Stellen wir uns einmal vor: Wir haben uns interessante Figuren einfallen lassen. Wir haben einen Plot erfunden, der deutlich vom Schema "Märchenprinz tötet Drachen und bekommt dafür die jungfräuliche Prinzessin und das halbe Reich dazu" unterscheidet. Unser Schreibstil ist flüssig und korrekt und unser Wortschatz groß. Und jetzt erzählen oder schreiben wir, was ist und was geschieht. Und das Ergebnis ist höchstens mittelmäßig oder noch geringer, wenn wir den Kreis unserer Freunde und Verwandte unberücksichtigt lassen. Und der Grund? Schlecht erzählt. Offensichtlich reicht nicht aus, was wir angeboten haben. Und deshalb die Frage:
Was macht ihr, um so zu erzählen, dass die Leser in die Geschichte hineingezogen werden, denn es genügt nicht etwas Gutes zu schreiben, es geht auch darum, wie man es schreibt. Also: Was macht ihr?
Liebe Grüße
Trippelschritt
(wie immer neugierig)
Ich versuche es mit perspektivwechsel. Leider gelingt es mir nicht so, wie ich es gerne hätte.
Ansonsten probiere ich einfach das Motto "wenn du Leser wärst". Heißt also: ich versuche mir vorzustellen, dass ich das Buch zum ersten Mal lese. Dann stelle ich mir die Fragen: "ist das logisch? Wie ist der Spannungsbogen? Passt die Wortwahl zu der Zeit?"
Und als letztes: in Schlachten oder besonders spannenden Szenen versuche ich es so zu beschreiben, als würde es schnell hintereinander passieren - was ja auch meistens der Fall ist. Ich möchte den Adrenalinschub möglichst genau hinbekommen und die Gefühle des Protagonisten rüber bringen, ohne viel auszuschmücken.
Das Wichtigste aber: ich schreibe nach Gefühl.
Meinst du "schlecht erzählt" wie in "schlechter Sprachfluss/Wortwahl/etc." oder wie in "schlechte (Plot-/dramaturgische) Komposition/Vermittlung der Ideen/etc."?
Bei zweiterem kann man gut mit Betalesern arbeiten, die auf Struktur und Spannung achten können. Kann man selber vermutlich auch machen, wie
@Macpheana beschreibt mit dem von Außen herantreten, aber eine ganz andere Perspektive macht das nochmal einfacher. Bei ersterem kann man sicher auch Betaleser verwenden, allerdings bezweifle ich persönlich sehr, dass Sprache so wichtig ist und würde das nicht als Grund für den ausbleibenden Erfolg betrachten. Grammatikalisch okay und semi-verständlich scheint für die meisten Bücher mit ausreichendem Erfolg auszureichen, schöne Sprache ist dagegen ein nicht unbedingt nötiges Sahnehäubchen.
Zitat von: Tanrien am 08. Juli 2016, 21:23:11
Meinst du "schlecht erzählt" wie in "schlechter Sprachfluss/Wortwahl/etc." oder wie in "schlechte (Plot-/dramaturgische) Komposition/Vermittlung der Ideen/etc."?
Es ist eher die zweite Alternative, aber ich hätte es gern positiv gesehen. Wenn man Fehler macht, ist das Ergebnis immer schlecht. Aber wenn man keine Fehler macht, ist das Ergebnis noch lange nicht gut. Es gibt geborene Erzähler. Ich kenne mindestens zwei aus meinem Bekanntenkreis. Wenn die etwas erzählen, sei es über eine überstandene Operation oder ihre erste Begegnung mit Paul XYZ, hängen alle an ihren Lippen. Es gibt auch solche Schriftsteller, die oft aus einer ganz bestimmten Tradition herkommen. Iren zum Beispiel. Wer aber gekonnt eine Erzählung schreiben will, muss sich ein paar Gedanken machen, wie er anstellt, dass es gut wird. Und diese Dinge stehen nicht in Schreibratgebern. Oder nur ein kleiner Teil davon.
Ich würde ja gern ein paar Beispiele aus meiner eigenen Küche geben, aber ich bin Bauchschreiber mit einer ganz bestimmten Bauchschreibertechnik, die wohl kaum allgemeingültig ist. Aber was ich sagen kann, ist, dass ich auf die Idee zu diesem Thread unter der Dusche kam. Ich hatte gerade eine Szene umgeschrieben, weil ich etwas einfügen musste, und sie auch gleich dabei verbessert. Und unter der Dusche fiel mir Auf oder ein, dass das, was ich da verbessert habe, das Potential dieser Szene höchstens zu vierzig Prozent nutzt und mir, als ich wieder trocken war, gleich ein paar Notizen gemacht. Und über solche Dinge liest man nichts in Schreibratgebern. Also habe ich mir gedacht, sammele ich mal bei euch.
Liebe Grüße
Trippelschritt
Zitat von: Trippelschritt am 08. Juli 2016, 21:46:02
Also habe ich mir gedacht, sammele ich mal bei euch.
Also wenn hier jemand ein Masterrezept hat, nach dem suche ich auch schon ewig ;D
Nein, Scherz beiseite - wobei, es war eigentlich kein Scherz. Ich stelle mir diese Frage auch: Wieso klingt der und der Text gerade bescheuert langweilig / nüchtern / neutral / beliebiges Wort einsetzbar [...] und der andere Text reißt mich mit und lässt mich nicht mehr los? Und wieso liegt im besten Fall gerade mal ein Tag zwischen beiden Texten?
Auch ich stelle mir diese Frage. Und die Antwort, die ich bis jetzt gefunden habe, lautet: Ich habe beim ersten Text nicht nachgedacht.
Ich habe beschrieben, erzählt, die Geschichte meinetwegen nachgefühlt und war im Flow und und und.
Aber ich habe nicht gedacht.
Und daher dürfte das Geheimrezept tatsächlich sein:
Zitat von: Macpheana am 08. Juli 2016, 21:18:12
das wichtigste aber: ich schreibe nach Gefühl.
Ich korrigiere hier mal dezent, da ich ansonsten ganz bei dir bin,
@Macpheana ( :-* ):
ZitatDas Wichtigste aber: Ich schreibe nur mit Gefühl.
Jetzt fehlt mir nur noch der Masterplan, wie ich beim Schreiben meinen blöden Kopf ausschalten kann ....
LG
Aki
Ich muss gestehen, ich verstehe nicht so ganz, was du mit gutem erzählen meinst. Für mich ist das zuallererst der Stil - der muss flüssig und mitreißend sein und dann die Charaktere und der Plot. Im Grunde, also all die Zutaten, die du in deinem ersten Posting nennst. Wenn die alle gut sind, dann ist meiner Meinung nach auch das Endprodukt gut. Was die Zutat Erzählkunst ist, erschließt sich mir aber noch nicht so wirklich.
