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Warum sich etwas verkauft...

Begonnen von HauntingWitch, 25. März 2014, 15:08:28

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HauntingWitch

Aufgrund von Exilfrankes Frage im "Wie muss ein Buch geschrieben sein"-Thread fühle ich mich angestossen, hierzu einen Thread zu eröffnen. Falls es so etwas schon geben sollte und ich falsch gesucht habe, oder ich zu viele Threads aufmache, Mods, haut mich nur. ;)

Zitat von: Exilfranke am 25. März 2014, 13:55:56
Verkauft sich ein gutes Buch besser als ein schlechtes? Was sind die Kriterien, in welchem Definitionsrahmen bewegen wir uns da? Ich halte Dan Brown für einen höchst mittelmäßigen Autor, trotzdem verkaufen sich seine Werke millionenfach. Sind seine Bücher jetzt gut, weil sie einen Massengeschmack bedienen?

Die Antworten auf diese Frage lauten natürlich nein. Jeder kennt das: Man hält die eigenen Skripte für gut, man bekommt das auch von Betalesern oder Freunden bestätigt. Man sieht gute Skripte, die man betaliest oder von Freunden. Und trotzdem verstauben diese Sachen teilweise jahrelang in einer Schublade, ehe sie entdeckt und veröffentlicht werden, andere schaffen es nie. Einige werden veröffentlicht, verkaufen sich aber nicht sonderlich gut.

Und dann fällt einem ein Buch in die Hände, ja, ein Bestseller, etwas hoch Umjubeltes, das man selbst aber für Schrott hält. Es gibt sogar andere, die einem bestätigen, dass man nicht völlig hinter dem Mond lebt, wenn man diesen vermeintlich tollen Bestseller, den alle so lieben, nicht so toll findet. Weil schlecht geschrieben, weil schwacher Plot, Gründe und Namen können beliebig eingesetzt werden. ;) Also fragt man sich, wie es sein kann, dass so etwas offensichtlich Schlechtes 1) veröffentlicht werden konnte und 2) grosse Erfolge feiert (wir reden noch immer von weltweiten Bestsellern und Beliebtheiten), während das eigene Skript oder das des Bekannten (sei er aus dem TZ oder von sonstwo ;)) die verdiente Beachtung einfach nicht bekommt.

Es ist ärgerlich, es ist traurig, es zieht einen runter. Man neigt dazu, zu denken, wenn man es nicht zur Veröffentlichung oder zum Erfolg schaffe, sei man schlecht. Das ist nicht so, ich muss mir das selber auch immer wieder klar machen. Viel eher ist es nach in meiner Beobachtung so:

Ein Werk verkauft sich nicht, weil es gut geschrieben ist, eine originelle, durchdachte Story hat oder einem gewissen literarischen oder intellektuellen Niveau entspricht. Sondern schlicht und einfach, weil es im Wesentlichen etwas beihaltet, das viele Menschen anspricht. Das können bestimmte Themen (grosse Liebe), bestimmte Motive (Aufstieg im Beruf) oder ein Prinzipien (Heldenreise) sein. Aber bei jedem erfolgreichen Werk ist im Wesentlichen etwas enthalten, womit sich viele Menschen in irgendeiner Form identifzieren können.
(Die genannten Punkte sind natürlich nur Beispiele, ohne Anspruch auf Vollständigkeit.)

Natürlich gibt es auch Bücher, und wir haben ja auch einige Beispiele hier, die erfolgreich und auch noch gut sind. Das ist der Optimalfall. Aber all die, die aus uns vermeintlich unerklärlichen Gründen zu Bestsellern werden und sei die Sprache noch so unterirdisch - sie enthalten etwas, womit sich Viele identifzieren können. Mir scheint, es läuft alles darauf hinaus. Der Rest ist eine Mischung aus dem Glück, den richtigen Verlag zu finden, genug Werbung und dem richtigen Zeitpunkt. Aber zunächst einmal, ist der Lektor der erste Mensch, der sich mit dem Werk identifzieren kann oder denkt, dass andere das können werden, oder aber auch nicht.

So, das ist mein Senf zu der Frage. Ich muss dazu sagen, dass ich selbst als Unveröffentlichte natürlich nur aus einer Beobachterposition heraus spreche. Wer schon veröffentlicht/erfolgreich ist und das anders sieht, dessen Meinung würde mich natürlich durchuas interessieren. ;) Also, Diskussion offen, wüde ich sagen.

