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Autor Thema: Was würde *mich* in einem Roman repräsentieren?  (Gelesen 751 mal)

Offline Anjana

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Was würde *mich* in einem Roman repräsentieren?
« am: 17. Juni 2020, 08:19:36 »
Liebe TiZis,

ausgelöst duch den Thread zu Rowlings Aussagen/Haltung gegenüber trans Menschen frage ich mich gerade wie ich mich praktisch einer Repräsentation annähern kann, wenn mir selbst die Erkenntnis fehlt, dass ein Mensch sich nicht repräsentiert fühlt.
Zugegeben, mich interessiert das auch für mein grundsätzliches Leben, aber vielleicht können wir hier einige ownvoice-Stimmen (gibts dafür eigentlich einen deutschen Begriff?) sammeln, die dabei helfen.

Hintergrund meiner Idee ist folgendes:
1. Ich habe in meiner Schulzeit (90er) zwar Mitschüler gehabt, deren Eltern aus anderen Kulturen (asiatischer und südeuropäischer Raum) stammten. Ebenso war ein Mitschüler ganz offen mit einem anderen liiert. Da das so normal war und ich nie mitbekommen habe, dass da irgendwer auch nur komisch geschaut hat, habe ich lange Zeit behauptet, dass ich noch nie mit diesen Themen konfrontiert gewesen bin. Zugegeben, mit dem homosexuellen hatte ich wenig Kontakt, der teilasiatische Mitschüler war aber ein Freund von mir und weder von ihm noch von seinem Bruder habe ich je etwas zu diesem Thema gehört. Es gab für mich einfach keinen Unterschied zu allen anderen Mitschülern. Bei dem Schüler aus dem Osteuropäischen Teil habe ich am Rande mitbekommen, dass er seine deutsche Freundin zuhause verheimlichen musste - was mir überhaupt erst bewusst gemacht hat, dass bei ihm zuhause offenbar eine andere Kultir gelebt wird als bei mir. Das war sonst aus seinem verhalten absolut nicht erkennbar. Vielleicht wäre es, das wären wir eng befreundet gewesen, aber das ist man ja mit dem Großteil der Menschen nicht. War das von mir jetzt Ignoranz, weil ich automatisch davon ausgehe, dass das Aussehen und der Name nicht bedeuten, dass er einer anderen Kultur angehören muss als der, in deren Land er lebt? Oder war es rassistisch automatisch davon auszugehen, dass schwarze Haare und ein nichtdeutscher Name bedeuten, dass diese Person natürlich kein Christ ist und nicht in der Kultur des Landes in der sie lebt sozialisiert worden ist. ? Das ist eine ganz ernst gemeinte Frage, die mich schon seit Jahren beschäftigt, weil ich es so schwierig finde, wenn gleichzeitig gefordert wird, die Unterschiede nicht als determinierendes Merkmal zu nehmen und andererseits aber ebendiese Unterschiede zu repräsentieren. Ist es immer -istisch von der Norm auszugehen? Ist es -istisch, wenn ich davon ausgehe, dass Personen in einem Zweielternhaushalt aufgewachsen sind? Oder ist es das erst, wenn ich es verurteile, dass es keine Zweieltern waren?
Und wenn ich nur Unterschiede im Aussehen wahrnehme, aber nicht in Handlungen - wie repräsentiere ich dann, wenn ich meine Figuren optisch nicht beschreibe?
Geht das dann in Bezug auf Ethnien nicht, weil es vielleicht Nebenfiguren sind und das Thema nie relevant wird? Bei sexueller Orientierung ist es dann natürlich einfacher, weil die Handlungen es zeigen. Und wenn dem so ist, darf ich dann nur in Hauptpersonen repräsentieren oder muss ich dann wieder auf optische Signale zurückgreifen? (also muss ist rethorisch, weil ein Autor letztlich lediglich schreiben muss um ein Autor zu sein und die Regeln dafür auch wieder subjektiv sind.)

