Wenn ich eine Romanreihe oder einen Mehrbänder schreibe, neige ich dazu, mit der Jugned der Protagenten zu beginnen und sie quasi in die Geschichte hineinwachsenzu lassen. Ich habe dergleichen in vielen Fantasy-Büchern getroffen, bin mir aber nicht sicher, wie die Leser reagieren, die in ein Buch hineinlesen und gleich zu Anfang erst einmal auf ein Kind oder einen Jugendlichen treffen.
Vielleicht empfinden sie das ja als lästige Vorgeschichte und wollen lieber gleich in die Haupthandlung.
Andererseits ist manche Haupthandlung erst verständlich, wenn man die Vorgeschichte kennt.
Wie handhabt ihr das, und weiß jemand, ob es dazu irgendwelche Untersuchungen und Veröffentlichungen gibt?
Hm, also in meiner aktuellen Duologie starte ich auch mit einem Ausschnitt aus der Kindheit der Protagonisten, und das würde ich nicht missen wollen. Die ganze Entwicklung der Charaktere und die Tragik ihrer Lebensgeschichte würde sonst vermutlich gar nicht deutlich werden.
Ich denke, dass es nicht um Kinder oder Jugendliche, sondern Erwachsene geht, dürfte ja aus dem Klappentext des Romans ersichtlich werden, eine Irreführung ist also unwahrscheinlich.
Ich für meinen Teil finde solche Einführungen sehr spannend, gerade, wenn die Entwicklung der Figuren im Vordergrund steht. Der Einfluss der Familie, der Biographie oder der Lebensumstände auf die Persönlichkeit eines Charakters interessiert mich aber schon von Berufs wegen, deswegen bin ich da vielleicht auch nicht objektiv. ;)
Andererseits kann es auch spannend sein, die Vorgeschichte der Person erst im Laufe der Handlung zu ergründen, d.h. man startet mit einer erwachsenen Figur und der Leser muss sich erst langsam vortasten, wie diese Person so geworden ist, wie sie ist. Ich denke, beides hat seinen Reiz, die Frage ist, worauf der Fokus liegt.
Eine allgemeine Untersuchung oder Veröffentlichung dazu kenne ich aber leider nicht.
Also ich finde, das kommt ganz auf die Geschichte an. Es gibt Geschichten, wo die Jugend wichtig ist, zum Beispiel, weil das auslösende Ereignis (der Orkangriff, der die Familie tötete z.B.) in der Zeit stattfindet oder weil die Geschichte Charakterfokus hat (im Gegensatz zum Plotfokus) wie z.B. die Weitseher Chroniken. Da dreht sich die Geschichte nun einmal um diesen einen Charakter und dessen ganzes Leben und die Weichen werden nun mal durch Ereignisse in der Kindheit/Jugend gelegt. Da wird er aber auch erst Ende von Band 1 "erwachsen", es ist also eine sehr lange "Vor"Geschichte.
Mit der Jugend zu beginnen, macht meiner Meinung nach nur Sinn, wenn während der Jugend eine Geschichte erzählt werden kann. Wenn es sich also dabei nicht nur um eine Vorgeschichte handelt, um mir zu erklären, warum der Charakter jetzt so ist, wie er in meinem Hauptplot sein soll. In dem Fall schreibe ich lieber im Jetzt und blicke auf gewisse Episoden oder Gegebenheiten zurück, bzw. lasse den Charakter sich erinnern (manchmal nur ein Satz, selten ein richtiges Flashback).
Es gibt in der Hinsicht für mich drei Möglichkeiten.
1. Wir beginnen in der Kindheit/Jugend mit einem einschlägigen Ereignis, dass die Welt des Protas auf den Kopf stellt und den Plot einleitet. Dieser Vorsprung ist kurz (ein Kapitel meist) und es gibt einen richtigen Zeitsprung.
