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Es war einmal die Kunst des Märchenschreibens ...

Begonnen von La Variée, 01. Dezember 2014, 21:05:36

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Tintenvers

Märchen. Es gibt viele. Lustige und traurige, mit erhobenem Zeigefinger und mit hintergründigem Tiefgang, ganz klassisch erzählt und modern erzählt, schlechte und gute... Aber was macht eigentlich ein gutes Märchen aus? Ist es der Stil, weshalb jeder das Rotkäppchen kennt? Ist es, dass möglichst viele Märchenelemente darin zu finden? Oder ist es die Moral der Geschicht', die den Struwwelpeter jede Mutter vorlesen lässt?  Ist es vielleicht der Inhalt selbst, den das Mädchen mit den Streichhölzern so berühmt gemacht hat?
Fragen über Fragen und das sind bei Weitem nicht alle. Und sicherlich empfindet der eine dies wichtiger und für den anderen zeichnet jenes ein Märchen als gutes Märchen aus. Mich interessiert, was IHR an einem Märchen wichtig findet, was zu vernachlässigen ist, vielleicht sogar gar nicht in ein Märchen gehört und was gar nicht fehlen darf.
Und ... muss ein gutes Märchen für Kinder sein? Schaut man sich Grimms Märchen in der ursprünglichen Fassung an, so sind diese ja keineswegs für Kinder gedacht, das ist erst im Laufe der Zeit so entstanden. Sind Märchen in unserer Zeit vielleicht nur etwas für Kinder?

Ich bin auf eure Antworten gespannt!
LG
La Variée

(PS: Wenn dieses Thema nicht hier herein gehört bitte ich um Verzeihung und natürlich um die Verschiebung in den richtigen Bereich.)

Linda

#1
Märchen sprechen zu jung und alt gleichermaßen, auch wenn es keine Kindergeschichten sind, ziehen Kinder einiges heraus und Erwachsene mit ihrem Wissen und der Lebenserfahrung lesen wiederum ihrerseits etwas für sich.

Mehrdeutigkeit und Tiefgang, Allgemeingültigkeit, Gefühl ohne Kitsch, Gewalt und Blut ohne Effekthascherei, Dunkles ohne Horror, Verwendung von Symbolen und bildhaften Wendungen, tiefenpsychologische Komponenten und seelische Entwicklung, Innenwelt in Außenwelt gespiegelt und umgekehrt...
  Ich beschäftige mich seit ca. 40 Jahren mit der Materie und würde mir nie anmaßen, ein echtes Märchen schreiben zu können, höchstens märchenhafte Geschichten in einem entsprechend phantastischen Kontext für eigene Kulturen.

Nebeldiener

Man darf auch nicht ausser Acht lassen, dass die typischen Märchen wie Hänsel und Gretel oder Rotkäpchen über Generationen mündlich erzählt wurden, bevor sie schlussendlich aufgeschrieben wurden.
Viele Geschichten wurden auch erzählt, um den Kindern vor etwas solche Angst einzujagen, dass sie sich nicht getrauten es selber zu tun. Zum Beispiel Max und Moritz, welche am Ende zu Brot verarbeitet und gegessen werden.

Ich würde also sagen, dass jedes (oder die meisten) etwas haben, was über die Geschichte hinausgeht und in den Köpfen der Menschen bleibt.
Denke ich an Rotkäpchen, denke ich auch an den bösen Wolf. Bei Hänsel und Gretel ist es die böse Stiefmutter oder die Hexe, welche die Kinder essen will.

Vielleicht ist für mich an Märchen aber auch etwas spezielles dran, weil ich mit ihnen aufgewachsenen bin. Also ich will damit sagen, dass meine ersten Kassetten (Ja Kassetten und keine CD's) Märchen waren. Hörspiele von Büchern kamen erst dazu, als ich schon zig Märchen weiss nicht wie viele Male gehört habe.
Sehr wahrscheinlich, weil meine Eltern mit den genau gleichen Märchen gross geworden sind und sie desshalb passender für mich fanden, als der neue Thriller von weissichnicht.