Inzwischen habe ich persönlich meine Fähigkeit das Aussehen völlig zu übersehen und nur die Persönlichkeit zu betrachten fast vollständig verloren, weil mir durch viele Diskussionen suggeriert wurde, dass ich mit anders aussehenden/ anders wirkenden Personen auch anders umgehen muss, weil sie eine andere Lebenswirklichkeit haben und tausend Fettnäpfchen lauern und gefühlt jedes Verhalten genau falsch verstanden werden kann. Glücklicherweise lässt diese Unsicherheit und Befangenheit wieder nach, wenn ich sicher bin, dass die Person weiß, wie ich zu ihr stehe.
Ob das gut oder schlecht ist, lasse ich mal dahingestellt. Mir geht es damit bisher eher schlechter und mir ganz persönlich wird auch erst Rassismus vorgeworfen, seit ich mich besonders bemühe es nicht zu sein und alles richtig zu machen.
Als Hautfarbe für mich noch nichts anderes war als auch Haar- oder Augenfarbe ist mir das nicht passiert. Vielleicht nur Zufall. Fakt ist: ich kann nicht mehr einfach zurück. Also gehe ich vorwärts und vielleicht ist die "Lösung" die, meine Grundannahme, dass gar kein Mensch wie ich ist auszuweiten. Dann sind irgendwann nämlich doch wieder alle gleich, weil alle anders sind. Das bedeutet dann aber auch, dass jede Figur/jeder Mensch durch Unterschiedlichkeit repräsentiert wird und dabei nicht nur auf die großen Themen geschaut wird.
Übrigens auch sehr interessant was unter weiß verstanden wird. Für mich sind auch Asiaten weiß, weil ihre tatsächliche Hautfarbe aus meiner Sicht meist gar nicht wirklich dunkler ist als europäische (die gebräunt z.T. ja auch ganz schon dunkel werden kann). Dasselbe gilt für mich für südeuropäische Menschen oder auch Latinos. Daher hat es mich zum beispiel erstaunt, dass jemand mit iranischen Wurzeln sich als nicht weiß empfinden kann. Diese Ausprägung ist für mich lediglich nicht nordisch/arisch, aber dennoch auf jeden Fall weiß. Bei Asiaten sind es optisch andere Erkennungsmerkmale, die auf die Ethnie schließen lassen, aber das gehört für mich nicht in die Kategorie weiß oder PoC.
In meinen Romanen beschreibe ich Personen eigentlich nur, wenn die Textstruktur es braucht (Erkennen in einer Menschenmenge oder ähnliches) oder weil ich davon ausgehe, dass manche Leser das brauchen. Das gilt aber auch nur für den Hauptcast so zusagen. Und ich muss regelmäßig nachschauen welche optischen Merkmale ich der Figur verpasst habe. Ausnahmen in denen ich die Figuren bildlich vor mir sehe sind super selten. Aber vielleicht können Kleinigkeiten helfen diversität in der Figurenbildung zu automatisieren


Zurück zur Frage also:
Ich habe mir gedacht, dass es vielleicht für Autor_innen hilfreich sein könnte, mal zu sammeln, wodurch sich jeder Einzelne repräsentiert fühlt. Vielleicht gibt das nochmal Impulse um auch in kleinen Dingen diverser zu werden, wodurch auch die Diversität in den großen Themen leichter fällt.
Und das eben durch Ownvoices. (Außerdem kann der Blick auf die eigene Repräsentation vielleicht auch den für "Fremdrepräsentation" außerhalb von Klischees schärfen)

Hier also meine Fragen und meine Antworten:

Was ist es, dass dich ausmacht/von anderen abhebt, was in der Literatur noch nicht flächendeckend repräsentiert wird?
-> Und wie würde das in einer Figur/Geschichte repräsentiert?

