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Einfluss eurer Testleser

Begonnen von Coppelia, 20. März 2008, 08:39:20

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Coppelia

Moin Moin aus dem hohen Norden,

der Thread unserers Neulings erinnert mich gerade an ein Problem, das ich schon selbst seit einigen Wochen mit mir rumschleppe.
Während ich meinen dicken Wälzer langsam, aber sicher zum Ende hin schubse und unterwegs jede Menge Müll schreibe, den ich irgendwann überarbeiten muss, habe ich auch schon ein paar Testleser. Sie sind alle sehr unterschiedliche Personen - kein Wunder - und das ist auch gut so, denn ich möchte ja wissen, wie der Roman bei den Testlesern ankommt und was sie für Verbesserungsvorschläge haben. Dass viel verbessert werden muss, ist mir ohnehin klar. Sie haben auch zum großen Teil alle unterschiedliche Vorschläge.
Ich bin ihnen auf jeden Fall allen sehr dankbar und verwerfe nicht so einfach irgend etwas, was mir Testleser über meine Geschichten sagen.

Nun möchte ich gern wissen, wie ihr mit den Fragen umgeht, die die Rückmeldungen der Testleser zwangsläufig aufwerfen.

Einige Testleser kenne ich schon länger und gebe sehr viel auf ihre Meinung. Wenn sie etwas sagen, höre ich häufig auf sie und ändere meinen Text. Aber manchmal führt das zu seltsamen Phänomenen.

Beispiel: In einer Szene steht mein Prota unter Schock. Also lasse ich ihn unvernünftige Dinge tun und irrationale Dinge denken. Erste Testleserin: "Das ist ja großer Blödsinn, streich das!" Ich sehe ihre Argumentation ein und streich es. Kaum landet die gekürzte Szene bei einer anderen Testleserin, schlägt sie mir vor, den Prota unvernünftige Dinge tun zu lassen, weil er ja unter Schock steht. ;D Ich habe das jetzt wieder reingenommen, weil ich auch auf ihre Meinung viel gebe, ihre Argumentation einsehe und es ursprünglich so haben wollte, aber was wird wohl der nächste Testleser sagen?  ;D

Schlimmer ist eigentlich ein anderes Problem: Eine Testleserin, vor der ich einen mordsmäßigen Respekt habe und die ich für ein Genie halte, wie man selten einem begegnet, hat meinen Roman auf sehr seltsame Art betagelesen:
Zuerst warf sie mir vor, alles geklaut zu haben. Dann erzählte sie mir, dass der Roman genial sei und zu den besten Dingen gehörte, die sie je gelesen hätte - was man natürlich nie ungern hört, was aber auch nicht immer sehr hilfreich ist. ;)  Nun findet sie aber, dass nur die ersten beiden Kapitel gut sind und der Rest immer schlechter wird und "Einheitsbrei" sei und gar nichts taugen würde. Sie hat mir auch nahe gelegt, dass ihrer Meinung nach auch Überarbeiten den Roman nicht retten könnte. Die eigentliche Handlung steckt aber in diesem "Einheitsbrei", und da steckt auch die Aussage und die Veränderung meines Protas. Die ersten beiden Kapitel dienen mir als kurzweiliger Auftakt und sollten eh umgeschrieben, vielleicht sogar gestrichen werden.
Man kann sich vorstellen, dass ich von dieser Kritik nicht so erbaut war und mich wirklich zwingen musste, weiter zu schreiben, weil ich nun einmal an diese Geschichte glaube (andere Betaleser auch. Danke euch!). Wenn ich diese Frau nicht für ein solches Genie und ihre Schreibe für so viel besser als meine halten würde, könnte ich vielleicht einfach "hach pffft" sagen, aber so fällt es mir schwer. Überhaupt kann ich unkonstruktive Kritik im Sinn von "alles ist schlecht" nicht gut verarbeiten, obwohl ich harte Kritik gewöhnt bin (denn ich will es ja ändern, damit es besser wird, und wenn einem gesagt wird, dass es eh keinen Sinn hätte, ist das irgendwie deprimierend) - und am seltsamsten ist ja, dass für sie davor noch alles supertoll war.

Na ja, wie ist denn eure Methode, mit den Rückmeldungen eurer Betas umzugehen? Manche von euch haben sicher auch schon extreme Rückmeldungen erhalten, oder? Wie bezieht man all das in die dringend fällige Überarbeitung mit ein?

