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Autor Thema: Own Voices und Chancengleichheit auf dem Buchmarkt [CN Rassismus]  (Gelesen 6488 mal)

Offline Mondfräulein

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Re: Own Voices und Chancengleichheit auf dem Buchmarkt
« Antwort #30 am: 10. Februar 2021, 18:02:47 »
Ich spreche hier jetzt explizit nur über große Verlage, die die entsprechenden Ressourcen haben, aber deshalb gibt es ja auch einen Unterschied zwischen Sensitivity Readern und betroffenen Betalesern. Das Buch einem Kumpel zu zeigen, der auch trans ist, ist etwas anderes, als jemanden zu engagieren, der sich explizit mit den Problematiken und Diskursen auskennt. Ein Sensitivity Reader ist nicht einfach nur jemand, der selbst betroffen ist, sondern auch jemand, der die nötige Expertise hat, um Dinge einordnen zu können. Wenn ich als Verlag dieser Expertise nicht selbst habe, dann sollte ich jemanden engagieren, der sie hat, sofern ich über die entsprechenden Ressourcen verfüge.

Ich will nochmal diesen Thread von Nora Bendzko verlinken: https://twitter.com/NoraBendzko/status/1359538421371449344 Letztendlich ist das keine Sache, die einzelne Autoren falsch machen, sondern ein strukturelles Problem der ganzen Branche.

Wichtig ist letztendlich aber auch, dass es Dinge gibt, die umstrittener sind als andere. Bei manchen Dingen greifen sich auch nicht betroffene Autoren an den Kopf und denken wer hat das denn durchgewunken, da kenne ich einige Beispiele. Bei manchen Dingen muss ich aber auch länger darüber nachdenken, ob ich das jetzt problematisch finde oder nicht, selbst wenn ich betroffen bin und mich mit dem Thema schon viel befasst habe.

Kraehe

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Re: Own Voices und Chancengleichheit auf dem Buchmarkt
« Antwort #31 am: 10. Februar 2021, 18:27:33 »
Nehme ich Minderheiten die Chance, ihre eigenen Geschichten zu erzählen, wenn ich meine Bücher veröffentliche?
Unbequeme Antwort: vermutlich ja. Nicht deinetwegen, aber weil es auf dem Markt nunmal aktuell so funktioniert. Letzten Endes ist das eine Debatte, die am Ende wieder auf etwas wie cultural appropriation (zumindest bei PoC) hinausläuft.

Das Problem ist, um mal exemplarisch am Beispiel von Xiran Jay Zhao zu bleiben (die wirklich sehr gut vlogt und twittert!): Fantasy auf Basis chinesischer Mythologie/mit Elementen der chinesischen Kultur ist nunmal ein Nischenbereich. Es ist nicht blasser-Junge-liebt-blasses-Mädchen à la Twilight, es sind keine blassen, europäisch aussehenden Elfen, die aufeinander einkloppen, etc.. Da es als Nischenbereich gehandelt wird, sind weniger Slots verfügbar. Und wenn nun ein*e weiße*r Autor*in daherkommt, vielleicht schon gut etabliert, und was darüber schreiben will, stehen die Chancen sehr hoch, dass er/sie nunmal den Zuschlag bekommt. Und ja, dann kommt das Argument "sorry, Nische schon gefüllt", und beispielsweise eine chinesische PoC bekommt diesen Vertrag eben nicht mehr, obwohl sie die sehr viel authentischere Stimme wäre, und es ihr vielleicht sehr viel mehr zustünde, diese Geschichte zu erzählen.

Cultural Appropriation ist ein anderes Thema, das will ich hier nur kurz runterreißen, und zwar darauf, dass ganz generell die aktuell existierenden Strukturen (auch in der Verlagslandschaft) aufgrund mehrerer Faktoren Weiße bevorzugen, ob nun aufgrund der abweichenden Verfügbarkeit von Ressourcen, Zugängen zu Bildung etc. - das ist eine andere Debatte. Doch ergo ergibt sich so vielleicht ohnehin schon eine kleinere Querschnittssumme aus PoC-Autor*innen, die also per se schon den schlechteren Stand haben. Das noch gepaart mit nischigem Thema - schwierig. Auch fürs Marketing. Also ja. Ich denke, aktuell werden auf diese Art Bücher von PoC/Own-voice Autor*innen verdrängt. Zumindest solange, bis diese Themen eine breitere Akzeptanz auf dem Markt erlangt haben und die Verlagslandschaft hoffentlich auch etwas risikofreudiger wird.

Zitat
I know white writers write poc main characters because they want poc readers to see themselves in books, but here’s what happens when you do that: publishers end up acquiring books written by white people instead of books by pocs because they find the former easier to relate to.
Im Grunde genommen fasst es dieser Tweet genau zusammen.

Und eigentlich wollte ich jetzt schreiben, dass ich finde, auch Bücher von nicht Own-Voice-Autor*innen haben ihre Daseinsberechtigung. Finde ich auch.
Aber je mehr ich über meine Argumentation grüble, desto weniger pauschal möchte ich das sagen.
Natürlich können nicht-"Betroffene" auch über solche Themen schreiben. Natürlich ist es gut, so Bewusstsein zu schaffen und vielleicht den Markt zu öffnen. Aber dann gehört für mich zwingend sensitivity reading dazu, genauso wie deutliche Kritikfähigkeit, und das damit leben können, wenn trotzdem "Shitstorms" oder Beschwerden aus den entsprechenden Communities kommen. Das gilt für alle am Prozess beteiligten, von Autor*in bis Verlag.

Fair und guten Gewissens von allen erzählt werden können die Geschichten marginalisierter Gruppen nur, wenn auch insbesondere Own Voices mindestens in gleichem Maße Raum geboten wird, ihre Geschichten selbst zu erzählen, wie Außenstehenden. Und ich denke, das ist der Punkt, an dem es für mich hakt. Nicht alle müssen own-voice schreiben, nur weil sie Repräsentation schaffen wollen. Aber solange es Own-Voice-Autor*innen so erschwert wird, ihre eigenen Geschichten zu erzählen, kann keine faire Repräsentation auf Augenhöhe stattfinden.
Soll heißen, genau das:
Wenn es einem wirklich um das Thema und um die Sensibilisierung dafür geht, wäre es besser, Own Voice Autoren zu fördern, statt ihnen ihre Themen wegzunehmen.



Im Gay Romance Genre sehe ich, wozu das führen kann, denn hier werden haufenweise Bücher von nicht-Betroffenen für nicht-Betroffene geschrieben. Frauen schreiben für Frauen über schwule Männer.
Hier möchte ich nur ein kleines Problem mit der Terminologie ansprechen, das ich persönlich in solchen Debatten immer habe, ist wirklich nicht böse gemeint. Aber die Verwendung von "Betroffenen" sollte sorgsam gewählt werden. "Betroffene" sind durch dieses Wording ausgegrenzt.

"Betroffen" bin ich, beispielsweise, von Rassismus. "Betroffen" bin ich nicht davon, zwei Nationalitäten zu haben. Diese Unterscheidung ist zumindest mir wichtig. Genauso würde ich einen Schwulen Mann nicht als "von Gay Romance betroffen" bezeichnen. Sondern eben als schwulen Mann und Zugehörigen zur entsprechenden Gruppe, während er von Diskriminierung aufgrund seines Schwulseins betroffen ist.

