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Beat Sheets

Begonnen von AlpakaAlex, 31. August 2021, 18:42:14

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Syrelle

Zitat von: novembercat am 05. April 2025, 10:31:56Dazu habe ich ein Spiel erfunden, das ich gerne mit Kindern spiele (und ich ganz ähnlich auch in "Der Boden ist Lava" von Ivan Brett gefunden habe): "Der Dritte macht's kaputt".
Der Erste beginnt die Geschichte. Der Zweite schmückt aus. Der Dritte macht's kaputt, die Geschichte muss enden, vorbei sein, zerstört. Der Erste muss dann die Geschichte retten, irgendwie weiterspinnen, den Helden auffangen, egal wie. Und wieder von vorne. Macht am meisten Spass, wenn man weniger oder mehr als genau zu dritt ist.
Ich denke, wenn man das konsequent macht, landet man schlussendlich bei einer Struktur, die dem Beat Sheet ähnelt, ganz automatisch.
Aber ich kann mich irren  ;D

Meine Theorie ist also, dass die großen Romane nicht diese Struktur aufweisen, weil das so geplant war, sondern weil das eben die Struktur ist, die passiert, wenn man Leser zu fesseln weiß. Wenn die Wendungen immer am interessantesten Punkt kommen. Wenn sie sich immer aufschaukeln, kommt man eben immer an den Punkt "Alles ist verloren", und wenn man die Helden retten will, braucht man eben dafür etwa halb so lang, wie man braucht, um sie reinzureiten. Deshalb ist der tote Punkt etwa bei zwei Dritteln?

Das Spiel klingt echt interessant - und ziemlich gut geeignet, um sich bei langen Autofahrten die Zeit zu vertreiben :)

Aber das mit den 31 Stationen finde ich auch ziemlich interessant. Was sind denn das für Stationen, die er da herausgearbeitet hat, @novembercat?

Ich denke, an deiner Theorie ist schon was dran. Die 3-Akt-Struktur ist (für mich zumindest) eigentlich ein echter Klassiker, weil sie sich a) bewährt hat und b) Geschichten ohne einen Spannungsaufbau irgendwie nicht wirklich funktionieren. Ich glaube, sowas macht man vielleicht sogar intuitiv? Wenn - wie du schon sagst - jede Heldenreise irgendwie immer die gleichen Punkte abläuft, greift man ja schon unterbewusst immer auf die gleichen Stilmittel zurück. Man kann das Rad ja schließlich nicht neu erfinden.

Ich finde es ja besonders zufriedenstellend, wenn der Punkt "Alles ist verloren" darauf beruht, dass die Charaktere diesen Moment selbst herbeigeführt haben, egal auf welche Weise. Sei es, weil sie unbeabsichtigt eine später wichtige Person vor den Kopf gestoßen haben, oder weil sie einen wichtigen Gegenstand nicht beachtet haben, was sie später in eine richtig schwierige Zwickmühle bringt. Das hat dann auch einen netten Lerneffekt für die Charaktere, sodass man ihre Entwicklung wunderbar zum Abschluss bringen kann ;D

novembercat

Zitat von: Syrelle am 05. April 2025, 12:38:43Aber das mit den 31 Stationen finde ich auch ziemlich interessant. Was sind denn das für Stationen, die er da herausgearbeitet hat, @novembercat?


Nimm die hier: https://storymonster.de/vladimir-propp-morphologie-des-maerchens

Ich finde interessant, dass der Held am Schluss heiratet. Wenn man es genau nimmt, kann das ja alles mögliche sein: wenn der Held hinter einem Job her ist, bekommt er den am Schluss / wenn der Held eine Welt betreten will, kann er das am Schluss / wenn der Held sich verändern will, erreicht er das am Schluss. Das ist ja schon eine Vermählung mit einem bestimmten Thema, das muss nicht auf eine Beziehung hinauslaufen. Das hat ja auch mit Status zu tun und mit dem Erreichen einer gewünschten Lebensqualität. (Aber so eine Hochzeit ist ja schon was Schönes, hach)

Bei manchen Büchern oder Filmen habe ich hinterher gedacht: "Ja, schau, das hat ja so kommen müssen, wenn man im ersten Drittel so abbiegt." Manchmal bin ich schon im ersten Drittel vom Ende enttäuscht gewesen.
Ich glaube, das passiert, wenn man der Struktur den Vorrang gibt. Mit deiner Methode, @Syrelle , kann man da einen Unterschied machen, denke ich. Man kann auch das Thema variieren. Anstatt eines Drachen trifft man auf einen Drachen dem Prinzip nach, also einem Typen, der Geld hortet zum Beispiel, oder einem Feuerspucker auf einem Jahrmarkt. Der Hauptcharakter arbeitet sich an einem Thema ab, das ihn persönlich beschäftigt, und nähert sich der größten, bedrohlichsten Form an. Diese vernichtet ihn dann fast, aber auch seine Illusionen dem Thema gegenüber.

Ich fange an zu schwafeln. Guten Tag.
Ich meine das ganz freundlich.