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Autor Thema: [Workshop] Kampfszenen  (Gelesen 13180 mal)

Sprotte

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Re: [Workshop] Kampfszenen
« Antwort #15 am: 10. April 2015, 10:42:33 »
@Leann Teile gerne!  :)

Zur Gewalt denke ich auch, daß das dem Setting entsprechen muß. Fragt mal nach den Kreuzzügen, inklusive Kannibalismus, Haferkörnchen aus Pferdeäppeln popeln, Leichenteile per Katapult über die Stadtmauer schicken ... Menschen sind vor allem dann sehr erfinderisch, wenn sie anderen Menschen schaden wollen. Ich finde aber auch, daß Gewalt nicht um den Schockeffekt wegen dargestellt werden sollte.

Offline Duana

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Re: [Workshop] Kampfszenen
« Antwort #16 am: 10. April 2015, 10:45:49 »
Bei einem Profi habe ich schon das Bedürfnis, seine Handlungen und die der Gegner mit einer gewissen Professionalität zu beschreiben. Ein bisschen so wie in den neuen Sherlock-Holmes-Filmen mit Downey Jr., in denen er den Kampf vorher immer genau analysiert, bevor er zuschlägt. ;)
An genau die Szenen denke ich auch immer, wenn ich vor einer Kampfszene stehe - die Technik aus den Sherlock Holmes-Filmen ist einfach so eindrucksvoll bei mir hängen geblieben, dass ich mir vorstelle, auch in einem Roman diese Spannung erzeugen zu können. Aber die Art, die Szene "vorzugeben" passt sehr gut zum Charakter Holmes, leider aber eher nicht zu meinen Figuren. ;)

Das Nachstellen zuhause finde ich eine tolle Idee!
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Sprotte

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Re: [Workshop] Kampfszenen
« Antwort #17 am: 10. April 2015, 10:53:43 »
Ja, bei Sherlock Holmes war es cool, aber ich denke, das ist z.B. wie Autofahren. Wenn mir ein bunter Ball vor den Kühler hopst, trampel ich nur noch auf die Bremse. Ich muß darüber auch nicht nachdenken, weil der Körper in Automatik weiß, welcher Fuß auf welches Pedal stampfen muß.
Ein junger, unerfahrener Rekrut wird vielleicht noch versuchen nachzudenken. Ein erfahrener Krieger denkt in dem Sinne nicht mehr, der tut, was getan werden muß.

Offline PinkPuma

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Re: [Workshop] Kampfszenen
« Antwort #18 am: 10. April 2015, 12:21:14 »
Zitat von: Sprotte
Ein junger, unerfahrener Rekrut wird vielleicht noch versuchen nachzudenken. Ein erfahrener Krieger denkt in dem Sinne nicht mehr, der tut, was getan werden muß.

Das wäre für mich im Übrigen der Punkt, an dem sich die Frage nach Gewaltverherrlichung quasi nicht mehr stellt. Ein Krieger tötet – in der Regel – nicht, weil es ihm so viel Spaß macht, sondern weil er es eben tun muss. Entweder das Leben meines Gegners oder mein Leben.

Zitat von: Sprotte
Ich finde aber auch, daß Gewalt nicht um den Schockeffekt wegen dargestellt werden sollte.

Es geht wohl wie bei den meisten Themen darum, das richtige Mittelmaß zu finden. Weder Gewalt beschönigen, noch sie als Schockeffekt oder aus Schaulust darstellen.

Aber der Fantasy wird ja gerne mal ein Hang zur Gewaltverherrlichung unterstellt – meist zu Unrecht, wie ich finde.
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Offline Dämmerungshexe

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Re: [Workshop] Kampfszenen
« Antwort #19 am: 10. April 2015, 12:40:52 »
Als ich neulich eine Kampfszene schreiben musste, habe ich mich an einer Erinneurng orientiert: Basketball im Sportunterricht damals am Gymnasium - erst bekommst man lang und breit erklärt, wie es geht - Technik, Regeln, Mannschaftsaufstellung ... usw. - und dann bist du plötzlich mitten drin, um dich herum nur noch Hände und Arme, irgendwelche Körper, du verlierst die Orientierung und musst doch irgendwie was sinnvolles drauß machen.
Ich glaube das ist in meinem Erfahrungsschatz das, was einer "Schlacht" am nächsten kommt - das mal so als Hinweis, ich glaube etwas ähnliches haben wir alle erlebt. ^^

