig, Autoren früherer Jahrhunderte, ob nun aus dem 18./19. Jh. oder gar der Antike mit uns vergleichen zu wollen. Damals wure von jungen Menschen auch im Elternhaus schon mit 12 Jahren vermutlich mehr Verantwortung abverlangt, als heute viele 22jährige erbringen müssen.
Ich denke, es kommt nicht einmal mehr auf das Alter eines Autors an, sondern auf eine Mischung aus Schreib- und Lebenserfahrung und innerer Reife.
Letztens hatte ich ein Buch einer Vierzehnjährigen, das wesentlich erwachsener geschrieben war als das von fünf oder zehn Jahre älteren Autoren. Auch im Interview, das ich später mit ihr geführt habe, klang sie sehr reif und für ihr Alter erwachsener als vermutet.
Dann stoße ich auch bei Dreißigjährigen noch auf eine erschreckende Naivität. Bei den Hobbyautoren ist das noch viel deutlicher zu erkennen, weil man ihre Texte relativ ungefiltert zu lesen bekommt, ohne dass etwa die Lektoren noch daran herum gebastelt haben.
Hm...
Junge Autoren. Da ich selbst noch ein ziemlicher Grünschnabel bin und noch grüner war, als ich mein erstes Machwerk veröffentlicht hab, denk ich, dass ich mich trauen kann, mitzureden.
1: Schreibtechnisch. Sagt, was ihr wollt, aber egal, ob man mit 6 oder 13 anfängt zu schreiben, es ändert nichts daran, wie man mit 15 schreibt. Ich habe mit 6 angefangen, Geschichten zu schreiben. Wir wissen, wie ich mit 15 geschrieben habe. Inzwischen hab ich ein paar junge Autoren, für die ich als Beta-Leser arbeite und die jetzt auch so in der Drehe 15, 16 sind. Interessanterweise lesen sich einige Sachen von ihnen so, wie ich sie von mir in Erinnerung habe. Danach entwickelt sich der Schreibstil erst so wirklich mit dem Leben. Wie lang man davor schon geschrieben hat, hat Einfluss darauf, wie rasant er es tut(ob man Veränderungen erst nach 3 Jahren merkt oder ob sich das schon nach nem Halben Jahr bemerkbar macht), weil das Sprachgefühl ja schon vorher geschult war. Aber ich bezweifle, dass eine 15jährige eine gute Idee rein schreiberisch genauso flüssig und gut lesbar umsetzt wie eine 20- oder meinetwegen sogar 30jährige. Da macht sich auch Punkt zwei bemerkbar, die
2: Lebenserfahrung. Ich vermute mal dreist, dass mir keiner widerspricht, wenn ich behaupte, eine 15jährige hat noch nicht so viel vom Leben gesehen wie eine 20jährige. Genauso wenig, wie ich meinen Eltern widerspreche, wenn sie meinen, mehr Lebenserfahrung zu haben. Ich widersprech meinen Eltern viel und gern, liegt in der Natur der Sache, aber in dem Punkt geb ich ihnen recht. Und genau diese Lebensefahrung lässt einen Autor anders an den Stoff rangehen. Beispiel: Man schreibt mit 15 eine Geschichte, in der man mehr oder weniger mit allem abrechnet, was einen ankotzt. Jahre später, mit ein wenig abstand und einem klareren Kopf findet man dies wieder. Der Plot ist gut, die Charas interessant, nur die umsetzung findet man selbst scheußlich. also schreibt man noch mal. Der Unterschied ist nicht nur schreitechnisch wie Tag und Nacht.
Ich schreibe jetzt in vielerlei Hinsicht anders, als ich es noch vor einem halben Jahr getan habe. Stil ist wie ein guter Wein oder Käse. Es braucht Zeit, um zu reifen, anders als eben genannte Genussmittel darf man ihn nur nicht lagern, sondern muss damit arbeiten. Genauso die Fähigkeit, Ideen zu entwickeln und umzusetzen.
Ich finde es gerade deshalb immer sehr spannend, junge Autoren zu lesen und dann vom text her aufs Alter zu raten. Ob jemand Talent hat, sich weiterentwickelt oder ob er mehr oder minder auf der Stufe stehen bleibt, auf der er ist(Schreiben ist ja auch eine ziemlich technische Sache, da ist ,,stehen bleiben" sehr relativ), zeichnet sich allerdings erst nach und nach ab.
Gut.
Frage war, ob es junge Autoren bringen.
Ja. Tun wir. Aus jungen Autoren werden irgendwann ältere Autoren. Ohne junge Autoren stirbt die nächste Generation aus. ;) wir haben andere ansichten als ältere Semester, eventuell einen anderen Stil, mit anderen Worten, der Nachwuchs bringt frischen Wind in die Bude.
Ich hätte allerdings noch eine andere Frage anzubringen: Wann ist man eni ,,junger Autor"? wenn man gerade erst seinen Erstling veröffentlicht hat? Wenn man unter 30 ist? Oder wenn man – wichtig für Kinderbuchautoren – weiß, wie man jung bleibt(man möge hier bitte unterscheiden von ,,Kindisch sein"?
Wo Moni das mit dem Rhetorikunterricht - jaja, ich weiß, ich bin einseitig und antikefixiert ;D - anspricht, frage ich mich doch, ob es einen Unterschied macht, welche Literatur man als junger Mensch liest.
Auch Leute wie Schiller hatten nie so etwas wie altersgerecht aufbereitete Literatur und haben sich wohl daher schon eher mit "erwachenen" Themen und womöglich auch schwerwiegenderen Fragen auseinandergesetzt, als es die Kinder heute tun, die gefilterte Jugendliteratur vorgesetzt bekommen. Selbstverständlich ist gute Jugendliteratur außerordentlich wertvoll. Aber sie ist eben doch meist "gefiltert".
Ich hab ja als Kind die Ilias rauf und runter gelesen, und ich denke, es hat mir in Sachen Textverständnis, Formulierung und auch intertextuelles Verständnis für mein Leben etwas gebracht. Es war eine Art sprachliche und inhaltliche Herausforderung, und ich denke schon, dass man als Kind an solchen Herausforderungen wächst und Sprachgefühl, das schon vorhanden ist, besonders gefördert wird. Aber auch heute gibt es ja noch viele junge Leute, die schon "Klassiker" lesen.
Von ca. 16 bis 20 habe ich übrigens ausschließlich geschrieben, um meinen Stil zu verbessern. :hmmm: Ewig dieselbe Szene neu geschrieben. Ich hatte nur Fragmente, nichts Fertiges. Den Stil der Romane, die ich vor 2 Jahren geschrieben habe, empfinde ich heute trotzdem als zu melodramatisch. ::) Und ... ähm ja. Ich verbessere meinen Stil noch immer ständig. Aber inzwischen ist er mir zumindest gut genug, um mal was fertig zu schreiben.
Natürlich sind diese genannten "Genies" alle Ausnahmetalente. Aber wer sagt, dass hier nicht auch welche von uns/euch solche Talente sind? Wer weiß ...
Und andererseits, wer sagt, dass Ausnahmetalente allen "Regeln" enthoben werden müssen? ;)
Und meine Position ist: Ich empfinde es als recht anmaßend, Autoren herunterzumachen, nur weil sie jung sind. >:( Das hat hier niemand getan, aber ich erlebe es eben doch relativ oft. Alter ist so ein "Totschlagargument" von denjenigen, die bereits ältersind. Ich empfinde Reife auch nicht nur als Anhäufung von Lebenserfahrung. Ich denke, sie hängt auch davon ab, wie intensiv man sich über bestimmte Dinge Gedanken gemacht hat und zu welchen Ergebnissen man dabei gekommen ist.
Zitat von: Coppelia am 10. September 2008, 16:39:20
Wo Moni das mit dem Rhetorikunterricht - jaja, ich weiß, ich bin einseitig und antikefixiert ;D - anspricht, frage ich mich doch, ob es einen Unterschied macht, welche Literatur man als junger Mensch liest.
