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Autor Thema: Erfahrungen mit dem Schreiben von LitRPG  (Gelesen 478 mal)

Offline Melanokardios

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Erfahrungen mit dem Schreiben von LitRPG
« am: 30. Dezember 2019, 21:36:16 »
Ich habe zuletzt "Play to Live", den "Videospieltester", "Survival Quest: Der Weg des Schamanen" und den ersten Band von der Eisraben-Chronik gelesen.
Gerade die Bücher der russischen Autoren haben sich sehr gut verschlingen lassen. Es macht Spaß zu erleben, wie der Hauptcharakter die Spielmechaniken austrickst und schneller besser wird als alle anderen. Manchmal hat der Spieler für meinen Geschmack zu viel Glück, die Geschichte im realen Leben (soweit vorhanden) spielt kaum eine Rolle und der Sexismus nervt. Naja, ich wollte keine Rezension schreiben, sondern fragen, ob hier jemand schon Erfahrung mit dem Genre von schreibender Seite gesammelt hat? Auf was sollte man besonders achten?

Ich habe jetzt einen Roman (meinen ersten) angefangen und es macht viel Spaß nicht nur die Welt zu erschaffen, sondern auch ein RPG-Spielgerüst. Ich bin mit nicht sicher, wie die Erfolgsmöglichkeiten eines solchen Romans sind. Mit einem Glossar kann auch ein Laie die Spielersprache verstehen, aber der will von Zahlen und Skills vielleicht gar nichts wissen.

Eine kurze Definition gibt es hier: https://en.wikipedia.org/wiki/LitRPG

Offline Gwee

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Re: Erfahrungen mit dem Schreiben von LitRPG
« Antwort #1 am: 04. Januar 2020, 17:07:56 »
Oh, ein weiterer LitRPG-Leser. :vibes: So bekannt ist das Genre ja leider noch nicht. Ich schreibe tatsächlich gerade meine Masterarbeit darüber. Genau genommen versuche ich eine Definition des Genres zu erarbeiten und "Die Eisraben-Chroniken" von Richard Schwartz (weil man in Germanistik deutsche Werke nehmen sollte ;D) zu analysieren und mein großer Traum ist es aktuell, eine Dissertation zu verfassen, in der ich das Genre komplett erarbeite, indem ich mehrere LitRPG-Reihen aus Russland, Amerika und Deutschland analysiere. Ich bin also recht gut informiert bei dem Thema.

