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Autor Thema: [Workshop] Kampfszenen  (Gelesen 13179 mal)

Offline Churke

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Re: [Workshop] Kampfszenen
« Antwort #30 am: 12. April 2015, 12:08:45 »
Damit wir nicht immer nur abstrakt aneinander vorbeireden, habe ich mal was rausgesucht. Ich hoffe das ist okay, und habe mich auf das Wesentliche beschränkt. Szenario: Der Held (Tad) stellt sich einem Cage Fight. Da Invitros ums Verrecken nicht fechten können, wird das ein Selbstläufer...

I. Die Exposition (die Vorstellung der Figuren war schon am Vortag) mit Wortgefecht:

Zitat
Tad hörte sein Herz schlagen, als er mit dem Entersäbel in der Rechten in die Mitte zum Startplatz ging. Die Leutnantin wartete auf ihn wie ein Zuhälter, der einen Straßenstricher abpasste. Ausbilderin im bewaffneten und unbewaffneten Nahkampf, hatte der Brüllaffe sie genannt. (...) Jetzt trug sie nur eine Uniformhose aus grauem Twill. (...) Jacke und Hemd fehlten, kraftstrotzend präsentierte sie sich und ihre XL-Arme in einem schwarzen Funktionsshirt.
(...)
In sicherer Entfernung von ihr blieb er stehen. Sie riss auch gleich das Maul auf und fing an, Tad anzumachen.
„Verlass den Käfig!“, ranzte sie. „Oder ich töte dich.“ Tad glaubte, ein affektiertes Bedauern in ihrer Stimme auszumachen.
„Wenn Sie mir Angst machen wollen, sollten Sie über ein Gesichtstattoo nachdenken“, erwiderte er mit gut ausgespielter Höflichkeit.

II. Rules of Engangement
Man beachte den Wechsel  zwischen Tempo, Zeitsprüngen und Zeitdehnungen

Zitat
Eine kurze Finte, und es ging los. Sie parierte ohne einen Hauch von Unsicherheit. Ein Sprung brachte Tad vor ihrem Rückhandschlag in Sicherheit. Verdammt, war die schnell!
Sie griff an. Tad parierte, bekam ihren Betonstiefel gegen die Brust und lenkte ihren nachfolgenden Hieb zur Seite. Wütend fletschte Tad die Zähne und attackierte. Er schlug so fest er konnte, um ihre Deckung aufzubrechen, und trieb die Invitro vor sich her. Tad traf, ein Schritt noch, ein Hieb, der ihr den Schädel spaltete – die Ahnung eines Zögerns rettete Tad das Leben. Als ihr Säbel auf ihn zusauste, konnte er sich gerade noch retten. Tad ging auf Distanz und amtete durch, lockerte die Finger am Säbelgriff.
Über dem linken Auge der Invitro klaffte ein Schmiss. Das Blut lief ihr übers Gesicht. Mit dem Handrücken wischte sie es fort, ohne die Miene zu verziehen, und griff dann an.


III. Surprise, Surprise!

Zitat
„Jetzt wollen wir für die Kombattanten die Umstände ein wenig erleichtern“, kündigte der Brüllaffe an. Ein Schwindel überkam Tad, als er den Boden unter den Füßen verlor. Die hatten die Schwerkraft abgeschaltet!
„Irgendwelche Beschwerden von Ihrer Seite, Mr. Asanovski?“, fragte der Käfigsprecher süffisant.
Gerade noch rechtzeitig sah Tad die Invitro auf sich zuschießen, wehrte ihren Hieb ab und drehte sich unkontrolliert in der Luft. Verdammter Mist, mit dem Säbel hatte er nie in Schwerelosigkeit trainiert.

IV. Finale

Zitat
Vor seiner Nase sah er einen Säbel liegen. Der Handschutz war verbeult und zerkratzt von den Treffern. Er kroch darauf zu, hatte den Griff schon erreicht und fühlte das Leder in der Hand, die Verfolgerin hinter sich, als sie ihn erwischte. Erst als die Invitro die Klinge aus seinem Rücken zog, wusste er, dass er gerade richtig was eingesteckt hatte. Aber auf Adrenalin störte das nicht weiter. Mit dem Säbel in der Hand sprang er hoch, wirbelte herum und holte aus, um ihren Kopf von den Schultern zu trennen. Da bohrte sich ihre Klinge in seine Brust.
Scheiße.
Er stand da, eine Klinge zwischen den Rippen, den Säbel immer noch zum Hieb erhoben, und fragte sich, wie das eben passiert war. Die Welt schien eingefroren. Die Invitro stand vor ihm, verschwommen wie ein Todesengel. Der Säbelgriff entglitt seiner Hand. Die Invitro zog die Klinge zurück und stieß ihn mit der linken Hand zu Boden.
„Eindeutig besiegt“, sagte die Invitro. Jede Opernsängerin hätte für diese Stimme getötet.
Cupitorum spes omnis Circus est maximus.
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Offline funkelsinlas