(Kritiken, die nach Erscheinen eines Buches herauskommen, sind jetzt in dem Zusammenhang nicht relevant, da kann man ja eh nüscht mehr überarbeiten.)

Lomax

Vor ein paar Monaten erst fragte mich eine Testleserin mal, wie ich denn die Anmerkungen meiner Testleser umsetze - ob nach "Abstimmung" zwischen den Testlesern, oder ob ich Testleser unterschiedlich gewichte. Ich habe das Gefühl, sie war regelrecht beleidigt, als ich meinte, weder noch: Ich treffe alle Entscheidungen über meinen Text allein und autokratisch ;) Manchmal ändere ich etwas, nur weil ein einziger Testleser an einer Stelle ein diffuses Unbehagen äußerte, manchmal lasse ich Dinge stehen, auch wenn alle Testleser übereinstimmend sie anmäkeln.
  Meine Einstellung dazu ist: Ich bin der Autor, ich schreibe den Text, ich treffe die Entscheidungen und übernehme die Verantwortung. Kunst ist keine Sache der Demokratie. Die Aufgabe von Testlesern sehe ich in erster Linie darin, mich auf Probleme und Mängel aufmerksam zu machen, die ich übersehen habe - und da übersieht jeder Autor vieles. Aber was ein Mangel ist und was nicht, entscheide ich allein.

Früher war ich da leichter zu verunsichern. Aber ich habe gelernt, dass so unterschiedliche Testlesermeinungen, wie du sie beschrieben hast, keine Ausnahme sind, sondern die Regel. Und dass selbst ein einhelliges Votum aller Testleser keine Sicherheit bietet, weil die Gruppe der Testleser nicht repräsentativ sein kann und jederzeit auch eine abwegige Meinung aus rein statistischen Gründen unter den Testlesern Einhelligkeit finden kann. Die Lehre habe ich spätestens aus meinem ersten veröffentlichten Roman gezogen. Denn da gab es einen Punkt, der sowohl von allen Testlesern wie auch von der Lektorin bemängelt wurde, den ich aber aus Zeitmangel nicht mehr ändern konnte. Aber genau dieser Punkt war dann derjenige, der von so ziemlich allen Leser explizit gelobt wurde, denen der Roman gefallen hat, und über den sich später nie wieder ein Leser oder Rezensent beschwert hat, egal was er sonst von dem Roman hielt.
  Ich denke, vielfach sucht man bei Testlesern gar nicht mehr Rat, sondern will einfach nur die Verantwortung abschieben. Das ist bei vielen Evaluationssystemen in der Wirtschaft auch nicht anders: Da weiß der Vorgesetzte oft selbst ganz genau, was richtig ist. Trotzdem gibt er formale Prüfverfahren in Auftrag, aber nur, damit er ein schriftliches Ergebnis vorweisen und später, wenn etwas schiefgeht, sagen kann: "Aber das war ja gar nicht meine Entscheidung! Ich musste mich ja auf die Angaben von XY verlassen." Man sollte also als Autor auch immer fragen, ob man eine gewisse Änderung wirlich vornimmt, weil man sie für das beste für den Text hält, oder weil man Angst vor Kritik hat, vor einer Fehlentscheidung, ob man also letztlich nur aus Bequemlichkeit nachgibt. Diesen Drang, Entscheidungen in scheinbare "Sachzwänge" umzuwandeln, halte ich ohnehin für fatal - und gerade in der Kunst kann nichts gutes dabei rauskommen; Konsens ist das Gegenteil von Spannung.
  Vor allem muss einem eines klar sein: Wenn man selbst kein brauchbares Gespür für den Text hat, werden einem auch hundert Testlesermeinungen nichts nutzen. Dann kommt man ohnehin beim Schreiben nicht weiter, denn kein noch so guter Testleser kann aus dem Werk eines Autors, der eigentlich nicht schreiben kann, einen vernünftigen Roman machen. Wer also einen Mangel selbst dann nicht erkennt, wenn ein Testleser ihn darauf aufmerksam macht, der sollte lieber das schreiben sein lassen, als mehr auf seine Testleser zu hören.
  Wenn aber ein Autor schreiben kann und prinzipiell weiß, was einen Text verbessert - dann sollte er sich auf dieses Gefühl auch verlassen und im Zweifel seinem eigenen Gespür die letzte Entscheidung überlassen. Denn am Ende ist man doch immer selbst verantwortlich für das, was man schreibt, und sollte dann auch selbst dahinterstehen können.

