Tintenzirkel - Das Fantasyautor:innenforum

Handwerkliches => Workshop => Thema gestartet von: Halblingschruut am 08. März 2020, 10:38:46

Titel: Multiperspektive?
Beitrag von: Halblingschruut am 08. März 2020, 10:38:46
Zitat
Zunächst kann man Multiperspektivität oder multiperspektivisches Erzählen „als eine Form der narrativen Vermittlung [definieren], bei der ein und derselbe Sachverhalt aus zwei oder mehreren Sichtweisen [beziehungsweise] individuellen Standpunkten unterschiedlich dargestellt wird“[2]. So kann es sich hierbei um die Beschreibung eines Geschehens, einer Epoche, einer Figur oder eines Themas aus unterschiedlichen Blickwinkeln handeln[3]

Das ist eine der Definitionen, die ich im Internet zu diesem Thema gefunden habe.
Mich würde interessieren, ob ihr mit dieser Art der Perspektive etwas anfangen könnt oder sie sogar selber benutzt?

In meinem aktuellen Projekt (Fantasy), schreibe ich aus der Sicht meiner zwei Protagonisten, die am Anfang gar nichts miteinander zu tun haben, sich deren Schicksal aber immer mehr miteinander verbindet.
Sie treffen sich eher aus "Zufall" und haben alles andere als einen guten Start, dennoch spielen sie ab da immer eine kleine Rolle in der Welt des Anderen, was der Leser durch etwaige Gedanken, Träume etc auch erfährt.

Eine bekannte Buchreihe für dieses Beispiel finde ich die "Save me/you/us" Bücher von Mona Kasten.
Im ersten Buch sind es noch 2 Perspektiven, die in der "Ich-Perspektive" geschrieben sind, im dritten Buch wechseln sich dann schon 5 miteinander ab.

In meinen zwei Perspektiven habe ich jeweils den personalen Erzähler verwendet, einfach weil ich nicht mehr so gern den Ich-Erzähler verwende.

Wie steht ihr zu diesem Thema? Habt ihr Tipps oder Anregungen? Findet ihr diese Art des Schreibens vielleicht sogar ganz schrecklich?

Bin gespannt!  :buch:
Titel: Re: Multiperspektive?
Beitrag von: Elona am 08. März 2020, 11:57:40
Ich bin verwirrt. Mehrere Perspektiven in einem Buch ist ja überhaupt kein Thema und unter Multiperspektivität hätte ich mit der Definition verstanden, dass ein und der gleiche Sachverhalt in diesen dargestellt wird. Beispiel: Person A erschießt Person B. C und D beobachten das und aus beiden Sichten wir das dann erzählt. Dafür gilt, wie bei so ziemlich allem beim Schreiben, kann funktionieren, muss aber nicht. Ich habe das bei kleinere Szenen schon gemacht und bisher immer die Rückmeldung bekommen, dass es nicht störend war, sondernd im Gegenteil. Aber auch das ist natürlich eine Frage des Geschmackes und es sollte einen Grund haben, warum du dieses - äh - Werkzeug anwendest bzw. der Geschichte einen Mehrwert geben.  ;)
Titel: Re: Multiperspektive?
Beitrag von: Araluen am 08. März 2020, 12:04:57
Ich kenne die Multiperspektive (wenn es da denn tatsächlich eine ist) aus Peter V. Bretts Dämonensaga. Allerdings wird sie hier auf mehrere Bände aufgeteilt. So wird Band 2 großteils aus Perspektive der Figur A erzählt. Dabei geht es um seine Lebensgeschichte, bis sie sich mit den Ereignissen aus Band 1 kreuzt und dann weitergeführt wird. Im darauffolgenden Band verfolgt man die Geschichte der Figur B, die bereits in der Geschichte von A eine große Rolle spielt (sie sind verheiratet). Ab einem bestimmten Punkt erlebt man die Geschichte aus Band 2 im Grunde noch einmal, nur eben aus der Perspektive von B (und mit Handlungssträngen die allein B betreffen und von denen A keine Ahnung haben konnte). Das führt auch dazu, dass man seine eigene Sympathie für B noch einmal überdenkt, da man nun ihr Handeln, das man in Band 2 nur aus zweiter Hand erfährt, nachvollziehen kann.
Diese Art der Multiperspektive hat für mich gut funktioniert. Ich fand es recht spannend, zumal die Begebenheiten nicht zweimal erzählt wurden, sondern jede Perspektive ihren eigenen Handlungsverlauf und Motive hatte - nur die Kernereignisse (zum Beispiel das erste Treffen zwischen A und B oder die spätere Hochzeit) waren die gleichen.
Eine Szene erst aus der einen und dann direkt aus der anderen Perspektive zu erzählen, wäre mir als Leser zu viel Wiederholung. Es ändert sich ja nichts an der Szene an sich, nur wie sie vom Perspektivträger gewertet wird. An der Stelle bin ich dann eher Handlungsfokussiert und bleibe lieber bei einer Perspektive.

Zwei oder auch mehr Perspektiven mit unterschiedlichen Handlungssträngen zu haben, die sich immer wieder kreuzen, sind für mich völlig in Ordnung.

Und wie @Elona schon so treffend sagte: Man sollte in jedem Fall wissen, warum und wie man dieses Werkzeug einsetzt.
Titel: Re: Multiperspektive?
Beitrag von: Churke am 08. März 2020, 12:38:43
Die Schule der Multiperspektive ist Propaganda. Da werden aus der gleichen Handlung entgegengesetzte Geschichten gestrickt. Meist es aber sinnvoller, Szenen nicht doppelte zu erzählen, sondern sie die Gegenfigur reflektieren zu lassen.

Titel: Re: Multiperspektive?
Beitrag von: Fianna am 08. März 2020, 12:47:05
Ich verstehe diese Multiperspektive nach der im Eingangsbeitrag zitierten Definitiom so, dass exakt derselbe (kurze) Zeitraum von mehreren Perspektiven beschrieben wird.
Z.b. der Abend vor der Schlacht, die Thronbesteigung  o.Ä.

Das mache ich relativ selten.
In der Regel erleben meine Perspektivträger unterschiedliche Ereignisse, abgesehen von Schlüsselelementen (A besteigt den Thron, B will A währenddessen meucheln, schafft es nicht, und A bekommt nix davon mit - dieselbe Zeitspanne aus verschiedenen Perspektiven).