Windstoß

#3
Zitat von: La Variée am 01. Dezember 2014, 21:05:36
Und ... muss ein gutes Märchen für Kinder sein? Schaut man sich Grimms Märchen in der ursprünglichen Fassung an, so sind diese ja keineswegs für Kinder gedacht, das ist erst im Laufe der Zeit so entstanden. Sind Märchen in unserer Zeit vielleicht nur etwas für Kinder?
Ich denke, Märchen sind sowohl für Erwachsene wie für Kinder, auch wenn sie manchmal ziemlich drastische Ereignisse erzählen. Ich hab mich als Kind bei Grusel- oder Horrorfilmen gefürchtet, bei Märchen nie.
Ich glaube, dass Märchen uns berühren, weil sie von existenziellen Dingen erzählen, die immer noch tief in uns allen drinstecken.
In (richtigen) Märchen kommen eben ganz alte mythologische Elemente vor: Gegenstände die eine magische Bedeutung/Verwendung hatten, ganz bestimmte Tiere, denen besondere Eigenschaften anhaften, Orte, die eine religiöse/kulturelle Bedeutung in der Gesellschaft hatten und Initiationswege die ganz tief in unserer Kultur verankert sind.

Wenn du Geschichten oder Märchen schreibst, in denen solche Bilder auftauchen, sind die immer noch interessant - sowohl für Erwachsene wie für Kinder.

heroine

Ich denke Märchen sind nicht unbedingt für Kinder. Selbst, wenn ich damit alleine dastehen sollte, aber als Kind fand ich Märchen hochgradig schrecklich. Ich mochte sie einfach nicht und daran kann ich mich sehr gut erinnern. Wobei ich auch Disneys "Die kleine Meerjungfrau" für einen furchtbaren Kinderfilm gehalten habe, der ja auch Märchenelemente enthält und der für mich viel zu brutal war. Inzwischen sind Märchen für mich nichts Schlimmes mehr, aber ich mag sie trotzdem nicht. Ich verbinde mit ihnen emotional nichts Positives.

Für mich ist also Märchen vor allem ein Katalog an Stilmitteln:
- unspezifizierte Gegenden (Austauschbarkeit der Orte und Personen)
- begrenzte Personenanzahl (z.B. Bruder Schwester König Hexe)
- deutliche Moralaussage (Konsequenzen, die sich auf einzelne Taten oder Verhaltensmuster zurückführen lassen)
- starker Bezug zur Symbolik
- begrenzte Fantasyelemente (Hexe, Tierverwandlung/sprechende Tiere, Feen o.ä.)
- Verzicht auf differenzierte Motive der Beteiligten (böse Hexe ist halt böse, Kind handelt nur aus Trotz, etc.)

Ich weiß, dass die Stilmittel jetzt bestimmt nicht klassisch den Märchen zugeordnet werden. Für mich sind es aber Elemente, die ein Märchen ausmachen.

Was mich besonders an Märchen stört ist, dass so wenig hinterfragt wird und man mit diesen starken schwarz/weiß Unterscheidungen arbeiten (bin eben ein Freund von Grauzonen). Da sie auf Überlieferung basieren bin ich auch nicht wirklich mit der Rollenverteilung von Mann und Frau einverstanden, das wäre zumindest etwas was man ändern könnte. Und was mir auch nicht gefällt ist eben diese Moralaussage, das kommt mir immer sehr selbstgerecht und anmaßend vor und ich finde die Bestrafungen stehen einfach nicht im Verhältnis. Außerdem bin ich persönlich auch kein Freund von Enden bei denen der Böse bestraft und der Gute belohnt wird.

FeeamPC

Gute Märchenerzähler sind gefragt, da selten. Das kann nicht jeder.
Zum Märchen gehört aber auch, Struktur und Inhalt einer Geschichte zu bewahren, notfalls über Jahrhunderte. Und das ist genau das Gegenteil von dem was wir tun. Wir erzählen immer die gleiche Geschichte auf möglichst unterschiedliche Art und Weise, die Märchenerzähler erzählen sie auf möglichst originalgetreue Weise.
Vermutlich ist das der Grund, weshalb wir keine guten Märchenschreiber sind (und dafür umso bessere Autoren  ;D )

Sipres

Märchen waren und sind ja auch keine Geschichten in dem Sinne, wie wir sie schreiben. Märchen wurden damals vom einfachen Volk erzählt und sollte nicht nur der Unterhaltung dienen, sondern auch ein gutes Gefühl vermitteln. Und wenn man bedenkt, wann die Märchen entstanden sind, ist die Mann-Frau-Verteilung durchaus nachvollziehbar. Früher gab es die Emanzipation noch nicht und wenn eine Frau auf den Gedanken kam, zu Höherem bestimmt zu sein, wurde sie als Hexe verbrannt, ertränkt oder gesonstwast. Da könnte man sich genauso gut über Autoren aufregen, die ihre Antagonisten immer gewinnen lassen, weil das ja ein falsches Weltbild vermitteln würde, von wegen der Böse siegt immer. Ist zumindest meine Meinung.

