Hier im Tintenzirkel liest man ja immer wieder, dass jemand mit seinem Schreibstil nicht besonders zufrieden ist oder was man als Autor unbedingt vermeiden sollte: Zu viele Adjektive zum Beispiel, es wird einem ja immer wieder dazu geraten, das nicht zu übertreiben. Ich merke an mir selbst auch, dass ich manchmal an einem Satz minutenlang feile, weil er mir krumm vorkommt. Und ich sage mir auch manchmal, dass ich nicht so gut schreiben kann, wie ich es gern können würde. Aber ist ein professioneller Schreibstil wirklich so wichtig? Wie wichtig ist es wirklich, was man kann, wenn es ums Formulieren geht? Bedeutet "Ich kann schreiben", dass man in der Lage ist schöne Sätze zu bilden?
Oder kommt es eher darauf an, was man mit seinen Lesern macht? Ich kenne es von mir, dass ich gar nicht mehr auf den Stil achte, wenn mich die Geschichte wirklich packt und ein zu geschliffener Schreibstil manchmal sogar unpersönlich und unpassend wirkt. Besonders, wenn Bücher es schaffen Emotionen auszulösen, bin ich mir nicht mehr sicher, ob der Stil da so wichtig ist. Ich glaube, das ist eine ganz andere Art von Können, gute Geschichten erzählen zu können, vielleicht auch mit zu vielen Adjektiven oder anderen Fehlern, die viele Autoren an ihrem Stil bemängeln.
Wie seht ihr das? Was ist wirklich wichtig und was macht eine Geschichte überhaupt gut? Ich habe für mich beschlossen weniger über meinen Stil nachzudenken und mehr Zeit darin zu investieren darüber nachzudenken, wie ich eigentlich Geschichten erzähle und ob das ein guter Weg ist. Aber mich würde wirklich interessieren wie ihr das seht.
Ich sehe das ähnlich wie du, ich glaube aber, dass ein zu überladener Stil auch keine Emotionen mehr rüber bringt. Für mich persönlich tut das aber auch ein sehr wertvoller Schreibstil nicht unbedingt. Carlos Ruiz Zafon oder Cornelia Funke, denen ich persönlich einen guten, recht poetischen, aber doch massentauglichen Schreibstil zuschreiben würde, schaffen es zum Beispiel meist nicht, mir echte Gefühle zu entlocken, auch wenn ich ihre Bücher durchaus mag.
Emotionen entstehen für mich eher aus der Komposition der Geschichte, aus den Gedanken der Figuren, aus dem, was sich zwischen den Figuren an Spannung aufbaut etc. Der Schreibstil darf dabei halt nicht stören, so dass er einen aus der Geschichte herausreißt.
Zitat von: Kati am 05. April 2013, 00:08:04
Aber ist ein professioneller Schreibstil wirklich so wichtig? Wie wichtig ist es wirklich, was man kann, wenn es ums Formulieren geht? Bedeutet "Ich kann schreiben", dass man in der Lage ist schöne Sätze zu bilden?
Da muss ich zurückfragen. Wichtig wofür? Um unterhaltsam zu sein? Würde ich nicht sagen. Um einen Verlag zu finden? Schon eher. Um sich wirklich abzuheben? Ziemlich sicher.
Schreiben ist imho Beides. Guter Stoff und gutes Garn. Letztlich ist jede Geschichte schon mal so oder so ähnlich veröffentlicht worden. Wenn man sie aber in ein neues Gewand packt, bei dem der Schnitt sitzt, die Größe passt und die Farbe mit dem Teint harmoniert - dann und imho nur dann, ist es wirklich richtig gut.
ZitatOder kommt es eher darauf an, was man mit seinen Lesern macht? Ich kenne es von mir, dass ich gar nicht mehr auf den Stil achte, wenn mich die Geschichte wirklich packt und ein zu geschliffener Schreibstil manchmal sogar unpersönlich und unpassend wirkt. Besonders, wenn Bücher es schaffen Emotionen auszulösen, bin ich mir nicht mehr sicher, ob der Stil da so wichtig ist.
Hattest du das wirklich mal? Das eine emotionale Szene durch einen zu geschliffenen Stil versaut wurde? Ich kann mich da an kein Beispiel erinnern. Guter Stil bei Action ist ja z.B das Verwenden von kurzen Sätzen und einfachem Vokabular. Also natürlich gibt es Stellen wo "gehoben" nicht passt, "geschliffen" im Sinne von "dran gearbeitet" kann mir aber eigentlich nichts verhageln, oder meinst du was anderes?
ZitatWie seht ihr das? Was ist wirklich wichtig und was macht eine Geschichte überhaupt gut?
Für mich: Beides. Dabei gilt Stoff>Stil. Aber ohne passenden Stil habe ich dennoch kaum Lesespass.
ZitatIch habe für mich beschlossen weniger über meinen Stil nachzudenken und mehr Zeit darin zu investieren darüber nachzudenken, wie ich eigentlich Geschichten erzähle und ob das ein guter Weg ist. Aber mich würde wirklich interessieren wie ihr das seht.
Das widerum sehe ich genau so. Den Stil kann man später noch überarbeiten, ein Flickenteppich von Plotlöchern (manchmal) nicht.
Ich finde es wichtig, dass der Schreibstil zu der erzählten Geschichte, ihren charaktären und dem Setting passt. Ja, ich weiss, das ist auch sehr nebulös und schwer bestimmbar...
Wo wir schon bei ihm waren: Als ich Zafons Der Schatten des Windes las, war ich sehr angetan von der Sprache. Ich würde sie nicht unbedingt als poetisch bezeichnen, sondern doch eher als Rotwein, aber einen leichten, vll. sogar rosé. :D Wenn ich mir im Vergleich dazu den amerikanischen Stil anschaue, ist das nur Fanta. Schmeckt auch, aber auf Dauer verkümmern meine Geschmacksnerven. (Ich finde es schade, dass ich in letzter Zeit von deutschen Nachwuchsautoren nichts anderes gelesen habe.)
Was nun die Emotionen angeht, so hängt das imho nicht unbedingt vom Stil ab als vielmehr davon, ob ich Zugang zu der Figur habe und mich daher ihr Leiden & Leben interessiert oder nicht. Wenn die Figur aber weder interessant angelegt ist noch tiefer gehend dargestellt wird, fühl ich nicht wirklich mit ihr.
Ich räume daher den Sachen, die sich plotten lassen, mehr Raum und Sorgfalt ein als meinem Stil. Wobei ich mit dem nicht zufrieden bin, da er eben in Richtung amerikanisch geht und nicht Zafon. :wart: Da muss ich noch dran arbeiten.
Ich finde einen guten Schreibstil als Leser vorallem am Anfang des Buches wichtig. Es gab schon einige Bücher, die ich in der Buchhandlung wieder weg gestellt habe, weil mir der Anfang nicht gefallen hat und ich glaube da ging es selten um den Inhalt, sonder viel mehr um den Stil.
Als Autor: Ich habe beim Schreiben oft das Gefühl, dass ich genau weiß, welche Emotion ich beim Leser auslösen will und habe diese Emotion beim Schreiben. Trotzdem merke ich nachher beim nochmal rüber lesen das bei manchen Stellen beim Lesen diese Emotionen wiederkommen und bei anderen nicht. Und wenn ich genau darüber nachdenke liegt es nicht daran, dass die Geschichte an der Stelle nicht gut gesponnen ist, sonder dass ich die Falschen Wörter gewählt habe. Es liegt am Stil.
Ich habe das Gefühl, dass das Hand in Hand geht. Wenn man zu viel über den Stil nachdenkt, dann wirft man sich selbst aus der Geschichte und kann beim Schreibe die Emotionen nicht so spüren, wie wenn man im "Flow" ist und sich über die Sprache gar keine Gedanken macht. Dann kann es passieren, dass man stilistisch schöne Sätze hintereinander reiht, aber das ganze nachher doch nicht schon wird.
Weil ich mich aber beim Schreiben wesentlich weniger auskenne, als in der Musik, möchte ich ein Beispiel bringen, das sich meiner Meinung nach aufs Schreiben übertragen lässt. Wenn ich ein neues Stück lerne, mach ich das erst so, dass ich einfach die Töne lerne, die Technik lerne und es schon komplett richtig spielen kann, dann kommt das Element wirklich Musik zu machen, Emotionen ins Stück zu legen und plötzlich sind die ganzen Töne, die ich vorher so gut konnte weg und ich fliege raus. In der Musik habe ich die Erfahrung gemacht. Man muss die Technik im Hintergrund schon sehr gut können, damit man die Emotionen rüberbringen kann, die man bringen will. Erst dann ist das Ergebnis wirklich gut. Aber mit der Technik alleine wird man nie die Herzen der Menschen erreichen können und ich denke, dass ist es, was Musiker wie Schriftsteller eigentlich wollen, oder?
Ich habe das vom Workshop ins Sprachbastelboard verschoben, weil Fragen zum Stil hier einfach besser hingehören.
Die einzige Emotion, die schlechter Stil bei mir auslöst, ist Ärger. Wenn ich bei einem Autor das Sprachgefühl vermissen lasse, oder wenn eine Übersetzung ganz und gar lieblos daherkommt, lese ich über die erste Seite nicht hinaus. Dabei mache ich es nicht daran fest, wie viele Adjektive jemand verwendet (ich führe da keine Strichliste) oder wie lang die Sätze sind, es muss einfach stimmen, zum Thema und zur Szene passen.
Ich denke nicht, dass man absolute Kriterien anwenden kann, wie Stil zu sein hat. Sprache ist für uns, was für den Maler die Farbe ist. Und wo der Maler die Wahl hat zwischen Öl und Aquarell, zwischen dicker, pastöser Farbauftragung, zarter Pointiellung, Arbeit mit dem Pinsel, dem Spachtel oder den Fingern, ist auch für uns Sprache ein vielseitiges Medium. Man kann alles gut und schlecht machen, in der Kunst oder mit der Sprache.
Als schlecht empfinde ich z.B. Wortwiederholungen, die nicht einem absichtlichen Muster folgen (wenn man drei, vier Sätze immer nach dem gleichen Schnittmuster aufbaut, immer mit dem gleichen Wort beginnt, um etwas in den Leser einzuhämmern), sondern man merkt, dass der Autor einfach nicht drauf geachtet hat, welches Wort oder welche Silben er schon wo verwendet hat. Oder den übermäßigen Gebrauch von Konjunktiv und Plusquamperfekt - grammatikalisch sicher korrekt, verwandeln sich Sätze damit in Bleiwüsten von hatte gehabts, war gewesen, würde sein, etc. Oder Autoren, die aus Angst, der Satz könnte dem Leser zu lang sein, Sätze mit dem Mähdrescher zerstückeln, ohne auf den besonderen Rhythmus zu achten.