Und falls das nicht gemeint war, bin ich nicht sicher, ob ich die Frage verstanden habe. Verschiedene Perspektivträger scheinen mir die Regel statt die Ausnahme zu sein, im historischen Roman etwas seltener, aber auch dort kommt es oft vor.
Titel: Re: Multiperspektive?
Beitrag von: Halblingschruut am 08. März 2020, 13:09:24
Diese Art der Multiperspektive hat für mich gut funktioniert. Ich fand es recht spannend, zumal die Begebenheiten nicht zweimal erzählt wurden, sondern jede Perspektive ihren eigenen Handlungsverlauf und Motive hatte - nur die Kernereignisse (zum Beispiel das erste Treffen zwischen A und B oder die spätere Hochzeit) waren die gleichen.
Eine Szene erst aus der einen und dann direkt aus der anderen Perspektive zu erzählen, wäre mir als Leser zu viel Wiederholung. Es ändert sich ja nichts an der Szene an sich, nur wie sie vom Perspektivträger gewertet wird. An der Stelle bin ich dann eher Handlungsfokussiert und bleibe lieber bei einer Perspektive.

Zwei oder auch mehr Perspektiven mit unterschiedlichen Handlungssträngen zu haben, die sich immer wieder kreuzen, sind für mich völlig in Ordnung.

Ja genau, an einigen Stellen musste ich bei mir auch nochmal umschreiben, weil ich das wiederholt hatte, was der Leser eigentlich durch die vorige Szene schon wusste.
Momentan haben beide noch komplett unterschiedliche Pläne und Aufgaben vor sich, irgendwann müssen sie sich aber zusammenschliessen und ab da bin ich mir dann nicht mehr so sicher, wie ich das schreiben soll..
Ich kann ja schlecht stur mit 2 Perspektiven anfangen um nachher, wenn sie beide das gleiche erleben, nur noch mit einer weitermachen? Das wäre dann ja irgenwie komisch  :hmmm:

Die Schule der Multiperspektive ist Propaganda. Da werden aus der gleichen Handlung entgegengesetzte Geschichten gestrickt. Meist es aber sinnvoller, Szenen nicht doppelte zu erzählen, sondern sie die Gegenfigur reflektieren zu lassen.

Also meinst du damit, dass Person A etwas macht, Person B zuschaut/ davon weiss und danach über die Tat von Person A urteilt/ nachdenkt?


Ich verstehe diese Multiperspektive nach der im Eingangsbeitrag zitierten Definitiom so, dass exakt derselbe (kurze) Zeitraum von mehreren Perspektiven beschrieben wird.
Z.b. der Abend vor der Schlacht, die Thronbesteigung  o.Ä.

Das mache ich relativ selten.

Ja genau. Da dachte ich zuerst dran, als ich mit meinem Plot anfing. Habe die Idee aber schnell wieder verworfen, weil ich mir nicht wirklich etwas drunter vorstellen konnte. Darum interessiert es mich, ob andere diese Methode vielleicht öfters anwenden.
Oder ob man sie zwischendurch miteinbauen kann, ohne dass es sich dann stockend liest? :hmmm:
Titel: Re: Multiperspektive?
Beitrag von: Fianna am 08. März 2020, 13:24:24
Das wende ich sehr sehr sparsam ein, z.b. um Suspense aufzubauen. Ich bevorzuge Riddle-Plots, also habe ich häufig Verschwörungen, Geheimnisse usw.

Aber in der Regel versuche ich, neben Suspense noch weitere Gründe zu finden (Informationen, die nur in der zweiten Perspektive gegeben werden können) und generell versuche ich es zu vermeiden und aufeinander folgzende Augenblicke für die Perspektivträger zu finden.

Ich bin da grundsätzlich nicht abgeneigt -  versuche es aber zu vermeiden, wann immer es geht, denn ich lege viel Wert auf Symmetrie im Plot (z.b. 3 Kapitel Prota, 1 Kapitel Anta, 3 Kapitel Prota, 1 Kapitel Anta usw) und bevor ich dieses Stilmittel für exakt denselben Zeitraum nur einmal verwende (oder sehr viel / alle paar Kapitel), nutze ich es lieber gar nicht.

Nur wenn es sich auf keinen Fall anders im Plot lösen ließe.
Titel: Re: Multiperspektive?
Beitrag von: Jen am 08. März 2020, 14:18:03
Mehrere Blickwinkel können durchaus spannend sein, siehe Filmtrailer zu "8 Blickwinkel" (https://www.youtube.com/watch?v=WiGjzadhwqc) und dem jüngst erschienen Kinofilm "Knives Out".
Das hat meines Erachtens rein gar nichts mit "Propaganda (https://www.duden.de/rechtschreibung/Propaganda)" zu tun. Überhaupt nichts.
Titel: Re: Multiperspektive?
Beitrag von: Fianna am 08. März 2020, 14:37:31
Das sind ja Thriller/Krimis, ich hatte die Frage jetzt eher auf Phantastik bezogen...  :hmmm: 

Für Thriller würde ich meine Antwort ändern.
Titel: Re: Multiperspektive?
Beitrag von: Jen am 08. März 2020, 14:44:09
Für Fantasy ist das natürlich schwieriger, aber nicht unmöglich. Es muss halt ein Verbrechen oder ein ähnliches Geheimnis geben, das so komplex ist, dass mehrere Perspektiven möglich sind. Ich habe das im dystopischen Kontext schon getan, da aber bislang mit maximal zwei Perspektiven (quasi "von innen und außen").
Titel: Re: Multiperspektive?
Beitrag von: Nikki am 10. März 2020, 10:47:28
Ich verwende Multiperspektive, allerdings anders als die vorangestellte Definition vermuten lässt. In meinem Monsterkomplex (> 20 "wichtige" Figuren) schreibe ich in personaler Multiperspektive und zwar nach Reißverschlussprinzip. Das kann heißen, dass Person A Perspektiventrägerin am Anfang der Szene ist, am Ende der Szene aber Person B Perspektiventräger ist. Oder wenn die Szene umfangreich und komplex in Handlung und Konflikt ist, dass Person A zwar zu 90% der Szene Perspektiventrägerin ist, die restlichen 10% aus der Sicht einer anderen oder mehreren Personen erzählt werden.