Wie ich eine Szene oder das Buch gut mache, das kommt bei mir erst in der Bearbeitung. Zuallererst schreibe ich die Geschichte, die hat schon mal Plot und Charaktere und mehr oder weniger Stil. Dann kommt die erste Überarbeitung und zwar nachdem das Buch für längere Zeit in der Schublade war, damit man einen möglichst unverfänglichen Blick drauf hat. Nun manche können das, manche nicht - aber es ist wichtig, das Buch möglichst objektiv zu sehen - Ich lese das Buch komplett und schreibe mir alles an den Rand, was mir dazu einfällt. Dabei achte ich aber nicht penibel auf Grammatik/RS/Stil, sondern erst mal das grobe: Funktioniert der Plot - ist die Szene wichtig - Hat der Charakter einen runden Bogen? Was brauche ich noch um die Geschichte zu erzählen? Aber auch, hey, das war toll oder soooo traurig. Wenn mich meine eigene Geschichte mitreißt, dann bekommt sie auch ein Smiley.
Das ist die Grundlage für die erste Bearbeitung. Nach dieser sollte alles logisch und in sich rund sein. Augenmerk liegt auf sollte - das kann man ab einem gewissen Grad einfach nicht selbst beurteilen. Also gehts bei mir zu den ersten zwei Testlesern. Die Kommentare verarbeiten, ist dann Überarbeitung Nr. 2. Soweit so gut.
Gehen wir mal davon aus, dabei kam jetzt nichts unglaublich groß unterschiedliches heraus, dass wir noch mal einen Testleser brauchen, um zu schauen, dass wir das jetzt auch wirklich hinbekommen und nicht verschlimmbessert haben. Dann erst beginne ich nämlich mit dem Lineedit und da fummel ich an den einzelnen Wörtern herum, bis mir jeder einzelne Satz gefällt. Und an der Stelle wird auch geschnitten, wie bei einem Busch, alles überflüssige (Redundanzen, Tangenten, etc.) raus. Ich stelle mir dir Arbeit dabei gerne wie ein lose gewebten Stoff vor und was ich jetzt tue, ist die Maschen festziehen, bis jedes Wort zählt und jede Szene genau so wirkt, wie sie wirken soll, z.B. auch vom Passiv ins Aktiv. Diese Überarbeitung ist die ätzendste ;) Das Buch hängt einem zum Halse raus und man kommt kaum voran, weil man teilweise eine halbe Stunde oder länger an einem Absatz hängt, aber es lohnt sich - danach ist das Buch poliert.
Und danach? Dann geht es noch mal zu einem bisher unbenutzten Testleser und man hofft, dass der jetzt bloß nicht noch was Inhaltsmäßiges findet ;) Also meine Methode ist intensives Überarbeiten - dafür gibt es übrigens auch Ratgeber, z.B. Self-Editing for Fiction Writers (Browne & King) Ich habe ihn noch nicht gelesen, aber schon mal durchgeblättert und oh ja, da gibt es noch viele Überarbeitungsdurchgänge, die man machen könnte oder Dinge auf die man achten sollte um das Buch auf Hochglanz zu polieren.
Also meine Methode steckt komplett in der Überarbeitung um aus der tollen Geschichte auch ein gutes Buch zu machen :)
Den Leser ansprechen, ihm Rätsel stellen, sie ihn selber lösen lassen, ihm Dinge geben die er wieder erkennt, Aha!-Erlebnisse, Indentifijation ermöglichen - Spannung aufbauen - Katharsis, Timing, andeuten - ankündigen - auflösen, mehr verraten als der Protagonist weiß, Klammern bilden (Szenen am Anfang und am Ende die gleich/ähnlich sind), Details an denen er sich festhalten kann (Requisiten, Charakterzüge, Ticks, ...), Spiegel bauen (Charaktere oder Szenen die sich ähneln aber andere Vorzeichen und Ergebnisse haben), Verweise und Zitate anderer Werke, ...
Nein, ich plane so gut wie nichts davon, es passiert einfach. Die Kunst ist es zu erkennen und herauszuarbeiten. Nicht alles wird bewusst wahr genommen, aber unbewusst - erst wo Fehler und Ungereimtheiten sind fällt es auf.
Bestimmt gibt es irgendwo irgendwelche ganz schlauen Analysen dazu, warum manche Texte den Leser einfach hineinziehen und unterhalten und andere nicht. Allerdings möchte ich meine romantische Vorstellung, dass manch Worte eben einfach richtig und magisch sind, gern behalten. :P
Beim Schreiben ist mein Ziel immer, eine Szene zu schreiben, als wäre sie eine Kurzgeschichte. Kurzgeschichten nämlich sind der Natur nach mehr als bloßes Abrollen von Handlung in passabler Sprache, sondern sie entstehen zum Selbstzweck. Und genau so müssen sich in einem guten Buch meiner Meinung nach alle Szenen, am besten alle Sätze lesen lassen: Niemals nur, um das Geschehen voran zu treiben zu einer Stelle, an der es wieder spannend wird. Sondern auch für sich selbst genommen unterhaltsam, entweder durch schlagfertige Gespräche, durch eine kleine Zwischenpointe, etc.
Trotzdem glaube ich, dass es etwas auf tieferer Ebene gibt, das den Menschen (oder zumindest einige) besonders anspricht. Manchmal merke ich beim Lesen, dass ein Schreibstil nicht gerade überragend ist oder es den Charakteren an Glaubwürdigkeit fehlt, und trotzdem kann ich das Buch nicht zur Seite legen. Ein schöner Schreibstil mag wirksam sein, aber offenbar gibt es noch andere Faktoren, die einen Sog entwickeln können. Aber diese benennen? Vielleicht ist es die Authentizität, weil ein Autor im Moment des Schreibens so sehr mit der Welt, der Geschichte und seinen Charakteren verwachsen ist, dass er diese auch seinen Lesern spürbar nahebringen kann. Robert Frost sagte "No tears in the writer, no tears in the reader. No surprise in the writer, no surprise in the reader.", und meistens trifft das auch zu, denke ich. (Auch wenn manche Autoren sicher stumpfe Auftragsarbeit leisten können, selbst wenn sie mal keine Lust dazu haben).
Ein Gefühl für seine Geschichte zu haben, das ist für mich das Wichtigste. Schließlich entscheiden oft Kleinigkeiten im Erzählen, wie eine Geschichte wirkt. Wann reicht im Dialog ein "sagte xy", wann sollte man einen Einschub machen, das Erzähltempo durch eine Erklärung oder eine Beschreibung dosseln? Oft sind es Details in der Wortwahl oder im Aufbau, für die es vermutlich keine festen Regeln gibt. Sie entstehen aus dem Gefühl. Dieses Gefühl für das Erzählen speist sich meiner Meinung nach aus Talent und aus dem Lesen vieler, vieler guter Romane, aus denen man passiv lernt. Das enstpricht wohl dem Unbewussten, das auch Dämmerungshexe angesprochen hat.