Siara

Zitat von: HauntingWitch am 25. März 2014, 15:08:28
Sondern schlicht und einfach, weil es im Wesentlichen etwas beihaltet, das viele Menschen anspricht. Das können bestimmte Themen (grosse Liebe), bestimmte Motive (Aufstieg im Beruf) oder ein Prinzipien (Heldenreise) sein. Aber bei jedem erfolgreichen Werk ist im Wesentlichen etwas enthalten, womit sich viele Menschen in irgendeiner Form identifzieren können.
Das ist denke ich schon mal einer der wichtigsten Punkte, wenn es um die breite Masse geht. Deswegen sind vielleicht immer wieder Bücher erfolgreich, in denen die Protagonisten platter sind als die Seiten, auf denen die Geschichte gedruckt wurde: Wenn eine Figur zu sehr ausgestaltet ist, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sie sich allzu stark von einem potenziellen Leser unterscheidet. Und der möchte sich schließlich in der Figur wiederfinden. (Wie gesagt, auch hier spreche ich von der breiten Masse der Leser, natürlich gilt das trotzdem bei weitem nicht für alle und vor allem nicht für alle Genres).

Ein weiterer Punkt, der sich immer mal wieder bewehrt hat, ist etwas Reißerisches. Guckt man sich "Feuchtgebiete" an, ist keine Frage, warum das so ein Verkaufsschlager war. Sicher nicht wegen der tiefgreifenden Geschichte und den überraschenden Wendungen. Tabu-Themen offen besprochen, das gibt den Menschen zum einen Zugang zu etwas "Neuem" und zum anderen auch zu etwas "Verbotenem". Das allein macht diese Bücher wohl attraktiv und lenkt die Aufmerksamkeit auf sich.
I'm going to stand outside. So if anyone asks, I'm outstanding.

Coehoorn

#2
Ein sehr wichtiger Aspekt ist auch das Marketing.
Nehmen wir als Beispiel doch mal Harry Potter (ich seh schon die ersten Steine fliegen :D ):
Eine Geschichte die von Logikfehlern nur so strotzt und zunehmend platter wird. Die ersten drei Bücher fand ich ja noch relativ gut (abgesehen von der Tatsache, dass Harry und Co. im ersten Band völlig überflüssig sind) aber danach folgte wirklich immer mehr kommerzialisierter Stoff, der mir nur dazu zu dienen schien, die Quote "Jedes Jahr ein Buch" zu erfüllen und dabei von Kinderroman auf Jugendlichen-/Erwachsenenroman umschwingen sollte, was einfach mal grandios nicht geklappt hat. Verstehe man mich nicht falsch, ich gönns der guten Frau, allerdings war der Erfolg der Bücher schlichtweg die riesige Kommerzialisierung die dahinter stand, auch wenns ein paar Jahre gedauert hat. Genausogut hätte man auch aus den Büchern der Magie eine erfolgreiche Reihe machen können, bloß waren die Bücher vermutlich zu dünn um für ordentliches Marketing in Betracht gezogen zu werden. Ich verweise hier auf den Thread "Totgesagte leben länger - neuer britischer Fantasy-Megaseller"
http://forum.tintenzirkel.de/index.php/topic,12604.0.html
Denn genau das ist auch dabei der Fall.
Ich glaube, nicht die Leser machen die Bestseller, sondern die Marketingabteilungen, die mehr lenken als die meisten sich bewusst sind.

Kati

#3
Ganz wichtig ist dabei auch, dass "gut" und "schlecht" sehr subjektiv sind. Wer entscheidet, was ein gutes Buch ist? Ich meine, ich bin ja jemand, der bei bestimmten Inhalten sofort "schlecht" drunter schreibt, auch, wenn ein Buch vielleicht gut geschrieben ist. Wenn man zum Beispiel merkt, dass der Autor sich politisch stark rechts einordnet, ist das für mich ein schlechtes Buch. Ein Buch kann für mich aber auch trotz nicht ganz ausgeklügeltem Plot sehr gut sein. Ich weiß gar nicht, es gibt bestimmt objektive Kriterien, nach denen ein Buch gut oder schlecht ist, aber ich glaube, die subjektive Wahrnehmung der Leser ist da viel wichtiger. Ich mag Dan Brown auch nicht besonders, aber viele halten ihn für genial. Ist er jetzt genial oder mittelmäßig, wer hat Recht? Das finde ich ganz schwer zu beurteilen. Die Bücher von P.C. Cast und ihrer Tochter zum Beispiel finde ich vom Plot, den Charakteren und dem Schreibtstil richtig, richtig schlecht. Verkauft sich trotzdem wie geschnitten Brot.