Ansonsten lasse ich bei solchen Beschreibungen auch gerne Details in der Art von "den Fuß hierhin", "das Schwert im steilen Winkel nach oben", "eine halbe Drehung" ... im Allgemeinen weg. Wichtiger sind bei mir (wie viele der Vorredner schon gesagt haben) auch eher die körperlichen und sinnlichen Eindrücke des Kämpfenden, sein "Denken" und "Fühlen". Das hängt dann aber auch  von der Art des Kampfes (Schlachtgetümmel, ritueller Zweikampf, Straßenprügelei ...) und natürlich dem Prota selbst ab.

Zum Thame Gewalt: schwierig einen Mittelweg zu finden. Für mich gehört sie dazu. Immerhin will ich als Autor die ganze Palette menschlichen Lebens darstellen können und dürfen - wir sind nunmal die Lebewesen, die Schwerter und Bögen, Feuerwaffen, Atombome, Napalm und Folter erfunden haben und auch einsetzen. Das kann man nicht verschweigen, das darf man aber auch nicht beschönigen. Ich finde manchmal hat Gewalt eine gewisse Ästhetik, aber das kommt auch immer mit auf den Leser an. Wichtig finde ich in dem Zusammenhang dann auch die Darstellung der Auswirkungen - also alles was nach der Schlacht kommt, für die Kämpfenden und auch die zivile Bevölkerung. Ein "Bewertung" muss dann eigentlich der Leser vornehmen, als Autor kann ich meine persönliche Meinung dazu allenfalls als Tendenz einbringen. Ich glaube wichtiger als die Art der Darstellung der Gewalt ist deshalb die Bemühung, im Leser Empathie zu wecken.
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Offline Churke

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Re: [Workshop] Kampfszenen
« Antwort #20 am: 10. April 2015, 13:35:39 »
In welchen Quellen?

Ich kenne keine historische Schlachtdarstellung, die einen Stil pflegt wie etwa Steven Erikson. Daraus schließe ich, dass Erikson falsch liegt.

Blaupausen findet man bei Julius Cäsar. Oder, mit weniger eigen-PR, bei Ammianus Marcellinus. Der http://de.wikipedia.org/wiki/Belagerung_von_Amida widmet Ammian ein ganzes Kapitel. Das ist für mich ein Must Read.

Was in einem Kämpfer vorgeht? Gefahr ist Nervenkitzel. Ich bin der festen Überzeugung, dass ein Kampf auf Leben und Tod wie eine Droge wirken kann. So erklärt sich auch das Duellunwesen in Renaissance und Barock: Man suchte einfach den ultimativen Kick. Diesen Kick in den Text zu retten, ist die Herausforderung.

Ein junger, unerfahrener Rekrut wird vielleicht noch versuchen nachzudenken. Ein erfahrener Krieger denkt in dem Sinne nicht mehr, der tut, was getan werden muß.

Man sollte die Psychologie nicht vergessen.
Wenn es im Mittelalter zu einer Schlacht Bauern vs. Ritter kam, entlud sich regelmäßig die angestaute soziale Aggression gegen die gottgewollte Ordnung. Zur Schlacht am Morgarten brachten die deutschen Ritter Stricke mit, um das freche Bauernpack aufzuhängen. Die Schweizer wiederum zerrten die Ritter von ihren Pferden und schlachteten sie ohne Gnade ab, verzichteten dafür sogar auf das Lösegeld.

Das ist keine Pflichterfüllung, da werden Rechnungen beglichen. Und wenn ich zum Töten eine positive Einstellung habe, dann werde ich das auch gewiss anders darstellen als Remarque in "Im Westen nichts Neues".
Cupitorum spes omnis Circus est maximus.
- Ammianus Marcellinus

