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Dicke Figuren beschreiben

Begonnen von Mondfräulein, 11. März 2015, 19:27:25

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Guddy

So, ich stehe vor einem kleinen Dilemma...

Eine meiner Protagonistinnen ist relativ übergewichtig in einem Setting, das Übergewicht bei Frauen als sexy ansieht. An sich kein Problem: Nur stehe ich jetzt vor einer Passage, in der sie mit einem sehr sportlichen Kerl quer durch die Wüste hechtet. Ich persönlich würde nun durchaus schreiben, dass sie nicht ganz mitkommt, außer Atem kommt etc., einfach auch, weil sie eigentlich eine sitzende Tätigkeit ausübt und Sport absolut nicht gewohnt ist.
Einerseits ist es vollkommen logisch, dass sie da nicht mithalten kann. Andererseits will ich auch niemandem auf den Schlips treten. Und ja, ich bin wirklich harmoniebedürftig. ;D

Wäre es aus eurer Sicht ok, die Unterschiede (Sportlichkeit vs. Untrainiertheit+Gewicht) herauszuarbeiten? Nur: Wie?
Ich habe das Thema als ein sehr sensibles kennengelernt und würde einfach gerne eure Meinungen kennenlernen, wie ihr das handhaben würdet. :)

Nuya

Das klingt doch sehr nachvollziehbar. :)
Sie wird sich vielleicht durchbeißen, sprich nicht jammern, aber sie ist denke ich langsamer (relativ schnell), ihr schmerzen vielleicht die Knie/Knöchel, vielleicht kommt sie auch aus dem Tritt/Gleichgewicht. Sie wird viel und früh zu schwitzen beginnen.
Warum genau rennt sie denn mit ihm durch die Wüste? Nimmt er keine Rücksicht, kann er das nicht? Muss sie sich ranhalten? Zu welcher Tageszeit durchqueren sie die Wüste? :) Das sind noch so Punkte die da mitspielen - auch ein trainierter Mann kann (möglicherweise ohne Wasser) nicht wunderbar leichtfüßig in der großen Hitze durch die Wüste rennen.

Ich persönlich finde hier den ehrlichen Umgang besser, als wenn du schreibst sie hält Schritt und eventuell dicke Leserinnen dann denken: ja nee, is klar ... niemals.

Kerstin

Das hängt für mich jetzt ehrlich gesagt davon ab, wie stark übergewichtig sie ist.
Ich bin auch kein Federchen (Normalgewicht halt), aber eine Bekannte von mir wiegt fast 20 kg mehr (nicht nur Muskeln) und ist unendlich viel sportlicher als ich (und ich laufe locker einen Halbmarathon) und arbeitet auch als Kite- und Windsurflehrerin.

Wenn es also kein sehr starkes Übergewicht ist, fände ich es persönlich schöner, wenn du den Fokus der Begründung auf ihre Unsportlichkeit legst und weniger auf ihr Gewicht.

Lothen

Zitat von: NuyaIch persönlich finde hier den ehrlichen Umgang besser, als wenn du schreibst sie hält Schritt und eventuell dicke Leserinnen dann denken: ja nee, is klar ... niemals.
So ginge mir das auch, glaube ich. :D

Ich persönlich sehe keine Diskriminierung darin zu sagen, dass jemand, der übergewichtig ist, Probleme mit seiner Ausdauer hat, vor allem wenn diese Person - so wie du es beschreibst - Bewegung nicht gewöhnt ist. Dasselbe würde ja auch auf eine Person mit Asthma oder einem angeschlagenen Kreislauf zutreffen.

Ich würde auch die beiden Wege vorschlagen, die Nuya und Kerstin schon angedacht haben: Entweder ist die Person eben übergewichtig und unsportlich (was jetzt nicht so unrealistisch ist, wenn wir mal ehrlich sind :D) oder sie ist ausgesprochen fit, trotz ihres Übergewichts. Dann müsste sie aber, zumindest nach meinem Empfinden, auch privat oder beruflich auf Bewegung angewiesen sein. Wenn sie eher nur in der Schreibstube hockt, fände ich das komisch.

Shedzyala

Ich muss Kerstin recht geben: Übergewicht hängt erst ab einer gewissen Menge mit Unsportlichkeit zusammen und gerade Ausdauer ist ja auch ein gutes Stück von der Willenskraft abhängig. Natürlich hält eine unsportliche Person nicht mit einer trainierten mit, aber ich würde jetzt nicht unbedingt unterschreiben, dass eine übergewichtige Person auch automatisch einer normalgewichtigen unterlegen ist. Außer wir reden hier von einem Übergewicht, das bereits alltägliche Bewegung erschwert. Von daher würde ich dir genau wie Kerstin raten, vor allem die Unsportlichkeit zu beschreiben. Denn wer ohne Ausgleich nur im Sitzen arbeitet, hält sich nun einmal nicht so alnge gut aufrecht wie jemand, der tägliche Bewegung gewöhnt ist.
Wenn sie dich hängen wollen, bitte um ein Glas Wasser. Man weiß nie, was passiert, ehe sie es bringen ...
– Andrzej Sapkowski, Die Dame vom See

Nuya

#95
Also in der Jobbeschreibung und dem sonstigen Sportverhalten hab ich mich wiedererkannt. ;D Und durchaus auch "leichtere" Kolleginnen, denen es in Punkto Bewegung schon ähnlich geht.
So wie Guddy es beschreibt ist da nicht ein Funken Bewegung und dann ist es ziemlich egal, wie schwer die Dame wirklich ist.

