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Ein knackiger Anfang - der erste Absatz, die erste Seite

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Coppelia:
Die Wölfin hat sich dieses Thema gewünscht, ich bin mal so frei, es zu eröffnen.
Irgendwann hatten wir mal einen ähnlichen Thread, wo ich drei Alternativanfänge geschrieben habe nach drei alternativen Arten, mit der Handlung einzusetzen, und die Vorteile und Nachteile genannt. Jetzt muss ich nur noch selbst auf mich hören und den ultimativen Anfang finden, und der Erfolg kann kommen. ;)
Es geht dann um die Frage, wie der Anfang aussehen muss, um den Leser sofort zu fesseln und Verlage und Agenten zu überzeugen. Da ich ja selbst noch keine allzu erfolgreichen Veröffentlichungen vorweisen kann, kann ich zu dem Thema höchstens sagen, mit welchen Mitteln ich vermutlich gute Effekte bei den Büchern erreicht habe, die es etwas weiter gebracht haben als auf meinen eigenen Tisch.

Als ich die Lottiromane angefangen hab, hab ich vom Schreiben noch so wenig Ahnung gehabt, dass es ein Wunder ist, dass die jemals veröffentlicht wurden. Der 1. und 2. Teil waren ja als eins geplant. Die erste Szene beginnt, indem sie den Protagonisten, den meine Leser - die in den Hintergrund eingeweiht sind! - als uralten, hässlichen, bitterbösen Mann kennen. Diese Szene zeigt ihn als jungen Idealisten. Außerdem findet ein sehr existentieller Kampf mit Worten statt. ;) Ich glaube, die Diskrepanz zwischen der Figur im Kopf der Leser und der Art, wie ich sie präsentiert habe, hat irgendwie für Spannung gesorgt.
Mit welcher Szene ich den Schreibauftrag bekommen hab, weiß ich nicht mehr, es war allerdings keine Actionszene, irgend ein Psychodama, glaub ich. Ich würde es heutzutage garantiert nicht mehr mit so einer Szene versuchen, einen Schreibauftrag zu bekommen.

Ich denke, schon der erste Satz muss möglichst viel Spannung wecken, und nach dem ersten Absatz muss der Leser dringend die Fragen beantwortet haben wollen, die bisher aufgeworfen worden sind. Die erste Szene muss ihn dann anfüttern, aber noch viel mehr Fragen aufwerfen, sodass er gar nicht mehr aufhören kann zu lesen. ;D

Was meiner Ansicht nach nicht funktioniert, ist der Einstieg mit einer Actionszene. Das funktioniert in meinen Augen daher nicht, weil der Leser bisher keine Gelegenheit hatte, sich mit der Figur zu identifizieren, die da in Lebensgefahr gerät. Wenn die Geschichte also damit anfängt, dass Hans 10 Orks abschlachtet, die ihn überfallen, denke ich mir als Leser eher: "Na und? Wer ist Hans?" Wenn die Hauptfigur übel am Metzeln ist, wird sie mir außerdem gleich unsympathisch.
Es kann allerdings sein, dass manche Lesergruppen von dieser Art Anfang angesprochen werden (ich erinnere mich an den Anfang von "die Orks"). Wenn man es geschickt anstellt, sympathisiert der Leser vielleicht auch gleich mit dem kämpfenden Helden (vielleicht so (überzogenes Beispiel): "Hans warf sich schützend über den flauschigen Welpen, als die Pfeilde der Orks ringsum in die Bäume schlugen. Der kleine Hund war alles, was er von seiner Verlobten noch hatte, und jetzt wollten diese Grünheute das Tier zum Frühstück essen! ...") Wenn Hans beispielsweise ein süßes Hundchen davor schützt, gegessen zu werden, muss er einem sympathisch sein, oder? Man darf das natürlich nicht allzu durchschaubar machen ... ;)

Ich würd noch weiterschreiben und von meinen Überlegungen für die letzten Anfänge erzählen, aber jetzt muss ich gleich erstmal los.

JulyRose:
Ein tolles Thema, mit dem ich mich gerade im Rahmen meines Workshops beschäftige. Passt also!

Ich habe daraufhin gestern mal ein paar Bücher aufgeschlagen und die Anfänge gelesen. Ich glaube, es entscheidet nicht nur der erste Satz. Ich weite das für mich persönlich auf die ersten 100 Wörter aus. Mit diesen hundert Wörtern muss ich - wie Coppelia bereits anmerkte - beim Leser Fragen aufwerfen, die er unbedingt beantwortet wissen will.

Bei Hans, dem Ork, der sofort losmetzelt, funktioniert das nicht. Aber ich finde, es liegt eine unglaubliche Spannung darin, wenn Hans, der Ork kurz vor einer Schlacht steht, vielleicht mit seinen anderen Orksen (?) zusammen steht und sie auf den Beginn des Gemetzels warten. (ich gebe aber zu, dass sowas vermutlich nicht bei Orks funktionieren würde.)

Ich muss gestehen, dass ich ein Freund der leisen Anfänge bin. Ich mag es, wenn man den Leser an die Hand nimmt und ihm erstmal kurz (!) die Welt zeigt, in der er steht, möglichst noch mit dem Helden zusammen, der vielleicht gerade etwas neues erfährt. Mir ist aber bewusst, dass das gar nicht so leicht ist, dieses "leise" mit den Ansprüchen der Verlage zu verbinden.