Auf der einen Seite: Übung. Erfahrung. So bitter das ist, man muss schreiben und Dinge falsch machen, um es zu lernen, für sich persönlich. Ich glaube, vieles kann man nicht aus Ratgebern lernen, weil man für sich selbst die Erfahrung machen muss, um wirklich zu verstehen, was man da tut.
Was ich inzwischen viel öfter tue, ist bewusst darüber nachzudenken, warum ich eine Szene gerade so schreibe und nicht anders. Wenn ich eine Figur einführe, versuche ich darüber nachzudenken, welche Charaktereigenschaften ich über sie vermitteln will. Es ist anstrengend und macht keinen Spaß, aber genaues Planen und Ausarbeiten hilft mir sehr, meine Szenen zu verbessern. Also das Gegenteil von dem, was viele machen, und das Bauchschreiben mal komplett sein zu lassen, denn das funktioniert bei mir einfach nie.
Ich bin von euren Antworten wirklich begeistert. Dafür, dass einige sagen, sie hätten keine ahnung, was Erzählkunst überhaupt ist, liegt alles, was ihr dann aufzählt sehr nahe am Punkt. Und aus meiner eigenen ERfahrung kann ich nur sagen. Ein Flow hilft! Und deshalb versuche ich auch, täglich zu schreiben. Ein Flow ist aber nicht alles. Die zweite Hälfte entsteht bei der Überarbeitung. Beim Polieren, wie Maubel gesagt hat. Und eines kann ich Euch sagen: WEnn man erst schreiben muss, damit die Ideen kommen, wie es bei Bauschschreibern passiert, dann ist die erste Version mehr als nur grottenschlecht. Und die Geschcihte passiert erst beim Überarbeiten. Aber das geschieht bei mir bereits, wenn ich so um die ersten zehn Prozent geschrieben habe, weil eine gute Idee auf Seite 50 dazu führt, dass man die ersten Kapitel wieder neu schreiben muss.
Liebe Grüße
Trippelschritt
Ich bin Eckpunkte-Planer könnte man so sagen. Das Herzstück meiner Planung und auch meiner Geschichte sind die Figuren. Habe ich diese ausgearbeitet, lege ich die Wendepunkte des Plots fest und alles, was mir sonst spontan einfällt, gerade an Subplots, manchmal auch konkrete Szenen. Der Rest entwickelt sich dann. Ganz optimal fahre ich mit dieser Technik nicht, da ich öfter mal in einem Loch zwischen zwei Wendpunkten festhänge. Aber diese Methode gibt mir etwas Struktur und gleichzeitig Freiheit.
Mir wurde schon von unabhängigen Lesern (kenne ich nicht persönlich, sondern nur über ein Forum), dass ich einen sehr lebendigen Stil hätte. Irgendwie schaffe ich es wohl oft, den Leser direkt in die Szene und das Setting mit rein zu ziehen. Wie ich das genau anstelle, weiß ich ehrlich gesagt nicht. Beschreibungen gehören eigentlich zu meiner Nemesis, da mich Beschreibungen langweilen (Thomas Mann war zu Schulzeiten für mich nur schwer erträglich - ich brauche keine seitenweise Beschreibung eines gelben Sofas mit Löwenkopffüßen... 15 Jahre her und dieses blöde Sofa hat sich eingebrannt). Was mache ich also? Ich stelle mir die Szene bildlich vor, versuche sie quasi wie einen Film ablaufen zu lassen und dann schreibe ich. Meist passiert dieser Szenenfilm immer leider dann, wenn ich nichts zu schreiben in der Nähe habe. Aber das ist ein anderes Problem. Ich halte dann die Eindrücke fest. Wichtig ist mir auch ein gutes Verhältnis zwischen Dialog und Handlung. Griffige Dialoge lockern das Textgeschehen auf und bringen einem die Figuren näher. Zudem können sie Erklärungen abkürzen. Zu viel Dialog bremst jedoch den Spannungsbogen aus. Und das wichtigste um aus dem Text eine richtig gute Geschichte zu machen ist die Überarbeitung, wie schon gesagt wurde. Ich habe immer das Gefühl, das ich mir die Geschichte erst selbst erzähle und dann in der Überarbeitung schaue, wie eine Geschichte draus wird, die auch anderen gefällt.
Hallo Trippelschritt
Hu, da hast du aber eine sehr schwierige Frage gestellt, weil damit ja so viele verschiedene Dinge zusammenhängen können. Ich beschäftige mich aber auch gerade intensiv mit genau diesem Thema :). Momentan habe ich es mir zur Übung gemacht, dass ich Filme und Bücher, die mir gefallen, die mich in den Bann ziehen, für mich selber analysiere, um dahinter zu kommen, warum es bei mir zieht. Dabei habe ich Verschiedenes beobachtet, was sicher zur Fesselung des Lesers beitragen kann:
1) Das Versprechen
Am Anfang einer Geschichte kriegt der Leser eine Art Versprechen, damit er weiss, worauf er sich einlässt. Also wenn es eine Abenteuergeschichte ist, sollte das Abenteuerliche von Anfang an spürbar sein. Wenn es um Intrigen und Beziehungen geht, genauso. Und später muss dieses Versprechen eingehalten werden. Wenn ich am Anfang eines Buches ein verstecktes Versprechen erhalten habe, das nicht eingehalten wird, dann verliere ich während des Buches das Interesse daran. Als Extrembeispiel: Wenn ich in der ersten Szene von einem Mord lese, und 200 Seiten später merke ich, dass es sich um eine Liebesgeschichte handelt, dann ist die Luft irgendwie raus, ich bin enttäuscht.
2) Die Hauptfigur/en
Um Spannung aufzubauen, sollte eine Figur vor einem Ereignis entweder sympathisch, kompetent oder sehr aktiv sein. Oder eine Mischung von allem. Wenn diese drei Dinge zu wenig aufgebaut wurden, greift meist auch die Spannung nicht. Das aktiv sein ist dann noch ein Punkt, der sich durch das ganze Buch weiterzieht, den ich sehr wichtig finde. Wenn ein Prota immer nur reagiert und nicht agiert, dann bewirkt das bei mir als Leserin ein Unbehagen. Das sind dann die Momente, wo ich einen Prota am liebsten rütteln würde und ihm sagen: Tu doch was! Ich meine, Aktivität beschränkt sich da natürlich nicht nur auf Action im Sinne von Bewegung, Kampf, Rumrennen etc., sondern auch auf intellektuelle oder emotionale Vorgänge in der Figur.
3) Was steht auf dem Spiel?
Für mich als Leserin ist es immer wichtig zu wissen, was auf dem Spiel steht, wenn etwas nicht gelöst bzw. erreicht werden kann. Das erhöht automatisch den Drang, weiterzulesen. Wenn ich weiss, was die üblen Konsequenzen sind, dann ist das sicher ein Pageturner.
