0 Mitglieder und 1 Gast betrachten dieses Thema.

  • Drucken

Autor Thema: Wie viel (Voraus-)Planung braucht eine Buchreihe? Was tun als Discovery Writer?  (Gelesen 774 mal)

Offline Nikki

  • Blaustern
  • *****
  • Beiträge: 1.589
  • Teufelchen auf Wolke, das Pronomen nicht mag
Ich glaube, ich habe als Discovery Writer angefangen und bin während des Schreibens zu einer Plotterin geworden. Ich kann zumindest von meinen anfänglichen Erfahrungen erzählen, als ich meine Monster-Serie (der Name rührt nicht nur von den Figuren, sondern auch vom Umfang her ...) begonnen habe.

Innerhalb von 4 Jahren habe ich die gesamte Geschichte (550.000 Wörter) heruntergeschrieben. Einfach drauf los, maximal auf Rechtschreibung und Grammatik überprüft, bevor ich sie kapitelweise Freund*innen zum Lesen ausgehändigt habe. Scheinbar wusste ich im Vorfeld genau, wie viele Kapitel es geben wird und wie diese heißen werden - womit der inhaltliche Schwerpunkt bereits feststand. Die Charaktere haben sich nebenbei ergeben. Ich hatte zwar ein von Anfang an festgelegtes Stammpersonal, aber wenn die Handlung eine*n neue*n Antagonist*in oder Helferlein gebraucht hat, habe ich die einfach dazu geschustert. Das hat man gemerkt. Diese Figuren waren einzig und allein auf ihre Funktionen begrenzt und hatten so gut wie keine Persönlichkeit.

Ich stecke nun inmitten der Überarbeitung jener Urversion drinnen und kann mich glücklich schätzen, dass ich trotz dieser schier endlosen Geschichte immer wiederkehrende Spannungsbögen drinnen habe, anhand derer ich die einzelnen Bände abstecken kann. Es ist also eine Struktur vorhanden, die mir beim Schreiben als solches nicht bewusst war.

Womit ich mir tatsächlich sehr schwer getan habe, war der Anfang. Das liegt wohl vor allen daran, dass mir, angesichts meines umfangreichen Personals, nicht sofort klar war, wer eigentlich meine Protagonist*innen sind. Ich habe einen 50-90seitigen Prolog verworfen, der in der Endversion nicht viel mehr als die Hintergrundgeschichte zweier Figuren ist, die hin und wieder angedeutet wird.

Das als kleine Zusammenfassung meines LeidensSchreibweg.  ;D Folgende Punkte halte ich für existentiell, wenn du eine komplexere Geschichte beginnst, ohne alles im Vorfeld ausgelotet zu haben:

  • Was ist der Kern deiner Geschichte? Der sollte in einem Satz zusammengefasst werden können. Das ist der Haupthandlungsstrang deiner Geschichte. Du kannst tausende Nebenhandlungsstränge haben, doch alle sollten auf den einen zurückgehen, der deine Geschichte ausmacht. In meinem Fall wäre das der Auserwählten-Mythos.
  • Figuren - du solltest einerseits wissen, was für eine Rolle jede einzelne deiner Figuren in der Geschichte spielt, aber auch die Richtung kennen, in die sie sich entwickelt. Hypothetisches Beispiel: Eine Figur erfüllt die Funktion, um jemanden zu verraten. Okay. Damit sollte die Geschichte dieser Figur aber noch nicht zu Ende erzählt sein, sonst ist für die Leser*innen schnell klar, dass sie nichts anderes als ein plot device ist. Vielleicht erkennt die Figur ihren Fehler und mausert sich in Laufe der Geschichte zu jemanden, ohne deren Hilfe deine Held*innen ihre Aufgabe nicht erfüllen können?
  • Setze Ankerpunkte. Zwei habe ich schon vorgestellt: den Haupthandlungsstrang und die Figuren. Gibt es noch andere Elemente, ohne die deine Geschichte nicht auskommen kann oder auf die du nicht verzichten willst? Diese Ankerpunkte verlangen keinerlei Rechtfertigung, es reicht, wenn du sagst: Das will ich schreiben! Wenn du willst, dass Einhörner in deiner Geschichte vorkommen, dann lass sie vorkommen und beginne ein Netz aus Figuren, Handlungssträngen und anderen Ankerpunkten, auf die du nicht verzichten willst, zu spannen, um alles in eine Beziehung zueinander zu setzen.

Ich denke, mehr braucht es am Anfang nicht wirklich. Je mehr Ankerpunkte du hast, desto komplexer und griffiger wird deine Geschichte. :)

Zitat
Mir ist klar, dass man niemals jedes Detail wissen kann, aber es graut mir davor, eine tolle Geschichte zu verbauen, nur weil mir in einem der nächsten Bände etwas Geniales einfällt, was dann nicht mehr eingebaut werden kann, weil Buch 1 schon steht und dem entgegengeht

Das ist ein Risiko, mit dem du leben musst. Nach dieser Devise dürften gar keine Bücher veröffentlicht werden, weil irgendwann der Geistesblitz kommen könnte, der das Bisherige in den Schatten stellt. Besser geht immer und perfekt gibt es nicht. Darum ist es wichtig, sich im Vorfeld darüber klar zu werden, was deine Ankerpunkte sind und diese aufeinander einzustimmen. Wenn dir hier keine groben Schnitzer passieren, dann ergibt sich der Rest relativ von selbst.