2. Wir beginnen in der Kindheit/Jugend und erzählen einen Plot mit diesem jugendlichen Charakter. Dabei wächst er und lernt und entwickelt sich. Dabei wird er auch Stück für Stück erwachsen. Die Jugendzeit ist sehr ausgedehnt, hat ihren eigenen Spannungsbogen/Events und geht fließend zum erwachsenen Charakter über. Es geht nicht um den erwachsenen Charakter, sondern um den Charakter als ganzes, der eben am Anfang noch ein Kind ist und am Ende nicht mehr.
3. Wir beginnen im Erwachsenen Alter und reflektieren hin und wieder über die Vergangenheit. Das kann mehr (Traum, Erinnerung, Flashback) oder weniger (Gedanken, Zusammenhänge, Dialog) sein.
Als Leser hat mich weder das eine noch das anderen je irritiert. Das kommt dann wirklich darauf an, ob derjenige seinen gesamten Text spannend hält und wie sehr er in seinen Charakter zu allen Lebensstadien investiert ist.
Ach, schwierig...
Ich als Schreiberin würde allzu gerne mit der Vorgeschichte anfangen, schließlich will man den spannenden Hintergrund nicht "umsonst" ausgetüftelt haben und stolz herumzeigen! Allerdings wäre ich da zu gehemmt, es wirklich so zu realisieren, da ich auch Sorge hätte, dass es sich zu sehr zieht und die eigentliche Handlung in den Hintergrund rückt.
Mich erinnert das immer stark an "Das Lied der Dunkelheit", in dem der Protagonist seit seiner Kindheit begleitet wird. Das hat am Anfang auch gut geklappt, da seine Entwicklung und er als Person im Mittelpunkt steht und die Geschichte als Schicksalsbericht sehr gut funktioniert. Beim zweiten Band ist es meines Erachtens nach weniger gelungen: Ein zweiter Protagonist wird eingeführt, dessen Werdegang von Jugend an in den Fokus gerückt wurde. Da fehlte mir der rote Faden, die eigentliche Geschichte, die einen stärkeren Bogen zum ersten Band hätte spannen können.
Wenn der Roman von dieser einen Figur handelt und seine Reise durch das Leben die eigentliche Geschichte ist, dann finde ich es gut, wenn mit der Jugend gestartet wird. Steht jedoch ein Plot im Mittelpunkt, würde ich eher dazu tendieren, auch mit dem zu starten.
Ich stimme Maubel zu: wenn es tatsächlich eine interessante und in sich geschlossene Geschichte gibt, die man erzählen kann, dann kann man das schon als Einstieg nehmen. Für mich wäre noch wichtig dass es in diesem Teil dann nicht nur um den Charakter und seine Entwicklung geht, sondern, dass man auch die anderen Konflikte der eigentlichen Handlung schon irgendwie andeutet und verknüpfte - also zB wenn es um eine Revolution geht den jungen Prota mit den Hintergründen der Revolution, den gesellschaftlichen Problemen konfrontieren.
Ansonsten ist es denke ich Geschmackssache, ob man so einsteigen will, oder lieber direkt in die Handlung. Kann auch von Projekt zu Projekt variieren.
Also rein als ziemlich wählerischer Leser:
Für mich muss das direkt mit dem Plot zu tun haben. Charakterfokus lasse ich insofern nicht gelten, als dass einige der besten Geschichten allerzeiten im Wesentlichen Charakterstudien sind (Citizen Kane, Scarface) und trotzdem nicht bei den langweiligen ersten vier Jahren der Kindheit ansetzen. Bei Kane wird das erwähnt und sogar gezeigt - aber in einer Rückblende, nach einigen Minuten Film.
Wenn in der Jugend etwas passiert, das direkt den Plot beeinflußt ist das okay. Wenn, sagen wir mal, der Protagonist der Auserwählte ist oder ein Prinz oder sonstwas und das unbedingt notwendig ist für später, weil eben nur ein Prinz das Land retten kann. Immer noch ein blöder Grund, aber ein Grund. Es nicht zu erwähnen würde wie ein ziemlich lahmer Plottwist wirken.