 

Die Argumentation scheint sich ja in erster Linie auf PoC zu beziehen - nur haben wir als Autoren auf dem deutschen Buchmarkt, insbesondere in der Phantastik, die Situation, dass so ziemlich alle Autor*innen weiß sind.
Auch da möchte ich vehement einhaken. Das glaube ich nicht. Alle großen und etablierten Autor*innen? Schon eher. Alle? Nein. Aber fast alle whitepassing oder vielleicht hinter whitepassing Pseudonym versteckt? Ziemlich sicher.

Lass uns das mal auf den Tintenzirkel runterbrechen. Wie viele PoC Mitglieder fallen euch aus dem Stehgreif ein? (Insbesondere denen, die keinen Zugang zu Klarnamen etc. haben und tatsächlich nur aus dem Forenprofil und -auftreten schließen müssen.)
Mir, mit ein bisschen Nachdenken, sechs. Erstaunlich – und erschreckend – wenige. Eigentlich glaube ich, dass es (hoffentlich) mehr sein müssten. Allein statistisch sollten es mehr sein.
Umso erschreckender, weil mir auf Anhieb gleich doppelt so viele queere Mitglieder einfallen, beispielsweise, und zwar ohne Nachdenken.
 
Warum haben wir eigentlich so wenig PoC im Zirkel? Ich stelle mir die Frage wirklich schon länger, und ich glaube, ganz wesentlich sind zwei Punkte:
  • Die Zugänglichkeit, die ich oben schon angerissen habe. Greift auch hier im Zirkel und dem Weg, hier überhaupt Mitglied zu werden. Kennt man die Vernetzung? Fühlt man sich da auch gesehen, repräsentiert und willkommen? Wurde man in der Schule auf Möglichkeiten zur Förderung im literarischen Schreiben beispielsweise überhaupt hingewiesen? Bestanden von vornerein dieselben Bildungschancen? Etc. pp. ; nicht alle PoC können diese Fragen mit ja beantworten, und die wenigsten alle davon. Mit Sicherheit fanden und finden insgesamt überhaupt weniger PoC ihren Weg bis zum Zirkel.
  • Die Tatsache, dass quasi keins dieser Mitglieder sich groß als PoC outet. Oft kommt das in Nebensätzen, Andeutungen, kurzen Worten mal raus, und das war es. Die meisten werden das vermutlich kaum registrieren. Ehrlich gesagt finde ich, derzeit schreibt gefühlt auf weiter Flur kein einziges Mitglied offen als PoC hier im Forum. Ich habe hier in den Menschengeschichten einen Thread dazu gemacht und mich vor allem im vergangenen Jahr auch in Diskussionen mehrfach dazu geäußert, deutsch-iranischer Abstammung zu sein, und was das für Auswirkungen auf meinen Alltag und mich insgesamt hat. Resultat? Aussagen von mir wurden im RL von Mitgliedern ohne Erlaubnis vor anderen zitiert, augenzwinkernd und schulterklopfend, um pseudo-solidarisch ein paar Lacher einhzuheimsen. Mir ist Orientalismus als quasi guter Wille zu verkaufen versucht worden, und dann waren Leute sauer, weil ich nicht begeistert war, auf die Art fetischisiert zu werden. Mir wurde gesagt, ich würde zu persönlich betroffen/emotional reagieren, nur weil ich persönlich betroffen bin, zu dogmatisch, und eigentlich habe Rassismus auch für gewisse Mitglieder einen im Grunde genommen positiv belegten Kern. Und das alles, während ansonsten quasi ausschließlich weiße Forenmitglieder über die Fragestellung diskutiert und sich überlegt haben, inwiefern meine (stellvertretende) Betroffenheit jetzt überhaupt gerechtfertigt ist.
    Und das hier ist noch ein verhältnismäßig geschütztes Umfeld, in dem es noch insgesamt zivilisiert bei diesen Debatten zugeht.
    Dass andere PoC, egal ob hier oder generell „draußen“ in der Verlagslandschaft trotzdem keine Lust auf diese Dinge haben, und dann lieber Whitepassing versuchen, oder sich einfach nicht aktiv zu Wort melden und mit Zielscheibe versehen, verstehe ich.  Wäre der einfachere Weg.

Was ich jetzt aber noch einmal ausdrücklich sagen will: Es gibt in Deutschland PoC Autor*innen. Ich bin PoC. Ich bin Autorin. Ich bin zu 120% überzeugt, nicht die einzige zu sein. Klar bin ich keine große Autorin und nicht veröffentlicht oder auf irgendeine Weise etabliert. Aber es gibt mich, und es muss andere geben, die da schon weiter, aggressiver, erfolgreicher sind. Niemand überzeugt mich vom Gegenteil.
Wir sollten uns also vielmehr die Frage stellen, warum gibt es nicht mehr von uns offen sichtbar, und warum auch insbesondere in „unserem“ Genre? Indem wir bequemerweise sagen, Own Voice sei nicht so wichtig und wird schon noch kommen, wenn wir „diese Leute“ erst mal als lesbar und lesenswert etabliert haben, verschärfen wir das Problem.

Und hier möchte ich auch noch eine andere Sache anmerken, die immer wieder passiert. Own voice gibt es in vielen Dingen. Aber jetzt in einem Topf über beispielsweise queere, PoC und neurodiverse Own Voices zu diskutieren, wird meiner Meinung nach keiner der Gruppen gerecht, weil die Debatten, die wir führen müssten, jeweils andere sind.
Man kann queer und weiß sein. Dann ist Diskriminierung zwar vorhanden, aber von einer anderen Qualität, als wenn man cis het und PoC ist. Es fußt auf verschiedenen Begründungen für die Diskriminierung. Man kann beides sein, dann ist man sogar intersektional betroffen. Aber wir müssen insgesamt diverser denken und von multipleren Standpunkten an Diversität als Thema und Represäntation als Thema rangehen. Das ist uns schon in der Debatte im Sommer um Rowlings -ismen passiert, als wir schließlich den Rassismus (zurecht) abgespalten haben, und daraus sollten wir lernen.

Sicher sind die Own Voice Autor*innen Wegbereiter, die helfen, dass solche Themen auch in der Masse angekommen - aber dass man am Ende die Own Voices selbst nicht mehr zu Wort kommen lässt, das sehe ich nicht. Ich verstehe auch meine Agentin, wenn sie die Lage auf dem deutschen Buchmarkt im Auge hat und ich da mit anderen deutschsprachigen Autoren um die Verlagsplätz konkurriere, nicht mit Auslandslizenzen, und wir in Deutschland bislang keine Own Voices für ein vergleichbares Setting haben. Aber wenn, dann würde eher ich den kürzeren ziehen, weil Own Voice wirklich so ein starkes Verkaufsargument ist.
Auch da bin ich leider nicht einverstanden. Own Voices, in diesem Fall geht es wieder um PoC, kommen oft leider gar nicht erst an dem Punkt an, an dem sie in direkte Konkurrenz zu dir treten könnten. Es gibt keine bisher veröffentlichten Referenzen. Nicht, weil die nicht existieren, sondern weil irgendwo entlang des Weges immer ein Stolperstein lag. Naja, und jetzt? Jetzt gibt es für sie ja auch keine Referenzen als Türöffner.
Ich möchte dir gar nicht dein Recht absprechen, ein diverseres, abwechslungsreicheres Setting zu schreiben. Im Gegenteil. Ich begrüße das. Es ist ein Gewinn in puncto Repräsentation, diese Dinge denkbar zu machen. Aber das hat nichts darüber zu sagen, ob eine own voice gerade dieselben Chancen hätte, aktuell mit demselben Setting erfolgreich zu sein. Weil sie vermutlich gar nicht erst so schnell an den Punkt als veröffentlichte, von einer super Agentur vertretene Autorin zu kommen. So weit sind wir leider gar nicht.
Own Voice als Verkaufsargument bleibt momentan leider in erster Linie eins: ein Token. Und Token braucht man dummerweise nicht allzu viele auf einmal.