Du kannst Band 1 nachträglich nicht neu schreiben, aber du kannst in den Folgebänden versuchen, deine neuen Erkenntnisse einzuflechten und die Geschichte in eine andere Richtung zu treiben. Nichts ist absolut. Wenn du wirklich eine Story hast, die Stoff für mehrere Bände hergibt, dann hast du einen gewissen Spielraum, in dem du dich von deinen bisherigen Prämissen und Plänen entfernen kannst.

Wenn deine neuen Pläne wirklich überhaupt nicht mit den vorherigen Bänden* vereinbar sind, dann solltest du dich mit dem Gedanken anfreunden, dass der neue Handlungsbogen, die neuen Figuren etc. in einer neuen Geschichte besser aufgehoben sind.

*Ich gehe jetzt davon aus, dass diese Bände bereits veröffentlicht sind, wenn der Fall eintritt, bei dem man glaubt, anders wäre es besser gewesen. Wenn es wirklich nur darum geht, ein noch nicht veröffentlichtes Manuskript zu überarbeiten, dann ist das dann viel Arbeit, aber kein Ding der Unmöglichkeit. Es ist dann wie Domino. Veränderst du ein Element, musst du überprüfen, welche Auswirkungen das auf die restlichen hat und musst dementsprechend reagieren.

Zitat
Auf die Gefahr hin, dass das eine doofe Frage ist - lässt man denn das Outline wen sehen um zu beurteilen, ob das "gut" und logisch ist? Klar, dass mit einer Outline prinzipiell mehr Linie drin ist (höhö), aber ich stelle mir eben immer noch die Frage, ob man das unter Verschluss hält oder nicht... Denn man kann auch eine Outline schreiben, die zwar logisch aber "kacke" ist bzw besser sein könnte.

Meine LektorInnen kennen die Outline meiner Serie nur in den gröbsten Zügen. Das liegt daran, dass ich genau weiß, wohin ich will, aber auch offen für unvoreingenommene Meinungen bin. Ich rechne damit, dass mir jederzeit jemand Logiklücken vorhalten könnte und plane dementsprechend bzw. bin dementsprechend flexibel, um diese zu füllen. Wenn mir jemand sagt, "bist du dir bewusst, wie das wirkt? Willst du das so?", dann bin ich offen dafür, um diese Kritik umzusetzen. Natürlich habe ich im Hinterkopf dabei, wohin ich mit dieser Figur will und prüfe, ob diese Außenwirkung vereinbar mit ihrer späteren Entwicklung ist. In den Plotgruppen habe ich mein Projekt schon vorgestellt, wo ich mich entweder mit konkreten Fragen an andere Personen wende oder an der Einschätzung von gewissen Dingen/Figuren/etc. interessiert bin. Wenn ich selbst unsicher bin, weil sich etwas unrund oder nicht ganz richtig anfühlt, dann hole ich zusätzliche Meinungen ein, doch das betrifft nicht wirklich grundlegende Dinge, weil ich da zu überzeugt bin, um mich umstimmen zu lassen.

Ich denke, es ist wichtig, sich immer vor Augen zu halten, dass Fehler gemacht werden, aber auch genauso leicht wieder aus der Welt geschafft werden können, wenn man zu ihnen steht. :)

Offline Malou

  • Gelegenheitsschreiber
  • **
  • Beiträge: 97
  • Geschlecht: Weiblich
  • I need my playlist
@Sonnenblumenfee Danke fürs Verschieben!


Mittlerweile fahre ich sehr gut damit, mir Eckpunke für das Projekt zu setzen. Ich muss zumindest wissen, wie ich anfange und wie der Schluss aussehen soll. Dazu am besten noch ein Wendepunkt. Dann habe ich ein festes Ziel, auf das ich zuschreiben kann, auch wenn ich dazwischen in einzelnen Teilen hin und herspringe. Während ich dann schreibe, halte ich die Eckpunkte in einer Outline fest und aktualisiere sie um meine Einfälle, sodass ich quasi die Outline während des Schreibens erhalte. Will ich etwas ändern, weil ich einen guten Einfall habe (oder das zumindest glaube) trage ich ihn ein und kann leichter sehen, wie er sich auf die bestehenden Teile auswirkt.


