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Autor Thema: Ein knackiger Anfang - der erste Absatz, die erste Seite  (Gelesen 21368 mal)

Offline Archibald

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Re: Ein knackiger Anfang - der erste Absatz, die erste Seite
« Antwort #75 am: 29. September 2021, 14:02:06 »
Ich glaube, Anfänge, und vor allem der erste Satz, werden tendenziell überschätzt.
Wenn ich mir überlege, wie Leser im Buchladen vorgehen, lesen sie ja meist erst den Klappentext. Der weckt die Neugier auf die Geschichte. Dann lesen sie den Anfang, um zu sehen, ob ihnen der Stil gefällt. Das merkt man recht schnell, meistens schon nach dem ersten Absatz, maximal nach der ersten Seite, dann wird der Kaufentscheid getroffen.
Natürlich sollte der Anfang neugierig machen, aber ich glaube, das Wichtigste ist, dass er zur Geschichte passt, wie hier auch schon gesagt wurde. Dazu muss er nicht besonders spannend oder knackig sein.

Die Entscheidung fällt noch früher. Ich suche mir in der Buchhandlung zuerst die Abteilung, die mich am meisten interessiert, dann schaue ich bei den Neuerscheinungen.

Bei mir bereits bekannten Namen zuckt meine Hand schneller, als bei Unbekannte – und dann folgt der Klappentext. Interessiert mich das Thema, lese ich rein.

Wenn ich z.B. entdecke, dass ich ein Ich-Erzählung im Präsens vorliegen habe, lege ich das Buch (mittlerweile) sofort wieder weg, da ich eine regelrechte Aversion gegen diese Perspektive und Zeitform entwickelt habe – dass rettet dann auch keine vielversprechende Story mehr.

Ich denke, dass ein gut geschriebener Klappentext mehr Auswirkungen auf die Kaufentscheidung hat als der schönste Anfang. 


Nehmen wir den ersten Satz von Harry Potter:
"Mr. und Mrs. Dursley im Ligusterweg Nummer 4 waren stolz darauf, ganz und gar normal zu sein, sehr stolz sogar."

Dieser Satz sagt einem gleich, dass am Rest der Geschichte ganz bestimmt überhaupt nichts normal sein wird.
Danach erfahren wir ziemlich viel über die Dursleys, obwohl diese ja gar nicht Hauptfiguren der Geschichte sind. Wir verfolgen Mr. Dursley zur Arbeit, erfahren, was er denkt und über welche unwichtigen Dinge er sich aufregt, und man fragt sich, warum wir den Tag aus Sicht dieser anscheinend ziemlich unsympathischen Figur erleben.
Natürlich schwebt auch immer ein Geheimnis über dem Ganzen, etwas über die Potters, aber ich glaube trotzdem, die wenigsten Autoren hätten diesen Anfang gewählt (vor allem auch, wenn man die Zielgruppe bedenkt). Vielleicht hätten sie gezeigt, wie Hagrid Harry aus der Ruine rettet. Oder wie Dumbledore von Voldemorts Verschwinden erfährt. Oder sie hätten gleich mit dem zweiten Kapitel angefangen. Jedenfalls etwas, wo ein bisschen mehr passiert und wo Harry auch tatsächlich vorkommt. Das erste Kapitel fällt ja auch deswegen aus dem Rahmen, weil der Rest des Buches aus Sicht Harrys geschrieben ist. Harry selbst wird sogar erst auf der zweiten Seite erwähnt, und auch da nicht namentlich. Über die Hauptfigur erfährt man am Anfang eigentlich überhaupt nichts (ausser, dass die Dursleys nichts mit ihm zu tun haben wollen).

Hier passieren noch andere merkwürdige Dinge, die wir aus der Perspektive von Vernon Dursley sehen. So sieht er zum Beispiel eine Katze, die eine Straßenkarte studiert, sieht komische Gestalten in weiten Umhängen, eine alter Mann in violettem Umhang spricht mit ihm und umarmt ihn sogar ...

Im Grunde also ein ziemliches Kontrastprogramm. Die spießigen Dursleys werden aus ihrer gewohnten Trott gerissen. Die Potters und Harry werden indirekt eingeführt, gleichzeitig wird Voldemort in der Form: Du-weist-schon-wer das erste Mal erwähnt.
Rowling feuert gleich eine ganze Breitseite an Ködern ab.
Was ist mit den Potters?
Was sind das für seltsame Gestalten?
Wieso liest da ein Katze eine Straßenkarte?
Wieso verhalten sich die Eulen im ganzen Land so merkwürdig, dass sie sogar in den Fernsehnachrichten auftauchen?
Sternschnuppen?
Wer ist Du-weist-schon-wer?
Wieso ist er tot?
Warum tuscheln die Leute in seltsamen Umhängen über die Potters?
...
Durch das Aufwerfen all dieser Fragen liest man automatisch weiter.

Rowling hat das schon sehr geschickt gemacht, dass sie Vernon Dursley dafür genommen hat. Der darf sich über alles wundern und aufregen. Hagrid und Dumbledore hätten das nicht gekonnt. Allerdings hat Rowling, soweit ich weiß, den Anfang ziemlich oft neu geschrieben.
 

Offline Graukranz

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Re: Ein knackiger Anfang - der erste Absatz, die erste Seite
« Antwort #76 am: 29. September 2021, 22:04:40 »

Ich denke, dass ein gut geschriebener Klappentext mehr Auswirkungen auf die Kaufentscheidung hat als der schönste Anfang. 


Da bin ich absolut bei dir.


Hier passieren noch andere merkwürdige Dinge, die wir aus der Perspektive von Vernon Dursley sehen. So sieht er zum Beispiel eine Katze, die eine Straßenkarte studiert, sieht komische Gestalten in weiten Umhängen, eine alter Mann in violettem Umhang spricht mit ihm und umarmt ihn sogar ...

Im Grunde also ein ziemliches Kontrastprogramm. Die spießigen Dursleys werden aus ihrer gewohnten Trott gerissen. Die Potters und Harry werden indirekt eingeführt, gleichzeitig wird Voldemort in der Form: Du-weist-schon-wer das erste Mal erwähnt.
Rowling feuert gleich eine ganze Breitseite an Ködern ab.
Was ist mit den Potters?
Was sind das für seltsame Gestalten?
Wieso liest da ein Katze eine Straßenkarte?
Wieso verhalten sich die Eulen im ganzen Land so merkwürdig, dass sie sogar in den Fernsehnachrichten auftauchen?
Sternschnuppen?
Wer ist Du-weist-schon-wer?
Wieso ist er tot?
Warum tuscheln die Leute in seltsamen Umhängen über die Potters?
...
Durch das Aufwerfen all dieser Fragen liest man automatisch weiter.


Das stimmt, es werden viele Fragen aufgeworfen, aber das ist im zweiten Kapitel ähnlich:
Warum lebt Harry in einem Schrank?
Warum hat er eine Blitznarbe?
Warum hat er keine Eltern mehr?
Warum behandeln ihn die Dursleys so schlecht?
Warum reagiert Mr. Dursley so, nur weil Harry ein fliegendes Motorrad in einem Traum erwähnt?
Warum geschehen immer merkwürdige Dinge um Harry herum?
Warum kann er mit Schlangen sprechen?
Was ist mit dem grünen Licht?
Warum erkennen ihn merkwürdige Leute?

Und wenn wir uns auf die erste Seite des ersten Kapitels beschränken, ist eben fast nichts da, was einen so richtig "packt", ausser, dass es irgendein Geheimnis über die Potters gibt, das auf keinen Fall jemand erfahren darf. Aber da die Dursleys in den vorherigen Absätzen als ziemlich spiessige Leute dargestellt wurden, die sich über alles aufregen, was aus ihrer Sicht ansatzweise nicht normal ist ("… denn mit solchem Unsinn wollten sie nichts zu tun haben."), könnte auch das ja nur eine Banalität sein.


Rowling hat das schon sehr geschickt gemacht, dass sie Vernon Dursley dafür genommen hat.
 

Einverstanden, aber wie gesagt, wie viele Autoren hätten das so gemacht (und wie viele Ratgeber empfehlen es)? Ich finde, es ist ein ziemlich mutiger Anfang. Gedacht war es ja eigentlich als Kinderbuch, dann muss man erst mal darauf kommen, die Geschichte aus der Sicht eines langweiligen, eher fiesen Erwachsenen zu erzählen. Und wenn man dann eben daran denkt, dass Leser in einem Buchladen selten mehr als eine Seite lesen, ist es umso mutiger. Sie erwarten eine Geschichte voller Abenteuer und Zauberer, und lesen dann von den Dursleys und Bohrmaschinen.


Der darf sich über alles wundern und aufregen. Hagrid und Dumbledore hätten das nicht gekonnt.


Sie hätten sich nicht darüber wundern können, aber der Leser schon. Wenn Rowling zum Beispiel mit der Rettung Harrys durch Hagrid begonnen hätte, hätte sie ja trotzdem die merkwürdigen Gestalten zeigen können, und all die Eulen, und Sternschnuppen. Hagrid hätte natürlich anders darauf reagiert als Mr. Dursley, aber die Fragen hätte sich der Leser trotzdem gestellt.

Meiner Meinung nach ist es ihr Schreibstil, der entscheidend ist, weniger der Inhalt.

Offline TinkersGrey

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Re: Ein knackiger Anfang - der erste Absatz, die erste Seite
« Antwort #77 am: 30. September 2021, 06:43:14 »
Ich erhöhe den Schwierigkeitsgrad auf etwas, was Autoren und Autorinnen nicht ganz selbst in der Hand haben:
den Titel und das Cover.

Wie viele schöne Bücher sind mir wohl schon durch die Lappen gegangen, weil das Cover so schrecklich war, dass ich es nicht mal geöffnet habe, um in irgendeine Seite reinzuschnuppern (das mache ich lieber als den Klappentext zu lesen), möchte ich gar nicht wissen.

Gerade im Fantasy-Genre sind Titel und Titelbilder häufig übelst verkitscht, dass es mich geradezu aus der Abteilung im Fachhandel/der Bibliothek heraustreibt.
Ich habe damit nicht immer recht - aber wenn keine Buchhändlerin des Vertrauens greifbar ist, die sagt "mach einfach den Schutzumschlag weg, der Inhalt ist gut", wird das nichts. Natürlich hatte ich auch schon genug Bücher in der Hand, wo mir das Cover gefallen hat, aber Klappentext und/oder Probeseite bitter enttäuschend waren. Doch die hatten es immerhin geschafft, meine Aufmerksamkeit zu erlangen.

Da machen wir uns stundenlang Gedanken über den allerersten Buchstaben auf dem Papier - doch das Erste, was ein potentieller Leser wahrnimmt, sind Verpackung und Titel.
(Ich hätte niemals Harry Potter gelesen, wenn mein Patenkind mir nicht einen vorgeschwärmt hätte. Und dann gab's irgendwann mal eine Ausgabe für Erwachsene. Sagt mir also nicht, dass das Verlags-Marketingwesen sowas nicht merkt.)
Das Leben ist zu kurz für beige.

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