Wenn es nur gemacht wird, um "ein vollständiges Bild des Charakters" zu zeichnen, finde ich das blöd und werde sauer. Dann lege ich das auch weg. Eine gute Geschichte setzt mit der Action ein, nicht[b=https://de.wikipedia.org/wiki/Ab_ovo]mit dem Ei[/b]. Und wenn der Charakter mir nicht während der Haupthandlung verständlich wird, dann ist der Charakter entweder schwach gestaltet oder die Haupthandlung zu überarbeiten. Eine Geschichte kann man, wenn man wirklich will, über fast alles erzählen mit fast allem. Das ist für mich kein Grund, ein paar Dutzend Seiten belanglose Vorgeschichte zu zeigen.
Punktum: I
Als Leser bevorzuge ich Bücher, in denen es nicht ausschliesslich um die Jugendzeit geht. Wenn der Charakter am Ende das wesentliche Alter erreicht hat (oder vorher) würde ich eine Reihe bevorzugen. Trilogien, bei denen der Protagonist in 3 Bänden altert und dazu lernt, finde ich nicht so spannend.
Wichtig finde ich, dass der Protagonist in dieser Zeit eng mut dem Hauptkonflikt verbunden ist. Zum Beispiel ein Konfliktmuster, das zu Beginn und gegen Ende des ersten Bandes unterschiedlich gelöst werden (aufgrund der Erfahrungen, die er/sie machte).
Oder durch die Vorgeschichte entwickelt der Protagonist eine Eigenschaft, die ihm im Verlauf der Haupthandlung des ersten Bandes entgegen steht. Das als richtig erlernte Verhalten muss abgelegt / umgedreht werden, um den Hauptkonflikt des ersten Bandes lösen zu können.
Als Autor würde ich solch eine Vorgeschichte als Rätsel einbauen, dass der Leser entschlüsseln muss. Andeutungen, Rückblenden, Alpträume oder die entgegen gesetzten Einschätzungen zweier Personen (eine, die den "alten" Prota kannte, eine, die nur den "neuen" Prota kennt) wären Aufhänger, mit denen ich da vermutlich arbeiten würde.
Zitat von: Maubel am 03. Juni 2016, 10:27:50
Mit der Jugend zu beginnen, macht meiner Meinung nach nur Sinn, wenn während der Jugend eine Geschichte erzählt werden kann. Wenn es sich also dabei nicht nur um eine Vorgeschichte handelt, um mir zu erklären, warum der Charakter jetzt so ist, wie er in meinem Hauptplot sein soll. In dem Fall schreibe ich lieber im Jetzt und blicke auf gewisse Episoden oder Gegebenheiten zurück, bzw. lasse den Charakter sich erinnern (manchmal nur ein Satz, selten ein richtiges Flashback).
Das sehe ich auch so. Ich bin da generell aber auch kein großer Fan von. Lange Vorgeschichten stören mich eher so sehr, dass ich solche Bücher gar nicht erst lese. In meinem aktuellen Buch hat der Protagonist auch eine Vorgeschichte, die für den Plot relevant ist und seine Kindheit zeigt, warum er jetzt so ist, wie er ist, und das wirkt teilweise schon etwas seltsam. Ich steige aber direkt dort ein, wo der interessante Plot beginnt, und zeige währenddessen durch seine Reaktionen und seine Erinnerungen, was damals passiert ist, parallel dazu, dass er das im Hauptplot auch für sich selbst aufarbeitet. Wenn ich mit seiner Kindheit einsteigen würde, würde ich das Problem sehen, dass mein Leser keinen Grund hätte, sich für ihn als Kind zu interessieren. Den hätte er erst, wenn er später sieht, wie er als 20jähriger ist, dann fände er vielleicht auch seine Kindheit interessant, aber mitten im Buch die Handlung für 200 Seiten Rückblende zu unterbrechen ist eine sichere Strategie, den Leser dazu zu bringen, das Buch abzubrechen.