Offline Alana

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Re: Own Voices und Chancengleichheit auf dem Buchmarkt
« Antwort #32 am: 10. Februar 2021, 18:39:19 »
Ich habe gerade gar nichts mehr beizutragen, ich möchte einfach @Maja und @Krähe mal für eure offenen und tollen und sehr wertvollen Beiträge zum Thema danken.  :knuddel:

Ich überlege schon die ganze Zeit, wie man erreichen könnte, dass die Schwellen, die du ansprichst, Krähe, kleiner werden. Was könnten wir persönlich dazu beitragen und was kann ich als cis weiße Heterofrau tun, um vielleicht mit meiner Erfahrung als Autorin PoC Autoren oder Autoren einer anderen Minderheit zu helfen, ohne dass es falsch rüberkommt? Wäre es nicht ein tolles Ergebnis dieser Diskussion, wenn dadurch eine Aktion entstehen würde, die wirklich etwas ändert. Patenschaften, Praktika, Schreibworkshops in Schulen ...

@ Terminus "Betroffene" ... ich habe bei meinem letzten Beitrag auch gedacht, dass ich das nicht korrekt verwendet habe. Tut mir leid. Ist es denn in Ordnung, von einer Minderheit zu sprechen, einer marginalisierten Gruppe oder lieber einer Community?
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Offline Maja

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Re: Own Voices und Chancengleichheit auf dem Buchmarkt
« Antwort #33 am: 10. Februar 2021, 19:55:02 »
Lass uns das mal auf den Tintenzirkel runterbrechen. Wie viele PoC Mitglieder fallen euch aus dem Stehgreif ein? (Insbesondere denen, die keinen Zugang zu Klarnamen etc. haben und tatsächlich nur aus dem Forenprofil und -auftreten schließen müssen.)
Darauf hatte ich meine Aussage begründet - ich betrachte den Tizi schon als einen repräsentativen Querschnitt durch das, was im deutschsprachigen Bereich Fantasy schreibt, ob veröffentlicht oder nicht, und ich komme nicht auf mehr PoC als du (selbst wenn ich da bei den allerhellsten Braunschattierungen anfange). Ich bin da natürlich anderen gegenüber im Vorteil, weil ich sowohl die Klarnamen der Mitglieder kenne als auch die der Bewerber, die wir am Ende ablehnen (vorausgesetzt, da gibt jeder die Wahrheit an). Und es ist eine verschwindend kleine Gruppe an Bewerbern, die keinen relativ eindeutig deutschen Namen angeben. Gemessen an der deutschen Demographie hätte ich da wirklich ganz andere Verhältnisse erwartet. Und wenn ich dann PAN betrachte - was weniger repräsentativ ist, weil da die unveröffentlichten Leute aussortiert werden) sieht das auch nicht anders aus.

Ich kann mir nicht erklären, wie das kommt - ich kann mir nicht vorstellen, das jemand, der in Deutschland Fantasy schreibt, überhaupt keinen Austausch mit anderen Autoren suchen sollte, nur weil man keinen typisch deutschen Namen hat oder nicht typisch deutsch aussieht. Aber alles, was ich von der deutschen Phantastikszene sehe, ist demographisch unrealistisch weiß. Vielleicht muss man die Frage an einer anderen Stelle ansetzen: Ob sich z.B. die Deutschtürken oder Afrodeutschen in der phantastischen Literatur, die hierzulande verbreitet ist, so wenig wiederfinden und so wenig Identifikationspotenzial haben, dass sie sich gar nicht genug in das Genre verlieben, um es selbst schreiben zu können. Ich weiß es nicht. Ich kann da echt nur spekulieren, ich bin so weiß wie ein Milchbrötchen und kann das nicht beurteilen.

Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es wirklich viele Fantasyautoren of Colour in Deutschland gibt, die dann alle in ihren stillen Kämmerlein hocken und sich nicht mit Kollegen austauschen wollen. Wenn ich mir die Webseite des Tizis anschaue, wirkt die vielleicht technisch ein bisschen angestaubt und inhaltlich nicht auf dem aktuellsten Stand, aber wenn sie so formuliert sein sollte, dass sich ganze Bevölkerungsgruppen da so ausgeschlossen fühlen, dass sie es nicht einmal versuchen, dann sagt mir das bitte gestern als morgen, damit wir uns gemeinsam an besser Formulierungen setzen können. Ein Gatekeeping nur für Weiße ist, das bitte ich euch mir zu glauben, das Letzte, was ich hier will. Aber ich weiß wirklich nicht, ob es da eine große Gruppe von Leuten gibt, die sich nicht angesprochen fühlt, oder ob es doch einfach nur sehr weniger Fantasyautoren of Colour hierzulande gibt.
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Kraehe

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Re: Own Voices und Chancengleichheit auf dem Buchmarkt
« Antwort #34 am: 10. Februar 2021, 20:40:54 »
Darauf hatte ich meine Aussage begründet - ich betrachte den Tizi schon als einen repräsentativen Querschnitt durch das, was im deutschsprachigen Bereich Fantasy schreibt
Ich eben nicht.
Ich werfe dir kein Gatekeeping vor, wirklich nicht. Aber ich glaube anders als du nicht, dass der Zirkel auch nur im Entferntesten repräsentativ ist für das, was "da draußen" existiert. Wir greifen hier Mitglieder ab, die präselektioniert sind, aufgrund von Sozialisierung und Ressourcen, die sie dann überhaupt ins Internet führen, die sie mit dem Prinzip "Forum" bekannt machen, und die sie auch diese Art von Austausch suchen lassen.

Ich kann mir nicht erklären, wie das kommt - ich kann mir nicht vorstellen, das jemand, der in Deutschland Fantasy schreibt, überhaupt keinen Austausch mit anderen Autoren suchen sollte, nur weil man keinen typisch deutschen Namen hat oder nicht typisch deutsch aussieht.
Ja, aber dieser Austausch muss nicht ein Forum sein. Dieser Austausch kann auch via anderer Social Media stattfinden, oder im persönlichen Kontakt, in Schreibgruppen an Schulen und so weiter.
Und das hat jetzt nichts mit einfach nur typisch deutschem Namen oder Aussehen zu tun, wenn ich schreibe, dass BI_PoC hier unterrepresentiert sind. Gerade das Internet als anonymer Raum, wenn man es möchte, würde Möglichkeiten bieten, das zu kaschieren. (Was zu einer Vergrößerung der Verblindung führt, weil ich überzeugt bin, viele PoC tun das für den Seelenfrieden sehr absichtlich.)
Der Tintenzirkel war für mich auch nicht der erste Austausch mit anderen Autor*innen, nur ein Ort, an dem ich dann auch angekommen und hängengeblieben bin. Aber ich bin ja auch wunderbar integriert (ja, sarkastische Intonation), stamme aus zwei Akademikerfamilien und habe auch eine Menge Privilegien von Anfang an genossen. Meine Eltern haben sogar absichtlich darauf verzichtet, mich zweisprachig zu erziehen, damit mein Deutsch nicht leidet, um es mal ganz bitter auf den Punkt zu bringen.
Nur - jetzt stell dir mal vor, du hast das nicht. Du hast weniger Geld, deine Familie legt nicht so viel Wert auf ein 1,0er Abi, du hast zuhause niemanden, der dich so explizit in Deutsch fördert, um dein Whitepassing zu maximieren, sprichst vielleicht zuhause sogar nicht nur Deutsch, siehst dann auch noch "nicht deutsch" aus und gehst so in die Schule. Damit bist du nicht das Kind, das in Deutsch gefördert wird, egal, wie kreativ du vielleicht bist. Damit fällst du in ein anderes Raster - nicht in das, bei dem man dir Schreibwettbewerbe anträgt, Stipendien zeigt oder dich in Literatur-AGs aufnimmt. Dir wird nicht vermittelt, dass *das* in dir steckt. Dagegen musst du erst mal ankommen, und das ist ja nur der Anfang des Weges, der dann vielleicht eines Tages beim Verlagsvertrag oder zuerst der Tintenzirkelmitgliedschaft endet.
Da ist ein Bias, schon bevor die Leute sich überhaupt im Tintenzirkel bewerben.