4) Schnelligkeit, in welcher Probleme gelöst werden
Ich finde oft, dass in Geschichten die Herausforderungen zu rasch gelöst werden. Das ist eines der Dinge, die auch ich immer wieder falsch angehe. Da wird Spannung aufgebaut und flaut sofort wieder ab. Häufig läuft man Gefahr, dass der Held in viele Probleme gerät und diese immer wieder was anderes von ihm abverlangen. Das ist dann so eine Aneinanderreihung von "tasks" wie in einem Rollenspiel, das ich für langweilig halte beim Lesen. Ich finde es daher wichtiger, dass der Held mehrmals scheitert, bis er es schafft, sich zu beweisen.
5) Steigerung der Konflikte und Herausforderungen
Gehört eigentlich als Ergänzung zu Punkt 4. Die Probleme und Herausforderungen sollten sich in einer Geschichte kontinuierlich steigern. Mein Interesse flaut ab, wenn plötzlich ein Problem daherkommt, das dem "neusten" Stand der Hauptfigur nicht mehr entspricht. Ich beziehe das jetzt nicht auf so Zwischenszenen, in welchen es auch mal ruhiger wird. Aber immer dann, wenn der Plot an sich vorangeht, wo ein Fortschritt angestrebt wird, sollten die Hürden für den Helden immer höher werden. Die immenseste Spannung entsteht meiner Meinung nach, wenn ein Prota mehrmals versagt und gleichzeitig die Herausforderungen noch grösser werden. Da denkt man als Leser ja irgendwann: Unmöglich, dass der Prota dies noch schaffen kann. Und ich will dann unbedingt wissen, wie er es schafft, aus dieser ausweglosen Situation rauszukommen.
6) Zeit und Handlung / die Lupe
Ich glaube, man sollte mehr Wörter für die spannenden Stellen aufwenden als für das dazwischen. Mich stört es enorm, wenn ich seitenlang etwas "Vorbereitendes" lese und der Moment, wo die Bombe explodiert, dies in drei bis vier Sätzen besteht. Daher lieber in entscheidenen Momenten durch die Lupe erzählen, den Rest kurz halten (ausser es ist wirklich sehr unterhaltend im Sinne von z.B. humorvoll).
Ich finde, Plot und Erzählkunst sind zwei verschiedene Dinge. Natürlich ist es wichtig, einen guten Handlungsstrang zu entwickeln - doch ist die Erzählkunst nicht die Kunst, den Leser zu fesseln? Spannung aufzubauen ist wichtig, ja. Und der Plot sollte nachvollziehbar sein. Aber meiner Meinung nach ist mein Ziel erreicht, wenn der Leser zu mir kommt und sagt "Also, Schreiben kannst du!" Wenn da noch ein "Aber" hinterherkommt, gehört es wieder in eine andere Schublade. Wenn er mir jetzt zum Beispiel sagt "Aber an der Handlung musst du noch feilen. Das ist unlogisch." - dann ist das zwar ein Fehler meinerseits, aber ich habe ihn ja in den Bann ziehen können. Und das, finde ich, ist die Kunst.
Macpheana
Ich halte Stil für absolut zweitrangig in der Genreliteratur. Ich halte es sogar für einen krassen Fehler, "zu gut" schreiben zu wollen. Ich habe das bei meinem letzten Projekt so gemacht. Habe es ziemlich banal geschrieben, einfache Worte und Sätze und dachte, das Aufpolieren mache ich später. In der letzten Überarbeitungsrunde hab ich dann jeden einzelnen Satz angeschaut und versucht, literarisch klingen zu lassen. Da gab es dann tolle Metaphern, geschwungene poetische Ausdrucke etc. Kam überhaupt nicht an. Ein Lektor, den ich persönlich kenne, hat mir auch mal gesagt, das wird in der Bücherszene als ein typischer Anfängerfehler angesehen, wenn man versucht, in der Genre-Literatur literarisch zu schreiben. Klar gibt es gute und weniger gute Stile. Aber ich denke nicht, dass das viel Einfluss darauf hat, ob man an ein Buch gefesselt ist oder nicht. Es gibt eine deutsche Thrillerautorin, die ich hier nicht namentlich nennen will. Ich finde ihren Schreibstil echt schlecht. Aber dennoch packen mich ihre Bücher immer wieder. Natürlich fände ich es noch angenehmer, wenn sie schöner schreiben würde. Aber letztlich zählt für mich in der Genre-Literatur schon der Inhalt.
Darum finde ich es viel wichtiger, wie eine Szene aufgebaut ist, wie sich die Spannung aufbaut, wie die Figuren gezeigt werden als mit welchen Worten dies umgesetzt wird. Stil ist ja bekanntlich auch Geschmacksache. Manche mögen blumige Sätze, andere lieber kurze. Einzige Ausnahme finde ich die Dialoge. Dort sollte man schon sprachlich geschickt versuchen, jeder Figur eine eigene Sprache angedeihen zu lassen. Finde ich äusserst herausfordernd.
Dann will ich auch mal ein paar Dinge beisteuern, die ich mittlerweile gelernt habe. Und falls es sich noch nicht herumgeprochen hat ... Ich schreibe ja schon seit Jahren an einem Schreibratgeber, der wahrscheinlich niemals veröffentlicht wird und nur für einen einzigen Leser geschrieben wird. Mich. Und in diesem Schreibratgeber stehen viele Dinge, die man in anderen Schreibratgebern nicht findet. Und einige davon gehören auch zur Erzählkunst
Wer nicht bereits von zuhause aus ein großer Erzähler ist und es lernen möchte ein solcher zu sein, sollte zunächst einmal verstehen lernen, was ihn an manchen so Büchern fasziniert, dass er sie in einem Zug lesen möchte, auch wenn ihm die roten Augen zufallen. Oft sind es gar keine Bücher, sondern die Autoren und ihre Art zu schreiben. Manchmal liegt das Geheimnis nicht in der Schreibe, sondern im Thema, das einen im Augenblick besonders betrifft. Mir ging das einmal mit Somerset Maughams Razors Edge (Auf Messers Schneide). Ich halte ihn immer noch für einen guten Autor, aber andere Bücher von ihm hatten nicht diesen Sog.
Ganz anders bei Rothfuss, der für mich ganz gewaltige handwerkliche Defizite hat. Und trotzdem konnte ich sein erste Buch kaum aus der Hand legen. Es waren vor allem seine Dialoge, die einen besonderen Zauber ausstrahlten. Aber auch einige seiner Beschreibungen sind himmelszerreißend. Und dann muss man in Dialoge und Beschreibungen eintauchen, bis man herausfindet, was es darain ist.
So ist mein erster Ratschlag an mich: Lerne zu verstehen, warum dich etwas fsziniert.