Das ist eben auch mein Problem mit den meisten Büchern, die mit der Kindheit oder Jugend einsteigen. Sie zeigen zwar, wie der Protagonist später so geworden ist, wie er ist, aber ich weiß ja nicht, wie er denn mal werden wird und insofern interessiert mich auch seine Kindheit nicht sonderlich. Das sind für mich nur viele, viele Seiten, die mich von der eigentlich interessanten Handlung trennen. Ganz provokativ: Ein guter Autor kann die Vorgeschichte und Kindheit seiner Figuren auch in der Haupthandlung unterbringen, ohne dass es stört, und manche Informationen hat man sich vielleicht sorgsam ausgearbeitet, aber sie sind später einfach nicht mehr relevant und müssen so auch nicht unbedingt ins Buch. Wenn meine Haupthandlung nur verständlich ist, wenn ich dem Leser vorher drei Bände Vorgeschichte antue, dann sollte ich meine Haupthandlung dringend überarbeiten. Das fühlt sich sonst einfach an, als müsste ich vor dem nächsten Star Trek Film erstmal drei Sachbücher zum Thema wälzen, um den Film überhaupt verstehen zu können. Dann lieber den Film so ändern, dass man alles Wichtige intuitiv versteht. Also sollte man als Autor meiner Meinung nach schon einen verdammt guten Grund haben, weshalb man so weit ausholt, und die Entwicklung der Figur oder die Vermittlung von Informationen, die später noch ganzganz wichtig werden, sind für mich einfach keine Gründe, denn das kann ich auch in der Haupthandlung unterbringen und warum sollte ich dann noch einmal 200 Seiten vor die eigentliche Haupthandlung schieben? Meiner Meinung nach geht so etwas also nur, wenn die "Vorgeschichte" zur Haupthandlung gehört und nicht, wenn sie sie lediglich einleitet oder vorbereitet oder andeutet oder erklärt.
Als Leserin bevorzuge ich auch kurze Vorgeschichten. Wenn die eigentliche Handlung erst im Erwachsenenalter des Protagonisten losgeht und Kapitelweise seine Jugend und seine Kindheit davor aufgerollt wird, finde ich es eher langweilig. Natürlich prägt diese Zeit einen Menschen sehr und wenn es wichtige Schlüsselmomente gab, sollten sie auch eingebaut werden, weil - wie es schon so schön gesagt wurde - man sich als Autor ja gerne eine spannende Vorgeschichte ausdenkt, die die Handlungsweise des Protagonisten erklärt.
In diesem Fall bin ich aber auch ein großer Fan von Flashbacks. Parallel zur Geschichte, wird noch eine andere Geschichte erzählt, die meistens Ausschnitte aus dem Leben des Protagonisten behandeln und der Leser kann sich so alles schön zusammen puzzeln. Ich persönlich finde das als Leserin sehr spannend, und beim Schreiben baue ich solche Flashbacks auch gerne ein.
Aber wie bei allem kommt es auf die Geschichte, die Protagonisten und auch auf die Dosierung der Kindheit-Jugend-Momente an.
Es kommt darauf an - je nach Kultur und Welt, in der das Ganze spielt, ist ja bereits die Definition von "Jugend" oder "Kindheit" fließend.
Gerade bei auf historischen Epochen wie dem Mittelalter, der Antike etc. aufbauenden Fantasygeschichten, egal ob eigene Welt oder historische Fantasy, sind die Menschen mit 12 oder 15 teilweise bereits erwachsen bzw. werden zumindest von der Umwelt so wahrgenommen und müssen bereits erwachsene Entscheidungen treffen, die einen großen Einfluss auf die Handlung / ihr Leben haben und für die sie noch gar nicht seelig ausreichend gereift sein können.
Zum Vergleich:
Bei den Juden gelten Mädchen mit 12, Jungen etwas später als volljährig, d.h. religiös selbstbestimmt. Ab diesem Alter durften die Jugendlichen dann in der alten Gesellschaft bereits heiraten, mussten Familien mitversorgen und hatten weitreichende und verantwortliche Aufgaben.