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Re: [Workshop] Kampfszenen
« Antwort #31 am: 15. Mai 2015, 19:05:51 »
Ich mach das so ähnlich wie Churke. Am liebsten aus der Sicht meines Charakters. Aber nicht nur Kampfhandlung, sondern auch Gefühle. Besonders, wenn er verletzt ist. Dann kann man die Angst von ihm so richtig spüren. Ich finde das spannender als die Massenansicht.
Die Idee, dass jemand extern sich Sorgen macht ist aber auch reizvoll, konnte ich aber noch nicht verwenden.
Wie recherchiert ihr das? Ist das bei euch wirklich genau oder soll es nur authentisch klingen? Ich bin da nämlich der Perfektionist und hab immer Angst, dass es dann nicht durchführbar ist.
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Entropy

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Re: [Workshop] Kampfszenen
« Antwort #32 am: 16. Mai 2015, 01:04:53 »
Mir ist eben aufgefallen, dass ich noch nie eine herkömmliche Massenschlacht geschrieben habe. Außer vielleicht eine Schlacht im Weltraum. Ich beschreibe bloß Kämpfe zwischen kleineren Gruppen, darunter meist meine Heldengruppe. Ich denke es ist wichtig, dass man sowohl auf die Gefühle, als auch auf Geschwindigkeit Wert legt. Wenn man zu gefühlvoll schreibt, geht die Aufregung des Kampfes verloren, wenn man die Gefühle komplett weglässt, wird es schnell zu einer monotonen Schießerei.

Wie recherchiert ihr das? Ist das bei euch wirklich genau oder soll es nur authentisch klingen? Ich bin da nämlich der Perfektionist und hab immer Angst, dass es dann nicht durchführbar ist.

Ich recherchiere eigentlich nicht besonders genau, sondern schreibe einfach. Wenn es im Nachhinein unrealistisch klingt, kann ich es immer noch abändern. Vielleicht liegt das auch daran, dass meine Charaktere eher mit modernen Schusswaffen, Elektroschockern und anderen Eigenkreationen kämpfen, als mit Schwertern. Falls ich irgendwann einen Schwertkampf beschreiben sollte, werde ich wahrscheinlich vorher auch ein bisschen recherchieren, weil ich auf diesem Gebiet wirklich keine Ahnung habe. Wenn du dir unsicher bist, kannst du dir auch einen Betaleser zulegen, der sich ein bisschen auskennt und dich im Notfall auf Ungenauigkeiten aufmerksam macht. ;)

Im Krieg wird nicht nur getötet, weil es "nötig" ist oder es heißt "er oder ich". So traurig das ist.

Das ist eine sehr schön formulierte, wenn auch leider wahre Äußerung! Man sollte sich schnell von dem Gedanken, dass Krieg irgendetwas Heroisches oder Episches an sich hätte, verabschieden. Die Motive eines Soldaten für seine Taten in einem Krieg sind weit gefächert und wenn man wirklich Diversität unter seinen Charakteren schaffen will, kann man nicht bloß auf die Personen eingehen, die töten, weil sie müssen, keinen anderen Weg sehen, sich verteidigen oder um ihr Überleben kämpfen. Krieg stellt Seltsames mit der menschlichen Psyche an und kann eine Person unter Umständen komplett ändern. Vielleicht entdeckt ein Soldat erst beim Kampf, dass Töten doch eine gute Möglichkeit ist seinem Hass Ausdruck zu verleihen oder seine Gefühle herauszulassen. Vermutlich schrecken Autoren eher vor einem solchen Protagonisten zurück, weil die Ich-kann-nicht-anders-Kerle sympathischer erscheinen. Aber die Realität sieht meist anders aus.