Natürlich. Man saugt ja das Gelesene in sich auf imitiert es - absichtlich oder unabsichtlich. Wenn jemand miese Bücher von schlechten Autoren liest, dann ist das die Autorenklippschule.
Zitat von: Coppelia am 10. September 2008, 16:39:20
Alter ist so ein "Totschlagargument" von denjenigen, die bereits ältersind.
... und neidisch ;D, sonst würde sie sich nämlich konstruktiv äußern.
Vorhin habe ich ein wenig über Musik philosophiert und da fiel mir auf, dass zwischen meinem Musikgedanken und diesem Thema eine gewisse Schnittmenge besteht.
Folgendes:
Man erlebt es im Bereich der Musik immer wieder, dass Debütalben oder erste Kompositionen von Bands oder Künstlern viel verspielter sind als spätere Werke. Da fallen mir spontan Lordi, Hammerfall, Helloween ein. Oder auch aus einer anderen Richtung: Grönemeyer, Lindenberg oder Maffay. Ausgenommen seien an dieser Stelle vor allem progressive Vertreter, die gekonnt ihren Spieltrieb steigern. Zumindest manche.
Ein weiteres Beispiel wäre auch Tobias Sammet und seine Avantasia Scheiben. Die letzte ist um einiges reifer als die Vorgänger. Arrangements und Instrumentalisierung sind super und perfekt ausgearbeitet. Die Vorgänger bestechen, auch wenn sie musikalisch dem letzten Werk in nichts nachstehen, durch viel mehr Innovation und Ideen.
Es wurde ja bereits erwähnt, aber gerade bei jungen Werken wird immer alles mit rein genommen, was jemals als Idee im Kopf herumschwirrte. Reifungsprozesse laufen nur bedingt ab und die Zutaten bleiben entweder fast noch roh oder sind erheblich stark durchgebraten, aber den Zustand "Medium" wird seltener erreicht. Teilweise entstehen solche Dinge natürlich auch dadurch, dass der Schreiber oder Musiker erst noch seinen Stil finden muss, will oder wird.
Allerdings trennen sich die Wege bei Musik oder Schreibstil noch ein wenig. Musik kann ohnehin live performt werden, auch wenn keine Plattenvertrag dahinter steht. Die entstandene Musik kann entweder sehr einfach sein, kalkuliert oder ein Meisterwerk (und vieles mehr) Für alles gibt es Nischen und feste Plätze. Beim Schreiben ist das ein wenig anders.
Aber in beiden Fällen denke ich liegt es am Gemüt des jeweiligen Schreibers. Man ist beispielsweise jung und hat eine Idee - sofort greift man zu Stift und Papier und schreibt sie nieder. Fertig. In erster Linie besteht auch aus künstlerischer Sicht nicht zwangsläufig die Notwendig eines Prozesses. Aber je mehr man erlebt, desto mehr will man Erlebtes einbeziehen, desto mehr Sinneseindrücke und Gefühle werden beim Schreiben verbunden und automatisch laufen Prozesse relativ länger ab, was das Werk ebenfalls automatisch reifen lässt.
Wenn man als Schreiber aus einer bestimmten Sicht oder Lage schreiben will, die man selbst nicht kennt, dann fällt es im Prinzip nur unter die Kategorie der Recherche. Je weniger man weiß, desto mehr muss halt auch recherchiert werden. Relativ gesehen mag es so sein, dass Recherchen in jeder Altersgruppe gleich lang ablaufen, aber das Ergebnis eben bei mehr Erfahrung authentischer wirkt.
ZitatUnd meine Position ist: Ich empfinde es als recht anmaßend, Autoren herunterzumachen, nur weil sie jung sind.
Das sicher, aber ich erlebe meistens eher das Gegenteil, nämlich, dass Autoren wie Paolini oder Bujor in den Himmel gelobt werden, nur weil sie jung sind. Einige Bekannte von mir haben auch schon sinngemäß gesagt "Ja, Eragon hat einige Schwächen, aber dafür, dass es ein 16jähriger geschrieben hat ist es doch toll!"
Wenn ich Geld für ein Buch ausgebe, dann ist es mir aber wurscht, wie alt der Autor ist - gut soll das Buch halt sein. Da gibt es von meiner Seite keine mildere Beurteilung, nur weil der Autor noch so jung ist.
Alter gibt zumindest einen Vorteil - viel mehr Übung ;-)
Um mal ein Genrebeispiel zu wählen: MZBs allererster Darkoverroman wurde von ihr selbst als so schlecht empfunden, dass sie 20 Jahre später eine fast doppelt so dicke Neufassung geschrieben hat, in der der Prota wesentlich differnzierter ausgearbeit ist.
Die erste Fassung las sich so so la la. Die späte Fassung gehört zu den stärksten Darkover-Romanen überhaupt.
Ich gehöre ja zu den eher exotischen Fällen von Späteinsteigern ins belletristische/literarische Schreiben. Gegenüber jungen Schreibern mit gleich viel Praxis habe ich dadurch einen erheblichen Vorteil: ich habe - allein aufgrund meines Alters - sehr viel mehr gelesen (und im fachlich-wissenschaftlichen Bereich auch geschrieben). Das schult das Sprachgefühl.
Wo ich allerdings überhaupt keinen Vorteil habe, das sind die "Techniken" des Romanschreibens. die muss ich mir genauso draufschaffen, wie die jungen. ;)
Ich denke, man muss da sehr stark unterscheiden - sowohl in der Sicht von uns jungen Autoren aus als auch in der Sicht von außen.
Es gibt natürlich einmal die jungen Autoren, die mit 15, 16 ihr erstes Werk veröffentlichen und anschließend immer weiter schreiben, einen Bestseller nach dem anderen. Zum einen haben die einen sehr guten PR-Berater gehabt und es wurde sicherlich auch viel Trubel um die Bücher gemacht, zum anderen sind sie auf dem Markt jetzt hoch gelobt.
Aber beschäftigt sich ein Reich-Ranicki damit? Würde sich ein solcher Literaturkritiker mit Märchenmond und co beschäftigen?
Und dann gibt es die "alten" Autoren, die mit 40, 50 ich erstes Werk veröffentlichen. Und vorher nicht oder kaum geschrieben haben.
Diese haben jetzt sicherlich eine andere Herangehensweise an das Thema, sie haben einen anderen Blickwinkel - aber schreiben sie automatisch besser, als der 16-jährige? Übung haben sie ja genauso wenig.
Aber da wären auch noch die 40-50-jährigen, die einfach so lange für ihr erstes Werk gebraucht haben. Da denke ich, wenn es nicht sehr oft überarbeitet wurde, dass man die Entwicklung des Stils erkennen kann.
Also ist man nicht automatisch ungeübt, wenn man noch jung ist.
Was aber durchaus der Fall ist, ist, dass junge Autoren in manchen Bereichen nicht so belesen sind. Aber ist es wirklich nötig, einen Faust oder die Räuber gelesen zu haben, um gut zu schreiben? Ist es heute noch zeitgerecht, in Hexametern und mit daktylen zu schreiben? Ich mochte Faust, so ist es nicht, in der Klausur über Faust hatte ich immerhin 14 Punkte (glatte eins) und bin nur haarscharf an den 15 (1+) vorbeigeschrammt. Aber für mein Schreiben hat es mir rein gar nichts gebracht. Denn das ganze Thema ist in einer Sichtweise behandelt, die heute nicht mehr in die Zeit passt. Würde man einen historischen Roman schreiben, der etwa zu Goethes Lebzeiten spielt, dann ist das die richtige Sichtweise. Aber dann informiere ich mich doch eher in historischer Fachliteratur als in einem Werk, das - gerade im 2. Teil - so seltsam abgedreht ist. Faust eins hat wenigstens noch einen roten Faden, der sich in den letzten Szenen von Faust zwei auch wiederfindet. Den Rest dazwischen braucht man nicht.