Offline Sascha

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Re: [Workshop] Kampfszenen
« Antwort #21 am: 10. April 2015, 14:00:31 »
Ein Krieger tötet – in der Regel – nicht, weil es ihm so viel Spaß macht, sondern weil er es eben tun muss. Entweder das Leben meines Gegners oder mein Leben.
Das wäre ja noch die schöne Variante. Wenn man aber die Gräueltaten ansieht, die tatsächlich in Kriegen begangen werden, Vergewaltigungen, grausamstes Zu-Tode-Foltern usw., dann muß man leider konstatieren, daß der Krieg aus Menschen ganz schnell Bestien macht. Wobei dieser Ausdruck falsch ist, denn kein wildes Tier (lat. bestia) ist so grausam wie der Mensch.
Nehmen wie aktuell die Verbrechen von IS, Boko Haram oder al Shabaab, vor wenigen Jahren die Morde der Blackwater-Söldner im Auftrag der USA (Irak) oder etwas weiter zurück z.B. das Massaker von Mỹ Lai. Von den Verbrechen diverser Truppen im 2.WK wollen wir mal nicht anfangen.
Im Krieg wird nicht nur getötet, weil es "nötig" ist oder es heißt "er oder ich". So traurig das ist.
»Ich denke an manchen Tagen, dass es besser wäre, wenn wir gar keine Religionen mehr hätten. Alle Religionen und alle Heiligen Schriften bergen ein Gewaltpotenzial in sich. Deshalb brauchen wir eine säkulare Ethik jenseits aller Religionen.«
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Offline Christopher

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Re: [Workshop] Kampfszenen
« Antwort #22 am: 10. April 2015, 15:31:44 »
Eine kleine Ergänzung vielleicht noch zu den Kampfszenen:

Das "drumherum" ist auch wichtig. Insofern, dass man es wann immer es irgend möglich ist vorbereiten sollte!

Will ich eine Kampfszene schreiben, sehe ich zu, dass dem Leser der Raum/Bereich/Gelände/wasauchimmer, wo dieser Kampf stattfindet, bekannt ist oder unmittelbar vorher beschrieben wurde. Mitten im Kampf noch irgendwelche Orte oder Szenerien zu beschreiben, ist tödlich für die Dynamik, den Ort oder die Szene gar nicht zu kennen, vernichtend für die Vorstellung des Lesers.

Das kann man machen, indem man die Kämpfe entweder auf vertrautem Terrain stattfinden lässt oder aber indem man irgendeine Gelegenheit nimmt, um das Gelände vorher zu beschreiben und die Kulisse für den Kampf aufzubauen. Nahezu jeder Kampf, der nicht damit beginnt, dass der Prota einen unbekannten Raum betritt, lässt sich vorher so vorbereiten.
"Be brave. Don't tryhard."
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Christian Svensson

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Re: [Workshop] Kampfszenen
« Antwort #23 am: 10. April 2015, 16:20:35 »
Wenn ich als Autor Kampfszenen schreibe, muss ich mir immer vor Augen halten, dass ich eine fiktive Wirklichkeit darstelle. Je packender, lebensnaher ich sie für den Leser gestalten kann, um so besser. Im Text handeln Prota- und Antagonisten, nicht ich. Die Haltung, die Handlung und die Meinung zum Töten sind NICHT die Meinung des Autors.
Ich denke, dass sollte sich jeder, der Kampfszenen schreibt, immer wieder vor Augen halten. Ich erwähne das, weil in den letzten Posts ein paar Hemmungen zum Ausdruck kamen.
Wenn ein Antagonist Freude am blutrünstigen Töten hat, dann muss ich das auch so darstellen. Da beißt die Maus keinen Faden ab. Meine Meinung als Autor spielt dabei überhaupt keine Rolle.
Ansonsten wäre Thomas Harris ein psychotischer Irrer ... ;)

Offline Pygmalion

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Re: [Workshop] Kampfszenen
« Antwort #24 am: 10. April 2015, 16:35:34 »
Achja, Schlachten... Es hängt ja auch immer stark vom eigenen Setting ab. Viele Schreiber machen sich aber auch gar keine Gedanken dazu, wie eigentlich überhaupt gekämpft wurde. Also wie das logistisch abgelaufen ist. Ein einzelner Soldat/Ritter hätte nie als Teilnehmer einer richtigen Schlacht den Überblick bekommen zu wissen, was gerade passiert. Zudem muss man sich von der Illusion verabschieden, das Mittelalter hätte aus ständigen Belagerungen und Schlachten mit tausenden Soldaten bestanden. Die meisten Kriege zwischen Adligen kann man wohl eher unter Geplänkel verbuchen, bei denen selten mehr als 100 Leute gleichzeitig anwesend waren. Wenn da dann mal 5 getötet wurden, war das schon echt viel. Lösegeld war auch da das Stichwort. @Sascha: Und unbewaffnete Bauern bei Fehden zu erschlagen (wenn man deren Dorf plünderte) kam höchst selten vor und galt als Verbrechen, für das dann wiederum Sühne geleistet werden musste. Mordende Horden sind doch eher eine Idee, die ab dem 30-jährigen Krieg zunehmend wurde. Soll nicht heißen, dass es das nicht auch vorher gab, aber das war eben kein rechtsfreier Raum. Auch das Fehderecht war genau geregelt.