Offline Lothen

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Re: [Workshop] Kampfszenen
« Antwort #33 am: 16. Mai 2015, 01:20:25 »
Wie recherchiert ihr das? Ist das bei euch wirklich genau oder soll es nur authentisch klingen? Ich bin da nämlich der Perfektionist und hab immer Angst, dass es dann nicht durchführbar ist.

Deswegen verfolge ich die Devise: So konkret wie nötig, so vage wie möglich. ;) Ich finde, man muss nicht jede Schlagfolge im Detail beschreiben (der typische Leser ist ja i.d.R. auch nicht mit Schwertkampf vertraut und wird von zu viel Details nur abgeschreckt). Dadurch muss man sich auch keine Sorgen machen, dass das, was man beschreibt, nicht geht. Ich recherchiere nur dann, wenn es sehr Abenteuerlich wird oder wenn man Gefahr läuft, Filmklischees zu bedienen.

Ich hatte zum Beispiel mal eine Szene, in der einer Nebenfigur aus vollem Gallopp der Kopf abgeschlagen wird - da hab ich dann schon mal nachgeschaut, ob das mit klassischen Langschwertern überhaupt möglich ist.

Zitat von: Entropy
Wenn du dir unsicher bist, kannst du dir auch einen Betaleser zulegen, der sich ein bisschen auskennt und dich im Notfall auf Ungenauigkeiten aufmerksam macht. ;)
Das ist auf jeden Fall Gold wert! Das können manchmal schon Kleinigkeiten sein, die dem Leser vermutlich gar nicht auffallen, die ein Insider aber wohlwollend zur Kenntnis nimmt.

Schöne Szene übrigens, Churke!  :jau: Macht Lust auf mehr. ;) Ich finde es angenehm, dass du dich nicht in monotonen Schlagabfolgen verlierst - da kann ich nämlich in der Regel sowieso nicht folgen. Ich kann mit Begrifflichkeiten wie "attackieren" oder "Deckung aufbrechen" mehr anfangen, als mit der komplexen Beschreibung von Abläufen. Deswegen finde ich die Szene auch spannend zu lesen.
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Offline Churke

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Re: [Workshop] Kampfszenen
« Antwort #34 am: 16. Mai 2015, 20:49:45 »
Ich finde, man muss nicht jede Schlagfolge im Detail beschreiben (der typische Leser ist ja i.d.R. auch nicht mit Schwertkampf vertraut und wird von zu viel Details nur abgeschreckt).

Das wäre auch in etwa so sinnvoll wie 3 Seiten Schwanensee-Choreographie. Die es interessiert, verstehen es nicht, und die es verstehen, interessiert es nicht...  :'(
Die gängige Terminologie ist als Übungs- und Lernhilfe gedacht und dementsprechend auch an die jeweilige Kampfkunst gebunden. Der Gott des Niten Ichi Ryu kann mit Begrifflichkeiten aus der Liechtenauer-Schule nichts anfangen. So etwas ergibt in begrenztem Umfang nur dann Sinn, wenn die Kampfkunst selbst ein Teil des Plots ist.
Übrigens ist auch nicht alles gleich. Der Meister in Shastar Vidya zeigt eine Parade mit dem Säbel und sagt dazu: "This is never going to happen! Never!"

Noch ein Wort zum Tempo...  Beim Waffenkampf treten gewisse relativistische Effekt auf. Während das Auge des Zuschauers zu langsam ist, um den Aktionen zu folgen, dehnt sich für den Kämpfer selbst die Zeit. Außerdem erlebt er diese Augenblicke viel intensiver. Wenn er seine Angst besiegen kann, ist es, als stünde er unter Drogen. Es dürfte schwer fallen, als Autor darüber zu schreiben, aber man sollte es im Hinterkopf behalten.
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Offline funkelsinlas

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Re: [Workshop] Kampfszenen
« Antwort #35 am: 17. Mai 2015, 03:30:12 »
Betaleser ist ne gute Idee. Das bekommt man hier dann auch, oder? Wenn es fertig ist. (Also in gefühlten hundert Jahren. :seufz:)
Mein Problem ist, dass ich vom Schreibstil sehr nah bei der Person bin, also viele Gedanken und Gefühle beschreibe. Da mein Kämpfer Heerführer einer riesigen Armee ist und alle Schritte akribisch plant und alles beschreibt, ist das halt zwangsläufig etwas genauer. Man kann es sich halt auch selbst schwer machen.
Aber so kann man die ganzen Gefühle und Verletzungen so schön beschreiben. Klingt das jetzt irgendwie zu sadistisch?
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Offline Christopher