Ist es heute im Zeitalter des Internets und Wikipedias noch nötig, die griechischen Heldensagen wirklich gelesen zu haben? Oder die Geschichten aus 1001 Nacht? Die habe ich mit 13 oder 14 sogar angefangen, weil ich mich dafür interessiert habe. Wir haben die hier in unserer kleinen Privatbibliothek sogar rumstehen - allerdings in der Erwachsenenausgabe. Ist es wirklich noch kindgerecht, so ein Werk auf die "sollte man mal gelesen haben" Liste zu setzen? Wenn Krähen kommen und detailliert beschrieben wird, wie Gedärme herausgerissen werden? Ich habe nach etwa 100 Seiten aufgehört, weil ich tierische Albträume bekommen habe. Und ich will nicht wissen, ob das jetzt - knapp 10 Jahre später - nicht wieder genauso wäre.
Was ist zum Beispiel mit den klassischen deutschen Märchen? Hänsel und Gretel, Die sieben Geislein mit ihrem Wolf, Rotkäppchen. Kinderliteratur? Ich hab diese Dinge nie gelesen. Und auch nie vorgelesen bekommen. Ich hatte die Märchen um das alte Haus und die grüne Schule. Mit der Oma und ihrer Märchenbrille, dem uralten Hund Bauz, dem ururalten Hahn Krax und der urururalten Katze Maunz (keine Garantie für die Namen der Tiere). Ist es kindgerecht, Märchen vorzulesen, die ein aufschlitzen eines Wolfes beinhalten? Oder bei Hänsel und Gretel, dass die Kinder in den Backofen geschoben werden? Genau genommen haben die Gebrüder Grimm ihre Märchensammlung für Erwachsene herausgegeben. Für Kinder haben die Eltern sie dann hergenommen. Ich bin - ehrlich gesagt - froh, dass meine Eltern mir diese Dinge NICHT als Gute-Nacht-Geschichten vorgelesen haben. Mag sein, dass ich deswegen jetzt etwas empfindlich bin, was Albträume angeht. Aber wir haben die grimmschen Märchen da, genauso wie die Anders-Märchen, aber das Bedürfnis, sie zu lesen, habe ich nicht.
Das einzige, was daran negativ war, ist die Tatsache, dass ich im Deutsch-Leistungskurs probleme hatte, Bezüge zu Märchen zu finden - ich kannte sie ja nicht. Aber die Einstellung meiner Eltern habe ich jedem Lehrer und jedem Schüler gegenüber eisern verteidigt.
Sicherlich haben die deutschen Klassiker und die antiken Werke noch ihre Daseinsberechtigung. Manche Zeilen daraus sind in den Volksmund übergegangen, ohne, dass die meisten noch wissen, WAS sie da eigentlich zitieren. Es gibt hochphilosophische Ansätze, selbst in Faust. (Beispiel: "Werd' ich zum Augenblicke sagen, verweile doch, du bist so schön - dann magst du mich in Fesseln schlagen, dann will ich gern zu Grunde gehn" (Mephisto-Faust, in Faust I) --> "Zum Augenblicke dürft' ich sagen: Verweile doch, du bist so schön!" (Faust in Faust II) --> ist er nun glücklich oder nicht? Himmelfahrt gerechtfertigt?)
Ich denke, die Literaturklassiker der "alten Zeit" sind gute Werke, aber haben keinen Einfluss mehr auf unser Schreiben. Denn sie sind Zeugen einer anderen Denkweise, einer anderen Erziehung und fast schon anderen Kultur.
Was eher heutzutage gelesen werden sollte, sind die Werke großer Deutsch-Künstler, wie etwa Thomas oder Klaus Mann. Auch wenn diese Werke genauso verquer und verrückt sind wie Faus und co, kann man hier doch viel über mögliche Konstruktionen und die Kunst mit dem doch als "unschöne" Sprache verschrienen Deutsch umzugehen lernen.
Für Fantasy-Autoren im Speziellen denke ich außerdem, dass griechische Helden- und Göttersagen durchaus eine Bereicherung darstellen können. Aber da kommt es nicht aufs Alter an. Man kann diese Sagen mit 10 lesen ebenso wie man sie mit 60 noch ungelesen im Schrank stehen haben kann. Da kommt es auf die eigene Überzeugung an, ob man sie für sich persönlich braucht oder ob man sie lesen will. Hilfreich sind sie sicherlich, gerade, was Wesen wie Satyre, Chimären und co angeht. Aber an die Vorgaben aus alter Zeit muss man sich deswegen noch lange nicht halten. Es fällt einem aber sicherlich leichter, Bezüge dazu herzustellen und ein Bild, das man hat, leichter zu beschreiben, wenn man sich auf bekanntes beziehen kann.
Sind junge Autoren schlechter?
Jung und Jung sind zwei paar Stiefel. Es gibt die "körperlich" jungen und die "geistig" jungen. Da hängt viel von der Entwicklung ab. Was haben diese Menschen in ihrem Leben schon durchgemacht? Ist man wohlbehütet ohne Sorgen und Probleme aufgewachsen? Oder wurde man gemobbt, ausgegrenzt, belogen und betrogen?
DAS finde ich, macht - neben der Übung, die jeder natürlich selbst für sich haben muss, - viel mehr aus als das wirkliche, biologische Alter.
@Beate, jung ist relativ.
Als Autorin bin ich jung. Ich schreibe erst seit 5 Jahren regelmäßig.
Altersmäßig bin ich leider nicht so jung (44) :'(
Ich denke, wir können uns auf folgende Fakten einigen:
1. Übung macht den Meister.
Praktisch jeder hier wird wohl bestätigen, dass man nach 5 Jahren regelmäßigen schreibens sehr viel besser schreibt als am Anfang.
2. Der Effekt wird vermutlich irgendwann geringer.
Um nochmal MZB zu erwähnen, weil die den Darkoverzyklus wirklich über Jahrzehnte weiterentwickelt hat und deswegen ein super Anschaungsfall ist: Der Qualitätsunterschied zwischen der 1. bis 2. Veröffentlichung und einer nach 15 Jahren ist erheblich.
Der zwischen nach 15 Jahren und nach 20 Jahren nur noch minimal.
Die "Lernkurve" flacht also irgendwann einmal ab.
3. Lebenserfahrung IST ein Vorteil
Nix für ungut an die jüngeren. Aber ich glaube schon, dass ich gewisse Vorteile habe. Ich weiß eben aus eigener Anschaung sowohl wie man sich mit 16 als auch wie man sich mit 44 Jahren fühlt. Und nicht nur das: ich kann auch aus einfach mehr Erfahrungen schöpfen, als jüngere. Das spart Rechercheaufwand und ermöglicht mir vielleicht auch ein glaubwürdigeres Darstellen älterer Charaktere als einem jüngeren Schreiber.
Als Leserin fällt mir jedenfalls sehr stark auf dass junge Autoren
a) an jungen Charakteren kleben. Ältere Charaktere geraten oft recht klischeemäßig (wenn sie denn überhaupt auftreten).
b) oft auch eine "jugendliche" Weltsicht transportieren, in dem was sie schreiben. Je älter der Schreiber desto ausdiffernzierter und weniger Schwarz-Weiß die Charaktere und Handlungen. Natürlich gibts da unzählige Ausnahmen von der Regel, die ihr mir jetzt vermutlich mit Genuss um die Ohren klatschen werdet. ;D
Und direkte Vergleiche sind natürlich auch schwierig, da jeder Mensch anders ist und fast nur für den selben Autor möglich.
Aber für praktisch alle Autoren, die ich über Jahre bis Jahrzehnte verfolgt habe, tirfft die These von der zunehmenden Komplexität des Geschriebenen m. E. zu. Selbst wenn sie an so unterschiedlichen Startpunkten angefangen haben wie, MZB, Tad Williams, P. McKillip und J.R.R. Tolkien (um mal ein paar meiner Lieblings-Fantasy-Autoren zu nennnen)
4. Handwerksmäßig zählt allerdings m. E. das "Schreibalter" und nicht das Lebensalter.
Zitat von: Beate am 11. September 2008, 09:38:29
Ist es heute im Zeitalter des Internets und Wikipedias noch nötig, die griechischen Heldensagen wirklich gelesen zu haben? Oder die Geschichten aus 1001 Nacht? .....