Ich habe im letzten NaNoWriMo auch selbst einen LitRPG-Romanen angefangen und werde ihn jetzt im Frühjahr weiterschreiben. Was ich persönlich sehr wichtig finde, ist die Glaubwürdigkeit hinter allem. Also, in den russischen LitRPG-Romanen wird die Außenwelt ja meistens nur sehr knapp abgehandelt oder gar nicht. Da ist das Spielen im Vordergrund - was ja auch richtig so ist - aber mir ist beim eigenen Konstruieren eines Plots aufgefallen, dass das eine Herausforderung sein kann. Es gibt zwar immer irgendwelche Gründe (Krebs, Regenerierung von Nerven, Gefängnisstrafe), aber so viele Gründe zum Spielen gibt es dann ja auch nicht, die sich so einfach abhandeln lassen. Als ich mein System durchgeplottet habe, ist mir jedenfalls aufgefallen, dass ich eher eine Mischung aus LitRPG und traditionelleren GameLit-Romanen geschaffen habe, da bei mir auch die Realität sehr wichtig ist und beides eher zusammenwirkt. In den Romanen wird ja meistens nach 1-2 Kapiteln spätestens schon in die virtuelle Welt abgetaucht und nie wieder daraus aufgetaucht. Diesen Übergang glaubwürdig zu gestalten, ist schon eine Kunst.
Ansonsten muss man sich natürlich schon vorher intensiv mit seinem RPG-System auseinandersetzen oder halt alles vorschreiben und die Statistiken danach einfügen, aber zumindest sollte man wissen, welche Klassen/Rassen es gibt, welche Fähigkeiten(systeme) etc.
Was ich aus meiner Masterarbeit mitgenommen habe, ist auch die Tatsache, dass man die verschiedenen Ebenen bedenken muss. Es gibt ja die Spielebene, auf der man interagiert und die Figur ist. Dann ist man aber auch ein Spieler. Und schließlich eine reale Figur. Und da muss man dann ja auch auf Dinge wie Interfaces etc. achten. Schwartz gelingt es z.B. nicht immer, das sauber zu lösen.
Ich muss aber auch sagen, dass die Statistiken zwar durchaus vorhanden sind, aber meistens werden es immer weniger und sie sind meistens simpel gehalten. An manchen Stellen in den diversen Romanen habe ich sie vermisst, manchmal ist es aber auch etwas erschlagend, gerade mit den Tabellen. Die Skills fand ich als Leserin aber eigentlich immer sehr interessant. Wie gesagt, man muss diese Grenze zwischen Spiel und richtiger Interaktion gut handhaben, sonst bringt man sich in Teufels Küche. Das Glossar ist definitiv wichtig. Jeder Nicht-Gamer ist da verloren und selbst als Casual-Gamer sind nicht alle Begriffe direkt verständlich. Ich denke, solche Romane haben Potenzial, aber sie müssen vielleicht etwas besser vermarktet werden. Die meisten wissen ja nichtmal, dass das Genre existiert. Gerade schwant mir eher, dass es schon fast wieder untergeht in Deutschland. Bei Schwartz kommt zwar bald der dritte Band raus, aber bei Rus passiert nichts mehr zwecks Übersetzungen und von Mahanenko werden die Bücher ja mittlerweile nicht einmal mehr von Luebbe veröffentlicht, sondern von Magic Dome Books aus dem Ausland. Wenn man sich nicht so auf den LitRPG-Begriff versteift, sind derartige Romane aber trotzdem beliebt. Es ist ja kürzlich erst "Erebos 2" herausgekommen und auch wenn sich das massiv davon unterscheidet, ist zumindest die Computerspiel-Thematik da.

Spontan fällt mir jetzt gerade nicht mehr ein. :D Wie handhabst du das denn bis jetzt so mit deinem Projekt? Wir können uns auch gerne per PN über das Genre unterhalten - über die Workshop-Thematik hinaus. ;) Für Diskussionen über die Bücher bin ich immer zu haben.

Es ist so eine Art Obsession, glaube ich. Das Schreiben fasziniert mich so sehr,
daß, wenn es mir verboten würde, ich langsam daran sterben würde.
Johannes Mario Simmel

Offline Melanokardios

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Re: Erfahrungen mit dem Schreiben von LitRPG
« Antwort #2 am: 10. Januar 2020, 18:31:24 »
Masterarbeit über so ein Thema klingt schon mal sehr gut. Wenn die dann öffentlich zugänglich ist, würde ich da gerne reinlesen. So differenziert habe ich mich mit dem Thema wahrscheinlich nicht beschäftigt, aber ich lasse mich mal nicht einschüchtern ;-). Meine Erfahrungen beziehen sich nur auf das Lesen der russischen und des einen deutschen Vertreters.

Außenwelt: für mich ist das ein Part, der meist zu sehr vernachlässigt wird. Oft hat man eher das Gefühl, dass die Erklärung, warum oder wie jemand im Spiel landet, nur vornedrangeklatscht ist, um nicht direkt im Spiel zu starten. Zumindest ich finde, da steckt viel mehr Potential drin, falls es gelingt beide Teile gut zu verbinden. Vielleicht wird es dann eine Mischung eher eine Mischung aus LitRPG und traditionelleren GameLit-Romanen, da kenne ich die abgrenzende Definition nicht ausreichend. Vielleicht ist diese Mischung aber auch besser.

