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Leidige menschliche Bedürfnisse

Begonnen von Mari, 13. April 2022, 11:25:13

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Mari

Moin moin!

Ich habe gerade einen neuen Roman begonnen und alles war gut soweit: Meine Protagonistin wird schwer verletzt am Strand einer einamen, tropischen Insel angespült, ein Fremder findet sie und pflegt sie. Hauptsächlich versorgt er sie mit Wasser und Obst, mehr kann er ja in so einer Umgebung nicht tun.
Sie plagt sich lange mit Fieber, aber irgendwann beschließt sie, dass sie endlich mal auf die Beine kommen muss und quält sich aus der improvisierten Hütte.

Und dann, erst in genau diesem Moment, ist mir aufgefallen, dass das ja gar nicht geht. Sie hätte doch in der Zwischenzeit mal auf Toilette gehen müssen! Vorher ist mir das nicht störend aufgefallen, sowas wird ja üblicherweise weggelassen. Aber wenn mir das auffällt, wird das einem Leser vielleicht auch auffallen?

Aber wie kann ich sie auf Toilette schicken?

In einem modernen Krankenhaus hätte sie in der Situation eine Bettpfanne oder sowas gekriegt. Aber natürlich läuft mit dem geheimnisvollen Retter später noch was und das wäre ja mal ein furchtbarer Anfang für sowas! (Vielleicht auch aus genau diesem Grund interessant/lustig?)

Aber sie alleine raus zu schicken - dafür ist sie eigentlich nicht fit genug. Und außerdem will ich mich nicht darum kümmern zu beschreiben, wie man outdoor auf Toilette geht, ist ja kein Survival Buch.

Aber weiter mit diesem blinden Fleck herumlaufen und hoffen, dass der Leser es mir verzeiht  :hmmm: Gefällt mir auch irgendwie nicht. Andererseits macht mir alles anderen den bisherigen Plot kaputt, es wäre mega nervig!

Was würdet ihr machen? Bettpfanne, raus quälen oder stillschweigend ignorieren? Oder hat vielleicht jemand noch eine andere Idee?

Danke schonmal!
Mari

Manouche

#1
:hmmm:
Also ignorieren würde ichs nicht.
Ich denke sie muss irgendeine Art Nachttopf haben. Etwas was er ihr behelfsmässig zusammenbaut oder so?
Je nach Charaktere kannst du ja damit gerade zeigen wie sie in so einer Situation reagieren. Sie braucht seine Hilfe, will ihn aber vermutlich nicht zu nahe an sich, er soll wegschauen etc.
Was denkt er? Vielleicht ist es ihm noch unangenehmer. oder er findet ihr Getue übertrieben... Ich könnte mir diese Szene interessant vorstellen. Das braucht ja nur einmal vorzukommen. Aber dann nutzt du es gleich um die Geschichte oder ihr Verhältnis voranzutreiben.
Meine Meinung ;)

Goldrabe

Hallo  :winke:

Ich würde es tatsächlich unerwähnt lassen. Ich denke, dass die meisten Leser einfach darüber hinweg lesen. Solche kleinen Plotholes findet man häufig in Romanen und nur selten stören sie, finde ich zumindest.

Wenn du es allerdings einbauen willst, fällt mir erstmal auch nur der geheimnisvolle Retter ein. Ich finde, es spricht auch nichts dagegen, dass er ihr hilft.
ZitatJe nach Charaktere kannst du ja damit gerade zeigen wie sie in so einer Situation reagieren. Sie braucht seine Hilfe, will ihn aber vermutlich nicht zu nahe an sich, er soll wegschauen etc.
Das hat schonmal Konfliktpotential.

Ansonsten überspringe ich solche Stellen auch gerne mal und schreibe erstmal weiter, um die Story voranzutreiben. Das Toiletten-Problem ist ja für den weiteren Handlungsverlauf nicht so wichtig. Vielleicht fällt dir ja etwas ein, wenn du ein bisschen Abstand von der Szene hast. So geht mir das oft.
"Die Tugend nistet, wie der Rabe, mit Vorliebe in Ruinen."
Anatole France

Alana

#3
Ich würde es auch erwähnen, es stört nicht, sondern im Gegenteil macht die Situation greifbarer. Bei sehr hohem Fieber ist es aber durchaus denkbar, dass sie eine relativ lange Zeit nicht aufs Klo muss, weil jedes bisschen Wasser im Körper genutzt oder ausgeschwitzt wird, das könntest du mal recherchieren. Vielleicht reicht diese Spanne schon, damit sie danach rausgehen kann. Aber einfach unterschlagen würde ich es nicht.
Ich brauche jetzt kein Entenfett.

Mari

Danke schonmal für eure Eindrücke!

Ich glaube auch so langsam, dass ich es nicht einfach totschweigen will. Es zu nutzen, um die Charakterisierung und die Beziehung ein bisschen voran zu treiben, gefällt mir. Das macht es ein bisschen erträglicher, das einzubauen.

