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Autor Thema: Erstickt der Buchmarkt an sich selbst?  (Gelesen 4095 mal)

Offline Klecks

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Re: Erstickt der Buchmarkt an sich selbst?
« Antwort #90 am: 26. Januar 2020, 17:38:22 »
Man muss hier wirklich unbedingt unterscheiden zwischen "Social Media/Marketing" und "Social Media/Marketing, für das man sich verbiegen/unauthentisch sein/etwas vorheucheln/etwas posten muss, womit man sich nicht wohlfühlt und das nicht der eigenen Persönlichkeit entspricht".

Für mich haben diese beiden Dinge überhaupt nichts miteinander zu tun und sind zwei grundverschiedene Herangehensweisen. Zweiteres ist für mich ein No Go, das ich nie machen wollen würde, nicht für die höchsten Verkaufszahlen überhaupt - und ich bilde mir auch ein, das persönlich relativ schnell durchschauen zu können, und dann meide ich diese Accounts entsprechend. Ersteres ist für mich ein heute unverzichtbares, unersetzliches Muss, wie und warum auch immer sich diese Entwicklung ergeben hat - vermutlich eben deshalb, weil es plötzlich eine Flut an Leuten gab, die Selfpublishing betrieben haben, und man da beispielsweise mit ästhetischen Instagram-Bildern im Influencer-Stil gut herausstechen kann. Ich schaue mir ja selber gern hübsche Bilder auf Instagram an. Noch besser, wenn ein Text drunter steht, der für mich authentisch/intelligent/passend/informativ/angenehm geschrieben wirkt.

Bei Ersterem spielt es dann keine Rolle, wie viele Selfies man postet, ob man ansprechend nach Farbe sortierte Bücherregale fotografiert oder das eigene Frühstück - ich finde alles in dieser Richtung toll, wenn ich den Eindruck bekomme, einen authentischen Einblick ins Leben authentischer Leute zu bekommen. Wiederum finde ich genau das alles auch total doof, wenn ich das Gefühl habe, mir wird es nur vorgespielt anstatt einfach nur ein bisschen aufgehübscht. Und ja, ich bin überzeugt davon, dass man da einen Unterschied wahrnehmen kann, wenn auch vielleicht nur mit ein bisschen Übung.

Langer Rede, kurzer Sinn: Ich mag Marketing nicht, weil ich es nie als einen Aspekt meiner Autorenkarriere gesehen habe und ich finde, dass einzig und allein das Schreiben und freundlicher Kontakt zu Lesern meine Aufgaben sein sollten, und ich mag es nicht, weil ich finde, dass es ein eigener Beruf ist, den eigentlich entsprechend ausgebildete Leute übernehmen sollten, wie beispielsweise auch die Covergestaltung und weitere Dinge, die bei einer Veröffentlichung noch anfallen. Aber ich finde überhaupt nicht, dass Marketing und Social Media-Aktivitäten automatisch damit einhergehen, sich zu verbiegen.
            Die Fütterung des Kleckses mit Süßigkeiten aller Art ist ausdrücklich gestattet.  :innocent:

Offline Maja

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Re: Erstickt der Buchmarkt an sich selbst?
« Antwort #91 am: 26. Januar 2020, 17:42:16 »
Was ich mag, ist, wenn ich im Marketing mit dem Verlag zusammenarbeiten kann. Wenn es nicht heißt "Mach Marketing für dein Buch, schmeiß Social Media an, ab ins kalte Wasser mit dir!", sondern "Wir haben uns folgende Aktionen gedacht, bei denen du das-und-das machen kannst". Weil eben nicht jeder Autor so ein Social Media Crack ist und nicht selbst immer den Überblick hat, was zieht. In den Marketing-Abteilungen der Verlage sitzen üblicherweise Leute, die Ahnung von Marketing haben. Ich will mich ja gerne einbringen, aber wenn mein Verlag mir nur sagt "Für dein Buch ist kein Marketing-Budget vorgesehen, mach den ganzen Dreck allein", bin ich aufgeschmissen.

Mein neues Buch startet nicht mit dem gleichen Medienaufwand wie der erste Teil, weil es eben nur der mittlere Band einer Trilogie ist - nicht der spektakuläre Auftakt, nicht der dramatische Abschluss, der erste Band hat die Erwartungen des Verlags erfüllt, aber nicht übertroffen, und da muss ich mit einem kleineren Marketingbuget leben. Aber sie engagieren sich trotzdem, und ich kann mitmachen. Vor ein paar Tagen bekam ich eine Mail von der Social Media-Frau meines Verlags, die mir einen Interview-Fragebogen geschickt hat. Sie planen eine Kampagne, wo über den Verlauf mehrerer Wochen einzelne Fragen und Antworten auf ihren Kanälen gepostet werden und am Ende das komplette Interview auf ihrem Blog.

Sowas mache ich gerne - die Fragen beantworten ist erstmal ein Aufwand (zumindest, wenn ich es mache - ich weiß nicht, ob sie damit gerechnet haben, am Ende zehn Seiten Antworten zu haben, aber bis jetzt hatte ich für meine ausführlichen Interviews immer positive Resonnanz, und sie können das ja bei Bedarf kürzen), aber ich sehe, wofür es gut ist, und ich kann die einzelnen Beiträge dann jeweils auf meinen eigenen Kanälen teilen, es erhöht die Sichtbarkeit meines Buches, ohne den Verlag jetzt Unsummen zu kosten. Wenn ein Verlag es nicht mal schafft, einen Titel auch nur einmal auf Facebook zu erwähnen, wie Knaur das gemacht hat, dann steht man als Autor wirklich im Regen. Das kann dann auch keine Budgetfrage mehr sein - wirklich, was hätte ein einziger nicht beworbener Facebook-Beitrag gekostet? - sondern ist einfach nur ein Fall von "Dein Buch geht uns am Arsch vorbei".
   Niemand hantiert gern ungesichert mit kritischen Massen
Robert Gernhardt

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