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Unsicherheiten beim Schreiben

Begonnen von TheMadZocker, 15. Januar 2017, 21:19:11

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Antonia Assmann

Zitat von: TheMadZocker am 16. Januar 2017, 20:11:59
Es ist halt so, dass ich eher Bauchschreiber bin (stand jetzt), aber auch einen guten Plot auf den Weg bringen möchte. Und ab hier habe ich halt wieder das Problem mit dem Überdenken der ganzen Ereignisse und Eckdaten, was dann zu dieser Unlust am Schreiben führt.

Das kommt mir alles ziemlich bekannt vor ... Ich bin auch Bauchschreiber und habe mir damit eine unglaubliche Arbeit gemacht, weil ich schlussendlich sieben verschiedene Versionen eines Buches hatte, bis ich schlussendlich mit der letzten meinen Verlag gesucht habe.
Ich kann dir nur aus meiner Erfahrung erzählen, dass es gar nicht schlecht ist, Bauchschreiber zu sein, wenn man Zeit und Nerven hat, ständig was zu ändern und etwas an der Geschichte rumspielen mag. Wenn es allerdings eine Geschichte ist, die sehr komplex ist und man sich selbst noch nicht sicher ist, wohin sie gehen soll, wäre ich mittlerweile doch für einen groben Plan. Ansonsten, so meine Meinung, vertut man unglaublich viel Zeit mit den verschiedenen Möglichkeiten und kommt überhaupt nicht zu dem, was man wollte - eine gute Geschichte erzählen.
Die Hauptarbeit liegt bei der Überarbeitung, sie ist es, die schlussendlich aus der Geschichte das macht, was man erzählen wollte. Wenn ich mich schon während des Erzählens dauernd unterbreche, weil ich es auch anders erzählen könnte, habe ich irgendwann keine Lust mehr. Klar fallen mir auch dauernd 100 andere Möglichkeiten ein, wie ich die Geschichte voranbringen könnte, aber die kann ich mir auch notieren und bei einer anderen Geschichte anbringen.
Zusammenfassend: Ich würde die Geschichte für mich in groben Zügen planen - das gibt einem die Sicherheit. Die groben Züge sind für mich wichtig - sie geben mir den Spielraum, damit ich durchhalte und Lust behalte.
Und dann anfangen. Die ersten Absätze, Kapitel sind meistens eh nichts. Man sucht nach seiner Erzählstimme. Die wird man allerdings erst finden, wenn sich schon mal ein paar Personen auf dem Manuskript tummeln und Stimmung machen. Ich kann mir vieles vorstellen, wenn ich Tolstoi lese und die Sprache in meinem Kopf Einzug hält, träume ich von meiner neuen, ungeschriebenen Geschichte in der Sprache. Wenn ich dann meine ersten Absätze schreibe, bin ich enttäuscht, weil ich es nicht hinbekomme, es so zu schreiben, wie ich es mir vorgestellt habe. Je länger ich darüber nachdenke, wie ich die Geschichte schreiben will, desto größer wird der Unterschied zwischen Vorstellung und Ergebnis. Mein Rat an dich: Setzt dich hin, mach einen groben Plan, wo du hin willst. Ob das jetzt die ganze Geschichte ist, oder nur ein Kapitel, eine Szene, ist egal. Ausgangsposition  - wo will ich hin? Und dann schreib. Vergiss alles um dich herum und schreib. Nur vergiss nicht dein Ziel. Darum finde ich kleiner Schritte ganz gut, die behält man für einen Schreibtag im Kopf.
Ich wünsche dir, dass du deine Unsicherheit ablegen kannst und deine Stimme findest!

Denamio

Was ich vergessen habe, was zumindest mir in so Momenten immer geholfen hat, ist folgendes: Setze dir realistische Ziele und halte dich dran. Zum Beispiel habe ich in den Schreibphasen eine Regel: x Stunden zu y Wörtern. Entweder ich schreibe x Stunden lag oder ich schreibe y Wörter, was immer zuerst kommt, markiert für den Tag Feierabend.
Wenn es mal schlecht läuft, dann hab ich trotzdem ein Erfolgserlebnis weil ich X Stunden durchgehalten habe, ohne mich ablenken zu lassen. Wenn es gut läuft, dann habe ich ein Erfolgserlebnis weil ich y Wörter geschafft habe.