Wobei man natürlich genauso lernen muss, nicht jede Kritik pauschal abzublocken und krampfhaft Begründungen zu suchen, warum etwas doch gut ist, so wie es da steht. Das fällt vielen Autoren schwer, ist aber der erste Schritt, damit man überhaupt vernünftig mit Testlesermeinungen umgehen kann. Für mich am wirksamsten ist da als Gegenmittel gegen soziale Diskussionsdynamiken, zunächst mal die Meinungen nur anzuhören und gar nicht zu werten, dann ein paar Nächte darüber zu schlafen, und dann sind meistens die Emotionen raus. Und wenn man sich dann den Text noch mal vornimmt, mit den Testlesermeinungen im Hinterkopf, hört man auch wieder die innere Stimme, die einem sagt, was zu tun ist.

Ary

Moin,
interessantes Thema! :)

Zuerst mal zum Testleser/Betaleser überhaupt: ich suche mir meine Testleser sehr genau aus. Ja, da bin ich inzwischen ziemlich pingelig, auch aufgrund einiger nicht so toller Erfahrungen mit Betalesern. Der Testleser bzw. seine/ihre Vorlieben sollten zum Text passen und sie sollten meinen Schreibstil nicht von vorn herein fürchterlich finden. Einen Testleser, der mir jeden einzelnen Satz umformulieren will und an jedem Wort etwas zu meckern hat, kann ich nicht brauchen, denn ich halte meinen Stil inzwischen schon für recht ausgereift. :)
Der Testleser sollte nicht schon vom Genre allein grüne Pickel kriegen, auch wenn es teilweise sehr interessant sein kann, wie eine Fantasygeschichte bei einem nicht-Fantasy-Fan ankommt.

In der Testlesephase sammle ich erst einmal die Kommentare/Kritikpunkte der Testleser und wäge sie beim Überarbeiten gegeneinander ab. Für mein aktuelles Projekt läuft es so, dass ich ein kapitel schreibe, es an Beta 1 schicke, die überarbeitet es und schickt es an Beta 2, die ihrerseits Kommentare in den schon kommentierten text schreibt. Dann bekomme ich den ganzen Kram zurück, überarbeite selbst und schicke die Überarbeitung nch einmal rum. Meistens kommen dann noch einmal Kommentare, die ich wieder sammle, dann kommt die Endüberarbeitung und die Schlussbeta, für die ich mir dann Testleser suche, die as Buch noch nicht kennen und noch nicht so betriebsblind sind, wie mein Team und ich eventuell schon geworden sind.
Das Witzige an meinem Feuersänger-Beta-Duo ist, dass mir beide oft dieselben Sachen anstreichen. Und meistens haben sie auch noch Recht. Ich denke, wenn ich schon von zwei Leuten dieselbe Meinung zu einer bestimmten Textstelle bekomme, könnten auch noch weitere Leser diese Meinung teilen. Meist ändere ich in so einem Fall, oder ich halte noch einmal Rücksprache mit den beiden, wie etwas gemeint ist oder was konkret an einer bestimmten Textstelle stört. Wirklich konträre Meinungen hatte ich in diesem Team bisher noch nie. :)
Wenn ich merke, dass ein Betaleser mein Buch komplett neu schreiben will, beende ich die Zusammenarbeit meist sehr schnell, denn ich möchte, dass meine Geschichte trotz Überarbeitung immer meine bleibt.
Einfach mal machen. Könnte ja gut werden.

Linda

Hallo,

zu diesem Thema könnte ich jetzt sehr viel erzählen, lasse das aber. Nur soviel: Meine unveröffentlichten Texte bekommen aus gutem Grund nur sehr vertrauenswürdige Testleser aus meinem persönlichen Freundeskreis (was nicht heißt, das sie alles lobhudeln) und jetzt meine Agentin zu Gesicht.
Zu "Fremden" oder Leuten, die ich nur aus dem Internet bzw E-Mail-Listen kenne, habe ich in der Hinsicht kein Vertrauen mehr, so ungerecht das im Einzelfalle auch sein mag. Die disqualifizierenden Reaktionen eines seltsamen Paars vor vielen Jahren haben ausgereicht, mich von unerprobten Betalesern zu kurieren.
Die wollten z.B eine andere Hauptfigur etablieren usw. Eine davon mochte dann sowieso keine weiblichen Helden (und das schreibe ich nur wegen dem Thread zur Frauenfantasy) und den Kulturkreis mochte sie auch nicht. Na danke.
Eben weil ich Kritik sehr ernst nehme, muss ein gemeinsamer Grundkonsens vorhanden sein, um auf einer Ebene mit dem Testleser zu arbeiten. Alles andere ist meiner Erfahrung nach eher schädlich für den Text und die Beteiligten.