1. Ich bin nur von meiner Mutter aufgezogen worden, ohne dass mir ein Vater (den ich nur eine Handvoll Male in meinem Leben gesehen habe) gefehlt hätte. Ich habe aber auch keinen Hass auf ihn gehabt, da meine Mutter ihn nie schlecht gemacht hat. Das hat er eher selbst durch eigenes Verhalten geschafft.^^
Ich fühlte mich bis Ende 20 nicht anders als ein Zweielternkind und bin tatsächlich mitunter genervt von den Dramen, denen Einelternkindern immer angedichtet werden. Weil das nicht meine Realität war. Heute sehe ich Unterschiede, die aber vor allem in Beziehungskontexten relevant werden, weil es in der Bindung und im Erleben von Realität eben doch einen Unterschied macht, ob man ein Singledasein oder eine Partnerschaft als Vorbild hat. Das hat aber mit meinem Vater weniger zutun als mit meiner Mutter, die keine neue Beziehung eingegangen ist.
-> ich würde mich also repräsentiert fühlen, wenn mal ein Einelternkind diese Tatsache nicht als Drama erleben würde.

2. Ich bin als Frau immer mit vielen Männnern befreundet gewesen.
-> Ich würde mich repräsentiert fühlen, wenn es zwischen Männern und Frauen häufiger um Freundschaft und weniger um Sex ginge. Gleichzeitig darf aber Neid und Unverständnis von eifersüchtigen Frauen oder Freundinnen sein, denn auch das war/ist meine Realität.

Offline Earu

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Re: Was würde *mich* in einem Roman repräsentieren?
« Antwort #1 am: 17. Juni 2020, 09:32:08 »
Puh, das sind echt schwierige Fragen. Ich tue mir gerade selbst schwer, die Thematik PoC und die korrekte Handlungsweise zu verinnerlichen. Liegt wohl daran, weil ich unsicher bin, ob das, was ich aus den gelesenen Texten herausgezogen habe, wirklich das ist, was dieser Personenkreis für sich wünscht. Da geht es mir wie dir. Ich habe die Menschen um mich herum immer gleich behandelt. Für mich war die Hautfarbe höchstens eine interessante Schattierung und die Herkunft höchstens wichtig, um den Menschen besser verstehen zu können.

