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Autor Thema: Show, don't tell?  (Gelesen 5877 mal)

Offline Maja

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Show, don't tell?
« am: 24. Februar 2015, 00:23:18 »
Wenn man mich fragt, welche Regeln man beim Schreiben beachten soll, ist meine Antwort einfach: Rechtschreibung und Grammatik. Die sind vorgeschrieben, in Stein gemeißelt und unumstößlich. Alles andere, egal was die Schreibratgeber sagen, sind bestenfalls freundliche Hinweise. Sie können für einige der Gral der Wahl sein, für andere nicht. Nicht jede Technik funktioniert für jeden. Und doch gibt es einen Satz, den höre ich von Autoren gebetsmühlenartig wiederholt: Show, don't tell. Zeigen, nicht erzählen. Rauf und runter, als ob man als Autor ins Gefängnis käme, wenn man es anders macht. Die Frage ist nur, warum?

"Show, don't tell" fordert einen Autor auf, dem Leser die Handlung des Buches wie einen Film abzuspielen, zum zurücklehnen und zuschauen. Und ebenso neu wie das Medium Film, im Vergleich zum Medium Buch, ist dieser Slogan auch. Schaut man sich die großen Romane des 19. Jahrhunderts an, Dickens, Dostojewskij, Hugo, Scott, Dumas, hat man es mit Erzählern zu tun. Großen Erzählern. Und obwoho sich heute unsere Lesegrwohnheiten verändert haben, im gleichen Maße, wie sich unsere Sehgewohneheiten verändert haben, sind diese Romane immer noch großartig. Sie werden nicht jedem gefallen, und sie können manchmal schwere Brocken darstellen, aber ihre Qualität ist unumstößlich, obwohl ihre Autoren von "Show, don't tell" noch nie etwas gehört hatten und diese Regel auch nicht einmal instinktiv beherzigt haben. Sie haben erzählt. Und das gut.

Ich will damit nicht sagen, dass mit "Show, don't tell" nicht auch großartige Romane rauskommen können. Erst neulich habe ich im Thread zum Thema "Noir Literatur" beschrieben, wie "The Maltese Falcon" einen Meilenstein der Literatur darstellt, weil er genau dieses "Show, don't tell" erfunden und zugleich zur Perfektion gebracht hat. Was mich stört an der Sache ist, dass zu viele Autoren denken, sie dürften keine Erzähler mehr sein, sie wären gezwungen, die Lektüre zum Kopfkino zu machen. Die Wahrheit ist, niemand wird zu irgendwas gezwungen, und Lesen ist kein Kinoersatz, sondern eine ganz eigene Erlebnisform.

Ich bin eine Erzählerin. Ich drehe meinem Leser keinem Film, ich male ihm mehr Bilder mit meiner Sprache, die direkt wie Sinneeindrücke wirken - zumindest ist das die Absicht. Ich zupfe an den Saiten der großen Gefühle. Und der Kleinen. Ich gebe Schönheit und Wortgewalt und Sätze, die man erst einmal entwirren muss, um sie zu verstehe, ich lasse meine Leser hin und her blättern, um eine Szene in Gänze zu erfassen. Die Bilder sind nicht statisch - es ist nicht so, dass in den Geschichten eines Erzählers sich nichts bewegt; hätte ich nur stille Bilder malen wollen, wäre ich Maler geworden und kein Erzähler. Aber im Vergleich zum klassischen Show-Stil sind bei mir die Eindrücke oft abstrakter, ich kann mich lange an einem einzelnen Geräusch festhalten, einem Schatten, dem Kräuseln einer Lippe.