Wann wechsle ich die Perspektive? Wenn eine neue Perspektive die Szene aufwertet, indem sie neue Informationen beisteuert und den Konflikt, der die Szene dominiert, in ein neues Licht stellt. Ein Beispiel: Es kommt zu einem Verbrechen/Unrecht, das Person A sühnen will und Person C wegen unterlassener Hilfeleistung in der Verantwortung sieht, aus der Perspektive von C erfährt man allerdings, dass mehr dahintersteckt, als Person A wahrhaben möchte und die Frage nach der Schuld nicht so leicht zu beantworten ist.
Oder wenn die ursprüngliche Erzählfigur sich im Moment nicht zum Erzählen eignet. Ein Beispiel: Es gab einen Überfall, der Person A unter Schock stehen lässt, nun führt Person B weiter durchs Geschehen, weil die, ihrem Charakter entsprechend, abgeklärter ist.
Hin und wieder verfahre ich auch nach dem Ping-Pong-Prinzip, wenn zwei (oder mehr Figuren) sich in ihrer Perspektive abwechseln. Dieses Vorgehen eignet sich aber meiner Meinung nach nur, wenn a) die Personen ausgeprägte Charaktere haben und klar voneinander unterscheidbar sind und b) sie zu demselben Konflikt vollkommen unterschiedlich eingestellt sind.

Multiperspektive bei ein und demselben Sachverhalt stelle ich mir mühselig vor (vielleicht ist aber auch nur derselbe Konflikt bzw. in derselben Szene gemeint?), v.a. wenn man jedes Mal alles wieder von Neuem aufrollt. Kapitelweise neue Perspektiven einzuführen, gefällt mir nicht unbedingt, weil da die Wahrscheinlichkeit ziemlich hoch ist, dass bereits Erzähltes wiedergekäut wird und man da wirklich die einzelnen Ereignisse auf die Goldwaage legen muss, ob sie es auch wert sind, nochmal erzählt zu werden.
Titel: Re: Multiperspektive?
Beitrag von: Jen am 10. März 2020, 12:02:27
Verstehe ich das richtig, dass du im Laufe eines Kapitels bewusst die Perspektive wechselst? Finden das Leser nicht total anstrengend, also ... ich hab das früher versehentlich gemacht und habe dafür immer schlechtes Feedback bekommen, vor allem von AutorInnen. Jetzt ärgere ich mich schon, dass in einem neuen Projekt Folgendes passiert: Die Perspektivträgerin des Kapitels verschwindet am Ende des Kapitels komplett, heißt sie verlässt nicht nur den Raum, sondern verschwindet komplett aus der "Welt". Ich schreibe aber noch die Reaktion der Person auf, die mit meiner Perspektivträgerin am Tisch saß. Auch wenn das nur wenige Sätze sind, stört mich diese Stelle wahnsinnig. Gar keine Reaktion zu zeigen, ist aber komisch. (Es sei denn, ich schiebe die Reaktion in das Kapitel, in dem die Tisch-Person die Perspektive hat ... hmmm).
Ich habe auf jeden Fall im Kopf, dass plötzliche Perspektivwechsel ein No-Go sind. Oder machst du dann immer Absätze dazwischen? Und wie oft?
Titel: Re: Multiperspektive?
Beitrag von: Nikki am 10. März 2020, 12:40:06
Es ist ungewohnt und wahrscheinlich auch ungewöhnlich, da gebe ich dir Recht. Ob es der Mehrheit gefällt, weiß ich erst, wenn ich es im Herbst veröffentliche. Das bisherige Feedback war dann negativ(er), wenn die Personen nicht gut auseinander haltbar waren und es zu Verwirrung kommt, wer denn nun was sagt. Mir wurden eher auktoriale Einschübe angekreidet als Perspektivenwechsel, wo mir mein eigenes Gefühl auch sagt, dass auktoriale Sätze raus müssen.

Ich denke, es kommt auf die Mischung an und ob sich die Geschichte dafür eignet. Wenn im gesamten Roman 99% nur eine Perspektive da ist und dann plötzlich eine neue auftaucht, weil es einfach nicht anders geht, dann würde es mich stören - außer mir wird eine stichhaltige Begründung angeboten. Ich habe sehr viele Erzählstränge, die genügend Input für unterschiedliche Perspektiven beinhalten. Je komplexer die Handlung, je größer das Personal ist, desto eher halte ich Multiperspektive auf diese Weise passend, weil einfach mehr Leute Unterschiedliches zu denken, zu sagen und zu tun haben.

In einem Satz selbst würde ich nie die Perspektive wechseln, das ist einfach nur verwirrend. Ein Satz = ein Gedanke eines*r Perspektiventräger*in. Ein Absatz, wenn er lang genug ist, kann bei Person A anfangen und mit Person B aufhören. Aber auch nur wenn die Perspektive Person B länger anhält als nur wenige Sätze. Generell trenne ich mittels Absätzen (keine Leerzeilen dazwischen), einfach weil ein Absatz in der Regel auch für eine kurze Abfolge von Gedanken, Handlung etc. innerhalb einer Miniargumentation steht.

In einer ruhigeren Szene, wenn eher resümmiert wird, was in der actiongeladeneren passiert ist, habe ich meistens nur eine Perspektive, weil die dann auch eher das Mindset hat, das Verhalten von anderen zu registrieren, zu reflektieren und darauf zu reagieren.

In einer actiongeladenen Szene kann ich schon mal viel mehr Perspektiven haben [ich krame in meinem Manuskript]: Bei 13 Figuren mit Dialog habe ich in einer Szene (= 1 zugrundeliegender Konflikt, meistens auch an einem Ort) an die 7 Perspektiven drinnen, wovon einige mehr Raum einnehmen als andere. Diese 7 Perspektiven sind durch mindestens ein "einzigartiges" Element in der Szene geprägt, sodass sie sich (abgesehen von den individuellen Persönlichkeiten der Erzähler*innen) auseinanderhalten, in dem Fall wären das Skepsis, Hybris, Beschützerinstinkt, Interesse, der Wille, zu glauben, Angst und Überforderung (das Fantasy-Element tritt zum ersten Mal offensichtlich in Erscheinung für die menschlichen Protagonist*innen). Das sind jeweils die vorherrschenden Motive der einzelnen Perspektiven, denen "Miniplots" unterliegen, um die restlichen Figuren miteinzuflechten. Diese Szene dauert ca. 10-15 NS (je nachdem, ob man die "Einführung" dazu zählt oder nicht).