Was hier noch nicht genannt wurde, ist auch Werbung. Die Bücher von P.C. Cast wurden als das neue Twilight angepriesen und beworben mit "Ein Bestseller in xxx Ländern". Wenn sowas auf dem Buch steht, greifen viele Leute viel eher zu, als ohne solche Werbung. Dann das Cover. Ist es ansprechend, sieht es professionell aus, welche Erwartungen schürt es beim Leser? Der Klappentext. Und diese kleinen Zitate, die man oft auf dem Cover oder hinten auf dem Umschlag hat. Wenn meine Lieblingsautorin dort zitiert wird und das Buch lobt, kaufe ich es viel eher, als ein Buch ohne ihr Qualitätssiegel, weil ich mir dann verspreche, dass das neue Buch so ähnlich ist, wie die Bücher meiner Lieblingsautorin. Bestseller werden halt nur in den seltensten Fällen von alleine Bestseller, die werden in den meisten Fällen gemacht. Durch Werbung, Marketing, Meinungsmache. Ihr kennt doch bestimmt auf englischen Büchern dieses  "New York Times Bestselling Author". Das steht auf so vielen Covern drauf und es ist fast schon eine Art Gütesiegel. Wenn ich ein Buch viel bewerbe und es immer wieder ins Gespräch bringe, wird es von ganz allein zum Bestseller, egal ob es objektiv gut oder schlecht ist. Stelle ich das beste Buch des Jahrzehnts einfach ins Regal, mit einem durchschnittlichen Cover und wenig bis keiner Werbung, dann muss der Autor sehr viel Glück haben, damit sich das Buch verkauft.  :-\

EDIT: Hat sich mit Coehoorn überschnitten.

canis lupus niger

#4
Es gibt gute Bücher und schlechte Bücher, und manche davon sind erfolgreich (von "wird gedruckt" bis zu "Megaseller"), andere nicht (von wird gedruckt, bleibt aber weitgehend unbekannt" bis  zu "verstaubt in der Schublade"). Was macht den Unterschied?

Nun, ich denke, zunächst muss ein Manuskript natürlich eine gewisse Qualität haben. Es gibt viele schriftstellerische Versuche, die schlicht gesagt einfach schlecht oder aber zumindest noch unausgereift sind. Warum diese Manuskripte nicht veröffentlicht werden, liegt auf der Hand.

Aber dann ist da das Problem, das Du angesprochen hast, Witch. Gute Manuskripte/Bücher, die nie ihren Verleger finden, oder aber sich nur als Nischenprodukte in einer Stückzahl unter 100 Exemplaren verkaufen. Und es gibt Bestseller, von denen man sich (als Leser) fragt, wie die es jemals durch ein Eingangslektorat geschafft haben können. Die beiden Zauberwort heißen, wie ich vermute Zeitgeschmack und Marketing.

Für Bücher wie "50 Shades of Grey" war vermutlich ebenso die Zeit reif, wie seinerzeit für "Twilight" und davor "Harry Potter. Es gibt ganz, ganz viele Leser, die so etwas lesen wollen, deshalb wird es auch massenhaft gedruckt und beworben. Für den Verlag, der es schafft, so einen Megaseller zu platzieren, ist das ein ebenso großer Erfolg, wie für den Autor, der vielleicht nur das Glück hatte, dem Verlag etwas anbieten zu können, was der aktuell für verkäuflich hielt. Verlage, zumindest die meisten, bringen keine Bücher heraus, um der Kunst zu dienen und begabte Autoren zu fördern, sondern um ganz, ganz, ganz viel Geld zu verdienen. Ich bin überzeugt davon, dass jemand einen neuen "Herrn der Ringe" dankend zurück bekäme, wenn der verlag aktuell keine High Fantasy, sondern ausschließlich Romantasy für das kommende Geschäftsjahr geplant hat. Ich meine hier nicht solche kleinen Juwelen wie zum Beispiel den Torsten Low Verlag, auch wenn selbst der es sich nicht leisten kann, mit Verlusten zu wirtschaften. Sondern ich meine große Verlagskonzerne, deren Aktionäre eine maximale Rendite für ihre Einlagen erwarten. Denen ist weitgehend egal, wie gut oder schlecht das ist, was sie auf den Markt werfen. Hauptsache, es lässt sich verkaufen.