Ob sich z.B. die Deutschtürken oder Afrodeutschen in der phantastischen Literatur, die hierzulande verbreitet ist, so wenig wiederfinden und so wenig Identifikationspotenzial haben, dass sie sich gar nicht genug in das Genre verlieben, um es selbst schreiben zu können.
Puh, also nein.  :no: Mit der Logik kann auch kein deutscher Karl May genießen. Oder eigentlich auch kein echter Vorzeigedeutscher Literatur ausländischer Autor*innen.
Natürlich sind PoC in der hierzulande verbreiteten phanatastischen Literatur unterrepräsentiert, und das ist ein Problem ganz für sich. Aber warum sollten sie das bitte nicht schreiben können? Idealerweise mit eigenen Takes und diverser? Diese Argumentation verstehe ich schlicht und einfach nicht. Die ist so viel zu kurz gegriffen.
Auch hier kommt, wenn dann, wohl die Zugänglichkeit dazwischen. Um zu lesen brauchst du erst einmal die Ressourcen - Bildung, Geld - dafür, und jemand muss dir gezeigt und beigebracht haben, dass das eine schöne und wertvolle Beschäftigung ist. Um zu schreiben brauchst du letzteres doppelt.

Und da sind wir auch schon wieder bei own Voice, Repräsentation und dem Ganzen: Es gibt keine Autor*innen mit offen nicht-weißen Namen. Sagst du ja selbst. Auch hier stelle ich in den Raum, ob das nicht daran liegt, dass viele sich verstecken. Im englischsprachigen Raum nennen sich Autorinnen bewusst männlich oder uneindeutig. Mir ist oft genug selbst gesagt worden, ich soll einfach bald einen Deutschen heiraten und seinen Namen annehmen, dann würden sich diverse Probleme schnell lösen. Mir kann niemand erzählen, dass das vor dem Trend zu Token und Own Voice nicht auch Mechanismen waren, die bei Veröffentlichungen gegriffen haben.
Das Problem bleibt: Es gibt keine Vorbilder.
Es gibt keine Autor*innen, die PoC im Bücherregal entdecken können, und sich dann denken "wow, das könnte ich sein! Leute wie ich können also doch Bücher schreiben! Damit sogar Erfolg haben!".
Es gibt keine Autor*innen, die Eltern schreibender PoC Kinder oder Jugendlicher als Beispiele dafür dienen könnten, dass ihre Kinder da nichts komplett abwegiges tun und keine absolute Zeitverschwendung betreiben.

Zurück zu Mondfräuleins Beispiel Xiran Jay Zhao. (Kurz für alle, die sie nicht kennen: Sie ist Chinesin, lebt in Kanada, und publiziert diesen Herbst ihr erstes großes Fantasybuch, außerdem vlogt und twittert sie viel zu Diversität, Repräsentation und Mechanismen in den Medien.)
Ihre Eltern haben ihre künstlerischen Bestrebungen belächelt und maximal toleriert. Bis ihr Vater in einem großen Marvel Film (War es Ant Man? Oder ganz was anderes als Marvel?) im Abspann sah, dass der Produzent Chinese war. Das war für ihn ein Schlüsselmoment, denn "Leute wie wir können ja doch Künstler sein und damit Geld verdienen!"
Bis zu diesem Moment hielt er es für unmöglich. Ab diesem Moment hat er seine Tochter unterstützt und war stolz auf ihr Schaffen.

Es sind die kleinen Dinge, die für Weiße selbstverständlich sind, und die für PoC den entscheidenden Unterschied bedeuten können.

Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es wirklich viele Fantasyautoren of Colour in Deutschland gibt, die dann alle in ihren stillen Kämmerlein hocken und sich nicht mit Kollegen austauschen wollen.
Ja, aber vielleicht sitzen sie eben auch woanders als im Zirkel, weil ihre Vita sie nie hierher geführt hat. Nur weil sie nicht hier sind, heißt das nicht, dass es sie nicht gibt, und da wirst du mich nicht umgestimmt bekommen.
Nur: da es sie ja auch öffentlich nicht gibt - ob nun, weil sie nicht publiziert werden, oder weil sie im Falle von Publikationen ihre PoC-ness wegradiert bekommen - sind wir doppelt blind für sie. Das ist ein Teufelskreis.

Aber PoC Autor*innen so pauschal die Existenz abzusprechen, nur weil sie nicht hier im Tintenzirkel aufgetaucht sind, und du wenige kennst, das finde ich sehr traurig. Das ist ein auf einer Datenlücke basierender Denk- und Wahrnehmungsfehler.


@ Terminus "Betroffene" ... ich habe bei meinem letzten Beitrag auch gedacht, dass ich das nicht korrekt verwendet habe. Tut mir leid. Ist es denn in Ordnung, von einer Minderheit zu sprechen, einer marginalisierten Gruppe oder lieber einer Community?
Ich persönlich finde die Begriffe alle okay. Community gefällt mir am besten, weil weniger negativ konnotiert, aber insgesamt sind alles drei bessere Begrifflichkeiten als "Betroffene", und für mich verwendbar.

Offline Fianna

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Re: Own Voices und Chancengleichheit auf dem Buchmarkt
« Antwort #35 am: 10. Februar 2021, 20:59:31 »
Zitat
Nur: da es sie ja auch öffentlich nicht gibt - ob nun, weil sie nicht publiziert werden, oder weil sie im Falle von Publikationen ihre PoC-ness wegradiert bekommen - sind wir doppelt blind für sie.
,Keine' ist nicht zutreffend. Ich hab immer das Gefühl, ich kenne so wenig aktuelle Bücher aus Großverlagen, aber mir fallen schon 3 PoC ein.
3 sind natürlich sehr wenige, bestimmt gibts noch den einen oder anderen, der Phantastik schreibt (vielleicht sogar in größeren Verlagen) und den ich nicht kenne.

Aber das mit dem Nachnamen trifft so eigentlich nur bei Akram el-Bahay zu. Die anderen, die mir einfallen, haben deutsche oder englische Nachnamen,  wo man es am Cover nicht sieht.

Ich will die Diskussion auch nicht ablenken, das sind immer noch sehr wenige und zu wenige.
Ich bin nur über "Keine... keine..  keine...  " gestolpert.

   

Offline Maja

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Re: Own Voices und Chancengleichheit auf dem Buchmarkt
« Antwort #36 am: 10. Februar 2021, 21:14:05 »
Ich habe mich sicher falsch ausgedrückt, als ich sinngemäß meinte, im Tintenzirkel ist niemand, also gibt es auch niemanden. Es ist mehr, dass ich mich seit Jahren frage, was wir falsch machen, warum wir bestimmte Demographien nicht erreichen. Wenn ich auf die Landkarte des Tizis schaue, scheinen mehr als dreißig Jahre nach der Wiedervereinigung in den immer noch "neu" genannten Bundesländern keine Fantasyautoren zu leben, und das kann genausowenig sein.

