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Wie böse darf ein Ende sein?

Begonnen von Thrawn, 01. Januar 1970, 01:00:00

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Guddy

Ersteinmal vielen Dank für den Thread und die ganzen Antworten!  :vibes:

Mein Projekt hat auch ein bitteres Ende. Mit Option auf Besserung am Horizont, denn ich möchte einen zweiten Teil!


Zitat von: FeeamPC am 14. Dezember 2010, 19:37:02Demzufolge sollte ein Buch mit bösem Ende vielleicht nicht unbedingt das erste Buch sein, das ein Autor veröffentlicht. Für so etwas braucht man wohl einen gewissen Bestand treuer Stammleser. Sonst verzeihen es einem die Leser und damit auch der Verlag womöglich nicht, daß man ihre Erwartungen unterlaufen hat.


 :ithurtsandstings!: Das wäre natürlich ungünstig. Andererseits glaube ich, dass es auf das Buch an sich ankommt. Gerade wenn der Klappentext ja eh schon darauf hindeutet bzw viele Optionen in Betracht kommen.

Wenn es wirkt wie ein Happy Roman und dann am Ende alle unglücklich sind, ist man als Lesender sicher enttäuscht.


Möchte ungern auf das bittere Ende verzichten, egal ob Erstling oder nicht  :ithurtsandstings!:

Maja

Ich denke nicht, dass ein Buch mit bösem Ende nicht die erste Veröffentlichung sein darf. Mehr noch, ich denke, das funktioniert bei einem Debut sogar noch besser, weil dann die Leser:innen noch keine Erwartungshaltung an einen haben. (wobei, klar, jede:r erwartet ein gutes Ende!). Überrasch die Leute ruhig, @Guddy! Und überrasch sie dann beim nächsten Buch mit einem Happy End. Wichtig ist, dass es schlüssig ist und zur Geschichte passt.

Für ein böses Ende kann man ganz schön abgewatscht werden. Muss man aber nicht. Meine Neraval-Sage endet ausgesprochen bitter - trotzdem haben mehrere Rezensent:innen geschrieben, dass, auch wenn es nicht das Ende war, dass sie sich gewünscht haben, es doch gut zur Reihe gepasst hat und der Abschluss war, den sie verdient hatte. Größeres Problem mit dem Nerabal-Ende war, dass viel zu wenig Leser:innen bis dahin durchgehalten haben und zu viele nach dem ersten Teil abgesprungen sind. Dessen Ende hatte nämlich ein anderes Problem: Das war ein zu abrupter Cliffhänger. Und sowas nehmen einem die Leser:innen übler als ein böses Ende, das wie die Faust aufs Auge passt.
Niemand hantiert gern ungesichert mit kritischen Massen.
Robert Gernhardt

Alana

Mein Debut hat ein ziemlich gemeines Ende, was aber alle bisher gut und passend fanden. Und meine LeserInnen zittern jetzt immer, weil sie wissen, dass ich es ernst meine.  :darth:  ;D
Alhambrana

Coppelia

#153
Ich bemühe mich ja immer um das bestmögliche Ende im eigenen Interesse, damit mir die Leser*innen nicht abspringen. Aber das bestmögliche Ende heißt nicht immer das 100%-Happy-End. Es muss halt zur Story passen. Alles andere würde mich und wahrscheinlich auch die Leser*innen unzufrieden zurücklassen.
Mein letzter veröffentlichter Roman endet auf eine Art, die ich für die bestmögliche halte, die aber kein klassisches Happy Ending ist. Und das Ende kam gut an! :D Das hat mich in der Hinsicht noch mal ermutigt.

Mondfräulein

Zitat von: Guddy am 09. Juli 2023, 12:12:29Mit Option auf Besserung am Horizont, denn ich möchte einen zweiten Teil!

Wenn klar ist, dass es einen zweiten Teil geben wird, dann ist das ja auch noch nicht das Ende. Dann darf das Ende von Band 1 auch ruhig böse sein. Das geht sogar im Romance-Genre, und dort erwarten die Leser*innen ohne Ausnahme ein Happy End.