Durch dieses Unterteilen in absehbare Einheiten, wird das riesige Romanprojekt zu kleinen Schritten heruntergebrochen. Was unmöglich scheint wird so zu einem täglichen Ziel das absolut erreichbar ist. Wichtig ist allerdings realistisch zu bleiben. Wenn man in der Spitzenzeit 1.000 Wörter in der Stunde schreibt, dann sollte man nicht 3.000 ansetzen, sondern eher 800 pro Stunde.

HauntingWitch

Zitat von: TheMadZocker am 16. Januar 2017, 20:11:59
Es ist halt so, dass ich eher Bauchschreiber bin (stand jetzt), aber auch einen guten Plot auf den Weg bringen möchte. Und ab hier habe ich halt wieder das Problem mit dem Überdenken der ganzen Ereignisse und Eckdaten, was dann zu dieser Unlust am Schreiben führt.

Und das kannst du ja auch. Hast du schon einmal versucht, das überdenken hintenanzustellen? Ich bin auch Bauchschreiber, aber ich habe im Verlauf der Jahre doch eine Art Methodik entwickelt, nach der ich nun arbeite. Das kam aber nicht geplant, sondern wie von selbst, wie mehr ich geschrieben habe und wie mehr ich mich mit Methoden und Tipps beschäftigt habe. Man muss aber auch nicht alle Tipps dogmatisch befolgen.

Und: Ich liebe die Kommentarfunktion (ich arbeite mit Word). Wenn du bei deinem Schreibprogramm eine solche Funktion hast, könntest du sie vielleicht mal ausprobieren? Ich schreibe also meinen Entwurf nieder (wie die anderen schon sagten, zuerst 100% Inhalt) und immer, wenn mir etwas neues oder zusätzliches in den Sinn kommt, mache ich mir an der entsprechenden Stelle ein Kommentar. Die erste Überarbeitung ist bei mir dann immer umstellen, umschreiben, ergänzen, streichen, bis die Geschichte rund ist. Erst danach kommt die Feinarbeit.

canis lupus niger

#18
Zitat von: TheMadZocker am 16. Januar 2017, 20:11:59
[...] am ende des Tages waren einige dieser tipps zwar irgendwie hilfreich, aber habe nicht das gefunden, was ich mir erhofft hatte zu finden - erst deswegen habe ich mich nach einem Forum umgeschaut, um präzise Fragen stellen zu können.
[...]
Mein Problem hierbei ist ja eher das "Wie", also wie soll ich die Geschichte schreiben und welche Sätze sind "richtig". Ich bin mir halt über meinen eigenen Schreibstil unsicher, sowie auch über meine bisherigen Methoden, welches nur aus "perfekt schreiben und posten" bestand und ich die Texte nur auf Rechtschreib- und Grammatikfehler überprüfte. Ich hoffe, dies kann sich in Zukunft änern, ohne, dass ich dabei den Spaß am Schreiben verliere...

Na ja, im Grunde ist Dein Problem eigentlich nur durch wachsende Erfahrung zu lösen. Du wirst mit der Fragestellung "Wie kann ich gut schreiben?", die ja nun alles andere als präzise ist, kaum den Stein der Weisen finden und DEN Tipp zum perfekten Schreibstil erhalten können. Da kannst Du wirklich nur üben und dann zum jeweiligen Problem Fragen stellen. Guck doch mal über die Suchfunktion, was andere Mitglieder jeweils für Probleme zur Diskussion gestellt haben. Oftmals haben andere schon genau dieselben Probleme gehabt, wie Du. Ansonsten kann ich Dich trösten, richtig zufrieden mit seinem Stil ist man irgendwie nie. Es gibt immer noch etwas zu lernen und zu verbessern. Der Weg ist das Ziel.