Gefühl können beim Leser nur über das Mittel der Sprache geweckt werden, und wenn die Sprache nicht stimmt, dann kann sich der Autor den Wolf schreiben, es kommt nicht an. Ohne Können keine Emotionen, das ist keine Oder-Frage. Zum Können gehört auch zu wissen, wann man ausschweifend wird und wann knapp, was zur Szene passt, zur Situation, zu den Figuren. Wörtliche Rede ist anders zu behandeln als beschreibende oder erzählende Passagen. Wenn man beim Lesen das Gefühl hat, der Autor habe sich nach jedem Satz vor Begeisterung über seine Sprachgewalt einen runtergeholt, stört das den Lesefluss genauso, als wenn man denken muss, der Autor habe über dem zu vermittelnden Inhalt völlig die Sprache vergessen.
Ich weiß nicht, wie es Autoren ergeht, die nicht tanzen und/oder Musik machen, aber ich habe beim Schreiben immer eine Melodie im Kopf, der meine Sprache folgt. So oft gesagt wird "Lange Sätze müssen vermieden werden", ist mir das schnurz, was vermieden werden muss, sind schlechte lange Sätze, genau wie schlechte kurze oder schlechte mittellange. Für mich macht es im Satzfluss einen Unterschied, ob ich zwei Teilsätze mit Komma, Semikolon, Gedankenstrich oder Punkt trenne, weil es eben unterschiedlich klingt. Ich arbeite mit Assotiationsketten aus in sich kompletten Sätzen, deren schiere Wortzahlen anderen die Haare zu Berge stehen lassen, aber ich höre den Unterschied, und er ist mir wichtig.
Die Frage ist, was will ein Text? Will er nur Inhalte vermitteln, wie z.B. ein Zeitungsartikel, hat man an ihn andere formelle Ansprüche, als wenn dem Leser ein komplexes Bild gemalt werden soll, das betörend ist, aber eben seine Zeit zum Verstehen braucht. Für manche Autoren ist die Aussage "der Stil ist literarisch" ein Lob, andere empfinden das als Beleidigung. Die einen lieben Borchert, Fontane, Kafka, anders rennen davor weg. Die Bildzeitung verkauft eine größere Auflage als die Taz, aber ist sie deswegen besser? Wir haben als Autoren die wundervolle Freiheit, selbst entscheiden zu können, wo wir hinwollen und wen erreichen. Das eine wie das andere hat seine Existenzberechtigung. Es ist eben nur nicht für jeden etwas.
Etwas problematisch sehe ich es, wie oft hier ausgerechnet Zafóns Stil als Beispiel erwähnt worden ist - geht es dabei um seinen Stil im Original, oder um den seiner Übersetzungen? Das sind oft zwei paar Schuhe, es kommt zu häufig vor, dass Übersetzer sich nicht auf Sprache, Duktus und Melodie einstellen, sondern einfach ihr Ding durchziehen und so formulieren, wie sie es auch in eigenen Texten tun würde. Ich kann das bei Zafón nicht beurteilen, weil ich kein Spanisch spreche oder lese, muss aber sagen, was ich von ihm bis jetzt auf Deutsch gelesen habe (nur "Der dunkle Wächter", was schon älter ist) hat mich sprachlich nicht vom Hocker gehauen. Aber ich weiß, warum ich nach Möglicheit vermeide, Übersetzungen zu lesen, und lieber zum Original greife.
Aber dass es absolut schlechte Sprache gibt, beweisen uns die allseits geschätzten Abenteuer des Stefón Rudel (http://www.klopfers-web.de/stefonrudel.php). Sprache kann so schlecht sein, dass sie wehtut. Und da hilft dann auch kein Plot mehr und keine Emotionen (außer gequälter Erheiterung, vermute ich). Dieses Buch scheitert nicht an zu vielen Adjektiven und nicht an zu langen Sätzen - es scheitert daran, dass der Autor außerstande ist, Sprache zu fühlen. Und wo dieses Gefühl fehlt, sind keine anderen mehr möglich.
Yay! Ein Thread über Stil! ;D
Ich bin beim Denken und Schreiben ziemlich stark von antiker Rhetoriktheorie beeinflusst. Rhetorik ist quasi die Wissenschaft zum Erwecken der Emotionen beim Leser. Ich finde sie heute noch ziemlich aktuell.
Man unterscheidet nach der antiken Lehre 4 oder 5 Stilqualitäten: Grammatische Korrektheit, Verständlichkeit des Ausdrucks, Angemessenheit, Redeschmuck (das sind Stilmittel und so) und manchmal noch Kürze. Vor allem das Kriterium der Angemessenheit wurde hier sehr oft genannt. Hier unterscheidet man wiederum zwischen 3 Stilarten: niedriger/schlichter, mittlerer und hoher Stil. Wenn wir heutzutage von "Stil" sprechen, haben wir meist nur den hohen Stil im Kopf, der sich z. B. durch das Vorhandensein von viel Redeschmuck und die Verwendung von, wie soll man sagen, epischem und sogar poetischem Vokabular auszeichnet. Aber das ist ein Denkfehler: Die anderen Stilarten bemerkt man nur nicht so, weil sie nicht hervorstechen. In einem guten, "einfach" formulierten Text kann sehr viel Arbeit stecken, auch wenn es beim Lesen zunächst überhaupt nicht auffällt. Es ist wohl eher besonders schwierig, so zu schreiben, dass keine Aufmerksamkeit auf den Stil gelenkt wird und der Text den Leser gefangennimmt - sofern das denn das Ziel ist.
Cicero schreibt, eine gute Rede (und man kann durchaus übertragen, ein guter Text) enthalte gewöhnlich alle drei Stilarten. Wer die falsche Stilart an der falschen Stelle benutzt, zum Beispiel über alltägliche banale Dinge mit hochtrabenden Worten daherredet, erfüllt die Stilqualität der Angemessenheit nicht. Und ich denke, so könnte es auch bei Texten sein, die trotz "poetischer" Sprache die Emotionen nicht ansprechen (dazu kommen natürlich immer persönliche Vorlieben). Und natürlich gibt es dann noch die Unterschiede von Autor zu Autor und die Unterschiede im Genre. Wenn zwei unterschiedliche Autoren im schlichten oder hohen Stil schreiben, schreiben sie natürlich trotzdem keine gleichen Texte.
Eine gute Formulierung muss nicht "schön" sein, sondern sie weckt die Emotionen des Lesers, die der Autor wecken will, und unterstützt die Intention des Textes perfekt.
Maja schreibt:
ZitatSprache ist für uns, was für den Maler die Farbe ist. Und wo der Maler die Wahl hat zwischen Öl und Aquarell, zwischen dicker, pastöser Farbauftragung, zarter Pointiellung
Könnte so bei Cicero stehen. Auch die Sache mit der Sprachmelodie ist etwas, was Cicero sehr am Herzen liegt.
Also, kurz gesagt: Ich halte es für zwingend notwendig, dass ein Text, um perfekt zu sein, auch einen korrekten, angemessenen usw. Stil hat. Für mich gibt es kein "Können gegen Emotionen". Emotionen stellen sich mit dem Können ein. Wer ohne theoretische Unterweisung oder Übung Emotionen beim Leser wecken kann, ist ein Naturtalent. Trotzdem kann ihm theoretische Kenntnis helfen, seine Fähigkeiten besser einzusetzen.
(Die Voraussetzungen für einen guten Redner/Autor sind der antiken Auffassung nach Talent, Kenntnis der (Schreib-)Theorie und Übung. Sie ergänzen einander).
Jetzt wäre es nur noch schön, wenn ich die Theorie auch immer anwenden könnte.
Und, Mist, ich hätte lieber mein Romanpensum schreiben sollen. Tempus fugit! :gähn:
Zitat von: Coppelia am 05. April 2013, 06:37:23
Und, Mist, ich hätte lieber mein Romanpensum schreiben sollen. Tempus fugit! :gähn:
Ich danke dir dafür, dass du uns Ciceros Meinung über gutes Schreiben übermittelt hast - mir hat das heute morgen schon was gebracht, also war deine Zeit nicht umsonst! Ich werde mir diese Grundsätze gleich mal hinter die Löffel schreiben :)
@Maja: Du hast ziemlich genau das getroffen, was ich auch dazu denke: Ohne guten Stil komme ich beim Lesen gar nicht soweit, dass Emotionen geweckt werden könnten.
Dabei bedeutet ein guter Stil für mich allerdings eher das Gegenteil von "überladen" wie es hier einige male erwähnt wurde. Es muss treffend und vor allem "glatt" sein. Wenn Wörter und Wendungen, Rhythmus und Satzmelodie nicht selbstverständlich und holpefrei fließen, wenn ich an zu vielen Adjektiven hängen bleibe und an Wörtern, die nicht haargenau passen, dann lege ich das Buch meistens sofort wieder weg.
Aber, Maja, zu Zafon muss ich doch noch was loswerden: Der Dunkle Wächter ist wirklich grottoid und absolut kein Beispiel für guten Stil. Eher ein Paradebeispiel für viel zu viele Adjektive. Aber bei seinen späteren Büchern hat sich der Stil unglaublich entwickelt. Schau dir mal Das Spiel des Engels an, nur ein paar Sätze, da wirst du einen Riesenunterschied feststellen und vielleicht verstehen, warum viele seinen Stil so faszinierend finden. Da ist er echt eines meiner Vorbilder. (Und ich war sooo enttäuscht vom Dunklen Wächter...).
Fazit: Für mich ist guter Stil die Bedingung, um Emotionen zu transportieren.
Ich weiß, es gibt viele Leute, die tolle Geschichten auch erkennen, wenn sie furchtbar erzählt sind. Geht mir nicht so. ;)
LG
Thali
Ich finde, Cornelia Funke ist ein sehr gutes Beispiel dafür, wie gut ein Buch werden kann, wenn ein hervorragender Stil mit Emotionen zusammen kommt ... und wie viel Zeit ein Autor braucht, um diese Kombination zu bewerkstelligen.