Dialoge spielen eine große Rolle bei der Erzählkunst, weil sie sehr viel von Menschen handeln und Menschen sind es immer, die uns Bücher zu Herzeng ehen lassen. Schön, dass es gerade dazu einen Extrathread gibt, der im Augenblick aktiv ist.
Und die Figuren? Im Schreibratgeber steht, wie man interessante Menschen erfindet, die einen packen können. Aber sie sagen einem nicht, wie man sie einführt. Und für mich ist das der entscheidende Start in das Faszinosum Erzählkunst. Die Einführung und die Art, sie denken und sprechen zu lassen.
Und dann gibt es noch das Element der Spannung. Da geht es nicht um Fragen wie Cliffhanger oder nicht, sondern um so vage Dinge wie die Zahl und Art der kleinen Ideen, die Reihenfolge von Hinweisen und Halblösungen und auch darum, wie es einem Autor gelingt, eine Szene mit anderen zu verbinden. Um die innere Dynamik einer Szene, seiner Funktion und der Stringenz der Ideenverfolgung innerhalb der Szene. Darüber steht nichts in Schreibratgebern, aber Shakespear kann einem zeigen, wie man das macht.
Ich finde es faszinierend, dass man über die Schreiberei endlos philosophieren kann und nie aufhört dazuzulernen.
Liebe Grüße
Trippelschritt
Zitat von: Cailyn am 10. Juli 2016, 13:07:13
Einzige Ausnahme finde ich die Dialoge. Dort sollte man schon sprachlich geschickt versuchen, jeder Figur eine eigene Sprache angedeihen zu lassen. Finde ich äusserst herausfordernd.
D'Accord. Allerdings sollte man nicht zwangsweise einen Menschen mit Hauptschulabschluss und jahrelangem Hartz-IV-Bezug von vornherein mit einer "einfachen" Sprache ausstatten, während man einem Intellektuellen nicht immer das Hochprosaische anhängen sollte.
@ Trippelschritt: Was für mich zur guten Erzählkunst zählt, das ist die Sprachmelodie, der Worte Klang.
Auch wenn meine Vorposter mit ihren Erklärungen recht haben, so messe zumindest ich der Sprachmelodie eine nicht unerhebliche Bedeutung bei. Zwar werde ich nicht unbedingt nur wegen der Melodie alles andere vernachlässigen, aber sie spielt schon eine recht große Rolle in meinem Schreibstil. Und ja, sie geht sogar so weit, dass ich lieber ein Wort wiederhole, als dass ich "das Gesetz"
TM, dass man Wortwiederholungen auf Teufel komm raus vermeiden soll, ignoriere, wenn sie der Geschichte und dem Lese-/Melodienfluss empfindlich stören.
@Feuertraum Da muss ich Ihnen zustimme. Ich empfinde den Klang auch sehr wichtig. Gerade, wenn man mit einem persönlichen Erzähler oder sogar in der Ich-Perspektive arbeitet, sollte man dieses "Gesetz" nicht mit Scheuklappen verfolgen. Manchmal klingt der ganze Satz einfach melodischer, wenn eben doch mal zwei "unds" sich darin befinden oder gewisse Vokabeln wiederholt werden. Generell halte ich mich schon daran, aber für die Melodie opfere ich durchaus einmal literarisch korrekten Stil. Das liest sich meinerseits flüssiger, als exakte aber hochgestochene Texte. Die sind zwar ganz toll mit ihren Metaphern etc und künstlerisch wertvoll, aber durch das Buch quäle ich mich häufig doch.
Große Erzählkunst hat meiner Meinung nach z.B. J.K. Rowling. Harry Potter hat sicher keinen literarischen Stil, aber die Dinger haben sich immer in einem weg gelesen und das lag eben an dem "einfachen" Stil, in dem die einzelnen Wörter gar nicht mal so wichtig waren.
@ Feuertraum
Es gehören - oder können gehören - noch viele Dinge zur Erzählkunst. Manche könen sich sogar gegenseitig ausschließen, weil sie nicht für alle Richtungen gleich gelten. Wegen Sprchmelodie habe ich angefangen zu schreiben. Ursula LeGuins erster Band der Erdsee-Trilogie hatte mich so gepackt, dass ich versucht habe, die ersten anderthalb Seiten ins Deutsche zu übersetzen und frustriert aufgab, weil es mir nicht gelang das zu retten, was mich so faszinierte.
@ Maubel
Es ist immer schwierig an Beispielen etwas zu belegen. Ich weiß beispielsweise mittlerweile gar nicht mehr, was literarischer Stil ist. Und dabei gehören Toni Morrison und Name grade weg - die kanadische Autorin mit ihren Kurgeschichten, beide Nobelpreisträgerinnen zu meinen Lieblingsautorinnen. Diese beiden Damen schreiben für mich wie viele andere Autorinnen auch, nur unendlich viel besser.
Und Frau Rowling? Ihre ersten beiden Bücher waren auf eine ganz besondere Art geschrieben. Aber dann wurde es Genremainstream. Ich habe sie trotzdem alle gelesen, weil ich wissen wollte, wie es weiterging. Aber wirklich beeindruckt haben mich nur ihre ersten beiden Bände. Die hatten diesen Zauber und es hat einige Zeit gekostet, bis ich herausgefunden hatte, woran er bestand. (ich lese übrigens auch ihre Kriminalromane)
Liebe Grüße
Trippelschritt
Zitat von: Trippelschritt am 10. Juli 2016, 16:15:40
Aber dann wurde es Genremainstream. Ich habe sie trotzdem alle gelesen, weil ich wissen wollte, wie es weiterging. Aber wirklich beeindruckt haben mich nur ihre ersten beiden Bände. Die hatten diesen Zauber und es hat einige Zeit gekostet, bis ich herausgefunden hatte, woran er bestand.
Das wäre doch jetzt der perfekte Moment für einige positiven erläuternden Beispiele ;)
Zitat von: Trippelschritt am 10. Juli 2016, 13:51:36
Und die Figuren? Im Schreibratgeber steht, wie man interessante Menschen erfindet, die einen packen können. Aber sie sagen einem nicht, wie man sie einführt. Und für mich ist das der entscheidende Start in das Faszinosum Erzählkunst. Die Einführung und die Art, sie denken und sprechen zu lassen.