Churke

Es gibt auch Kunstmärchen, die ein einzelner Autor im Märchenstil erfunden hat. Wenn's gut gemacht ist, kann man es von einem "echten" Märchen nicht unterscheiden; bei Amor und Psyche geht man von einem Kunstmärchen aus, weil der Stoff nur bei Apuleius auftaucht.

FeeamPC

Ich dachte bisher immer, Kunstmärchen könnte man unterscheiden durch ihre bedeutend größere Länge und ihre deutlich ausgefeiltere Handlung- Andersen z.B. hat ja seine Märchen auch erfunden, und auch Storm hat ja z.B. Märchenstoffe geschrieben, aber sie sind bedeutend länger als die Volksmärchen der Brüder Grimm.
Gut, okay, bei diesen Kunstmärchen beginnen die Grenzen zwischen Märchen und Fantasy in unserem Sinne irgendwann zu verschwimmen, zum Beispiel bei der kleinen Meerjungfrau. Trotzdem ist das, was wir schreiben, für mich nicht mehr Märchen.

Churke

Zitat von: FeeamPC am 20. Februar 2015, 18:44:49
Gut, okay, bei diesen Kunstmärchen beginnen die Grenzen zwischen Märchen und Fantasy in unserem Sinne irgendwann zu verschwimmen, zum Beispiel bei der kleinen Meerjungfrau. Trotzdem ist das, was wir schreiben, für mich nicht mehr Märchen.

Hehe, passenderweise ist "Amor und Pyche" ein Märchen, das in einem Fantasyroman erzählt wird. Das lässt sich also schon unterscheiden.

Maria

#10
Kennzeichen der klassischen deutschen Märchen sind für mich, dass eine gute Situation durch außen eine schlechte Situation wird und die Heldin/der Held etwas unternehmen/meist auch auf Reisen gehen muss, um diese schlechte Situation am Ende wieder zu einer guten zu wenden.
Die Figuren sind Sterotype, oft gegensätzlich: gut und böse, dumm und klug, reich und arm, mächtig und machtlos, fleißig und faul  und nur wenige Figuren haben Namen, meist nur werden sie mit ihrer Rolle bezeichnet: Der Prinz, die Großmutter, die Hexe ect...
Es kommen symbolische Zahlen vor: sieben, drei, elf, dreizehn sind sehr beliebt
Und ein Märchen hat typische Redewendungen.
Es kommen magische Gegenstände vor wie das Hexenhaus, die Siebenmeilenstiefel ect..., magische Wesen wie Elfen, Drachen in deutschen Märchen eher selten, stattdessen haben wir Zwerge, Riesen und Hexen und magische Tiere, die sprechen können oder in Tiere verwandelt wurden.

Ich liebe Märchen und schreibe neben eigenen Märchen, auch gern Geschichten mit Märchenelementen wie diese Monatsreihe auf meiner Webseite: http://www.angelikadiem.at/weitere-kinderbuecher/neues-aus-dem-m%C3%A4rchenwald/

funkelsinlas

Märchen schreiben... Stell ich mir schwer vor.
Würde sagen, dass man besonders bei Kunstmärchen sehr viel Symbolik und Emotion reinlegen muss. Da fällt mir sofort die Kleine Meerjungfrau ein. Diese Traurigkeit der Liebe und Selbstaufopferung ist etwas, was in anderen Geschichten glaub ich kitschig wirken würde. Aber in Märchen ist die Welt irgendwie intensiver ohne Extreme zu kennen. Also schon Gewalt, aber keine übertriebene Beschreibung. Sondern so, dass man es einem Kind vorlesen kann und einem Horrorregisseur es kalt den Rücken herunter läuft, weil er sich die Dinge vorstellt.
Ganz wichtig ist auch Atmosphäre. Man sagt ja nicht umsonst: märchenhaft. Ich könnte mich deshalb nicht mit einem Märchen im Großstadtdschungel anfreunden. Da fehlt mir das Feeling von alten Büchern und einer Welt, die sich nicht vor der Haustür befindet.
Kunstmärchen müssen meines Wissens auch kein Happy- End haben. Damit kann man sie so herrlich melancholisch machen.