Gruß,

Linda

Ary

Zitat von: Linda am 20. März 2008, 12:27:12
Eben weil ich Kritik sehr ernst nehme, muss ein gemeinsamer Grundkonsens vorhanden sein, um auf einer Ebene mit dem Testleser zu arbeiten. Alles andere ist meiner Erfahrung nach eher schädlich für den Text und die Beteiligten.

Amen - mir geht's da ganz ähnlich. Auch im engen Freundeskrei finden sich Betaleser, die mit negativer Kritik nicht sparen. Aber wenn dieser gemeinsame Grundkonsens da ist, klappt es auch mit dem Betaleser.
Einfach mal machen. Könnte ja gut werden.

Coppelia

#5
Hey ihr,
vielen Dank für eure Meinungen so far!
Ich stimme euch allen im Großen und Ganzen zu ...

Die größte Kritikerin an meinen Texten bin ich wohl selbst, und ich wundere mich oft, wenn ich zu einigen Textstellen keine negative Kritik bekomme.
Ich denke, ich werde auch dazu übergehen, meine Texte nur noch bestimmten Leuten zu lesen zu geben - wenn sie denn weiterhin Lust dazu haben. :) Ich weiß zwar, dass die etwas seltsam kritisierende Leserin dann meinen wird, ich könne keine Kritik vertragen ("Ich will dir ja nur zeigen, warum dein Roman schlecht ist!" hat sie schon zu mir gesagt und es, da bin ich mir wirklich sicher, gut gemeint), aber sie kennt vielleicht das Problem selbst nicht so, weil sie nun mal so genial ist. Ich muss einfach ein bisschen auf mich und meine Stimmung aufpassen und darauf, dass ich nicht ein Projekt aus solchen Gründen aufgebe. Selbst wenn es schlecht ist und nie verlegt wird, was ich nicht hoffe, werde ich das dann schon sehen, auch ohne sie.
Ich nehme mir lieber die Kritik meiner etwas gemäßigteren Betaleser zu Herzen, auf die ich viel gebe, wie gesagt. Und es gibt ja kaum was Besseres, als wenn die Schwachstellen im Text wirklich aufgedeckt werden, weil man dann nämlich etwas dagegen machen kann. Aber diese absoluten Kritiken oder Lobeleien helfen mir nicht weiter.

Wo ich Lomax' Post lese, fällt mir etwas zu meinem veröffentlichten Roman ein:
Viele Betaleser hatten damals meinem Coautor und mir geraten, eine bestimmte Person anders darzustellen. Das wollten wir aber nicht, also blieb die Person so. Den meisten Lesern hat unsere Darstellung dann auch überhaupt nicht gefallen. Selbst gute Kritiken haben das immer wieder bemäkelt.
Aber ehrlich gesagt, mir gefällt die Person immer noch so, wie wir sie dargestellt haben! *g*
Das ist aber ein Spezialfall und lässt sich wahrscheinlich auf die meisten anderen Romane nicht übertragen.

Zuuk33

Hey Coppelia,
ich denke, das Problem Betaleser kann sowieso nicht hinreichend geklärt werden.
Leute aus dem privaten und persönlichem Umfeld sollte man meiden, heißt es, weil sie voreingenommen sind. Entweder sie reden nach deiner Schnauze und loben nur, um dir einen Gefallen zu tun, oder sie fühlen sich berufen, dir mal so richtig was vor den Bug zu knallen, sei es nun gerechtfertigt, oder nicht. Ich fühle mich nicht in der Lage, das herauzufinden, deshalb verzichte ich auf Betaleser im Freundeskreis schlechthin.
Fremde Leser neigen dazu, deine Storie auf ihren persönlichen Geschmack umzumünzen , wollen sie am liebsten ganz umschreiben.
Leute, die man auswählt, von denen man meint, sie seien neutral können einen auch überraschen, hab ich gerade erlebt! Man wird mit Kleinigkeiten behelligt, oder man stellt gar die gesamte Geschichte in Frage.
Anfänglich habe ich mich genau wie du verhalten, habe jeden kritisierten "Pups" umgeschrieben, um dann am Ende wieder da anzugelangen, wo es angefangen hat. Das tue ich nicht mehr. Ich bin mir meiner Storie sicher, und gehe nur noch auf Probleme ein, wenn es um Unverstandenes geht, oder Ungereimtheiten auftreten, die man als Schreiberling oftmals übersieht.
Halte dich also nicht ewig damit auf, es jedem recht machen zu wollen!

