Tintenzirkel - das Fantasyautor:innenforum

Handwerkliches => Workshop => Thema gestartet von: Kitsune am 13. Dezember 2010, 16:12:11

Titel: Rückblenden vermeiden und Zufälle
Beitrag von: Kitsune am 13. Dezember 2010, 16:12:11
Dazu habe ich zwar einiges im Archiv gefunden, aber die Themen sind alle geschlossen, deswegen möge man es mir nachsehen, dass ich ein neues Thema mache, da ich schon noch einige Fragen dazu habe.

Als eifriger Anfänger habe ich mir natürlich sämtliche goldenen Schriftsteller-Regeln durchgelesen, die hier wahrscheinlich schon jeder kennt. Weil man ja nichts als gottgegeben hinnehmen sollte, habe ich diese Regeln auch alle brav hinterfragt und mir damit dann schon oft selber die Begründung dafür geliefert warum jene Regeln angewendet werden sollten.

Der Umstand, dass ich hier schreibe, man ahnt es wahrscheinlich schon, liegt daran, dass ich eine Regel nicht wirklich verstehe. ,,Rückblenden vermeiden". Teilweise habe ich sogar gelesen, dass man Rückblenden unter allen Umständen vermeiden soll. Andere waren etwas milder, aber das Gesamturteil war letztendlich immer, dass man Rückblenden vermeiden soll.

Die Begründung war, dass der Leser aus dem Lesefluss gerissen und vor allem, das Spannung die man vorher mühsam aufgebaut hat zerstört wird, sodass ein Leser auch gerne mal ein Rückblenden-Kapital überspringt, damit er erfährt wie es mit der Geschichte weiter geht.

Wenn ich mir jetzt die Frage stelle: ,,Wie verhindere ich eine Rückblende?", dann schaffe ich das nur, wenn ich die Geschichte so aufbaue, dass das Vorleben meiner Handelnden für die Geschichte völlig unwichtig ist. Für mich wäre es jetzt logisch, dass gerade solche Geschichte mit einem Zufall beginnen. ,,Ich finde zufällig einen Zauberring...", ,,Ich ziehe in einen neue Stadt und lerne dort jemand neues kennen...", ,,Ich verpasse meinen Zug und werde Zeuge eines Mordes...". Da ich ein Lesemuffel bin, weiß ich nicht, ob diese These zutrifft, deswegen wäre meine erste Frage, ob es tatsächlich so ist, dass um Rückblenden zu vermeiden oft Zufälle genutzt werden? Als Alternativ hat man sicherlich auch noch eine lineare Erzählweise, aber die ist meiner Meinung nach schlecht, wenn Ereignisse weit zurückliegen, sodass es zu häufigen Zeitsprüngen kommt, weil z.B. in den nächsten zehn Jahren nichts wichtiges passiert.

Ich selber mag Zufälle eher weniger, wenn der Protagonist z.B. in die Handlung fällt; aber das ist ja Geschmackssache. Interessant wäre für mich zu wissen, wie andere Forumsnutzer Rückblenden sehen, also eher kritisch oder als ein wichtiges Stilmittel und vor allem warum?

Wenn ich eine Rückblende so verstehe, dass ich die Handlung in verschiedene Zeitstränge aufteile, dann müsste dadurch doch eigentlich Spannung entstehen?! Als Beispiel vielleicht: ,,Zehn Jahre nach der Apokalypse kämpft eine Gruppe von Wissenschaftlern ums überleben."
Ich habe in der Gegenwart eine Handlung und in der Vergangenheit ein Ereignis. Als aufmerksamer Leser würde ich mir jetzt die Frage stellen: Was ist damals passiert und haben die Wissenschaftler etwas damit zu tun haben? Als Schriftsteller habe ich so auch die Möglichkeit stückweise Informationen herzugeben, die den Leser in die eine oder andere Richtung lenken können ohne dabei zuviel zu verraten. Letztendlich kann ich mit dem Leser spielen. Wenn ich jetzt die Spannung der Geschichte betrachte, so habe ich drei Spannungsbögen. Die gegenwärtige Geschichte...was passiert mit den Wissenschaftlern, wie geht es weiter? Das vergangene Ereignis...was ist damals passiert? Und die Verknüpfung vom Ereignis mit der Geschichte...haben die Wissenschaftler damit etwas zu tun und wenn ja, wie?
In meiner Vorstellung hätte ich so eine multidimensionale Spannung die ich nach und nach auflöse, indem ich zum Beispiel zeige, dass die Wissenschaftler etwas damit zu tun haben, aber noch nicht verrate was passiert ist.

Also, wie gesagt, mich interessiert was ihr darüber denkt und ob ist selber in euren Geschichten Rückblenden benutzt oder eher nicht?
Titel: Re: Rückblenden vermeiden und Zufälle
Beitrag von: Churke am 13. Dezember 2010, 16:37:04
Zitat von: Kitsune am 13. Dezember 2010, 16:12:11
Wenn ich mir jetzt die Frage stelle: ,,Wie verhindere ich eine Rückblende?", dann schaffe ich das nur, wenn ich die Geschichte so aufbaue, dass das Vorleben meiner Handelnden für die Geschichte völlig unwichtig ist.

Widerspruch. Eine Person ist die Summe ihrer Eigenschaften und durch ihre Erfahrungen geprägt. Die Kunst besteht nun darin, diese Prägung darzustellen, ohne sich in Rückblenden zu verlieren.
Ich gebe ein Beispiel: Der böse Zauberer(TM) will die Welt erobern, weil ihn die Magierakademie wg. Talentlosigkeit seinerzeit abgelehnt hat. Ist es nicht viel besser, zu zeigen, was aus der Person geworden ist und ihre Vergangenheit in Gesprächen, Verhaltensweisen und Gedanken anzudeuten, anstatt platt ein Kapitel "50 Jahre zuvor" einzufügen, das den Lesefluss unterbricht? Indem man die Dinge langsam aufdeckt, bewahrt man sich auch einen Rest Geheimnis.

Zufälle hingegen sind etwas völlig anderes. Der Zufall wird allgemein als deus ex machina genutzt - in den Säulen der Erde (hab das TV-Event gesehen) häufen sich mit fortschreitender Handlung auch die unwahrscheinlichen Zufälle.

ZitatWenn ich eine Rückblende so verstehe, dass ich die Handlung in verschiedene Zeitstränge aufteile, dann müsste dadurch doch eigentlich Spannung entstehen?!
Wenn es so einfach wäre.  ;D
Meines Erachtens ist das Gegenteil der Fall. Durch mehrere Zeitstränge entstehen mehrere Handlungen. Du hast also im Prinzip zwei Plots, die zwar zusammenhängen, aber letztlich doch alleine erzählt werden. Um dein Beispiel aufzugreifen: Du erzählst die Geschichte von den Wissenschaftlern damals und die Geschichte von den Überlebenden heute. Ich lese auch nicht gerne mehrere Bücher nebeneinander. Meistens entwickelt sich dann auch eine Lieblings-Handlung und die weiteren Handlungen werden als lästige Unterbrechung wahrgenommen.



Titel: Re: Rückblenden vermeiden und Zufälle
Beitrag von: Thaliope am 13. Dezember 2010, 16:43:15
Also ich persönlich habe prinzipiell nichts gegen Rückblenden - wenn sie gut gemacht sind. An der richtigen Stelle angebracht, reißen sie den Leser m.E. nicht unbedingt aus dem Lesefluss, sondern bringen unter Umständen eine angenehme Variation des Tempos.
Wie sie "gut gemacht" werden, und wann sie nicht stören, lässt sich wohl nur durch Üben und Probieren herausfinden.

Ein Beispiel, über das ich erst gestern gestolpert bin, und das ich toll gemacht fand: Die Abenteuer des Arthur Gordon Pym von Edgar Allan Poe.
Der Held ist auf einem Schiff in einer Kiste eingesperrt, erstickt fast, wird vor Durst schier wahnsinnig ... das ist furchtbar nervenaufreibend, man kann beim Lesen selbst kaum noch atmen. Endlich wir er gerettet. Uff. Durchschnaufen, neues Tempo. Und dann wird in aller Ruhe rückblickend erzählt, was in der Zwischenzeit passiert ist und wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass er so lange da unten eingesperrt war. Ich fands toll, weil ein Punkt abgeschlossen war und man sich auf einen neuen Part einlassen konnte und wollte.

Wenn man Rückblenden hingegen mitten in einer Aktion einsetzt, weil man noch schnell irgendetwas erklären muss, wirken sie auf mich tatsächlich leseflusshemmend. Das abschreckendste Beispiel, wenn auch nur eine Mini-Rückblende, war für mich bei Schneewittchen: Die böse Hexe reichte Schneewittchen einen Apfel. Den hatte sie nämlich zuvor in Gift getaucht ... -- da wird also nachträglich was erklärt, was man schöner vorher hätte erwähnen können, damit der Leser die Voraussetzungen der Szene kennt.

Also ich (unerfahrender Naivling) glaube, dass man Rückblenden schon einsetzen kann, dass sie aber eine häufige Quelle für Fehler sind, wenn man sie inflationär einsetzt, an der falschen Stelle, oder um sich das Leben leichter zu machen :)

Zufall kann ein sehr interessanter Faktor in einer Geschichte sein, aber ihn als Hauptantrieb der Geschichte zu wählen, würde ich nur empfehlen, wenn der Zufall selbst das Thema der Geschichte ist (wie bei Paul Auster zum Beispiel gerne).


@Churke: Deine Abneigung gegen parallel verlaufende Handlungsstränge teilt der Mainstream offenbar nicht ;) Das ist ja ein ganz gängiges Muster unter anderem für Thriller (Ken Follett etc.)

LG
Thali
Titel: Re: Rückblenden vermeiden und Zufälle
Beitrag von: Grey am 13. Dezember 2010, 17:18:32
Ich habe das Thema mal ins richtige Board verschoben. Das "Autoren helfen Autoren" ist nur für konkrete Notlagen, gedacht, die speziell mit dem eigenen Text zusammenhängen.

Gruß,
Grey
Titel: Re: Rückblenden vermeiden und Zufälle
Beitrag von: Feuertraum am 13. Dezember 2010, 17:52:34
Zitat von: Kitsune am 13. Dezember 2010, 16:12:11


Als eifriger Anfänger habe ich mir natürlich sämtliche goldenen Schriftsteller-Regeln durchgelesen, die hier wahrscheinlich schon jeder kennt. Weil man ja nichts als gottgegeben hinnehmen sollte, habe ich diese Regeln auch alle brav hinterfragt und mir damit dann schon oft selber die Begründung dafür geliefert warum jene Regeln angewendet werden sollten.

Ich mag da einmal widersprechen. Die Frage: "Warum muss/sollte man diese Regel anwenden?" ist m.E. unglücklich gestellt. Es ist sicherlich richtig, dass man nicht jede Regel sklavisch umsetzen sollte, aber es bringt meiner Meinung auch nichts eine Regel zu lesen und sich dafür eine Erklärung auszudenken, dass man sie auch anwenden kann.
Natürlich ist das Handwerk des Schreibens wichtig, aber im Grunde genommen gibt es nur eine einzige Regel, an die sich ein Autor halten muss: wenn eine Regel einer Geschichte schadet, brich sie!

ZitatDer Umstand, dass ich hier schreibe, man ahnt es wahrscheinlich schon, liegt daran, dass ich eine Regel nicht wirklich verstehe. ,,Rückblenden vermeiden". Teilweise habe ich sogar gelesen, dass man Rückblenden unter allen Umständen vermeiden soll. Andere waren etwas milder, aber das Gesamturteil war letztendlich immer, dass man Rückblenden vermeiden soll.

Und genau da setze ich meine "Brich die Regel, wenn die Story drunter leidet" an. Retrospektiven  haben sehr wohl ihren Sinn und können - wie von Thaliope schon geschrieben - einer Geschichte sehr viel geben. Seien es Erklärungen oder  Charakterdifferenzierungen  (aber auch bei Rückblenden sollte man ein "Show, don`t tell" anwenden)

ZitatDie Begründung war, dass der Leser aus dem Lesefluss gerissen und vor allem, das Spannung die man vorher mühsam aufgebaut hat zerstört wird, sodass ein Leser auch gerne mal ein Rückblenden-Kapital überspringt, damit er erfährt wie es mit der Geschichte weiter geht.

Sehe ich anders, aber okay.

ZitatWenn ich mir jetzt die Frage stelle: ,,Wie verhindere ich eine Rückblende?", dann schaffe ich das nur, wenn ich die Geschichte so aufbaue, dass das Vorleben meiner Handelnden für die Geschichte völlig unwichtig ist.

Nicht zwangsweise.
Sie können eine Geschichte auch wirklich von A-Z schreiben, inklusive der Vorgeschichte und der Tat. Aber ob das die Leser wirklich interessiert?

ZitatAlso, wie gesagt, mich interessiert was ihr darüber denkt und ob ist selber in euren Geschichten Rückblenden benutzt oder eher nicht?

Ja, ich verwende Rückblenden, wenn ich der Meinung bin, dass sie dorthin passen.

LG
Feuertraum
Titel: Re: Rückblenden vermeiden und Zufälle
Beitrag von: Lomax am 13. Dezember 2010, 18:17:15
Ehrlich gesagt halte ich von der "Regel", dass man keine Rückblenden bringen sollte, nicht sehr viel. Ich kenne eine ganze Menge sehr erfolgreiche Romane, die Rückblenden der unterschiedlichsten Form verwenden. Warum also sollte man sie überhaupt vermeiden?
  Die Kunst ist eher, Rückblenden richtig zu verwenden - sie also an Stellen einzusetzen, wo sie nicht den Erzählfluss unterbrechen, sondern wo sie im günstigsten Fall gerade ein Bedürfnis des Lesers befriedigen. Und diese Rückblenden selbst so spannend zu gestalten, dass der Leser sie gerne liest. Wenn man darauf achtet, gibt es keinen Grund, auf Rückblenden zu verzichten - aber es gibt eine ganze Menge, was schlimmer ist als Rückblenden und was man durch eine geschickt gesetzte Rückblende vermeiden kann: Bei Hölzchen und Stöckchen zu beginnen, um die Vorgeschichte der Figur klar zu machen, beispielsweise - da ist es deutlich besser, die Vorgeschichte durch spätere Rückblenden akzentuierter einzuflechten, um möglichst spät in die Handlung einsteigen zu können, nämlich da, wo sie spannend wird. Und so eine Rückblende ist oft auch besser als Erklärungen des Erzählers, weil man sie dramatisieren kann.
  Man muss sich also meiner Einschätzung nach selten fragen, wie man eine Rückblende vermeiden kann. Eigentlich muss man sich immer nur eine Frage stellen: Brauche ich (oder der Leser) hier eine Rückblende? Wenn man diese Frage mit "ja" beantwortet, wäre es ja ziemlich doof, sich zu überlegen, wie man sie vermeiden kann. Wenn man diese Frage mit "nein" beantwortet, muss man auch nicht lange nach einem Ersatz suchen - denn warum sollte man etwas ersetzen, was man gar nicht braucht? ;D

Viel sinnvoller wäre es also, die oben genannte Frage offen und ehrlich zu stellen und sinnlose Hintergrundinfos bei Bedarf einfach wegzulassen. Das Problem sind nicht die Rückblenden selbst, dass Problem ist, das der Autor sie oft nicht benutzt, um seine Geschichte zu erzählen, sondern um eine andere Geschichte zu erzählen ... die zwar nicht in den Text gehört, die er aber gerne auch irgendwie gerne noch reinquetschen möchte. Und da gibt's nur eine sinnvolle Vermeidungsstrategie: Sein lassen!
  Und was in den Text gehört, schreibt man dann auch, ohne kompliziert rumzukrampfen und ohne Regeln nur um der Regel willen zu befolgen.
Titel: Re: Rückblenden vermeiden und Zufälle
Beitrag von: Simara am 13. Dezember 2010, 18:56:18
Äh, man darf keine Rückblenden verwenden? *räusper*
Mann lernt ja nie aus... Ich persönlich liebe Flashbacks, egal ob beim lesen oder schreiben, und wenn man eine gute Erzählweise wählt wird auch bei solchen "Unterbrechungen" bestimmt kein Rückschlag für die Spannungskurve stattfinden, wenn du mich fragst.
Titel: Re: Rückblenden vermeiden und Zufälle
Beitrag von: Kati am 13. Dezember 2010, 19:10:40
Rückblenden: Das sehe ich komplett anders. Natürlich ist es nicht schlau, mitten in einem spannenden Kampf eine Rückblende einzubauen, in der der Held sich erinnert, dass der Gegner seinen Bruder auf dem Gewissen hat und wie das passiert ist, wenn man vorhat das seitenlang nachzuerzählen. Ich kann mir aber vorstellen, dass es funktionieren kann: Man könnte alle paar Absätze einen Satz aus der Vergangenheit einstreuen und schon hat man eine meiner Meinung nach eher spannungsfördernde Rückblende.  ;) Ich mag Rückblenden, aber ich finde, sie sind viel langweiliger, wenn sie in ruhigen Szenen eingeschoben werden. Held findet einen alten Brief seines Bruders und erinnert sich an ihn... Die sind dann meistens auch seitenlang und darauf habe ich meist keine Lust, weil es einfach langweilig ist.
Rückblenden müssen für mich kurz sein und genau im richigen Moment eingesetzt werden, was natürlich schwer ist.

Zufälle: Nun ja, natürlich darf man nicht ALLES dem Zufall überlassen, aber ganz ohne ist es für mich auch unrealistisch. Mal ehrlich, wie oft kreuzt uns im wahren Leben der Zufall dazwischen? Sehr oft, oder? Man muss zu einer wichtigen Prüfung, und zufällig fährt genau an diesem Tag der Bus nicht oder das Auto geht nicht mehr. Solche Sachen. Zufällig hört man, wie sich Leute etwas wichtiges erzählen... Das passiert in Wirklichkeit ja auch, warum also nicht in Romanen, wenn man es nicht übertreibt?  ;D

Na ja, just my two cents.  :) 
Titel: Re: Rückblenden vermeiden und Zufälle
Beitrag von: Mrs.Finster am 13. Dezember 2010, 19:46:25
Ich kann mich da nur anschließen: Ich liebe Rückblenden. Gerade dahin gehend, wenn vielleicht ein Geheimnis in der Vergangenheit liegt, dass der Leser selbst ergründen muss. Also genau so habe ich das in meiner letzten Story gemacht und es ist gut angekommen.

Ich finde solche Allgemeinregeln sowieso immer subjektiv. Selbes trifft auf die Regel Show don´t tell. Wenn die Mischung stimmt, ist alles erlaubt  ;)
Titel: Re: Rückblenden vermeiden und Zufälle
Beitrag von: Runaway am 13. Dezember 2010, 20:11:54
Zitat von: Simara am 13. Dezember 2010, 18:56:18
Äh, man darf keine Rückblenden verwenden? *räusper*
Mann lernt ja nie aus... Ich persönlich liebe Flashbacks, egal ob beim lesen oder schreiben

Hahaha, genau... das dachte ich eben auch! "Wie, Rückblenden sind Mist? Ich find die aber gut!"
Ich benutze sie auch. Nicht oft, sondern eben da, wo sie sinnvoll sind. Das gibt's immer wieder. Klar sollte man die nicht da reintun, wo es gerade sauspannend ist und man weiterwill, aber ich find eine Rückblende manchmal besser, um nötige Erklärungen anzubringen, als das Ganze in der Haupthandlung nur irgendwie indirekt wiederzugeben. Indirekt ist öde, aber eine Rückblende ist immer viel lebendiger und aktiver.
Das sehe ich als Vorteil daran.

Aber ich finde, irgendwelche goldenen Autorenregeln sind sowieso sehr mit Vorsicht zu genießen, wenn sie nicht sogar Käse sind. Ich hab zum Beispiel in "How to write a mystery", was ich insgesamt genial finde, den Tip gelesen, immer auf Kritikpunkte der Betaleser zu hören.
"Was der Leser nicht verstanden hat, ist also offensichtlich Murks."
Ja, im Prinzip stimmt das auch so. Aber.... Betaleser passen auch mal nicht auf. Sind unkonzentriert. Stehen sich auf dem Kabel. Es ist ja eh schon eine Kunst, einen guten Betaleser zu finden und ich genieße diese Regel sehr mit Vorsicht, obwohl ich ihr generell schon folge.

Von daher würde ich bei sowas aufpassen. Was ich z.B. gut nachvollziehen kann und befolge, ist die Regel, kein Passiv zu verwenden, wenn es sich vermeiden läßt. Das Passiv ist auch schwächer als das Aktiv. Das ist Murks, klar. Aber auch da kann es Ausnahmen geben.
Da würde ich mich nicht irre machen lassen!

Und auch das mit den Zufällen ist so eine Sache... also ich hab's schon ganz gern, wenn es so aussieht, als würde dem Prota etwas zufällig passieren. Dann muß es aber auch wirklich so aussehen und nicht den Anschein haben, als wäre das ein konstruierter Zufall, der nur so aussehen soll wie einer.
Gutes Beispiel: "Kalte Asche" von Simon Beckett. Fall zwei seines Protas... zuuuufällig ist kein anderer Experte da, der das machen kann, weil zuuufällig ein Unglück passiert ist, also muß er auf diese kleine Insel und rein zufällig folgt die Spurensicherung nicht, also sitzt er da fest, bis - wer hätte es geahnt, zufällig! - ein dicker Sturm aufzieht und er noch länger festsitzt.
Naja  ;D
Titel: Re: Rückblenden vermeiden und Zufälle
Beitrag von: Sanjani am 13. Dezember 2010, 21:15:00
Hallo,

in Prinzip kann ich meinen Vorrednern nur zustimmen. Es ist wichtig, dass die Rückblende an der richtigen Stelle eingebaut wird und von der richtigen Länge ist. Ich persönlich bin kein Fan von langen Rückblenden. Ich hab mal eine Geschichte Beta gelesen, da kam einer in eine neue Stadt und fand sich dort nicht gut zurecht und in Prinzip hat die autorin da über Rückblenden die Vorgeschichte des Protagonisten erzählt, während im eigentlichen Handlungsstrang kaum was passierte. So was ist m.E. ein schlechtes Beispiel. ;-) Ich habe die Geschichte dann auch nicht fertig gelesen, weil noch nicht fertig geschrieben und keine Lust mehr ;-)

Was ich aber noch wichtig finde, ist die Natürlichkeit. Wenn es irgendwie geht, versuche ich Dinge aus der Vergangenheit so einzuflechten, wie sie der Person auch wirklich passieren könnten. D. h. befindet sie sich gerade in einer Situation, wo ihr nur einzelne Erinnerungen kommen oder ist sie gerade in der Stimmung um wirklich aktiv in alte Erinnerungen einzutauchen? Bei ersterem verwende ich nur wenige Sätze zwischendurch, bei zweiterem kann es auch mal ein bisschen länger werden.

Ich bin übrigens auch kein Fan von parallelen Handlungssträngen, zumindest nicht, wenn es zu viele sind (z. B. bei Otherland von Tad Williams waren es mir viel zu viele ^^).

LG Sanjani
Titel: Re: Rückblenden vermeiden und Zufälle
Beitrag von: Mika am 13. Dezember 2010, 22:09:15
Hallo zusammen!

Rückblenden vermeiden?
Hm... nie gehört :)

In meinem aktuellen Projekt sind Rückblenden ein essentieller Bestandteil.
Ich erzähle mehrere Handlungstränge paralell, die auch unter anderem auf gänzlich verschiedenen temporalen Ebenen angeordnet sind. Ich beginne eigentlich mitten in der Handlung und kläre erst nach und nach durch eben jene Rückblenden auf wie es dazu gekommen ist (fange aber nicht bei Adam und Eva an, das ginge zu weit).
Meine Protagonistin ist anfänglich ohne Gedächtnis in einer ihr völlig fremden, scheinbar gefährlichen Welt. Durch Träume gebe ich ihr nach und nach ihre Erinnerung wieder, beginne allerdings bei ihren Eltern von denen sie gar nichts weiß, streue also einen Handlungsstrang, der vor ihrer Geburt beginnt, ein. Was natürlich keinerlei direkten Bezug zu ihr darstellt, Verwirrung bringt, aber vielleicht dem Leser nach und nach erst aufdeckt was es damit auf sich hat, so ist zumindest der Plan, ob es funktionieren wird, weiß ich noch nicht.
Der Handlungsstrang einer anderen Figur beginnt in einem Kerker, nach und nach decke ich auf wie es dazu gekommen ist.
Mein Projekt ist voller Brüche, sowohl in der temporalen Ebene als auch was die Erzählinstanzen betrifft. Etwas unwöhnlich ist das Ganze sicher und ich verwende diese Rückblenden auch ziemlich exzessiv und bin mir auch nicht sicher ob ich damit jemals so weit kommen werde dass irgendjemand das Ganze literarische Verbrechen drucken will, egal, hauptsache mir macht es Spaß.

Und das denke ich ist das wichtigste. Wenn du denkst dass du irgendetwas machen möchtest weil es für den Fortschritt deiner Geschichte von Vorteil ist, weil du denkst dass du nur so die Geschichte die du erzählen möchtest erzählen kannst, dann mach es doch einfach :)

Ich bin mir sicher diese Regeln haben ihren Sinn, aber ich denke auch man sollte auch gelegentlich zu Experimenten bereit sein. Narratologisch betrachtet hat man da erstaunlich viele Möglichkeiten. Befasse mich gerade in einem Seminar konsequent mit der Erzähltheorie, was irrsinnig interessant ist, und alles was ich dort bislang gelernt habe hat mich darin bestärkt meinen teilweise ungewöhnlichen Wegen zu folgen. Wenn es also Regeln gibt, ist das schön und gut, wenn sie mir aber nicht in den Kram passen breche ich damit.

Meine "Rückblenden" sind mal länger mal kürzer, mal streue ich sie mit einem bösen Cliffhanger in die gerade laufende Handlung des Hauptstranges ein, mal finden sie statt wenn dieser zur Ruhe gekommen ist. Es ist ganz unterschiedlich. Manchmal breche ich mitten an einer spannenden Stelle ab und schreibe an einem anderen Strang weiter der in der Vergangenheit liegt, manchmal streue ich Intermezzi ein, die ich auch als solche bezeichne, eigentlich alle fünf Kapitel. Ein Intermezzo ist für mich eine kurze Sequenz die in der weiter entfernten Vergangenheit liegt. Damit kläre ich auch Stück für Stück weiter über die Beweggründe der ein oder anderen Figur auf oder ich streue genauere Informationen über die Welt ein, was allerdings eher seltener vorkommt.

Ob meine Rückblenden allerdings an der richtigen Stelle eingebaut sind, ich wage es zu bezweifeln, aber ich bin gespannt was meine Probeleser irgendwann dazu sagen wenn die erste Fassung fertig ist. Dann werde ich wissen ob ich zu viele literarische Experimente gemacht habe die das Ganze unlesbar machen oder ob es vielleicht für die Spannung zuträglich ist.
Fakt ist, ich unterbreche den Lesefluss und ich tue es bewusst und ohne Reue, vielleicht ein Fehler, aber es macht Spaß nicht liniar zu schreiben. Und noch mehr mag ich meine verschiedenen Handlungstränge, die teilweise aber etwas ausarten. Vielleicht zu viel, keine Ahnung.

Persönlich lese ich sehr gern Bücher mit verschiedenen Handlungssträngen, bzw. auch gern mal Bücher mit verschiedenen Erzählinstanzen oder auch unterschiedlichen temporalen Ebenen. Es macht Spaß wenn man dazu motiviert wird das Buch ja nicht aus der Hand zu legen weil man ja wissen will wie es bei Strang XY weitergeht ect. Zu viele Cliffhanger machen mich dabei beim lesen aber teilweise wahnsinnig und wirken manchmal auch etwas arg konstruiert (z.B. Sakrileg von Dan Brown, wenn ich mich recht erinnere, recht gutes Buch aber die "Cliffhanger" bevor der Sprung zum anderen Strang stattfindet, etwas zu viele für meinen Geschmack).

Was den Zufall betrifft: Davon versuche ich eher Abstand zu halten. Eine Geschichte muss für mich einen logischen Zusammenhang haben, alles muss irgendwie ins Bild passen (zumindest wenn man die einzelnen Handlungsstränge raussortieren und in eine temporale Reihe bringen würde), da hat kein Zufall was zu suchen. Zufall ist für mich der Logik einer Geschichte zu stark entgegen gesetzt und deswegen vermeide ich ihn wie die Pest. Der logische Zusammenhang muss vorhanden sein, durch Zufälle wird das etwas schwierig...

Viele Grüße
mika
Titel: Re: Rückblenden vermeiden und Zufälle
Beitrag von: Kitsune am 15. Dezember 2010, 01:08:29
Schön, dass die meisten hier auch Rückblenden mögen. Das hilft mir sehr weiter, sodass ich mich jetzt fröhlich an meine Rückblende mache.
Titel: Re: Rückblenden vermeiden und Zufälle
Beitrag von: Nycra am 15. Dezember 2010, 09:02:34
Also ich finde Rückblenden auch gut, habe allerdings auch schon von der Regel gehört, sie wegzulassen. Anfangs hab ich das auch probiert, das Problem dabei war nur, dass man manche Dinge nicht in die Geschichte einbauen kann, die aber für den Verlauf wichtig sind, ohne dann den Lesefluss zu unterbrechen. Allzu oft verfalle ich dann nämlich in das "Tell" statt in das "Show" und das ist ja nun wirklich nicht gerade prickelnd.


Zitat von: Runaway am 13. Dezember 2010, 20:11:54
Aber ich finde, irgendwelche goldenen Autorenregeln sind sowieso sehr mit Vorsicht zu genießen, wenn sie nicht sogar Käse sind. Ich hab zum Beispiel in "How to write a mystery", was ich insgesamt genial finde, den Tip gelesen, immer auf Kritikpunkte der Betaleser zu hören.
"Was der Leser nicht verstanden hat, ist also offensichtlich Murks."
Ja, im Prinzip stimmt das auch so. Aber.... Betaleser passen auch mal nicht auf. Sind unkonzentriert. Stehen sich auf dem Kabel. Es ist ja eh schon eine Kunst, einen guten Betaleser zu finden und ich genieße diese Regel sehr mit Vorsicht, obwohl ich ihr generell schon folge.

Amen! Ich hatte einen Beta-Leser, der an einer wirklich essenziellen Stelle meinte, "das kannst du so nicht schreiben, das gibt keinen Sinn, weil ..." In der gemeinsamen anschließenden Diskussion kam raus, dass er genau diesen Teil zwar gelesen, aber überlesen hatte, weil er damals nicht wichtig erschien. Sicher, mir zeigte das, diese Stelle zu ändern, aber trotzdem beweist es mir, dass auch Beta-Leser keine Computer sind, die Informationen auf Abruf parat haben.  ;)
Titel: Re: Rückblenden vermeiden und Zufälle
Beitrag von: Feuertraum am 15. Dezember 2010, 10:33:57
Zitat von: Lomax am 13. Dezember 2010, 18:17:15
  Die Kunst ist eher, Rückblenden richtig zu verwenden - sie also an Stellen einzusetzen, wo sie nicht den Erzählfluss unterbrechen, sondern wo sie im günstigsten Fall gerade ein Bedürfnis des Lesers befriedigen. Und diese Rückblenden selbst so spannend zu gestalten, dass der Leser sie gerne liest. Wenn man darauf achtet, gibt es keinen Grund, auf Rückblenden zu verzichten - aber es gibt eine ganze Menge, was schlimmer ist als Rückblenden und was man durch eine geschickt gesetzte Rückblende vermeiden kann: Bei Hölzchen und Stöckchen zu beginnen, um die Vorgeschichte der Figur klar zu machen, beispielsweise - da ist es deutlich besser, die Vorgeschichte durch spätere Rückblenden akzentuierter einzuflechten, um möglichst spät in die Handlung einsteigen zu können, nämlich da, wo sie spannend wird. Und so eine Rückblende ist oft auch besser als Erklärungen des Erzählers, weil man sie dramatisieren kann.
Eigentlich muss man sich immer nur eine Frage stellen: Brauche ich (oder der Leser) hier eine Rückblende? Wenn man diese Frage mit "ja" beantwortet, wäre es ja ziemlich doof, sich zu überlegen, wie man sie vermeiden kann. Wenn man diese Frage mit "nein" beantwortet, muss man auch nicht lange nach einem Ersatz suchen - denn warum sollte man etwas ersetzen, was man gar nicht braucht? ;D

Viel sinnvoller wäre es also, die oben genannte Frage offen und ehrlich zu stellen und sinnlose Hintergrundinfos bei Bedarf einfach wegzulassen. Das Problem sind nicht die Rückblenden selbst, dass Problem ist, das der Autor sie oft nicht benutzt, um seine Geschichte zu erzählen, sondern um eine andere Geschichte zu erzählen ... die zwar nicht in den Text gehört, die er aber gerne auch irgendwie gerne noch reinquetschen möchte. Und da gibt's nur eine sinnvolle Vermeidungsstrategie: Sein lassen!

Das sehe ich nun ein kleines bißchen anders, auch wenn es vielleicht eher in die Richtung geht, dass Ausnahmen die Regel bestätigen.
Kurzes Beispiel:
Meine Detektive haben allesamt Dreck am Stecken und einer von ihnen wird "entlarvt". In diesem Fall erlaube ich mir eine Rückblende einzubauen, in der Homes und Wazn in ein Haus einsteigen, diverse skurille Dinge sehen und in absurde Situationen geraten.

Kurzum: diese Szene dient weder zur Charakterisierung noch zur Erklärung wichtiger Punkte. Im Grunde genommen erzähle ich eine andere Geschichte.
Hätte es also dieser Rückblende gebraucht?
Eigentlich nein. Eigentlich hätte es gereicht, wenn ich ein "Tell don`t show gebracht und geschrieben hätte: "Sie, Homes, haben eine Geige gestohlen."
Warum also dann eine Rückblende?
Auch wenn die Antwort jetzt ziemlich bescheuert klingt, aber: Einfach, weil es in dieser Situation paßt.
Sie hat nicht nur für mich als Autor den Vorteil, dass ich aus dieser Szene ein wunderschönes "Show don`t tell" machen kann, es hat auch für den Leser den Vorteil, dass er mehr Kopfkono hat, dass er über manches schmunzeln, vielleicht sogar lachen oder staunen kann.

Von daher behaupte ich, man darf Rückblenden nicht nur anwenden um einen Charakter besser darzustellen und auch nicht, um eine Handlung besser zu verstehen. Man darf eine Retro auch dann einbringen, wenn sie nur unterhalten soll, aber auch nur dann, wenn sie sich so geschickt ins Geschehen einweben läßt, dass der Weg gerade ist.
Ich werde darum meine Maxime "Man darf eine Regel brechen, wenn sie der Geschichte schadet" erweitern auf "Man darf eine Regel brechen, wenn sie einer Geschuichgte gut tut".

LG
Feuertraum



Titel: Rückblicke böse?
Beitrag von: Derexor am 24. April 2011, 23:35:59
Hallo liebe Zirkler!

Man hört ja allerlei, mein Titel ist ein Teil davon. Sind Rückblicke in innerhalb einer Geschichte böse? Von hochtrabenden Autoren werden sie verschrien. Ich kann ja nachvollziehen, dass sie mitten in der Spannung stören, aber sonst?

Was meint ihr?

Grüße

Derexor
Titel: Re: Rückblicke böse?
Beitrag von: Simara am 24. April 2011, 23:37:58
Stören? Pah. Solange ein Rückblick gut geschrieben ist stört er auch nicht den Spannungsbogen, so seh ich das. Wer möchte nicht gerne mehr über die Vergangenheit der Figuren erfahren?  :hmmm:
Titel: Re: Rückblicke böse?
Beitrag von: Hanna am 24. April 2011, 23:44:08
Ohje ... ich denke schon wie ein Mod. Aber das gehört eigentlich in den Handwerkbereich und nicht in den Tintenzirkel.

Ich versuche Rückblicke zu vermeiden und chronologisch zu erzählen. Generell mag ich Geschichten, die zu sehr springen, nicht. Weder nach vorne noch nach hinten. Ich bin gerne dicht bei den Figuren, begleite sie lieber direkt.
Titel: Re: Rückblicke böse?
Beitrag von: Pamina am 24. April 2011, 23:53:04
Lustig, genau darüber habe ich mir heute auch schon den Kopf zerbrochen, da ich überlege in meine Geschichte einige Rückblicke einzubauen, um Sachen besser erklären zu können.

Bisher habe ich auch immer versucht, solche Rückblicke zu vermeiden, aber eigentlich ist es mit dem doch genauso, wie mit so vielem anderen auch: Wenn es gut geschrieben ist, wieso also nicht?
Ich sähe nun keine Probleme darin.
Titel: Re: Rückblicke böse?
Beitrag von: Runaway am 24. April 2011, 23:57:13
Alles Unfug mit den "bösen Rückblicken"... wenn man eine einzige wichtige und prägnante Szene aus der Vergangenheit wiedergeben möchte, sind Rückblicke super. Ich verwende sie zwar nur spärlich, aber ich hab gar nix gegen sie.
Was kann man denn als hochtrabender Autor dagegen haben?
Titel: Re: Rückblicke böse?
Beitrag von: Shin am 25. April 2011, 00:00:33
Also ich mag Rückblicke nur bedingt, das kommt vor allem auf die Person an.
Einer meiner Figuren hat ihr Gedächtnis verloren und konnte sich ihr Leben nur auf die Erzählungen von anderen hin zusammenreimen. Hilfen gab es hier nur durch sehr wirre Träume.
Ich mag keine Rückblenden, die wie die normale Geschichte geschrieben sind - nur halt ein paar Monate oder Jahre früher.
Was ich allerdings sehr schätze, sind kleine Happen, die einem langsam und unzusammenhängend etwas über den Charakter erzählen und Unklarheiten erklären. Hat er eine Phobie oder eine Narbe? Wenn dies durch Rückblenden langsam aufgeklärt wird, kann man als Leser mitdenken. Damit meine ich allerdings nicht 'Char ist dort, tut das, ihm passiert jenes, wird verletzt und hat eine Narbe'.
Zeitversetzte Rückblenden können sparsam eingesetzt auch einen guten Erfolg erzielen. Am Beispiel der Narbe könnte die erste Rückblende das Aufwachen im Krankenhaus erzählen. Vielleicht taucht dort eine Person auf, die ein Versprechen gibt, welches du vorher schon in deiner Geschichte erwähnt hast. Somit klärt sich für den Leser, wie es zum Versprechen kam, aber nicht, was der genaue Grund ist.
Und in einer zweiten Rückblende könnte nun die Entstehung der Verletzung und somit der Narbe selbst erklärt werden.
Aber ich mag es ja auch kompliziert! ;) Das Schlimmste, was man tun kann, ist die Leser zu unterfordern. Lieber ein wenig Überforderung!

Auf jeden Fall sollten Rückblenden sparsam eingesetzt werden, sonst stören sie den Lesefluss.
Titel: Re: Rückblicke böse?
Beitrag von: Waffelkuchen am 25. April 2011, 00:02:43
Ich liebe Rückblicke. Klar, ich schreibe sie auch nicht, wenn es nicht nötig ist, aber wenn es wirklich passt, habe ich weder als Leser, noch als Schreiber ein Problem damit.
Ich war selber recht irritiert, als ich aufgeschnappt habe, dass man sie vermeiden soll - aber ich hab das Problem damit bis heute nicht verstanden. Wie gesagt: Wenn's passt - warum nicht?
Titel: Re: Rückblenden vermeiden und Zufälle
Beitrag von: Grey am 25. April 2011, 03:41:50
Da es zu dem Thema schon einen Thread im Workshop gab, habe ich das mal zusammengeführt. So steht es jetzt auch im richtigen Board. ;)

[OT]
@Hanna
Wie ein Obermotz zu denken ist nie verkehrt. :knuddel: Kannst du an anderer Stelle ja auch gut brauchen. ;)
[/OT]
Titel: Re: Rückblenden vermeiden und Zufälle
Beitrag von: Telas am 25. April 2011, 10:11:06
Kategorisch ablehnen würde ich Rückblenden nicht. Aber der Autor muss sie schon klar vom Rest des Textes abgrenzen, zum Beispiel, indem er sie kursiv abdruckt. Aber ich muss ehrlich sein, ich habe noch ein Buch mit Rückblenden gelesen. Nicht, dass ich sie mit Vorsatz meiden würde, ich denke einfach, so etwas wird nicht allzuoft angewandt.
Titel: Re: Rückblenden vermeiden und Zufälle
Beitrag von: Derexor am 25. April 2011, 12:26:55
Ich habe es nicht im Workshop gepostet, da ich ja nicht wissen will, wie man Rückblenden macht, sondern OB ihr sie macht. Naja, mit den beiden Kategorieen komm ich nicht klar.

Mir ist nur in den Sinn gekommen, da ich Rückblenden in "Schwarz" von Stephen King gelesen habe, einfach mal welche einzubauen, da sie gerade irgendwie passend waren.

:wums: (Und schon wieder gabs bereits einen Thread)
Titel: Re: Rückblenden vermeiden und Zufälle
Beitrag von: Sven am 25. April 2011, 12:32:52
Ich denke, vor allem muss eine Rückblende GUT sein. In Harry Potter werden immer wieder Rückblenden benutzt. Dort funktioniert es hervorragend, weil dort die Gesamtgeschichte weitererzählt wird. Hier erfährt der Leser wichtige Geheimnisse. Geheimnisse sind super.
Will ich "nur" eine nette Episode des Hauptcharakters in einer Rückblende erzählen, könnte sich der Leser langweilen. Er weiß, dass dem Hauptcharakter nichts passiert. Die Auswirkung dieser Rückblende ist dem Leser ebenfalls bekannt, denn die eigentliche Geschichte spielt ja nach dieser Rückblende.
Im Allgemeinen würde ich Rückblenden vermeiden, wenn sie aber in die Geschichte passen, und ihr Thema mitreißend ist, warum nicht?
Titel: Re: Rückblenden vermeiden und Zufälle
Beitrag von: Derexor am 25. April 2011, 12:36:10
@Sven, kannst du mir das mit Harry Potter näher erklären? Ich habe die Bücher nicht gelesen und das eigentlich auch nicht vor. Sind es da nicht "Erinnerungen" die Harry zu sehen bekommt?
Titel: Re: Rückblenden vermeiden und Zufälle
Beitrag von: Kraehe am 25. April 2011, 12:36:50
Ich denke, großes Problem bei Rückblenden ist eben auch, dass man sie manchmal zu gerne schreibt.
Dass man eben Romangeschehen und Vorgeschichte/Charakterentwicklung gerne mal vertauscht. Dass man etwas schreibt, was nicht direkt in die Handlung gehört, aber einem so bewusst wird oder man eben gerne schreiben möchte, auch um den Chara zu erleben und zu verstehen.

Persönlich schreibe ich viel zu gerne Rückblenden und deswegen versuche ich auch,s ie rauszunehmen, sofern sie keinen wirklich relevanten Informationsgehalt haben, sondern nur das Geschehen strecken.

Und daher denke ich auch: hier und da kann es schon mal sein. Aber man sollte vielleicht die Nützlichkeit/Daseinsberechtigung doppelt prüfen ;)
(Und für sich behalten kann man sie dann ja trotzdem und sich dran freuen :vibes: )
Titel: Re: Rückblenden vermeiden und Zufälle
Beitrag von: Grey am 25. April 2011, 12:48:57
Zitat von: Derexor am 25. April 2011, 12:26:55
:wums: (Und schon wieder gabs bereits einen Thread)

Mach dir nichts draus, das Forum ist groß und unergründlich. ;)
Titel: Re: Rückblenden vermeiden und Zufälle
Beitrag von: Sprotte am 25. April 2011, 12:53:59
Ich neige zu Rückblenden und versuche, seitdem ich auf dies mein persönliches Problem aufmerksam wurde, Rückblenden weitestgehend zu vermeiden. Meistens waren es bei mir - wie von Krähe angedeutet - Dinge, die ich uuuunbedingt erzählen wollte, auch wenn sie wenig bis gar nichts mit der Handlung zu tun haben.