Maja

Ich war mein Leben lang unsprortlich, nicht erst, seit ich übergewichtig bin. Ich war unsportlich bei 1,65m mit 55 Kilo Kampfgewicht (es war wirklich mein Kampfgewicht, ich habe zweimal die Woche Judo gemacht, ohne davon sportlicher zu werden), ich war unsportlich bei 65 Kilo, bei 75 und bei 85. Und wenn ich zwanzig Kilo abnehme, werde ich immer noch unsportlich sein. Insbesondere meine Ausdauer war immer unter aller Sau (sie war etwas besser zu Judo-Zeiten, aber das lag daran, dass ich damals einfach besser in der Übung war). Ich denke, das lässt sich gut mit Unsportlichkeit erklären, und als dicke Leserin hätte ich kein Problem damit, wenn deine Figur schwitzt, hechelt und am Ende pumpend auf dem Boden liegt wie ein Maikäfer - ich glaube, es würde mich umgekehrt viel mehr ärgern, wenn sie meine Statur hat, nur um dann gazellengleich durch die Wüste zu springen und sich anschließend noch für den New-York-Marathon anzustellen. Zu sportliche Figuren waren mir immer schon tendenziell unsympathisch. Dick und klutzig gewinnt sie mein Herz.
Niemand hantiert gern ungesichert mit kritischen Massen.
Robert Gernhardt

canis lupus niger

#97
Dagegen können Personen, die im Lauf der Zeit massiger/dicker geworden sind, "früher" aber tatsächlich sportlich waren, sich durch Erfahrung und Technik eine überdurchschnittliche Beweglichkeit erhalten haben. In einem Buch habe ich das von einem gealterten Kampfkunstlhéhrer sehr gut beschrieben gelesen.
Unter Fett können erstaunlich leistungsfähige Muskeln versteckt sein.

Fianna

Kommt ja auch drauf an, wo die dick ist. Bei meinem Freund verteilt sich das alles am Bauch, wenn der aber normal bekleidet ist, sieht er halt dick aus. Rennt aber eben mal so 10 Kilometer ohne all zu erschöpft zu sein.
Du solltest also die Unsportlichkeit / Alltag ohne Bewegung mindestens genauso bewegen. Vielleicht war die junge Frau wegen kleiner Erfolgserlebnisse (da fällt mir grad nichts ein, weil ich nicht genau weiß, was in Deiner Welt so in Frage kommt) der Ansicht, sie könne ja, wenn es drauf ankommt (um ihr Leben geht) sicher alles aus sich rausholen, und wird dann eben in der Realität mit der Diskrepanz durch fehlende Sportlichkeit (und Gewicht, in zweiter Linie) konfrontiert.

Waldhex

Zitat von: Maja am 24. Februar 2016, 15:30:59
Ich war mein Leben lang unsprortlich, nicht erst, seit ich übergewichtig bin. Ich war unsportlich bei 1,65m mit 55 Kilo Kampfgewicht (es war wirklich mein Kampfgewicht, ich habe zweimal die Woche Judo gemacht, ohne davon sportlicher zu werden), ich war unsportlich bei 65 Kilo, bei 75 und bei 85. Und wenn ich zwanzig Kilo abnehme, werde ich immer noch unsportlich sein. Insbesondere meine Ausdauer war immer unter aller Sau (sie war etwas besser zu Judo-Zeiten, aber das lag daran, dass ich damals einfach besser in der Übung war). Ich denke, das lässt sich gut mit Unsportlichkeit erklären, und als dicke Leserin hätte ich kein Problem damit, wenn deine Figur schwitzt, hechelt und am Ende pumpend auf dem Boden liegt wie ein Maikäfer - ich glaube, es würde mich umgekehrt viel mehr ärgern, wenn sie meine Statur hat, nur um dann gazellengleich durch die Wüste zu springen und sich anschließend noch für den New-York-Marathon anzustellen. Zu sportliche Figuren waren mir immer schon tendenziell unsympathisch. Dick und klutzig gewinnt sie mein Herz.

Ich bin zwar 1,72 m groß, dafür habe ich aber auch noch das eine oder andere Pfund mehr. Bei mir war es früher dreimal die Woche Tae Kwon Do. Da ich seit Jahren nicht mehr wirklich Sport mache und einen Bürojob habe, kann ich Maja auch ansonsten nur zustimmen. Übergewichtig, Bürojob und keine regelmäßige sportliche Betätigung - da muss die Prota einfach irgendwann atmen wie eine alte Dampflok und das eher früher als später; allerdings kann sie ja trotzdem die Zähne zusammenbeißen und langsamer aber stetig neben dem Kerl herlaufen. Unsportlich heißt ja nicht, dass sie nicht zäh sein kann.
Im Roman würde ich es dann allerdings auch vor allem mit der Unsportlichkeit begründen.

Antigone

Zitat von: canis lupus niger am 24. Februar 2016, 17:42:19
Unter Fett können erstaunlich leistungsfähige Muskeln versteckt sein.

Klar können sie dort sein. Aber Guddy schreibt ja extra, dass ihre Person tatsächlich total unsportlich ist. Und als solche hat sie nicht die geringste Chance, mit einem Trainierten bei einem Lauf durch die Wüste durchzuhalten. Selbst, wenn sie total dünn wäre. Da hilft auch alle Zähigkeit und Willenskraft der Welt nicht. Wenn man nicht mehr kann (und bei Untrainierten ist das SEHR bald), dann kann man nicht mehr. Alles andere würde ich als Leser einfach nicht glauben.

A propos Wüste: so mit Geröll oder richtigem Sand? Denn in Sand laufen ist noch mal eine Nummer anstrengender. Das ist dann eher nach dem Motto: zwei Schritte vor, einer zurück.

lg, A.