Gruß Tina :winke:

Zuuk33

Hallo Aryana,
diesbezüglich hätte ich mal ein paar Fragen?
Wenn du so wiederfährst, wie beschrieben, wie lange dauert es dann eigentlich bei dir, bis du eine Storie fertig hast?
Hast du das immer schon so gemacht, ich meine das mit dem Kapitelweise weitergeben?
Beeinflußt und stört dich dieser Aufwand eigentlich nicht, also, während der Erfindungsphase?

Außerdem interessiert mich, was du eigentlich schreibst, vielleicht kannst du mir ja sagen, unter welcher Kategorie im Forum ich nachschauen muß. Ich bin ja neu hier und mußte mich vorstellen, aber wie erfahre ich, was die Alteingesessenen so treiben?

Kann man von dir bereits etwas kaufen?

Nur interessenhalber.

Ich möchte nämlich schon gerne wissen, ob die Ratschläge eher professionell,  oder mehr spekulativer Form sind.
Gruß
Tina

Ary

Hi Tina,
die Frage ist berechtigt, aber leider off topic, da sie mit de eigentlichen Thema nur am Rande zu tun hat.
Trotzdem ganz kurz:
an dem konkreten Projekt sitze ich seit November 07, es fing als NaNoWriMo-Buch an, die Betaleserei startete fast parallel zum Schreiben des Buches und ich möchte alles im April fertig haben. Im Moment sieht es so aus, als würde das klappen.
Aber auch nur, weil meine Betaleser, udn damit zurück zum Thema, viel Zeit investieren, wofür ich ihnen sehr dankbar bin.
ich bin im Moment selbst Betaleser und kann leider gar nicht so viel Zeit investieren, wie ich gern möchte, weil mich mein eigenes Projekt einfach festhält.
Einfach mal machen. Könnte ja gut werden.

Shay

Bei mir ist das ganz kompliziert ;)
Zum einen schreiben wir schon mal zu zweit an der Geschichte, und jedes Kapitel geht so lange hin und her, bis sämtliche Meinungsverschiedenheiten bereinigt sind. Das kann schon mal ein paar Iterationen brauchen. In dieser Phase wird wahnsinnig viel kritisiert: Logikfehler, Stilfragen, Handlungsabläufe - einfach alles. Da meine Coautorin Rheinländerin ist und ich aus Schwaben, haben wir auch immer mal wieder die Diskussion "Ist das überhaupt hochdeutsch?".
Wenn wir dann mit einem Abschnitt zufrieden sind, geht er an unsere Alphaleserin (aus Sachsen ;) ). Ihre Kommentare werden dann auch alle ausgemerzt (und manchmal gezielt ignoriert) und erst wenn alles geklärt ist und ein ganzes Kapitel fertig, geht es an einige weitere Betaleser. Deren Kommentare werden gesammelt bis zur Endkorrektur (die jetzt demnächst ansteht) und wahrscheinlich wird es danach noch eine Runde mit "Gammalesern" geben.

Für mich haben Betaleser vor allem die Funktion, mir ein Gefühl zu geben, wie die Geschichte bei einer Person ankommt, die nicht mein Hintergrundwissen hat. Habe ich wirklich alle wichtigen Dinge erwähnt, oder habe ich etwas vergessen, weil es für mich selbstverständlich ist? Stimmt die Charakterisierung der Figuren? Sind ihre Motive nachvollziehbar? Solche Sachen eben. Daneben geht es auch um sprachliches. Ist irgendein Satz zu kompliziert? Haben sich irgendwo Längen eingeschlichen oder ist eine Szene zu hektisch?
Den Stil oder den prinzipiellen Aufbau einer Geschichte hat bis jetzt noch niemand kritisiert. Wie ich darauf reagieren würde, weiß ich nicht. Grundsätzlich gilt für mich aber auch, daß Betaleser Hinweise geben, aber die Entscheidung liegt bei mir und meiner Coautorin.