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Re: [Workshop] Kampfszenen
« Antwort #36 am: 17. Mai 2015, 10:04:15 »
Zu sadistisch? Nein, das sicher nicht ;)

Vorsicht aber beim Heerführer: Man kann nicht alles machen. Ein Anführer der versucht alles selbst zu regeln, zu entscheiden und zu lenken ist ein schlechter Anführer. Delegieren was delegierbar ist um Zeit für die wirklich wichtigen Dinge zu haben. Er legt höchstens die grobe Strategie fest nachdem er diese besprochen hat, sollte sich aber nicht in Einzelheiten verlieren, wie diese Strategie am besten umsetzbar ist. Das kann man höchstens direkt vor Ort wirklich feststellen, er kann aber nicht überall sein.

Und ja, Betaleser findet man hier auch ;)
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Offline funkelsinlas

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Re: [Workshop] Kampfszenen
« Antwort #37 am: 18. Mai 2015, 09:06:20 »
Danke für den Tipp, aber das ist bei mir keine offizielle Schlacht, sondern er opfert sich mehr oder weniger, um meinem Prota den Rücken frei zu halten. Sonst würde er wohl auch mehr planen.
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Offline Kadeius

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Re: [Workshop] Kampfszenen
« Antwort #38 am: 20. Mai 2015, 14:16:16 »
Churke, danke für den Einblick, da ich endlich mal eine Alternative für einen Zweikampf gelesen habe nach bisher doch recht theoretischem Input.
Ich bin auch ein Riesenfan von Zweikämpfen und muss mich manchmal zügeln. So episch oder dramatisch ein Zweikampf auch sein kann, ein Fantasy-Roman kann nicht nur aus Zweikämpfen bestehen. ;D
Dann schreibe ich lieber eine intensivere Szene und der Zweikampf ist deshalb auch ein besonders wichtiger, so wie bei Churke. Die Wichtigkeit kann ja in verschiedenen Aspekten betrachtet werden. Für den Kämpfer ist er besonders wichtig, deshalb nimmt er ihn anders wahr, usw.

Was mich mal interessieren würde: Gibt es Dialoge in euren Zweikämpfen? Wie sind die gestrickt? Ich kann leider nur mit zwei Beispielen dienen und die sind nicht à la Heinrich von Kleist, in denen sich die Kontrahenten abwechselnd zurufen: "Brav getroffen", und am Ende dennoch blutig zugrunde gehen. In einer vulgäreren Szenerie fallen die schlimmsten Ausrufe und Beleidigungen, in respektvollerer entsprechende Bekundungen.

Ich habe zum Beispiel einen Zweikampf, inspiriert aus Homers Ilias, bei denen ein Held auch die Waffe wechselt und so den Kampf für sich entscheidet. Es ist also Einiges möglich, solange alles nachvollziehbar bleibt. Technisch denke ich mir auch die abgefahrensten Bewegungen aus, die eben aus dem Affekt entstehen, wenn sie die Kontrahenten verrenken. Ich versuche es dann, dem Leser diese so nachvollziehbar wie möglich zu gestalten und alle verbundenen Gefühle und Eindrücke zu schildern, ohne dabei die Dynamik zu drosseln, das wäre fatal für einen Zweikampf. Mir sind am wichtigsten Geräusche, Gerüche, andere Eindrücke, kurz: das Chaos in der Schlacht am wichtigsten, auch wenn es sich nur um ein kleines Scharmützel handelt. Fragt sich der Held am Ende, wie er das überleben konnte, darf auch der Leser ein bisschen überrascht sein.
"Nur weil du es nicht mehr siehst, heißt das nicht, dass es nicht mehr da ist. Und schon gar nicht, dass du es vergessen kannst.""Denn die Menschen urteilen im Ganzen mehr nach den Augen als nach dem Gefühle. Die Augen hat jeder offen; wenige haben richtiges Gefühl." N. Machiavelli

Offline Churke

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Re: [Workshop] Kampfszenen
« Antwort #39 am: 20. Mai 2015, 16:13:32 »
Was mich mal interessieren würde: Gibt es Dialoge in euren Zweikämpfen?