RPG-System: das gibt es ja zum Glück viele Inspirationen. Der Vorteil zu einem spielreifen System ist aber, dass man eigentlich nur den Teil braucht, der im Buch wirklich vorkommt. Z.B. ist die Hauptfigur ein Priester benötigt man Jägerfähigkeiten nur, falls ein Jäger auftaucht. Immer vorausgesetzt, dass es nicht wie eine Kulisse wirkt.

Häufigkeit von Statistiken, Tabellen und Skills: Ich denke auch, dass diese im Laufe der Geschichte weniger vorkommen. Simpel ist ein wichtiges Stichwort, der Leser muss sofort verstehen, welche Auswirkungen hinter den Zahlen stehen. Wichtig finde ich dabei die Gedanken des „Spieler“ dahinter. Warum nehme ich welchen Skill? Wie kann ich einen Vorteil herausquetschen, den andere Spieler nicht haben? Falls mein Roman je fertig werden sollte, wird das Überarbeiten der Zahlen und die Häufigkeit deren Auftauchen ein wichtiger Teil werden.

Was mich auch interessiert: Sind alle Beispiele für deine Masterarbeit in der Ich-Perspektive geschrieben? Ich habe den Eindruck, dass es für dieses Genre unerlässlich ist. Daher habe ich auch zum ersten Mal angefangen in der Ich-Perspektive zu schreiben.

Die richtige Vermarktung kommt dann wohl uns zu  ;D

Offline Gwee

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Re: Erfahrungen mit dem Schreiben von LitRPG
« Antwort #3 am: 10. Januar 2020, 22:15:57 »
Gerne. Also…ich kann sie dir auch gerne privat schicken. Es ist geplant, dass sie veröffentlicht wird, aber man weiß ja nie. Aber noch ist sie eh noch nicht so weit. Ich meine, ich könnte auch einen belesenen Korrekturleser brauchen. :P Gerade stecke ich tief in dem Thema, welche Merkmale das Genre hat, danach kommt dann noch die Bestimmung des Genres (Fantasy, Sci-Fi etc.) und danach dann die Analyse. Da habe ich tatsächlich nur die „Eisraben-Chroniken“, da es sonst zu umfangreich geworden wäre. Tatsächlich habe ich den „Videospieltester“ bisher noch nicht gelesen (die werden ja alle zu haarsträubenden Preisen verkauft) und ansonsten von allen auf deutsch erschienenen Reihen die Bände, die aktuell erschienen sind – nur bei Mahanenko liegt der 3. Band seit heute frisch ungelesen hier. Aber ich will auch bald mal in die amerikanischen Romane reinschnuppern. Also, wenn überhaupt dann musst du nur eingeschüchtert sein, weil ich mich mit der Entstehung des Genres intensiv beschäftigt habe und das halbe Internet nach Informationen darüber durchforstet habe. Es gibt übrigens auch ein paar Anleitungen zum Thema von LitRPG-Autoren. Sind jetzt nicht besonders ausgefeilt, aber immerhin eine grobe Richtlinie. Hier und hier findest du zum Beispiel ein paar Extra-Informationen dazu (allerdings auf Englisch).

