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Plot VS Charakter

Begonnen von Roca Teithmore, 10. Oktober 2014, 12:01:42

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HauntingWitch

Ich werde nicht zu allen Punkten etwas sagen, weil ich meinen Standpunkt, glaube ich, schon einmal gepostet habe und das meiste schon gesagt wurde. Nur dazu:

Zitat von: Maria am 24. März 2015, 04:33:59
Ich überlege gerade, ob diese Entscheidung ob Charaktere oder Plot auch einen Touch Gender-driven und vom Genre bestimmt sind. Dass Autorinnen und Leserinnen sich beim Schreiben/Lesen sehr an die Figuren halten oft auch weil eben eine Love-Story mit im Plot steckt, während viele Leser und Autoren gern mehr Handlung, Hintergrund, Aktion bevorzugen.

Autorinnen und Leserinnen von Liebesromanen. ;) Ich denke, das hängt tatsächlich mehr vom Genre als vom Geschlecht ab. Ich bin auch eine Frau und ich fiebere zwar gerne mit den Figuren mit, möchte aber gleichzeitig auch Substanz und Handlung dabei haben. Das ist die Frage, was eine bestimmte Art von Buch verlangt, denke ich.

ZitatKann das sein, dass dies am Genre "epische High-Fantasy" hängt? Dass dort die  meisten Helden so fertig sein müssen, um die Herausforderung überhaupt zu bestehen und dass die Herausfoderung, eben das epische Geschehen wichtiger ist?

Jein. Es gibt ja auch High Fantasy mit sehr vielschichtigen Charakteren. Ich denke aber schon, dass es eine Tendenz gibt, dass bei High-Konzepten (in denen es eher um das Gesamte geht, eine Stadt oder Welt als Ganzes) die Charaktere eher flacher werden. Hingegen kommt bei Low-Konzepten (die sich auf eher auf Einzel-Schicksale konzentrieren) oft das Gesamtbild nicht so gut rüber. Beides gleichberechtigt zu behandeln ist sehr schwierig und ich habe grossen Respekt vor jedem, der es schafft. Ich habe mich irgendwann entschieden, bei "Low" zu bleiben (aber ich schreibe ja auch Contemporary, da ist es meistens auch gar keine Frage).

Ausserdem muss man sehen, dass bei HdR die meisten Charaktere Archetypen sind. Deshalb ziehen sie trotz ihrer Flachheit so viele Leute in den Bann. ;) Die Tiefen in diesem Buch liegen eher woanders als in der Charakterausarbeitung.

Shedzyala

Zitat von: Witch am 25. März 2015, 10:40:06
Ich denke aber schon, dass es eine Tendenz gibt, dass bei High-Konzepten (in denen es eher um das Gesamte geht, eine Stadt oder Welt als Ganzes) die Charaktere eher flacher werden. Hingegen kommt bei Low-Konzepten (die sich auf eher auf Einzel-Schicksale konzentrieren) oft das Gesamtbild nicht so gut rüber. Beides gleichberechtigt zu behandeln ist sehr schwierig und ich habe grossen Respekt vor jedem, der es schafft. Ich habe mich irgendwann entschieden, bei "Low" zu bleiben (aber ich schreibe ja auch Contemporary, da ist es meistens auch gar keine Frage).

Das sehe ich sehr ähnlich, die epischen Plots haben leider selten Charaktere, mit denen ich gern mitfiebere. Hingegen bei Büchern mit wirklich tollen Charakteren habe ich den Eindruck, dass es sich mittig gern mal etwas zieht, weil dieser tolle Charakter alle möglichen Alltagssituation erleben muss, die man besser hätte abkürzen sollen. Trotzdem lese ich diese Variante lieber. Eine gute Geschichte mit spannenden Charakteren wäre natürlich das Optimum, dazu fallen mir aber leider kaum Beispiele ein. Es scheint wirklich schwer zu sein, eine ausgewogene Mischung zu schreiben.

Zitat von: Churke am 25. März 2015, 10:17:53
"Herr der Ringe" ist nun mal Frodos Heldenreise und die anderen sind supporting actors. Und was Aragorn betrifft - der spielt die Rolle des rechtmäßigen Königs in Verbannung. Seine vorbehaltlose Eignung für den Thron legitimiert seinen Herrschaftsanspruch. Wohin soll der sich da noch entwicklen?
Und Gandalf... der wechselt die Farbe, aber mal ehrlich: Gandalf ist einfach zu alt und zu weise, um sich irgendwie zu entwickeln.