In der römischen Gesellschaft durften Mädchen ebenfalls ab dem Alter von 12 verheiratet werden - und mussten dann innerhalb kürzester Zeit in der Lage sein, einen komplexen Haushalt mit Sklaven, Angestellten, zahllosen Familienmitgliedern, Klienten des Ehemannes etc. mitmanagen. Jungen mussten viel lernen und sich auf eine Laufbahn im Militär oder als Beamter vorbereiten.
Unter den einfacheren Römern erlernten die Jugendlichen frühzeitig einen Beruf.
Und das ließe sich beliebig fortsetzen.
Heißt für die konkrete Frage: Wo stehen deine Jugendlichen/Kinder? Wie viel Verantwortung müssen sie bereits übernehmen und wie erwachsen sind die Handlungen, die sie in jungen Jahren bereits ausführen müssen? Je behüteter sie aufwachsen, desto irrelevanter (da langweiliger).
(Ich werde bei meinem aktuellen Projekt vermutlich mit einer zwölfjährigen Römerin beginnen, weil sie in diesem Alter heiratet und die Verlobung und Ehe weitreichenden Einfluss auf den Plot haben und es relevant ist, wie sie sich verändert. Wenn ich aber eine moderne Geschichte in unserer Zeit erzählen will, in der eine Protagonistin als Erwachsene irgendeine fantastische Queste erfüllen muss, dann interessiert es niemanden, was die als Sechstklässlerin mit ihren Freundinnen beim gemeinsamen Nägellackieren gesagt hat, um es mal ganz klischeehaft auszudrücken :D ).
Zitat von: FeeamPC am 03. Juni 2016, 10:12:58
Ich habe dergleichen in vielen Fantasy-Büchern getroffen, bin mir aber nicht sicher, wie die Leser reagieren, die in ein Buch hineinlesen und gleich zu Anfang erst einmal auf ein Kind oder einen Jugendlichen treffen.
Der eigentliche Haken an der Sache ist, dass man damit mehr oder weniger automatisch in ein anderes Genre reinrutscht. Man hat also immer einen Bruch zwischen den Bänden - ich würde nicht darauf wetten, dass das funktioniert.
Persönlich bin ich kein Freund davon und mache es auch nicht.
FeemPC
Wenn ich das richtig verstanden habe, geht es dir nicht darum eine Vorgeschichte zu schreiben, sondern die Geschichte früher beginnen zu lassen. Das würde ich auch voraussetzen, so dass der Plot, welcher in der Jugend spielt, ein Plot für sich darstellt. Wie andere schon gesagt habe, müsste es sicherlich einen Spannungsbogen geben, der über den ersten Band hinaus reicht. Aber an sich habe ich gar nichts gegen ein Erwachsenenbuch, das aber von einem Jugendlichen handelt.
Ich hatte ja bei meinem jetzigen Projekt ähnliche Bedenken. Meine Prota ist 17 Jahre alt, und ich hatte Angst, dass Leser dies bezüglich Genre in die Irre führen könnte. Wenn die Geschichte aber in einer Welt / Zeit spielt, in welcher junge Menschen bereits mit 16 ein härteres Leben führen, dann ist das für Erwachsene doch genauso spannend. Gerade bei Fantasy, das ans Mittelalter angelehnt ist oder auch bei Historienromanen, geht man normalerweise davon aus, dass junge Menschen anders sind als unsere Teenies in der Gegenwart. Da wird es nicht um Tratsch und Kichereien gehen, ebensowenig um die Sorge, ob der Lehrer mit einem schimpft. Meist wird ein Jugendlicher aus einer früheren Zeit rascher in eine harte, erwachsene Welt geworfen, wo es ums echte Überleben geht. Und das wäre auch mein Anspruch an ein Erwachsenenbuch mit einem jugendlichen Prota. Die zentralen Themen dürfen sich nicht nur Teenie-Geplänkel drehen, sondern müssten fest zur erwachsenen Welt, in welcher das Buch steht, Bezug nehmen.