Und dann kommt das zweite Zauberwort ins Spiel: Marketing. Wenn ein einigermaßen lesbares Buch eines angesagten Subgenres
-den potentiellen Käufern in den Bahnhofsbuchhandlungen dutzendfach entgegenlacht,
-wenn es in den Buchhandelsketten wie Hugendubel, Thalia, Decius und Co. in genzen Stapeln auf den Präsentationstischen gleich neben der Kasse liegt,
-wenn die freundlichen Verkäufer/innen dem Kunden bei desen Suche nach einem Geschenk erklären: "Das hier wird zur Zeit gerne gekauft",   
-wenn namhafte Zeitungen und Zeitschriften eine Werbung oder sogar Rezensionen dazu enthalten,
-wenn es Teil eines vertraglich vereinbarten, verbindlich abzunehmenden Buchpaketes zwischen Verlag und Buchhandlung ist,
... dann hat das Buch schon mal eine bessere Chance, bekannt zu werden, als ein noch so gutes Buch eines Nischenverlages mit einem Bruchteil eines solchen Werbebudgets. Allerdings haben auch auf diese Weise gepushte Bücher nicht immer den geplanten Erfolg, wie man an der Biografie unserer Ex-Bundespräsidenten-Ex-Gattin sehen konnte. Leider wollte kaum jemand die Geschichte des bisherigen Lebens von Bettina Wulf lesen.

Also braucht ein Buch für seinen Erfolg meiner Ansicht nach in aufsteigender Reihenfolge der Bedeutung

- ein mindestens durchschnittlich gut geschriebenes Manuskript
- das Glück, im Eingangslektorat einer Agentur oder gleich eines Verlages entdeckt zu werden
- sowie die Kriterien des Verlages für ein verkäufliches Buch zu erfüllen 
  (wie z.B. in einem aktuellen Hype zu entsprechen oder einen Autoren mit einem bekannten
  Name zu haben)
- ein finanzstarkes, professionelles Marketing
- und nochmals Glück   

Nandriel

Ha, dann auf ein Neues ;)

Zu Zeitgeschmack und Werbung haben canis und ihre VorrednerInnen (blödes Wort hier...  ::)) sehr ausführlich geschrieben, dem gibt es eigentlich nicht wirklich viel hinzuzufügen.

Aaaaber, in einer Hinsicht würde ich ausnahmweise mal Siara widersprechen, oder doch zumindest präzisieren wollen:

Zitat von: Siara am 25. März 2014, 15:19:55
Das ist denke ich schon mal einer der wichtigsten Punkte, wenn es um die breite Masse geht. Deswegen sind vielleicht immer wieder Bücher erfolgreich, in denen die Protagonisten platter sind als die Seiten, auf denen die Geschichte gedruckt wurde: Wenn eine Figur zu sehr ausgestaltet ist, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sie sich allzu stark von einem potenziellen Leser unterscheidet. Und der möchte sich schließlich in der Figur wiederfinden. (Wie gesagt, auch hier spreche ich von der breiten Masse der Leser, natürlich gilt das trotzdem bei weitem nicht für alle und vor allem nicht für alle Genres). [...]

Nun, ich gebe dir recht, dass ein möglichst großes Identifikationspotential für den "Megaseller" von morgen von großem Vorteil, um nicht zu sagen essentiell ist. Ich widerspreche allerdings darin, dass dies quasi proportional mit einer "Figurenverflachung" einher geht (so hab ich dich hier verstanden).
In dieser Aussage verstecken sich zudem zwei Annahmen, die man hier wie auch anderswo immer wieder lesen kann, nämlich
- dass die "breite Masse" (--> negativ konnotiert) mit eher einfacher Lektüre (subjektiv wertend) zufrieden sei, wobei man selbst sich jedoch eben nicht zu jener ominösen Gruppe hinzuzählt (Aufwertung des eigenen Egos), weil man ja gewisse Ansprüche hat (ich nehme mich da gar nicht aus, ich denke da durchaus ebenfalls elitär von mir - fraglich ist halt nur, ob das auch gerechtfertigt ist  ;))
- dass ein "Bestseller" nur dann nicht flach ist, wenn man selbst ihn gut findet (was selten genug vorkommt), da man ja anspruchsvoll ist und nicht der breiten Masse angehört ;)