Ich beschreibe nur wenige Dinge so klar, wie man sie in einem Film sehen würde. Frisuren, Gesichter, Kleidung - meine Figuren haben das alles, aber wo es nicht elementar wichtig ist, halte ich mich nicht lange dran auf. Ich verfasse auch keine endlosen Landschaftsbeschreibungen. Anders als im 19. Jahrhundert schreibe ich für Leser, die alle erdenklichen Ort schon gesehen haben, sei es in echt, auf Fotos und Filmen, oder in der Computernanimation. Ich muss das Rad nicht neu erfinden. Wie die Dinge aussehen, können sich meine Leser auch denken. Was ich ihnen gebe, ist die Wirkung. Ich halte mich nicht lange mit der Burg selbst auf, weil meine Leser schon einmal Burgen gesehen haben, aber ich gebe ihnen das Gefühl, ganz klein zu sein in ihrem Schatten, ohne die Burg nur einmal zeigen zu müssen.

Ich denke nicht, so selbstverliebt ich auch sein mag, dass ich mich in einer Reihe mit Fontante und Dostojewskij stellen darf, aber sie sind ganz klar meine Vorbilder, und ich sehe nichts verwerfliches darin, ihnen nachzueifern. Sicher, das ist unmodern und altmodisch, und wenn es jeder so machen würde, wäre es vielleicht anstreng. Aber ich mag es, ich lese so etwas gerne und ich schreibe so etwas gerne. Ich mag nicht krampfhaft zeigen statt erzählen, wo ich viel lieber erzählen würde. Wenn ich was zu zeigen habe, zeige ich das. Ich habe auch Handlung, meine Bücher sind nicht nur eine psychedelische Diashow, und ich muss meine Leser nicht unter Drogen setzen, damit sie meine Geschichten verstehen können. Ich weiß, dass nicht jeder etwas damit anfangen kann, und das ist okay. Ich mag Individualität, auch - oder gerade - in der Literatur. Und ich mag es, wenn Autoren auch mal was wagen und sich nicht an Konventionen aufhängen, sei es in Sachen Genre, sei es in Sachen Technik.

Alles ist erlaubt, wenn man es gut macht. Allüberall liest man, Sätze müssen kurz und prägnant sein, um zu wirken. Ich tue das Gegenteil und liefere meine Bücher mit einem sprachlichen Kompass aus für diejenigen, die sich in den Bandwurmsätzen verirren. Und für "Show, don't tell" gilt das gleiche: Man kann. Man darf. Man muss nicht. Schreibt, was ihr wollt und wie ihr es wollt, so, dass ihr daran Spaß habt und es euch gefällt. Wenn ihr eure Bücher verkaufen wollt, eine Agentur finden oder einen Verlag: Man verkauft das am besten, das man selbst am meisten liebt. Halbherzig und unter Zwang geschriebenes "Ich darf nicht erzählen, ich muss zeigen, aaarghhh!" wird den Leser nicht mitreißen und den Lektor nicht vom Hocker. Entgegen allem, was die Schreibratgeber schreiben, gibt es nämlich für Erzähltes heute immer noch einen Markt.

Ich kann das so sicher sagen, weil ich genau dieses Feedback von meinem Lektor bekommen habe. Er hat mich als genau das eingekauft, was ich bin: als Erzählerin, weil er genau nach so etwas sucht, Autoren mit starken Erzählstimmen. Beim "Show, don't tell" wird die Aktion in den Mittelpunkt gestellt, die Erzählstimme bleibt dahinter zurück, und schlimmstenfalls wirken die Bücher wie Einheitsbrei in dem Sinne, dass sie von jedem stammen könnten. Aber es ist keine Frage von Richtig und Falsch. Es sind die beiden wesentlichen Elemente, die eine Handlung ausmachen: Aktio und Re-Aktio. Der Zeiger konzentriert sich mehr auf der eine, der Erzähler mehr auf das andere. Beide haben recht, und beide haben eine Daseinsberechtigung.

