0 Mitglieder und 1 Gast betrachten dieses Thema.

  • Drucken

Autor Thema: Schreiben "Alte" anders als "Junge"?  (Gelesen 2308 mal)

Tejoka

  • Gast
Re: Schreiben "Alte" anders als "Junge"?
« Antwort #15 am: 02. Januar 2017, 18:05:43 »
Interessante Diskussion.
Dass "Alte" anders schreiben, weil ihre Erfahrungen aus einer anderen Zeit stammen, hätte ich so nicht gedacht. Du hast mir da einen guten Denkanstoß gegeben, Weberin :) Klar tendieren alte Bücher eher zu langen Beschreibungen, aber das hat dann wohl weniger mit einem Altersunterschied als mit dem Stil einer bestimmten Epoche zu tun.

Noch zum Thema Alter und Erfahrung:
Ich finde, wie hier schon erwähnt, Lebenserfahrung hängt nicht nur vom Alter ab. Aber was (und wie) man schreibt, ist auch vielleicht nicht nur davon abhängig, sondern von etwas anderem, dass ich vielleicht "Reife" nennen würde. Und man muss ja Sachen nicht nur erleben, sondern auch reflektieren, bevor man sie wirklich in seinem Schreiben verarbeitet, würde ich sagen.
Auch die Frage, wei lange jemand schon schreibt, hängt natürlich damit zusammen, hat aber meiner Erfahrung nach keinen so großen Einfluss. Es gibt Leute, die schreiben seit Jahren immer das Gleiche und entwickeln sich nie fort. Da könnte es auch sein, dass jemand mit vierzig noch so schreibt wie mit Mitte Zwanzig. Da fällt mir jetzt zwar kein konkretes Beispiel ein, ich würd´s aber für möglich halten.


Offline FeeamPC

  • Blaustern
  • *****
  • Beiträge: 8.014
  • Geschlecht: Weiblich
    • Machandel-Verlag
Re: Schreiben "Alte" anders als "Junge"?
« Antwort #16 am: 03. Januar 2017, 10:30:56 »
@Trippelschritt: Ein Kapaun (ein kastrierter Hahn) ist mir jedenfalls auch noch geläufig.

Ich weiß auf jeden Fall, was sich bei mir mit zunehmendem Alter beim Schreiben geändert hat. Ich fasse mich kürzer, schreibe kompakter. Frei nach dem Motto: Meine mögliche Lebenszeit schrumpft rapide, ich will noch viel schaffen, also muss ich schneller fertig werden.
Das Mehr an eigener Lebenserfahrung ist dabei natürlich von Vorteil.
Was oft auch mit zunehmendem Alter kommt: Man kann sich selbst, seine eigenen Stärken und Schwächen, besser einschätzen und entsprechend arbeiten.
Und der Bereich möglicher Schreibthemen ändert sich. Bei mir wurde er immer breiter gefächert. Ich kenne aber auch Autoren, bei denen er im Alter schrumpft.
Biete für werdende Hexen folgende Kurse:
Giftmischen für Anfänger
Dämonenwelten für Fortgeschrittene
Total schräge Fantasie-Plots für Experten

HauntingWitch

  • Gast
Re: Schreiben "Alte" anders als "Junge"?
« Antwort #17 am: 03. Januar 2017, 12:35:17 »
@Weberin: Ich glaube, du hast den Nagel auf den Kopf getroffen. Das ist genau das, was ich auch sagen wollte, aber nicht wusste, wie. Ich denke auch, dass einen diese Erfahrungen beeinflussen.

Offline Weberin

  • Vollprofi
  • ****
  • Beiträge: 314
  • Geschlecht: Weiblich
  • weit und nah...
Re: Schreiben "Alte" anders als "Junge"?
« Antwort #18 am: 04. Januar 2017, 12:25:48 »
Noch mal danke fürs Verschieben!

@ Trippelschritt: es ist angenehm für mich, mich mit meinem Alter nicht ganz alleine hier vorzufinden! Ich mag Jugend um mich, aber ganz alleine die Älteste zu sein, ist auch merkwürdig. Deine Überlegungen - aus erfahrenem Schriftstellermund - sind für mich Anfängerin (Anfängerin zumindest was den Romanbereich anlangt) recht interessant. Danke.