Wichtig finde ich: Die Perspektiven müssen verlässlich und unterscheidbar sein (was sie für gewöhnlich sind, wenn sie verlässlich sind). Verlässlich heißt, ich als Autor*in kenne meine Figuren in- und auswendig und habe sie auch so gut ausgearbeitet, dass Leser*innen nur einen Satz lesen brauchen und genau wissen, aus wessen Perspektive der stammt. Wenn zwei Perspektiven genau dasselbe sagen, denken und auf dieselbe Weise reagieren, kommt man locker mit einer Perspektive aus. Wie gesagt, es kommt auf den Mehrwert an, den die Szene durch jede weitere Perspektive erhält.

In deinem Beispiel würde ich entweder die Perspektive der anderen Figur ausbauen, sodass diese nicht erst dann zu "sprechen" beginnt, wenn es offensichtlich ist, dass du sie nur jetzt zu Wort kommen lässt, um die Abwesenheit der Protagonistin zu kommentieren, oder sie streichen.

Was ich persönlich gar nicht ausstehen kann, sind Bücher in der Ich-Perspektive und dann kommen Kapiteleinsprengsel in der 3. Person, die die Gedankenwelt der Antagonist*innen bzw. Nebenfiguren beleuchten sollen. Für mich ist das ein Zeichen dafür, dass die Ich-Perspektive nicht gereicht hat, um alles, was erzählenswert ist, unterzubringen, und man noch krampfhaft versucht, aus einer anderen Ecke Infos einzustreuen.
Titel: Re: Multiperspektive?
Beitrag von: Yamuri am 11. März 2020, 20:33:53
@Nikki: Am Freitag würd ich gerne einen Auszug lesen, wo du die Multiperspektive anwendest? Ich muss bei deiner Beschreibung ein wenig an das Denken, was dabei rauskam, wenn ich Zweier-RPGs in Fanfictionform umgeschrieben habe. Dabei hatte ich dann einen Absatz aus Perspektive A, dann einen aus Perspektive B usw. Ich fand das persönlich eigentlich immer faszinierend. Ich dachte, dass sowas in Romanen nicht üblich ist und unerwünscht, weshalb ich es tunlichst unterlassen habe in meinen Manuskripten diese Erzählweise zu nutzen, obwohl ich es besonders in Dialogen interessant finde, wenn man als Leser erfährt, was alle Charaktere fühlen und denken, die am Interaktionsprozess beteiligt sind. Vielfach rutsche ich vermutlich in die auktoriale Erzählweise und mir fällt es immer noch schwer den Unterschied zwischen auktorial und personal zu erkennen, denn der auktoriale weiß ja alles und im Falle der Innensicht eines Charakters weiß der auktoriale Erzähler dasselbe wie der personale Erzähler. Es kommt zur Überschneidung. Aber ich drifte grade vom Thema ab. :) Finde jedenfalls deine Multuperspektiv-Erzählweise interessant und würde mir gern mal anschaun ob das vergleichbar ist mit dem Perspektivwechseln in meinen Fanfictions, die auf Zweier-RPGs beruhten. :)
Titel: Re: Multiperspektive?
Beitrag von: Nikki am 12. März 2020, 07:51:13
Ich kann einen Auszug mitbringen, weiß aber nicht, wie effektiv das ist, da die oben beschriebene Szene ab Seite 108 einsetzt und bis dahin ordentlich Charakterisierung der Figuren betrieben wurde. Ich weiß nicht, ob die vielen Perspektiven auf so engem Raum ohne Vorwissen funktionieren. Die genannten Motive ergeben sich teilweise ja aus der Disposition der jeweiligen Figuren, die im Vorfeld mehr oder minder durchgekommen ist.

Ich habe auch eine Szene drinnen, in der es zu einem Schlagabtausch zwischen zwei Personen kommt, mit vollkommen konträren Weltansichten und dementsprechend unterschiedlichen Motiven. Das käme dem von dir geschilderten Beispiel, @Yamuri , nahe. Auch diese Szene rangiert um Seite 150.

Was hier deutlich wird: Multiperspektiven brauchen ein Fundament, um sich gegenseitig zu tragen. Auf den ersten Seiten behelfe ich mir zu 90% mit einer Perspektive, immer wieder werden andere eingestreut, um darauf vorzubereiten, dass diese im weiteren Verlauf mehr Raum bekommen. Wenn also die Hauptfigur plötzlich nicht mehr die Szene reflektiert, kommt das nicht überraschend, der Perspektivenwechsel ist ein schleichender Prozess.

Ich sage, ich habe über die Bände der Serie mehrere Protagonist*innen, pro Band gibt es aber nur eine Handvoll, deren Perspektive die Handlung maßgeblich bedingt. Regelmäßig kommt es aber zu Szenen, die ein Netz aus mehreren Perspektiven sind, eben um darauf vorzubereiten, dass diese Serie nicht nur die Geschichte einer Figur erzählt, sondern dass jede einzelne ihren Teil dazu beiträgt. Meine Geschichte ist von Haus aus multiperspektiv angelegt, was nicht heißt, dass das immer und überall der Fall sein muss. Es ist wie ein Teppichmuster. Einmal ist eine Farbe dominant, einmal verknüpfen sich zehn Fäden auf einmal.

Wer Manga wie Angel Sanctuary gelesen hat, kann diese Technik vielleicht eher nachvollziehen. Der Manga spielt vor einem extrem komplexen Weltenentwurf und obwohl Setsuna der Held der Geschichte ist, wird den Perspektiven von anderen Handlungsträger*innen immer wieder viel Platz eingeräumt. Die Geschichte wäre nicht erzählbar, wenn man sich stur an Setsunas Perspektive gehalten hätte und somit die Handlung auf Himmel- und Unterweltebene ausgeblendet hätte, weil Setsuna nicht an zwei Orten gleichzeitig sein kann und auch gar nicht das Wissen hat, um sich in diesen Welten zu orientieren und den Leser*innen dieses Universum schlüssig näherzubringen.