Ich denke, die Literaturklassiker der "alten Zeit" sind gute Werke, aber haben keinen Einfluss mehr auf unser Schreiben. Denn sie sind Zeugen einer anderen Denkweise, einer anderen Erziehung und fast schon anderen Kultur.
Da könnte man genauso gut fragen, ob einen Sinn hat, mehr als vier Jahre Grundschule zu besuchen. Denn wer Lesen & Schreiben gelernt hat, kann im Internet nachschauen und wer einen Taschenrechner bedienen kann, braucht nicht mehr rechnen zu lernen.
Es geht bei der Kenntnis der Literatur nicht darum, irgend eine Erkenntnis aus Roman X oder Drama Y nutzbringend anzuwenden, sondern es geht um
Bildung.
Was unterscheidet einen Deutschen von einem Chinesen oder einem Angolaner? Das ist nicht allein die Sprache, sondern eben der kulturelle Hintergrund, der sich in einem nicht geringen Teil in der Literatur eines Volkes manifestiert. Es ist die Art zu denken, und die Welt zu betrachten. Es ist die Geschichte eines Volkes. Es gibt kein Rezept, keine verbindliche Liste, welche Bücher man gelesen, welche Theaterstücke man gesehen und welche Musik man gehört haben muß. Aber es macht einen gewaltigen Unterschied, ob einer glaubt, das Rad neu erfunden zu haben, oder ob wer weiß, daß schon vor 300 Jahren ein anderer die selben Ideen und Ansichten geäußert hat. Und in dem man die eigene Kultur und Philosophie reflektiert, kann man aus dem alten etwas neues erschaffen.
Wenn man manche populären Werke aus anderen Kulturen liest, findet man nicht selten einfach Versatzstücke europäischer Historie, Religion oder Mythologie wahllos eingestreut, einfach nur als exotische Zutat. Für einen gebildeten abendländischen Leser wirkt das unfreiwillig komisch, zum Teil gar peinlich. Und genau so ergeht es einem, wenn man die Bücher von gewissen zeitgenössischen Literaten liest: Man merkt sofort, der weiß eigentlich gar nicht, wovon der überhaupt spricht.
Richtig. Die Ilias und Tausendundeinenacht sind unverzichtbare Werke des deutschen Kulturguts, die für einen ungebildeten Chinesen oder Angolaner schlichtweg ungeeignet sind. Jawoll!
@Tenryu
Bleib bitte beim Thema, und verschone uns vor Allgemeinplätzen.
Hm, ich würde Tenryu hier weitestgehend Recht geben. Zumal er ja auch darauf hingewiesen hat, dass diese allgemeine Aussage nicht zwingend bestimmte einzelne Werke umfasst, und dass vor allem auch Werke anderer Kulturen hinzukommen können, um den Horizont zu erweitern. Was dann ja "1001 Nacht" sein könnte.
Und die Ilias gehört ohne Zweifel zu den Grundlagen unseres europäischen Erzählens. Ob man sie dafür selbst gelesen haben muss, oder ob es reicht, andere, spätere Werke zu kennen, die davon beeinflusst wurden - wer weiß?
Jedenfalls darf die Basis nicht zu schmal werden, sonst merkt man's auch an den Werken. Insofern mag man sich darüber streiten, ob Tenryus Äußerung wirklich noch so viel mit jungen Autoren zu tun hat - aber es war in jedem Fall ein angemessener Einwand zu Beates Ausführungen.
Es ist jedenfalls kein zwingender Einwand gegen jüngere Autoren. Ich denke, einen Großteil seiner Leseerfahrung hat man ohnehin auch schon in jungen Jahren gemacht. Es ist aber schon eine Korrelation zu beobachten, dass vor allem junge Fantasyautoren ein solches Fundament recht oft als entbehrlich hinstellen. Ein Phänomen übrigens, dass man in der Form nicht beobachten kann, wenn erfahrenere Literaturschaffende oder genreübergreifende Gruppen aus dem Bereich zusammenkommen. Insofern denke ich, dass dieser Punkt durchaus zu den Vorbehalten gegen junge Autoren beiträgt.
Ich habe das Gefühl, dass ich ein wenig missverstanden wurde. Ich habe nicht gesagt, dass man auf ein Fundament verzichten kann. Gerade was Heldensagen, Göttermythen und co angeht, sollte man schon firm sein und sich damit beschäftigen, auch Originaltexte bzw. Übersetzungen ebendieser lesen.
Ich wollte auch nicht ausdrücken, dass man auf Wissen zu historischen Ereignissen und zur Entwicklung der Kultur verzichten kann oder sollte. Das wurde leider falsch verstanden.
Ich habe lediglich bezweifelt, dass "deutsche Klassik" wie etwa Goethe oder Schiller uns da viel mehr beibringen als "in der Epoche wurde so und so geschrieben". Und ich hatte Deutsch-Leistungskurs und ich hab Faust interpretiert. Auch im Hinblick auf die Zeit. Ich kenne auch Parodien von Faust, ebenso wie ernste Abhandlungen. Aber ich kann diesen Werken schlichtweg nichts abgewinnen, was ich in irgendeiner Weise als Autor verwenden könnte oder mir dahingehend weiterhilft.
Und was "deutsches Kulturgut" angeht: Ilias ist von Homer (--> Griechenland) und 1001 Nacht kommt aus dem Morgenland - der Originaltext ist in Arabisch. Deutsches Kulturgut? Wir habens uns angeeignet wie so vieles anderes auch.
Interessantes Thema!
Prinzipiell geht es mir wie Neyasha. Ich will ein gutes Buch lesen, wie alt der Autor ist, ist mir egal. Wenn ich mich mal an eine Verallgemeinerung wagen darf (Ausnahmen bestätigen die Regel), so sind junge Leute viel leichter zu begeistern oder einfach zu beeindrucken. Alles ist stärker, bunter, krasser. Wenn man ähnliche Dinge dann schon ein paar mal erlebt hat, wird man ruhiger. Ich (Anfang 30), finde es immer wieder amüsant, was Teenies so alles aufregend finden. Mag ja sein, daß ich damals genauso war, und das gehört sicher zur Jugend dazu, das will ich ihnen auch gar nicht nehmen, aber nur weil Robbie Williams Take That verläßt, geht die Welt nicht unter (um mal ein etwas angegrautes Beispiel zu nehmen). Ein Autor braucht eine ganze Menge Begeisterung für sein Werk, aber damit ich das Werk auch genießen kann, muß ich eben auch in der Lage sein, diese Begeisterung zu teilen. Es gibt so diese Texte, wo man sich nur denkt "der hat gerade sein allererstes Fantasy-Buch gelesen und ist hin und weg von der Idee, daß es Drachen ja tatsächlich geben könnte". Ich hab mittlerweile mehr als ein Fantasy-Buch gelesen und nur damit lockt man mich nicht hinter dem Ofen vor. Vielleicht könnte man es so sagen: ein Autor darf ruhig jung sein und unerfahren, aber er darf nicht unerfahren wirken.
Was meine eigene "Karriere" angeht, so geht es mir ähnlich wie Coppelia. Auch ich bin mit den alten Sagen groß geworden und anders als Beate haben mich meine Eltern nie vor Erwachsenen-Büchern in Schutz genommen. Ich hab Ecos Name der Rose mit 11 gelesen und war damals sicher nicht alt genug dafür, aber was soll's. Daran wächst man ;) Jugendliteratur habe ich sicher auch gelesen, aber die Bücher waren so schnell durch. Meine hauptsächliche Nahrung waren in der Zeit von 10-15 wohl die Bücher, die mittlerweile als Jugendbücher gelten, die aber für Erwachsene geschrieben wurden (Karl May, Jack London, Alexandre Dumas...). Ich bin also schon früh mit einer sehr großen Bandbreite an Sprachstilen in Kontakt gekommen und das hat sich auch auf mein Schreiben ausgewirkt. Meinen ersten Versuch habe ich mit ca. 12 Jahren gemacht - und nach einer Seite abgebrochen, weil ich meinen Stile so unsagbar schlecht fand. Mit 16 hab ich's nochmal versucht, wieder nix. Erst mit 24 war ich sprachlich so weit, daß ich meine eigenen Texte ertragen konnte. Mag sein, daß mich das einiges an Erfahrung gekostet hat, die ich jetzt mühsam nachholen muß und ich könnte heulen, wenn ich daran denke, wieviel Zeit ich zu Schulzeiten zum Schreiben hätte verwenden können. Aber was soll ich machen, ich konnte das Zeugs einfach selbst nicht lesen. Und in anderer Hinsicht hat mir dieser späte Start auch nicht geschadet. Ich hab die Zeit nämlich genutzt, um unendlich viel zu lesen. Und ich denke schon, daß es einen Unterschied macht, ob man sich gezielt Informationen, Anregungen etc besorgt, oder ob sie von selbst kommen, weil man vieles einfach schon fest verinnerlicht hat.