Wenn euch nach Erzählen ist, dann erzählt. Ihr seid nicht für die Schreibratgeber da, und ihr müsst ihnen nicht sklavisch gehorchen. Schreibt, wie ihr wollt. Hauptsache, ihr macht das so gut, wie ihr irgendwie könnt, und seht zu, dass ihr immer und immer weiter besser werdet.
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Sipres

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Re: Show, don't tell?
« Antwort #1 am: 24. Februar 2015, 00:38:03 »
Als jemand, der im echten Leben größtenteils von absoluten Literaturallergikern umgeben ist (der kleine Rest liest zwar, setzt sich aber mit der Literatur selbst kaum auseinander), habe ich mir noch nie Gedanken darüber gemacht, ob ich Erzähler oder Zeiger bin, weil ich nie jemanden hatte, mit dem ich mich über sowas austauschen konnte. Und jetzt, wo ich tatsächlich darüber nachdenke, muss ich ehrlich gestehen, dass ich immer noch keine Ahnung habe. Ich mach das, was du mit diesem Text eigentlich aussagen willst, Maja: Ich schreibe, was ich will und wie ich will, denn so liebe ich meine Texte.

Offline Ginger

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Re: Show, don't tell?
« Antwort #2 am: 24. Februar 2015, 00:39:55 »
@Maja

Amen! :jau:
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Offline Maja

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Re: Show, don't tell?
« Antwort #3 am: 24. Februar 2015, 00:49:55 »
@Sipres
Ich habe mir da auch keine Gedanken drüber gemacht, bis mir das erst mal ein Betaleser ein "Das kannst du so nicht machen, hast du noch nie von 'Show, don't tell' gehört?" - Und das hatte ich tatsächlich noch nicht - so wenig, dass ich nur "Showdown Cal" verstanden habe und gedacht, "Hey, 'Cal' war meine Englischlektüre in der 12, cool, dass die noch jemand außer mir kennt, aber was hat das Showndown davon mit meinem Roman zu tun?"
Danach habe ich einige Jahre lang beim Schreiben total gekrampft, weil ich immer vor Auge hatte, dass ich doch nicht so viel erzählen darf und mehr zeigen muss, bis ich irgendwann im Netz über einen Artikel gestolpert bin, der mir das auseinandergedröselt hat - dass ein Roman eben kein Film ist. Eigentlich wollte ich nur den Artikel von damals raussuchen und verlinken, aber ich habe ihn nicht gefunden (ist inzwischen auch Jahre her, dass ich den gelesen habe), also habe ich stattdessen meine eigenen Gedanken zu dem Thema zu Papier gebracht.

Es ist vielleicht so rübergekommen, als müsse man sich als Autor entscheiden, entweder das eine oder das andere zu machen. Aber in Wirklichkeit machen wir doch meistens beides, wir mischen erzählende Passagen mit solchen, die reicher an Handlung sind, und das ist völlig okay. Und wenn man beim Überarbeiten findet, die erzählenden Teile sind im Übergewicht und bremsen den Plot aus, kann man da gut straffen. Aber was man eben nicht sollte, ist, sich schon beim Schreiben zu kastrieren und zu zensieren und sich das Erzählen per se zu verbieten, weil "man" sowas ja nicht machen darf.
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Offline Pandorah

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Re: Show, don't tell?
« Antwort #4 am: 24. Februar 2015, 01:15:58 »
Hach, danke, Maja. :knuddel: Ich mag "Show, don't tell", aber wie alles gilt - in Maßen. Manchmal braucht und will man einfach Erzählpassagen.

Offline Zitkalasa

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Re: Show, don't tell?
« Antwort #5 am: 24. Februar 2015, 02:54:46 »
Je länger ich diesen Satz kenne, um so unsicherer werde ich mir, was er zu bedeuten hat. Ehrlich gesagt. Oder besser: Ich habe keine Ahnung wie ich mein Schreiben einordnen soll.
Einerseits mag ich es sehr, wenn Gefühle und Gedanken der Figuren nicht benannt werden sondern sich hinter den Beschreibungen zu ihrem Tun oder in ihren eigenen Worten wieder finden. In der Realität wissen die Leute ja auch selten, was sie wirklich bedrückt bzw. was die Wurzel allen Übels für ihren Kummer ist. Da ließ sich das Buch halt einfach nicht gut weglesen. (Oder andere Branche: Der Schlafsack wärmt nicht, sie hätten doch eine Luftmatratze drunter gehabt ...) Aber: Ist das gleich schon Show?