Nun mag ich das gar nicht groß bewerten, denn wie gehabt - ich urteile ja genauso. Ich plädiere nur für einen reflektierten Umgang mit dem eigenen Urteil :) Da fällt mir ein... gab es hier nicht auch eine Psychologin im TiZi? Die psychologische Sichtweise auf die Frage, warum sich etwas verkauft, würde mich tatsächlich brennend interessieren!
[Es deckt sich vermutlich weitestgehend mit canis' Ausführungen, und dass wir alle manipuliert werden bei unseren Kaufentscheidungen ist ja nun auch nicht neu, aber vielleicht gibt es aus psychologischer Sicht hier noch Ergänzungen?]

Siara

Zitat von: Nandriel am 25. März 2014, 22:11:43
Nun, ich gebe dir recht, dass ein möglichst großes Identifikationspotential für den "Megaseller" von morgen von großem Vorteil, um nicht zu sagen essentiell ist. Ich widerspreche allerdings darin, dass dies quasi proportional mit einer "Figurenverflachung" einher geht (so hab ich dich hier verstanden).
Nein, das ist natürlich nicht das Gleiche. Aber ich habe das Gefühl, es ist ein einfacher und gern gewählter Weg.

Zitat von: Nandriel am 25. März 2014, 22:11:43
In dieser Aussage verstecken sich zudem zwei Annahmen, die man hier wie auch anderswo immer wieder lesen kann, nämlich
- dass die "breite Masse" (--> negativ konnotiert) mit eher einfacher Lektüre (subjektiv wertend) zufrieden sei, wobei man selbst sich jedoch eben nicht zu jener ominösen Gruppe hinzuzählt (Aufwertung des eigenen Egos), weil man ja gewisse Ansprüche hat (ich nehme mich da gar nicht aus, ich denke da durchaus ebenfalls elitär von mir - fraglich ist halt nur, ob das auch gerechtfertigt ist  ;))
- dass ein "Bestseller" nur dann nicht flach ist, wenn man selbst ihn gut findet (was selten genug vorkommt), da man ja anspruchsvoll ist und nicht der breiten Masse angehört ;)
Mist. Und dabei hatte ich extra versucht klarzustellen, dass ich nicht abfällig über die "breite Masse" denke. Ja, ich glaube, dass im Regelfall die ganz großen Bestseller eher flache Lektüre sind. Liebesgeschichten, bei denen die beiden ewig umeinander tänzeln, obwohl man von Anfang an weiß, dass sie sich am Ende doch kriegen. Figuren, in die man sich gut hinein versetzen kann, weil sie so wenige bekannte Eigenschaften haben, dass man kaum Unterschiede zwischen ihnen und sich selbst findet. Ein absolut schnörkelloser, sehr einfach gehaltener Stil. Und ich persönlich lese so etwas nicht gern. Aber das heißt nicht, dass ich irgendwen schief anschaue, wenn er sich für diese Romane begeistert.

Dafür gucke ich Serien wie Two And A Half Men, Big Band Theory, etc. Nicht oft, aber ich habe doch meinen Spaß daran. Ich weiß genau, dass sie alles andere als tiefgründig sind. Aber sie sind gut, um mal ein bisschen abzuschalten und sich unterhalten zu lassen. Das mag ich bei Serien, bei Büchern nicht. Aber ich denke, dass viele Bücher aus eben diesem Grund erfolgreich sind. Und ich bin sicher in keiner Position, irgendwem zu sagen, dass er sich doch bitte mal tiefgründigere Lektüre kaufen sollte.

Genau, wie es etliche dieser Serien gibt, gibt es auch immer neue Bücher, die eben für diese Art von Lesern geschrieben werden. Leichte Kost, anspruchslose Unterhaltung. Das ist, was tatsächlich viele lesen wollen. Und daran seinen Spaß zu haben, gönne ich jedem.

Also noch mal zur Korrektur: Solange man beim Lesen Spaß hat, ist es gut.