Es kommt da immer auch sehr aufs Genre an. Im Romance Bereich braucht es ein Happy End oder Happy For Now. Das gehört einfach zum Genre und wenn man diese Regel bricht, werden die Leser*innen das Buch gnadenlos zerreißen. Da gibt es auch keine Ausnahmen, weil das Happy End hier einfach zum Genre gehört. Das würde ich auch auf Romantasy ausweiten. Wenn es sich beim Buch aber eher um einen Roman handelt, der zwar eine Liebesgeschichte enthält, aber nicht unter Romance fällt, dann darf das Ende auch böser sein. Genauso bei Fantasy, die zwar eine Liebesgeschichte hat, aber keine reine Romantasy ist. Bei einem Thriller komme ich mit einem bösen Ende wahrscheinlich am ehesten durch.

Wichtig ist, dass ich keine falschen Erwartungen wecke. Wenn das Ende böse ist, dann sollte das Buch vorher auch böse sein. Ich sollte kein Genre vortäuschen, in das das Buch einfach nicht fällt. Ich liebe bittersüße Enden. Einige meiner Lieblingsbücher haben entweder ein bittersüßes oder ein wirklich deprimierendes Ende, aber die haben jeweils sehr gut zum Buch gepasst und im Nachhinein kann ich mir kein anderes Ende für die Bücher vorstellen. Es hat einfach gepasst, zur Geschichte, zu den Figuren, zum Thema des Buches. Das ist glaube ich das Wichtigste.

Guddy

Zitat von: Mondfräulein am 09. Juli 2023, 19:44:24Wenn klar ist, dass es einen zweiten Teil geben wird, dann ist das ja auch noch nicht das Ende. Dann darf das Ende von Band 1 auch ruhig böse sein. Das geht sogar im Romance-Genre, und dort erwarten die Leser*innen ohne Ausnahme ein Happy End.
Es ist ja nicht klar. Ich würde es mir nur wünschen. Der Roman soll schon in sich abgeschlossen sein, also wirde s ein Ende geben.  :)

Beim Thema Romance fällt mir PS: Ich liebe dich ein.
Sorry but you are not allowed to view spoiler contents.

Das Ende würde ich jetzt unter "Bittersüß" verbuchen und das mochte ich sehr.

Es ist aber natürlich kein böses Ende, aber doch etwas, was mit dem Genre ein bisschen gebrochen hat?

Mondfräulein

Das Happy End in Romance-Büchern ist glaube ich die eine Konvention, mit der ich mich niemals trauen würde zu brechen. Für viele macht gerade das garantierte Happy End seinen Reiz aus. Wenn ich das Buch als Romance vermarkte und kein Happy End habe, dann breche ich das Vertrauen meiner Leser*innen. Wie sehr dieses spezielle Buch da reinfällt weiß ich nicht, weil ich es nicht gelesen habe, aber spontan würde ich das Buch auch nicht als Romance einordnen.

Alana

#157
Ich glaube, man muss da ganz stark unterscheiden. In eng gefassten Romance Subgenres wie Regency Romance ist ein Happy End auf jeden Fall wichtig und wird erwartet. Gleichzeitig enden die besten, beliebtesten und erfolgreichsten Romances mit einem Unhappy End. Diese sind aber kein Genre und schon gar nicht Subgenre mit ganz engem Profil.
Alhambrana

Maja

#158
Es steht sicher außer Frage, dass "Romeo un Julia" eine Romanze ist. :) Und geschrieben wurde für ein Publikum, das noch nicht im Vorfeld wusste, wie tragisch das Ganze ausgehen würde. Selbst meine Mutter, als sie das Stück als Jugendliche gesehen hat, hat noch bis zum Schluss gefiebert, dass die beiden sich bekommen und es ein Happy End gibt. Klar, Shakespeare ist lang tot, und man sollte sein Buch nicht mit "Romeo und Julia" vergleichen, aber ... warum eigentlich nicht? Die Frage nach dem Spannnugsaufbau ist doch die selbe.

Ich mag keine garantierten Happy Ends. Sie nehmen die Spannung raus. Es muss auch scheitern dürfen, auch tragisch ausgehen dürfen, damit man wertschätzen kann, wenn es gut ausgeht. Und ich habe keine Manschetten, da auch mal mit den Konventionen des Genres zu brechen. In meinem aktuellen Gaslichtroman, den ich durchaus ins Romance-Genre einordnen möchte, weil die Liebesgeschichte eine große Rolle spielt, kommt es gegen Ende zu einem Verrat, den die Protagonistin nicht verzeihen kann, und sie trennt sich von ihrem Love Interest - sie treffen sich am Schluss in Freundschaft wieder, aber es ist nicht das, was man unter einem klassischen Happy End erwartet, und ich bin bereit, mich dafür nach allen Regeln der Kunst abwatschen zu lassen.