Ich weiß nicht, man kann sich an vielem aufhängen und gerade als Schreibbeginner finde ich SdT gut, weil es die Schreiber dazu zwingt, darüber nachzudenken wie sich Angst anfühlt und wie sich Angst zeigt und nicht einfach nur lapidar hin zuklatschen: "Sie hatte Angst.", etc. pp. (Aber darüber sind wir uns alle einig, denke ich.) Ob das strikte SdT allerdings zu Einheitsbrei führt? Vielleicht, wenn man die immer gleichen Phrasen/ Bilder nimmt. Ein Schauer lief ihr über den Rücken. Sie kaute auf ihrer Unterlippe. Ein Kloß steckte ihr im Hals.
Dass viele Bücher gerade von den Formulierungen her recht charakterlos sind, darüber stimme ich mit dir überein, Maja. Aber denkst du, dass es wirklich vom SdT kommt? Ich würde es eher auf fehlende Vorstellungskraft schieben. Oder den Autoren ist Stil nicht so wichtig. Oder es sind die Leser, die keine Lust auf Dostojewskij haben.

*Schultern zuckt* Hin oder her: Du hast recht, soll jeder doch so schreiben wie er lustig ist. Und wenn es SdT ist. :omn:

Offline Klecks

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Re: Show, don't tell?
« Antwort #6 am: 24. Februar 2015, 05:50:27 »
Ein sehr schönes Posting, Maja!  :jau:  Ich finde auch: Jeder sollte so schreiben, wie er möchte. Die Geschichte wird bei mir so geschrieben, wie sie geschrieben werden will. Ob das jetzt viel show oder viel tell oder etwas ganz anderes beinhaltet, finde ich nicht wichtig, Hauptsache, es entsteht eine schöne Geschichte.  :D
            Die Fütterung des Kleckses mit Süßigkeiten aller Art ist ausdrücklich gestattet.  :innocent:

Thaliope

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Re: Show, don't tell?
« Antwort #7 am: 24. Februar 2015, 07:50:39 »
Ach ja, meine alte Predigt :)

Ich habe Sol Stein nie gelesen, muss ich gestehen. Aber ich glaube (wie ich schon andernorts mehrfach geschrieben habe), dass dieses "Show don't tell" durchaus seine Berechtigung hat - aber meistens falsch interpretiert wird.
Für mich heißt es nicht, dass man alles wie im Film szenisch darstellen muss. Dieses Verständnis geht, wie Maja schon sagte, zulasten der Erzählkunst.
Ich glaube, diese extrem filmische Darstellung ist ein Mittel, das es auch unbegabten Erzählern ermöglicht, mitreißende Geschichten zu erzählen. Wenn man die Mittel des szenischen Aufbaus beachtet, kann man auch mit geringerer sprachlicher Kompetenz lesbare Bücher schreiben.
Aber ich glaube auch, dass ambitionierte Autoren da nicht aufhören sollten.

Die Übersetzung des Wortes "tell" mit "erzählen" ist aber natürlich auch ein bisschen sehr eng. Und wenn man sie weiter fasst, erhält man eine Regel, die tatsächlich sinnhaft ist: Nicht benennen bzw. behaupten, sondern zeigen. Nicht "platt" erzählen, sondern vor Augen führen. Aber das geht auch ohne szenische Darstellung.

Sag mir nicht, behaupte nicht, dass eine Person "schön" ist, sondern zeig es mir. Lass es mich empfinden. Dafür muss man nicht jeden einzelnen Zentimeter beschreiben, nicht einmal die Klassiker wie Augen- und Haarfarbe sind wichtig. Die Kunst besteht (meiner unmaßgeblichen Meinun nach) darin, mit wenigen, richtig gesetzten Pinselstrichen ein Bild im Kopf des Lesers entstehen zu lassen. Ohne diese Bilder geht es glaub ich wirklich nicht. Aber sie müssen nicht wie im Kino aussehen.