Mein Serienkomplex funktioniert nach einem ähnlichen Prinzip. Unterbewusst habe ich mich beim Schreiben eher von solchen Vorbildern beeinflussen lassen als von linear erzählten Romanen.
Titel: Re: Multiperspektive?
Beitrag von: Annie am 01. Mai 2020, 19:36:51
In meiner Geschichte ist es ähnlich. Meine zwei Hauptcharaktere haben am Anfang auch nicht viel geneinsamt und ganz eigene Ziele/ Wege. Irgendwann treffen sie aufeinander, stehen sich erst feindselig gegenüber, werden aber schließlich Weggefährten. Ich schreibe dabei auch aus zwei Perspektiven. Am Anfang ganz verschiedene Sachen, später auch eine Szene aus zwei verschiedenen Sichtweisen. Das hat für mich mehrere Vorteile: es ist spannend, man kann die Welt sehr gut abdecken und man kann größere Zeitsprünge sinnvoll nutzen, ohne ins Schwafeln zu verfallen  :) ich finde es auch bei Lesen sehr angenehm. Man muss kur drauf achten, dass es nicht zu verworren geschrieben ist und der Leser dadurch den Überblick verliert. Aber sonst ist das meiner Meinung nach ein schönes Mittel seine Geschichte auf Blatt Papier zu bringen.
Titel: Re: Multiperspektive?
Beitrag von: Natascha am 01. Mai 2020, 19:57:26
Ich persönlich finde es auch spannend, wenn in einem Roman mehrere Perspektiven beschrieben werden, sofern man immer genau weiß, aus welcher Sicht gerade geschrieben wird, da es sonst schnell verwirren kann. Wenn es aber gut gemacht ist, ist es fast immer eine Bereicherung, mehrere Sichtweisen zu kennen. Ich denke sogar, dass es auf Dauer das eigene Denken verändert, dass es einem leichter fällt, sich in andere hineinzuversetzen, wenn man so etwas liest und schreibt.

@Nikki Angel Sanctuary war eine meiner liebsten Mangareihen. Tolles Beispiel. :wolke:
Titel: Re: Multiperspektive?
Beitrag von: Annie am 01. Mai 2020, 20:46:01
Ja das stimmt. Man lernt dadurch, sich noch mehr in andere Peronen/ Rollen zu versetzen. Vor allem kann man die Persönlichkeiten der Charaktere besser erfassen  :) ich finde es ist auch für einen selber sehr spannend, weil man mehr über die eigene Geschichte erfährt und auch mehr Handlungsspielraum hat.
Titel: Re: Multiperspektive?
Beitrag von: Natascha am 01. Mai 2020, 21:07:25
Sehe ich genauso.
Bei modernen Krimis oder Thrillern ist es ja öfter so, dass man am Ende einen Teil aus Sicht des Täters lesen kann. Das finde ich auch immer extrem spannend. Einige solcher Passagen sind mir in Erinnerung geblieben.   :darth:
Titel: Re: Multiperspektive?
Beitrag von: Annie am 01. Mai 2020, 21:16:25
Oh ja das ist auch spannend. Ein gutes Beispiel ist da Passagier 23 von Sebastian Fitzek finde ich.
Titel: Re: Multiperspektive?
Beitrag von: Nikki am 01. Mai 2020, 22:04:29
@Natascha Perspektiventechnisch ist Angel Sanctuary wirklich eine Goldgrube. Wenn man sich das als Vorbild nehmen will, dann hat man sich hohe Ziele gesteckt.  :rofl: Man muss aber auch dazu sagen, dass Yuki mit einem ganzen Team an Assistent*innen gearbeitet hat und da die Frage offen bleibt, wie viel hat da ein einzelner Mensch tatsächlich geleistet. Also wenn man Vergleichbares in einer Solonummer schaffen will, dann ist das nicht ohne.

@Annie
Zitat
Ja das stimmt. Man lernt dadurch, sich noch mehr in andere Peronen/ Rollen zu versetzen. Vor allem kann man die Persönlichkeiten der Charaktere besser erfassen  :) ich finde es ist auch für einen selber sehr spannend, weil man mehr über die eigene Geschichte erfährt und auch mehr Handlungsspielraum hat.

Die Geschichte erhält auf jeden Fall ein paar Tiefen bzw. Ebenen mehr pro Perspektive. Es ist aber eine Gratwanderung zwischen "ich möchte möglichst viele meine Figuren reden und handeln lassen" und die Geschichte dynamisch und effektiv bzw. effektvoll zu erzählen. Manche Szenen sind zu wenig komplex, um mehrere Perspektiven zu rechtfertigen (bspw. die Post wird zugestellt), andere wiederum entfalten ihre volle Wirkkraft erst mit mehreren Perspektiven (bspw. das Postgebäude wird in die Luft gesprengt, mehrere Überlebende/Opfer erleben den Hergang).
Titel: Re: Multiperspektive?
Beitrag von: Alana am 01. Mai 2020, 22:26:46
Ein genial gemachtes Beispiel für Multiperspektive ist der Film "The Hole". Dreimal die gleiche Geschichte erzählt von drei verschiedenen Personen. Wer sich für diese Erzähltechnik interessiert, sollte sich das unbedingt mal anschauen. Ich habe manchmal schon damit gearbeitet, aber nicht direkt, sondern zeitversetzt. In Band 2 von Seelenmagie sieht man eine Szene aus seiner Sicht, die man in Band 1 nur aus ihrer Sicht kannte. Dadurch und durch das, was man inzwischen weiß, ergeben sich für die Szene und die Geschichte plötzlich ganz neue Zusammenhänge. Ich liebe sowas.
Titel: Re: Multiperspektive?
Beitrag von: Annie am 01. Mai 2020, 23:15:39
@Nikki da hast du Recht. Es sollte natürlich Sinn ergeben und nicht wahrlos reingeschmissen werden. Sonst verliert das ganze an Mehrwert und wirkt eher wie gewollt, aber nicht gekonnt.
@Alana Was ich auch immer cool finde ist, wenn man z.B. merkt, dass der vermeintlich böse gar nicht mal so schlimm ist und man versteht wie er zu so einem Charakter geworden ist. Das sind dann auch nochmal ganz andere Hintergründe.
Titel: Re: Multiperspektive?
Beitrag von: Trippelschritt am 02. Mai 2020, 09:52:18
Echte Multiperspektive verwende ich nicht, weil das ein wirklich technischer Hammer ist, dessen Schlagwucht große Teile der oder die ganze Geschichte bestimmen.
Ich kenne eine Gerichtsszene, in der von vielen Zeugen dasselbe Ereignis beschrieben wird, wobei aber nicht das gleiche herauskommt. Dort ergibt so ein technischer Trick Sinn.

Ich kenne einen Film, in dem es um ein Attentat geht und die Multiperspektive Teil der Suche nach dem Täter ist. Nur halb gelungen im Film - einfach zu schwierig für den zuschauer - aber vielleicht gut im Buch, wenn es denn ein Buch zu dem Film gibt.