Um auf deine Fragen einzugehen:
Was ist es, dass dich ausmacht/von anderen abhebt, was in der Literatur noch nicht flächendeckend repräsentiert wird?
-> Und wie würde das in einer Figur/Geschichte repräsentiert?
Ich unterscheide mich von vielen Menschen körperlich durch mein Übergewicht und psychisch durch meine Kindheit, die anormal verlief, sodass ich die vielen rebellischen Jahre und die Lernjahre jetzt nachholen muss und aufgrunddessen viele Jahre spürbar depressiv war, jetzt nur noch, wenn etwas mich aus der Bahn wirft, wobei die Psyche bei mir einfach verletzt bleiben wird. Das heilt wohl nie richtig.
Das Übergewicht sieht man mir direkt an. Jemand empfindsames wird versuchen, nicht darauf herumzuhacken, wobei ich auch oft ungefragte, aber gut gemeinte Ratschläge zum Abnehmen bekomme. Die können durchaus mal nerven.
Das Psychische sieht man mir nicht an und das ist das wirkliche Problem. Egal, wie oft ich herunterbete beim Kennenlernen, dass es garantiert irgendwann passiert, dass ich demjenigen auf die Füße trete und es dann aber nicht mit (böser) Absicht passiert, am Ende sind diejenigen immer von mir enttäuscht, sauer auf mich und verschwinden aus meinem Leben. Dabei beobachte ich aber häufig, dass es erst zu einem klärenden Gespräch kommt, wenn diese Menschen sich längst gegen mich entschieden haben, obwohl ich immer darum bitte, mich direkt darauf aufmerksam zu machen, wenn ich über die Strenge geschlagen bin. Nur so kann ich lernen, wirklich erwachsen zu werden. In der Theorie, also im Aufklärungsgespräch, ist das alles kein Problem, aber wenn es soweit ist ...
Ich habe bisher nur ein Buch gelesen, in der die Hauptfigur dick war, und da ging es um Selbstakzeptanz und auch irgendwie ums trotzdem Abnehmen. Ansonsten kenne ich nur Nebenfiguren, die dick waren, und das wurde als Stilmittel genutzt, um dessen Boshaftigkeit zu untermauern oder zu erklären, weshalb er so tollpatschig oder langsam ist. Dabei sind viele übergewichtige Menschen sehr mitfühlend, hilfsbereit und einfach lieb. Himmel, ich habe meine Ellbogen, um mich am Türrahmen zu stoßen, weil ich mal wieder vergessen habe, wie breit ich tatsächlich bin! Das sagt doch alles. Wieso müssen die übergewichtigen Figuren also immer so negativ dargestellt werden? Wir haben doch so viel zu bieten.
Bücher über Menschen mit einer Entwicklung, die durch äußere Umstände gestört wurde (nicht durch eine Behinderung nach einem Unfall oder von Geburt!), habe ich noch nicht gesehen, was nicht bedeutet, dass es diese nicht gibt. Wobei ich es begrüße, dass es mittlerweile Bücher von psychisch erkrankten Menschen gibt, die als Hauptfigur ebenfalls eine psychisch erkrankte Person haben. Das bringt diese Erkrankungen den Menschen, die sich für normal halten (das ist alles Ansichtssache), näher. Aber mir persönlich reicht das nicht. Wir haben alle unseren Knacks. Nicht immer ist es gleich ernst. Es genügt, wenn man zuhause als Kind das Gefühl hatte, dass die Eltern den Geschwistern mehr Aufmerksamkeit schenken, um sich für den Rest des Lebens z. B. wertlos zu fühlen. Und wenn dann etwas passiert, das an diese Zeit erinnert, triggert es denjenigen und er geht z. B. ohne Vorwarnung an die Decke. Solche Erlebnisse kennt jeder, aber nicht jeder analysiert sie so, wie es ein psychisch Erkrankter tut, weil er doch so gerne normal wäre. Sowas in einem Roman zu zeigen, stelle ich mir verdammt schwer vor, zumal wohl die wenigsten Menschen lesen wollen, dass sie so normal gar nicht sind. Und ich meine das nicht negativ. Es ist menschlich. Genau das ist irgendwie doch auch normal. Nur verstehen wir normal eben so, dass man keine Probleme hat.

Äh, ja, ich hoffe, das ist verständlich und niemand fühlt sich angegriffen oder verletzt. Es ist nur meine Betrachtung und irgendwie ist es doch auch entspannend, wenn man weiß, dass man Fehler haben darf und dass es kein Perfekt bei Menschen geben kann.

Offline Yamuri

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Re: Was würde *mich* in einem Roman repräsentieren?
« Antwort #2 am: 19. Juni 2020, 11:33:17 »
Oh, es gibt bereits einen Thread zum Thema Darstellungsmöglichkeiten von PoC, Trans Personen, LGBT+ und anderen Menschen, die sich nicht als Cis oder der gesellschaftlichen Norm entsprechend sehen.

Für mich war die Hautfarbe auch immer nur optisches Feature, so wie die Haarfarbe, wie die Augenfarbe, um das visuelle Aussehen eines Menschen zu bestimmen. Nichts anderes ist es in meinem Geschichten. Ich nenne die Hautfarbe eigentlich nur, um den Leser*innen mitzuteilen, wie sie sich den Charakter optisch vorstellen sollen. Normalerweise wird das aussehen auch nur ein einziges Mal erwähnt. Das Verhalten mache ich tatsächlich nicht an kulturellen Besonderheiten fest. Ich spiele für mich Szenen gerne aus, schlüpfe dann in den Charakter, spiele ihn sozusagen, verbinde mich emotional mit meinen Charakteren und sehe dann, wie ist der Charakter, wie fühlt und denkt er, wie handelt er. Meine Geschichten sind allerdings alle losgelöst von unserer Realität und Erfahrungswirklichkeit. In einer Geschichte kann man zwar tatsächlich von einer Abstammung von Menschen verschiedener Kulturkreise sprechen, in anderen habe ich einfach nur das optische Aussehen übernommen, die Gesellschaft hat sich aber anders entwickelt. Beispielsweise wäre ich nie auf die Idee gekommen Menschen afrikanischen Ursprungs als wild und barbarisch darzustellen, sondern eher als edelmütig und naturbezogen. Letzteres ist leider auch ein Klischée an dem ich noch arbeiten werde müssen. Bei Wikingern z.B. habe ich hingegen die Vorstellung von wilden, kriegerischen Barbaren. Ist möglicherweise auch zu wenig differenziert.