Eine ganz andere Frage wäre, wer solche Bücher schreibt. Gibt es tatsächlich Autoren, die Spaß daran haben, diese einfachen, voraussehbaren Romane zu schreiben? Aber ich sehe, das geht schon wieder in eine Richtung, die hier nicht hingehört  ::)

Vielen Dank für den Hinweis, Nandriel. "Reflektierter Umgang mit dem eigenen Urteil" - finde ich selbst auch wirklich wichtig  ;)
I'm going to stand outside. So if anyone asks, I'm outstanding.

canis lupus niger

Zitat von: Siara am 25. März 2014, 23:03:37

Eine ganz andere Frage wäre, wer solche Bücher schreibt. Gibt es tatsächlich Autoren, die Spaß daran haben, diese einfachen, voraussehbaren Romane zu schreiben? Aber ich sehe, das geht schon wieder in eine Richtung, die hier nicht hingehört  ::)

Ich glaube nicht, dass jemand aus Liebe zum Schreiben bewusst Massenware produziert. Entweder können die betreffenden Autoren es ncht besser, oder es sind Hausautoren, die Auftragsarbeiten nach Schema F anfertigen, ohne emotionale Anteilnahme.

gbwolf

Zitat von: canis lupus niger am 25. März 2014, 23:17:33
Ich glaube nicht, dass jemand aus Liebe zum Schreiben bewusst Massenware produziert. Entweder können die betreffenden Autoren es ncht besser, oder es sind Hausautoren, die Auftragsarbeiten nach Schema F anfertigen, ohne emotionale Anteilnahme.

Fast alle Hausautoren und Auftragsschreiber, die ich kenne, lieben ihren Beruf. Ohne Liebe könnten sie den großen Output auch nicht schaffen. Dazu gehört neben Disziplin auch eine gewisse Leidenschaft für das Genre. Und warum auch nicht? Viele Leser lieben diese Unterhaltung, das wurde bereits mehrfach angemerkt. Weshalb sollten die Autoren ihre Werke weniger lieben?
Auf dem BuCon habe ich mich vor Jahren einmal glänzend mit einem Heftromanautor unterhalten, der unter weiblichem Pseudonym Liebesschmacht für 1,50 das Heft produziert - und davon schwärmt.
Aus dem Kopf fällt mir auch nur ein Heftromanautor (SF-Bereich) ein, der die Heftchen für das Geld schreibt und sich intelektuell unterfordert sieht. Die meisten freuen sich aber darüber, Menschen zu unterhalten. Sonst hätten sie sich sicherlich einen anderen Job gesucht.

Siara

Zitat von: Nadine am 25. März 2014, 23:23:09
Fast alle Hausautoren und Auftragsschreiber, die ich kenne, lieben ihren Beruf. Ohne Liebe könnten sie den großen Output auch nicht schaffen. Dazu gehört neben Disziplin auch eine gewisse Leidenschaft für das Genre.

Dazu Folgendes, das aus einem Interview mit Nicholas Sparks (hier ein gutes Beispiel, finde ich) stammt:

ZitatWieso schreiben Sie Liebesgeschichten?

Ich habe dieses Genre gewählt, weil es dort so gut wie keine Konkurrenz gibt.

Bämm, dachte ich mir, als ich das gelesen hatte. Nicht, dass ich jemals ein Fan gewesen wäre. Wie gesagt, mir gefällt diese Art von Buch nicht. Aber ein Genre nicht aus persönlicher Leidenschaft heraus zu wählen, sondern zuzugeben, dass es einem um eine hohe Präsenz auf dem Markt geht?  :no:
I'm going to stand outside. So if anyone asks, I'm outstanding.

Alana

#10
Warum wird es eigentlich als negativ angesehen, sich an den Bedürfnissen des Marktes zu orientieren? Ich habe so viele Ideen, die kann ich bis an mein Lebensende nicht schreiben. Warum soll ich dann nicht die rausfischen, die sich verkaufen lassen? Abgesehen davon dass ich die Bücher von Nicholas Sparks nicht leiden kann, solange er nicht im selben Atemzug sagt, dass er Liebesromane hasst, finde ich das vollkommen in Ordnung. Wütend machen mich Autoren, die begehrte Genres schreiben, sich dann aber abfällig darüber äußern und ihre eigenen Geschichten hassen.
Alhambrana

Christian Svensson

#11
ZitatWarum wird es eigentlich als negativ angesehen, sich an den Bedürfnissen des Marktes zu orientieren