Anders war es natürlich bei richtigen Schlachten, die größere Einflusssphären betrafen, z.B. von Bornhöved 1227, da sind ziemlich viele auf beiden Seiten gestorben. Trotzdem wird die in den Chroniken so beschrieben:
Zitat
Als der König dies sah und an den Bannern merkte, wie viele Helfer die Lübecker hatten, da wurde er sehr schwankend. Doch dann griff er einen Mut und beide Seiten schickten ihre Vorhut [wörtlich: Spieße.] und zogen mit freiem Mut gegeneinander. Da konnte man ein großes Wunderwerk von Gott sehen. Das Lübeckische Heer hatte da die Sonne in den Augen und das war ein sehr großer Nachteil. Sofort sah man sichtbar eine Frauensperson in der Luft, die sich zwischen die Sonne und das Lübeckische Heer setzte und die Sonnenstrahlen kehrten sich gegen die Augen der Dänen. Dieser Anblick erfreute die Deutschen und stärkte sie und sie griffen die Dänen mit großer Kühnheit an. Da wurde auf beiden Seiten männlich gekämpft und es stürzten viele stolze Helden hier und dort. Am Ende gab Gott den Bürgern von Lübeck den Sieg und sie besiegten die Dänen an diesem Tag und schlugen unsagbar viele von ihnen tot und fingen auch viele. Die Krone [der König von Dänemark] räumte das Feld und entkam nur knapp mit wenigen Leuten
Da steht natürlich nichts von Blut und aufgeschlitzten Körpern... Dennoch dürfen wir wohl davon ausgehen, dass auch die Kämpfenden in dem Moment des Kampfes weniger heroische Gedanken hatten. Insofern sehe ich es kritisch aus Chronikalischen Überlieferungen eine Realität zu formen, die irgendwie auf das tatsächliche Kampfgeschehen Schwert gegen Schwert Bezug nimmt. Dafür ist die Distanz einfach zu groß.
Ich glaube auch, dass das Überleben in der Schlacht recht wenig mit den eigenen Fähigkeiten zusammenfällt. Eher mit der eigenen Panzerung. Eine gute Rüstung konnte das Leben retten, während Reflexe recht wenig ausrichten, wenn man von Pfeilen getroffen wird oder drei Speere gleichzeitig auf einen zukommen. Irgendwo anders (ich glaube es war der Thread mit den Schwertkämpfen) stand, man könne ja für Bewegung auf die Rüsstung verzichten... Das wäre in einer Schlacht vermutlich der dümmste Einfall, den man haben kann. Es sei denn man kämpft im Dithmarscher Sumpf, aber das würde ich doch eher als Ausnahme bezeichnen :P

Gewalt war dennoch immer ein Teil der Welt und gerade von Kriegen, deswegen fände ich es recht unsinnig, sie irgendwie wegzulassen oder schöner zu schreiben. Wenn ein Folterknecht nunmal Spaß am foltern hat (was nicht besonders selten ist), dann soll er den haben! Es kann auch in Fantasywelten Menschen geben, die einfach böses tun, weil sie wollen und können.

Offline PinkPuma

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Re: [Workshop] Kampfszenen
« Antwort #25 am: 10. April 2015, 16:43:13 »
Zitat von: Sascha
Das wäre ja noch die schöne Variante. Wenn man aber die Gräueltaten ansieht, die tatsächlich in Kriegen begangen werden, Vergewaltigungen, grausamstes Zu-Tode-Foltern usw., dann muß man leider konstatieren, daß der Krieg aus Menschen ganz schnell Bestien macht. Wobei dieser Ausdruck falsch ist, denn kein wildes Tier (lat. bestia) ist so grausam wie der Mensch.
Das haben ja bekanntlich bereits Nietzsche, Agamben und viele andere vor und nach ihnen ausführlich dargelegt und will ich auch gar nicht bestreiten.
Bei meinen Ausführungen hatte ich v.a. meine eigenen Texte im Hinterkopf, bei denen die Krieger (hauptsächlich Elfen) eben nicht um des Tötens, sondern um des Lebens Willen kämpfen. Dass solche Gräueltaten im realen Leben beinahe schon zum Kriegsalltag gehören ist klar. Ebenso, dass auch (Fantasy-)Literatur diesen Aspekt nicht außer Acht lassen sollte.