@ Tejoka: es freut mich, dass du den Thread interessant findest. Dass Erfahrung nicht unbedingt mit Alter gekoppelt ist, da stimme ich dir zu. Deine Überlegung, dass Sachen erst reflektiert werden müssen, bevor man sie schreibt, finde ich auch sehr gut. Ich glaube, dass diese Reflektion nicht unbedingt intellektuell ablaufen muss, sondern auch unbewußt geschehen kann.

Vielleicht ist es mit höherem Alter auch so, dass man gleiche Dinge oft in verschiedenen Situationen erlebt hat, und daher ein Gespür dafür bekommen kann, was am Erlebten unveränderlich und was situationsbedingt ist.

Ein plakatives Beispiel (meist ist es subtiler): ich hatte Bewerbungsgespräche in jungen Jahren: frisch, munter, klar schaff ich das - und ich hatte Vorstellungsgespräche Mitte 50: ob ich wohl gut genug bin, ob ich das schaffe, welchen Eindruck mache ich, bin ich überhaupt geeignet, was darf ich sagen, was nicht... Aufgeregt war ich jedes mal, aber die einen Male optimistisch und unbekümmert ("wenn die mich nicht wollen, woanders gibts auch was"), die anderen Male verzagt und verunsichert ("ist das vielleicht meine letzte Chance?")

Aber es stimmt, auch die Erfahrung in verschiedenen Situationen muss nicht altersbedingt sein, sie kann auch in einem jungen Leben schon gegeben sein.

@ FeeamPC: auch deine Überlegungen finde ich interessant. Das Gefühl, wenig Zeit zu haben, kenne ich nur zu gut - allerdings bekomme ich immer den Eindruck, dass dies die meisten Menschen betrifft, nicht nur älter werdende. So klagen auch schon meine Kinder (21 und 24) darüber.

Beim Schreiben genieße ich es jetzt dafür umgekehrt, dass ich mir einfach für Szenen Zeit nehmen darf. Ich neige eher zum hektischen Schreiben, will eigentlich alles ganz schnell erklären, möglicherweise weil mein Vater mich selten ausreden ließ, und ich erwarte, wenn ich länger ausschweife, unterbrochen zu werden (ich kann mich schriftlich insgesamt besser mitteilen als mündlich, wo ich oft schweigsam bin). Ich mache mir jetzt beim Schreiben immer wieder bewußt: du darfst in einer Szene ausführlich verweilen, wenn es mir Freude bereitet. Dies ist ein neues "Mitteilungsgefühl" für mich. Ich merke auch, dass ich aufpassen muss, bei Szenen, die sich spannungsvoll entfalten könnten, nicht schon gleich die Luft rauszunehmen, indem ich schnell zum "springenden Punkt" komme, um den dann vielleicht lang und breit zu erklären, damit er auch wirklich verstanden wird. Klarheit statt Ahnung, Spannung und Geheimnis, das ist wohl tödlich für fantasy. Aber diese Herausforderung gefällt mir.

Ich fange natürlich sehr spät an, meine Stärken und Schwächen im Romanschreiben zu entdecken. Aber Spaß machts trotzdem. Da haben mir andere ältere Schriftsteller natürlich viel voraus. Der Tintenzirkel und eure Überlegungen helfen mir aber sehr viel, hier manches neu und anders zu verstehen.

@ Witch: du schreibst weiter oben, dass dein Schreiben subtiler wird - ich vermute, dass dies auch für viele andere erfahrene (im Schreiben erfahrene) Schriftsteller zutrifft. Interessant, wie du beschreibst, nicht mehr das Gefühl zu haben, alle Informationen sofort preisgeben zu müssen. Das ist auch ein beginnender Lernprozess bei mir (siehe auch meine Bemerkungen an FeeamPC). Da ich früher wissenschaftliche Texte schrieb, bei denen es vor allem darauf ankam, einen Sachverhalt knapp und möglichst klar darzustellen, eventuell auch mit Wiederholungen, damit alles glasklar wird. Deshalb ist es neu und ungewohnt für mich, geheimnisvoll und mit dem Ergebnis noch abwartend und in Andeutungen zu schreiben. Aber gerade das genieße ich auch - so wie man einen Tabubruch, wenn man ihn sich erlaubt, genießt. Aber es fällt mir noch nicht so leicht. Ich vermute, ich wiederhole immer noch zu oft Erklärendes und weiche scheu dem Verhüllten, der Erwartung erzeugenden Andeutung aus. Aber wie gesagt, ich mache mir immer wieder bewußt, genau das zu dürfen und es zu genießen.