Einen Nachttopf auf einer unbewohnten tropischen Insel zu finden, ist allerdings nicht so leicht  ;D für Trinkgefäße behelfe ich mir mit Kokosnüssen, aber die sind dazu ein bisschen zu klein. Vielleicht kann ich mir eine große Muschel erfinden  :hmmm:

Ach, wie schön wäre das Leben, wenn man nicht mehr auf Toilette müsste! (ich war schon immer der Meinung, das WC ist eine der großartigsten Erfindungen der Zivilisation und jede Wanderung bestätigt das)

Goldrabe

ZitatVielleicht kann ich mir eine große Muschel erfinden
Oder du nimmst den Panzer einer Riesenschildkröte :hmmm:
"Die Tugend nistet, wie der Rabe, mit Vorliebe in Ruinen."
Anatole France

TinkersGrey

Mich würde das "wie genau geht das denn" nicht so sehr interessieren. Eher im Gegenteil.

Wenn deine Figuren essen, beschreibst du sicher auch nicht ausführlich, wie das Essen zubereitet wird, oder?
Es könnte den Text langsamer machen und von der eigentlichen Handlung ablenken.

Aber den Umstand zu nutzen, dass sie auf seine Hilfe angewiesen ist und es ist ihr und/oder ihm eventuell peinlich ist, könnte was hergeben. Die Details können weg, da würde mir eine Andeutung vollauf genügen.
"Sie sah zur Seite, als er vorsichtig die große Muschel/Kokosnuss/große Blatt mit Moos fortnahm." z.B.

Indigo

#7
Also ich schließe mich der Fraktion "weglassen" an. Es wird so vieles in Romanen nicht beschrieben, was mir beim Schreiben auch selbst auffällt. Das sind einfach so Situationen oder Punkte, die man als Mensch zwar macht, die für die Geschichte keine Rolle spielen. Mein erster Impuls beim Schreiben ist auch, dass ich nun beschreiben müsste was z.B. Nebenfigur B macht, wenn der Prota und Nebenfigur A in ein Haus gehen. Bleibt B einfach stehen, wohin geht er? Ne, einfach weglassen, interessiert nicht, da die Geschichte beim Prota weitergeht.

Im Fall von deiner Toilette ist ein bisschen was anderes, aber ich würde es trotzdem weglassen und auch hinterher nicht zum Thema machen, denn dann könnte der Leser tatsächlich darüber nachdenken.

Fällt mir noch ein: Je nachdem wie schwer angeschlagen sie ist, fährt ja auch der Stoffwechsel und dementsprechend weniger verdaut sie.
Du konntest es weder verhindern, noch kannst du es jetzt ändern.

Alana

#8
Also mir fällt sowas extrem unangenehm auf, wenn man einfach merkt, das wurde nicht erwähnt, weil es ein logisches Problem ist. Und ich mag es auch einfach, wenn jemand bei einem tagelangen Ritt mal eine Pinkelpause macht oder erwähnt wird, wie eine Person mlt Gebärmutter, die in eine andere Zeit versetzt wurde, dort mit ihrer Periode klar kommt. Ich finde, die Zeit, in der man sowas verschämt verstecken musste, ist vorbei. Das bedeutet aber nicht, dass man es ausführlich beschreiben muss, da stimme ich absolut zu. Es reicht ja ein Nebensatz wie "immer wieder half sie*er ihr vor die Tür, damit sie sich erleichtern konnte". Nicht falsch verstehen, natürlich bleibt es allen Schreibenden selbst überlassen, ob sie das einbauen wollen. Aber man kann sowas ja auch für den Plot und / oder witzige Dialoge nutzen. Habe ich mit einer Pinkelpause selbst schon gemacht.

In diesem Fall, wenn es sich, wie ich oben schrieb, durch das Fieber erklären lässt, dass sie einfach nicht muss, dann bräuchte ich auch keine Erwähnung. Aber wenn sie da länger als ein bis zwei Tage liegt, fände ich es schon gut.
Ich brauche jetzt kein Entenfett.

Sonnenblumenfee

Ich finde natürlich auch, dass man beim Schreiben nicht alles erwähnen muss. Hier geht es aber um etwas, was ungewohnt/neu und ein Problem ist. Je nach Setting stellt sich zum Beispiel auch die Frage, ob die Prota überhaupt schon mal etwas wie einen Nachttopf benutzt hat. Es wäre also vermutlich schon etwas, worüber sie nachdenken und woran sie sich erinnern würde, und deshalb schon erwähnenswert. Ob man das nur in einem (Neben-)satz à la "Sie war froh, sich endlich wieder alleine erleichtern zu können und nicht mehr auf die Kokosnuss als Nachttopf angewiesen zu sein." abhandelt oder tatsächlich beschreibt, um es zum Beispiel zur Charakterisierung zu nutzen, ist natürlich eine andere Frage.

Mir fällt es beim Lesen nicht unbedingt unangenehm auf, wenn so etwas fehlt, weil ich da meist nicht drüber nachdenke, aber es fällt mir sehr positiv auf, wenn es erwähnt wird, weil es für mich das Setting und die Geschichte irgendwie greifbarer macht.

"Discipline is my freedom" - Gretchen Rubin

Malou

#10
Mir fällt "sowas" (wo geht's aufs Klo, was macht Frau bei Periode usw.) auch immer positiv auf, wenn es erwähnt ist. Es kann ja nur kurz sein, ohne Detailbeschreibung. Ich finde ebenfalls, es macht alles realistischer, auch die Figuren. Ich merke es beim Lesen selbst oft nicht wenn solche Logikfehler drin sind, aber ich mag es, wenn der Autor zeigt, dass er sich über solche Dinge Gedanken gemacht hat - vor allem, wenn sie wie in deinem Fall ja doch relevant sind
»Ich werde dich nicht töten, Ossian von Cumhaill. Nein, ich werde zusehen, wie du lebst.«.


Antigone

Ich schließ mich der Fraktion "erwähnen" an. Mich stört das schon bei Büchern, wenn jemand tagelang im Bett liegt (oder gar im Koma), aber keinerlei menschliche Bedürfnisse dabei erwähnt werden.
Man muss es ja nicht detailliert beschreiben, aber irgendwie in der Richtung, dass ihr zwischen ihren Fieberträumen nicht nur auffällt, dass er sie füttert wie ein kleines Kind, sondern sie auch mal auf den Nachttopf hebt...

lg, A.

Mera

Hi,
ich würde sagen, es kommt darauf an, ob sie das schon mal durchgemacht hat.
Eine schwere Verletzung/Krankheit, die einen im Bett hält ist alles andere als angenehm. Mir wurde während meiner Zeit im Krankenhaus auch ein Toilettenstuhl angeboten, aber ich konnte und wollte das nicht. Ging einfach nicht. Hab mich stattdessen mit Schwindel, Übelkeit und Co lieber aufs Klo geschleppt.
Ich finde, dass man das wirklich gut nutzen kann. Ist sie so stur, dass sie die Schmerzen und alles andere in Kauf nimmt? Vlt sogar umkippt, weil sie auf niemanden angewiesen sein will?
Außerdem kann das Menschen auch zsm schweißen. Wer wäre seinen Pflegenden nicht unendlich dankbar?
Diese Dankbarkeit könntest du mit ersten Gefühlen mixen. Hochemotionen können ja auch mal verwechselt werden.
Das Brückenexperiment beschreibt das ganz gut. Hier einmal ein Link https://de.wikipedia.org/wiki/Verliebtheit#Das_Br%C3%BCckenexperiment
Klar, dabei geht es um Angst, aber wer kennt die menschliche Psyche schon vollständig  ;)
Egal wie du es handhabst, ich würde deine Lösung am Ende gerne lesen  :buch:
LG
Morgen ist auch noch in Tag ... alles auf Anfang!

Sanjani

Hallo zusammen,

noch mal kurz zurück zum Wie: Wie wäre es mit einer Art Windel? Kleine Babys hatten ja schon vor Pampers und Co Stoffwindeln. Warum sollte man das bei Erwachsenen nicht auch so machen? Unc wen er keinen Stoff für so was zur Verfügung hat, also kein altes Bettlaken, das er zurechtschneiden kann oder so, dann vielleicht irgendwelche Palmenblätter oder so? Als ich das gelesen habe, ist mir übrigens auch aufgefallen, dass ich so was in meinen Fantasy Settings auch gerne unerwähnt lasse. Tatsächlich würde es mich aber ach interessieren, wie man so was früher gemacht hat, wenn jemand z. B. viel geschlafen und kaum wach oder zu schwach war. Hat man da Windeln genutzt, die Person auf den Nachttopf gehoben - dazu müsste man aber wissen, wann sie muss, oder wie genau ging das? Kennt jemand Quellen?

LG Sanjani
Die einzige blinde Kuh im Tintenzirkel :)

Goldrabe

ZitatTatsächlich würde es mich aber ach interessieren, wie man so was früher gemacht hat, wenn jemand z. B. viel geschlafen und kaum wach oder zu schwach war. Hat man da Windeln genutzt, die Person auf den Nachttopf gehoben - dazu müsste man aber wissen, wann sie muss, oder wie genau ging das? Kennt jemand Quellen?
Also im Mittelalter hat man Bettpfannen benutzt. Da gibt es Holzschnitte, die das belegen. Und so eine Pfanne kann man ja auch einfach unter eine schlafende Person legen.

Ansonsten ist es auch eine Frage, wer behandelt wurde. Ich habe gelesen, dass die Leute im Mittelalter für ihr Bett im Hospital oder Kloster, wo sie u. a gepflegt wurden, bezahlen mussten. Oder sie mussten ihr eigenes mitbringen. Ansonsten wurden sie ins Stroh gelegt. Wie sehr sich dann um solche arme Leute gekümmert wurde, bleib fraglich. Der Stand spielt bestimmt, wie so oft, auch hier eine Rolle. Wo ich das gelesen habe, weiß ich leider nicht mehr.
"Die Tugend nistet, wie der Rabe, mit Vorliebe in Ruinen."
Anatole France