Ich denke, dass diese Frage schwierig zu beantworten ist, denn sie geht in die persönlichen Befindlichkeiten jedes Einzelnen hier hinein. Ich lese hier zwischen den Zeilen vieler Diskussionsbeiträge die Meinung, dass das persönliche Schreiben etwas Besonderes ist. Ist es auch, denn in jedem Buch, in jeder Kurzgeschichte steckt etwas von dem Autor selbst, etwas sehr Persönliches.
Hinzu kommt, dass Schreiben nah an der Kunst - und natürlich auch Kunst selbst ist bzw. sein kann. Da fällt es vielen schwer, zu verstehen, dass Schreiben auch "nur" simpler Broterwerb sein kann. Wo ist da das Besondere? Es soll bitte nicht negativ gewertet werden, aber ich denke, es hat auch etwas mit dem Selbstwertgefühl und mit dem Glauben, dass das, was ich schreibe, etwas Besonderes ist, zu tun. Es steckt ja mein Herzblut darin. So sind wir Menschen. Wie kann man da für den schnöden Markt Massenware produzieren?
Der Bäcker, der seit 40 Jahren Brötchen für den Markt backt, der Müllfahrer, der seit dreißig Jahren meinen Müll wegbringt - seine Arbeit kann man nur gut machen, wenn man sie liebt. Für mich gibt es keinen Grund, mich für etwas Besonderes zu halten, nur weil ich schreibe. Ich schäme mich auch nicht, dass ich mein Buch so schreiben will, dass es verkaufbar ist. Ich rümpfe aber auch nicht die Nase über die, die ihr Buch für sich schreiben.
Was auch immer wir tun - wenn wir es mit Liebe tun, gibt es keinen Grund, über die Arbeit des anderen - auch nicht der Massenproduzenten, auch nicht der Putzfrau - die Nase zu rümpfen. Weil Naserümpfen mehr über den sagt, der es tut, als über das Opfer.

Alana

ZitatDa fällt es vielen schwer, zu verstehen, dass Schreiben auch "nur" simpler Broterwerb sein kann.

Damit implizierst du aber irgendwie, dass Schreiben als Broterwerb nicht mehr individuell und originell sein kann. Und das sehe ich vollkommen anders. Nur weil man sich anschaut, was die Leser mögen, bedeutet das nicht, dass man lieblos Texte raushaut. Nur weil man 5 Romane oder mehr pro Jahr schreibt, bedeutet das nicht, dass es wertlose Massenware ist. Ebensowenig wie es bedeutet, dass jemand, der "nur" einen Roman pro Jahr schreibt, etwas künstlerisch wertvolles zustande bringt. Ich finde einfach wichtig, dass man sich das ein bisschen bewusst macht. Aber das Thema hatten wir glaube ich woanders schon mal, deswegen bin ich jetzt ruhig. ;D

ZitatWas auch immer wir tun - wenn wir es mit Liebe tun, gibt es keinen Grund, über die Arbeit des anderen - auch nicht der Massenproduzenten, auch nicht der Putzfrau - die Nase zu rümpfen.

Dem stimme ich zu. :)
Alhambrana

Siara

#13
Vielleicht habe ich in diese Aussage Sparks schlicht zu viel hinein interpretiert. Für mich jedenfalls klang es nicht danach, als ob er das, was er tut, aus Leidenschaft tut. Aber Bardo hat wohl recht, ich persönlich kann mir wirklich nicht vorstellen, wie Schreiben für einen Menschen ein Broterwerb sein kann, bei dem man eigene Gefühle außen vor lässt und in dem man selbst nichts Besonderes sieht.

Mir tut es in der Seele weh, wenn ich daran denke, dass jemand wie Sparks über tiefe Gefühle schreibt und über die Leidenschaft und die Wünsche seiner Figuren, während er selbst womöglich nichts davon spürt. Und es würde, wenn ich denn etwas für seine Bücher übrig hätte, auch viel der Bedeutsamkeit aus ihnen nehmen.

Abgesehen davon sehe ich Schreiben nicht als eine Kunstform, sondern als ein Handwerk. Aber auch ein Handwerk kann man so oder so ausführen - als 'Muss', um sein Geld zu verdienen, oder nicht nur mit seinem Können, sondern auch mit seiner Leidenschaft. Was den Autor von einem Bäcker oder Tischler unterscheidet? In der Regel gibt man ein Teil von sich selbst preis. Es ist etwas sehr Persönliches. Ob Bäcker und Tischler ihre Arbeit ebenso sehen, weiß ich natürlich nicht. Aber wenn jemand die vielen Gefühle, und was sonst noch alles in einem Buch stecken kann, selbst nur formuliert, nicht nachempfindet, fühlt sich das für mich nach Betrug an.