Aber: Bei Arrion (Geistersängerin) habe ich bewußt zwei sehr große Rückblenden eingesetzt. Die erste zeigt, wie Arrion zu einem Geist wurde, die zweite warum. In beiden Szenen ist die Geistersängerin Neve der Schlüssel zu Arrions sorgfältig verdrängten Erinnerungen. Beide Sequenzen habe ich in einfacher Vergangenheit mit Arrion als Perspektivträger geschrieben, in beiden ist man mitten drin im Geschehen.
Ich behaupte, daß das sehr handlungsrelevant ist, was ich da beschrieb, und daß die Rückblenden durch die Form nicht doof sind.  :laugh:
Titel: Re: Rückblenden vermeiden und Zufälle
Beitrag von: Luna am 25. April 2011, 13:01:16
Ich kann mich Dani da nur anschließen.
Ich habe auch nichts gegen Rückblenden. Einiges aus der Vergangenheit meiner Prota ist wichtig, da ich aber mit der Geschichte einsetzte, als sie bereits erwachsen ist, muss ich Rückblenden verwenden. Ich verwende sie aber auch nur spärlich und lasse das, was über ihren Werdegang von Bedeutung ist, hin und wieder als Gedanken/Erinnerungen mit einfließen.
Titel: Re: Rückblenden vermeiden und Zufälle
Beitrag von: RubinaGela am 25. April 2011, 13:01:31
Wenn es gut gemacht wird - warum nicht? Manchmal sind Rückblenden notwendig, um etwas näher zu erläutern, was sonst unter den Tisch fallen würde (siehe Sprotte). Und Geheimnisvolles, wie Sven es mag, könnte auf diese Weise nach und nach gelüftet werden und sogar die Spannung noch erhöhen.
Titel: Re: Rückblenden vermeiden und Zufälle
Beitrag von: Sven am 25. April 2011, 13:05:31
Zitat von: Derexor am 25. April 2011, 12:36:10
@Sven, kannst du mir das mit Harry Potter näher erklären? Ich habe die Bücher nicht gelesen und das eigentlich auch nicht vor. Sind es da nicht "Erinnerungen" die Harry zu sehen bekommt?

Ja, sind es. Er durchlebt einen Teil der Vergangenheit aus der Erinnerung einer anderen Person und erfährt so mehr über Voldemorts Vergangenheit, die seines Vaters und Snapes'. Aber gerade das sind Dinge, die den Lesern brennend interessieren und daher haben diese Rückblenden vorzüglich funktioniert, zumal diese Erinnerungen wichtig waren, um die Geschichte voranzutreiben und schließlich zu einem Abschluss zu bringen, denn Harry bekommt eine Möglichkeit aufgezeigt, wie er den Bösewicht erledigen kann. Ohne diese Rückblende, hätte der Roman nicht beendet werden können.
Titel: Re: Rückblenden vermeiden und Zufälle
Beitrag von: TheaEvanda am 25. April 2011, 15:05:26
Auf einer anderen Linie ist mir neulich die Erleuchtung gekommen - Rückblenden sollten wirklich nur sehr sparsam und möglichst nicht als Rückblenden eingesetzt werden. Wie geschon gesagt, verlangsamen sie die Handlung, und erklären Sachen, die der Autor irgendwie nicht anders in die Geschichte hineinbekommt.

Aber: Das erste Kapitel muss die Handlung anschieben. Man muss vorwärtspflugen. Jede erklärende Einfügung im Plusquamperfekt ist eine Hilfsverb-Verladestelle, die den Leser aus der Bahn wirft. Besonders übel ist es mir in einem Roman aufgefallen, den ich mir wegen des tollen Klappentextes und des deutschen Autorennamens gekauft habe.

Gleich am Anfang zwanzig Seiten Recapitulation des Gewesenen, Plusquamperfekt und Sülz noch und nöcher. Ich war sehr verwirrt und stark irritiert. Ich wollte nicht wissen, wie die Leute da hingekommen sind, sondern, wie es weiterging!
Irgendwann habe ich dann durch Recherche im Internet (man sehe: Ich habe das Buch weggelegt und den Rechner gebootet. Note sechs Minus für den Schreiber!) herausgefunden, dass ich Band 2 einer Serie gekauft habe. Also habe ich das Buch genommen, das erste Kapitel überschlagen und dann stückchenweise weitergelesen. Statt 600 Seiten durchgehendem Lesen habe ich vielleicht 100 Seiten in Probehäppchen zu mir genommen und das Buch dann in die Ecke gestellt. Dass mich der Höhepunkt einfach nicht überzeugt hat mag damit zusammenhängen, dass ich den Roman nicht wirklich gelesen habe.

Also: Rückblenden am Anfang sind sehr von übel.

Danach bin ich losgezogen und habe meine eigene Schreibe überprüft. Siehe da, die verkauften Sachen hatten nirgends eine Rückblende in den ersten fünfzig Seiten. Wenn ich Informationen zuspielen wollte, dann ging das über Dialog und Vorwürfe und trieb die Handlung voran. Die nicht verkauften Sachen wiesen dagegen viele Rückblenden auf, die mich beim kritischen Lesen auch extrem gestört haben.

Weniger Rückblenden sind mehr Plot und mehr Charakterentwicklung nach vorne.

--Thea
Herzogenaurach, Germany
Titel: Re: Rückblenden vermeiden und Zufälle
Beitrag von: Runaway am 25. April 2011, 15:18:28
Darf ich mal ganz ketzerisch fragen, welches Buch deine sechs minus kassiert hat? Jetzt bin ich ja neugierig...
Titel: Re: Rückblenden vermeiden und Zufälle
Beitrag von: TheaEvanda am 25. April 2011, 15:41:17
Dani:
Ich habe ehrlich keine Ahnung. Es war ein rotes Trade-Paperback mit Klappeneinschlag. Es war von Heyne. Die Autorin wurde vorgestellt als Person, die mit Marku Heitz Rollenspiel betrieben hat (etwas merkwürdige Selbstdarstellung für einen Romanautoren. Da streiche ich doch andere Sachen hervor, die nichts mit anderen Personen zu tun haben?).

Es ging um etwas mit Stürmen und Elektrizität. Sturmwerker oder so etwas. Große phantastische Kampfautomaten, angetrieben durch "Strummacht". Der Höhepunkt sollte dramatisch sein und machte nur "fizz", als die sogenannte Heldin-ohne-Selbstantireb "och, nö." sagte. Die hatte noch nicht einmal den auf dem Klappentext versprochenen Wutanfall ("Funken der Leidenschaft sprühen aus den Augen der ...."). Den Rest habe ich vergessen.

Eigentlich habe ich es auch Recherchegründen gekauft, da ich mit einem Fantasy-Liebesroman mit Göttern landen möchte. Ich konnte es nicht lesen.

Wie man sieht, ich habe es verdrängt. Selbst wenn die Geschichte gut gewesen sein sollte, hat mich die Rückblenden-Einleitung zum weglegen des Buches veranlasst. Aktuell ist alles bei uns in Umzugskartons, sonst befände das Buch sich im Regal "zum Wegschenken", dann könnte ich alle Libri-Daten nachliefern. Vielleicht kennt hier ja jemand das Geschreibsel?

Und jetzt mache ich es gleich selbst:  :pfanne: Das gehört in die Grausbücher.

Edit: Ich hab's. "Sturmpfade" von Nicole Schuhmacher. Der erste Band heisst wohl "Sturmträume".

--Thea
Herzogenaurach, Germany