Also ich habe mich in einem Kampf noch nie unterhalten. Um den Fechtmeister Jakob Sutor zu zitieren: "Man hat man mit einem Rappier genug zu tun." Sutor bezieht sich darin zwar auf die Doppelrapier-Technik, aber es ist generell so, dass der waffenbasierte Kampf zu den komplexesten Dingen gehört, die man Körper und Geist abverlangen kann. Man muss:
- den Abstand zum Gegner kontrollieren
- den Winkel zum Gegner kontrollieren
- Den Gegner lesen
- Seine Pläne spüren und durchkreuzen
- Füße und Hände koordinieren
- mental ruhig und kontrolliert bleiben
- Strategische Überlegungen anstellen
- ggf. mehrere Waffen kontrollieren

Alle Diese Dinge laufen, teils bewusst, teils unbewusst, parallel in Bruchteilen von Sekunden ab. Für Gespräche sind da einfach keine Reserven da. Das kann man in einer Kampfpause machen, wenn der Gegner außer Distanz steht und man gerade mal am Durchatmen ist. 

Zitat
Technisch denke ich mir auch die abgefahrensten Bewegungen aus, die eben aus dem Affekt entstehen, wenn sie die Kontrahenten verrenken.
Hm. Ich weiß nicht, ob das so plausibel ist. Gute Kämpfer haben keine Körperspannung und sind immer cool.
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Offline Ilva

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Re: [Workshop] Kampfszenen
« Antwort #40 am: 20. Mai 2015, 16:25:22 »
Was mich mal interessieren würde: Gibt es Dialoge in euren Zweikämpfen?
Ich glaube, während dem eigentlichen Kampf hat man, wie Chuke schon gesagt hat, keine Hirnzellen für Konversation übrig. Das deckt sich auch mit meinen Erfahrungen im Kampfsport.
Wenn ein Gespräch, dann eher als Vorgeplänkel, mit ein paar Beleidigungen und Provokationen, wobei man versucht, den Gegner einzuschüchtern.

Ob das z.B. im Kampf zwei gegen zwei anders ist, weiss ich nicht aus eigener Erfahrung, aber ich könnte mir vorstellen, dass man da dem Partner ab und zu etwas zuruft. "Achtung" vielleicht, oder "du links, ich rechts". Aber erfahrene Kampfgefährten sollten sich eigentlich wortlos verstehen.

EDIT:
Gute Kämpfer haben keine Körperspannung
Diesen Punkt kenne ich allerdings so nicht. Zumindest ist es in meiner Sportart anders, da kommt nämlich die Kraft aus "dem Bauch heraus", vielleicht vergleichbar mit einem Powerhouse beim Pilates. Nur mit etwas Spannung kann ich schnell genug reagieren, weil der Schub dann auf eine Art schon gespeichert ist. Auch in den Beinen habe ich jeweils eine gewisse Spannung. Dabei bleiben aber die Schultern und Arme völlig unverkrampft, was auch schnelle Bewegung erlaubt.
Also Spannung ja, vor allem um die Körpermitte herum, Anspannung nein, die bremst nur.

Offline Kadeius

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Re: [Workshop] Kampfszenen
« Antwort #41 am: 21. Mai 2015, 01:04:59 »
Der Körperspannungsthese würde ich auch zustimmen. Ich weiß aber, was du meinst Churke, wahrscheinlich meine ich etwa das gleiche wie du, wenn du von Kontrolle sprichst, dazu gehört auch die körperliche. Bei mir treffen auch oft Kontrahenten aufeinander, die einander nur vom Hörensagen kennen und die einander kaum einschätzen können, also auch nicht deren Kampfstil. Da können unvorhergesehen Bewegungsabfolgen schon mal passieren und da braucht man dann entsprechende Kontrolle über seinen Körper sonst gehts schief.

Was du zum Dialog meintest, da stimme ich zu: Während des Schlagabtauschs halte ich das auch für unglaubwürdig, aber zwischendurch, als Fazit, als Provokation, wie auch immer, da finde ich das ein oder andere Wort angebracht.