Grundsätzlich finde ich, dass die Herkunft eines Menschen nicht unbedingt charakteristisch sein muss für sein empfinden, sein denken und fühlen. Ich selbst kann mich zum Beispiel mit vielem nicht identifizieren, was aber für westliche Menschen teilweise Alltag und Norm ist. Manches erscheint mir sehr befremdlich und bisweilen zweckentfremde ich auch Begriffe, weil das was ich ausdrücken will, noch keine Begrifflichkeit in unserer Sprache hat. Zum beispiel beim Thema Realität und Wirklichkeit. Für mich sind das zwei unterschiedliche Begriffe, weil meine Erfahrungswelt etwas kennt, das außerhalb dessen ist, was herkömmlicherweise als Realität bezeichnet wird. Um dieses außerhalb begrifflich abzubilden, habe ich den Begriff Wirklichkeit zweckentfremdet und nutze ihn als Sammelbegriff.

Deine Idee finde ich sehr gut, zu sammeln, welche Repräsentation man gerne mal sehen würde in Geschichten, wodurch man sich selbst repräsentiert fühlen würde.

Was ist es, dass dich ausmacht/von anderen abhebt, was in der Literatur noch nicht flächendeckend repräsentiert wird?
-> Und wie würde das in einer Figur/Geschichte repräsentiert?

Was ich schön fände, weil ich es bisher noch nirgendwo gesehen habe (vielleicht gibt es so eine Geschichte aber bereits, nur ich kenne sie noch nicht), wäre:
-> in meiner Jugendzeit habe ich noch nicht gewusst, dass es einen Begriff für das, wie ich mich fühle. Damals dachte ich, ich bin einfach anders, kein normales Mädchen. Ich trage nur Hosen, mag keine Röcke, bin eher burschikos und interessiere mich für Themen, für die sich eher Männer interessieren. Mit weiblichen Rollenbildern konnte ich nie viel anfangen. In Filmen/Büchern erlebe ich leider immer wieder, dass wenn Frauen burschikos auftreten, sie im Laufe einer Liebesgeschichte plötzlich zu Weibchen mutieren, die Röcke tragen, sich auf einmal Schminken und eben nicht mehr das sind, was sie eigentlich sind. Sie verwandeln sich. Das finde ich sehr schade, weil es suggeriert: wenn man eine burschikose Frau ist oder eine nicht binäre Person, die sich lieber wie ein Mann kleidet oder stärker zu einer Identifikation als Mann hingezogen fühlt, man nur einen Partner/ eine Partnerin finden kann, wenn man sich selbst eindeutig als Frau oder Mann positioniert.
Mich würde daher sehr freuen, wenn es mehr Geschichten gäbe, in denen sich Menschen, die eher Tomboy mäßig und burschikos herumlaufen, nicht verbiegen müssten, um glücklich zu werden, sondern für das geliebt werden, was sie sind.
-> andererseits, da ich mir selbst noch unsicher bin ob ich asexuell bin oder nicht, würde ich mir auch wünschen, wenn es mehr Geschichten gäbe, in der Mann und Frau einfach nur Freunde sein dürfen, ohne, dass sich zwangsläufig Gefühle für das jeweils andere Geschlecht ergeben.
-> was ich auch toll fände, weil ich selbst damit große Probleme habe: wenn Frauen, die von Natur aus einen eher größeren Busen haben, nicht immer so stark sexualisiert dargestellt würden, sondern durchaus auch mal als burschikose Frauen, die sich gar nicht für Sex und Partnerschaft interessieren, vielleicht Tomboys oder nicht-binäre Personen sind, die eben zufällig besser bestückt sind. Das wäre wirklich fein, weil es vielleicht auch Cis-Männern klarer machen würde, dass ein großer Busen nicht auf sexuelles Interesse hindeuten muss.
-> generell würde ich mich auch repräsentiert fühlen, wenn Menschen auch mal paradox im Verhalten dargestellt würden und man das dann auch so stehen lässt und es einfach als normal präsentiert wird und wenn Menschen nicht zwanghaft ein best. verhalten zeigen müssten, nur weil sie ein best. Alter haben (gemäß ihres Passes)