Ich höre zur Zeit gerade "Tintenherz" als Hörbuch, in der Hoffnung, das es mich mehr fesselt als die gedruckte Ausgabe, doch dem ist nicht so. Für mich verzettelt sich Cornelia Funke in ihrem schönen Stil und es wollen einfach keine Emotionen aufkommen, die mich mit der Handlung verbinden. Ein Kinderbuch, von einer Philosophin geschrieben, so kommt es mir vor.
Ganz im Gegensatz zu den Reckless-Büchern, die ich wahnsinnig liebe! Der wundervolle Stil ist erhalten geblieben, doch hier fließt er in die Handlung ein, untermalt die Charaktere und macht das Lesen zu einem Genuss. An vielen Stellen bewundere ich die tollen Formulierungen, doch genauso fiebere ich mit der Handlung mit. In Reckless gehen Emotionen und guter Stil eine künstlerische Verbindung ein, die mich neidvoll seufzen lässt ;)
Zitat von: Coppelia am 05. April 2013, 06:37:23
Auch die Sache mit der Sprachmelodie ist etwas, was Cicero sehr am Herzen liegt.
Auch mir ist die Sprachmelodie sehr sehr wichtig, ehrlich gesagt wichtiger als das Wort selbst, aber das ist jetzt nicht das Thema.
Die Frage ist ja: Was ist Stil? Beziehungsweise: Was ist
guter Stil?
Meiner unmaßgeblichen Meinung nach gibt es keine Richtlinie, um das ganze festzuschrauben. Jeder von uns hat seine Art, (s)eine Geschichte zu schreiben, und jeder Leser hat seinen Geschmack um zu entscheiden, ob ihm Art und Ideen der Geschichte gefallen oder nicht.
Ich habe einfach einmal spaßeshalber ein paar Meinungen zu der 50 Shades of Grey-Trilogie gelesen (auch wenn ich die Bücher nie gelesen habe).
Gar nicht mal wenige Aussagen lauteten: "Gerade weil/Obwohl die Geschichte sehr einfach geschrieben wurde, ist die Story klasse."
Irgendwo hat jedes Buch seine Leserschaft, und einem Teil gefällt das ganze, einem anderen Teil nicht.
Ein Autor sollte sein Handwerk beherrschen, sollte "die Regeln" kennen. Und wenn er das alles kann, dann sollte er damit anfangen seine Geschichten so zu schreiben, wie es seinem Naturell entspricht, egal ob poetische, bildgewaltige Wortwahl nebst Symbolik oder schnodderig und einfach gestrickt.
Mir scheint, dass die antike Rhetoriktheorie, wie auch Maja's Hinweis auf Sprachmelodie, anscheinend ziemlich gut definieren, was ich nicht definieren, sondern nur spüren kann. In der Angemessenheitskategorie, wie auch in Maja's Melodie findet sich wieder, was ich versucht hatte, mit "muss passen" und Stimmigkeit auszudrücken.
Danke, Coppelia - damit habe ich einen neuen Interesse-Faden um mich mal schlauer zu recherchieren. :)
Ein Stil, der nicht funktioniert, der den Leser nicht in die Geschichte hinein zieht, kann nicht gut sein. Auch wenn er noch so anspruchsvoll ist. Ich würde das sogar als Unvermögen des Autors bezeichnen - schließlich muss ich jederzeit einen angemessenen Stil (Danke, Coppelia) wählen.
Guter Stil ist schwierig zu schreiben und leicht zu lesen, sage ich immer. Auch wenn es wie immer Ausnahmen gibt und man sich aus bestimmten Gründen bewusst eines umständlichen Stils bedienen mag.
Ich muss den meisten Kommentaren hier zustimmen und denke keiner von beiden Aspekten kommt ohne den anderen aus. Ein Text kann noch so einen guten Stil haben, wenn er nicht weiß, wie man Emotionen im Leser erzeugt ist er wertlos. Umgekehrt kann man noch so intensiv auf Emotionen abzielen, wenn man dennoch keinen guten Ausdruck hat, liest der Leser nicht weit.
Zum Teil ist der Stil auch wirklich über den Rest zu erheben. Genau hier hat doch der Autor die Möglichkeit, sich zu profilieren und individualisieren. Es gibt so viele Autoren und Bücher. Die meisten Themen, Strukturen und Inhalte sind bereits abgefrühstückt, sodass man mit seinem Stil einfach auffallen muss. Und das bedeutet gar nicht, dass man poetisch sein oder sich auf antike Konzepte stützen sollte (die ich persönlich dennoch sehr hilfreich finde). Ein guter Autor sollte einfach verschiedene Kompetenzen besitzen. Er soll sich gut ausdrücken können, eloquent sein und in der Lage sein, Text zu vernetzen. Er muss wissen, wie man Wörter und Sprachformen situationsadäquat einsetzen kann und welche verschiedenen Effekte und Emotionen man dadurch auslösen kann. Aus diesen grundlegenden Bedingungen entsteht dann je nach Gewichtung der einzelnen Aspekte ein eigener Stil.
Und dann gibt es sicher noch eine Meta-Ebene, auf der man von dem "einzigen" eigenen Stil abrücken und verschiedene Ausdrucksweisen nutzen kann, um verschiedene Wirkungen zu erzielen.
Allgemein ist der Stil also sehr wichtig, Emotionen erzeugen aber genauso.
Weshalb ich das ganze überhaupt begonnen habe, war ein Erlebnis in meinem Deutsch-LK vor ein paar Jahren. Damals hatte ich eine Lehrerin, die uns erzählte guter Stil wäre heutzutage prägnant und knapp und das hat sie in unseren kreativen Texten auch immer munter angestrichen. Ich frage mich seitdem immer wieder, ob guter Stil wirklich so festgesetzt ist und nach euren Antworten tendiere ich ganz stark zu: Nein, ist er nicht. Besonders, was Maja und Coppelia schreiben leuchtet wirklich ein und ich werde in nächster Zeit mal genauer darauf achten, wie sich das bei meinen eigenen Texten verhält.
Eine andere Sache sind aber die Emotionen. Ich habe gestern mit einer Freundin darüber gesprochen, weshalb manche Bücher so beliebt sind, obwohl der Stil nicht gut ist und sie meinte, ein Buch muss sie berühren, weil sie meist eh nicht erkennt, wenn ein Autor sprachliche Mittel einsetzt. Sie meinte, das einzige Buch, dass sie wegen des Stils zurückgestellt hat, war "Gezeichnet", was aber auch ein großer Hit geworden ist. Deshalb kam bei mir ja erst die Frage auf: Was ist eigentlich wichtiger? Ob ich toll schreiben kann, oder ob ich Gefühle vermitteln kann? Ich denke ja auch, dass eine Mischung aus beiden immer wichtig ist. Ohne Sprachgefühl kann man keine Geschichte erzählen, wie Maja schon sagte. Aber kann man das mit ganz tollem Stil, aber ohne Gespür für die Emotionen? Hier wurde ja "Tintenherz" genannt und da ging es mir ganz genauso, dass es zwar wunderschön zu lesen war, aber mich total kalt gelassen hat.
Ich stimme aber unbedingt zu, dass der Stil auch immer zu dem Text passen muss, den man schreibt. Es gibt ja auch diese Annahme, dass ein Autor immer einen bestimmten Stil hat, aber das kann ich von mir nicht sagen. Wenn ich Urban Fantasy schreibe, schreibe ich ganz anders, als wenn ich historische Romane schreibe und ich glaube, dass soll auch so sein, sonst würde sich eines von beiden definitiv komisch lesen.
Im Grunde hast du dir ja zum Teil selbst schon eine Antwort darauf gegeben: Sich selbst einen Stil "aufzuzwingen" kann nur schiefgehen, weil künstlich (bei wissenschaftlichen Arbeiten schmeckt man das Künstliche bekanntlich sehr gut, weil es nur einen "Stil" gibt, an dem sich alle halten müssen). Und indem du einfach runter schreibst, was du schreiben willst, arbeitest du ja unbewusst deinen eigenen Stil aus. Andere Dinge wie Lesen oder allein das Zuhören anderer Personen nehmen ebenfalls unbewusst Einfluss auf die Art, wie du Sätze formulierst.
Es kam erst einmal vor, dass ich bei einem Autoren das Gefühl hatte, dass er wirklich seinen ganz eigenen Stil hat, den ich vorher noch nirgends in dieser Form gesehen hatte. Und das war bzw. ist Walter Moers.
Deshalb würde ich mir generell gar keine Gedanken darum machen. Passiert eh unbewusst. Und dein Können verschmilzt beim Schreiben mit deinen Emotionen.
Zitat von: Maja am 05. April 2013, 01:08:20
Aber dass es absolut schlechte Sprache gibt, beweisen uns die allseits geschätzten Abenteuer des Stefón Rudel (http://www.klopfers-web.de/stefonrudel.php).
Offtopic: Vielen Dank für diesen Link, ich habe Tränen gelacht. Oder auch wegen Traurigkeit und Fremdschämen geweint, so genau kann ich das nicht mehr sagen.
Auch ich bedanke mich vielmals für den Link. Hab gerade einen zehnminütigen Lachflash gehabt, ausgelöst durch das schöne Wörtchen "Itönetie". :rofl:
Back to topic: Mir als Leserin sind Können und Emotionen gleich wichtig. Mittlerweile lese ich allerdings kritischer als früher und achte phasenweise sehr auf Schreibstil und allgemein schreiberisches Handwerk im Text. Das werden die meisten Leser wohl eher nicht, aber auch wenn diese Leser vielleicht nicht genau den Finger auf das legen können, was im Text "klemmt", so werden doch viele instinktiv wahrnehmen, wenn es einem Text an grundlegendem Schreibhandwerk mangelt.
Trifft guter Stil auf eine packende Geschichte und spricht mich auch emotional an, dann ist das ganz wunderbar, wie ein Leckerbissen. Ist der Stil nicht ganz so gut, kann ich auch darüber hinwegsehen, wenn das Buch mich berührt und fesselt. Ein richtig grottenschlechter Stil macht es mir aber unmöglich, ein Buch zu genießen, und sei die Geschichte auch noch so toll. Wenn ich bei jedem zweiten Satz die Augen verdrehen muss, verleidet mir dies das Lesevergnügen, das reißt aus dem Lesefluss und ich kann mich dann nicht mehr auf die Geschichte konzentrieren, sondern ärgere mich nur noch.