Aber die deutschen Fantasyautoren of Colour sehe ich nicht auf Instagram, nicht auf Facebook, nicht als Selfpublisher - und ich *will* sie gerne sehen. Ich will raus aus einer Blase, in der alle milchbrötchenweiß sind, und ich hätte erwartet, dass selbst wenn die Verlage nur mit Arschlöchern besetzt sein sollten, diese Autoren dann das Ruder in die Hand nehmen und es ihnen als Selfpublisher zeigen und sagen "Schaut uns an, wir sind hier, es gibt uns, und ihr sollt uns zuhören!" Und natürlich würde ich ihnen dann sagen, wie ich das allen forenexternen Fantasyautoren, die ich treffe, sage: "Kommt in den Tizi, hier warten Freunde auf euch." Ob die das dann wollen, ist ihnen überlassen - Foren sind Relikte und ein aussterbendes Medium des inzwischen vorletzten Jahrzehnts. Ich wünsche diesen Autoren Sichtbarkeit, gerade damit Leute wie ich aus ihren Filterblasen geschmissen werden.

Ich hoffe, das war jetzt glücklicher ausgedrückt.
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Robert Gernhardt

Offline Mondfräulein

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Re: Own Voices und Chancengleichheit auf dem Buchmarkt
« Antwort #37 am: 10. Februar 2021, 21:29:04 »
Du hast das sehr gut auf den Punkt gebracht und ich stimme dir in allem zu @Krähe.

Und eigentlich wollte ich jetzt schreiben, dass ich finde, auch Bücher von nicht Own-Voice-Autor*innen haben ihre Daseinsberechtigung. Finde ich auch.
Aber je mehr ich über meine Argumentation grüble, desto weniger pauschal möchte ich das sagen.
Natürlich können nicht-"Betroffene" auch über solche Themen schreiben. Natürlich ist es gut, so Bewusstsein zu schaffen und vielleicht den Markt zu öffnen. Aber dann gehört für mich zwingend sensitivity reading dazu, genauso wie deutliche Kritikfähigkeit, und das damit leben können, wenn trotzdem "Shitstorms" oder Beschwerden aus den entsprechenden Communities kommen. Das gilt für alle am Prozess beteiligten, von Autor*in bis Verlag.

Vielleicht überschätze ich mich als weiße Autorin auch, wenn ich Bücher schreibe, um den Markt für PoC-Autoren zu öffnen. Die Beispiele, um die es hier geht, sind denke ich auch etwas anderes als einfach nur Repräsentation in den eigenen Roman einzubauen. Für mich als weiße Autorin schließe ich daraus, dass ich mich immer fragen sollte, ob meine PoC-Figuren und die Elemente, die ich in meine Geschichten einbaue, dazu führen könnten, dass das Buch einer PoC aufgrund zu großer Ähnlichkeit abgelehnt werden könnte. Wenn ich das Buch auf seine Prämisse herunterbreche, spielt die Zugehörigkeit zu dieser Gruppe eine fundamentale Rolle? Benutze ich diese Gruppe oder repräsentiere ich sie? Klar, es wäre super, wenn ich den Markt für andere öffnen könnte, aber wenn ich nicht sicher bin, ob ich Schaden anrichte oder helfe, dann sollte ich vielleicht noch einmal darüber nachdenken, ob ich mich hier zu sehr als White Savior sehe.

Insofern ist es gut sich zu fragen, was man wirklich für diese Gruppen tun kann und was wirklich hilft anstatt zu schaden, auch über unsere eigenen Bücher hinaus. Das einfachste ist gewiss, Own Voices Autoren zu fördern, indem wir ihre Bücher kaufen und weiterempfehlen.

Mir fällt dazu gerade eine Debatte um Lycanthropy and Other Chronic Illnesses von Kristen O'Neal ein. Die Autorin sagt, das Buch wäre Own Voices, weil sie selbst eine Behinderung hat, aber sie ist weiß und das Buch handelt von einem indisch-amerikanischen Mädchen mit chronischer Krankheit. Die Erfahrung ist nicht dieselbe. Hier gibt es eine ausführliche Rezension zum Buch, die einige wichtige Punkte zum Thema besser erklärt, als ich es je könnte und auch nochmal auf andere Quellen verweist, die würde ich zum Thema unbedingt empfehlen: https://www.goodreads.com/review/show/3824728041?book_show_action=false

Offline Maubel

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Re: Own Voices und Chancengleichheit auf dem Buchmarkt
« Antwort #38 am: 10. Februar 2021, 21:58:38 »
Letztes Jahr habe ich bezüglich dieses Themas die Writing the Other Kurse gemacht, welche von drei PoC-Frauen entworfen und geleitet werden, wobei Themenbereiche auch von marginalisierten Gastdozenten unterrichtet werden, also z.B. Blind & Deaf Characters von jemandem, der blind und taub ist. Ich kann diese Kurse einfach nur jedem empfehlen, ganz besonders wenn man selbst weiß, cis, hetero ist. Am 6. März gibt es sogar ein 4stündiges Seminar zum Thema: Should Authors Write Characters Different From Themselves?

Während ich die Kurse gemacht habe, bin ich irgendwann auch an den Punkt gekommen, wo ich Bauchschmerzen hatte, überhaupt zu schreiben, um eben niemandem die Plätze wegzunehmen. Das Problem ist nur, niemanden interessiert es, ob ich keine Bücher schreibe. Davon werden die Plätze auch nicht frei. Nein, stattdessen werden sie mit Leuten besetzt, die sich womöglich noch nie mit der Problematik befasst haben, deren Texte weniger divers sind. Dann also lieber all das Gelernte anwenden und Texte schreiben, die einen diversen Cast haben und so wenigstens dafür sorgen, dass mein Buch nicht nur aus weißen, cis, hetero Charakteren besteht und damit Leser ausklammert.

Und zusätzlich natürlich Own voice Autoren hervorheben, unterstützen und teilweise eben auch zurücktreten. Zum Beispiel bei englischsprachigen Konferenzen bewerbe ich mich eher selten auf einen Panelplatz und empfehle stattdessen Autor*innen weiter, die aus marginalisierten Gruppen stammen.

Ansonsten gehe ich persönlich auch mittlerweile wie @Alana an Geschichten heran: Warum will ich das schreiben? Und bin ich die richtige Person für diese Geschichte? Pi mal Daumen heißt das für mich, dass ich z.B. PoC-Charaktere schreibe, aber kein Buch über Rassismus schreibe, oder queere Charaktere schreibe, aber kein Buch über Coming Out schreibe. Das heißt nicht, dass diese Themen nicht vorkommen. Gerade Rassismus ist strukturell und lässt sich einfach nicht ausklammern, aber ich bin nicht die richtige Person, um das "Leid" anderer Personengruppen zu beschreiben und eben deren Geschichten zu erzählen. Versteht jemand, was ich sagen will?