Ich denke, es gibt so viele Wege, das zu bewerkstelligen, dass es keine übergeordneten Tipps dafür gibt. Daher findet man das auch nicht in Schreibratgebern. Das würde wohl den Rahmen sprengen. Ich glaube grundsätzlich, dass das WIE schliesslich der Knackpunkt bei allem ist. Gerade wenn man viele "Gesetzmässigkeiten" berücksichtigen möchte, muss man dies alles gleichzeitig tun. Aber vermutlich muss man halt irgendwo man anfangen zu schreiben und sich mal auf eine Sache konzentrieren - z.B. die Figur - und dann bei der Überarbeitung alle anderen Punkte nach und nach reinnehmen. z.B. erst Sympathie erwecken mit Figur, die in eine kleine missliche Lage kommt (ist jetzt ein Beispiel unter vielen), dann bei der Überarbeitung vielleicht die Spannung erhöhen, indem der Figur noch eine Schwäche angehängt wird. Dann merkt man vielleicht, dass alles zu schnell geschieht. Also dehnt man den Text etwas. Dann merkt man, man hat vielleicht zu viel Narratives und zu wenig Dialoge. Also mehr Dialoge rein, um die Lebendigkeit zu erhöhen (oder umgekehrt). Und so geht das dann weiter. Die Figur kann man nicht einzeln betrachten, sondern sie steht ja immer im Kontext zum Plot, Setting etc. Darum ist das so ein Multitasking-Ding.
Ich glaube nicht, dass man diese Art von Arbeit in einem Schreibratgeber wirklich übermitteln kann, weil einfach zu viele Sachen gleichzeitig ablaufen. Aber dafür gibt es ja die Checklisten, wo man anhand verschiedener Punkte ein und dieselbe Szene überarbeiten kann. Immer wieder aus einer anderen Perspektive heraus (ich meine jetzt nicht Erzählperspektive, sondern i.S.d. Betrachtung).
Die Einführung von Figuren finde ich ohnehin etwas vom Schwierigsten, weil man nie wissen kann, ob man zu viel oder zu wenig zeigt. Da man als Autor mit der Geschichte so vertraut ist, ist es fast unmöglich, sich 1:1 in einen Leser hineinzuversetzen. Ich versuche nach meinem Erstentwurf neuerdings eine längere Pause zu machen, damit ich bei der Überarbeitung den Text zumindest ein wenig so lesen kann wie jemand Fremdes. Klappt auch nicht wirklich, aber ein bisschen hilft es mir schon.
Übrigens finde ich es auch extrem hilfreich zu analysieren, was einem selber an Büchern fasziniert. Oder auch das Gegenteil. Wenn mich ein Buch oder ein Film nervt, beginne ich auch öfters zu überlegen, was zu meiner Kritik führt.
ZitatUnd die Figuren? Im Schreibratgeber steht, wie man interessante Menschen erfindet, die einen packen können. Aber sie sagen einem nicht, wie man sie einführt. Und für mich ist das der entscheidende Start in das Faszinosum Erzählkunst.
ZitatIch denke, es gibt so viele Wege, das zu bewerkstelligen, dass es keine übergeordneten Tipps dafür gibt. Daher findet man das auch nicht in Schreibratgebern. Das würde wohl den Rahmen sprengen.
Also mich dolcht, dass es in Sol Steins Schreibratgeber einige Tipps für den ersten Eindruck einer Figur gab. :hmmm: Was mir im Gedächtnis geblieben ist, war das man starke Figuren vielleicht in einer Situation einführt in der sie schwächer wirken oder ihre schwäche hervorgehoben wird und mit schwachen Figuren macht man es umgekehrt, um den Leser so im Laufe der Zeit zu überraschen. Fand ich ganz reizvoll.
(edit)
@Cailyn ZitatIch habe das bei meinem letzten Projekt so gemacht. Habe es ziemlich banal geschrieben, einfache Worte und Sätze und dachte, das Aufpolieren mache ich später. In der letzten Überarbeitungsrunde hab ich dann jeden einzelnen Satz angeschaut und versucht, literarisch klingen zu lassen. Da gab es dann tolle Metaphern, geschwungene poetische Ausdrucke etc. Kam überhaupt nicht an. Ein Lektor, den ich persönlich kenne, hat mir auch mal gesagt, das wird in der Bücherszene als ein typischer Anfängerfehler angesehen, wenn man versucht, in der Genre-Literatur literarisch zu schreiben.
Das hat mich doch ein wenig deprimiert, ich mag 'literarisch kligende' und sprachlich etwas anspruchsvollere Fantasy nämlich sehr und finde es eher frustrierend, dass viele Bücher diesbezüglich so überaus schlicht gehalten sind... gerade weil es Fantasy ist - das Gernre in dem man auch mal dicker auftragen könnte. ;D
Andererseits klingt das 'Im-Nachinein-Aufpolieren' für mich auch ein wenig... unnatürlich? oder eher verkrampft, wenn ich es beim ersten mal quasie ganz autentisch mit meinen Worten schreibe und erst im Nachhinein Metaphern und co herausschnitze... naja kann ich mir vorstellen, dass das irgendwie deplatziert wirkt, aber ansonsten hab ichs schon gerne etwas blumiger im englischen gibt es dafür sogar einen namen - Purple Prose? Fand ich ganz süß.
Aber vielleicht gehöre ich in der Hinsicht auch eher zu einer Minderheit, letztlich ist der Stil wie du sagst eben Geschmackssache. ;)
Schneerabe
Das Zitat ist aus meinem Text, nicht von Macpheana ;).
Ich wollte damit auch nur hinweisen, dass der Markt literarische Sprache nicht wünscht. Ich selber lese gerne schöne Sätze. Ich bin Freundin von Schachtelsätzen, wenn sie denn gut gemacht sind. Aber selber schreib ich nicht mehr so, weil ich was vermarkten möchte. Und da geht schon der Tenor durch die Verlage, dass Genre-Literatur eher einfach gehalten sein soll. Aber man kann sich ja auch in diesem Rahmen kreativ bewegen. Auch da gibt es viele Abstufungen von super zu mässig. Ein guter Schreibstil muss ja nicht zwingend komplex und poetisch sein. Gerade betreffend Wortwahl gibt es da sicher einiges, was man austüfteln kann, auch wenn die Sätze einfach gehalten werden. So als Beispiel.
Zur Figureneinführung nutze ich zuerst die simpelsten Hauptfakten, beispielsweise die Figur ist a) ein Söldner der b) in einer bestimmten Ebene joblos gestrandet ist. Ich verbinde das mit eine Grundgefühl, das die Figur hat (da gehen dann vielleicht nochmal so ein paar Andeutungen über die Figur mit hinein), und überlege mir, welches Gefühl ich mit der Beschreibung dieser Szene bei Leser auslösen will.
Allerdings ist das ganze direkt mit einem (inneren) Konflikt oder eine sonstigen Problem oder einer Aufgabe verbunden, und ich gucke auch, dass ich ein bisshen entgegen der Lesererwartung bleibe. Ich nehme eine Situation, die einerseits gut den Charakter der Figur zeigt, andererseits aber einen Aspekt von ihr transportiert, der nicht 0815 ist. Der Leser soll sich denken "Aha, jetzt reagiert der so und so, typisch, wenn die schon so anfängt", und es ist dann das Gegenteil oder besser noch etwas komplett Unerwartetes.
Im Prinzip nutze ich eine Mischung aus Minimalismus in der Informationsermittlung in Verbindung mit einem Gefühl (sowohl auf Seite der Figur als auch auf Seite des Lesers) und einem Konflikt oder Überraschungsmoment.