Was ich aber selten mache - man kann so etwas nicht häufig machen, da wird man als Autor schnell abgestempelt - ist, bei einem generellen Perpektivwechsel von einer Erzählperson zu einer anderen, diesen Wechsel zu nutzen, um kleine Teile, vielleicht eine oder mehrere Szenen aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten. Aber es sind in diesem Fall immer nur zwei Perspektiven.

Ich halte mich an einen einfachen Ratschlag: Die beste Erzählweise ist !einfach! . Alles, was wirklich besonders, trickreich oder auffällig ist, muss seine Berechtigung aus der Geschichte selbst ableiten. Sonst bleibt es ein Effekt. Und reine Effekte helfen nicht der Geschichte. Sie wirken hohl oder leer oder aufgesetzt oder sonst wie falsch.

Liebe Grüße
Trippelschritt
(empfiehlt aber immer mit solchen Dingen herumzuexperimentieren)
Titel: Re: Multiperspektive?
Beitrag von: Annie am 02. Mai 2020, 10:46:53
Das sehe ich etwas anders. Ich finde, dass gut gemachte Effekte der Geschichte die persönliche Note geben. Ansonsten arbeitet man die Fakten nur ab. Aber ja man muss mit Persepktivwechseln vorsichtig sein. Gerade, wenn der Erzähler dann auch noch wechselt. Das kann gelingen, kann auf der anderen Seite aber auch schnell sehr holprig werden und verwirren. Aber das schöne am Schreiben ist ja, dass es da keine Grenzen gibt außer dem eigenen Geschmack :)
Titel: Re: Multiperspektive?
Beitrag von: Trippelschritt am 02. Mai 2020, 13:30:35
Dem könnte ich zustimmen, wenn ich wüsste, was gut gemachte Effekte sind. Ich hoffe, dass du jeden Effekt um des Effektes willen nicht zu den gut gemachten zählst.

Liebe Grüße
Trippelschritt
Titel: Re: Multiperspektive?
Beitrag von: Annie am 02. Mai 2020, 14:52:20
Definitiv nicht. Ein gut gemachter Effekt ist für mich einer, der die Geschichte beispielsweise von der Stimmung her gut umschreibt. Ich hab jetzt z.B. eine Szene geschrieben, in der einer meiner Hauptcharaktere benommen durch die Straßen irrt. Ich hab das erst kurz und knapp geschrieben, wodurch die Szene eher langweilig war. Jetzt habe ich beschrieben, was der Charakter sieht und empfindet und dabei etwas mit meiner Beschreibung gespielt. Dadurch wirkt alles viel lebendiger. Wenn man jetzt natürlich völlig benalae Dinge beschreibt wie z.B. einen Gang aufs Klo, dann naja bringt das selbst mit tollen stilistischen Mitteln meistens keinen Mehrwert  :hmmm:

Liebe Grüße zurück
Titel: Re: Multiperspektive?
Beitrag von: AlpakaAlex am 30. August 2021, 11:14:54
Also eigentlich bevorzuge ich es Geschichten mit einer einzelnen Perspektive zu schreiben. In meinen letzten beiden fertigen Projekten habe ich Einzel-Perspektive in der ersten Person Präsens geschrieben. In meinem aktuellen Projekt allerdings - Sturmjägerinnen - nutze ich tatsächlich eine echte Multiperspektive. Dort habe ich drei Personalerzähler*innen, weil ich zwischen den drei Protagonist*innen wechsele. Technisch gesehen habe ich sogar noch mehr Perspektiven, da eine der Figuren die Fähigkeit hat, in die Erinnerungen anderer Menschen einzudringen und diese Erinnerungen natürlich wieder eine eigene Perspektive bekommen.
Titel: Re: Multiperspektive?
Beitrag von: Mefisto am 30. August 2021, 11:46:35
Ich "kämpfe" Gerade auch mit dem Sachverhalt - bei mir kommt es aus der Lage heraus dass scheinbar losgelöste Themen Schnittpunkte haben ich aber es viel interessanter finde wenn verschiedenen Personen die erleben und sie sich dann verbinden - es ist aus meiner Sicht einfach "langweilig" wenn eine Person alles - wie an einer Perlenkette aufgereiht - nacheinander erlebt. Allerdings finde ich es schwer zu erreichen dass der Leser sich - wie so oft gefordert - mit verschiedenen Personen identifiziert ... das wäre für mich auch schwer zu erreichen wenn die Perspektive ein fieser, sadistischer Mörder ist ... - wie seht ihr das?
Titel: Re: Multiperspektive?
Beitrag von: Araluen am 30. August 2021, 13:26:33
Bei Thrillern kommt es tatsächlich hin und wieder vor, dass es auch Szenen oder ganze Kapitel aus Sicht des Serienkillers gibt. Meist ist das schwer verdauliche Kost. Was hier fesselt ist aber nicht die Identifikation mit der Person, sondern die Faszination für das Böse (zumindest bei mir). Ich wäre dann sehr irritiert, wenn man mir gleichzeitig den Serienkiller als guten Kumpel und eben auch Identifikationsperson verkaufen wollte. Die Frage ist dann, wozu braucht man die Perspektive des sadistischen Serienmörders. In Thrillern wird sie in der Regel dazu verwendet die Spannung zu steigern und eben dem Leser einen Blick in den finsteren Abgrund zu geben (noch intensiver ist für mein Befinden dabei aber die Perspektive eines Opfers, während es in Gewalt des Killers ist). In diesem Fall geht es um seine inneren Abgründe und sadistischen Phantasien, die er auslebt. Es geht in der Regel nicht darum, den Killer als Person begreiflich zu machen und damit auch ein Stück weit zu entdemonisieren - in der Geschichte ist er der Feind und soll es auch bleiben.
Wenn du willst, dass sich deine Leser mit dem sadistischen Serienmörder identifizieren, wartet ein gutes Stück Arbeit auf dich. Man kann einen Serienmörder entdemonisieren, indem man aufzeigt, wie es zu den Taten gekommen ist. Denn einem Serienmord geht meist ein tragisches Schicksal vorraus und als Leser ist man dann vielleicht bereit eine Art Verständnis aufzubringen. Doch wird sich ein Leser mit einer derart traumatisierten und höchstwahrscheinlich psychisch gestörten Person identifizieren, die zusätzlich jeden Bezug zu Recht und Unrecht verloren hat? Und dann ist wieder die Frage, warum man das wollen würde als Autor. Nicht, dass ich das völlig abwegig finde, aber Perspektiven wählt man ja aus einem bestimmten Grund und für einen bestimmten Zweck.
Titel: Re: Multiperspektive?
Beitrag von: Wintersturm am 14. Januar 2022, 12:45:02
Ich habe mich irgendwie in der Multiperspektive festgefahren. Ich kann gefühlt gar nicht aus einer einzigen Sicht erzählen, einfach, weil es dann so einseitig ist. Man sieht eben nur, was dieser eine Charakter sieht und fühlt. Das macht es natürlich leicht, die Bösen als die Bösen darzustellen, nimmt der Geschichte meiner Meinung nach aber die Tiefe. Bei anderen Charakteren im Kopf zu sitzen ist oft recht erfrischend, man bekommt deren Sicht der Dinge zu sehen und vor allem sitzt man nicht im Kopf des einen Charakters, von dem man gerade nicht zeigen will, was bei ihm im Kopf vorgeht. Vor allem aber macht die Multiperspektive es wunderbar möglich, die Gegenseite zu "entdämonisieren" und die eigentliche "Prota-Seite" zu dämonisieren. Ich habe da ein Beispiel aus meiner eigenen Reihe: Zwei Fürstentümer liegen im Streit miteinander und das zieht sich schon seit Generationen hin. Jetzt bricht der Krieg aus, Fürstentum A macht Fürstentum B platt und verleibt sich das Gebiet und die Einwohner ein. Während der Auseinandersetzung sind wie üblich einige Menschen gestorben und bei den Kriegsverbrechen haben beide Seiten auch nicht unbedingt gespart, auch wenn B da etwas mehr Mist gebaut hat. Sieht man nun alles aus der Sicht von A, ist B das ultimative Böse, dass die eigenen Leute, auch Zivilisten, ermordet, die Frauen schändet und - gegen jedes Gesetz - Kinder ermordet, um das eigene Volk auszurotten. Sieht man nun aus der Sicht von B, dann ist A das ultimative Böse, weil der Herrscher von A vor Ewigkeiten mal das halbe Land unter seiner Fuchtel hatte und auch nicht gerade zimperlich darin war, diesen Machtanspruch durchzusetzen. Schaut man dann aber zu Bürger XY von Fürstentum B, der nur gehört hat, dass A der Feind ist, dann in den Kampf zieht, weil A ja praktisch den Krieg erklärt hat (von B´s Provokation weiß XY ja nix) und seine Heimat verteidigen will, dann sieht man A ganz eindeutig als das Böse. Und so bekommt man eben sehr unterschiedliche Sichtweisen auf eine Sache. Umgekehrt kann man Dinge auch bestärken. Das hat dann zwar die Gefahr, dass es langweilig wird, aber: Z sieht zu, wie Prota A und B zusammen Schlittschuh laufen und findet, die gäben ein wunderbares Paar ab. Dann sieht man die ganze Sache in den Erinnerungen von A und sieht, dass A die Schlittschuhlauferei auch total toll fand und B sehr gern hat. Und man sieht B´s Sicht, dass A total toll ist und man selbst völlig verknallt. Ja, und wenn man dann beiden die Beziehung durch äußere Einflüsse versaut...
Worauf ich hinaus will, ist, dass andere Standpunkte einen anderen Blickwinkel auf die Geschehnisse geben und so durchaus zur Vielschichtigkeit der Geschichte beitragen können. Darüber hinaus bieten mehr Perspektivträger auch mehr Anschluss an das soziale System und die Zusammenhänge der Welt, verzahnen den Leser so mehr mit der erfundenen Gesellschaft und bieten viel Platz für Nebengeschichten und Ansatzpunkte zur Charakterentwicklung in einer Reihe.
Bei einem Einzelband hingegen ist das sicher schwierig, weil man ja besser nicht mit einer Viertelmillion-Wörter-Geschichte bei einem Verlag aufkreuzen sollte, aber mehr Perspektivträger eben sehr viel Platz brauchen und das Buch ewig lang wird.
Titel: Re: Multiperspektive?
Beitrag von: Biene am 13. April 2022, 18:31:22
Es war interessant, das Für und Wider zur Multiperspektive zu lesen. Ich persönlich nutze die Multiperspektive in Romanen ausschließlich.  (Kurzgeschichten gehen teilweise aus nur einer Perspektive.) Früher habe ich den allwissenden Erzähler genutzt, bin auch wild in den Köpfen hin- und hergesprungen. Ich finde auch, das diese Erzählmethode die einfachste ist. Irgendwann stand in einer Rezension einmal, dass es stört, dazu habe ich in einem Schreibkurs erfahren, dass der allwissende Erzähler nicht mehr ganz en vogue ist und der Lesergeschmack sich zu wenigen bis zu einer Perspektive hin entwickelt. "Gut", dachte ich mir, "versuch ich es mal." Es war schon eine Herausforderung, die einzelnen Perspektiven sauber zu halten, dass ich nur erzählt habe, was der Charakter weiß und es so darzustellen, dass der Leser auch wusste, in welchem Kopf er sich befindet. Es ist auf jeden Fall hilfreich, bei Perspektivwechsel eine Leerzeile zu lassen oder es gar nur kapitelweise zu tun.
In einem Roman würde ich mit nur einer Perspektive gar nicht auskommen, da ich immer Nebenstränge drin habe. Dazu liebe ich es, Schlüsselereignisse aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten. (Ich lese das auch gern.) Man kann wunderbar Spannung erzeugen, wenn die Charaktere aneinander vorbeidenken, sich missverstehen, es nicht merken und nur der Leser weiß, dass es gleich knallt und hofft, dass es nicht so kommt, weil der Sympathieträger einen drauf bekommen würde.
Titel: Re: Multiperspektive?
Beitrag von: Mari am 14. April 2022, 20:43:45
Also, wenn ich das so lese, fällt mir wieder ein, was ich an manchen Fantasy-Büchern so anstrengend finde...

Ich mag es, wenn ich einen Charakter vor mir habe, mit dem ich so richtig auf Tuchfühlung gehe. Dann muss es aber auch ein guter und wirklich vielschichtiger Charakter sein, der innerhalb der Story eine ordentliche und glaubhafte Entwicklung durchmacht. Das Drumherum ist irgendwie nur Beiwerk, weil seitenweise Monologe halt auch anstrengend sind :D

Am schlimmsten aufgefallen ist es mir in einem Fantasy-Buch, da ist man für eine Seite in den Kopf irgendeines Soldaten gesprungen, der danach nie wieder aufgetaucht ist, nur um den Auftritt des Bösewichts vor seinem Heer von "außen" schildern zu können. War nicht mein Geschmack, irgendwann später habe ich die Reihe sogar abgebrochen, weil mir von den vielen Figuren schwindelig wurde.

Wenn man sowas macht, ist es ja schon fast wieder ein allwissender Erzähler  :hmmm: ein Körper mit vielen Ecken ist schließlich auch schon fast wieder ein Kreis :D
Titel: Re: Multiperspektive?
Beitrag von: Yamuri am 15. April 2022, 10:33:16
Das Problem bei wenigen Perspektiven ist manchmal, dass man sich Gründe ausdenken muss, weshalb ein Charakter an einem Ort ist, an dem er unter normalen Umständen schlicht nicht sein würde. Die Alternative wäre dann mehr Perspektiven oder eine dritte Person über das Ereignis berichten lassen. Ich habe in meiner Science-Fantasy Reihe ein Ereignis, das gezeigt werden soll. Unter normalen Umständen würde ein erfahrener General aber nicht ein paar junge Männer einfach mal eben auf eine durchaus risikoreiche Mission mitnehmen. Der General hat aber keine Perspektive, das Ereignis ist aber wichtig. Ich habe mir dann einen Grund ausgedacht, warum er sich überreden lässt, die Drei mitzunehmen, mit dem Hintergedanken ihnen eine Lehre zu erteilen, weil sie nicht auf ihn hören wollen und unbedingt dabei sein, obwohl er eigentlich dagegen ist und sie mitzunehmen ein Sicherheitsrisiko birgt. Die Mission ist natürlich aus der Perspektive von einem der Drei spannender, gerade weil sie keine große Erfahrung haben, aber hätte ich nicht vorher klare Perspektiventrennung betrieben, hätte ich rein gefühlsmäßig gesagt, dass es logischer gewesen wäre hier die Perspektive zu wechseln, anstatt mir einen Grund zu basteln, warum unerfahrene junge Männer auf diese Mission mitgenommen werden.Es ist also auf jeden Fall eine Gradwanderung, wenn man einen komplexen Weltenbau hat und globalere Probleme,die eigentlich mehr Perspektiven erfordern würden, um dem Ganzen wirklich gerecht zu werden. In einem anderen Projekt habe ich viele Perspektiven, wechsle aber nie innerhalb eines Kapitels. Grundsätzlich fällt es mir aber auch leichter mehr Perspektiven zu haben, als Wenige. Und früher habe ich auch innerhalb eines Kapitels, während einer Szene gern gewechselt. Es interessanterweise nie jemanden gestört (allerdings waren diese Geschichten damals Fanfictions und da sind Leser:innen vielleicht auch weniger anspruchsvoll).
Titel: Re: Multiperspektive?
Beitrag von: Windsucher am 15. April 2022, 12:49:20
Ich bin kein so großer Fan von mehreren Perspektiven. Ich mag es, wenn ich einer Figur folge und dann auch nur das Wissen dieser Figur habe. Gerade im Bereich von Fantasy, Science Fiction und Horror mag ich das Geheimnisvolle, das dadurch erzeugt wird. Dazu kommt noch, dass ich es als Leser manchmal schwierig finde, mich daran zu erinnern, was genau welche Figur weiß.
Ich bin aber sicherlich auch etwas voreingenommen, da ich vor allem Hörbücher höre. Wenn ich nach einer Pause wieder einsteige, weiß ich oft gar nicht mehr, bei wessen Perspektive ich bin. Der große Nachteil, dass man nicht einfach mal blättern kann.
Titel: Re: Multiperspektive?
Beitrag von: Frostschimmer am 15. April 2022, 19:00:39
Das kann man schon machen, allerdings gibt es da - meiner Meinung nach - ein paar Regeln, die man beachten sollte. Man muss sich dabei immer merken, welcher Charakter gerade welche Informationen besitzt, und darf nichts durcheinanderbringen. Steht dann aber ein Informationsaustausch an, kann es passieren, dass man bestimmte Aspekte wiederholen muss, das kann dann schnell langatmig werden.
Es kommt wohl auch darauf an, ob man mehrere Perspektiven wirklich braucht, das ist von Geschichte zu Geschichte sehr verschieden, denke ich.
Titel: Re: Multiperspektive?
Beitrag von: Goldrabe am 16. April 2022, 10:33:59
Ich fand es auch interessant, das Für und Wider zur Multiperspektive zu lesen.

Zitat
Das Problem bei wenigen Perspektiven ist manchmal, dass man sich Gründe ausdenken muss, weshalb ein Charakter an einem Ort ist, an dem er unter normalen Umständen schlicht nicht sein würde.
Dieses Problem kenne ich nur zu gut. Mir hat das gezeigt, wie wichtig das Plotten und Ausarbeiten der Szenen im Vorfeld für mich ist. Nicht nur für die Dramaturgie sondern auch in Bezug auf die Wahl der Perspektiven.

Zitat
Ich bin verwirrt. Mehrere Perspektiven in einem Buch ist ja überhaupt kein Thema und unter Multiperspektivität hätte ich mit der Definition verstanden, dass ein und der gleiche Sachverhalt in diesen dargestellt wird. Beispiel: Person A erschießt Person B. C und D beobachten das und aus beiden Sichten wir das dann erzählt.
So habe ich die Multiperspektive auch verstanden. Die Sicht von mehreren Personen auf ein und dasselbe Ereignis.
Ich finde, der Vorteil dabei ist, dass die Figuren so sehr gut kontrastiert werden können. Im direkten Vergleich kann ich ihre Charakterzüge gut zeichnen und voneinander abgrenzen. Oder ihre unterschiedlichen Werte, Moralvorstellungen und Weltbilder gut vermitteln.

Ich mag so eine Multiperspektive aber trotzdem nicht so gerne. Weder als Leser noch als Schreibender. Auf der Handlungs-/Aktionsebene passiert nichts oder nur wenig, wenn die Figuren nacheinander dasselbe Ereignis beobachten. Die Geschichte schreitet mir dann zu schleichend voran.

Ansonsten finde ich, dass die Multiperspektive oder allgemein viele Perspektiven auch sprachliche, sti­lis­tisch Möglichkeiten bieten. Mit dem Wechsel der Perspektive kann sich ja auch die Erzählstimme, also der Ton des Textes, ändern. Das könnte für Abwechslung sorgen, vielleicht.