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Offline Lothen

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Re: [Workshop] Kampfszenen
« Antwort #26 am: 10. April 2015, 17:10:36 »
Die meisten Kriege zwischen Adligen kann man wohl eher unter Geplänkel verbuchen, bei denen selten mehr als 100 Leute gleichzeitig anwesend waren. Wenn da dann mal 5 getötet wurden, war das schon echt viel.

Danke für den Input, Pygmalion, das stärkt mir ein bisschen den Rücken ;) ! Ich krieg auch jedes Mal wieder große Augen, wenn bei G.R.R. Martin, Tolkien o.ä. zehntausende Mann aufeinander treffen. Wo sollen die denn bei einer mittelalterlichen Bevölkerungsstruktur alle herkommen?! Das dauert ja Jahre, die zusammenzuziehen. Und die Kosten erst für Nahrung, Waffen, Instandhaltung, Sold  ... da muss man schon Krösus sein.

Zitat
Insofern sehe ich es kritisch aus Chronikalischen Überlieferungen eine Realität zu formen, die irgendwie auf das tatsächliche Kampfgeschehen Schwert gegen Schwert Bezug nimmt.
Zumal man Kriegsberichte ja auch nicht für bare Münze nehmen darf. Gerade die Aufzeichnungen von Feldherren dürften ja hochgradig verzerrt sein, allein aufgrund der Selbstdarstellung (siehe Julius Cäsar). Ich denke, man kann viel über Strategie und ähnliches lernen, über die Aufstellung oder dergleichen. Aber gerade persönliche Erfahrungen würde ich nicht zwingend davon ableiten.
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Offline flowrite

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Re: [Workshop] Kampfszenen
« Antwort #27 am: 10. April 2015, 22:10:53 »
Ist Tolkien nicht überhaupt ein Beispiel, wie man es nicht machen sollte? Schlachten auf ganze Kapitel auszuwälzen und aber so, dass dem Leser (mir) allenfalls noch im Gedächtnis geblieben ist. wie Gimli der Zwerg und Legolas der Elb mit ihren Orkkopfquoten duellieren. Das hatte ich bald nur noch als dröge empfunden und war geneigt, ganze Abschnitte zu überspringen. Dass im HdR nur Schlachten über Schlachten vom Zorn gebrochen wurden, damit olle Sauron von der eigentlichen Gefahr abgelenkt ist, das ist durchaus originell (und übrigens ein ziemliches Verbrechen gegen die Menschlichkeit, aber was solls), aber die Umsetzung ist recht uninspiriert und langatmig geraten. So als Tipp von einem leiderprobten Leser: Kampfszenen kurzhalten. Nicht faseln. Mehr gehetztes Stakkato. Wie meint ihr? Sind langsame Erzählphasen bei Gemetzeln legitim?

Offline PinkPuma

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Re: [Workshop] Kampfszenen
« Antwort #28 am: 10. April 2015, 22:21:07 »
Zitat von: flowrite
Ist Tolkien nicht überhaupt ein Beispiel, wie man es nicht machen sollte? Schlachten auf ganze Kapitel auszuwälzen
Tolkien ist unter so manchen Gesichtspunkten ein Beispiel, wie man es eher nicht machen sollte. Nicht falsch verstehen, ich liebe HdR, aber alles in allem ist doch der ganze Roman recht langatmig. Episch eben. ::)


Zitat von: flowrite
So als Tipp von einem leiderprobten Leser: Kampfszenen kurzhalten. Nicht faseln. Mehr gehetztes Stakkato. Wie meint ihr? Sind langsame Erzählphasen bei Gemetzeln legitim?
Gehetztes Stakkato würde ich absolut unterstützen. Adrenalin! Es darf auch mal Phasen geben, in denen weniger geschieht (Taktikbesprechungen, Rückzug, Erholungsphasen im Lager etc), aber das explizite Kampfgeschehen muss für mich mitreißen, nicht dahinplätschern.
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Offline Arcor