Ilva, kleine Korrektur, damit wir uns nicht missverstehen: Ich meine Zweikampf, d. h. zwei Kontrahenten. Zwei vs. zwei stelle ich mir zwar auch spannend vor, aber das wäre ein Vierkampf. :D
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Offline Pygmalion

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Re: [Workshop] Kampfszenen
« Antwort #42 am: 21. Mai 2015, 13:31:35 »
Zitat
Das ist eine sehr schön formulierte, wenn auch leider wahre Äußerung! Man sollte sich schnell von dem Gedanken, dass Krieg irgendetwas Heroisches oder Episches an sich hätte, verabschieden

Hm, das kommt eigentlich sehr stark auf die Epoche an. In der griechischen Antike war Kreig sehr wohl etwas heroisches, das zeigt uns auch die Kunst dieser Zeit. Und da waren die Hopliten auch keine Söldner, sondern haben ihre Ausrüstung selbst organisiert un für ihre Polis (Stadt) in den Krieg zu ziehen. Eigentlich empfand man Krieg nie aus schlecht. Es gab zwar ungerechte Kriege, aber da man es sich sehr leicht gemacht hat, Gründe für Kriege zu finden (irgendeine Beleidigung, Schmach, Rache für erlittenes Unrecht bla bla) waren in der Selbstwahrnehmung eigentlich alle Kriege gerecht. Wie der einzelne Kämpfer das direkt in der Schlacht wahrgenommen hat weiß man natürlich nicht. In jedem Fall ist es sicher recht unangenehm, mit Bronzehelm, der nur wenig Sicht lässt und heiß ist und schwerer Lanze auf den Gegner zuzulatschen. Man kriegt von Strategie gar nichts mit. Deswegen kann ein so direkt mitkämpfender Feldherr auch überhaupt keine strategischen Befehle mehr geben. Geschweige denn Überblick über irgendwelche Ausführungen seines Plans haben.

Die Idee, dass Krieg grundsätzlich schlecht ist, ist da doch recht neu.

Offline Sanjani

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Re: [Workshop] Kampfszenen
« Antwort #43 am: 21. Mai 2015, 16:00:21 »
Hallo zusammen,

ohne jetzt alles gelesen zu haben mal ein paar Überlegungen meinerseits:

@Sprotte: Ich mache das so ähnlich wie du, muss aber sagen, dass ich damit nicht so recht zufrieden bin. Es klingt ein bisschen komisch, wenn ich das schreibe, aber ich fände es interessant, mal einen Bericht oder sogar mehrere von Leuten zu hören, die wirklich Kriegserfahrungen haben. Ich kann mir z. B. nicht so recht vorstellen, dass man in der Schlacht den Gestank nach Kot und Urin und Blut wharnimmt. Da könnte doch die Gefahr bestehen, dass einem schlecht wird oder man in Ohnmacht fällt und nicht weiterkämpfen kann. Außerdem glaube ich, dass unter Adrenalin vieles abgedämpft wird, wie man ja oft auch Schmerzen erst mal nicht spürt.

Genauso glaube ich, dass man im Kampf sehr klar sein kann und durchaus darüber nachgrübeln kann, wie man die Waffe führt. Es ist zwar ein schlechter Vergleich, aber ich bin letztens das erste Mal vom Pferd gefallen, und obwohl mein letztes Judotraining 10 Jahre her ist, war ich in dem Moment in der Luft ganz klar und dachte an alle Aspekte, die ich im Falltraining damals gelernt hatte. Mit der Umsetzung hat's dann etwas gehapert, aber das war ein überraschend klarer Moment für mich. Ich kann mir vorstellen, dass sich die Aufmerksamkeit eines Kriegers sehr stark einengt, nur auf das eigene Tun und den Gegner hin ausrichtet, und ich glaube eigentlich nicht, dass Emotionen da viel Platz haben. Aber ich weiß es eben nicht. Deshalb fände ich einen "echten" Bericht, wie gesagt, sehr interessant.

Das mal mein Senf zum Thema.

VG Sanjani
Die einzige blinde Kuh im Tintenzirkel :)

Offline Churke

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Re: [Workshop] Kampfszenen
« Antwort #44 am: 21. Mai 2015, 16:06:39 »
Es klingt ein bisschen komisch, wenn ich das schreibe, aber ich fände es interessant, mal einen Bericht oder sogar mehrere von Leuten zu hören, die wirklich Kriegserfahrungen haben.

Swordsmen of the British Empire
https://www.youtube.com/watch?v=KfYSLwxA5pQ

Es gibt noch ein Buch von einem Araber aus dem Kreuzzügen, aber ich habe den Titel nicht parat. Da steht aber auch ein Fall drin, in dem sich jemand übergeben muss, nachdem er mit dem Schwert zugeschlagen hat.
Cupitorum spes omnis Circus est maximus.
- Ammianus Marcellinus

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