Und am Ende kommen dann eben Sensitivity-Reader dazu. Ich habe für Time to Remember zum Beispiel eine chinesischstämmige Neuseeländerin gehabt und so sehr ich mich auch im Text bemüht habe, es sind trotzdem strukturelle Sachen reingerutscht. Die habe ich jetzt natürlich besser im Blick und dank dem Sensitivity-Reading sind sie auch nicht mehr im Text. Aber ich musste meiner Publizistin z.B. auch direkt sagen, dass sie das Buch bitte NICHT an chinesische Büchergruppen empfiehlt, nur weil meine MC Chinese NZer ist, weil das eben überhaupt nicht das Thema ist und ich jetzt nicht ein tolles Buch über eine Chinese NZer geschrieben habe, sondern ein Buch über junge Erwachsene an der Uni mit einem Querschnitt durch die tatsächliche Demographie an der UC. Ich hätte diesen Querschnitt natürlich auf die Nebencharaktere verlagern können, aber die Idee eine Geschichte über zwei Weiße und ihre diversen Sidekicks zu schreiben gefiel mir noch weniger.
      

Offline DunkelSylphe

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Re: Own Voices und Chancengleichheit auf dem Buchmarkt
« Antwort #39 am: 11. Februar 2021, 02:11:24 »
Ich logge mich mal seit Ewigkeiten ein und freue mich, so eine konstruktive Diskussion zum Thema zu sehen. In den letzten Tagen hat es mich sehr beschäftigt, nicht zuletzt, weil ich mich bei dem Eklat zu Alicia Zetts Buch eingeklinkt und mit ihr geschrieben habe, um den Rezensenten, den ihre Fanbase angegangen hat, zu schützen.

Ich sehe, dass @Mondfräulein mich eh schon verlinkt hat, i bims, die Nora Bendzko. Und weil die Frage nach nichtweißen TiZis in der Diskussion aufkam, für die, die es nicht wissen sollten: Ich bin of color. (mixed, deutsch-marokkanisch, Braun/Schwarz/Weiß) Wenn ich mich diesbezüglich einbringen kann, kein Problem.  ;)

Also mir würden schon ein paar Sachen einfallen zu der Frage: Warum ist die Phantastik (oder generell die Literatur) in DL so weiß? Es liegt auf keinen Fall daran, dass nichtweiße Menschen nicht existieren oder keinen Bock hätten, Phantastik zu schreiben. Ich kann aus meiner Erfahrung sagen: Viele Räume sind einfach noch zu feindlich, als dass die Leute sich offen zeigen. Ich war eine Weile lang, was diesen Teil meiner Identität angeht, unsichtbar, wurde fälschlicherweise als weiß wahrgenommen. Lag auch daran, dass ich die Komplexität meiner multikulturellen Erfahrung erst kapieren musste, aber: Es ist halt so, dass BPoC oft besser damit fahren, unsichtbar zu sein und "weiße" Stereotyp-Fantasy zu schreiben, denn ihre Sichtbarkeit kann Unbehagen stiften.

Ohne jetzt Namen zu nennen, gibt es z. B. Gruppen auf Facebook, da weiß ich, wenn jemand über das Schreiben nichtweißer Figuren & Themen spricht, Nichtweiße mit Labels sichtbar sind ... dann wird es eklig. Leute eskalieren einfach in den Replies. Für viele Weiße sieht es wahrscheinlich nicht mal nach Eskalation aus, sondern nur nach Kommentarspaltenmüll. Aber für Nichtweiße ist das oft nicht auszuhalten. In den fünf Jahren, die ich mich in der Phantastik-Szene bewege, habe ich unglaubliche Dinge online gelesen. Kolleg*innen wurden mit dem N-Wort bezeichnet. Oder ihnen wurde ihr Schwarzsein abgesprochen, indem gesagt wurde: "Für mich sind Sie gar kein N*****, die sind dunkler." Oder ich habe gelesen, "dass die Rassismus-Debatte etwas einseitig geführt wird, es gibt auch gesunden Rassismus, der gut & natürlich ist". Generell wird in der Phantastik, nach wie vor, viel zu unreflektiert der Rasse-Begriff im Bezug auf Menschen gebraucht. Gewisse Vereine nehmen nicht fraglos in ihre Grundsätze auf, dass sie Leute wie uns & Diversität (die unsere menschenwürdige Beteiligung mit einschließt) vertreten und geben uns nicht das Gefühl, dass unsere Kritik gehört wird ...

Ihr könnt wohl das Problem nachvollziehen.

Mich wundert es ehrlich gesagt nicht, dass sich Nichtweiße dann nicht zeigen, weil niemand möchte dem regelmäßig ausgesetzt sein und dann auch noch die Rolle des Erklärbären aufgedrückt bekommen. Been there, done tat. Ich hatte allein beim Höhepunkt von Black Lives Matter MEHRERE größere Leute aus der Szene in meinen PNs, die keine (oder zumindest keine offen sprechenden) People of Color in ihrem Dunstkreis haben und dann die Unverschämtheit besaßen, von mir zu erwarten, ich würde ihnen (damals auch noch schmerzerfüllt wegen der überall kursierenden Polizeigewalt) kostenlos stundenlang Rassismus erklären. So als Abriss. Es gibt uns und unsere Bücher trotzdem, wir werden mehr und dadurch, dass ein paar Einzelne in den letzten Jahren lauter geworden sind, trauen sich auch immer mehr, sich zu zeigen.

Adhoc würde mir zum Folgen & Lesen einfallen:
- Nina Bellem
- Tracy Kae
- Sameena Jehanzeb
- James Sullivan
- Akram El-Bahay
- nicht groß als Autorinnen, aber im Lektorat aktiv und für die Seite sensitivity-reading.de verantwortlich sind Victoria Linnea & Elif Kavkir, die viel Aufklärungsarbeit leisten. Eine afrodeutsche Kollegin, von der man viel lernen kann (gerade auf Twitter) und von der ich hoffe, dass sie mal größer verlegt wird, ist Jade S. Kye.

Ich mache selbst auch Sensitivity Reading im rassismuskritischen Bereich, und meine Philosophie ist: Je mehr Diversität, desto besser. Es geht eben nicht darum, dass nur Betroffene die schreiben, Autor*innen können hier ihr Privileg für die gute Sache nutzen. Schwierig wird es eben bei der Frage: Wann "stehle" ich Betroffenen die Show?

Meiner Meinung nach kann jede:r Fantasy-Geschichten mit diversen Figuren (auch Protas!) schreiben, denn dann ist ja der Hauptteil der Story die Fantasy. Wenn aber die Marginalisierung der Fokus der Story ist - also eine Geschichte, in der es z. B. primär um eine Schwarze Erfahrung geht -, dann sollte man sich als weiße Person fragen: Kann ich diese Geschichte überhaupt erzählen? Eigentlich nicht, weil ich die Erfahrung nicht kenne. Ich SOLLTE sie auch nicht erzählen von einer moralischen Standwarte aus, weil meine weiße Linse die Erfahrung einer anderen Person verzerrt und ich vermessen sage: "Ich kann genauso gut über deine Marginalisierung Bescheid wissen wie du." Und dann gibt es auch noch Geld dafür, von dem die Betroffenen nichts sehen. Das ist nichts Positivies, man tut so nichts für eine Minderheit, sondern benutzt sie im schlimmsten Fall als Prop.

Hier muss man kritisch seine Rolle hinterfragen (finde, das haben ein paar Leute wie @Alana auch toll getan). Und es wurde ja angesprochen, dass wenn man sich entschließt, da was zu erzählen, sensible Arbeit und Austausch mit Betroffenen, ev. Sensitivity Reading nötig ist.