Überhaupt geht, denke ich, meine Vorstellung von einem "guten" Ende ein bisschen weg von der Lehrmeinung. Mein "Glasaugenhaus" endet damit, dass die Protagonistin ihrem Love Interest einen Korb gibt, und das ist das glücklichste Ende, das dieses Buch haben konnte, denn es bedeutet, dass sie gelernt hat, "Nein" zu sagen. Aber dieses Ende ist auch der Grund, weswegen das Buch nie einen Verlag gefunden hat. Die Kommentare der prüfenden Lektor:innen waren da ziemlich einheitlich: Das Ende wäre zu negativ. Ich fand da nichts Negatives dran. Ich fand es super. War der beste Teil am ganzen Buch (das, leider, insgesamt ein paar andere Mängel hatte).

Jetzt hoffe ich, dass mir das Ende von "Owls End" (das ist besagter Gaslichtroman) nicht zu sehr das Genick brechen wird. Aber wirklich groß ist meine Angst da nicht. Das Buch ist Romantasy, aber von Anfang an eher untypisch, und es sind andere Aspekte am Schluss, die ich mehr fürchte als die Tatsache, dass sie sich nicht kriegen (looking at you, Plotloch in Kapitel 16!). Aber es gibt so viele toxische Beziehungen, auch in der Literatur - da finde ich es gut, auch mal beherzt "Nein" sagen zu dürfen.


EDIT
Mit Alana überschnitten.
Niemand hantiert gern ungesichert mit kritischen Massen.
Robert Gernhardt

Mondfräulein

Ich würde tatsächlich widersprechen, was Romeo und Julia angeht. Das Stück ist nicht Romance, sondern eine Tragödie, und die Liebesgeschichte dient eher dazu, den politischen Subtext zu verdeutlichen. Das fällt absolut nicht unter das moderne Romance-Genre. Nicht jedes Buch mit prominenter Liebesgeschichte fällt auch unter Romance. Im englischsprachigen Bereich gibt es zum Beispiel bei Fantasy nochmal eine Unterscheidung zwischen Romantic Fantasy und Fantasy Romance. Bücher können eine sehr wichtige und prominente Liebesgeschichte haben, die wichtig für den Plot ist, und trotzdem nicht unter Romance fallen. The Fault in Our Stars von John Green zum Beispiel hat eine sehr zentrale Liebesgeschichte, aber es ist keine Romance.

Wenn ich also wirklich reine Romance schreibe, dann gehört ein Happy End dazu. Viele sind der Meinung, dass das Fehlen eines Happy Ends automatisch für das Genre disqualifiziert. Letztendlich geht es da glaube ich eher um das Marketing und die Erwartungen der Leser*innen. Wenn ich ein Buch als Romance vermarkte, dann wecke ich bei vielen Leser*innen eben die Erwartung eines Happy Ends. Klar kann man immer noch alle Bücher so schreiben, wie man möchte. Das ist eher eine Frage, wie man das Buch am Ende bewirbt und vermarktet.

In bestimmten Genres kann es spannend sein, wenn mit Konventionen gebrochen wird. Zum Beispiel gibt es im Fantasy-Bereich das Trope des Auserwählten und damit zu spielen kann spannend sein, zum Beispiel, wenn der Auserwählte am Ende der Bösewicht wird. Das finden Leser*innen oft spannend. Aber Romance-Leser*innen wollen nicht, dass man sie mit einem Unhappy End überrascht. Jedes Genre hat bestimmte Konventionen, mit denen man ruhig spielen kann, aber mit manchen eben nicht. SciFi-Leser*innen wollen ja auch nicht damit überrascht werden, dass es sich am Ende um mittelalterliche Fantasy handelt.

Ich persönlich kann diesen Wunsch nach einem garantierten Happy End verstehen. Wenn ich Romance lese, dann tue ich das meistens, weil ich in bestimmter Hinsicht keine Überraschungen möchte. Ich möchte wissen, dass ich mich am Ende des Buches gut fühle, ich will erwarten können, mit welchen Emotionen mich das Buch zurücklässt. Wenn mich ein Buch emotional richtig mitnimmt, dann lese ich danach zum Beispiel echt gerne Romance, um nicht wieder emotional zu sehr mitgerissen zu werden. Manchmal lese ich Romance, wenn ich privat viel Stress habe. Das ist in etwa der Unterschied zwischen einer wirklich gefährlich Situation und einer Achterbahnfahrt: Wenn ich Achterbahn fahre, dann habe ich nur deshalb Spaß dabei, weil ich weiß, dass mir nichts passieren wird. Romance zu lesen ist so ähnlich. Ich kann das ganze Auf und Ab nur deshalb wirklich genießen, weil ich weiß, dass am Ende alles gut wird. Das nicht zu wissen würde alles mitreißender machen, aber manchmal möchte ich emotional einfach nicht zu sehr zerstört und mitgerissen werden.

