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Autor Thema: Wie weit darf ein Protagonist gehen?  (Gelesen 8820 mal)

Offline Arcor

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Re: Wie weit darf ein Protagonist gehen?
« Antwort #30 am: 13. Januar 2013, 16:45:27 »
Ich fand es zum Beispiel im letzten Harry-Potter-Band schockierend, wie Harry und seine Freunde (oder, was das betrifft, die "guten" Zauberer als Gesamtheit) mit ihrer Umwelt umgehen. Egal ob Harry jemanden, der unhöflich zu McGonagall war, mit Crucificatus straft, oder ob Hermione das Gedächtnis ihrer Eltern mit Zauberei löscht - scheinbar genügt es Rowland, wenn die "Helden" halbwegs ehrbare Absichten haben, und das rechtfertigt dann alles. Dass ihre Reaktionen zum Teil völlig überzogen oder unmoralisch sind, spielt da keine Rolle. Im Gegenteil, McGonagall, die es als "gute" Autoritätsperson besser wissen sollte, bezeichnet Harrys Blutrünstigkeit noch als "sehr gallant"!
Das hat mich auch in den "Deathly Hallows" gestört. Harry benutzt einen Zauberspruch, der all die Bücher zuvor als klar böse und verboten dargestellt wird und es wird in dem Buch nicht einmal thematisiert. Harry denkt glaube ich an keinem Punkt darüber nach, was er da gerade tut, und auch sonst sagt niemand etwas dazu. Das fand ich furchtbar da neben. Wobei das jetzt eher was mit Weltzusammenhang zu tun hat.
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Debbie

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Re: Wie weit darf ein Protagonist gehen?
« Antwort #31 am: 13. Januar 2013, 17:03:06 »
@Valaé: Ich hab dich nicht direkt angegriffen und auch nicht beschuldigt - aber wenn du dich angesprochen fühlst, wirst du schon wissen warum. Nach der ausführlichen Darlegung deiner Einstellung zu dem Thema, und der Äußerung, dass die Täter als literarische Figuren eben interessanter seien als die Opfer, bedarf es diesbezüglich auch keiner privaten Diskussion mehr! Schade, dass bei dir - wie bei so vielen anderen - das Interesse an den Gefühlen des Täters stärker zu sein scheint, als an denen des Opfers. Da ist es auch vergeudete Lebenszeit, länger darüber zu diskutieren. Wenn du mit dieser Einstellung jeden Morgen guten Gewissens in den Spiegel sehen kannst, dann ist das doch alles was zählt, oder?  ;)  Ich hoffe für dich, dass du niemals indirekt von dem Thema betroffen sein wirst!

@Kati: Mehr Aufmerksamkeit brauchen nur die Opfer - ganz sicher nicht die Täter, bzw. die potentiellen Täter. Die brauchen was anderes ...

Und ganz allgemein: Wie bereits erwähnt, ist in dem Fall die Grenze für mich erreicht, was das Thema "Wie weit darf ein Protagonist gehen?" angeht. Und an dem Tag, an dem ein Buch mit einem Protagonisten mit pädophilen Neigungen gesellschaftliche Anerkennung kriegt oder sogar zu einem Hype wird, werde ich sämtliche Exemplare des Buches in unserer Stadt aufkaufen und sie auf dem Marktplatz öffentlich verbrennen! Das ist mir dann jede Verfolgung der Strafbehörden wert  :snicker:

Dealein

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Re: Wie weit darf ein Protagonist gehen?
« Antwort #32 am: 13. Januar 2013, 17:11:10 »
Ich glaube es kommt darauf an wie das ganze Thema dargestellt wird. Ich lese sehr viel und kann auch sehr viel verkraften. Bisher habe ich nur 1 Buch zur Buchhandlung zurück gebracht, weil ich es einfach nicht weiterlesen konnte, obwohl nur Fantasien dargestellt wurden und keine tatsächlichen Handlungen. Es handelt sich hierbei um "Dein Wille geschehe" von Robotham. Da gingen mir die Beschreibungen des Täters einfach zu weit und ich konnte nicht weiterlesen. Aber vielleicht bin ich auch etwas sensibel?