Die Frage ist interessant, aber ich denke, die Antwort ist wirklich einfach: Üben, üben, üben. Man kann als Autor viele Ratgeber lesen, Tipps von Autoren, die man gern liest berücksichtigen und reflektieren, wie man arbeitet und schreibt und das ist auch alles absolut sinnvoll, aber wenn man dann nicht schreibt – und zwar mit dem Mut, etwas Mittelmäßiges zu produzieren – wird man nicht besser im Erzählen werden. Ich halte die praktische Übung für sehr viel wichtiger, als theoretisches Wissen über das Schreiben, obwohl ich auch das für sehr wichtig halte. Ich würde das als 70% Übung und 30% theoretisches Wissen einteilen, denke ich.
Ich mache das daran fest, wie es mir persönlich ging, was sich natürlich auch von Person zu Person unterscheiden kann. Ich habe fast vier Jahre kaum ein Wort geschrieben (2011 – Ende 2014), aber mich mit dem Schreiben und Erzählen theoretisch trotzdem viel auseinander gesetzt. Ich habe in dieser Zeit gelernt, wie man vernünftig plottet, was überhaupt dieses Pacing ist, wie man interessante Figuren schreibt – aber Erzählen habe ich erst gelernt, als ich wieder angefangen habe, wirklich fast jeden Tag eine Seite zu schreiben. Vergleicht man meine Texte von heute mit denen von Ende 2014, das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht. Das kam sicherlich auch durch theoretisches Wissen über Schreiben als Handwerk, das ich mir angeeignet habe, aber ich bin ziemlich sicher, dass der wirkliche Umschwung durch's Schreiben selbst kam, durch's beinahe tägliche Üben.
Und natürlich durch eine absolut wichtige Einsicht: Dass es okay ist, etwas zu schreiben, das nicht perfekt ist oder Fehler hat oder überarbeitet werden muss. Nicht nur, weil man es in der Überarbeitung noch aufpolieren kann, auch, weil jedes geschriebene Wort Übung bedeutet, die einen voranbringt. Ein mittelmäßiger Text ist nicht wertlos, weil ich auf seiner Basis den nächsten Text besser erzählen werde. Sollte man sich im Gedächtnis behalten, weil es das Schreiben zu einer sehr viel positiveren, spaßigeren Angelegenheit macht. (Hier muss ich einfach
@BiancaS Danke sagen, weil ich das ohne sie wohl sehr viel später begriffen hätte.)
Ich glaube persönlich auch nicht an den Schriftsteller, der einfach schreiben kann, der eines Tages ein Dokument aufmacht und sofort ein perfektes Buch schreibt. Das halte ich für ein schönes Märchen, aber nicht für die Realität. Erzählen muss man hart lernen. Die einen mögen von Anfang an besser erzählen können, als die anderen, aber dafür kann der andere vielleicht von Anfang an bessere Figuren erschaffen, als der Erzähler. Aber am Ende muss natürlich für ein gutes Buch alles zusammenkommen und das muss man einfach lernen und üben und viel mehr kann man meiner Meinung nach auch gar nicht machen, um ein besserer Erzähler zu werden.
Zitat von: MaubelZuallererst schreibe ich die Geschichte, die hat schon mal Plot und Charaktere und mehr oder weniger Stil. Dann kommt die erste Überarbeitung und zwar nachdem das Buch für längere Zeit in der Schublade war, damit man einen möglichst unverfänglichen Blick drauf hat. Nun manche können das, manche nicht - aber es ist wichtig, das Buch möglichst objektiv zu sehen - Ich lese das Buch komplett und schreibe mir alles an den Rand, was mir dazu einfällt.
Das ist darüber hinaus denke ich auch ein sehr wichtiger Punkt: Kein Buch kommt wirklich perfekt im ersten Draft auf's Papier. Ich mag es immer gern, wenn Autoren, deren Bücher ich abgöttisch liebe, Einblick in den Entstehungsprozess des in meinen Augen perfekten Buches geben: Mein Lieblingsbuch im Moment ist ,,Six of Crows" von Leigh Bardugo. In meinen Augen absolut perfekt. Aber: Leigh hat darüber gesprochen, dass ihr erster Draft nur 30k hatte, dass mehrere weitere Drafts folgten (und nicht nur zwei oder drei), mehrere Überarbeitungen, bis das Buch stand, wie es jetzt ist. Und das ist Augen öffnend, wenn man sich anguckt, welche Arbeit hinter Büchern steckt, die man selbst für perfekt erzählt hält. Die kommen nicht einfach so aus der Feder. Da stecken mehrere Überarbeitungen und oft mehrere Rewrites hinter und oft jahrelange Arbeit.
Das ist eine Arbeitsweise, die ich für mich übernommen habe: Ich bin Rewriter. Ich schreibe einen zero draft, eine allererste unsaubere, hässliche Version, in der ich einfach die Geschichte erzähle und mich nicht drum kümmere, was geht, was nicht geht, was ich darf, was doof ist. Und wenn der steht haue ich ihn auseinander und schreibe from scratch das Buch noch einmal und baue einen guten Roman daraus. Diese Arbeitsweise funktioniert sicherlich nicht für jeden, aber es ist eine Arbeitsweise, die mir sehr hilft, den richtigen Ton zu finden und gut zu erzählen. Wenn ich die Geschichte erstmal im zero draft rausgehauen habe, kann ich im Rewrite nämlich drauf achten,
wie ich diese Geschichte erzähle – denn die Geschichte ist ja schon erzählt, da muss ich dann weniger drauf achten.
Zitat von: CaiylnIch halte Stil für absolut zweitrangig in der Genreliteratur. Ich halte es sogar für einen krassen Fehler, "zu gut" schreiben zu wollen.
Da bin ich bei dir. Gutes Erzählen ist für mich sehr viel weniger eine Stilsache, sondern eine Sache davon, wie gut man Sprache einsetzen kann, um das rüberzubringen, was man erzählen möchte. Der Still kann noch so gut sein, wenn der Autor es am Ende nicht schafft, mit ihm eine runde, packende Geschichte zu erzählen. Das sehe ich auch immer wieder: Perfekter, poetischer Stil, aber trotzdem kein in meinen Augen gelungener Text. Jemand mit sehr viel simpleren Stil, der dafür besser einschätzen kann, wie man mit Worten welche Situationen am besten einfängt, schreib meiner Meinung nach bessere Bücher.