Ich mag viele Unhappy Endings auch sehr. Aber auf der anderen Seite verstehe ich auch sehr gut, dass man vorher oft wissen möchte, worauf man sich einlässt. Wenn ich ein Buch für die Liebegeschichte lese und die endet dann unbefriedigend, weil das Pärchen nicht zusammen kommt, dann lässt mich das frustriert zurück. Wenn ich Romance lese, dann möchte ich ein Buch, das mich emotional an der Hand nimmt und meine Seele tätschelt. Es kommt immer auf die Erwartungen an, die ein Buch weckt, und auf die Versprechen, die ich als Autor*in den Leser*innen mache. Und im Romance-Genre ist eines dieser Versprechen eben ein Happy End.

Maja

#160
Ich halte es für Gatekeeping, an der An- oder Abwesenheit eines HappyEnds festzumachen, was sich Romance nennen darf und was nicht. Dafür gibt es, jetzt völlig unabhängig von Shakespeare, immer noch zu viele Autor:innen, die mit den Konventionen ihres Genres spielen und ihre Leser, ob positiv oder negativ, überraschen wollen. Büchern mit traurigem Ende den Romanzenstatus abzuerkennen halte ich für kurzsichtig und auch ein wenig kleinkariert, muss ich sagen.
Niemand hantiert gern ungesichert mit kritischen Massen.
Robert Gernhardt

Mondfräulein

Ich kann da beide Seiten verstehen. Einerseits verstehe ich, warum Romance-Leser*innen diese Erwartungen haben. Viele lesen gerade aus diesem Grund Romance und ein Buch Romance zu nennen, ohne dass es ein Happy End hat, ist für sie dann einfach Werben mit falschen Tatsachen. Das Genre hat teilweise sehr enge Konventionen, aber für viele macht das auch den Reiz aus. Andererseits schränkt es natürlich ein. Gerade, wenn man als Autor*in für Romance bekannt ist, ist es nicht mehr leicht, vom Genre abzuweichen.

Falls das nicht klar ist: Das zu Romance ist auch nicht einfach meine persönliche Meinung. Das ist vor allem das, was ich gelernt habe, als ich mich mit dem Genre beschäftigt habe. Die Romance Writers of America definieren das Genre zum Beispiel auch so:
ZitatTwo basic elements comprise every romance novel: a central love story and an emotionally satisfying and optimistic ending.
A Central Love Story: The main plot centers around individuals falling in love and struggling to make the relationship work. A writer can include as many subplots as they want as long as the love story is the main focus of the novel.
An Emotionally Satisfying and Optimistic Ending: In a romance, the lovers who risk and struggle for each other and their relationship are rewarded with emotional justice and unconditional love.
https://www.rwa.org/Online/Romance_Genre/About_Romance_Genre.aspx

Aber da stellt sich natürlich auch die Frage, ob es da einen Unterschied zum deutschsprachigen Buchmarkt gibt. Diesen Diskurs um Happy Ends im Romance-Bereich gibt es durchaus, aber die meisten Leser*innen scheinen das einfach wirklich zu erwarten und sie sind da sehr streng.

Insofern frage ich mich auch, warum ich mein Buch als Romance vermarkten sollte, wenn es kein Happy End hat. Einerseits verkauft es sich dadurch vielleicht besser, andererseits bringen mir wütende Leser*innen, die das Buch zerreißen und sich betrogen fühlen, am Ende ja auch nichts. Ich gewinne dadurch vielleicht eine größere Leserschaft, letztendlich geht es ja auch darum, die richtige Leserschaft für mein Buch zu finden. Und Hardcore-Romance-Leser*innen sind eben einfach nicht die richtige Leserschaft für mein Buch, wenn es kein Happy End hat, weil die ein Happy End wollen.

Hier sind noch einmal zwei Artikel zum Thema, die ich spannend fand:
https://www.huffpost.com/entry/does-romantic-fiction-nee_b_6494878#:~:text=Happy%20endings%20are%20important%2C%20but,t%20see%20things%20that%20way.
https://bookriot.com/should-romance-novels-always-have-happy-endings