Eure Antworten haben mir hier schon viel weiter geholfen, mich hier selbst besser zu verstehen.  :)

Mir ist auch klar geworden, dass meine Romanbeschreibung hier im Tintenzirkel viel zu sehr einer sachlich wissenschaftlichen Beschreibung entspricht: möglichst schnell alles auf den Punkt bringen - totlangweilig bei Fantasy. Daher habe ich als Übung für mich selbst, noch einmal eine etwas andere Zusammenfassung versucht. Möglicherweise ist dies nicht die letzte, denn es hilft mir, meinen eigenen Roman in verschiedener Weise zu beschreiben.

Ich merke, dass ich in diesem Thread selbst widersprüchlich schreibe: einerseits beschreibe ich mich als langatmig schreibende Alte, andererseits als wissenschaftlich knapp aber wiederholend textende Sachautorin. Es scheint, ich bin mitten im schriftstellerischen Selbstfindungsprozess. Danke für eure Unterstützung  :jau:!








Offline Feuertraum

  • Hirnstürmer
  • Blaustern
  • *****
  • Beiträge: 3.462
  • Geschlecht: Männlich
  • Eigentlich böse...
    • Das kreative.de - Das dezentrale freie soziale Netzwerk für Autoren, Unterhalter und alle, die gute Geschichten lieben
Re: Schreiben "Alte" anders als "Junge"?
« Antwort #19 am: 06. Januar 2017, 16:16:45 »
Ich möchte ganz gerne eine Komponente einbringen, die - so ich es richtig gelesen habe - noch gar keine Erwähnung fand, und dass ist das Lesen.
Lesen ist eine der wichtigsten Aufgaben, die ein Autor sich auf die Fahnen schreiben muss. Verschiedene Genre, verschiedene Autoren.
Einfach, um verschiedene Stile kennenzulernen und auch, um (neue) Ideen zu verinnerlichen.
Und genau da liegt der Punkt, der mbMn. zeigt, dass "Alte" anders schreiben als "Junge".
Wir "Alten" (ich weiß jetzt nicht, ob ich mit meinen bald 49 Jahren mich schon als "Alter" bezeichnen darf, aber ich betrete einfach mal diese Seite) sind in unserer Jugend mit vollkommen anderen Büchern großgeworden als das, was heutzutage für die Jugend zu bekommen ist. Der Zeitgeist ist ein vollkommen anderer geworden. Die Jugend ist heutzutage um einiges freier als "wir" es seinerzeit waren.
Ich bin mit den drei Fragezeichen groß geworden und mit den 5 Freunden und TKKG. Heutzutage gibt es Harry Potter und Skulldagery Pleasent und wie sie alle heißen. Und zwar für dieselbe Altersgruppe, mit denen ich damals bei den Fragezeichen und Konsorten angefangen habe (so mit 11 Jahren).

Was mir jedoch aufgefallen ist: So gut wie jeder, der mit dem Schreiben angefangen hat, kopiert erstmal den Autoren, der ihn zum Schreiben gebracht hat. Erst nach und nach findet man zu seinem eigenen Stil.

Das Fahrrad heulte herzergreifend, weil an ihm ein Hund  seine Notdurft verrichtete.

Offline Churke

  • Elite
  • ******
  • Beiträge: 2.884
  • Geschlecht: Männlich
  • Experte für nichts
    • Youtube:
Re: Schreiben "Alte" anders als "Junge"?
« Antwort #20 am: 06. Januar 2017, 16:41:07 »
Ja, das gehört zu unserer Zeit.
Bei den alten Römern studierte man Rhetorik, um genau so zu schreiben wie Cicero und Quintilian. Es gab also eine standardisierte Sprache, an der sich jeder orientierte und das auch gelernt hatte. Heute ist der Autor vor allem Autodidakt.
Cupitorum spes omnis Circus est maximus.
- Ammianus Marcellinus

  • Drucken