Wieso versteht mich jeder falsch? :wums:
Meine Eltern haben mir NIE verboten, "Erwachsenenliteratur" zu lesen. Die Bücher stehen im Regal und sie haben immer gesagt, wenn ich sie lesen will, soll ich das machen. Aber sie haben mir diese Dinge nicht vorgelesen oder als Gute-Nacht-Geschichten hergenommen.
Um noch mal auf die Ausgangsfrage zurückzukommen: Ich kann es nicht wirklich beurteilen, da ich selber noch jung bin, aber ich habe mich neulich mit einer Schriftstellerin unterhalten, die Lehrerin an meiner Schule ist. Sie schreibt übrigens Kinderbücher und ist der Meinung, dass sie als Erwachsene eben manchmal zu "erwachsen" schreibt. Da holt sie sich Hilfe von ihrem (relativ) kleinen Sohn.
So mache ich es auch, wenn ich Figuren habe, die viel älter sind als ich. Oder wenn ich über etwas schreibe, das ich nicht kenne. Ich denke, man kann nicht über ein Alter schreiben, in dem man sich nicht selber befindet, auch wenn man es schon hinter sich hat. Man verändert einfach seine Ansichten und kann sich dementsprechend zwar versuchen einzufühlen, aber mit jemandem zu sprechen, der sich in genau der "Phase" befindet ist mMn sehr hilfreich.
Zitat von: saraneth am 11. September 2008, 22:49:06
Um noch mal auf die Ausgangsfrage zurückzukommen: Ich kann es nicht wirklich beurteilen, da ich selber noch jung bin
Da geht es mir ähnlich mit meinen extrem jungen 15 Jährchen. Wenn ich mir den einzigen Hobbyautor in meiner Klassenstufe anschaue, müsste ich entschieden Ja sagen. Kindische Geschichte (kleiner Bauernjunge kriegt Monsterschwert und besiegt Obermotz, natürlich alles mit Prophezeiung :omn: ) und nicht das kleinste bisschen Realismus. So ist es natürlich nicht bei allen, trotzdem würde ich gerade das Problem mit der Glaubwürdigkeit als Hauptargument gegen junge Autoren einstufen.
Irgendwo in den anderen Antworten habe ich gelesen, junge Autoren würden zu wenig recherchieren. Vollkommen richtig! Ich hatte wie gesagt etwas Glück, ein dermaßen drastisches Beispiel in meinem Umfeld zu haben, so etwas prägt und man nimmt sich vor: "So werde ich das nie, nie angehen".
Folge: Ich recherchiere seit Monaten, das Buch selbst wird nicht angefangen, ehe die gesamte Vorarbeit komplett abgeschlossen ist (ein, zwei Jahre vielleicht). Um Realismus bemühe ich mich mehr als um alles andere, wodurch ich dauern zu hören bekomme, alles von mir wäre so "grausam" oder "düster", vielleicht übertreibe ich ein wenig. Trotzdem meiner Meinung nach besser, als noch einen Eragon zu schreiben (von dem ich nicht viel halte, das typische Beispiel für kindische Story).
Fest steht für mich auf jeden Fall, dass junge Autoren gerade was Kreativität betrifft, auf jeden Fall etwas taugen. Was den Schreibstil angeht ebenfalls, was die Handlung und die Glaubwürdigkeit betrifft, schon sehr viel weniger, Ausnahmen bestätigen jedoch die Regel.
Interessanter Weise ist es gerade die Kreativität, mit der mich viele junge Autoren so gar nicht überraschen können, obwohl man immer von der "blühenden Phantasie" der Kinder ausgeht. Keine Ahnung, woher das kommt, ich fühle mich inzwischen wie phantasiereiher als noch vor ein paar Jahren. Das hat für mich vor allem mit der Komplexität der Sachen zu tun. Wenn ich mich an meine allerallerallererste "eigene" "Welt" erinnere, so gab es dort ein Schloss samt Schlossgraben in Gehentfernung von einem, hm, Berg? Einer Felssäule? plus zwei Häuser. Das war alles. Es reichte, um meine Figuren hin und her zu schieben (auch wenn das Schloss noch kein Inneres hatte), aber viel passiert ist da auch nicht. Damals war ich fünf.
Was danach kam, wurde erst nach und nach komplexer, ganz einfach, weil ich mit den Jahren mehr hatte, woraus ich schöpfen konnte - was Weltengestaltung, Charaktere, aber auch Handlungsverläufe angeht.
Wenn ich mir die Sachen anderer sehr junger Autoren anschaue (und zwar bewusst von nicht-Veröffentlichten, wer nicht veröffentlicht, hat ja alle Freiheiten) - so sind sie selten sonderlich "kreativ". Damit meine ich nicht ein deutliches "an Vorbildern orientieren", sondern einfach eine gewisse Beschränkheit im Geschichtenverlauf und Weltgestaltung selbst. Die Stücke, aus denen die Geschichte zusammengebaut wird, sind sehr begrenzt.
Zitat von: Elena am 12. September 2008, 00:16:15Wenn ich mich an meine allerallerallererste "eigene" "Welt" erinnere, so gab es dort ein Schloss samt Schlossgraben in Gehentfernung von einem, hm, Berg? Einer Felssäule? plus zwei Häuser. Das war alles.
Das reicht doch. Bei
"Jim Knopf" gibt es auch nicht viel mehr (außer zwei Tunnels und einer Eisenbahn)... ;D
Ich weiß nicht. Ich finde, daß gerade im Fantasy-Bereich oft zu viel des Guten getan wird. Viele Autoren stopfen ihre Geschichten mit zu vielen Details voll. (Haben vermutlich alle Tolkien gelesen). Ich denke, daß eine gute gradlinige Geschichte, ohne überflüssigen Schnickschnack eher das Merkmal von erfahrenen Autoren ist, die wissen, was in eine Geschichte rein muß, und was seitenfüllendes Blabla ist.
ZitatDas reicht doch. Bei "Jim Knopf" gibt es auch nicht viel mehr (außer zwei Tunnels und einer Eisenbahn)...
Ich vermute nicht, dass du die Bücher mal gelesen hast, oder? ;)
Das mit den Ideen, was Elena sagt, kann ich auch bestätigen. Ich bekomme bessere Ideen durch Übung. Früher habe ich versucht, einfach nachzumachen, was ich irgendwo gefunden hatte und toll fand. Heute kann ich immerhin überlegen, warum ich es toll finde, und kann dann etwas eigenes entwickeln aus dem, was mich begeistert.
Fehlende Recherche ist wahrscheinlich eine Falle, in die jeder Autor tappen kann. Ich mag gar nicht an die Recherche denken, die mir demnächst bevorsteht ... "mein" Römer hat aber so viel gewusst, dass er es manchmal seitenweise aufgezählt hat. Aber diese etwas lästige Angewohnheit haben noch andere Autoren, die Recherche betrieben haben, finde ich. ;D Das ist unabhängig vom Alter. Ok, manchmal findet man solche Absätze auch in Fantasyromanen.
Ich denke, mit dem Alter wird man besser im Abstrahieren von Geschichten. Ich hatte mit ja bei den Galottaromanen z. B. gewundert, dass viele Leser nicht in der Lage waren, die Aussagen der Figuren und meine Person auseinander zu halten. Sie glaubten, alles, was die Personen sagten, wäre auch meine Ansicht. Ich hatte nicht begriffen, wie das sein konnte.
Als ich dann Praktikum in der Schule hatte und Literatur in der 10. Klasse unterrichtet habe, war mir völlig klar, dass solche Forderungen an die meisten Schüler dieses Alters absolut zu hoch waren. Ich konnte erkennen, dass sie definitiv viel weniger in der Lage waren, bei Texten zu abstrahieren, Strukturen, übertragene Bedeutungen zu finden usw als ich. Sie setzten auch die in Texten geäußerte Ansicht augenblicklich mit der des Autors gleich. Und das war sicher überhaupt kein Zeichen dafür, dass sie irgend etwas nicht begriffen hatten. Ich musste nur denken, dass es mir wahrscheinlich damals auch so ähnlich gegangen war.
Ich habe zwar ein abgeschlossenes Studium in LitWis hinter mir, aber ich bin nach wie vor der Meinung, dass dieses Studium mit der Verbesserung dieser Fähigkeiten nichts zu tun hat. Eher mein anderes Fach Latein. Wahrscheinlich war es aber einfach das Alter.
Inzwischen sehe ich eher meine Fehler, wenn ich Geschichten strukturiere. Aber ich freue mich wirklich auf den Tag, an dem ich so alt bin, dass ich auch etwas dagegen
tun kann.
Ob man unglaubwürdig schreibt, hängt vielleicht eher davon ab, ob man schreibt, weil man sich etwas wünscht, oder weil man eine Geschichte erzählen will. Vielleicht ist es bei jungen Leuten dann noch verbreiteter zu schreiben, weil man sich etwas wünscht, einen Hund, ein Pferd, die große Liebe mit einem Popstar, Freiheit ... :)
Zitat von: Coppelia am 12. September 2008, 07:08:50
Ich konnte erkennen, dass sie definitiv viel weniger in der Lage waren, bei Texten zu abstrahieren, Strukturen, übertragene Bedeutungen zu finden usw als ich.
Könnte auch an mangelnder eigener Erfahrung liegen. Wenn man selbst schreibt, liest man Bücher eher mit dem Kopf und als Schmökerer liest man sie eher mit dem Bauch. Und wenn ich an meinen eigenen Deutschunterricht zurück denke - o weh! Da wurde ein Klassiker nach dem anderen durchgekaut und auf Stilmerkmale untersucht. Praktischer Nutzen: 0. Wenn nicht zufällig Schillers Theorie des Dramas auf dem Lehrplan gestanden hätte... :no:
Über Aufbau und literarische Strukturen habe ich in Englisch da deutlich mehr gelernt. ::)
Man braucht sich also nicht zu wundern, wenn die Kinderchen das nicht blicken.
Ich würde es auch unterteilen in die Kategorie "Schreiberfahrung" (die nichts mit dem Alter zu tun haben muss) und Lebenserfahrung, von der man mehr mit steigendem Alter hat.
Das kann man nicht verallgemeinern, es gibt sowohl junge Autoren, die durchaus in der Lage sind, authentische Figruren mit wesentlich höherem Alter zu charakterisieren. Das hängt mit der emphatischen Begabung zusammen, entweder man hat sie oder nicht ... Auf der anderen Seite kann ein älterer Autor aber auch keinen blassen Schimmer vom Leben haben, wenn er mit Scheuklappen durch die Welt geht. Man muss die Augen immer offen halten, das Hirn wie einen Schwamm benutzen, der alles aufnimmt. Das geht auch schon (oder erst recht?) in jungen Jahren.
Schreiberfahrung sammelt man am besten durchs Schreiben selbst, aber man wird auch bessern, wenn man sich anders als inhaltlich mit Texten auseinander setzt. Ich selbst bin ja kein fleißiger Schreiber, trotzdem entwickle ich mich weiter. Ich lese anders und beurteile Texte auch nach ihrer Handwerklichkeit, unabhängig vom Inhalt, das bringt mich auch weiter. Besser ist es natürlich, wenn man sich dann selber ausprobiert und Möglichkeiten findet, diese Eindrücke auch umzusetzen, aber wie sagt man so schön? Wer selbst nicht Schreiben kann, lehrt es andere! ;D
Also zwangsläufig würde ich Alter und Qualität nicht zwangsläufig in einen Kontext setzen, die Wahrscheinlichgkeit, in einem "höheren" Alter reifere Texte zu verfassen, ist aber wohl wahrscheinlicher.
Dieses Thema ist sehr komplex, was Anzahl unterschiedlicher Meinungen beweist. Vielem kann ich mich anschliessen.
Mit 19 wollte ich mich an ein erstes Buchprojekt wagen, mit wenig Lebenserfahrung, fast keiner Schreiberfahrung und einfach nur der Idee im Kopf. Ich scheiterte ziemlich rasch, denn ich war mir damals schon bewusst, dass ich älteren und erfahreneren Autoren (vermutlich) das Wasser nicht reichen konnte.
Wenn ich auf mein Leben zurückschaue (gottlob noch nicht als verbitterter Greis sondern als mitten im Leben stehender Bald-40'er), dann stelle ich fest, dass ich in meiner Teenie-Zeit und auch anfangs bis Mitte 20 ein komplett anderer Mensch war, als ich es heute bin. Vieles war mir damals noch unbekannt und wirkte verklärt auf mich. Viele Sorgen/Gedanken von heute, hatte ich damals noch nicht. Ich hatte Ideale und Träume, die ich beim Älterwerden irgendwann verlor.
Ich denke nicht, dass ich damals fähig gewesen wäre, etwas in der Art zu schreiben, wie ich es heute tue. Mit komplexen Charakteren, die in meinem Kopf ein Eigenleben entwickeln und mit Handlungssträngen, die so in sich verworren sind. Aber ich schliesse von mir selbst nicht auf Andere.
Wenn ich zwischen zwei Büchern zu wählen hätte, deren Titel mich ansprechen, und von denen der eine Autor grad mal 19 ist und der andere bereits 45, dann würde ich mich spontan für das zweite Buch entscheiden. Ganz einfach deshalb, weil ich mir vom zweiten Buch mehr erwarte.
Liebe Grüsse
Falckensteyn
Zitat von: Coppelia am 12. September 2008, 07:08:50Als ich dann Praktikum in der Schule hatte und Literatur in der 10. Klasse unterrichtet habe, war mir völlig klar, dass solche Forderungen an die meisten Schüler dieses Alters absolut zu hoch waren. Ich konnte erkennen, dass sie definitiv viel weniger in der Lage waren, bei Texten zu abstrahieren, Strukturen, übertragene Bedeutungen zu finden usw als ich. Sie setzten auch die in Texten geäußerte Ansicht augenblicklich mit der des Autors gleich.
Nun, das ist sicher keine Fähigkeit, die mit Alter zu tun hat. Okay, ein gewisses Mindestalter benötigt man wohl schon, um den Unterschied zwischen Autor und Werk zu sehen. Aber ich bin mir ziemlich sicher, 10klässern könnte man das beibringen - wenn man ihnen als Lehrer nicht nur sagt, dass es diesen Unterschied gibt, sondern ihn von den Schülern selbst herausarbeiten lässt.
Umgekehrt setzen viele Erwachsene immer noch und in jedem Alter Autor und Werk gleich. Das ist keine Frage des Alters, sondern der Bildung - entweder hat man den Unterschied mal gelernt oder erfahren, oder eben nicht. Die naive Gleichsetzung von Autor und Werk ist eigentlich der naheliegende Grundzustand des Lesers (zumindest dann, wenn der Leser überhaupt ein Bewusstsein dafür hat, dass das Werk einen Autor hat - damit beispielsweise habe ich heute noch meine Probleme ;D. Ich neige dazu, einen Roman einfach als "andere Wirklichkeit" zu nehmen, und viele Kinder tun das vermutlich auch), und man muss das Gegenteil erfahren, bevor man davon abweicht.
Ein Erfahrung allerdings, für die schon die Schule sorgen sollte. Was für einen Sinn hätte Literaturunterricht, wenn man nicht mal auf diese Banalität aufmerksam gemacht wird?
Nach meiner Erfahrung werden eben diese 'Banalitäten' in der Schule nicht oder nicht ausreichend behandelt. Der Umgang mit Literatur beschränkt sich viel zu oft darauf, dass Schüler/innen erstmal ein Buch in die Hand gedrückt bekommen und dann raten, bzw. nachplappern sollen, was Lehrerin oder Lehrer gerne darüber hören wollen. Häufig fehlt es erstens an den theoretischen Grundlagen, d.h. wie arbeite ich überhaupt sinnvoll mit Literatur, und zweites werden Schüler/innen kaum dazu angeregt, selbst über die Literatur nachzudenken, die sie da lesen. Wenn ich mit Schüler/innen über ihren Umgang mit Literatur in der Schule rede, dann finden sie meistens, dass das, was sie bzw. die Lehrkraft im Unterricht abstrahieren, zwar im Nachhinein vielleicht ganz logisch klingt, aber dass der/die Autor/in sich das wohl kaum beim Schreiben gedacht haben könne. Irgendwo haben sie damit ja sogar Recht. Aber daran sieht man schon, dass sie völlig falsch an die Interpretation von Literatur herangeführt wurden. Es geht ja gar nicht darum, herauszufinden, was ein/e Autor/in gemeint hat, sondern darum, was für Bedeutungsebenen man in einem Text finden kann, und dass Interpretationen je nach Standpunkt der Leser/innen durchaus variieren können - und sollen.
Ich denke auch, dass 15-16jährige durchaus in der Lage sein sollten, Strukturen zu erkennen und zu abstrahieren - in einem gewissen Maß zumindest. Natürlich sind sie dann in einer Phase, in der sie das erst lernen müssen, und natürlich hängt die Fähigkeit übertragene Bedeutungen und Anspielungen zu verstehen zu einem gewissen Maße vom Bildungsstand der Jugendlichen ab. Aber gerade das Aufzeigen von diesen Zusammenhängen kann einen Aha-Effekt auslösen, der dann vielleicht sogar ein bisschen Spaß bringt, wenn er didaktisch geschickt vermittelt wird.
Also, man muss alles erst lernen. Aber ich würde gar nicht mal sagen, dass das Interpretieren von Literatur unbedingt nötig für das Schreiben ist. Ich finde, dass sich Plotten und Interpretieren sehr voneinander unterscheiden. Strukturieren muss man natürlich für beides. Und gerade das kann man eben nicht einfach so von alleine.
Man muss eben auch bedenken, was Felis angesprochen hat. Für Jugendliche ist eben noch vieles neu, was für ältere Menschen längst ein alter Hut ist. Wenn ich ins Kino gehe, kriege ich regelmäßig das Gähnen, weil ich ständig Filme vorgesetzt bekomme, deren Struktur ich von der ersten Minute an vorhersagen kann, einfach weil ich schon eine Menge Filme gesehen habe. Jemand der nicht so oft ins Kino geht und auch sonst wenig Filme sieht, kann vielleicht von einem Streifen, den ich totlangweilig fand, total begeistert sein. Je mehr man seinen Horizont erweitert, desto mehr 'Material' hat man, auf das man zurückgreifen kann. Mit 16 kann ich rein zeitlich noch nicht so viel gelesen haben, wie mit 35 (außer ich lese doppelt so schnell).
Zitat von: Tenryu am 12. September 2008, 01:14:33
Ich weiß nicht. Ich finde, daß gerade im Fantasy-Bereich oft zu viel des Guten getan wird. Viele Autoren stopfen ihre Geschichten mit zu vielen Details voll. (Haben vermutlich alle Tolkien gelesen). Ich denke, daß eine gute gradlinige Geschichte, ohne überflüssigen Schnickschnack eher das Merkmal von erfahrenen Autoren ist, die wissen, was in eine Geschichte rein muß, und was seitenfüllendes Blabla ist.
dito!
Es gibt allerdings Leser, für die das gerade den Reiz der Fantasy ausmacht. Ich muss mich bei hohlen Beschreibungsorgien immer zum Lesen zwingen, (naja Querlesen kompletter Absätze sollte man als Autor sowieso können ;-))
Gruß,
Linda
Gut, ich gebe jetzt meinen Senf zu dem (übrigens äusserst interessanten) Thema ab, wobei man vielleicht berücksichtigen sollte, dass ich mit meinen vierzehn Jahren wohl zu den allerjüngsten gehöre und meine Meinung daher leicht verzerrt ist.
Ich möchte zuerst mal auf diese Aussage von Beate verweisen:
ZitatSind junge Autoren schlechter?
Jung und Jung sind zwei paar Stiefel. Es gibt die "körperlich" jungen und die "geistig" jungen. Da hängt viel von der Entwicklung ab. Was haben diese Menschen in ihrem Leben schon durchgemacht? Ist man wohlbehütet ohne Sorgen und Probleme aufgewachsen? Oder wurde man gemobbt, ausgegrenzt, belogen und betrogen?
DAS finde ich, macht - neben der Übung, die jeder natürlich selbst für sich haben muss, - viel mehr aus als das wirkliche, biologische Alter.
Amen.
Ich finde, es ist ein weiteres ätzendes Vorurteil zu behaupten, alle jungen Leute (egal ob Autoren oder nicht) hätten sehr wenig Erfahrung, hüpften jedem Trend nach und verstünden vieles noch nicht. Natürlich ist es zu einem grossen Teil wahr, aber "alle" oder "jeder" ist doch ein bisschen übertrieben. Nun kann ich aber nicht auf wirkliche Beispiele verweisen ausser mich selbst, was wohl einige mit Augenrollen beantworten werden, denn man selbst hat ja immer eine leicht andere Wahrnehmung von sich als Andere, und das bezweifle ich auch nicht.
Zunächst möchte ich aber grundsätzlich noch etwas hinzufügen: Es gibt nun mal behinderte Leute, die ein Leben lang nicht so viel können werden wie normale Leute. Diese Tatsache wird von vielen Leuten akzeptiert und respektiert. Das Gegenteil aber kaum. Kinder, die schon mit 9 ins College gehen, werden als "Lernmaschinen" eingestuft, die "keine Kindheit hätten" und deren Eltern sie schlagen würden, damit sie lernen.
Ähnlich sehe ich es damit, dass das Verständnis eines Teenagers (13-16) über das meistern des Alltags und das grundlose Rebellieren gegen die Eltern gehen kann.
Es gibt durchaus junge Leute, die mehr im Kopf haben als das was gerade in der Clique "in" ist.
Ich bin vielleicht kein gutes Beispiel, aber zumindest eines: Ich war nie mit gleichaltrigen in der Klasse. Angefangen hat es mit ein, zwei Jahren, mittlerweile bin ich im letzten Schuljahr. Während ich mit 11 gelesen und gezeichnet habe, haben die anderen, 13 bis 15, schon angefangen zu rauchen und zu trinken. Ich war ein Aussenseiter, der höchstens dazu getaugt hat, die Hausaufgaben abzuschreiben. Ich habe viele schlimme Dinge erlebt, und wenn ich früher noch an das Gute in der Welt geglaubt hatte und naiv wie ein Samen in der Wüste war, dann wurden mir diese Sachen bis spätestens 12 ausgetrieben. Nie würde ich behaupten, dass es eure Erfahrungen ersetzen würde, die ihr in einer Zeit doppelt so lang wie mein Leben gesammelt habt, nein, das tut es gewiss nicht. Und doch würde ich behaupten, dass ich reifer bin als so manche gleichaltrige, und vielleicht die eine oder andere, die zwei, drei Jahre älter ist. Die Phase, in der ich ohne Organisation einfach drauf losgeschrieben habe, die Phase, in der ich meine Wünsche niedergeschrieben habe, die Phase, in der ich meine Charaktere nicht ausgefeilt habe und mir unmögliche Ziele gesetzt habe, ist zum grössten Teil vorbei. Damit, dass ich mich selbst besser verstanden habe und einen grossen Teil freigelegt habe, habe ich auch Erkenntnisse bekommen, die weiter reichen als "ups, das darf war wohl keine so gute Idee."