Wobei ich sagen muss, mich macht noch viel mehr aus als das. Ich bin sehr komplex im Denken und ich verstehe mich auch selbst noch nicht ganz. Ich stecke noch in meiner Identitätsfindung fest und suche nach meinem wahren Ich. Daher fällt es mir auch nicht leicht die Fragen final zu beantworten. Kann sein, dass mir noch mehr dazu einfällt. Und manches aus meinem Innenleben repräsentiere ich sowieso in meinen eigenen Geschichten, weshalb es mir bei vielen Punkten nichts ausmacht, wenn das andere nicht tun. Aber die oben genannten Aspekte würde ich gerne häufiger sehen.

Offline Anjana

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Re: Was würde *mich* in einem Roman repräsentieren?
« Antwort #3 am: 19. Juni 2020, 13:48:10 »
Zitat
Oh, es gibt bereits einen Thread zum Thema Darstellungsmöglichkeiten von PoC, Trans Personen, LGBT+ und anderen Menschen, die sich nicht als Cis oder der gesellschaftlichen Norm entsprechend sehen.
Ich weiß. Aber mir geht es darum, dass auch Menschen ohne diese großen Themen vielleicht Aspekte haben, die selten repräsentiert werden. Und es geht mir vor allem auch um den Aspekt für "normale" sich mal zu überlegen, was Möglichkeiten der Repräsentation wären. Das kann dann 1. vielleicht auch den Zugang zur Repräsentation der großen Themen erleichtern und/oder 2. aufzeigen, dass auch "normale" eben keine gleichen Abziehbilder, also gar nicht so "normal" sind.
Das ist für mich ein andere Aspekt als in dem oben genannten Thema.
Alles weitere später, da ich im Seminar bin.

Offline Möchtegernautorin

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Re: Was würde *mich* in einem Roman repräsentieren?
« Antwort #4 am: 01. Juli 2020, 11:17:49 »
Das halte ich tatsächlich für ein ziemlich wichtiges Thema :) Und nur am Rande @Anjana: Ich verstehe dich. Je mehr ich in der letzten zeit gelesen habe, je unsicher bin ich selbst in meinem eigenen Verhalten. Was ziemlich dämlich ist, denn ich kenne es nicht anders. Ich bin es nicht anders gewohnt, als alle Arten von Menschen um mich zu haben, zu treffen, mit ihnen zu reden und so weiter.
Um so mehr fuchst mich meine plötzliche Unsicherheit.

Aber zu deiner Fragen :)

Ich schätze, ich bin die Art Mensch, die lieber im Hintergrund bleibt. Ich hasse Aufmerksamkeit und verkrümel mich lieber. Ich denke logisch und wohl auch irgendwie nerdig, liebe Logik und Zynismus.

Grundlegend kenne ich vor allem zwei Varianten, die mit den Aspekten gerne aufgebracht werden:
  • Die komischen Außenseiter, die nicht mit Menschen können, irgendwie creepy sind und die sich dann als doch ganz cool rausstellen.
  • Die komischen Außenseiter, die nicht mit Menschen können, irgendwie creepy sind und am Ende austicken und z.B. als Massenmörder etc. entlarvt werden.