Kaeptn

Ich hab das seinerzeit bei meinem einzig fertiggewordenen Werk so gehandhabt, dass ich es drei Leuten gleichzeitig gegeben habe. Sie hatten gleich noch einen Fragebogen dazu, zu konkreten Punkten wo ich mir unsicher war.

Auf KEINEN Fall, würde ich mehrere Testleser einbeziehen, ehe ich fertig bin. Das verunsichert total, man kommt nicht weiter, macht Baustellen auf weiter vorn auf, die dann weiter hinten alles wieder über den Haufen werfen...
Mein aktuelles Werk gebe ich kapitelweise meiner frau, aber da geht es mehr um Logikmängel oder den klasscihen Autorenfehler, Dinge die einem selber klar sind, nicht ausreichend zu beschreiben.

Und was den Einfluss angeht: Aus meiner Zusammenarbeit mit einem Verlag damals hab ich gelernt, dass ich selbstbewusster mit meinerm Werk umgehen muss. Damals hab ich zu jedem Änderungswunsch ja und Amen gesagt und hatte nachher ein Werk, dass mir selbst nciht mehr gefiel.
Wenn mir also viele Testleser was zu einer Textstelle/einem Charakter sagen, denke ich natürlich darüber nach, aber Einzelmeinungen beeinflussen mich nur, wenn ich SELBER der Meinung bin, sprich wenn sie mehr eine Anregung ist, eine Idee auf die ich nicht gekommen bin.

Drachenfeder

Ich habe nicht viele Testleser. Eigentlich kaum welche. Aber die die ich habe beeinflussen mich schon ein ganzes Stück. Mein Freund z.B. in Sachen Rechtschreibung und Grammatik da habe ich schon einiges dazugelernt wenn er kontrolliert hat und es dann mit mir durchgesprochen hat. Vom Inhalt lässt er die Finger :) Das macht dann Testleserin Nr. 2. Sie redet mir nicht rein, weil sie meine Gesichten genaus so toll findet wie ich sie schreibe. Aber ab und an kommt dann mal: Da hätte noch das und das passieren können oder warum ist wieder kein bisschen Liebe drin. Ich hab es nicht so mit kleinen Liebesgeschichten. Aber ich habe es mir zu Herzen genommen und meine eine Geschichte etwas umgeschrieben (damit ein bisschen Herzklopfen mit dabei ist) und es macht mir risiegen Spaß und es passt prima hinein. Also manchmal höre ich gerne auf Ideen, aber ich muss auch davon überzeugt sein. Ausprobieren ist alles.

LG Drachenfeder**



Beate

Bisher hatte ich eigentlich keine Betaleser oder Paten, da ich in erster Linie für mich selbst geschrieben habe. Eine Kurzgeschichte wurde mal im Deutschunterricht gründlich zerpflückt, das war aber eine Interpretation und keine Betalesung. Aber es kamen doch einige Dinge ans Licht, die ich so nie da reingeschrieben hatte, die aber so von anderen herausgelesen wurden.

Bei meinem aktuellen Projekt habe ich einen Paten. Der ist selbst im Buchhandel beschäftigt und ein Freund von mir. Er redet mir nicht direkt in die Story rein, sagt mir aber, wo er was nicht versteht, wo nicht klar ist, aus welcher Perspektive gerade geschrieben wird und spart auch nicht an positiver wie negativer Kritik. Ich habe zwar bislang nur Prolog und 1. Kapitel fertig, aber auch hier hat er mir schon sehr weitergeholfen.

Romy

Der Thread ist zwar schon etwas älter, aber ich hab ihn grad wiederentdeckt, nachdem ich vor längerer Zeit mal was dazu schreiben wollte, aber da grad keine Zeit hatte und es dann vergessen hab  :innocent:

Vorweg muss ich sagen, dass ich allen meinen Betalesern sehr dankbar bin und auch gar nicht mehr wüsste, wie ich ohne sie zurechtkommen sollte  :)

Ich nehme mir eigentlich alles zu Herzen, was ich so an Tipps bekomme, erst Recht natürlich was das Inhaltliche angeht.
In Stilfragen nehme ich auch gerne Hilfe an, aber ich stelle mich in manchen Fällen auch schon mal stur, wenn ein Änderungsvorschlag so überhaupt nicht zu mir und meinem Text passen würde, oder der vorgeschlagene Satz nicht haargenau das ausdrückt, was ich sagen will.