Was ich damit sagen will: "Zeigen", also bildlich beschreiben, kann man auch in erzählenden Texten. Darin erst zeigt sich die sprachliche Gewandtheit, weil alle Feinheiten der Sprache nötig sind, um im Leser die richtigen Bilder entstehen zu lassen. Deshalb würde ich mich Majas Forderung anschließen: macht, was ihr wollt! Aber auch hinzfügen: übt euch im Erzählen. :)

Als Übersetzerin hab ich es oft mit Autorinnen von Reihen zu tun, die sich an dieses Show don't tell halten. Da wird dem Leser nicht gesagt, was die Person empfindet, es wird auch nicht gedeutet, sondern "gezeigt", was die Person tut, gern anhand von Minik und Körperhaltung. Das nimmt allerdings Ausmaße an, die ich ein bisschen traurig finde, weil diese Elemente recht begrenzt sind. Da werden ständig nur noch Augenbrauen hochgezogen - und der Leser soll sich denken, was die Figur damit will. Dabei kann man Augenbrauen so schön süffisant, anzüglich, hochmütig, spöttisch, galant, herausfordernd etc. hochziehen - alles sprachliche Feinheiten, die bei dieser Darstellung verloren gehen. Auf Dauer empfinde ich das als sprachliche Armut, muss ich gestehen. So aussagekräftig Mimikbewegungen sind, sind sie doch in den reinen "show"-Möglichkeiten recht limitiert.

So. Mein Wort zum Dienstagmorgen. :)
LG
Thali
 

Offline Guddy

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Re: Show, don't tell?
« Antwort #8 am: 24. Februar 2015, 08:30:03 »
Auch ein Film kann mehr "tell", als "show" betreiben. Dann, wenn man dem Zuschauer alles auf dem Silbertablett serviert, die Figuren immer und immer wieder stundenlange Monologe halten lässt, was gerade warum passiert und wer eigentlich mit wem... langweilig.  Das, was Maja beschreibt, hat für mich wenig bis gar nichts mit dem "Gebet" zu tun. "Zeigen, nicht erzählen" ist meiner Meinung nach eine zu wörtliche Übersetzung, die aber den eigentlichen Kern nicht trifft.

Zitat von: Thalipope
Die Übersetzung des Wortes "tell" mit "erzählen" ist aber natürlich auch ein bisschen sehr eng. Und wenn man sie weiter fasst, erhält man eine Regel, die tatsächlich sinnhaft ist: Nicht benennen bzw. behaupten, sondern zeigen. Nicht "platt" erzählen, sondern vor Augen führen. Aber das geht auch ohne szenische Darstellung.
Genau das heißt es für mich.
Ich persönlich finde wirklich kaum etwas schlimmer als blutleere, sterile Worte, die lediglich beschreiben und erklären (Tell= "I told you! He is stubborn!"), statt erzählen (show = "I'll show you how stubborn he is!"). Ersteres erwarte ich von einem Mathebuch und nicht von einem Roman. Aber natürlich darf das jeder anders sehen und empfinden! Auch eine goldene Regel kann verschiedene Interpretationsmöglichkeiten aufweisen. Und jeder (Hobby)Autor darf so schreiben, wie er möchte, jeder Leser das gut finden, was er möchte.
Für mich(!) ist "show, don't tell" wichtig. Vor allem als Leser, denn als Autor verliere ich mich ohnehin im Moment und in meiner Fantasie, achte nicht auf Regeln. Vielleicht in der Überarbeitung. (Wobei ich denke oder an mir die Erfahrung gemacht habe, dass man als Autor ohnehin intuitiv gut schreibt. Zumindest  "gut" für einen selbst.)