Und genau das ist der Grund, warum ich noch nie etwas mit Tolkien anfangen konnte ;)
Wenn sie dich hängen wollen, bitte um ein Glas Wasser. Man weiß nie, was passiert, ehe sie es bringen ...
– Andrzej Sapkowski, Die Dame vom See

Mithras

*Staub wegpust*

Ich habe das Thema gerade entdeckt und wollte es einfach mit den Worten abtun, dass ich mich weder entscheiden kann und will. Doch dann habe ich mich selbst gefragt, ob das denn wirklich stimmt, und festgestell, dass die Antwort komplexer ist.

Plot- und Charakterentwicklung gehen bei mir Hand in Hand - die Charaktere treffen Entscheidungen, die die Handlung voranbringen, und unerwartete Ereignisse setzen meine Charaktere unter Zugzwang. Tatsächlich ist mein Plot als Bewährungsprobe für die Charaktere ausgelegt - entweder lernen sie Schwimmen oder sie gehen unter. Doch bei der Frage nach Henne oder Ei muss ich feststellen: Die Ideen zum Plot sind in der Regel deutlich früher da als die Ideen zu den Charakteren, von solchem mit realen Vorbildern wie Cicero oder Octavian mal abgesehen. Da war die Idee zu den Charakteren früher da, weil mich gewisse Charaktereigenschaften faszinieren, z. B. Octavians Unverfrorenheit und sein unbedingter Wille zur Macht.

Ansonsten überlege ich, welche Handlngsstränge ich brauche und welche Atmospäre ich vermitteln will, und überlege mir auf dieser Grundlage, welche Charaktere passen. Dann lasse ich ihnen allerdings den Raum, den sie brauchen, um sich zu entfalten, denn Charaktere dürfen für mich niemals nur Statisten sein, deren Funktion sich darauf beschränkt, als Fenster zur Welt und zur Geschichte zu dienen. Ihre Erlebnisse im Laufe der Handlung prägen sie, und ich als Leser möchte das miterleben, während ich als Autor Spaß daran habe, mich in sie hineinzuversetzen und sie immer wieder zu förder und zu fordern. Viele Geschichten sind ja nur deshalb so fesselnd, weil man sich als Leser mit den Charakteren identifiziert und mit ihnen mitfiebert. Das ist auch für mich ein ganz zentraler Punk - und einer der Gründe, warum ich mit Erikson nich viel anfangen kann: seine Protas sind effektiv nur Statisten und mir völlig egal - daran ändert auch die Tatsache nichts, dass sie möglichst schräg sein sollen - im Gegenteil.

Also ist bei mir der Plot der Ausgangspunkt, aber letztlich sind bei Aspekte so ineinander verzahnt, dass ich beide Punkte schlussendlich gleichberechtigt behandle.

Churke

Zitat von: Mithras am 24. Oktober 2015, 09:36:48
Tatsächlich ist mein Plot als Bewährungsprobe für die Charaktere ausgelegt - entweder lernen sie Schwimmen oder sie gehen unter.

Dann lass mich die Frage etwas zuspitzen. Angenommen, du hast fest eingeplant, dass die Figur untergeht. Nun stellst du im Verlauf des Schreibens fest, dass sie vielleich doch schimmen lernen könnte. Was tust du?
Meine Antwort ist klar: So lange ich in erfolgreichen Schwimmbewegungen keine signifikante Verbesserung der Story sehe: blubb, blubb, blubb.

Man kann solche Fragen flexibel handhaben, aber man kann nicht Diktator werden, ohne den Rubikon zu überschreiten.