Und ja, solche Charaktere gibt es - vornehmlich in männlich. Gut, da das Ganze bei mir auf einer gefühlsmäßigen Basis abläuft, gibt es da auch immer eine Identifikation, aber ich würde mir tatsächlich mehr Frauen wünschen, die so sind.
Darüber hinaus bin ich übrigens ja auch noch Mutter. Die Kombination ist sehr sehr selten, soweit ich das beurteilen kann.

Ein bisschen eingeschränkt ist mein Blick allerdings schon, einfach weil ich vornehmlich Fantasy lese und auch derzeit viel zu wenig dazu komme. Mensch belehre mich also gerne mit Beispielen eines Besseren ;)

Aber ich stehe hier als cis Frau gar nicht im Fokus des eigentlichen Anliegens. Deswegen noch ein wichtiger Punkt dazu: Ich identifiziere mich nicht mit Äußerlichkeiten sondern mit Emotionen, Verhalten und Denkprozessen. Ich würde mich also auch repräsentiert fühlen, wenn Frau PoC und/oder LGBTIAQ ist oder auch eine Behinderung hat (gibt bestimmt noch mehr Marginalisierungen, fällt mir aber spontan nicht ein).
Wichtig ist hier ja, wirklich die in den Fokus zu stellen, die sehr oft wegen dem eigenen begrenzten Umfeld, die Autor*innen oft ja leider haben, übersehen werden, damit das mit der Diversität funktioniert und sich niemand ungewollt ausgegrenzt fühlt. Und da das ganze meines Erachtens über Normalität funktioniert, müssen solche Dinge auch nicht hervorgehoben werden. Sie müssen aber da sein und im am Besten auch positiv besetzt werden.
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Offline Schattenlied

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Re: Was würde *mich* in einem Roman repräsentieren?
« Antwort #5 am: 01. Juli 2020, 21:22:26 »
Spannendes Thema. Ich merke gerade, dass - logischerweise - die Themen, zu denen ich mehr Bezug habe, sich auch eher in den Charakteren wiederspiegeln aber da noch viel Luft nach oben ist und man gerne noch mehr aus den Begrenzungen des eigenen Denkens heraustreten kann (oder es zumindest versuchen).

Eine ähnliche Richtung wie das was Möchtegernautorin geschrieben hat. Ich bin inzwischen arg genervt von den ganzen "The power of friendship" Aesops, die ja in JRPGs sowieso Brot und Butter sind, inzwischen aber auch m.M.n. auch vermehrt im westlichen Mainstream auftauchen. Ich bin gerne introvertiert, ich bin gerne oft alleine. Deshalb bin ich kein komischer Außenseiter und auch kein eigentlich ganz netter Ausßenseiter, der lernen muss, wie toll es ist auf andere Menschen zuzugehen. Mich juckt es seit kurzem mal eine Geschichte über die Stärke des Alleinseins oder mit sonstwie gegengerichteter Aussage zu schreiben, habe aber (noch) keine Idee.

Ein anderes Thema für mich wäre, Beziehungen weniger über Sex zu definieren. Wie Yamuri schon geschrieben hat, dürfen Charaktere auch ruhig mal Freunde sein, obwohl sie in den theoretischen Beutepool fallen. Davon abgesehen fände ich es aber noch viel spannender auch romantische Beziehungen unabhängig von oder ganz ohne Sex auszuarbeiten. Ganz so schlimm wie in vielen Filmen, wo die obligatorische Sexszene dem Zuschauer klar macht, dass da jetzt eine Beziehung sein soll sind Bücher ja meistens nicht aber auch da läuft oft viel über körperliche/sexuelle Anziehung und das ewige "tun sie es jetzt endlich?." Und auch wenn sich die meisten das nicht vorstellen können, können romantische Gefühle auch ganz ohne sexuelle Anziehung existieren.

Offline Solmorn

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Re: Was würde *mich* in einem Roman repräsentieren?
« Antwort #6 am: 06. Juli 2020, 11:32:01 »
Und da das ganze meines Erachtens über Normalität funktioniert, müssen solche Dinge auch nicht hervorgehoben werden. Sie müssen aber da sein und im am Besten auch positiv besetzt werden.