edit: Habe mich mit Tell und Show selber durcheinander gebracht. Habe das mal korrigiert  :engel:

HauntingWitch

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Re: Show, don't tell?
« Antwort #9 am: 24. Februar 2015, 08:37:51 »
Oh Maja, das hast du wunderschön gesagt! Danke dafür.  :)

Wie du finde ich auch, dass diese "show don't tell"-Regel völlig überbewertet ist. Es kann hilfreich sein und es lohnt sich sicher, damit herumzuspielen und auszuprobieren. Aber wenn ich mir Bücher anschaue, die ich mag (oder auch welche, die ich nicht mag) stelle ich immer wieder fest: Es spielt überhaupt keine Rolle. Es gibt telling-Bücher, die ich klasse finde und showing-Bücher, die ich bescheiden finde. Die Umsetzung macht es, die Art und Weise, wie der Autor die Dinge rüberbringt und diese hat nichts damit zu tun, ob er sich an solche dogmatische Regeln hält oder nicht.

Ich finde übrigens auch nicht, dass ein Buch sein muss wie ein Film, denn es ist ja eben kein Film. Für mich sind das zwei nahe Verwandte mit verschiedenen Eigenheiten und Möglichkeiten. Vergleiche in manchen Punkten sind durchaus legitim, aber es sind zwei verschiedene Ausführungsformen, die verschiedene Ansprüche erfüllen. Manche Dinge, die im Film problemlos gehen, wirken in einem Buch störend und umgekehrt kann man manche Dinge, die man in einem Buch ohne weiteres zeigen/erklären kann, filmisch nicht darstellen. Ich finde, das kann man nicht so direkt umwälzen.

Offline Dämmerungshexe

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Re: Show, don't tell?
« Antwort #10 am: 24. Februar 2015, 09:04:56 »
Das Thema beschäftigt mich auch gerade ziemlich bei meinem Projekt - einer der ersten Kommentare einer Beta-Leserin war auch an einer Stelle, dass ich da mehr "show, don't tell" machen sollte. Genau an der Stelle hatte sie auch Recht, das  muss ich sagen.

Aber sonst habe ich versucht, auch sehr viel zu erzählen, weil ich es einfach leid bin mir andauernd komplexe Szenen auszudenken, in denen ich die Inhalte "darstellen" könnte. Es hat mir irgendwann gereicht und ich bin wirklich dazu übergegangen ganze Zusammenhänge und Situationen einfach zu schildern. Oft habe ich das Gefühl dass es der Geschichte in soweit auch gut tut, weil der Leser Zeit hat Atem zu holen in solchen "Augenblicken" und weil ich komplexe Inhalte einfach und damit auch kurz darstellen kann.

Das interessante, das ich inzwischen festgestellt habe: es fällt mir schwer. Vielleicht wegen mangelnder Übung, weil man das andere ja ewig vorgebetet bekommt.
Oder es passt nicht zu jedem Bereich der Geschichte. Im Moment bin ich wieder an einer Stelle, an der ich fast nur "show" habe und wüsste auch gar nicht, was ich da erzählen soll.
Drum mach ich mir auch Sorgen, ob es mit den vorangegangenen Teilen zusammenpasst, das Gesamtbild der Gecshichte stimmig ist.
Inzwischen habe ich diese Problematik auf die Überarbeitung verschoben und ich nehme mir wirklich fest vor, dann eine ausgewogene Mischung, vielleicht mit einem kleinen Hang zum Erzählen, zu finden.
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Offline chaosqueen

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Re: Show, don't tell?
« Antwort #11 am: 24. Februar 2015, 09:08:30 »
Danke für den Thread, Maja! Zumal ich ja ein bisschen "Schuld" dran bin, dass Du ihn eröffnet hast. ;)

Ich glaube, ich habe bis heute nicht wirklich verstanden, was "show, don't tell" wirklich meint. Du hast es ganz gut beschrieben, Thali hat es super ergänzt - und trotzdem bin ich der Meinung, dass das, was Du machst, die Perfektion von "show" ist. Denn Du eröffnest Deinem Leser eine ganze Welt, die er entdecken und erfahren darf, und genau das ist das, was ich an Literatur liebe. Wenn ich Andeutungen bekomme, die ich selber mit Leben füllen darf, wenn der Vorhang quasi nur ein Stück fortgezogen wird und ich viel später denke "ach, darauf wollte sie hinaus!"