Trippelschritt

Die Ausgangsfrage (grad noch mal nachgeschaut) ist in sofern etwas irreführend, als dass eine Geschichte weder mit spannendem Plot und schwachen Figuren, noch mit interessanten Figuren und bettlägrigem Plot gut sein kann. Am Ende müssen beide Pfeiler die Geschichte tragen. Nur auf dem Weg dorthin kann sich das Vorgehen erheblich unterscheiden. Habe ich einen Plot und flicke die Figuren nach oder habe ich Figuren, für die ich einen Plot konstruieren muss.
Die Schneeflockenmethode lässt Plot und Figuren gemeinsam wachsen und wahrscheinlich arbeiten auch die meisten Autoren so (Nehme ich einfach mal an, so wie ich es nach Diskussionen im Freundeskreis mitbekommen habe).
Interessant in diesem Zusammenhang ist die Stimme von Stephen King, der sich als reiner Bauchschreiber outet und von seiner Grundidee und der eigenen Kreativität treiben lässt. Und in der Tat, das geht. Gut verstandene und durchdachte Figuren schaffen sich ihren eigenen Plot. Dass ein toller Plot sich Wahnsinnsfiguren erschafft, habe ich noch nicht gehört. Wahrscheinlich ist es das beste, dass es jeder macht, wie er will. Hauptsache, am Ende steht eine gut erzählte Geschichte. Ich selbst tendiere als Bauchschreiber eher zu der kreativen Methode, aber ich kann auch nur ganz schlecht aus dem Nichts einen spannenden Plot konstruieren. So verwundert es nicht.

Liebe Grüße
Trippelschritt

Mithras

Zitat von: Churke am 24. Oktober 2015, 10:46:52Dann lass mich die Frage etwas zuspitzen. Angenommen, du hast fest eingeplant, dass die Figur untergeht. Nun stellst du im Verlauf des Schreibens fest, dass sie vielleich doch schimmen lernen könnte. Was tust du?
Meine Antwort ist klar: So lange ich in erfolgreichen Schwimmbewegungen keine signifikante Verbesserung der Story sehe: blubb, blubb, blubb.
Ich war noch nicht in dieser Situation, deshalb kann ich nur Vermutungen anstellen, was ich tun würde. Wahrscheinlich würde ich zu Gunsten der Handlung entscheiden, denn der Tod der Charaktere ist ein so wichtiges Handlungselement, dass es die ganze Geschichte verändern würde, wenn er nicht einträte. In diesem Fall also ganz klar: Plot vor Charakteren.

Araluen

Ich bin eindeutig für interessante Charaktere. Ich wage mal zu behaupten Charaktere zu basteln liegt mir im Blut ;)
Der Plot ergibt sich dann meist ganz von selbst. Der muss dann aber auch interessant sein. Beim Rollenspiel haben wir zu sowas dann immer Kaffeeklatsch-RP gesagt. Das liegt mir überhaupt nicht. Die Geschichte braucht Dynamik, damit sich die Charaktere richtig entwickeln können. Es geht also alles Hand in Hand. ICH bastle aber immer erst die Charaktere zur groben Plotidee und arbeite dann den Plot genauer aus.

Letztlich müssen die Charaktere sich dann aber in gewissen dehnbaren Grenzen dem Plot unterwerfen. Wenn es nötig ist, dass Charakter A stirbt, dann wird er das auch tun. Dafür sorge ich und wenn er dreimal schwimmen lernt. Gegen starke Strömungen kann auch der beste Schwimmer nichts ausrichten... oder eiskaltes Wasser oder... oder... ;)

LinaFranken

Ich wollte zuerst sagen, das ich mehr Wert auf den Plot legen würde, beim näheren Überlegen muss ich aber feststellen, das ich zwar einen bestimmten Plot habe, der verfogt wird, komme was wolle, aber meine Charas auch nicht guten Gewissens töten könnte, nur weil sie sich dem Plot nicht fügen wollen.

Hat man einen sehr langen und sehr komplexen Plot, könnte jede kleine Veränderung ihn zusammenstürzen lassen wie ein Kartenhaus.  :ithurtsandstings!: Hat man seine Charas aber schon zu tief ins Herz geschlossen, ist man in einer Sackgasse. Was ich gelegentlich Versuche, ist das einbringen von Nebencharas, die entweder geforderte Fähigkeiten/Eigenschaften besitzen oder wahlweise einfach als Kanonenfutter getötet werden. :snicker: Meistens müssen meine Charas sich aber einfach dem Plot fügen und zur Not auch verbiegen. Es ist mir wesentlich lieber, wenn sie sich um 180 Grad drehen müssen, als wenn ich sie zu Grabe tragen muss.