Das mit der Außenwelt sehe ich auch so. Klar macht LitRPG aus, dass zumindest 50% in der Spielwelt stattfinden, aber das bedeutet ja nicht gleich, dass man nur so wenig Zeit darauf verwenden muss. Ich finde gerade die Hintergründe eigentlich immer sehr spannend, weil es ja doch sehr dystopische Welten sind und dann wird das immer so stiefmütterlich behandelt. Bei Rus wirkt es ja noch so als würde es intensiv behandelt, aber eigentlich geht es ja trotzdem nur um die virtuelle Welt. Und Mahanenko nutzt die Realität ja auch nur, um einzusteigen und später nochmal, um es sich einfacher zu machen, indem er Mahan diesen Forenzugang gibt. Schwartz arbeitet verhältnismäßig noch viel mit der Realität, aber die ist ja eigentlich auch nicht real. Ich meine, die Romane brauchen die Außenwelt in der Regel auch gar nicht so sehr, aber es kann ja auch ein Aufhänger für die Handlung sein. In meinem Roman geht es zum Beispiel ganz knapp zusammengefasst um ein Regierungs-Programm, bei dem man ein Alternate Reality Game spielt, mit dem man täglich nützliche Aufgaben wie „Lerne 1 Stunde“ erledigen muss, um dann zum VR-Spiel zugelassen zu werden. Dadurch hat mein Roman auch einen sehr großen Anteil, der vor dem Spiel stattfindet. Ich werde da zwar durchaus noch kürzen, aber ich denke trotzdem, dass es auf 50/50 hinauslaufen könnte. Es ist halt wirklich die Frage, welche Merkmale wichtiger sind. Die meisten behaupten ja eigentlich, dass die Statistiken LitRPG im Besonderen von GameLit unterscheiden, aber die Spielwelt dürfte mindestens dahinterstehen.

Das mit dem RPG-System ist ein guter Hinweis. Ich bin leider jemand, der am liebsten jedes Detail ausarbeitet und bei Rollenspielsystemen eh total aufgeht, daher habe ich darüber noch gar nicht nachgedacht, dass man ja einfach minimalistisch arbeiten könnte. Das ist aber ein guter Tipp. Ich überlege ja auch, ob es nicht fast sinnvoll ist, eine Rohfassung zu schreiben und das System danach darüberzulegen, einfach weil man dann auch nicht so durcheinander kommt, weil man Schritt für Schritt arbeitet. Aber die Frage ist, wie flüssig es dann wirkt oder ob man das dann rausliest.

Die Hintergrundgedanken des Spielers zu seinen Fähigkeiten finde ich übrigens auch essenziell. Ich finde es wirklich schade, wenn das nur ganz grob abgehandelt wird, denn wenn der Leser nichts damit anfangen kann, braucht man es ja auch gar nicht erst zu erwähnen.

Zum Thema Ich-Perspektive: Das scheint tatsächlich ein Muss zu sein und irgendwie verstehe ich das auch. In der Regel wird das ja auch mit dem Präsens kombiniert und es gibt einem noch mehr das Gefühl als Leser, selbst der Spieler zu sein, was echt gut gemacht ist. Es wäre natürlich erfrischend einen LitRPG-Roman aus einer anderen Perspektive zu lesen, aber ich glaube, es hat einen Grund, dass das so gut funktioniert. Es erzeugt einfach die richtige Nähe und bietet auch die richtige Menge an Informationen, die dem Leser übermittelt werden.

Da ich ja gerade mein Kapitel über die Merkmale des Genres schreibe: Die vier, die von den meisten in ihre Definitionen aufgenommen werden, sind:
1. Spielt in einer Spielwelt oder spielähnlichen Welt.
2. Der Protagonist macht messbare Fortschritte (durch Leveln, Items etc.).
3. Es gibt eine Spielmechanik, der alles zugrunde liegt und die auch die Handlung mit formt.
4. Zumindest der Protagonist besitzt ein Meta-Bewusstsein, weiß also, dass er ein Spieler ist.

Und einer hat eben auch ergänzt, dass das Spiel sich auf die Realität auswirkt und/oder Konsequenzen für den Spieler bestehen, die teilweise Todesgefahr bergen können. Ich finde das ganz interessant, weil es tatsächlich nicht jeden LitRPG-Roman betreffen muss, aber unsere Diskussion zur Außenwelt schön unterstreicht.

Es ist so eine Art Obsession, glaube ich. Das Schreiben fasziniert mich so sehr,
daß, wenn es mir verboten würde, ich langsam daran sterben würde.
Johannes Mario Simmel

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