Ich habe es schon auf meinem Twitter gesagt und tue es hier wieder: Das ist nicht nur ein Thema für Autor*innen, sondern auch für die Verlage. Aktuell nehme ich wahr, dass diejenigen, denen das Thema persönlich wichtig ist, Sensitivity Reading privat in Anspruch nehmen, als Weiterbildung quasi. Wenn Verlage aber dezidiert diverse Titel verlegen wollen (und das sollen sie auch, wir brauchen viel viel mehr), ist es nur fair, wenn sie den Autor*innen entsprechendes Personal an die Seite stellen. Auch wird so die betroffene Community beteiligt und dadurch eine gerechtere Struktur geschaffen. Wenn man also schon keine Own Voice verlegt, so können Betroffene trotzdem ihre Darstellung mitformen und auch daran verdienen. Hinzu kommt: Ich habe das Gefühl, dass die wenigen Marginalisierten, die es mal rausschaffen, da auch alleine gelassen und bei schlecht laufenden Büchern extra hart abgestraft werden. In Alicias Fall dachten sich die Beteiligten ja offenbar: "Jo, sie ist queer und macht das schon", aber so einfach ist das nicht. Ein Verlag sollte die Verantwortung für sensible Inhalte nicht komplett auf Marginalisierte abwälzen, die ohnehin weniger Chancen & Ressourcen haben.

Ohne jetzt detailliert auf "Not Your Type" einzugehen: Bei dem, was ich an Kritik mitbekommen, hatte ich den Eindruck, dass das sehr gängige Meinungen von trans Personen sind. Ich werde das Gefühl nicht los, dass hier einiges hätte vermieden werden können, hätte man der Autorin jemand Sensibilisierteren an die Seite gestellt, ob nun im Lektorat oder bei einem separaten Sensitivity Reading. Klar, keine Community ist ein Monolith, aber das Meiste war leicht nachvollziehbar für mich als clueless Cisse und ich hatte von einigem schon gehört, u. a. weil Linus Giese Artikel darüber geschrieben hatte. Es ging dann gar nicht mal darum, dass z. B. Deadnaming komplett falsch sei in einem Buch. So, wie es in "Not Your Type" umgesetzt wurde, wirkte es halt exzessiv und war anscheinend nicht nötig. Mehrfaches Deadnaming und trans pain passieren einfach schon auf der allerersten Seite. Mich wundert nicht, dass das als triggernd und "offenbar ist dieses Buch nicht für mich" wahrgenommen wurde. Ich wäre auch nicht erbaut über einen BPoC-Romance "mit großen Gefühlen zum Wegträumen" von einer weißen Person, und dann wird auf der allerersten Seite mit rassistischer Gewalt und Slurs eröffnet. Das kann sich ignorant und fetischisierend anfühlen.

Es gibt hier keine Ja-Nein-Antworten zu: "Was ist erlaubt?"
Die sensible, allgemein informierte Umsetzung macht den Unterschied.
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Re: Own Voices und Chancengleichheit auf dem Buchmarkt
« Antwort #40 am: 11. Februar 2021, 02:37:15 »
Ich habe im vergangenen Jahr mit der Agentin über zukünftige Projekte gesprochen, und dazu gehörte auch eine Idee für einen Neuaufguss einer sehr alten unfertigen Geschichte von mir, Klagende Flamme, was in einer geographisch an afrikanische Steppen erinnenden Fantasywelt spielt, in der die Menschen dunkelhäutig sind - also nicht echtes Afrika, auch nicht fiktives Afrika à la Wakanda, sondern ein komplett eigenes System, aber in einer entsprechnden Klimazone angesiedelt. Die Agentin war sehr angetan von der Idee, weil das Setting neu und unverbraucht ist - ich habe aber gebeten, falls wir da wirklich etwas draus machen, auf keinen Fall Jemisin oder andere Own Voice-Autoren als Vergleichstitel ranzuziehen, weil ich wirklich nicht mit denen konkurrieren will.

Agentin meinte, sie würde das für die an Verlage gerichteten Infomaterialien vermutlich trotzdem tun, weil sie sonst nichts mit ähnlichem Setting kennt und die Vergleichstitel eben wichtig sind, aber es wäre etwas anderes ist, wenn die Verlage selbst das als Marketing für Leser verwenden würden. Ich habe da mehr Bauchschmerzen, vermute ich, aber es sind ungelegte Eier, ich müsste das Buch überhaupt erst schreiben, und das kann bei mir diverse Jahre dauern - bis dahin haben wir vielleicht längst eigene Titel zum Vergleichen.

@Maja: Ohne jetzt deinen Roman zu kennen, aber bei diesen Infos sind auch meine Alarmglocken losgegangen. Ich denke, du liegst richtig mit deinem Bauchgefühl, dass das im Marketing nicht mit Jemisin u. ä. verglichen werden sollte.

"Zerrissene Erde" und viele andere Werke von Schwarzen Autorinnen, die da gerade eingeschlagen sind, gehören dem Afrofuturismus an. Beziehungsweise läuft das alles im deutschsprachigen Bereich unter Afrofuturismus, während im Englischen schon detaillierter zwischen Afrofuturism, African Futurism und African Jujuism unterschieden wird. Jedenfalls: Das ist ist dezidiert ein Own-Voices-Genre. Afrofuturismus ist afrozentrisch und/oder beschäftigt sich mit der Identität der Afrikanischen Diaspora, es ist als Gegenentwurf zu weißer SciFi gedacht, in der Schwarze Menschen und vor allem Schwarze Kultur jahrelang keinen Platz hatten.

Dann im Marketing anzugeben, dass man als weiße Autorin ein "ähnliches Werk" geschrieben habe ... Könnte nach hinten losgehen und gerade von Schwarzen Leser*innen als Affront aufgenommen werden. Wollte ich nur erwähnt haben.

Ich würde auch vielleicht hinterfragen: Warum glaubt die Agentin, dass der Vergleich mit Jemisin, auch für die Bewerbung bei den Verlagen, angebracht ist? Weil es um ein vornehmlich Schwarzes Cast und eine afrikanisch angehauchte Welt geht? Ich weiß nicht, das ist auf eine schrecklich oberflächliche Betrachtung reduziert: "Da geht es um Schwarze." Nein, bei Nemisin ist da doch ein bisschen mehr. Es gibt einen Unterschied zu Fantasy mit Schwarzen Figuren und Schwarzer Fantasy.
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Offline Maja

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Re: Own Voices und Chancengleichheit auf dem Buchmarkt
« Antwort #41 am: 11. Februar 2021, 12:56:23 »
@DunkelSylphe
Danke für deine Einschätzung wegen des Comparison Titles! Das will ich gerne, sollte das Buch mal etwas konkretes werden, genau so an meine Agentin weitergeben, wenn ich darf, denn es ist eben genau keine Schwarze Fantasy, ich will nicht mal den "Fantasy mit Schwarzen"-Asprkt groß in den Mittelpunkt rücken, es ist Fantasy. Und ich finde bestimmt einen Vergleichstitel, in dem jemand einen verkrachten Gott rehabilitiert, ohne mich da lächerlich zu machen in meiner Anmaßung, ein schwarzes Buch schreiben zu wollen. Dass ich finde, Fantasycharaktere können jede beliebige Hautfarbe haben, ist eine Sache, aber es sind fiktive Figuren in einer fiktiven Welt, die kein Recht hat, sich auf jemandens Kultur oder Erfahrungen zu berufen. Denkst du, ich sollte allein wegen des Settings trotzdem mit Sendotivity Readern arbeiten?