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Re: [Workshop] Kampfszenen
« Antwort #29 am: 11. April 2015, 12:37:49 »
Danke für den Input, Pygmalion, das stärkt mir ein bisschen den Rücken ;) ! Ich krieg auch jedes Mal wieder große Augen, wenn bei G.R.R. Martin, Tolkien o.ä. zehntausende Mann aufeinander treffen. Wo sollen die denn bei einer mittelalterlichen Bevölkerungsstruktur alle herkommen?! Das dauert ja Jahre, die zusammenzuziehen. Und die Kosten erst für Nahrung, Waffen, Instandhaltung, Sold  ... da muss man schon Krösus sein.
Klar sind solche Massenschlachten wohl eher die Ausnahme gewesen und in bevölkerungsärmeren Regionen wurden die Gefechte wohl eher zwischen einigen hundert Mann geführt. Aber trotzdem gab es die richtig großen Schlachten zu beinahe jeder Zeit:

- Schlacht bei Hastings (1066): Auf jeder Seiter fast 8.000 Mann.
- Schlacht bei Cannae (216): Zwischen 50.000 und 80.000 Mann. Die 50.000 waren der Rest, der von Hannibals Heer nach dem Zug über die Alpen übrig war.
- Schlacht bei Waterloo (1815): Hier wurden von allen Parteien zusammen fast 200.000 Mann (!) ins Feld geschickt.

Ich denke also, dass man eher beurteilen muss, ob die Bevölkerungsstruktur der eigenen Welt diese Zahlen hergibt und wie bedeutend die Schlacht ist. Soll es die große Schlacht sein, die für mehr als 100 Jahre die Geschicke zweier Völker bestimmt? Dann können da schon mal 40.000+ ins Feld geschickt werden. Geht es nur darum, dass Baron A seinem Nachbarn mal kurz zeigt, was er vom Grenzübertritt hält? Dann reichen vielleicht doch eher 500 Mann.

@flowrite @PinkPuma
Tolkien liest man in meinen Augen auch nicht wegen seiner Schlachtenbeschreibung. Die sind nicht gut, zugegeben, aber er ist ohnehin nicht so extrem dicht an seinen Figuren dran, sodass durch die Distanz kein riesiger Bruch entsteht. Ich glaube auch, dass das eine bewusste Entscheidung von Tolkien war, der im Ersten Weltkrieg gekämpft hat und, wenn ich das richtig im Kopf habe, sehr dadurch geprägt wurde.
Ehrlich gesagt fand ich die Schlachten von Tolkien auch nie über die Maßen langatmig und immerhin wusste ich durch die Distanz, was passiert. Die Schlacht vom Blackwater bei G.R.R. Martin hat mir dagegen nicht sonderlich gefallen. Die Zahlen bei Tolkien haben mich auch nie gestört. Wenn man es mal genau liest, schicken die Freien Völker nie das irrsinnige Truppenaufgebot ins Rennen, das ist durchaus realistisch und immerhin geht es hier um die Entscheidung des dritten Zeitalters. Von Saurons Stärke erfährt man nichts Genaues, außer, dass es drüber liegt - was man bei einem Zuchtprogramm für den Krieg auch durchaus erwarten kann.

Tolkien liest man aber in meinen Augen eher wegen des Weltenbaus, wegen der Sprache und wegen der Liebe des Autors für diese Welt, die einem in fast jeder Zeile entgegenspringt.  :wolke:

Stakkato ist in Schlachtszenen nicht schlecht, aber bitte auch nicht über die Maßen. Wenn ich 10 Seiten Stakkato-Gemetzel lesen muss, dann ist das der Punkt, an dem ich das Buch weglege.  :nöö:
Mein Schlachtenhighlight ist bisher das gerade gelesene 8. Kapitel aus Sapkowskis Die Dame vom See. Über 40 Seiten oder so wird die Schlacht von Brenna beschrieben, vom Aufmarsch der Truppen bis zum Ende der Schlacht, aus mindestens 10 verschiedenen Perspektiven, zwei Zeitebenen, gemischt aus Fokus auf den Nahkampf und geschichtlicher Abhandlung aus der Distanz. Ich habe mich bei einem Gefecht selten so unterhalten und gleichzeitig so gut informiert gefühlt.  :wolke:
  

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