Ich werde ausprobieren, ob mir das hilft, danke dafür!  :jau:

@Mefisto Coole Idee mit den Stationen, vielleicht könnte es helfen, zumindest die Orte, an denen es stattfinden wird, zu kennen und dann kommen einem sicherlich auch bereits Ideen  :D

@Nikki Eine sehr ausführliche Antwort! Du hast natürlich Recht, das Risiko, dass einem später noch was Besseres einfällt, verschwindet nie. Vielleicht werde ich mit zunehmender Übung auch mehr zum Plotter (was tatsächlich einiges erleichtern würde  ;D), aber gleichzeitig gefällt es mir auch, selbst nicht (wirklich) zu wissen, was passiert. So habe ich weniger das Gefühl, auf ein bestimmtes Ziel hinzuarbeiten, was im Moment noch eher eine blockierende Wirkung hat. Ich kann auch keine Ziel festlegen, wie viele Wörter ich pro Tag schreiben will, weil mich das innerlich nervös macht, wenn ich merke, ich schaffe das nicht. Ich bin eigentlich ein sehr zielgerichteter Mensch, aber wenn es um Kreativität geht, funktioniere ich einfach anders. Zumindest noch. Natürlich habe ich jetzt auch regelmäßig damit zu kämpfen, mich zu fragen, ob es überhaupt gut und logisch ist, aber zugleich ist es spannend, sich vor den PC zu setzen und zu denken, OK und wohin geht es jetzt?
Ich arbeite sehr ernsthaft an dem Roman und stelle regelmäßig alles in Frage, hoffe, das kommt jetzt nicht schludrig rüber  ;D Man müsste nur mal meinen unfassbaren Haufen an Notizen sehen  :o Aber genau deswegen habe ich diesen Thread ja auch eröffnet, weil es eine richtige Herausforderung ist, den Faden nicht zu verlieren. Hätte ich bereits eine echte Wahl, würde ich mich definitiv doch mehr zum Plotten entscheiden, aber die unzähligen Versuche wurden jedes Mal von der Realität über den Haufen geworfen  :idee:

Vielen Dank für die Hilfe!
We are writers, my love. We don't cry. We bleed on paper. (Ali Y.)

I write stories based on one single song I randomly heard.

Offline Nikki

  • Blaustern
  • *****
  • Beiträge: 1.589
  • Teufelchen auf Wolke, das Pronomen nicht mag
Bei mir hat es sich tatsächlich auch eher ergeben, Plotterin zu werden - wobei ich sehr selten konkrete Plotmethoden anwende. Ich liebe es nur zu planen und zu konstruieren und herumzuschrauben, Fitzelarbeit ist genau mein Ding. Deswegen liebe ich das Plotten und Überarbeiten, aber nicht so sehr das Schreiben des tatsächlichen ersten Entwurfes.  ;D
Ich kann mich noch erinnern, dass ich mich beim Schreiben der Urversion riesig auf das 20. Kapitel gefreut habe, weil für da das Erscheinen meiner Lieblingsfigur geplant war. Heute würde ich einfach direkt diese Szene schreiben, als zu warten, bis die 19 Kapitel davor geschrieben sind.

Meine Hand würde ich nicht dafür ins Feuer legen, wie sich meine Schreibanfänge (und diese sind ident mit dem Erstentwurf meines Mammutprojektes) genau abgezeichnet haben. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich aus einer inneren Überzeugung heraus genau wusste, wie die Geschichte verlaufen soll. Es gibt sporadische Notizen aus dieser Zeit, in der ich die Kapitel benannt und gepitcht habe, bei denen ich mir genauso ziemlich sicher bin, dass sie vor dem eigentlichen Text da waren. Das heißt, ich habe im Vorfeld skizziert, wohin ich wollte und dann einfach drauf losgeschrieben. Viel mehr Planung war da nicht. Mit den üblichen Fallstricken eben und fehlender Schreibroutine, was dazu geführt hat, dass ich alles neu schreiben durfte, damit es auch für Leute lesbar ist, denen nicht aus reiner Sympathie zu mir meine Texte gefallen.

Zitat
Ich arbeite sehr ernsthaft an dem Roman und stelle regelmäßig alles in Frage, hoffe, das kommt jetzt nicht schludrig rüber 

Wie du auf andere wirkst, soll deine geringste Sorge sein. Die Hauptsache ist, dass du eine oder mehre Schreibmethoden gefunden hast oder dabei bist, sie zu finden, die für dich funktionieren. Das Allesinfragestellen kenne ich und ist auch bis zu einem gewissen Grad gesund, weil es das schriftstellerische Ego, ein unfehlbares Genie zu sein, in Schach hält. Erst wenn diese Einstellung in die Richtung kippt, in der du ständig dein eigenes Urteil kritisierst und Zweifel Anerkennung überwiegen, wird sie destruktiv.

Wir Autor*innen haben nicht nur die Kreativität gemeinsam, sondern auch eine unbeschreibliche Ausdauer, um Fehler zu machen und aus ihnen zu lernen. :) Es ist noch kein*e Meister*in vom Himmel gefallen, also lass dich nicht von dem Gedanken entmutigen, dass bei dir gefühlt alles länger dauert als bei anderen. Über Schreiberfolge lässt sich öfter und lieber reden als über Flops. ;D

  • Drucken