Akirai

Zitat von: TheMadZocker am 15. Januar 2017, 21:19:11

Im Moment bin ich in so einer Phase, wo ich nicht weiß, was ich schreiben soll. Ich habe eine Welt erschaffen, die natürlich ihren eigenen Regeln folgt, eigene Kreaturen und Lebewesen beinhaltet und eine Rahmengeschichte hinzugefügt. Doch diese zu füllen bereitet mir irgendwie Schwierigkeiten, und das nicht nur beim Schreibstil oder der Wahl der richtigen Sätze. Als Perfektionist, der sein 1. Buch veröffentlichen möchte, fällt es mir schwer, das von mir Geschriebene zu akzeptieren, weil ich ihn für "zu schwach" und nicht überzeugend halte; ich versuche mich ständig, in die Lage des Lesers zu versetzen und mir die Fragen zu stellen, ist der Text qualitativ gut, kommt er richtig an und was ist überflüssig? Am Ende breche ich dann mental zusammen und habe anschließend keine Lust mehr, weiterzuschreiben und habe auch Angst davor, es wieder zu tun und zu vergeigen. Inzwischen habe ich 13 Buchanfänge geschrieben, welche alle nicht mal eine Seite voll sind, und 4 verschiedene Geschichten als Vorlage benutzt, die ich überaus gerne umgesetzt sehen möchte. Meine Frage ist jetzt, was kann ich dagegen tun? Worauf sollte ich achten und wie erlange ich die Lust am Schreiben wieder zurück?

Ich habe aus deinem Eingangsposting mal fett markiert, worauf ich mich beziehen möchte. Diagnose von Dr. Puzzle (  ;D ) lautet: Du blockierst dich gerade mit deinem "Omg, hoffentlich mache ich alles richtig" selbst. Das ist aber, gerade für einen Bauchschreiber, meines Erachtens nach das Schlechteste, was man machen kann. (Nach meiner Erfahrung "denkt" das Bauchhirn nicht. Es macht einfach.)
Sind wir mal ehrlich - selbst wenn du etwas "schlechtes / nicht richtiges / langweiliges / (hier beliebiges negativ konnotiertes Adjektiv einsetzen" fertig geschrieben hast, dann hast du die Chance, es zu überarbeiten.
Wenn du aber etwas "richtig gutes, unglaublich tolles, nobelpreisverdächtiges" immer nur anfängst oder erst in 100 Jahren fertig stellst, dann ist das die Mühe, gelinde gesagt, nicht wert  ;D
Das Fazit lautet daher: Eine fertige Rohfassung ist besser als ein unfertiges, nobelpreiswürdiges Manuskript.

Mein Rat an dich lautet:  Nimm dir, wie @Antonia es vorgeschlagen hat, eine grobe Rahmenhandlung. Und dann fang einfach an zu schreiben und zwar mit irgendeiner Szene, die dir gerade jetzt und in diesem Moment Spaß macht. Finde den Spaß am Schreiben wieder. Finde wieder heraus, was diesen Sog ausgemacht hast, dieses "ich will das jetzt erzählen!".

Viel Spaß  :winke:

EDIT: Ach ja: wenn dir etwas beim Schreiben einfällt, dann schreib dir doch am Ende eine "To Do-Liste". Die habe ich auch. Da steht so etwas schönes wie "Pferde nicht vergessen! Anschrei-Szene einfügen! xy muss vorher erwähnt werden! a und b kennen sich schon von früher! Wieso schweigt xyz in der Szene eigentlich die ganze Zeit?!"

Möchtegernautorin


Im Grunde kann ich den anderen nur zustimmen. Selbstzweifel tauchen immer wieder auf, auch bei schon renommierten Autoren.

Geholfen hat mir immer der Tintenzirkel :) Auch, wenn ich meistens stille Leserin bin, hier findet sich so vieles, was einem neue Anstöße geben kann, was einem Ideen liefern kann und auch so viele, denen es doch irgendwann auch einmal genauso ging.
Und ja: Die beste Art, sich anzuspornen ist eine Art NaNoWriMo, einfach damit es fertig wird. Hier im Zirkel gibt es ja auch noch ,,eigene" Konzepte für so was. Oder du suchst dir andere Autoren, die das selbe Problem haben und gründest eine Gruppe. Dann könntet ihr Konzepte und Ideen diskutieren und vielleicht gemeinsam Brainstormen.