Liebe Grüße
Juliane

Steffi:
Ich finde ein guter Anfang setzt in medias res an. Die allwissenden Anfänge, die mit "Rudolf wurde an einem stürmischen Wintertag in Hintertupflingen geboren, seine Mutter war Näherin und sein Vater Bauer. Schon bald stellte sich heraus, dass der Knabe überaus begabt war..." haben zur Zeiten von Dickens wunderbar funktioniert, aber heute finde ich sie zum Lesen sehr mühsam. Das mag daran liegen, dass Dickens andere Intentionen hatte als bloß eine gute und spannende Geschichte zu erzählen, aber trotzdem finde ich diese Eingänge eher langatmig und ohne wirklichen Nutzen für die Geschichte. Das kann man schließlich auch alles mittendrin verpacken.

Ebenfalls unglücklich finde ich altmodische Natureingänge ("Hinter den blauen Bergen, weit unter dem Sowiesopass, liegt inmitten von malerischen Feldern aus Kornblumen ein kleines Dorf...").

Natürlich gibt es zu diesen Beispielen auch immer Ausnahmen, die die Regel bestätigen :-)

Ich mag es, direkt in der Geschichte zu sein. Ich mag das Gefühl zu wissen, dass schon vorher etwas passiert ist und sich die Räder in Gang gesetzt haben. Das muss ja nicht unbedingt viel sein. Ich lese gerade "Im Bann des Fluchträgers", das lediglich mit der Ankunft eines jungen Reiters am Königshof beginnt. Das ist relativ unspektakulär, aber als Leser ist meine Neugier sofort geweckt.

Was Actionszenen betrifft, stimme ich Coppelia zu.


Mein liebster Anfang ist übrigens der allererste Satz aus Paul Austers "The Brooklyn Follies."

I was looking for a quiet place to die.

Ich habe den ersten Satz zufällig im Laden gelesen und das Buch ohne Umschweife gekauft.  Ich finde diese Art, ein Buch zu beginnen, phantastisch :-)

Churke:
Zunächst einmal finde ich, dass ein Anfang zur Geschichte passen sollte. Und zwar sowohl inhaltlich als auch stilistisch.

Ich habe mir mal die Mühe gemacht, ein paar Anfänge von "Alan Burt Akers" rauszuschreiben. Obwohl es in seinen Dray-Prescott-Romanen immer nur um Swords & Sorcery geht, sind seine Romananfänge recht unterschiedlich. Aber trotzdem steigt er immer gleich ein und macht nicht lange rum:

"Oft bin ich an zwei Orten gleichzeitig gewesen; für die übermenschlichen Herren der Sterne ist dies ein leichter Trick. Weniger oft ist es vorgekommen, daß zwei verschiedende Versionen meiner selbst gleichzeitig am selben Ort aufgetaucht sind."
- Der Rebell von Antares (24. Roman)

"Der grauschnäbelige Bursche, der sein schweres Bronzeschwert schwang, bildete sich allen Ernstes ein, auf der gefährlich geschwungenen Klinge sei mein Name eingraviert. Er wünschte sich im Leben nichts sehnlicher, als meinen Kopf als Souvenir zu behalten. Er hatte sich sogar einen Flechtkorb mitgebracht, der an seinem Gürtel baumelte und auf die Trophäe wartete."
- Ein Sieg für Kregen (22. Roman) -> Man beachte bitte den Einstieg mit Action!

"Es gibt mehr als hundert Möglichkeiten, ein Flugboot zu stehlen; doch hier und jetzt kam nur die allererste Methode in Frage."
- Ein Schicksal für Kregen (21. Roman)

"Todesurteile zu unterschreiben ist keine vernünftige Beschäftigung für einen Mann."
- Ein Leben für Kregen (19. Roman)

"'Ganz einfach ist das, Jak', sagte Pompino und sprang ans Ufer. 'Wir brauchen nur noch einige wilde Haudegen anzuwerben und diesem Lord Murgon Marsilus einheizen. Anschließend brennen wir alle verdammten Lem-Tempel nieder, klären, wer wen heiratet - und ziehen nach Hause.'"
-Die Klauen von Scorpio (30. Roman)

"Die Frau, die ausgestreckt im Wüstensand lag, bewegte sich mit der Schlaffheit des kommenden Todes unter den den ausgebreiteten Schwingen des Geiers."
- Delia von Vallia (28. Roman)

Dagegen fängt Asimov in der Foundation-Tiologie ganz anders an: (Man beachte den allwissenden Erzähler)
"Das Galaktische Imperium zerfiel.
Es war ein gigantisches Imperium, das Millionen von Planeten umfaßte, die innerhalb der riesiegen Doppelspirale lagen, die wir als Milchstraße kennen."
Isaac Asimov, der galaktische General

Hm, ich glaube, der perfekte Einstieg enspricht der Grundstimmung eines Buches. Ein fröhlicher Haudrauf-Einstieg wäre dem Verfall des Galaktischen Imperiums sicherlich ebenso abträglich wie der umgekehrte Fall.

Steffi:
@Churke: die Anfänge gefallen mir alle gut, besonders der Zweite. Der Humor, der da durchkommt, ist ganz große Klasse :)

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