Es gibt viele Bücher, in denen Protagonisten einen langen Teil von der Kindheit erhalten. Bei Rebecca Gablé gibt es das ab und an. Auch bei Bernard Cornwell. Als ich den ersten Band der Uhtred-Saga gelesen habe, war der Protagonist 7 und am Ende 13 Jahre alt, wenn ich mich recht entsinne. Mir ist das im Buch gar nicht aufgefallen, weil die harte Welt der Dänen im 9. Jahrhundert nunmal keine Welt für einen kleinen Jungen ist. Natürlich hatte der Prota kindliche oder vorpubertäre Gefühle und Gedanken. Aber man hat während des Schreibens immer gemerkt, dass das Buch für Jugendliche oder gar Kinder gänzlich ungeeignet ist.
Also ich würde das Buch so schreiben, wenn du einen guten Plot dazu hast. Und ich würde einfach versuchen, typische Themen für Teenager so gut es geht wegzulassen und vor allem die Interaktion mit der Erwachsenenwelt in den Fokus zu stellen. Was mir als einziges nicht so gefällt, sind jene Geschichten, in denen ein junger Prota quasi seine Lehr- und Mentorenzeit absolviert. So das typische Beispiel: Wie wurde Pyp zum mächtigen Zauberer? So was in der Art. Das fällt dann für mich in die Kategorie langweilige Klischees. Ist aber auch Geschmacksache.
Wenn du am Ende merkst, dass es doch eher eine Vorgeschichte zur superduperguten Geschichte ist, dann kannst du das Buch immer noch als Prequel aufheben und es später herausbringen. Dann hättest du es nicht umsonst geschrieben.
Meine "Vorgeschichte" hat zwei Erzählstränge.
Im ersten startet sie mit der Geburt eines Königssohnes durch eine Konkubine- worauf die eifersüchtige Ehefrau versucht, die Konkubine zu vergiften. In einer entsprechend mörderischen Palast-Umgebung wächst der Junge auf und wird im Laufe eines halben Buches erwachsen.
Im zweiten Strang wird ein Bauernjunge von einem Zauberer "gekauft" und soll als Zauberer ausgebildet werden- was für die Schüler zu 99% tötlich endet, und das restliche 1% tötet seinerseits den alten Meister. Auch der wird zur Buchhälfte (fast) erwachsen, und ungefähr dort treffen sich die beiden Protas, werden Freunde und versuchen, gemeinsam am Leben zu bleiben. Hier beginnt dann auch der Hauptplot, der anfangs nur im Hintergrund angedeutet wurde, und der sich über die zweite Hälfte des ersten Bandes und die nächsten beiden Bände erstreckt, natürlich immer mit Unterplots, die im jeweiligen Band abgeschlossen werden.
Ich bin einfach nur nicht sicher, ob ich die erste Hälfte des ersten Buches den Schwerpunkt auf den beiden Kindern/Jugendlichen lassen kann, oder ob ich da mehr aus der Erwachsenenwelt drumherum einbauen soll, um den Lesern nicht trotz Mord und Totschlag fälschlich den Eindruck eines eher "jugendlichen" Buches zu geben. Noch könnte ich ergänzen ...
Außerdem wäre es natürlich trotzdem interessant, ob es zu diesem Thema Untersuchungen irgendwo gibt. Vielleicht stolpert ja mal jemand unter euch über so etwas.
@FeeamPC: Was du beschreibst hört sich zumindest für mich so an, als könnte man das auch als Hintergrund in den Hauptplot mit einflechten, also mit dem Aufeinandertreffen der beiden beginnen und dann nach und nach ihren Hintergrund erläutern. So würde ich es zumindest machen, aber ich kenne dein Buch ja nicht und habe da beim Schreiben wahrscheinlich auch einen anderen Fokus als du.
Bezüglich Studien habe ich mal kurz Google Scholar angeworfen, aber da kommt nicht viel bei rum. Die meiste Forschung zu Literatur ist wahrscheinlich einfach eher geisteswissenschaftlich und das sagt dann natürlich quantitativ nichts darüber aus, was wo besser ankommt.