Wenn ich selbst schreibe, ist das schwieriger. Bisher habe ich meinen Stil noch nicht gefunden. Zuerst war er zu blumig, jetzt kommt er mir zu knapp vor, es ist sehr schwer, den für die jeweilige Geschichte passenden Weg zu finden. Coppelias Ausführungen sind sehr interessant. Es ist sicher wichtig, sich auch mit Theorien über Stil zu beschäftigen. Sich aber dogmatisch an die Weisheiten aus Schreibratgebern o.ä. zu halten, sehe ich wie viele hier kritisch. Ich schließe mich da der Meinung an, dass man die Regeln kennen muss, um sie dann auch mal zu brechen.
Nicht zuletzt ist "Stil" auch immer eine Frage des persönlichen Geschmacks. Einige Leser mögen schwurbelige Schachtelsätze, bei denen jeder Schreibtheoretiker die Hände über dem Kopf zusammenschlagen würde, andere bevorzugen den "amerikanischen" Simpel-Stil. Das ist doch schön, so findet jede Autorin ihre Leserschaft. Möglicherweise sogar der Autor von "Stefón" ...nein. Nein, das dann doch nicht.
ZitatIch höre zur Zeit gerade "Tintenherz" als Hörbuch, in der Hoffnung, das es mich mehr fesselt als die gedruckte Ausgabe, doch dem ist nicht so. Für mich verzettelt sich Cornelia Funke in ihrem schönen Stil und es wollen einfach keine Emotionen aufkommen, die mich mit der Handlung verbinden.
ZitatHier wurde ja "Tintenherz" genannt und da ging es mir ganz genauso, dass es zwar wunderschön zu lesen war, aber mich total kalt gelassen hat.
Ja, da kann auch ich mich nur anschließen :( Aber wenn Luciel sagt, dass Reckless wesentlich besser ist, sollte ich der Geschichte vielleicht doch nochmal eine Chance geben - denn eigentlich hat mich
Tintenherz so abgeschreckt, dass ich keinerlei Vertrauen in die emotionale Kompetenz, bzw. die sprachlich-emotionale Kompetenz, und die Plotfähigkeiten von Frau Funke habe. Und das Buch war so schön aufgemacht, hochwertig verarbeitet, mit genialen Passagen; ich wollte es mögen, und habe es deshalb bis zum Schluss gelesen. Ich war soooo sicher, dass nach einem dermaßen "grandiosen" ersten Drittel, wenigstens ein spannendes Ende kommen müsse ... :wums:
Man merkt dem Buch m. E. ganz deutlich seine "Plotlosigkeit" an (plotted along the way), und ich befürchte, dass sich diese Planlosigkeit auf den Enthusiasmus der Autorin ausgewirkt hat, wodurch der Text wiederum nur noch durch einen recht "literarischen" Stil halbwegs zu retten war. Weiterführend sagt die Auswahl eines derartigen Textes durch ein Lektorat natürlich wieder viel über die gewünschte Gewichtung diverser Komponenten in deutschen Lektoraten und Verlagen aus. Man könnte fast sagen
Tintenherz ist hier exemplarisch!
ZitatGuter Stil ist schwierig zu schreiben und leicht zu lesen, sage ich immer.
ZitatDabei bedeutet ein guter Stil für mich allerdings eher das Gegenteil von "überladen" wie es hier einige male erwähnt wurde. Es muss treffend und vor allem "glatt" sein.
Diese beiden Zitate treffen sehr genau, was
ich unter gutem Stil verstehe. Für mich (als Leser) gilt die Faustregel: Je weniger der Stil wahrnehmbar ist, desto leichter fällt mir der Zugang zur Geschichte und den Figuren. Ich bevorzuge demnach für Unterhaltungsliteratur einen "puristischen" Schreibstil.
Allerdings ist das Ganze für mich auch wieder
genreabhänig - Kafkas Werke brauchen den literarischen Stil, da sie über Alltäglichkeiten berichten, die meist ungeahnte Wendungen beinhalten. Es gibt nicht viel Aktion, die für Drama und/oder emotionale Reaktionen des Lesers sorgen könnte. Aber bei Kafka hatte ich auch selten das Gefühl, dass er die
Katharsis seiner Rezensenten angestrebt hat - vielmehr geht es bei seinen Texten um Philosphie, und solche Texte (hauptsächlich literarische Belletristik)
brauchen den
gehobenen Stil beinahe, um den Banalitäten tiefere Bedeutung zu verleihen. Hier geht es nicht primär um das Hervorrufen von Emotionen - die Katharsis, die bereits von den alten Meistern angestrebt wurde - was Sinn und Ziel der Unterhaltungsliteratur ist.
Wenn ich also einen Fantasy-Roman lese, dann will ich nicht über Sinn und Unsinnigkeit alltäglicher Begebenheiten lesen. Ich will etwas lesen, dass tiefer geht, das große Ganze betrachtet. Ich will nicht über den Sinn meines Daseins nachgrübeln, sondern fühlen, was mein Dasein zu einem sinnvollen Dasein macht. Warum und wofür es sich zu kämpfen lohnt, auch wenn die Umstände widrig sind ... Eine Geschichte, die durch ihre Handlungen und Ereignisse spricht, spricht eine mächtigere Sprache als die Wortmalerei eines Autors. Sie bedarf nicht des gleichen Schmucks wie eine Geschichte über Alltägliches. Insofern, ja, hat jeder Stil seine Berechtigung und seinen Ort.
Mir als Autor geht es darum, eine Botschaft zu vermitteln, zu animieren, den Leser mit auf die höchsten Gipfel und in die tiefsten Täler zu nehmen; ihn wissen zu lassen, dass man nicht aufgeben sollte und darf, auch wenn die Dinge sinnlos erscheinen oder sogar sind - also auch um die Katharsis. Dementsprechend ziele ich auf einen möglichst "sauberen"(stilmittelfreien) und dennoch emotionalen Stil ab - den mittleren Stil, der einer politischen Rede entspricht, und bei dem Redeschmuck in Maßen angewandt wird, um die Aufnahmefähigkeit der Masse und die Eindringlichkeit der Botschaft nicht zu beeinträchtigen. Denn um nichts anderes geht es doch meist in der Fantasy, die oftmals eine einzige Allegorie für das reale Weltgeschehen ist, egal ob auf die Geschichte oder Gegenwart bezogen. Exemplarisch hierfür ist für mich der Stil von J.K. Rowling, die es Kindern und Erwachsenen, Handwerkern und Intellektuellen, Männern und Frauen gleichermaßen ermöglicht hat, an diesem Abenteuer teilzunehmen und mitzufühlen. Eine wahrhaft einzigartige Leistung.
Wenn ich also beim Schreiben mal wieder mit meinem Stil hadere, höre ich mir vorher eine halbe Stunde HP an, oder lese ein Kapitel - meist fallen mir dabei schon die richtigen Formulierungen für Sätze ein, die mir vorher (teilweise wochenlang) Kopfschmerzen bereitet haben. Ein Tipp aus der Stilfibel von Ludwig Reiners, ein Buch das ich übrigens auch jedem nur wärmstens empfehlen kann!
ZitatAls schlecht empfinde ich z.B. Wortwiederholungen, die nicht einem absichtlichen Muster folgen (wenn man drei, vier Sätze immer nach dem gleichen Schnittmuster aufbaut, immer mit dem gleichen Wort beginnt, um etwas in den Leser einzuhämmern), sondern man merkt, dass der Autor einfach nicht drauf geachtet hat, welches Wort oder welche Silben er schon wo verwendet hat. Oder den übermäßigen Gebrauch von Konjunktiv und Plusquamperfekt - grammatikalisch sicher korrekt, verwandeln sich Sätze damit in Bleiwüsten von hatte gehabts, war gewesen, würde sein, etc. Oder Autoren, die aus Angst, der Satz könnte dem Leser zu lang sein, Sätze mit dem Mähdrescher zerstückeln, ohne auf den besonderen Rhythmus zu achten ... Wenn man beim Lesen das Gefühl hat, der Autor habe sich nach jedem Satz vor Begeisterung über seine Sprachgewalt einen runtergeholt, stört das den Lesefluss genauso, als wenn man denken muss, der Autor habe über dem zu vermittelnden Inhalt völlig die Sprache vergessen.
Das fasst doch sehr schön zusammen, wie furchtbar es schief gehen kann - das ist dann auch nicht mehr wirklich schlechter Stil (vielleicht mal abgesehen von der fehlgeleiteten Sprachgewalt des Romanautors, der sich wohl besser der Poetik gewidmet hätte :snicker:), das ist im Grunde garkein Stil, weil er keinen stilistischen Regeln mehr folgt.
Zitat von: Kati am 05. April 2013, 13:24:04
Damals hatte ich eine Lehrerin, die uns erzählte guter Stil wäre heutzutage prägnant und knapp und das hat sie in unseren kreativen Texten auch immer munter angestrichen.
Also es stimmt schon, dass komplizierte Schachtelsätze, wie sie im 19. Jahrhundert Mode waren, heute nicht mehr in sind. Sie sind auch schwerer zu lesen (fast möchte man sagen "konsumieren"), besonders für das untrainierte Publikum.
Und ein moderner Thriller oder Krimi, der wie von Emile Zola oder Theodor Fontane geschrieben ist, käme uns im günstigsten Fall sehr skurril vor.
Andere Themen - andere Regeln. Die "Alatriste"-Romane sind anspruchsvoll geschrieben und kopieren die Barockliteratur. Als Gutenachtlektüre etwas anstrengend, aber die Bücher funktionieren einfach.
Genauso: Ich kann auch das Amtsdeutsch in eine literarische Form bringen. Nominalstil, Monsterwörter, Passivierungen, Euphemismen - eigentlich unmöglich, aber an der richtigen Stelle perfekt.
Stil vermittelt Subtext.
ZitatMir als Autor geht es darum, eine Botschaft zu vermitteln, zu animieren, den Leser mit auf die höchsten Gipfel und in die tiefsten Täler zu nehmen; ihn wissen zu lassen, dass man nicht aufgeben sollte und darf, auch wenn die Dinge sinnlos erscheinen oder sogar sind - also auch um die Katharsis. Dementsprechend ziele ich auf einen möglichst "sauberen"(stilmittelfreien) und dennoch emotionalen Stil ab
Vollkommene Zustimmung! :) Zumindest in belletristischen Texten steht das für mich als Leser im Mittelpunkt - und als Autor würde ich nicht wollen, dass sich der Stil quasi über die Handlung, die Geschichte, die Emotionen stellt. Voraussetzung dafür ist natürlich ein "guter" Stil - der für mich in diesem Zusammenhang nicht durch die schriftstellerischen Fähigkeiten, die komplexen Satzgefüge, die Ausschmückung mit Adjektiven, etc. besteht, sondern darin, dass er das, was im Leser ausgelöst oder was dem Leser erzählt werden soll, unterstützt.
Also zusammengefasst: Stil ist eine Voraussetzung für Emotionen (meiner Meinung nach). Aber nur weil ein Stil "gut" ist, bedeutet das nicht, dass er dadurch automatisch Reaktionen im Leser hervorruft.
Ich stelle mal eine andere Frage: muss ein guter Text Emotionen wecken? Für mich nicht, ich kann ihn auch gut finden, weil er mich zum Nachdenken anregt. Ich denke, dass bestimmte Jugendbücher, die trotz schlechtem Stil deshalb erfolgreich sind, weil sie bestimmte Muster einhalten, die Leser mögen, vielleicht sind sie auch in dem Sinne gut erzählt, dass es einen guten Spannungsbogen gibt und die Leser sich mit den Figuren identifzieren können.
Ich kenne Leute, die sagen, dass für sie der Stil das allerwichtigste ist, und die Story nebensächlich. Ich sehe da eher den Gegensatz: Stil und Handlung oder Erzählen.
Viele Bücher, die meiner Meinung nach überhaupt nicht gut erzählt sind und so gut wie keine Handlung haben zählen zur "Literatur", insbesondere gegenwärtige deutsche Literatur, wie ich finde. Einige dieser Texte finde ich trotz fehlender Handlung genial und es gibt auch einige deutsche Autoren, die ich sehr mag. Allerdings breche ich einen Text ab, wenn ich gar nicht in die Geschichte reinkomme. Da kann der Stil noch so toll sein. Zum Beispiel habe ich letztens ein Buch angefangen. Ich wollte es nach der ersten Seite in die Ecke werfe - weil es so unglaublich gut geschrieben war. Wunderbare Bilder, so präzise Sprache, die auch zum Inhalt gepasst hat. Und da dachte ich, so will ich auch schreiben, aber das werde ich wohl niemals. Aber nach fünfzig Seiten war mir der Text langweilig. Der Stil ließ etwas nach und der Inhalt gab irgendwie gar nichts her. Emotionen hat der Text bei mir auch nicht ausgelöst.
Andererseits breche ich auch Bücher mit schlechtem Stil ab, da hat die Handlung dann gar keine Chance.
Die Frage ist ja auch, welche Emotionen bringen uns dazu, weiterzulesen?
Ich würde sagen, vor allem Neugier. Wie geht die Geschichte weiter? Was passiert den Figuren? Wenn man richtig mitfiebert und das Buch nicht aus der Hand legen kann, dann ist das sicher eine gute Sache. Und dann achtet man wahscheinlich auch nicht mehr so auf den Stil. Dann gibt es Geschichten, wo man sofort mitfühlt, mit den Figuren. Ich mag das sehr. Aber das wichtigste ist für mich, dass man sich in die Figuren reinversetzen kann, egal ob man sie mag oder nicht. Und ich muss euch zustimmen, dass das für mich bei Tintenherz nicht der Fall war.
Aber es gibt auch gute Bücher, wo man immer nur ein paar Seiten liest, und dann darüber nachdenken muss.
Jedenfalls gibt es ja ganz unterschiedliche Ansichten über guten Stil. Ich habe manchmal das Gefühl, in Deutschland muss er möglichst anspruchsvoll sein, in dem Sinn, dass an jedem Satz ablesbar ist, wie lange der Autor daran gefeilt hat, dass man eine Seite dreimal lesen muss, um zu verstehen, was überhaupt passiert. Ich bevorzuge oft amerikanische Autoren, wo ich das Gefühl habe, das Erzählen steht im Vordergrund und guter Stil besteht darin, realistische Dialoge wiederzugeben. Wenn man gut erzählt, dann stellen sich Emotionen von selbst ein, denke ich. Für mich ist ein Text dann gut, wenn ich darin Sätze finde, wo ich denke, ja genau so ist diese Sache, die ich nie benennen konnte. Das berührt einen dann, weil da so eine Verbindung zum Text entsteht und das passiert für mich dann, wenn etwas ganz präzise ausgedrückt ist und das empfinde ich als guten Stil. Ich hoffe, es war verständlich, was ich damit meine.
Ich sehe die Beziehung von Stil und Emotionen ein wenig wie die Beziehung von Handwerker und Werkzeug. Stil, Erzähltechnik und sämtliche Regeln aus diversen Schreibratgebern sind das Werkzeug. Wer das Werkzeug perfekt beherrscht, wird ein funktionierendes Ergebnis zustandebringen. Der Schreiner, der sein Handwerk beherrscht, wird einen funktionalen, zusammenhaltenden Schrank bauen, der seinen Zweck erfüllt. Wer darüber hinaus noch Emotionen transportiert und etwas zum Klingen bringt, wird nicht nur einen Schrank bauen, der seine Funktionen erfüllt, sondern einen, den viele Menschen als "schön" bezeichnen würden. Wer das Handwerkszeug nicht beherrscht, kann vielleicht einen Schrank bauen, der stehenbleibt, mit höherer Wahrscheinlichkeit aber eher nicht.
Mit Sicherheit gibt es keinen Stil, der immer und überall funktioniert. Es gibt keine Regeln, die immer Geltung beanspruchen. Ab und zu kann es sein, dass lange Schachtelsätze eher ihre Berechtigung haben als kurze, knappe, adjektivlose Sätze. Für mich selbst bedeutet guter Stil für Unterhaltungsliteratur, dass das Ergebnis sich gefällig und leicht liest. Unterhaltungsliteratur konkurriert mit dem Film um die Zeit der Konsumenten, und wer abends abschalten will, will sich nicht auch noch mit sperrigen Formulierungen aufhalten, die sich erst nach dem dritten Lesen erschließen. Das bedeutet keinesfalls, dass ich diesen gefälligen Stil als einfacher zu schreiben ansehe, ganz im Gegenteil. Je simpler etwas wirkt, umso schwerer ist es meistens, dieses Ergebnis zu produzieren, zumindest meiner Erfahrung nach. Dabei spielt für mich die Sprachmelodie eine große Rolle, so wie Maja es schon erklärt hat. Ich lese mir kritische Passagen oft laut vor, um den richtigen Klang herauszufinden, gerade dann, wenn ich in irgendeiner Weise zweifel, ob diese oder jene Variante besser ist.
Allerdings darf man bei solchen Überlegungen sicher nicht übertreiben, gerade während des Schreibprozesses. Ich versuche, solche Dinge immer auszublenden und erst während der Überarbeitung zu verbessern. Wenn ich in einer Szene stecke, überlasse ich mich eher dem Flow und dem, was sich emotional während des Schreibprozesses ergibt.
Größtenteils bleibt mir hier nur noch, dem schon Gesagten zuzustimmen.
Unterstreichen kann ich für mich persönlich nur noch einmal die Bedeutung von Sprachmelodie. Wenn etwas in meinem Kopf nicht "klingt" dann will ich es nicht lesen. Dann ist mir auch egal was der Autor mir zu erzählen hat, ich kann über einen Stil der mir nicht liegt oder den ich sogar als schlecht empfinde, einfach nicht hinweg lesen - oder in dem Fall vielleicht "hören". Sprach erzeugt in meinem Kopf eine Melodie. Wenn ich ein Buch anlese und nicht in diesen melodischen Fluss gerate, dann werden das Buch und ich keine Freunde.
Das kann für jedes Buch etwas anderes bedeuten. Ein Krimi fordert eine andere Melodie als ein im Viktorianismus angesiedelter historischer Roman. Jazz klingt anders als Rock.
Was die Emotionen angeht... da bin ich ganz bei Maja. Schlechter Stil erzeugt bei mir Ärger. Wenn ich mitfühlen soll, ist aber nicht der Stil allein verantwortlich. Es ist auch die Lebenserfahrung, die Menschenkenntnis, das Verständnis nicht nur dafür wie Sprache, sondern wie der Mensch funktioniert. Wenn es einem Autor gelingt etwas zu beschreiben dass ich selbst nicht in Worte fassen könnte, mir etwas zu erzählen dass ich so schon erlebt habe und meine eigene Emotion einfängt, mir einen Charakter so lebendig beschreibt dass ich ihn persönlich kennen lernen möchte, DANN ist das Emotion. Und dazu gehört, neben Sprachgefühl und Stil, eben auch eine Form von Lebenserfahrung. Was nicht heißt dass die Autoren alle erst ab 40+ dazu in der Lage sind. Sondern nur, dass dazu, ein guter Autor zu sein, für mich auch gehört, vor die Tür zu gehen und das Leben zu erleben um es später aufs Papier zu bannen.
Ohne dich angreifen zu wollen Kati, aber ich finde den Titel etwas unglücklich gewählt... Wenn ich nicht schreiben "kann" im Sinne von "Die deutsche (oder in welcher Sprache auch immer ich schreibe) nicht beherrsche", dann werde ich, abgesehen von Frust darüber, dass so etwas in die Buchläden kommt oder leicht gequälte Erheiterung keine Emotionen in meinen Lesern wachrufen.
Wenn ich "schreiben kann", aber mich das Thema des Textes emotional völlig kalt lässt, dann transportiere ich mit meiner "schönen Sprache" aber auch keine Emotionen, außer vielleicht ein Gefühl der Genervtheit, weil der Autor mit seiner schönen Sprache angeben muss.
Und womit werden die Emotionen anders transportiert, als mit dem Text?
So zurückdenkend fallen mir zwei Sachen ein, die damit zusammenhängen und die das waren, was mir am Deutschunterricht immer nicht geschmeckt hat.
Erstens: Stil (im Sinne von Deutsche Hochliteratur) ist alles.
Nein, eigentlich nicht... Ich hab meistens die besten Noten für das bekommen, was ich persönlich am Schlechtesten fand. Und bei den gestaltenden Interpretationen, sprich "Nimm eine gegebene Situation im Text und spinne sie weiter", sprich eine Art Fanfiction, allerdings mit dem Anspruch, dass man glauben können musste, dass der Autor des Ursprungstextes das geschrieben hat, habe ich mittlerweile herausgefunden, warum ich gute Noten bekam, auch wenn ich sie grottig fand. Ich habe keine Probleme damit, Stile, die ich gelesen habe, zu kopieren. Aber ich mochte meine Texte nicht, weil ich vor lauter Stilkopieren kaum noch Inhalt darin hatte. Da ich aber die Aufgabenstellung voll erfüllt hatte, gab es eben gute Noten.
Und zum anderen die oft erklärte Meinung verschiedener Deutschlehrer, dass ein Autor, oder noch viel schlimmer, ein Dichter, sich an seinen Schreibtisch setzt und sich wirklich, anstatt sich erst einmal vielleicht eine Handlung auszudenken, oder das Gedicht womöglich aus einer Gefühlslage heraus zu Papier zu bringen, wirklich erst einmal überlegt, ob Jambus oder Daktylus besser geeignet sind und dass genau jetzt ein Chiasmus kommen muss, usw.
Sprich, dass ein Autor/Dichter, ein merkwürdig zweigleisig funktionierendes Hirn hat, das irgendwie in die natürlich genau so geplante Sprache, noch irgendwie eine Handlung reinpackt.
Und anschließend kann man das Buch nicht mehr lesen, weil es zu Tode interpretiert wurde. So wird das Sprachgefühl natürlich unheimlich besser!
Die Unzufriedenheit was den Stil angeht, hab ich auch manchmal. Aber da ist es eher das gleiche Problem, wie beim Zeichnen. Ich habe ein Bild vor Augen, aber kriege es aus irgend einem Grund nicht zu Papier. Entweder, weil das, was ich sehe, mein Können noch übersteigt, oder aber, weil ich gleich gar keine Idee habe, wie ich etwas nicht Greifbares zu Papier bekommen soll.
Deswegen aber zu sagen "Der Stil ist mir egal, es kommt ja auf die Emotionen an!", ist in meinen Augen grundfalsch. Wenn ich Porträts malen möchte, kann ich ja auch nicht sagen "Die Porträts sind mir jetzt egal, ich male abstrakt!", wenn ich die Linienführung nicht so richtig beherrsche. Dann male ich zwar, aber nicht das, was ich ursprünglich wollte.
Also letzten Endes geht das "Können" im Sinne von "Das Handwerkszeug beherrschen" ja Hand in Hand mit dem "Können" im Sinne von "Den Leser berühren".
Snöblummas Bild mit dem Schrank finde ich da sehr passend.
Zitat von: Franziska am 05. April 2013, 16:13:47
Ich stelle mal eine andere Frage: muss ein guter Text Emotionen wecken? Für mich nicht, ich kann ihn auch gut finden, weil er mich zum Nachdenken anregt. Ich denke, dass bestimmte Jugendbücher, die trotz schlechtem Stil deshalb erfolgreich sind, weil sie bestimmte Muster einhalten, die Leser mögen, vielleicht sind sie auch in dem Sinne gut erzählt, dass es einen guten Spannungsbogen gibt und die Leser sich mit den Figuren identifzieren können.
(Um einmal die Philosophin in mir raushängen zu lassen: Was verstehen wir unter Emotionen? ;D )
Grundsätzlich begrüße ich es, wenn ein Roman Emotionen in mir auslöst, aber noch wichtiger ist mir, wenn der Text in der Lage ist, mich "mitzureißen". Ich will einen Roman in einem Stück runterlesen können, ohne zu bemerken, dass ich überhaupt lese.
Das funktioniert natürlich nur dann, wenn die Formulierungen schlicht und leicht verständlich sind, trotzdem genieße ich es auch, hübsch ausgeschmückte und poetische Sätze zu lesen, wenn z.B. ein Charakter sich geschwollen ausdrückt. Wie hier schon mehrfach angemerkt wurde: es muss einfach passen.
Zu den Emotionen: Ich finde, die Kunst, im Leser Emotionen auszulösen, hängt nicht so sehr damit zusammen, ob man einen "guten" Stil an den Tag legt, sondern ob man in der Lage ist "die richtigen Knöpfe zu drücken". Vielleicht bin ich auch einfach zu sensibel, aber bestimmte Figurenkonstellationen und Ereignisse lassen mich regelmäßig in Tränen ausbrechen. :d'oh:
So, mein Senf dazu, ich hoffe, das ist nicht irgendwie wirr. :P
Ich denke, diese Frage hat viele Schichten und viele Arten, wie man sie sehen kann.
Da wäre zum Einen ein Teil der Ausgangsfrage: Ist es förderlich für einen Text, manchmal weniger darauf zu achten, welche Mittel er verwendet, ob er zur Stelle angepasst ist und ob er genau so viele Adjektive hat wie empfohlen und stattdessen zu versuchen, auf die vermittelten Emotionen zu achten?
Hier für mich ein klares Ja. Aber ein Ja, dass sich erklären muss: Indem ich mich entscheide, die Regeln nicht zu beachten und stattdessen auf die Wirkung zu achten, höre ich auf, mich sklavisch an irgendwelche Vorgaben zu halten, die einen Text schnell geziert, gestelzt oder künstlich klingen lassen können. Der Stil wird dadurch jedoch nicht schlechter und auch nicht weniger bedeutsam. Indem ich die Emotionen zu transportieren versuche, greife ich im Idealfall ganz von selbst zu dem Stil, der ideal für die entsprechende Szene ist.
Beispielsweise habe ich im Germanistikstudium gelernt welche Stilmittel was auslösen können. Es ist meine Aufgabe, sie erkennen zu können, sie zu analysieren und zu interpretrieren. Ich liebe das. Man könnte jetzt daraus schließen, dass mein Studium mir öfter beim Schreiben geholfen habe - indem ich neue Stilmittel erfahren und ausprobiert hätte. Aber das Gegenteil ist der Fall: Die Tatsache, dass ich schreibe hat mir im Studium geholfen, denn ich musste diese Stilmittel nie lernen. Ich musste auch selten darüber nachdenken. Ich habe mich einfach gefragt, wie ich selbst es machen würde oder was ich selbst damit ausdrücken wollen würde und meine Antwort stimmte absolut immer mit der des Dozenten überein - der analysierend an das Ganze herangegangen war, nicht selbst schreibend.
Es ist also so, das ein Autor im Idealfall spürt, welchen Stil er verwenden sollte. Ich stimme Maja da zu: Schreiben ist ähnlich wie musizieren. Es gibt Menschen, die können den kleinen Ton in allem und jedem hören, sie wissen instinktiv, welcher Ton gut auf welchen folgen kann und was welche Stimmung erzeugt. Man muss ihnen nicht sagen, wie man mit Instrumenten einen "getragenen" oder "heiteren" Effekt erzielt. Sie spüren das.
Und genauso gibt es Menschen, die hören die Musik der Sprache. Sie spüren wie sie fließt, sie wissen, welches Wort auf andere zu folgen hat - sie singen stumm - nur im Kopf, wenn sie schreiben und sie musizieren ohne Saiten. Das ist das, was ein Autor im besten Fall kann. Und dann ist es kein Fall von entweder oder. Die Emotionen formen den Stil. Der Stil erzeugt die Emotionen. Das ist so eng verflochten, das man das niemals auseinander dividieren kann. Ein Buch muss berühren - auf die Art, wie es kann. Auf die Art, wie es will. Aber berühren kann es nur mit gutem Stil.
Guter Stil heißt aber nicht zwangsläufig, irgendwelche Regeln zu befolgen - guter Stil heißt, die Einheit zwischen Emotion und Textgestaltung nicht zu stören.
Nicht jeder, der schreibt, kann diese Feinheiten in der Sprache spüren. Die, die es nicht können, sind deswegen jedoch noch lange nicht zwangsläufig schlechte Autoren. Denn es gibt noch eine andere Facette dieses Aspektes: Es gibt jene, die brauchen keine Regeln, weil sie den Stil spüren können. Aber von ihnen wird jeder in den meisten Fällen zwar nicht die gleichen, aber doch ähnliche Mittel nutzen um Spannung, Traurigkeit, Heiterkeit zu vermitteln - und diese Häufungen kann man in Regeln fassen für jene, die es nicht spüren können, oder nicht von vorneherein. Wer diese Regeln lernt und nachmacht, der wird ebenfalls ein ähnliches Bild erreichen - möglicherweise unbeholfener, ein wenig steif und ein wenig gestelzt, weil die Entlanghangelung an Regeln immer künstlich ist und oft anders wirkt als das Werk desjenigen, der es von Natur aus spürt - man kann das ebenfalls mit Musik vergleichen. Es gibt Naturtalente, die lernen so schnell, das man glaubt, das Instrument sei ihnen an die Hand gewachsen. Nehmen wir an, jemand spielt ein Saiteninstrument. Ein Naturtalent wird schnell spüren, wie es die Saiten anschlagen muss um welchen Effekt zu erzielen, wie man die Hand hält etc. Jemand, der kein Naturtalent ist, wäzt stattdessen Bücher und lernt es daraus - am Anfang wird er steif sein und es wird einiges schief gehen. Aber am Ende wird er ein vergleichbares Ergebnis erzielen - mit viel Mühe und Übung. Vielleicht wird ihm ewig die natürliche Leichtigkeit des Anderen fehlen - aber schlecht ist er deswegen noch lange nicht.
So ist es mit dem Schreiben auch. Man kann Stilregeln befolgen und irgendwann wirken sie weniger gestelzt und künstlich, weil man lernt, das nicht jede Regel in Stein gemeißelt ist und das man sie zu viel anwenden kann, man erkennt, was wirklich sinnvoll ist und was möglicherweise einfach ZU geschliffen wirkt - denn ja, das gibt es auch. Solange man geschliffen als: Nach der Meinung vorherrschender Stilratgebungen überarbeitet betrachtet. Und manchmal gibt es auch ein "zu geschliffen" im Sinne von: Überarbeitet. Denn ja, auch beim Schreiben gibt es Verschlimmbesserungen und manchmal klingt der erste, natürliche, meistens leichtere und nicht durch x Regeln und Zweifeln bechwerte Versuch am besten - weil wir durch Zweifel dazu neigen, vieles zu sehr zu verkünsteln, zu versteifen und manch einer Textstelle damit genau den Zauber zu nehmen, der daduch entstanden war, dass er einfach natürlich klang - nicht, dass es nicht auch Regeln zum natürlichen Schreiben gäbe und das man mit ihnen diesen Eindruck wieder hinbekommen kann - aber manchmal wirken zu sehr bearbeitete Stellen steif und ... nicht mehr lebendig.
Wer nicht sofort instinktiv weiß, wie er was zu schreiben hat (das wissen die wenigten), der kann es lernen - allerdings nur bis zu einem bestimmten Grad ausschließlich mit Regeln. Im Normalfall fängt ein Autor mit Regeln an - und irgendwann gehen sie ihm so sehr in Fleisch und Blut über, das er die Melodie hinter dem eigenen Text erkennen lernt und dann entwickelt er sich zu dem, was ein Naturtalent vielleicht von Anfang an war. Zumindest ist das die erhoffte Entwicklung, denn wer immer nur auf den Regeln pocht, wird wahrscheinlich nie vollkommen die gleiche Qualität hinbekommen - und das nicht, weil Stil oder Emotion fehlen - das ist dann durchaus auch beides da, nur nicht ganz so natürlich und es wird Dinge geben, die er einfach sonst nie verstehen wird.
Das heißt jetzt nicht, das wir demnächst alle unsere Überarbeitungen bleiben lassen können und nur noch auf den Text lauschen sollen - nein, Regeln sind durchaus auch wichtig, gerade dort, wo wir so sehr in unserem Text gefangen sind, das wir gar nicht mehr sehen, dass wir ihn vielleicht noch besser machen können. Aber am Ende müssen wir alle auf unseren Text hören - wir müssen ihn zwar hinterfragen, aber in der letzten Konsequenz auf ihn hören - und wenn er gegen eine Regel spricht, dann wird sie eben einmal missachtet.
Das hat letztlich nichts mit "Stil oder Emotion" zu tun. Denn eigentlich kann man beides nicht trennen. Ein wirklich schlechter Stil wird keine Emotionen wecken. Emotionen bedingen guten Stil - guten Stil für denjenigen, der es liest. Und anscheindend haben die Bücher, die so viele berühren, deren Stil viele Autoren aber nicht als gut betrachten, irgendetwas an sich, dass die Leser berührt - und das auch in ihrem Stil.
Dabei denke ich aber auch, dass ein Leser den Unterschied zwischen schlechtem und mittelmäßigem Ziel besser merkt als den zwischen mittelmäßigem und guten Stil. Noch schwerer wird diese Wahrnehmung dann zwischen gutem und exzellentem Stil - daher denke ich auch, dass auch Bücher, die vielleicht nicht in gutem oder exzellentem Stil geschrieben werden, Menschen berühren können. Durch ihren Plot und ihre Charaktere zum Beispiel. Aber selbst die Bücher, die Bestseller werden und aus kritischer Sicht einige "Regeln des guten Stils" missachten folgen gleichzeitig auch sehr vielen derselben - denn es gibt nur eine begrenzte Anzahl von Stilmitteln, nur wenige Arten, Spannung zu erzeugen oder Traurigkeit. Und diese Regeln beachten oft auch Bücher mit "mittelmäßigem Stil". Sonst könnten sie die Emotionen, die sie wecken, niemals erzeugen. Um das zu sehen, muss man nur mal ein wirklich furchtbares Buch lesen und man merkt - der Zauber der Geschichten, den wir sonst so kennen, wird fehlen. Denn der kommt auch zu einem großen Teil vom Stil. Der ist nämlich der Kleber, der unser ganzes Haus zusammenhält. Der Plot mag der Grundstein sein, wenn wir ihn aber nicht erzählen können, wird er langweilig sein. Die Charaktere können unsere Zimmer sein, die wir ausgestalten und zum Leben erwecken - aber wenn wir nicht wissen, wie wir ihre Eigenheiten darstellen sollen, dann werden diese Zimmer leer und langweilig bleiben. Und wenn wir das ganze nicht durch Sprache zu einem großen Ganzen verbinden können - dann wird alles in sich zusammenbrechen. Der Stil ist also letztlich eine der grundlegendsten Essenzen des Schreibens, wenn nicht sogar DAS Herzstück, schließlich betrifft der Stil die Sprache und Schreiben heißt ja, mit Sprache zu arbeiten.
Aber das heißt nicht, das wir uns den ganzen Stilregeln unterwerfen müssen und sie dauernd im Kopf haben sollten - das führt oft eher zu Künstlichkeit und Unbeholfenheit. Ein guter Stil schreibt sich so natürlich wie sich die Muttersprache spricht - man kommt gar nicht auf die Idee, das man es anders machen könnte, weil es einfach falsch klingt, sich falsch anfühlt und daher auch nicht richtig ist. Und ein Stil, der so ist, der wird auch Emotionen wecken. Nur durch ihn funktionieren Emotionen überhaupt. Nur durch ihn können die Geschichte und die Charaktere lebendig werden.
Eine Bitte an dich, Valaé. Wenn du Beiträge mit über 1.500 Wörtern schreibst, magst du die dann mit Leerzeilen zwischen den Sinnabschnitten etwas auflockern? Sie werden sonst zu sehr schlecht erfassbaren Texwüsten, und das ist schade drum.
Oh klar, Maja. Mir fällt nur beim Schreiben so selten auf, dass es so viel wird, ich sehs jetzt auch grad selbst (ich hab ihn mir vorm Absenden nicht nochmal angesehen, gebe ich beschämt zu), dass es etwas viel ist - ich setz mich gleich dran und machs lesbarer.
Hallo zusammen,
ich musste bei einigen Beiträgen nicken und dachte, ja, das sehe ich auch so. Für mich ist u. a. auch sehr wichtig, dass der Sprachrhythmus stimmt und dass der Stil dem Inhalt angemessen ist. Gerade bei Emotionen kann beides gut sein, bildhafter poetischer Stil, aber auch eine ganz einfache Formulierung ohne jeden Schmuck kann mich zum Weinen bringen, wenn das ganze Drumherum stimmt. Ich denke, wenn man überladen schreibt, dann ist das auch kein guter Stil, weil ihm die Angemessenheit fehlt. Oder man schreibt so, wie Maja es geschildert hat, das ist dann auch Mist. Wenn ich so etwas lese, ist für mich die Tür zu. I. d. R. schafft es so eine Geschichte nicht mich zu fesseln. Und wenn ich mich selbst betrachte und das alles zusammennehme, denke ich, dass das Können an erster Stelle steht. Warum? Ganz einfach: Weil ich eine Emotion nicht selbst fühlen muss um sie dem Leser zu vermitteln. Im dümmsten Fall muss ich auch nicht in der richtigen Stimmung zu sein um die Emotion zu schreiben, ich muss nichts fühlen, weil ich weiß, wie ich Worte verwenden muss, damit sie angemessen sind und eine Emotion wiedergeben. Ich merke das z. B. manchmal an meiner Schreibe, wenn ich an einer Szene sitze und gar nichts fühle und alles mechanisch von der Hand geht, ich aber danach eine Nacht drüber schlafe und beim Korrekturlesen denke, dass es doch ganz gut geworden ist. Deshalb glaube ich, je besser man sein Handwerk beherrscht, desto eher kann man dann auch genau das transportieren, was man transportieren möchte.
LG und gute Nacht,
Sanjani
Nachdem ich den Thread jetzt ein paar Tage lang verfolgt habe, aber immer zu müde war zu posten, möchte ich jetzt auch mal meinen Senf dazugeben. Eine sehr interessante Diskussion, und ich freue mich, dass sie gerade jetzt kommt, weil ich mir in der letzten Zeit auch sehr viel Gedanken über Stil gemacht habe.
Ich bin momentan mit meinem eigenen Stil sehr unzufrieden, kann aber gar nicht genau festmachen, woran das liegt, außer sicherlich an mangelnder Übung. Wie die meisten hier bin ich auch der Meinung, dass Stil und Emotionen nicht zu trennen sind. Deshalb hab ich natürlich Sorge, dass mein schlechter Stil die Geschichte runterzieht, die mir doch so am Herzen liegt, aber ich schreib jetzt einfach trotzdem weiter :prost:
Jedenfalls fällt mir in den meisten Romanen, die ich so lese, der Stil nicht besonders auf. Das ist meiner Meinung nach schonmal positiv, weil man sich auf die Geschichte konzentrieren kann, ohne irgendwo 'hängenzubleiben' und herausgerissen zu werden. Bei schlampigen Übersetzungen fällt einem natürlich öfter ein Ausdruck als komisch auf. Da kann ich aber drüber hinwegsehen, wenn das Buch ansonsten unterhaltsam bzw. spannend ist.
Trotzdem braucht ein Buch für mich mehr als nur gut lesbaren Stil, um mir wirklich im Gedächtnis zu bleiben. Es gibt Autoren wie z. B. Virginia Woolf, deren Stil ich so schön finde, dass ich manchmal ganz vergesse, was sie eigentlich sagen will. Das ist aber auch nicht schlimm, es ist für mich eben eher wie ein Gedicht zu lesen. Wenn ich dann mal durchgestiegen bin, was sie meint, berührt mich das auch sehr. Sie schafft es, durch ihre besondere Sprache auch alltäglichen Dingen etwas Besonderes zu verleihen. Das würde ich - ansatzweise! - auch gerne irgendwann mal können.
Vielleicht ist es wirklich die 'individiduelle Stimme', die für mich guten Stil ausmacht? Gleichzeitig muss es aber zum Inhalt passen und natürlich klingen. Kafka oder Ende haben ja auch eine eher einfache Sprache, aber ich kann mir vorstellen, dass gerade dahinter sehr viel Arbeit steckt.
Der Funke-Kritik muss ich mich anschließen, diese Autorin hat mich noch nie mit irgendeinem ihrer Bücher emotional mitgerissen. Ich finde ihre Plots und Charaktere irgendwie total 'weichgespült'. Als Zeichnerin finde ich sie wesentlich besser.
Just my two pennies. Ich werde noch bisschen darüber nachdenken ...
ZitatOder kommt es eher darauf an, was man mit seinen Lesern macht? Ich kenne es von mir, dass ich gar nicht mehr auf den Stil achte
Ein guter Stil ist unbedingt wichtig und unabkömmlich. Es soll natürlich nicht konstruiert wirken. Doch ein guter Stil - was ja ohnehin subjektiv ist - ist sicherlich eine Bedingung für ein gutes Buch. Emotionen beim Lesen und Stil kann man doch kaum trennen, denn im Schreiben werden Emotionen ja gerade mit Worten zum Leben erweckt.
Gerade eben habe ich das Buch "Wind" von Alex Pehov gelesen. Die Story ist mittelmässig, zum Ende hin recht gut. Doch der Schreibstil ist einfach nur zum Haare ausreissen. Ich weiss natürlich nicht, ob's an der Übersetzung liegt. Russisch (die Originalsprache) ist halt schon etwas anders als Deutsch. Aber an diesem Buch habe ich sehr gut gemerkt, wie wichtig der Schreibstil ist. Wäre das Buch besser geschrieben, würde ich den zweiten Teil sicherlich auch noch lesen. Aber ich ärgere mich richtiggehend, dass ich mir als Leserin sowas schlecht Geschriebenes antun soll.
Allerdings finde ich es widerum unnötig, dass man Geschichten stets total super individuell, kreativ und ausgeklügelt erzählt. Es darf von mir aus auch mittelmässig geschrieben sein. Aber eben auch nicht schlechter als mittelmässig. Wenn z.B. jemand ständig gleiche Verben oder Adjektive benutzt, die Sätze nicht rhythmisch und im Fluss sind oder die Wortwahl nicht passt, dann überzeugt das wenig. Ich bin zum Beispiel etwas heikel in Fantasy-Romanen, die in einer mittelalterlichen Zeit spielen und dann gebraucht ein Autor so hochmoderne Begriffe wie
Briefträger oder
Kommunikation oder
Qualität. Das ist für mich auch ein schlechter Stil, der mich echt stört.
Dass einem übrigens der Stil beim Lesen nicht auffällt, heisst ja noch nicht, dass das deswegen ist, weil der Stil nicht vorhanden ist. Es gibt prägsame Stile, jene, die Charakter haben und an die man sich länger erinnert und es gibt die "leisen" Stile, die eher neutral gehalten werden. Beide Stile können zum Erfolg eines Buches beitragen. Wichtig daran finde ich einfach, dass es stimmig geschrieben ist. Stimmig ist aber schwierig zu definieren...
Ich glaube, dass Emotionen - sofern sie nur stark genug sind - sich eindeutig gegen Können, Stil, Vernunft usw. durchsetzen.
Letztlich bestimmen Emotionen unser Leben viel stärker als intellektuelle Überlegungen. Die meisten Entscheidungen, die wir treffen, basieren auf Gefühlen, wir rechtfertigen sie nur mit rationalen Überlegungen. Insofern fühlen wir von einem Buch, das starke Emotionen in uns hervorruft, viel stärker angezogen, als einem Buch, das "nur" schön geschrieben, gut konstruiert und in sich logisch ist.
Deshalb lesen viele Menschen gern dramatische, übertriebene Liebesromane :d'oh: oder reißerische Thriller, deshalb ist Hollywood so erfolgreich. Die meisten Leser wünschen sich sicherlich beides, aber am Ende gewinnt doch die Emotion.
Das erklärt auch, warum Kritiker und Wissenschaftler oft einen völlig anderen Blick auf Kunst, Literatur, Architektur usw. haben. Sie bewerten das "Werk" mit dem Verstand, "intellektualisieren" es, was naturgemäß häufig zu einem völlig anderen Ergebnis führt.
Ich würde diese Erkenntnis jetzt nicht unbedingt als Leitfaden für mein Schreiben nehmen wollen, aber so sieht meiner Meinung nach die Realität aus ;)
Ich sags ja nur ungern, aber ich lese hier aus einigen Posts heraus, das Erzeugen von Emotionen beim Leser sei wichtiger als Können. Natürlich wollen die Leute emotional angerührt werden - auf welcher Ebene auch immer - deshalb kaufen sie ja schließlich Romane. Vorwiegend zumindest.
Romane allerdings transportieren ihre "Botschaft" über ein bestimmtes Medium, nämlich über Sprache. Wenn die Sprache aber Mist ist, wie soll sie dann Emotionen hervorrufen? Dabei geht es nicht darum, ob der Stil eher sachlich oder sehr poetisch ist. Ich fand Max Frisch zum Beispiel immer hochemotional, obwohl er manchmal fast Beamtensprache schreibt. Selbst Heftromane, Liebesschnulzen oder Thriller folgen einem gewissen "Stil", den man sicherlich für banal und sogar lächerlich halten kann, was allerdings nichts daran ändert, das ein System dahinter steckt, das vom Autor ein gewisses Maß an Sprachbeherrschung und -verständnis verlangt, um es reproduzieren zu können.
Wer keinen "Stil" hat, das bedeutet, wer die Sprache nicht im Griff hat, der kann letztlich auch keine Emotionen vermitteln, und ich meine aus einigen Beiträgen herauszulesen, es ginge eben auch ohne Können, wenn man nur die Emotion transportiert. Um das Handwerk kann sich eben niemand drücken.
Ich kann mich Lavendel nur anschließen. Ein Beispiel für ein Schriftstück, dass das Erzeugen von Emotionen beim Leser über alles Können, Stil, Recherche, Ethik etc. stellt, ist die Bildzeitung. Wollt ihr wirklich dahin? Oder ist das nicht doch etwas billig? Schreiben ist mehr als nur ein reiner Gefühlsporno, wenn ihr mich fragt.
Maja, so hatte ich das auch nicht gemeint, als ich den Thread eröffnet habe. Mir ging es eher darum, ob klinisch kaltes Können überhaupt ausreicht, um ein gutes Buch zu schreiben. Oder ob nicht auch das Erzeugen von Emotionen wichtig ist. Ich möchte kein Buch lesen, indem mir die Figuren völlig egal sind und, wenn ein Autor es schaffte mich traurig oder glücklich werden zu lassen, weil mit einer fiktiven Person etwas passiert, dann finde ich das schon gut. Ich mag aber auch kein Buch lesen, in dem von einer schrecklichen Katastrophe in die nächste gerauscht wird, um ja alles dramatisch und drastisch aussehen zu lassen. Das ist auch nicht das, was ich unter Emotionen erzeugen verstehe.
Ich würde auch nie sagen wollen, es könnte ohne Können gehen, wenn man Emotionen vermitteln kann. Keineswegs. Dass das nicht geht, sieht man ja an machen Fanfictions, da ist das meiner Meinung nach Gang und Gebe Emotionen über schriftstellerisches Können zu stellen und meistens ist das Ergebnis unterhaltsam, aber auch zum Fremdschämen. Und von Ethik, Recherche und dergleichen hatte ich auch gar nicht anfangen wollen, das ist nochmal ein ganz anderes Fass, finde ich.
Wie, in diesem Thread habe ich noch nicht geschrieben? Ich sag' doch, Jugendalzheimer.
In meinen Augen braucht ein guter Roman ein 50/50-Verhältnis aus Können und Emotion. Ein Buch kann noch so gut geschrieben sein - wenn es absolut gefühlskalt daherkommt, kann es mich nicht fesseln, und es ist wahrscheinlich, dass ich es beiseite lege. Da hilft der beste Stil nicht. Andersherum bringen mir aber auch Emotionen nichts, wenn sie schrottig verpackt sind.
Die Unterscheidung zwischen Können und Emotion finde ich ohnehin etwas seltsam. Gefühle rüberzubringen, den Leser damit zu fesseln, ihn ganz eintauchen zu lassen in die Welt und die Figuren, das ist eine Kunst, und als solche erfordert es Können, meiner Meinung nach nicht gerade wenig davon.
Mir persönlich ist auch wichtig, dass der Sprachstil des Autoren zur Geschichte, zum Setting und zu den Figuren passt. In einer mittelalterlichen Welt werden wohl kaum Begriffe wie, was weiß ich, Klamotten oder knutschen verwendet werden. Wenn der Autor das dann trotzdem macht, geht mir das ziemlich gegen den Strich. Genauso finde ich es aber seltsam, wenn der Cyborg-Protagonist einer 3000 Jahre in der Zukunft spielenden Dystopie auf einmal sagt: "Mich deucht, Euch stach der Hafer?"
Die Leser emotional anzusprechen ist doch ein Teil des schriftstellerischen Könnens. Ich kann das nicht auseinanderdividieren. Wer bei seinen Lesern kein Gefühl auslöst, kann auch nicht literarisch schreiben. Höchstens Gesetzestexte oder so. Das erfordert ja auch einen gewissen Stil und ein hohes Maß an Können, hat aber mit Literatur gar nichts zu tun.
Zitat von: Lavendel am 21. Juni 2013, 09:09:59
Wer keinen "Stil" hat, das bedeutet, wer die Sprache nicht im Griff hat, der kann letztlich auch keine Emotionen vermitteln, und ich meine aus einigen Beiträgen herauszulesen, es ginge eben auch ohne Können, wenn man nur die Emotion transportiert. Um das Handwerk kann sich eben niemand drücken.
Ich schliesse mich dem vollends an.
Kati,
Gibt es ein "kaltes Können", wie du schreibst? Irgendwie ist mir dies noch nie begegnet. Können und Erzeugen von Emotionen sind doch untrennbar. Wenn jemand schlechte Sätze macht, erzeugt das ja einfach auch keine Emotionen. Meinst du mit kaltes Können vielleicht, wenn jemand sehr formal und sachlich schreibt? Das gibt es natürlich schon.
Ich würde es mal so sagen: Es gibt gut geschriebene Bücher, die keine Emotionen hervorrufen (= gut i.S.v. korrekt geschrieben, guter Aufbau, fehlerfrei); und es gibt gut geschriebene Büche, die viele Emotionen hervorrufen (=gut i.S.v. korrekt geschrieben, guter Aufbau, fehlerfrei, guter Stil und guter Plot).
Aber ein Buch, das einen super Plot hat und emotionale Themen aufweisen kann, wirkt dann eben nicht so wie es gedacht war, weil der Autor es ja nicht so rüberbringen kann, wie er / sie es sich vorgestellt hat. Ist das nicht die eigentliche Kunst des Schreibens? Emotionales, Wichtiges und Spannendes auch emotional und wichtig und spannend rüberbringen?
Einzig die Rechtschreibung halte ich nicht für die Voraussetzung, um Emotionales transportieren zu können. Natürlich ist es unschön, wenn jemand die Kommaregeln gar nicht beherrscht oder ständig Gross- und Kleinschreibung verwechselt. Aber irgendwie scheint mir das weniger wichtig zu sein. Findet ihr nicht auch? Satzbau, Wortwahl und Textaufbau sind da viel massgebender für eine gute Geschichte.