Das Schreiben und das Überarbeiten sollten auf jeden Fall zwei verschiedene Prozesse sein (anders habe ich das noch nie gehört und auch für mich festgestellt, dass es so einfach besser ist ;)). Ich habe zum Beispiel von Konzepten gelesen, wo man eine zweite Datei im Hintergrund laufen hat, auf der man notiert, was man noch nachholen oder korrigieren muss.

Hmm, mein Rat an dich: Lass dir Zeit! Ich habe nun wirklich lange lange in der Phase gesteckt, in der ich eigentlich noch geübt war. Das Gefühl doch etwas zu können und wirklich ,,veröffentlichungsreif" zu sein, ist für mich noch ganz neu. Es hat auch familienbedingt bei mir nur 11 Jahre gedauert.

Her plants and flowers, they're never the same - Blue and silver, it's all her gain
flying dragons, an enchanted would - She decides, she creates
It's her reality
Within Temptation - "World of Make Believe"

Cailyn

Lieber MadZocker

Egal wie lange man schon schreibt und wie erfolgreich man als Autor ist: Die Erstentwürfe sind bei 98% aller Schreibenen zunächst Schrott. Beim Erstentwurf muss es auch nicht darum gehen, was Tolles und Geniales zu Papier zu bringen. Es geht darum... tja, einfach alles mal niederzuschreiben. Ob das nun tolle Sätze sind oder ein cooler Textaufbau - völlig egal. Das interessiert keinen und soll auch dich nicht vom Schreiben abhalten. Wenn du dich davon abhalten lässt, wirst du es nicht schaffen, es zu Ende zu schreiben.
Zum Inhaltlichen: Da scheiden sich die Geister. Ich bin halt definitiv ein Plotter. Ich plane die ganze Geschichte von vorne bis hinten. Das ist nicht jedermanns Sache. Aber gerade bei jungen Schreibern würde ich das unbedingt empfehlen. Nicht zu wissen, was denn im langen Mittelteil kommt, kann nämlich auch ganz schön hemmend sein. Sobald du auch deine Zwischenziele kennst, bist du im Schreiben viel freier.

Tanja

Ich kann dich nur zu gut verstehen!
Am Anfang habe ich selbst infach drauflosgeschrieben (Bauchschreiber). Oft bin ich dann mittendrin steckengeblieben und hiet alles nur noch für Mist.
Später habe ich es dann mit etwas mehr Planung versucht, inzwischen zwinge ich mich zu mehr und mehr strukturierter Planung, weil es mir bei Lustlosigkeit und zeitmangel hilft, den faden nicht zu verlieren.

Was dir vielleicht helfen könnt, einen Anfang zu finden - so verrückt das klingt:
Fang in der Miitte an!
Du sagst, du kennst deine Welt schon, in der alles spielen soll.
Wie ist diese Welt? Wie ist sie so geworden, wie sie jetzt ist? Gab es wichtige Ereignisse, wichtige Personen?
Wenn ich feststecke hilft es mir, zu überlegen, wie die Welt, über die ich schreibe, entstanden ist. Welche zeitabläufe gibt es?

Eine andere methode, die bei mir sehr gut funktioniert ist es, Stammbäume zu entwickeln: Je wilder je lieber (streichen kannst du immer noch)
Wo kommt dein Held her? Aus welcher Familie? Wie hängen die einzelnen Familien, die für deinen Roman wichtig sind zusammen? Gab es Adoptionen, heimliche Schwangerschaften, unerkannte Vaterschaften etc.?
Oft ergibt sich bei mir durch so etwas eine Nebengeschichte, die mich dann langsam immer näher an den Hauptplot heranführt.

Was ich auch toll finde (aber leider nicht habe) sind Paten: Jemand, der deinen Text liest und kommentiert, dich begleitet, ermutigt, nachfragt und anspornt, weiterzuschreiben - dann gibt es jemanden, der auf deinen Text wartet, das wäre für mich die größte Motivation.

Außerdem hilft mir der Tintenzirkel sehr. Ich lese gerne hier, lerne viel und erfahre, was andere motiviert, lerne neue Methoden kennen.

Ich drücke dir ganz fest die Daumen und wünsche dir ganz viel Spaß hier im Forum!
Tanja

Sprotte

#23
Ich muß der hier bereits mehrfach getätigten Äußerung, daß jeder erste Entwurf Mist ist, widersprechen. Nur weil der Spruch von Hemingway stammt, wird er dadurch nicht allgemeingültig.

Ich bin überzeugt, daß es mindestens so viele Wege gibt, einen Roman zu schreiben, wie Autoren sich an die Arbeit machen. Das reicht vom ersten Ideenfunken bis zum abgabereifen Manuskript. Manche schreiben eine Rohfassung, die schon verflixt dicht am finalen Roman ist; andere fertigen im ersten Anlauf nur ein Skelett, das in der Überarbeitung sein Fleisch, Innereien, Haut und Haare bekommt; wieder andere schreiben mit der Rohfassung einen roten Faden, an dem sie sich in der Überarbeitung, die mehr eine Neuschreibung ist, entlanghangeln. Jeder Weg, der zu einem fertigen Roman führt, ist richtig. Und jeder Autor beschreitet seinen eigenen Weg, findet seine eigene Methode, wie er/sie zu diesem Ergebnis kommt.

Ich gehöre zu jenen, die schon im ersten Anlauf ihr Rechtschreibung-Grammatik-Zeichensetzung-Hirn nicht deaktivieren. Ich achte - im Rahmen des Möglichen - auf Wortwiederholungen, Bandwurmsätze und Bezüge. Ich habe im NaNo schon 100K-Romane fertiggeschrieben, die ich danach an erste Testleser geben konnte, ohne mich zu schämen, weil ich sie eben nicht als Mist erachten muß.

Deswegen denke ich, man darf sich von anderen die Rosinen aus den Ratschlägen picken, man darf in der Erstfassung Mist schreiben (das ist für mich die Quintessenz von Hemingways Sprüchlein: Man darf! Es gibt die Überarbeitung, in der alles auf den Prüfstand kommen darf. Der erste Entwurf muß nicht perfekt sein - aber er kann dicht dran sein, das entscheiden alleine der jeweilige Autor und dessen Arbeitsweise.), man darf seinen eigenen Weg gehen. Wovon ich persönlich abrate, ist beim Schreiben dieses ersten Entwurfs an die Meinung von Verleger/Agent/Leser zu denken, weil das dem reinen Geschichtenerzählen im Weg stehen kann (kann - nicht muß, jeder Autor tickt anders).

Antonia Assmann

#24
Zitat von: Sprotte am 19. Januar 2017, 17:27:56
Ich muß der hier bereits mehrfach getätigten Äußerung, daß jeder erste Entwurf Mist ist, widersprechen. Nur weil der Spruch von Hemingway stammt, wird er dadurch nicht allgemeingültig.


Danke Sprotte. Ich habe mich von diesem Satz auch wieder verabschiedet, als ich merkte, dass er mir nicht guttat. Sicherlich ist es richtig, wenn man sich sagt, dass nicht jedes Kapitel, jeder Satz perfekt sein muss, weil es ansonsten Tage gibt, an denen man überhaupt nicht von der Stelle käme. Aber ich habe den Satz deswegen für mich begraben, weil ich nicht ein Mittelalterepos schreiben kann, das mehr als 500 Seiten hat und mir dabei schon vorstellen soll, wie ich das dann in Form bringe, wenn es Mist ist. Sicherlich muss man überarbeiten, Feinschliff und Fehler, Plotlöcher sinnvoll füllen. Aber ich kann mir doch nicht, während ich schreibe sagen, dass das jetzt eh egal ist, weil ich es danach ändere. Dann kann ich es doch gleich richtig schreiben. Dazu ist mir aufgefallen, dass man an einem Tag überhaupt nicht mit seiner Schreibe zufrieden ist und sich denkt, wahrscheinlich fliegt das bei der Überarbeitung raus und wenn es dann soweit ist, war das eines der besten Kapitel im Text ... Also von daher wäre ich, außer es handelt sich um Kurzgeschichten, sehr vorsichtig mit diesem Satz.


Aljana

Viele haben es ja schon gesagt und ich kann mich ihnen nur anschließen: Wir waren ALLE schon an diesem Punkt und wie in einem schlechten Spiegelkabinett, kommen wir auch immer wieder dahin.
Schreiben lernt man nur durch Schreiben. Deinen ureigenen Stil findest du erst, nachdem du 100k getippt und für großartig befunden hast, nur um ne Woche später beim Lesen mit gesträubten Nackenhaaren alles wieder zu löschen. Das ist normal. Das ist ein Prozess.
Was ich nicht unbedingt unterschreiben kann, ist die Anmerkung, dass die erste Geschichte grundsätzlich nicht taugt. Die erste Version der ersten Geschichte, die sicherlich nicht. Wenn du also gerne möchtest, dass die Geschichte, die du grade im Kopf hast, auch mal Veröffentlichungsreife erlangt, wirst du wesentlich mehr Zeit hinein investieren müssen, als wenn du dich an anderen Geschichten übst, und deine Welt noch ein bisschen vor sich hingähren lässt.

Fehlen die Inspirationen, dann schlage ich vor: Such doch mal das Board "Auschreibungen" durch. Da sind immer wieder tolle Themen drin. Und selbst wenn du es am Ende nicht in die Wettbewerbe einreichst, kommt so doch vielleicht ne schöne Sammlung an kürzeren Werken zusammen, die dir mehr Routine geben. Im besten Fall aber auch ein Plätzchen in einer Anthologie.

Das sind so meine Gedanken zu dem Thema. Und nun: Ran an die Tasten!

Cailyn

Sprotte und Antonia:
Klar gibt es Ausnahmen, aber dann seid ihr wirklich Ausnahmen. Ich habe wirklich sehr viele Kontakte mit Autoren und kenne nahezu keinen, der seine Erstentwürfe für einigermassen gelungen hält. Aber wenn das bei euch so ist, dann ist das ja toll. Ich glaube nur, für einen jungen Autoren wie unser Threadschreiber (jung vom Alter her), gilt der Satz von Hemingway umso mehr. Wer nicht jahrelang Erfahrung hat im Plots ausdenken und niederschreiben, schreibt schon nur deshalb im Erstentwurf Mist, weil er oder sie schreibt, um zu lernen. Das ist ja ganz natürlich. Learning by doing.

Maubel

Ich denke, man muss das einfach relativieren, dass mit Mist nicht unbedingt Mist gemeint ist :P Wenn ich meine erste Fassung schreibe, ist die nicht Mist. Die strotzt auch nicht vor Rechtschreib- oder sonst was für Fehlern. Aber sie ist ein "Work in Progress", ein Rohdiamant. Und der muss nun mal erst noch geschliffen werden und da schließe ich mich Cailyn an, dass es sehr sehr wenige Autoren sind, bei denen dieser Rohentwurf schon perfekt ist. Eine ordentliche Überarbeitung (bzw. mehrere) gehören einfach dazu. Aber das muss dann auch jeder mit sich ausmachen :)

Ich glaube auch ehrlich gesagt nicht, dass dein Erstlingswerk unbedingt schlecht sein muss - ehrlich gesagt, finde ich es gut, dass du eine Veröffentlichung anstrebst. Ich persönlich könnte keine Geschichte schreiben mit dem Vorsatz - die ist eh Mist und wird danach abgeheftet als Übungsmaterial. Nein, ich schreibe ja, weil ich eine gute Geschichte erzählen will. Ob das im ersten Anlauf gleich gelingt, warum nicht. Ich denke, das kommt auch einfach sehr auf die Person und das Alter an. Meinen Roman, den ich mit 15 geschrieben habe, der ist grauenhaft, sicher. Aber nachdem ich lange nichts außer meiner Serie geschrieben habe, habe ich mit 28 meinen zweiten kompletten Roman geschrieben und den finde ich schon ziemlich gut ;) Den überarbeite ich übrigens immer noch, aber das hat andere Gründe, die mit dem Text gar nichts zu tun haben. Und mit jeder Überarbeitung sehe ich richtig, wie der Roman besser wird und bin auch ziemlich positiv gestimmt, dass er veröffentlichungsreif ist.

Und klar, der NaNo ist noch hin, aber das hindert dich ja nicht, zum Beispiel im April im NaNoCamp schon mal zu üben oder dir einfach privat so eine Umgebung zu schaffen. Probier es einfach mal aus :)

Kerstin

Danke @Cailyn - du sprichst mir aus der Seele. :)

Zum Thema erstes Buch und Veröffentlichen: Ich gehe davon aus, dass es sich auf meinen Kommentar bezog.
Ich sagte ja nicht, dass es unmöglich ist. Ich kenne selbst ein paar Gegenbeispiele.

Ich halte es aber für sehr kontraproduktiv, sich dieses feste Ziel zu setzen, wenn man ohnehin schon an Selbstzweifeln erstickt. Das wird in den meisten Fällen dann noch mehr blockieren, wenn man nicht nur den eigenen Ansprüchen gerecht werden muss, sondern auch noch denen von imaginären Agenten und Lektoren.

Ebenso muss man realistisch sein: Wenn man vom SP absieht, schaffen es nur sehr wenige direkt mit dem Erstling. Ist das aber das erklärte Ziel und wird dann nicht erreicht, herrscht große Enttäuschung, anstatt dem verdienten Stolz, dass man es geschafft hat ein ganzes Buch zu schreiben.
Das finde ich einfach schade.
Ich habe es leider so oft gehört, dass manche es so unglaublich eilig mit allem haben. Da muss das erste Buch gleich veröffentlicht werden, oder man muss innerhalb von drei Jahren bei einem Großverlag sein ...
Klar, kann und sollte man träumen, sich Ziele setzen und es versuchen. Man sollte sich in meinen Augen aber auch entsprechend Zeit gewähren, um zu lernen (ob man nun 20 mal das erste Manuskript überarbeitet oder lieber gleich zwei neue schreibt ist ja dann wieder eine andere Sache).

Shedzyala

#29
Zitat von: Cailyn am 20. Januar 2017, 11:24:20
Sprotte und Antonia:
Klar gibt es Ausnahmen, aber dann seid ihr wirklich Ausnahmen. Ich habe wirklich sehr viele Kontakte mit Autoren und kenne nahezu keinen, der seine Erstentwürfe für einigermassen gelungen hält.

Dann lernst du hier noch jemanden kennen: Hi :winke: Mich hat es am Anfang wahnsinnig frustriert, wenn ständig gesagt wurde, dass es egal ist, wie das jetzt klingt. Das förderte nämlich meine "Warum mache ich das dann überhaupt?"-Stimme. Und es fällt mir auch heute noch schwer, weiterzuschreiben, wenn ich da einen Absatz hab, den ich so überhaupt nicht leiden kann. Da hat mir der Nano aber schon bei geholfen, etwas lockerer zu werden.

Aber wenn ich bei anderen Autoren lese, dass sie teilweise 10 Überarbeitungsgänge haben – das könnte ich nicht. Wenn ich nicht einen absoluten Selbsthass-Tag hab (die leider viel zu häufig kommen), mag ich, was ich schreibe – ja, auch meine Rohfassungen. Und bisher blieben eigentlich immer über 50% eines Rohtextes auch bei weiteren Überarbeitungen von mir unangetastet, wenn man mal von Rechtschreibfehlern absieht. Dafür schreibe ich aber auch sehr langsam über grüble durchaus mal 20 Minuten über einem Satz (auch hier hat der Nano sehr geübt), dafür habe ich eben später weniger Grübelarbeit.

Also: Man darf seinen ersten Entwurf mögen, ja sogar lieben! Natürlich wird er nicht perfekt sein, und um zumindest eine Überarbeitung wird man wohl nie drumherum kommen, aber Mist ist da dann doch noch einmal eine ganz andere Kategorie. Ich brauche aktuell 1-2 Durchgänge, bis es zu den Testlesern geht, und danach dann nochmal einer, und damit bin ich zufrieden.

Um weniger perfektionistisch zu werden, ist aber in der Tat etwas Zeitdruck gut. Das NanoCamp im April ist da übrigens ein guter Tipp. Gerade weil man da sein Ziel selbst bestimmen kann, eignet es sich wunderbar für Einsteiger, finde ich :)
Wenn sie dich hängen wollen, bitte um ein Glas Wasser. Man weiß nie, was passiert, ehe sie es bringen ...
– Andrzej Sapkowski, Die Dame vom See