Zitat von: Charlotte am 10. Juli 2016, 17:52:22
Das ist darüber hinaus denke ich auch ein sehr wichtiger Punkt: Kein Buch kommt wirklich perfekt im ersten Draft auf's Papier. Ich mag es immer gern, wenn Autoren, deren Bücher ich abgöttisch liebe, Einblick in den Entstehungsprozess des in meinen Augen perfekten Buches geben: Mein Lieblingsbuch im Moment ist ,,Six of Crows" von Leigh Bardugo. In meinen Augen absolut perfekt. Aber: Leigh hat darüber gesprochen, dass ihr erster Draft nur 30k hatte, dass mehrere weitere Drafts folgten (und nicht nur zwei oder drei), mehrere Überarbeitungen, bis das Buch stand, wie es jetzt ist. Und das ist Augen öffnend, wenn man sich anguckt, welche Arbeit hinter Büchern steckt, die man selbst für perfekt erzählt hält. Die kommen nicht einfach so aus der Feder. Da stecken mehrere Überarbeitungen und oft mehrere Rewrites hinter und oft jahrelange Arbeit.
Prinzipiell unterschreibe ich das [eigentlich auch] sofort, aber ...
Wir sind uns alle einig, dass Hemingways Satz "Frist draft of everything is shit" zu 100% zutrifft.
Ich schreibe einen Text, eine Szene, und wenn ich sie "im Kasten" habe, bin ich erstmal ein literaisches Wunderkind.
Bis ich es wieder hervorkrame, lese und davon überzeugt bin, dass mein Geschreibsel absoluter Horror ist und überarbeitet werden muss.
Und das passiert dann auch beim zweiten Mal. Und beim dritten Mal und beim vierten Mal und so weiter.
Und ich glaube, dass ist ein gar nicht mal so unwichtiger Punkt in der Erzählkunst: irgendwann einmal ein Stoppschild auf die Szene zu legen und zu sagen: Mehr werde ich daran nicht überarbeiten.
Und dann gibt es da noch das "Problem", wie der Leser den Text aufnimmt. Ich hatte einer SPlerin bei einer Lesung versprochen, dass ich ihr schon veröffentliches Buch in Ruhe durchgehe und ihr meine Anmerkungen zumailen werde, was sich handwerklich verbessern lässt.
Ich habe angefangen und bin mit dem Schreibstil nicht gerade glücklich. Mir zum Beispiel fehlen viele Details. Ich bin ein Freund von Details, weil sie in meinem Kopf für die richtige Atmosphäre sorgen, und wenn man alle 5 Sinne anspricht, dann habe ich eben mein Kopfkino.
Bei ihrem Schreibstil fehlt es mir.
Aber: das Buch hat sehr viele positive Resonanzen gerade wegen des schnellen Schreibstils.
Ergo: andere Leser, andere Geschmäcker.
Ich behaupte mal: Sie kann erzählen, ich kann erzählen, aber weil wir beide so unterschiedliche Stile haben, werden sie und ich je ein anderes Leserpublikum ansprechen.
Zitat von: FeuertraumIch schreibe einen Text, eine Szene, und wenn ich sie "im Kasten" habe, bin ich erstmal ein literaisches Wunderkind.
Bis ich es wieder hervorkrame, lese und davon überzeugt bin, dass mein Geschreibsel absoluter Horror ist und überarbeitet werden muss.
Und das passiert dann auch beim zweiten Mal. Und beim dritten Mal und beim vierten Mal und so weiter.
Und ich glaube, dass ist ein gar nicht mal so unwichtiger Punkt in der Erzählkunst: irgendwann einmal ein Stoppschild auf die Szene zu legen und zu sagen: Mehr werde ich daran nicht überarbeiten.
Ja, das finde ich auch total wichtig! Da muss man auch schauen, dass man auf die Zweifel nicht so sehr hört. Es gibt ja einen Unterschied, ob man berechtigt etwas, das man geschrieben hat, nicht gut findet, oder ob man sich selbst einredet, dass etwas totaler Mist ist und vielleicht stimmt das gar nicht. Ich glaube, Testleser sind total essentiell, weil sie den Text natürlich anders sehen als man selbst und einem objektiver sagen können, was wirlich nicht so gut gelungen ist und wo man sich vielleicht nur einredet, dass es nicht gelungen ist. Aber auf jeden Fall muss man irgendwann lernen abzuschätzen, wann es genug ist, auf jeden Fall.
Zitat von: FeuertraumIch schreibe einen Text, eine Szene, und wenn ich sie "im Kasten" habe, bin ich erstmal ein literaisches Wunderkind.
Bis ich es wieder hervorkrame, lese und davon überzeugt bin, dass mein Geschreibsel absoluter Horror ist und überarbeitet werden muss.
Und das passiert dann auch beim zweiten Mal. Und beim dritten Mal und beim vierten Mal und so weiter.
Und ich glaube, dass ist ein gar nicht mal so unwichtiger Punkt in der Erzählkunst: irgendwann einmal ein Stoppschild auf die Szene zu legen und zu sagen: Mehr werde ich daran nicht überarbeiten.
Ich kann da wiederum nicht ganz zustimmen. Ja, der erste Draft ist Shit, gibt aber einige Glanzmomente. Ich kann das beim Lesen auch gut unterscheiden. Auch beim Überarbeiten merke ich, was noch nicht funktioniert und was durchaus doch schon ganz gut ist - nicht perfekt, nein, aber auch nicht Horror. Den ersten Draft gibt es aber von mir nicht zu lesen, weil ich mich da noch zu vielem schämen würde. Den zweiten Draft, nach dem ich Plot und Charaktere gerade geschoben habe und auch schon (wenn auch eher stichprobenartig) im Stil zu Werke war, der darf zu den ersten zwei Testlesern und das ist noch bevor ich den Stil aufpoliert habe. Dieser Line-Edit, der kommt nämlich bei mir erst ganz zum Schluss, aber noch vor dem allerletzten Testleser.
Worauf ich aber hinaus will, ist, dass die folgenden Drafts bei mir nicht mehr die Wunderkind-Horror Transformation durchmachen. Ich merke, dass es immer besser wird und wenn ich es noch mal lese, finde ich immer weniger Ansatzpunkte. Erst wenn ich an den Punkt komme, wo ich essentiell nur noch Worte rumschiebe und es weder verbessere noch verschlechterer, dann ist es für mich fertig und für den Moment meiner literarischen Erfahrung das BEste, was ich hinkriege. Wie Charlotte sagt, helfen Testleser da auch besonders, eine Relation für zu bekommen.
Zitat von: Maubel am 10. Juli 2016, 19:03:32
Ich merke, dass es immer besser wird und wenn ich es noch mal lese, finde ich immer weniger Ansatzpunkte. Erst wenn ich an den Punkt komme, wo ich essentiell nur noch Worte rumschiebe und es weder verbessere noch verschlechterer, dann ist es für mich fertig und für den Moment meiner literarischen Erfahrung das BEste, was ich hinkriege. Wie Charlotte sagt, helfen Testleser da auch besonders, eine Relation für zu bekommen.
Von der Seite habe ich es noch gar nicht betrachtet. Das probiere ich auch mal aus,
@Maubel. Danke für den Tipp :D :knuddel: