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Cahide - Die Heilige

Begonnen von Queestinaa, 02. Mai 2022, 21:28:47

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Queestinaa

Hallo zusammen, das ist das Erste, was ich wirklich unabhängig vom "Willkommensboard" erstellt habe. Ich hoffe, ich mache es halbwegs richtig ^^`
Dieser Charakter fällt mir sehr schwer zu beschreiben. Das grösste Problem ist, dass sie eigentlich mein Hauptcharakter ist und doch habe ich das Gefühl, dass ich nicht zu ihr durchdringen kann. Dabei ist es genau das, was dem Aussenstehenden vermittelt werden soll. Aber ich als Autorin sollte sie zumindest ein bisschen einschätzen können, denke ich einmal. Deswegen versuche ich, sie euch hier etwas vorzustellen.  :)


Mein Name ist Cahide und ich bin die Gesandte der Lichtergöttin Akumida. Eine Mutter oder einen Vater habe ich nicht. Frema, die Wassergöttin, hat meinen Leichnam aus dem Süsswasserfluss gespült und Akumida schenkte mir eine Seele. Es waren Nomaden des Ashayaden-Stamms, die mich gefunden haben. Und sie haben mich bei sich aufgenommen. Doch sie haben von Anfang an gewusst, dass ich kein Mensch bin. Das ich etwas Besonderes bin. Ich bin eine Heilige. Ihre Göttin hat mich auf die Erde geschickt, um ihren Gedanken den Menschen nahe zu bringen. Ich stelle mich nicht über die Menschen, die mich verehren, aber ich weiss, dass ich mächtiger bin als sie. Und dass ich niemals so menschlich sein darf wie sie. Das hat mir die Adusha, die Stammesälteste, oft gesagt, als ich ein Kind gewesen bin. Damals habe ich es nicht richtig verstanden. Ich habe mich nach den Freiheiten gesehnt, die Maru, ihre Nichte, hatte. Aber mir war es verboten. Doch nun begreife ich es. Ich verstehe, dass ich die Göttlichkeit nicht leichtgläubig für ein menschliches Leben vergeuden darf.

Auf manche Menschen wirke ich unbeschwert, aber keiner von euch Sterblichen wird jemals verstehen, wie es sein wird, wenn man die Last der Göttlichkeit auf seinen Schultern trägt. Ich habe Zugang zu den Mächtigsten. Zu den Knechten des Himmels, gefangen in den Ketten der Ewigkeit. Und ihr werdet auch nie verstehen, wie sich meine Göttin fühlt. Nur ich kann das. Und um diese Gabe zu beschützen, muss ich meine Gefühle verbergen. Denn ich bin die Stimme der Akumida. Ich verkörpere ihre Gedanken, ihr Wesen und ihre Gefühle auf dieser Welt. Es steht mir nicht zu, eigen zu handeln, eigene Emotionen zu zeigen oder mich in jemanden zu verlieben. Ich bin allein ihr verschrieben. Ich bin eine Vase, die sie mit ihrer Göttlichkeit ausfüllen darf, damit die Menschen sie auf Erden erkennen. Ich leide Schmerzen, die ihr euch nicht vorstellen könnt. Wenn ich falsch handle, werde ich dafür bestraft. Meine Göttin lässt mich für jeden Fehltritt bluten. Das Einzige, was mir diese Last nimmt, sind Sud-Va-Zweige, die mich in einem dämmerigen Zustand versetzen. Nur dann kann ich durchatmen, mich fallen lassen, ohne mich vor einer Bestrafung zu fürchten. Denn ich gehöre allein ihr und niemand anderem. Nicht einmal mir selbst. Das habe ich immer geglaubt und gelebt, bis man mir alles genommen hat, was mich in diesem Glauben bestärkt hat.

Anfangs habe ich gedacht, es sei eine Strafe. Denn ich habe gesündigt. Ich habe ein Leben beendet, das noch nicht einmal geboren war. Und deswegen musste der einzige Mensch, der mich in meiner Eigenständigkeit bestätigt hat, sterben. Mein Dorf ist vernichtet. Die Menschen, die mir Halt gegeben und Sicherheit geboten haben, sind tot. Ich bin allein mit einem Fremden, ohne, dass ich die Welt ausserhalb der Oase kenne. Ich bin behütet aufgewachsen, merke ich langsam. Ich verstehe die Menschen nicht. Ich verstehe ihre Gedanken, ihre Triebe und ihr Handeln nicht. Obwohl ich merke, wie genauso diese Menschlichkeit in meinem Inneren ausbricht, während ich mich mitten in der Wüste befinde mit einem feindlichen Soldaten, der etwas in mir auslöst, das ich bisher noch nie empfunden habe.


Damiano

#1
Zunächst ein paar Worte an die Thread-Eröffnerin:

Ich finde nicht, dass dieser Charakter schwer zu fassen beziehungsweise schwer zu ihr durchzudringen ist.

Die gesamte Vorstellung erweckt einen außerordentlich gut durchdachten Eindruck. Die Persönlichkeit ist ausgeformt, hat einen in sich schlüssigen Hintergrund und lässt viele Facetten erkennen. Der Bezug zur Menschlichkeit wird sehr deutlich ebenso wie der Wunsch nach Leichtigkeit, wodurch jedoch die Wahrnehmung ihrer entrückten Position nicht eingeschränkt wird.

Der Lebensweg der hier vorgestellten Person weist eine hohe Komplexität auf und ich für meinen Teil empfinde großes Interesse dafür, mehr über sie zu erfahren.


Wie kam es zum Beispiel dazu, dass du ein ungeborenes Leben beenden musstest?
Stellt diese Tat den frühesten Ausgangspunkt für deine jetzige Situation dar?

Brillenkatze

Hallo Cahide, ich setzte mich mal eine Weile zu dir, in Ordnung?  :) Da machst du ja ganz schön was durch, du Arme. Um deiner Autorin willen werde ich dich jetzt aber doch ein bisschen mit Detailfragen quälen, tut mir Leid.

Immer diese frechen Götter, die einem alles abfordern. ,,Wir haben dir das Leben  geschenkt, also lebe es gefälligst so, wie wir uns das vorstellen!" - Manche menschlichen Eltern ja sind auch nicht anders in ihren Erwartungen. Als müsste das arme Kind ihnen auch noch dankbar dafür sein, dass die Eltern es nie gefragt haben, ob es überhaupt geboren werden wollte.

Hast du auch eine Beziehung zur Wassergöttin, wo du sie schon erwähnst, gut oder schlecht?

Bekommst du es mit, wenn Akumida in dir ist und durch dich spricht? Bist du eine Seele, die dann zur Seite treten muss und zur Zuschauerin wird? Oder hast du an diese Situationen überhaupt keine Erinnerungen?

Du bist herangewachsen, wie ein normaler Mensch auch? Hattest du schon immer die Göttin in dir?
Wenn ja, wie fand die Göttin es, durch die Augen eines Kleinkindes zu sehen?

Seit wann weißt du, dass die Sud-Va-Zweige dir helfen? Machen die abhängig? Natürlich machen die abhängig, weil sie dir Linderung bringen. Gibt es von diesen Zweigen denn viele?
Und wenn die Göttin gerade durch dich sprechen möchte, und dein Körper ist benebelt, wie ist das? Interagiert/reagiert dein Körper dann noch genauso gut auf die Göttin? Oder wirken die Zweige nur auf deine arme gepeinigte Seele?

Wie sieht das genauer aus, wenn Akumida dich bestraft? Ich stelle mir das gerade in deiner Kindheit ziemlich fürchterlich vor, wo du dich ja wahrscheinlich auch an vielem ausprobieren wolltest. Und dann haut immer wieder diese Göttin dazwischen... da kann man schon verzagen.

Bist du eigentlich die einzige Heilige der Akumida in deiner Zeit? Wie groß ist denn ihr Reich? Kommen Menschen dich besuchen, um mit der Göttin zu sprechen?

Wie schauen die normalen Menschen dich an? Wie gehen sie mit dir um? Magst du es, wie sie dich anschauen/dich behandeln?

Was machst du denn so denn ganzen alltäglichen Tag lang, wenn die Göttin gerade mal Pause macht?
Hast du den normalen Menschen denn beim Leben zuschauen können? Konntest du daraus nichts über das menschliche Verhalten ableiten? Oder hast du den Kontakt sogar vermieden, weil du dieses Leben ja eh nie selbst würdest erfahren können?

Um was hast du die normalen Menschen am meisten beneidet? Um die Gefühle, die sie ausleben dürfen, klar. Um das, was sie im Gegensatz zu dir eben nicht fühlen müssen. Und sonst?

Was ich auch interessant finde: Sind die Gefühle deiner Göttin wirklich so unterschiedlich von denen, wie die Menschen sie fühlen?

Du musst wohl auch mal was essen, richtig? Was isst du denn z.B. gern? Hast du eine Lieblingsfarbe? Einen Ort, an dem du gern bist?
Wie siehst du aus? Trägst du bestimmte Kleidung, eine bestimmte Frisur? Darfst du dir das wenigstens selbst aussuchen? Magst du es, zu baden? Kämmst du dich gern? Ich suche gerade ein bisschen etwas eigenständiges in dir, etwas, dass selbst die Göttin dir nicht versagen kann, weil es so alltäglich ist.

Und dann du verlierst alles, sagst du. Auch deinen Zugang zur Göttin Akumida? Füllt sie dich nicht mehr aus? Das kann ja auch eine Erleichterung sein.

Haben andere Götter auch Heilige? Die Wassergöttin Frema zum Beispiel?

Okay, ich sehe schon, das waren jetzt ziemlich viele Fragen. Denk einfach mal in Ruhe darüber nach, ja? Deiner Autorin zu Liebe. Versuche, als Cahide zu antworten, nicht als Akumida. ;)
"But have you ever noticed one encouraging thing about me, Marilla? I never make the same mistake twice."
"I don't know as that's much benefit when you're always making new ones."
- Anne of Green Gables, Lucy Maud Montgomery

Queestinaa

Vielen Dank, das freut mich sehr zu hören  :)
ZitatWie kam es zum Beispiel dazu, dass du ein ungeborenes Leben beenden musstest?
Stellt diese Tat den frühesten Ausgangspunkt für deine jetzige Situation dar?

Ich spreche nicht gerne darüber, denn es ist ein Teil meines Lebens, den ich gerne vergessen würde. Ich weiss nicht einmal, wie ich den Menschen beschreiben soll, der mir so unglaublich wichtig gewesen ist, dass ich sogar für ihn gesündigt habe. Ich glaube, ich habe Maru schon immer faszinierend gefunden. Schon damals, als ich sie zum ersten Mal gesehen habe. Sie war so anders, als alle andere. Sie hat mich nicht vergöttert wie alle anderen. Ich glaube, ich habe sie aufrichtig geliebt. Es war der erste Mensch, zu dem ich ein so starkes Empfinden hatte, dass ich glaubte, ich würde alles für sie tun. Es war nicht so, dass es diese Art der Liebe gewesen wäre, wie zwischen Mann und Frau. Viel mehr war sie meine Schwester. Und so habe ich ihr auch geholfen, als sie zu mir gekommen ist und mich um Hilfe gebeten hat.

Du musst wissen, dass sie ein wilder Mensch war. Sie hatte sich nie viel aus den Göttern und dem Glauben gemacht. Sie hatte die Adusha zum Kochen gebracht und doch habe ich sie geliebt. Einfach, weil sie all das verkörpert hatte, was mir fremd gewesen ist. Und ich habe immer gewusst, dass der Tag kommen wird, an dem das geschieht.

Die Ashayaden haben einen strengen Glauben. Eine unverheiratete Frau darf weder schwanger werden, noch mit einem anderen Mann gesehen werden. Und wird eine Frau doch schwanger, ohne verheiratet zu sein, wird gewartet, bis das Kind auf die Welt kommt und dann tötet man die Mutter und ihr Neugeborenes. Man verscharrt sie irgendwo ausserhalb der Oase und hinterlässt ein Schandengrab, damit jeder Nomade, der vorbeigeht, weiss, dass hier eine Sünderin liegt.

Und ich wollte nicht, dass Maru dasselbe geschieht. Ihr Mann ist im Krieg und hat sich geweigert, sie zu heiraten. Ich hatte das Gefühl gehabt, ihr helfen zu müssen und sie vor diesem grausamen Schicksal zu bewahren. Also tötete ich das ungeborene Kind. Ich hatte die göttliche Gabe des Lichts genutzt, um das Kind in ihrem Bauch zu ermorden. Ich hätte wissen müssen, dass meine Göttin das weiss. Denn sie sieht alles.

Tagelange hatte sie mich für meine erste Sünde bestraft. Sie hatte mir den Blick über durch den Nebel verwehrt, hatte mich mit ihrem Zorn ausgepeitscht, mich übergeben und mich vor ihr niederknien lassen. Und ich hatte die Strafe ohne zu Zögern hingenommen. Denn in diesem Augenblick stand sie mir zu. Sie war im Recht, mich zu bestrafen. Doch dann führte sie diesen Fremden in unser Dorf. Ein Mann, der nicht so dunkel war wie wir, doch ich konnte ihm ansehen, dass er auch nicht aus dem Norden stammte. Trotzdem kämpfte er an Odewils Seite in diesem Krieg. Aber irgendetwas war anders an ihm. Denn er brachte das Verderben über uns.

Sie kamen in der Nacht und überfielen uns. Sie richteten alle hin. Kinder und Frauen. Denn die Männer musste man auf Befehl des Onkels des Kindersultans an die Wüstenfront schicken. Sie töteten jeden, auch Maru. Sie würde wie ein Tier geschlachtet und als ich sie gesehen habe, wusste ich, dass es meine Göttin war, die sie nicht beschützt hatte. Sie hatte sterben lassen, als wäre sie nicht auch ihre Tochter. Denn es sollte eine Strafe für mich sein. Dafür, was ich getan habe.

Und nun bin ich verloren. Sie hat mich in die Fremde geführt und zeigt mir keinen Ausweg.

Queestinaa

ZitatImmer diese frechen Götter, die einem alles abfordern. ,,Wir haben dir das Leben  geschenkt, also lebe es gefälligst so, wie wir uns das vorstellen!" - Manche menschlichen Eltern ja sind auch nicht anders in ihren Erwartungen. Als müsste das arme Kind ihnen auch noch dankbar dafür sein, dass die Eltern es nie gefragt haben, ob es überhaupt geboren werden wollte.

Sie liebt mich und ich liebe sie. Ich bin ihr zu Dank verpflichtet, denn ohne sie wäre ich ein totes Kind. Ein Volk hat meinen Körper im Süsswasserfluss ertränkt und sterben lassen. Mich ihr hinzugeben ist das Mindeste, was ich tuen kann, denke ich. Zumindest hat man mir das immer gesagt. Doch mittlerweile bin ich mir nicht mehr ganz sicher.

Zitat
Hast du auch eine Beziehung zur Wassergöttin, wo du sie schon erwähnst, gut oder schlecht?

Frema ist eine gutmütige Göttin. Ich opfere ihr immer wieder Dinge, damit sie weiss, dass ich sie nie vergessen werde. Aber sie zeigt sich mir nicht. Ich kenne nur Mythen und Märchen über sie. Sie soll den Durstigen Wasser gereicht haben, als der himmlische Krieg ausgebrochen ist und Akumida die Welt mit ihrem Zorn geblendet hat. Sie schenkt den Blüten- und Blumengöttern fruchtbare Erde, damit sie ihre Schöpfungen leben lassen können. Doch mehr weiss ich nicht über sie. Das Einzige, was mir von ihr geblieben ist, ist ein blaues Auge. Adusha hat mir gesagt, es sei ein Zeichen der Göttlichkeit, während mein Braunes für die Menschlichkeit in mir steht.

ZitatBekommst du es mit, wenn Akumida in dir ist und durch dich spricht? Bist du eine Seele, die dann zur Seite treten muss und zur Zuschauerin wird? Oder hast du an diese Situationen überhaupt keine Erinnerungen?

Akumida spricht mit mir. Sie kann nicht durch mich sprechen. Es liegt an mir, ihren Worten auf der Welt eine Gestalt zu geben. Sie lässt mich hinter den Nebel blicken. Manchmal sehe ich auch die goldige Brücke, die in das göttliche Reich führt. Doch mehr kann ich nie sehen. Einmal bin ich auf ihr gestanden, nur um zu sehen, wo sie endet. Danach hat Akumida ganze vierzehn Tage nicht mehr mit mir gesprochen.
Nur wenn sie sehr wütend ist, kann sie mich beiseite schieben. Doch das ist bisher noch nie passiert. Man hat mir nur von früheren Heiligen berichtet, wo Akumida durch sie gesprochen hat. Bei mir hat sie das noch nie gemacht.

Zitat
Du bist herangewachsen, wie ein normaler Mensch auch? Hattest du schon immer die Göttin in dir?
Wenn ja, wie fand die Göttin es, durch die Augen eines Kleinkindes zu sehen?

Ich kenne kein Leben ohne Akumida. Sie hat mir eine Seele geschenkt und seither bin ich ihr verschrieben. In den ersten Tagen hat ein Quabeque-Stamm versucht, mich zu töten, als sie mich gefunden haben. Adusha hat mir erzählt, dass sie sich vor mir gefürchtet haben. Ein Wüstenkind mit einem hellen, blauen und einem schwarzen Auge ist ein Dämon in ihren Augen. Doch die Ashayaden haben mich gerettet und mich bei sich aufgenommen. Als man mich nach drei Tagen sonnenküssen gelassen hat, habe ich das Licht in mir auf. Schnell hat die Adusha bemerkt, dass ich etwas Besonderes bin. Ich habe alle Segnung aller Götter erhalten. Ich habe nicht mit den anderen Kindern spielen dürfen, denn sie sind mir nicht würdig gewesen. Schliesslich bin ich das heilige Kind. Von der Adusha habe ich auch meinen Namen. Cahide. Er bedeutet Gesandte.

Schon nach vier Jahren habe ich den Nebel durchqueren können und die Brücke gesehen. Danach habe ich dämonische Schmerzen erlitten. Ab dann habe ich Predigten gehalten, Menschen gesegnet, habe Sterbesorge geleistet und man ist zu mir gekommen, um zu beichten. Ich habe nur in der Gesellschaft der Adusha und des Kornéls gelebt, dem Heiler.

Akumida hat mir nie gesagt, wie sie mich gefunden hat. Doch wenn ihr etwas nicht gefallen hat, dann hat sie es mir mit Schmerzen ausgetrieben. Wenn ich zu kindlich gewesen bin, hat sie mich Blut übergeben lassen. Wenn ich jemanden nicht schnell genug von seinem Leid befreit habe, hat sie mir den Blick in den Nebel verweigert.

ZitatSeit wann weißt du, dass die Sud-Va-Zweige dir helfen? Machen die abhängig? Natürlich machen die abhängig, weil sie dir Linderung bringen. Gibt es von diesen Zweigen denn viele?
Und wenn die Göttin gerade durch dich sprechen möchte, und dein Körper ist benebelt, wie ist das? Interagiert/reagiert dein Körper dann noch genauso gut auf die Göttin? Oder wirken die Zweige nur auf deine arme gepeinigte Seele?

Zum ersten Mal hat Kornél mir Sud-Va-Zweige gebracht. Damals habe ich zum ersten Mal den Nebel durchschritten. Sie haben meine Schmerzen gelindert. Seither nehme ich sie immer zu mir. Häufig, wenn ich predige, trage ich schwere Ketten aus Eisen und darf keine Schuhe tragen. Der Sand ist glühend heiss und ich verbrenne mich. Meistens ist mein Körper von Brandblattern bedeckt und dann hilfen mir die Zweige, um das Salz auszublenden, das meine Wunden auswäscht.
Ich weiss nicht viel darüber. Ich habe den Kornél auch nie gefragt, wie viele es gibt. Sie sind immer da gewesen und ich habe nicht darüber nachgedacht. Es gibt vieles, das einfach immer da gewesen ist. Doch jetzt, wo ich in der Wüste bin, weit fort von allem Bekannten, wünsche ich mir, ich hätte ihn gefragt. Denn in mir toben Gefühle, die ich nicht verstehe und mich überrennen.
Die Wirkung der Sud-Va-Zweige hält nicht lange an. Manchmal, wenn ich nicht tue, was sie will, weil mein Körper zu schwer ist, bestraft sie mich. Ich kann sie immer hören und mit ihr sprechen. Aber mehrheitlich sind die Sud-Va-Zweige für mich. Ich nehme sie dann, wenn Gefühle in mir hochkommen, die ich nicht handhaben kann. Wenn ich Schmerzen verspüre, wenn ich an den Verlust denke, den ich erlitten habe. Manchmal übernimmt Akumida das aber auch. Vor allem jetzt, wo ich keine Zweige habe. Sie drängt meine Gefühle zurück und legt eine Ruhe über mich, für die ich froh bin. Denn jedes Mal, wenn meine Gefühle sich zeigen, habe ich das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren. Es ist, als würde ich aufs Meer hinaussegeln, ohne zu steuern, und geradwegs auf spitze Klippen zu fahren. Ich würde an ihnen zerspringen. Und das weiss sie, weswegen sie mir hilft.

ZitatWie sieht das genauer aus, wenn Akumida dich bestraft? Ich stelle mir das gerade in deiner Kindheit ziemlich fürchterlich vor, wo du dich ja wahrscheinlich auch an vielem ausprobieren wolltest. Und dann haut immer wieder diese Göttin dazwischen... da kann man schon verzagen.

Manchmal zwingt sie mich, mich zu übergeben. Ich erbreche Blut, bis ich ohnmächtig werde. Aber das erzähl ich keinem. Die Adusha hat es mir verboten. Denn ich bin unsterblich. Mir kann niemand etwas antun und dieses Bild muss ich in der Gesellschaft behalten.
Oft peitscht sie mich mit ihrem Licht aus, bis mein Rücken blutüberströmt ist.

In meiner Kindheit wollte ich nie Dinge ausprobieren. Denn ich wusste, dass ich nicht bin, wie die anderen. Und es war nicht mein Schicksal, Dinge auszuprobieren.

Zitat
Bist du eigentlich die einzige Heilige der Akumida in deiner Zeit? Wie groß ist denn ihr Reich? Kommen Menschen dich besuchen, um mit der Göttin zu sprechen?

Ich bin die Einzige. Akumidas Reich ist überall. Man kann immer an sie glauben. Doch in Arkura kann man sie auch spüren. Arkura ist eines der Wüstenreiche. Hier gibt es hunderte Götter. Jeder Stamm hat seine Eigenen. Es gibt zum Beispiel die Quebeques, die an die Knochenfrau und ihre Kinder glauben. Aber ihre Macht kann auch über die arkurische Grenze reichen. So kann man sie auch in Gregen spüren. Die gregischen Götter haben auch Macht in Arkura. So kann der Urvater Fuga die Grenzen aller Wüstenreicher überschreiten.

Ich gehe zu den Menschen. Denn niemand darf mich lang gesehen. Die Adusha hat es mir verboten, mit Fremden über das Dorf zu sprechen. Niemand darf wissen, woher wir kommen. Denn sie sagt, es gibt da draussen jemand, der mich töten will und kann. Aber ich glaube ihr nicht. Trotzdem wandern wir von Stadt zu Stadt, bleiben ausserhalb der Mauern und lassen die Menschen zu uns kommen. Doch nie länger als fünf Tage. Dann ziehen wir weiter, ohne jemandem zu sagen, wohin wir gehen.

Zitat
Wie schauen die normalen Menschen dich an? Wie gehen sie mit dir um? Magst du es, wie sie dich anschauen/dich behandeln?

Ich bin das mächtigste Wesen in Fleisch und Blut. Und das wissen sie. Sie wissen, dass sie sich vor mir verbeugen müssen. Sie müssen mich verehren. Denn so schreibt es ihr Glaube vor. Ich stehe über dem Sultan und direkt unter den Göttern. Das wissen sie und so behandeln sie mich. Niemand darf mich anfassen. Sie dürfen mich nicht ansprechen. Sie müssen mich beschenken, wenn mein Geburtentag gefeiert wird. Sie überhäufen mich mit Blumen, Fleisch und Fisch. Denn ich alles, woran sie glauben.

Es war immer so. Bis ich Aziel, den Fremden, kennengelernt habe. Er sieht mir in die Augen, wenn er mit mir spricht. Er stellt sich über mich. Er kann nicht verstehen, dass ich mehr bin als er. Und es iritiert mich. Ich kann nicht sagen, ob es mich erleichtert, weil man mir eine Last von den Schultern nimmt oder ob ich verärgert sein soll, weil er mich nicht als das anerkennt, was ich bin.

Zitat
Was machst du denn so denn ganzen alltäglichen Tag lang, wenn die Göttin gerade mal Pause macht?
Hast du den normalen Menschen denn beim Leben zuschauen können? Konntest du daraus nichts über das menschliche Verhalten ableiten? Oder hast du den Kontakt sogar vermieden, weil du dieses Leben ja eh nie selbst würdest erfahren können?

Ich bete. Der Kornél bringt mir dann die Kräuter und lässt mich zurück. Wenn die Sonne am Himmel aufgeht, esse ich, bis die Nacht hereinbricht nichts, um ihr zu beweisen, dass ich ihr würdig bin. Ich predige am Morgen und am Abend. Die meiste Zeit verbringe ich allein. Ich habe selten jemanden um mich herum. Manchmal ist da Maru. Doch sie ist nicht wie ich. Deswegen langweilt sie sich sehr schnell.

Manchmal schaue ich den Menschen zu. Aber ich kann ihre Handlungen nicht verstehen. Und weil ich viel zu viel zu tun habe, will ich mich gar nicht mit Fragen und Gefühlen beschäftigen, auf die ich nie eine Antwort finden werde.

ZitatUm was hast du die normalen Menschen am meisten beneidet? Um die Gefühle, die sie ausleben dürfen, klar. Um das, was sie im Gegensatz zu dir eben nicht fühlen müssen. Und sonst?

Ihre Sorglosigkeit.
Sie werden nie für Dinge bestraft. Sie müssen legendlich zu mir kommen und ich befreie sie von ihren Sünden. Ich nehme ihnen die Last ab und bürde sie mir selbst auf, weil meine Göttin nicht zulässt, dass ich sie je ablege. Manchmal wünsche ich mir, ich könnte dieses sorglose Leben haben.

ZitatWas ich auch interessant finde: Sind die Gefühle deiner Göttin wirklich so unterschiedlich von denen, wie die Menschen sie fühlen?

Die Gefühle der Göttin sind mächtig.
Die Adusha hat zu mir gesagt, dass ich niemals wütend sein darf, ausser meine Göttin ist wütend. Denn ich zeige nur die Gefühle der Götter. Oyibo, der Untote, hat mir aber auch gesagt, dass die Götter dieselben Gefühle empfinden wie die Menschen. Ich habe den Kopf geschüttelt und ihm gesagt, dass die Götter den Menschen die Gefühle geschenkt haben, deswegen sind sie göttlich. Aber ich muss gestehen, dass ich langsam glaube, dass ich nicht weiss, worin sie sich unterscheiden.
Denn ich habe nie selbst gefühlt. Ich fühle nur das, was sie fühlt. Und auch nur, wenn sie mich an ihren Gefühlen teilhaben lässt. Sie füllt die Leere in mir aus, weswegen ich glaube, dass ihre Gefühle mächtig sind.

ZitatDu musst wohl auch mal was essen, richtig? Was isst du denn z.B. gern? Hast du eine Lieblingsfarbe? Einen Ort, an dem du gern bist?
Wie siehst du aus? Trägst du bestimmte Kleidung, eine bestimmte Frisur? Darfst du dir das wenigstens selbst aussuchen? Magst du es, zu baden? Kämmst du dich gern? Ich suche gerade ein bisschen etwas eigenständiges in dir, etwas, dass selbst die Göttin dir nicht versagen kann, weil es so alltäglich ist.

Ich liebe gebratene Taube gefüllt mit Honig und Feigen. Doch ich esse es zu selten, denn es steht mir nur an meinen Geburtentagen zu.

Ich mag die Farbe des Süsswasserflusses, wenn die untergehende Sonne sich darin spiegelt. Das Wasser färbt sich dann in leuchtendes Rot und Orange, während man trotzdem noch das tiefe Blau durchsickern sieht.
Es gibt eine Stelle am Süsswasserfluss, wo die Palmen Schatten werfen. Dort bin ich am liebsten.
Aziel hat mir einmal gebeichtet, dass ich aussehe wie ein schwarzer Engel. Er hat gesagt, ich erinnere ihn an die Götter der verlorenen Zeiten, die allesamt gefallen sind und sich in steinerne, schwarze Engel verwandelt haben. Maru hat mir gesagt, dass ich die schönsten Augen dieser Welt habe. Eines blau, eines tiefbraun, fast schwarz. Ich bin ziemlich gross und schlank. Meine Haare haben Aziel immer an eine Löwenmähne erinnern, an eine Krone des mächtigsten Tier auf dieser Erde, hat er gesagt.

Ich trage meine Haare meist in tausenden Zöpfen oder offen. Hin und wieder trage ich auch Schleier oder ein Kopftuch. Meine Kleidung ist meistens weiss. Ich trage Kleider oder eine Tunika. Manchmal kleide ich mich aber auch wie die anderen Ashayaden-Frauen: ein Kjad-majev (Felloberteil, das man um die Brust schnürt), ein Fay-Rock (Langer Rock aus weissem Stoff mit bunten Stickereien am Saumen), ein Dadai (Sandalen aus Leder), eine Gaioma (Kopftuch, das man zu einem grossen Turm bindet), ein Xajad (Ein buntes Tuch, das man sich über die nackten Schultern legt, wenn es Nacht wird) oder ein Ikajo-van (Ein weisser Stoff, den man sich um die Brust schnürt)

Um mich kümmert sich entweder die Adusha oder Krim. Ich kämme mich selten. Meistens übernimmt das die Adusha. Sie flächtet auch mein Haar oder frisiert es. Krim übernimmt Dinge, wie mir die Kleidung zu bringen. Baden tue ich immer dann, wenn ich Schmerzen haben. Das Bad wird mit Salzwasser gefüllt, denn es reinigt meine Wunden.

Ich tue das, was man von einer Heiligen erwartet.

ZitatUnd dann du verlierst alles, sagst du. Auch deinen Zugang zur Göttin Akumida? Füllt sie dich nicht mehr aus? Das kann ja auch eine Erleichterung sein.

Akumida lässt mich nie allein. Und wenn sie es doch tut, dann ist es keine Erleichterung. Sie ist die Mauer, die alles zurückhält, was ich fühlen könnte. Wenn sie nicht mehr ist, würden diese Gefühle mich überschwemmen. Manchmal ist das auch meine Bestrafung. Aber meistens zeigt sie sich gnädig. Nachdem man mein Volk getötet hat, hat sie mir die Schmerzen genommen. Sie hat mich davor bewahrt, mich einer Trauer hinzugeben, die mich in den Wahnsinn getrieben hätte. Doch seit dem Massaker kann ich sie nicht mehr so häufig spüren. Und wenn, dann bringt sie mir Schmerzen oder Heilung.

Zitat
Haben andere Götter auch Heilige? Die Wassergöttin Frema zum Beispiel?

Es gibt viele Völker. Allein in Arkura gibt es 8. Es gibt die Xadir - die Goldigen oder der goldige Stamm, die Yeavey - der silberne Stamm, die Fjormar - der bronzene Stamm, die Grimpash - der wilde Stamm, die Vruenar - der seidene Stamm, die Quabeque - der kriegerische Stamm und die Rivalysh - der immerwährende Stamm. Und dann gibt es noch uns, die Ashayaden - der wandelnde Stamm. Und jeder von ihnen besitzt einen eigenen Glauben und eigene Götter. Manche haben Heilige, andere nicht. Manche haben welche gehabt. Denn Heilige kommen nur auf Erden, wenn die Götter Krieg führen.
Der Kornél hat mir anvertraut, dass es abgesehen von mir noch zwei andere gibt. Einen, der von den Hexengöttern vom weissen Kontinent abstammt, und einen, der von Okul, dem Schattengott der Karunen geschickt wurde. Der Heilige der Hexengötter ist in Iskrewél prophezeit worden, während der andere auf dem Thron von Odewil sitzt.
Ich selbst habe ein Wesen getroffen, das mir ähnelt. Doch es ist kein Heiliger. Sein Name ist Oyibo und er wurde von dem Häuterkind (eine Göttin der Quabeques) zum Untoten gemacht, weil er totes Menschenfleisch gegessen hat. Er ist genauso gekettet an seine Göttin, wie ich an meine, doch für ihn ist es als Strafe gedacht. Ich habe die Ehre, meiner Göttin zu dienen.

ZitatVersuche, als Cahide zu antworten, nicht als Akumida.

Ich weiss nicht, ob ich das wirklich geschafft habe. Denn sie wird immer ein Teil von mir sein. Ich kann es entweder hinnehmen oder mich dagegensträuben. Und ich weiss noch nicht, was ich machen soll. Sie ist meine Mutter und meine Königin. Ich kann mich nicht einfach von ihr abwenden, denn ohne sie wäre ich in dieser Welt verloren.