Das möchte ich an der Stelle nochmal dick untertreichen und unterschreiben.


Zur Frage, was mich repräsentieren würde:
Ich habe bisher selten bis nie Figuren mit einer psychischen Störung getroffen, die realistisch und nachvollziehbar dargestellt war. Bei dem üblichen "Psychopathen sind eiskalte und hochintelligente Serienmörder" wissen die meisten Leute glücklicherweise, dass es überspitzt ist und so nicht der Realität entspricht, aber vor allem Dinge wie depressive Erkrankungen oder Angststörungen werden meist in ihren Extremen gezeigt. Mir fehlen die leichteren Formen, die man nicht meilenweit gegen den Wind riechen kann, aber die trotzdem immer wieder im Kleinen für Leiden und Beeinträchtigung sorgen.

Nicht Menschen mit Depression, die den lieben langen Tag unter dem Einfluss trizyklischer Antidepressiva apathisch Löcher in die Luft starren. Menschen, die an einigen Tagen ihr geregeltes Alltagsleben stemmen und and anderen Tagen kämpfen müssen, um aus dem Bett zu kommen. Die manchmal niedergeschlagen und traurig sind und sich trotzdem normal mit ihren Mitmenschen unterhalten können. Die manchmal eine Deadline verpassen, weil sie sich an einem Tag nicht konzentrieren konnten und deshalb in Verzug geraten sind. Die manchmal eine ganze Woche überstehen, indem sie einen vorgegebenen Plan bzw. eine Struktur stumpf abarbeiten und völlig überfordert sind, wenn sie plötzlich eine Entscheidung treffen müssen. Die manchmal einen ganzen Tag lang vergessen, zu essen und trinken, weil sie sich selbst kurzzeitig egal geworden sind.
Und die dann wiederum mal eine Woche lang völlig unbeschwert sind, weil die meisten depressiven Erkrankungen Phasen beinhalten, in denen die Betroffenen sich überhaupt nicht von anderen unterscheiden.

Nicht Menschen mit Angststörungen, die panisch werden wie ein aufgescheuchtes Huhn und am Ende ihre Phobie überwinden, weil sie einmal gezwungen waren, das zu tun, wovor sie sich fürchten.
Menschen, die sich Sorgen machen, manchmak stundenlang vor sich hin grübeln, und trotzdem erfolgreich durch ihr Leben kommen. Die von einem einzigen unbedachten Satz über den Klimawandel in eine Abwärtsspirale aus Sorgen gerissen werden. Die an manchen Tagen bewusst pessimistisch und schwarzmalerisch sind, um nicht negativ überrascht werden zu können.
Und vor allem ist eine Phobie vor großen HÖhen nicht automatisch geheilt, nur weil man einmal auf ein hohes Gebäude klettern musste, ohne das was Schlimmes passiert ist. So funktioniert Exposition nicht.

Also zusammengefasst: Psychische Störungen sind kein geistiges Todesurteil. Leider kann ich mich aus dem Effeff an keine einzige Figur erinnern, die ernsthaft unter einer psychischen Störungen gelitten hat und trotzdem Schritt für Schritt durch ihr Leben gegangen ist.
Eine Figur, die wortwörtlich mit ihrer Störung lebt, und das jeden Tag.
Das würde ich sehr gern öfter lesen.


"Wenn Klugheit ein verwinkeltes Haus wäre, dann würden diese Leute außen vor der nackten Wand stehen und sich wundern, warum es innen so dunkel ist." - Babaduck, interdimensionaler Parasit (verkatert)

Offline Earu

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Re: Was würde *mich* in einem Roman repräsentieren?
« Antwort #7 am: 06. Juli 2020, 13:31:04 »
@Solmorn Du sprichst mir aus der Seele. Wie gut, dass es Menschen gibt, die viel besser zusammenfassen können als ich, worum es (mir) geht. Du hast das echt klasse zusammengefasst.

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