Es ist nur ein Beispiel, und ich kann es verstehen, wenn es nicht verständlich wirkt oder einfach nur "jetzt wird irgendeine Ausrede gesucht, damit sie nicht in eine Schublade gesteckt werden kann". Ich will auch nicht behaupten, Erfahrung wäre unwichtig, aber ich will einfach nochmal betonen, dass Erfahrung nicht nur vom Alter kommt - und die Worte der Leute, die das schon ausgedrückt haben, noch einmal unterstreichen.
Egal welche Regel, es gibt immer Ausnahmen, und selbst zu dieser sollte es eine geben.
Viele jungen Leute stellen sich naiv und ungeschickt, doch es gibt Ausnahmen in beie Seiten. Ich denke, man kann nichts generalisieren. Trotz allem ist eine lang andauernde Erfahrungsbasis ein wichtiger Vorteil, und jeder verbessert sich mit der Zeit, selbst wenn man schon sehr viel Erfahrung hat.
Wie auch immer: Junge Autoren bringen es auf jeden Fall, denn, wie schon einmal erwähnt, bilden sie die neue Generation von Autoren.
(Ich erwähne es mal vorsichtshalber: Nicht an meiner Rechtschreibung rumhacken, in der Schweiz sind Eszetts ausgestorben :-X)
... Woher kommt es eigentlich, dass hier beängstigend oft "Lebenserfahrung" mit negativen Erfahrungen gleichgesetzt wird? Sind wir so ein negativer Haufen?
Weil die meisten, vielleicht sogar alle, guten Plots und Charakterzeichnungen auf negativen Erfahrungen basieren. Entweder auf den eigenen oder auf den Erfahrungen anderer. Dass muss so sein, denn in Literatur spiegeln sich menschliche und gesellschaftliche Abgründe.
Nein, Elena, bestimmt nicht.
Vielleicht ist es deswegen so, weil es häufig die negativen Erlebnisse sind, die aufrütteln und die persönliche Entwicklung beschleunigen? Weil man sich einfach neue Wege suchen und orientieren muss? Sehr viel mehr als bei den meisten positiven Erlebnissen, wo man sich freut, hinnimmt und weiter macht. Es heißt doch auch "aus Fehlern lernt man." Klar, man lernt auch durch Erfolge, aber selten so schnell, wie durch Fehler.
Lebenserfahrung bedeutet ja auch, dass man sich mit grundlegenden Dingen des Lebens intensiv auseinandersetzt. Meistens werden die positiven Seiten einfach hingenommen, während die negativen, Tod, Sterben und ähnliches uns mit den Grundlagen des Lebens konfrontieren.
Für sich genommen sind es die Grenzerfahrungen, die uns wohl am meisten weiter bringen. Zu denen gehört aber auch die Geburt eines Kindes - was eine positive Lebenserfahrung ist.
@Churke: Nun, wir sprechen hier doch noch von den Lebensromanen der Autoren, oder nicht? Es geht ja nicht um die Lebenserfahrung der Charaktere, sondern der Autoren - die sich natürlich dann auch im Plot und den Charakterzeichnungen niederschlägt. Letztendlich könnte man natürlich fragen, ob wir auch nur Romanfiguren sind, aber das führt jetzt ab vom Thema. ;D
Zitat von: Elena am 12. September 2008, 16:40:44
... Woher kommt es eigentlich, dass hier beängstigend oft "Lebenserfahrung" mit negativen Erfahrungen gleichgesetzt wird? Sind wir so ein negativer Haufen?
Es macht einfach mehr Spaß, negative Sachen zu schreiben, oder? ;D Ich glaube aber nicht, dass Lebenserfahrung gleichzusetzen ist mit negativen Erfahrungen. Sicher ist es einfacher, Abgründe zu beschreiben an denen man selbst (oder jemand anderes) schon gestanden hat, aber meine persönliche Erfahrung zeigt es mir immer wieder: Alles, was ich mir ausdenke, wird von der Wirklichkeit noch übertroffen. Das Leben ist eben schlechter als jede Seifenoper ...
Ich finde es auch langweilig, Heile-Welt-Romane zu lesen. Stellt sich bloß die Frage, welche Schreib-Generation die Welt grauer sieht. Die "jungen", denen sich keine Perspektive bietet, oder den "alten" die erkannt haben, wie die Welt tatsächlich ist? Ich hab Autoren gelesen, die mindestens 50 Jahre trennen, deren Stile völlig verschieden sind ... aber inhaltlich nahe beieinander liegen.
Zitat von: Winterkind am 12. September 2008, 17:01:25
@Churke: Nun, wir sprechen hier doch noch von den Lebensromanen der Autoren, oder nicht? Es geht ja nicht um die Lebenserfahrung der Charaktere, sondern der Autoren - die sich natürlich dann auch im Plot und den Charakterzeichnungen niederschlägt.
Ich muss keine Prostituierte abziehen und zusammen schlagen, um zu wissen, was sich der türkische Zuhälter dabei denkt. Er hat es mir nämlich erzählt. :hmhm?:
ZitatAlles, was ich mir ausdenke, wird von der Wirklichkeit noch übertroffen.
:prost:
Zitat von: Lomax am 12. September 2008, 11:06:58
Umgekehrt setzen viele Erwachsene immer noch und in jedem Alter Autor und Werk gleich. Das ist keine Frage des Alters, sondern der Bildung - entweder hat man den Unterschied mal gelernt oder erfahren, oder eben nicht. Die naive Gleichsetzung von Autor und Werk ist eigentlich der naheliegende Grundzustand des Lesers (
;D Das erinnert mich total an den Tag, an dem ich als Kind im Karl-May-Buch erstmals das Nachwort las ... und dabei feststellte, daß Karl May ja gar nicht Old Shatterhand war und das alles nur erfunden hatte! Au weia, das tat weh. ;D
Wobei Karl May ein Sonderfall ist, denn jahrelang hat er öffentlich behauptet, daß er alle die Abenteuer selber erlebt habe. Es gibt auch Fotographien und Autogrammkarten von ihm, wo er sich im Shatterhand- bzw. Kara Ben Nemsi-Kostüm hat ablichten lassen.
[OT]
Zitat von: Silvia am 12. September 2008, 22:36:07
;D Das erinnert mich total an den Tag, an dem ich als Kind im Karl-May-Buch erstmals das Nachwort las ... und dabei feststellte, daß Karl May ja gar nicht Old Shatterhand war und das alles nur erfunden hatte! Au weia, das tat weh. ;D
Bei mir ist das peinlicherweise erst...sechs/sieben Jährchen her. Und ich Vollidi.., ich meine, ich "etwas naiver Typ" hatte natürlich vor meinen Klassenkameraden jahrelang beschworen, dass "mein" Karl May der Westernheld schlechthin sei ;D. Kindliche Naivität ist manchmal wirklich zum Brüllen ;D.
Man, war ich frustriert. Habe monatelang kein Karl May-Buch angefasst
[OT]
Auch Karl May hat als Autor eher bescheiden angefangen- mit Groschenromanen, Herz-Schmerz-Katastrophen usw., in denen er alle möglichen Klischees totschlug.
:seufz:
(Übrigens entspricht das auch meinen "Frühwerken"- ein Klischee nach dem nächsten und je schwülstiger desto besser- habe ein halbes Jahrhundert gebraucht, bis ich mein erstes kleines druckfähiges Buch in Händen hielt, ein Sachbuch).
Habe gerade die Märtyrerakte(n) der heiligen Perpetua gelesen. http://www.unifr.ch/bkv/kapitel1685-9.htm
Eine sehr vielversprechende Autorin, die leider mit 22 Jahren den Tieren vorgeworfen wurde. Zum Text muss ich erwähnen, dass sich die antiken Rhetorikschulen auf Stil, Satzbau und Stilimitation ("Soll ich das wie Cicero oder wie Tacitus sagen?") spezialisiert hatten.