Über Inhaltliches denke ich auf jeden Fall immer ausführlich nach und knirsche mit den Zähnen, wenn meine Betaleser genau die Stellen aufdecken, wegen denen ich schon vorher von mir aus gezweifelt habe.  :wache!: Aber gut, dann weiß ich wenigstens, dass ich da wirklich noch was tun sollte  :hmmm:

Über einem solchen Fall grüble ich aktuell auch. Es handelt sich um eine Textstelle, wo ich eine Sache, die eigentlich nebenbei passiert ist, nur grob erwähne. Es ist eigentlich eine absolute Nebenhandlung, die sich m.E. nicht lohnt, breiter beschrieben zu werden ... aber nun haben mir zwei Betaleser gesagt, dass ich diese Begebenheit doch mal näher beschreiben sollte, weil sonst was fehlt. Meine Protagonistin sollte zumindest in einem Dialog davon erfahren etc. Ich bin mir aber trotzdem nicht sicher, ob ich das machen soll, weil ich es - wie gesagt - ziemlich überflüssig finde und es für meine Protagonistin zwar etwas erschreckendes ist, aber trotzdem in dem Moment nicht soooo wichtig, weil sie eigentlich was ganz anderes im Kopf hat.
Aber andererseits kam mir der Gedanke ja auch schon BEVOR die erste Betaleserin was gesagt hat ...
Also ich denke, ich warte jetzt mal ab, was der nächste Betaleser sagt (bzw. ob ihm die Stelle ebenfalls ins Auge springt) und entscheide dann, was ich tue.
Eventuell versuche ich auch schon mal, so einen Dialog zu schreiben und überlege dann, ob ich ihn wirklich brauche ...  :gähn:

Aber wirklich schwierig wird es ja, wenn zwei Betaleser mir ganz unterschiedliche Sachen sagen. Wie zum Beispiel meinte einmal Einer, das eine Kapitel wäre mir ja besonders gut gelungen - und die nächste Betaleserin meinte, dieses Kapitel wäre zu schwach, wo es doch Schlüsselfunktion hat, da sollte ich aber noch was tun  :wums:
Tja, was tut man in solch einem Fall?
Da die Zwei recht unterschiedlich sind, könnte man abwägen, wer von beiden besser in die Zielgruppe passt. ABER auf ihre Art passen sie trotzdem beide gut rein.

In einem solchen Fall entscheide ich mich dann entweder für eine von beiden 'Seiten', oder ich suche mir was ganz anderes raus.  ;)
Denn obwohl ich meine Testleser und ihre Meinung natürlich schätze, muss ich ja nicht 1:1 alles umsetzen, dafür hab ich ja meinen eigenen Kopf und meistens habe ich eine ziemlich genaue Vorstellung, worauf ich hinaus will ...
Wenn ich selbst für jemandem betalese erwarte ich schließlich auch nicht, dass alle meine Vorschläge haargenau umgesetzt werden. Das wäre ja auch schlimm, wenn es so wäre.  :o

Ciao Romy  :winke:

JulyRose

Ich habe inzwischen vier Testleser, die ich bei Bedarf nutze.

Bei Bedarf heißt: wenn ich bei einem Projekt in einer schwierigen Phase bin, bitte ich eins, zwei, drei oder vier Leute hinzu, die den Text lesen und mir sagen, was nicht stimmt an der Sache. Sie sind Gold wert.

Sie sind auch Gold wert bei kleinen sprachlichen Ungenauigkeiten und Ähnlichem. Kleine Recherchegeschichten, an die ich in meinem Wahn nicht gedacht habe.

Ich bin aber nicht auf sie angewiesen. Ich kann auch - und das ist mir wichtig - allein ohne sie arbeiten. Ich weiß, was es bedeutet, Testleser zu sein, da ich selbst die Werke einiger Kollegen testlese, und ich weiß, wie viel Zeit es kostet. Bei dem Projekt, das ab nächster Woche schreiben werde, habe ich ohne Testleser einen Verlag gefunden, weil ich mir meiner Sache sehr sicher war. Testleser können helfen, aber das Schreiben und Denken können sie uns noch nicht abnehmen. Die Anmerkungen werden von mir ebenso kritisch hinterfragt wie mein eigener Text ;-)

Liebe Grüße
Juliane