Wenn ich das in den Hauptplot einflechte, kommt es zu ziemlich großen, hässlichen Rückblenden. Das ist also keine Option. Was ich machen könnte, ist das, was ich schon angesprochen habe: Die Welt der Erwachsenen um die beiden Kinder herum zu verstärken, damit der Eindruck eines Erwachsenen-Buches deutlicher wird.
Fee, da sprichst du etwas an, was mich umtreibt. Ich lese sehr gerne Bücher mit Kinder- oder Jugendhelden für Erwachsene. Die Fitz-Geschichte von Hobb oder Half a King von Abercrombie wären ein Beispiel. Die Belgariad Saga, ach so viele, aber das sind amerikanische Autoren, die dürfen das wohl.
Ich würde das zu gern schreiben, denke auch, dass es Leser dafür geben würde, aber wird das in D vermarktet?
Also ich denke, dass die Art, wie beide aufwachsen, genügend "unerwachsen" ist, um es nicht als Jugendbuch zu verstehen. Ich hätte eher Mühe mit dem Schluss. Du schreibst, sie treffen sich. Das ist schon mal schön, weil sie ja sehr unterschiedlich sind, aber als Gemeinsamkeit ihre harte Kindheit haben. Aber das ergibt ja noch keinen eigentlichen Schluss einer Geschichte. Wenn du den Mut hast, das Buch ohne Umschweife als Mehrteiler anzulegen, dann ist das natürlich in Ordnung. Aber wenn du ein Debut schreibst (sorry, ich bin gerade nicht informiert, ob du schon was publiziert hast), dann würde ich davon abraten. Dann wäre es schon besser, wenn das Buch auch für sich alleine stehen könnte. Die Frage ist dann, worauf es ausser auf ihre Freundschaft noch hinauslaufen könnte.
Eine Idee dazu wäre: Die beiden müssen irgendwie darum kämpfen, um sich aus ihrem "Gefängnis" zu befreien. Und durch einen Zufall können sie sich gegenseitig dabei helfen, das letzte Puzzlestück für ihre Freiheit zu finden. Irgend sowas vom Prinzip her. ;)
Der Schluss ist zwei Bücher später, das ist alles fertig, die Trilogie knabbert nur noch an ihrem Einstieg. Und in Band 1 ist der - vorläufige - Schluss, dass beide an einem entscheidenden Punkt ihrer Laufbahn angekommen sind, ohne wirklich damit glücklich zu sein, obwohl sie oberflächlich gesehen eigentlich jubeln müssten, weil sie etwas heiß ersehntes/hart umkämpftes erreicht haben.
In der amerikanischen Literatur sind Geschichten, die mit einem jugendlichen oder kindlichen Prota starten, oft coming-of-age-stories und damit meist dem teenager = young adult Genre zugeordnet.
Das geht und spricht auch durchaus Erwachsene an. Hab das auch in einem Buch, daran hat sich keiner gestört.
Generell außerhalb des Fantasygenres ist es sowieso schon fast normal, aber auch im Fantasy Bereich gibt es das hin und wieder (Marion Zimmer Bradley fällt mir da ein).
Marion Zimmer Bradley hat das ganz oft so gemacht. Die Feuer von Troja sind ein gutes Beispiel dafür, oder Herrin der Falken. Ich persönlich arbeite auch gern mit Rückblenden, weil es, wenn es sich nicht gut einfügt, sonst die Geschichte langatmig macht. Dafür auch ein Beispiel: der Film Maleficent. Die Vorgeschichte nimmt 45 Minuten ein, erst dann hat man das Gefühl, die Handlung beginnt. Sehr schade, denn dadurch gähnt man sich durch eine eigentlich tolle Idee. Hätte man hier mit Rückblenden gearbeitet, hätte das ein richtig toller Film werden können. Wie man es macht, hängt vor allem davon ab, ob die Vorgeschichte an sich schon Handlung ist oder die Handlung nur einläutet. Wäre meine These dazu.