Wenn ein Autor mit Leidenschaft Massenware produzieren kann, dann bewundere ich das. Er hat Glück, denn er kann von dem, was er gern tut, leben. Also kein Angriff gegen irgendjemanden, der sich nach Bedürfnissen des Marktes orientiert. Ich finde es nur traurig, wenn jemand seine Leidenschaft an mehr Profit verkauft.

So, das war jetzt absolut Off-Topic. Ich wollte nur richtigstellen, dass ich sicher über niemanden "die Nase rümpfe", der Freude an seiner Arbeit hat.
I'm going to stand outside. So if anyone asks, I'm outstanding.

HauntingWitch

@Nandriel: Guter Punkt, das habe ich so noch gar nie betrachtet.   :)

@Bardo: Nun, für mich wäre der Optimalfall, wenn ich mit etwas, dass ich für mich geschrieben habe, dann auch noch Erfolg hätte. Erfolg ist für mich zwar ein Wunsch, aber niemals der Grund, warum ich überhaupt schreibe.

Zitat von: canis lupus niger am 25. März 2014, 23:17:33
Ich glaube nicht, dass jemand aus Liebe zum Schreiben bewusst Massenware produziert. Entweder können die betreffenden Autoren es ncht besser, oder es sind Hausautoren, die Auftragsarbeiten nach Schema F anfertigen, ohne emotionale Anteilnahme.

Bewusst vielleicht nicht. Aber sieh dir z.B. J.K. Rowling an, völlig egal, ob man Harry Potter nun gut findet oder nicht. Sie spricht Themen an, die jeden Teenager irgendwann beschäftigen. Eine gewisse Einfachheit im Plot ist vorhanden, so dass man leicht folgen kann. Es ist Massenware und bestimmt auch durch den Erfolg dazu geworden. Das war bestimmt nicht eiskaltes Kalkül (zumindest nicht am Anfang), sondern hat sich so ergeben. Wäre es nur Kalkül gewesen, hätte man diese Identifikationsfaktoren auch auf weniger Seiten packen können.

Damit zum nächsten Punkt:
ZitatWarum wird es eigentlich als negativ angesehen, sich an den Bedürfnissen des Marktes zu orientieren? Ich habe so viele Ideen, die kann ich bis an mein Lebensende nicht schreiben. Warum soll ich dann nicht die rausfischen, die sich verkaufen lassen?

Darin sehe ich überhaupt kein Problem. Deine Ideen kommen ja doch aus einer gewissen Leidenschaft heraus, du schreibst sie aus Liebe zur Sache. Wenn da der Verstand hinein spielt und sagt, "Okay, wir haben hier 5 Konzepte, Nummer 3 läuft vermutlich am besten, wir nehmen Nr. 3", finde ich das in Ordnung. So lange auch diese Nr. 3 eine Idee ist, die von Herzen kommt.

Nicht in Ordnung finde ich das, was Siara beschreibt. Wenn ein Autor Bücher schreibt bzw. ein bestimmtes Genre schreibt, einzig um damit Geld zu verdienen oder berühmt zu werden. Das ist in meinen Augen verlogen und hat nichts mehr mit Autor-sein zu tun, sondern einfach nur mit Gier. Die Frage ist, wie viele tun das? Denn einer, der absolut gar keine Leidenschaft verspürt, käme vermutlich gar nicht erst soweit. Oder etwa doch? Es gibt ja nichts, was es nicht gibt. Vielleicht ist Sparks ja wirklich so einer. Vielleicht hat er es aber auch einfach nur ironisch gemeint.

Aber es gibt ja auch alle diese Promi-Frauen, die irgendein Buch auf den Markt bringen, bei denen ich mir nicht vorstellen kann, dass sie das aus einer Leidenschaft heraus tun. Wer weiss, ob sie es überhaupt selber schreiben. Kennt jemand die Band Gotthard? Der Sänger von denen ist vor ein paar Jahren bei einem tragischen Unfall gestorben. Kaum ein halbes Jahr später hat seine Frau ein Buch herausgebracht: "Mein Leben mit Steve." Da soll mir noch einer erzählen, das sei aus Leidenschaft entstanden. Da ging es nur darum, Kapital zu schlagen, aus dem Tod des eigenen Mannes. So etwas finde ich schlimm. :'( Ob das Erfolg hatte, weiss ich jetzt nicht einmal.