Als Kind habe ich intuitiv geschrieben, als Teenager auch noch. Aber auch damals war ich nicht schlecht bei Kurzgeschichten, aber grottig bei Romanen. Die bestehen nämlich aus "und dann machte X das, woraufhin Y die Augenbrauen hochzog, weil Z es doch verboten hatte". Ist das nun show oder tell? Egal, es ist Grotte.

Ich habe Ideale unter den veröffentlichten Autoren, deren Texte mich faszinieren und deren Qualität ich gerne erreichen würde - aber egal, wie oft ich eine Szene von Juli Zeh analysiere, ich komme einfach nicht dahinter, wie sie es macht, dass sie mit wenigen Worten gleichzeitig eine komplette, detaillierte Landschaft vor meinem geistigen Auge entstehen, mich die Hitze der Sonne auf der Haut spüren lässt und mir vermittelt, wie der Protagonist sich fühlt.

Anderes Genre, andere Erzählart: Lukianenko. Ich habe die Wächter-Reihe noch immer nicht gelesen, aber Dank Koriko lese ich gerade den ersten Band von Trix - und der haut mich ein ums andere Mal aus den Puschen. So viele wunderbare Ideen, so viel Wortwitz und so viele Anspielungen an unsere Welt, dass mir ganz schwindelig wird! Ich lache permanent beim Lesen, weil ich immer wieder Neues entdecke, dass er mal eben so in anderer Art im Roman untergebracht hat. Sei es das "Eipott", die Erfindung von McDonalds (inklusive dem Hintern als Emblem) oder das gute alte Rätsel mit den drei Türen.
Lukianenko ist ein Erzähler der "alten Schule", ganz im Stil der russischen Dichter, und genau damit erschafft er wunderbare Welten, in die man sich fallen lassen kann und bei denen man zurückblättern möchte, um einiges noch mal zu lesen und laut "ach so!" zu rufen.

Was mein persönliches Problem angeht: Ich habe anscheinend kein Gefühl fürs Erzählen. Ich weiß nicht, wie man das macht, und das macht mich im wahrsten Sinne des Wortes fertig. Wann binde ich die Innensicht meines Protagonisten ein, wann nicht? Wann lasse ich ihn im Raum umhersehen und beschreiben, was er wahrnimmt, wann ist es einfach nur ermüdend? Darf ich schreiben, dass sein Gegenüber "süffisant" die Augenbrauen hochzieht, oder ist das eine unzulässige Wertung, weil er ja nicht wissen kann, ob sein Gegenüber tatsächlich gerade süffisant ist oder vielleicht einfach erstaunt?
Vielleicht habe ich das Gift der Schreibratgeber schon zu lange in mir, vielleicht habe ich das intuitive Schreiben meiner Kindheit verlernt, vielleicht war ich nie dafür bestimmt, längere Texte zu schreiben. Aber wenn ich es will, wie mache ich das? Wie lerne ich, so zu schreiben, dass es meinen eigenen Ansprüchen genügt und damit vielleicht auch anderen gefällt? Denn eins ist klar: Einen Text, der mir nicht gefällt, werde ich nie an einen Agenten oder Verlag schicken. Normalerweise nicht mal an einen Betaleser.

Ich bin mit der Regel "show, don't tell" keinen Schritt weiter und kann noch immer nicht wirklich erklären, was sie bedeutet und ob sie Quatsch ist oder nicht. Aber ich will keine Schulaufsätze mehr produzieren, sondern Texte. Romane. Literatur, wenn es geht.