Ich fange mit der Jugend nur dann an, wenn da etwas Plotrelevantes passiert. Ansonsten setze ich voraus, dass meine Figuren auch irgendwann mal eine Kindheit hatten. Wenn ich eine Trilogie schreibe, habe ich üblicherweise eigentlich vor, einen Einteiler zu schreiben, der dann irgendwann den Rahmen sprengt und zur Trilogie erklärt wird, ich fange also nicht an mit der Prämisse "Ach, ich hab viel Platz, fängst du mit der Geburt an".
Bei meinen "Schattenklingen" habe ich in den ersten Kapiteln meine Hochelfen als Kinder, weil das die Zeit ist, in der Amadis' Eltern niedergemetzelt werden und er in die Königsburg kommt, also durchaus eine plotrelevante Entwicklung, und wie sich Amadis und Landras kennenlernen, ist durchaus von Bedeutung für den Rest der Geschichte. Das habe ich also geschrieben, unabhängig vom geplanten Umfang, einfach weil ich es als Teil der Geschichte betrachte.
Bei den "Fälschern", die auch zur Trilogie geworden sind, habe ich hingegen nur einen ziemlich kurzen Prolog, in dem Tymur als Achtjähriger einen Gastauftritt hat, und setze danach fünfzehn Jahre später ein, wo alle meine Hauptfiguren als Erwachsene zählen. Natürlich sind in der Zwischenzeit Dinge passiert. Tymur hat mit dem Morden angefangen, Kevrons Bruder ist ermordet worden, aber irgendeine Vergangenheit hat jeder, und ich mache einen Roman nicht besser, indem ich bei Adam und Eva anfange. Irgendwo muss man den Cut setzen, und es ist möglich, Figuren einzuführen, ohne dass der Leser sie schon in den Kindergarten begleitet hat. Ein Kapitel mittendrin, das nochmal in Tymurs Kindheit angesiedelt ist, fliegt darum gerade beim Überarbeiten raus bzw. wird zum Prolog des zweiten Bandes, weil dort Dinge passieren, die auf diesem Kapitel aufbauen. Aber im ersten Teil stört es sonst nur.
Und als Leser, insbesondere wenn ich ein dickes oder mehrteiliges Werk in Angriff nehme, will, dass es mit Handlung beginnt. Ich gewinne die Figuren nicht lieber, wenn ich sie durch die gesamte Schullaufbahn und Ausbildung begleite, sondern ich will, dass der Autor in den Quark kommt. Der Protagonist macht während seiner Magierausbildung den entscheidenden Fehler und teleportiert versehentlich seinen besten Freund ins Nirva, der dann vierzehn Jahre später und keinen Tag gealtert wieder auftaucht? Dann kann man diese eine Szene als Prolog nehmen und ansonsten da einsetzen, wo der Verschwundene wiederkommt. Aber man muss nicht auch noch miterleben, wie sich der Held auf seine Aufnahmeprüfung vorbereitet, die Prüfüng besteht, die Mitschüler kennenlernt, sieben Jahre Harry Potter für Arme mitmacht, wenn eigentlich nur diese eine Szene relevant ist und die eigentliche Handlung dann kommt, wenn er lang erwachsen ist.
Mich interessiert die Kindheit der Helden nicht. Das heißt nicht, dass sich ein Autor keine Gedanken darüber machen sollte, wie die Figuren als Kinder waren, und ich habe auch kein Problem damit, wenn relevante Szenen z.B. in Form von Rückblenden vorkommen. Aber ich lerne sie lieber als gewachsene Charaktere kennen denn als Kinder und Jugendliche, weil das die Form ist, in der ich den Großteil der Zeit mit ihnen verbringen werde. Auch wenn ein Buch mehrere Teile hat, muss man nicht wertvolle Seiten und die Geduld des Lesers verplempern, indem man den ERzähleinstieg Jahre vor der eigentlichen Handlung ansiedelt.