Zum anderen, was du geschrieben hast: danke, dass du das teilst. Ich hoffe, du bist nicht sauer, dass du zu einer Art Coming Out getrieben worden bist, das du von dir auch nicht gehabt hättest. Ich freue mich gerade, dass wir dich im Forum haben, aus dem ganz profanen Grund, dass ich völlig vergessen hatte, dass du Nora bist (ich kenne alle Realnamen, aber ich vergesse sie auch leicht wieder). Meine Hoffnung ist, dass der Tizi wirklich auch für andere der sichere Ort ist, der er für alle sein soll - wenn dir jetzt trotzdem jemand eklig kommen sollte, gib uns bitte Bescheid.

Ich denke auch nicht, dass sich alle Fantasysutoren of Colour damit schon im Vorstellungsthread erklären sollten - das hat zu viel von "Und woher kommst du richtig?". Aber ich freue mich aufrichtig, wenn jemand mir hilft, aus dieser "Fantasy in Deutschland ist weiß"-Bubble rauszukommen.
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Re: Own Voices und Chancengleichheit auf dem Buchmarkt
« Antwort #42 am: 11. Februar 2021, 14:00:26 »
@DunkelSylphe
Ich hoffe, du bist nicht sauer, dass du zu einer Art Coming Out getrieben worden bist, das du von dir auch nicht gehabt hättest. Ich freue mich gerade, dass wir dich im Forum haben, aus dem ganz profanen Grund, dass ich völlig vergessen hatte, dass du Nora bist (ich kenne alle Realnamen, aber ich vergesse sie auch leicht wieder). Meine Hoffnung ist, dass der Tizi wirklich auch für andere der sichere Ort ist, der er für alle sein soll - wenn dir jetzt trotzdem jemand eklig kommen sollte, gib uns bitte Bescheid.

Alles gut, ich bin überhaupt nicht sauer. Es ist für mich seit einiger Zeit persönlich wichtig, sichtbar zu sein, und offenbar fühle ich mich hier ja sicher genug, etwas detaillierter darüber zu sprechen. Aber das ist gut zu wissen und ich behalte das gern im Hinterkopf  :vibes:

Und klar kannst du mich gerne bei deiner Agentin zititieren. Was Sensitivity Reading angeht: Selbst, wenn du keine realen Schwarzen Kulturen abbildest, würde ich dir empfehlen, dich mit der Darstellung von Schwarzen Figuren zu befassen und/oder da jemanden zu Rate zu ziehen. Denn auch, wenn die Figuren fiktiv ist, kannst du immer noch einen weißen Blick und unbewusst rassistische Stereotype produzieren, z. B. bei der Beschreibung von Haut, oder indem du in Tropes wie "Angry Black Woman" abrutschst. Zumal man die Figuren eindeutig sichtbar machen muss im Text, weil sich Leser*innen als Default-Charakter jemand Weißes vorstellen. Man muss also den Spagat schaffen, Schwarzsein zu zeigen, ohne dass es problematisch ist.
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Offline Maja

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Re: Own Voices und Chancengleichheit auf dem Buchmarkt
« Antwort #43 am: 11. Februar 2021, 14:29:24 »
Danke! Was mein Buchprojekt angeht: es kann nimmer schlimmer werden als die erste Fassung, die zwar nie fertig geworden ist, aber immerhin über 200 Seiten hatte. Da hatte ich - und ich hätte mich selbst nie für rassistisch gehalten - also diese schöne Welt mit ihrer Savanne und ihren braunen und schwarzen Menschen und den zerstrittenen Göttern Sonne und Mond, und was  brauchen die da unbedingt? Natürlich! Weiße Kolonialherren, deren Söhne das dann richten dürfen!

Echt, ich habe keine Worte, wie sehr ich mich heute für diese Geschichte schäme - ich war Ende 20, aufgeklärt, linksgrün, und dann schreibe ich so einen Scheiß zusammen? Ja, ich hatte auch zwei weibliche Hauptfiguren, die aus den heimischen Kulturen stammten. Als (*geht sich Sack übern Kopf ziehen*) Love Interest.  Nicht für drei Pfenning nachgedacht, wie falsch das war. Total stolz auf mich, dass ich ein pseufoafrikanisches Setting hatte mit echten braunen Leuten! Da hätt man mir neben dem Literatur- auch noch gleich den Friedensnobelpreis verleihen müssen!

Seit 2005 hatte ich nicht an dem Buch geschrieben, aber es war immer noch unter "ruht" abgelegt, damit ich es irgendwann mal weiterschreiben sollte. Und es war echt erst im letzten Jahr, als mir aufging - unter anderem durch den Austausch in einer Facebook-Autorengruppe, in der neben Amerikanern viele Autoren aus Nigeria und Kenia waren - was für ein Ei ich mir mit dem Buch gelegt hätte, wäre das so jemals auf den Markt gekommen.

Ich mag die Mythologie, die ich für die Welt geschrieben habe, immer noch. Ich mag die Kulturen der Einyakae, Aandrayakae und Nangeayakae, mit denen ich die Welt bevölkert habe. Aber ich muss bei Null anfangen. Ich schmeiße die Kolonialherren raus und meine Ex-Protagonisten (sorry, Jungs, vielleicht sieht man sich in einem mitteleuropäischen Setting wieder), und ich nehme die beiden Frauen, Lharkan und Telya, und gebe ihnen die Geschichte, fie von Anfang an ihre hätte sein sollen. Ich denke, wenn ich es richtig anstelle, und Fragen stelle, und zuhöre, kann da ein gutes Buch draus werden. Keine Black Fantasy. Aber gute Fantasy.

Im Moment sind das noch ungelegte Eier, aber wenn es wirklich akut wird, dass ich das schreibe, komme ich auf alles hier zurück.
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Re: Own Voices und Chancengleichheit auf dem Buchmarkt
« Antwort #44 am: 11. Februar 2021, 15:09:25 »
@Maja: Das klingt nach einem Plan!

Ich finde es super, dass du ehrlich zugeben kannst, du würdest deinen Text nicht mehr schreiben, weil du es nun besser weißt. Das ist viel Wert im Gegensatz zu anderen, die aus Überforderung dichtmachen.

Ich denke, die meisten von uns machen solche Erfahrungen. So, wie sich unsere Schreibtechnik entwickelt, entwickelt sich auch unser Verständnis, wie man schwierige Inhalte würdig rüberbringt. Ich bin im Nachhinein so froh, dass einige meiner frühen Manuskripte es nicht zur Veröffentlichung geschafft haben, weil viele unterbewusste Feindlichkeiten drinsteckten (wobei es auch bei den Galgenmärchen Dinge gab, die ich heute anders umsetzen würde). Obwohl ich selbst nicht weiß bin, habe ich Fantasy-Tropes reproduziert, bei denen ich im Nachhinein rassistische Anklänge sehe. Der Antagonist eines Herzensprojekts ist die Kinderschreckfigur "Schwarzer Mann", damit bin ich nicht mehr okay. Es gab da auch diese Phase, wo ich angefangen habe, mehr People of Color und Geschlechter in meinen Texten einzubauen, da wurde noch gar nicht so viel über Diversität geredet, ich hatte einfach ein ehrliches Interesse. Aber diese von außen betrachtenden, uninformierten Darstellungen, sehe ich nun, wären unglaublich offensive für viele Betroffene gewesen.

Ich bin froh, dass wir jetzt eine größere Diskussion in der Szene führen. Auch wenn es nicht immer leicht scheint, und glaubt mir, ich habe genauso Angst, Fehler zu machen, halte ich das für sehr wichtig und bin überzeugt, dass da langfristig wesentlich bessere Texte rauskommen werden, nicht nur, was Inklusion angeht.
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