Offline Alana

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Re: Show, don't tell?
« Antwort #12 am: 24. Februar 2015, 09:16:13 »
Man kann alles machen, so lange man weiß, wie es wirkt. Wenn jemand keine Ahnung vom Handwerk hat, dann wird eben leider meistens erzählt, aber auf eine Art, die nicht gut wirkt und auch bei Fans von Erzählen nicht gut ankommt. Wenn man das Handwerk kennt und sich bewusst fürs Erzählen entscheidet, dann ist das was anderes. Man muss die Regeln kennen, damit man sie brechen kann, und wissen, wie die verschiedenen Stilmittel beim Leser ankommen, dann kann man auch damit spielen. Man muss sich allerdings klar sein, dass man damit dann je nach Stil auch eine völlig andere Leserschaft anspricht, was ja nichts schlechtes ist. Aber da kommt eben wieder das Know-How ins Spiel.


Offline Arcor

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Re: Show, don't tell?
« Antwort #13 am: 24. Februar 2015, 09:20:32 »
Danke für deine Worte, Maja. Du sprichst mir damit absolut aus der Seele.  :)

"Show, don't tell" ist nämlich auch irgendwie eins meiner Problemfelder. Ich glaube, dass ich damit immer mal wieder gehörig auf dem Kriegsfuß stehe und mich in langen Erzählungen verlieren kann wie Hänsel und Gretel im Wald, dass ich Sachen komplex mit verschachtelten Nebensätzen ausdrücke, die andere mit einer prägnanten Aktion des Protagonisten darstellen würden. Manchmal ist das sicher Mist, manchmal in Ordnung. Ich suche da in jedem Fall noch den richtigen Mittelweg und feile und feile immer wieder an meinen Szenen.

Wobei ich auch glaube, dass "Tell" durchaus nichts Verwerfliches ist. Manchmal möchte ich auch einfach nur in klaren Worten hören, wie sich jemand fühlt und was er denkt. Man muss nicht jedes "traurig" durch ein "Schniefen" oder "Tränen wegtupfen" ersetzen, nicht jedes "wütend" durch "eine Ader pulsierte auf seiner Schläfe" oder ähnliches. Tell macht es einfach, Einzelheiten zu vermitteln, ohne sich in Details zu verlieren, und ich finde, das ist nötig, um den Blick auf das Wesentliche zu lenken. Wenn jedes Tell durch Show ersetzt würde, fände ich einen Roman glaube ich entsetzlich anstrengend zu lesen.

Offline Kuddel

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Re: Show, don't tell?
« Antwort #14 am: 24. Februar 2015, 09:33:14 »
Diese Regel lernte ich das erste Mal, als ich hier in den Zirkel kam. Bis dahin habe ich einfach stur vor mich hingetippt und nie darüber nachgedacht, dass man es auch ganz anders machen könnte, als zu schreiben "Er hatte Angst". Es gibt hier irgendwo einen alten Thread, in dem SdT ausführlich diskutiert wird und den habe ich dann gelesen.
Das war auch das erste Mal, dass ich gedacht habe: Ich habe eigentlich keine Ahnung von dem, was ich hier tue. Ich habe mir den ersten Schreibratgeber gekauft und gelesen und hinterher gedacht: Alles falsch gemacht.

Inzwischen weiß ich, dass ich meinen ganz eigenen Stil entwickelt habe. Er ist eine abstruse Mischung aus Show und Tell, denn wie Maja schon schrieb: Jeder sollte das richtige Maß für sich selbst finden. Und für mich ist es halt das Maß in einigen Szenen ganz simpel zu erzählen, den Leser durch die Ereignisse huschen zu lassen und ihn nicht noch mit schweren Beschreibungen zu quälen und ihn in anderen, vermeintlich leichten Szenen mit Beschreibungen zu verführen.

Deswegen: Vielen Dank, Maja, du sprichst hier sicher einigen aus der Seele.  :knuddel:
The first draft of everything is shit - Ernest Hemingway

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