Was Gewalt angeht, so habe ich bisher noch keine Grenze erreicht. Aber ich habe auch noch keine richtig schlimmen Bücher gelesen. Ich bin aber des Öfteren von mir selbst überrascht, wenn ich "Das Lied von Eis und Feuer" lese. Da gibt es so viele Personen, die schlimme Dinge getan haben und weiterhin tun und die ich trotzdem sehr gerne mag.

Offline Kati

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Re: Wie weit darf ein Protagonist gehen?
« Antwort #33 am: 13. Januar 2013, 17:21:53 »
Debbie: Ach, was brauchen die denn?  ;) Ich denke, wir können wirklich aufhören zu diskutieren, wir haben einfach verschiedene Meinungen zu dem Thema. Und ich finde deine bedenklicher, als die von Valaé, um ganz ehrlich zu sein. Und nochmal am Rande: Valaé gleich zu unterstellen, sie hätte mehr Interesse an den Gefühlen der Täter als an den Opfern finde ich grenzwertig. Das hat sie nicht gesagt und sicherlich auch nicht gemeint.

Valaé: Genau darauf will ich auch achten, bei meinen nächsten Plots. Ich habe es an mir selbst bemerkt, dass "Held tötet Antagonist" immer ein Muster war, dass auch in meinen Geschichten auftauchte und es hat mich auch erschreckt. Ich war immer zimperlich dabei, wenn es ums Töten ging und ich glaube, ich werde es für mich nicht weiter nutzen. Auch, wenn große Schlachten mit vielen Toten vieleicht "episch" sind, habe ich einfach kein gutes Gefühl dabei, meinen Protagonisten morden zu lassen, was das Zeug hält - und dann am besten noch ganz gewissenlos. Kritisch wird es, wenn das beim Bösewicht angekreidet wird und der Held dasselbe tut und gefeiert wird. Was soll das?
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Thaliope

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Re: Wie weit darf ein Protagonist gehen?
« Antwort #34 am: 13. Januar 2013, 17:29:53 »
 :wache!:

Ich möchte euch bitten, in dieser Diskussion möglichst sachlich zu bleiben und auf Beleidigungen und Unterstellungen zu verzichten.
Ich weiß, das ist ein sehr heikles Thema, und da kochen auf allen Seiten leicht die Emotionen hoch. Also geht gerade hier vorsichtig und respektvoll miteinander um.
Lieben Dank
Thali

Offline Valaé

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Re: Wie weit darf ein Protagonist gehen?
« Antwort #35 am: 13. Januar 2013, 17:44:13 »
Direkt hast du mich nicht angegriffen,  Debbie, nein, aber indirekt durchaus, wie alle Autoren, die derartige Charaktere in ihren Büchern haben - deswegen fühle ich mich angesprochen, weil ich wichtig finde, dass man Autoren nicht direkt verurteilt, nur weil sie sich diesem Thema von beiden Seiten mit der gebotenen Feinfühligkeit nähern wollen. Im Übrigen finde ich es merkwürdig, dass du von vorneherein annimmst, dass ich nicht möglicherweise schon indirekte Erfahrungen mit diesem Thema gemacht habe, als könne jemand mit meinen Ansichten das nicht - ob diese Annahme deinerseits stimmt oder nicht spielt hier keine Rolle, ich wollte es nur aufzeigen, da ich mit Sicherheit mehr Erfahrung mit diesem Thema habe, als du annimmst.
Auch die von dir zitierte Aussage war von mir noch konkretisiert und wird von dir erneut nur mit der drastischsten Seite aufgefasst: Der Täter ist in sofern "interessanter" als das man an seinem Innenleben Möglichkeiten ausarbeiten kann, solche Tragödien zu vermeiden, an dem vom Opfer nicht. Zudem zeige ich meiner Meinung nach höchsten Respekt vor dem Opfer, da ich ganz klar deklariere, das ich nicht finde, dass man das Leid des Opfers auch nur ansatzweise literarisch darstellen kann und daher sind viele Versuche in diese Richtung verharmlosender als manch eine Täterdarstellung und zeigen meiner Meinung nach weniger Respekt dem Opfer gegenüber als eine Betrachtung, die sich auch um den Täter kümmert.
Und ja, mit der Einstellung, das mich interessiert, woher solche Neigungen kommen und wie man sie vielleicht verhindern kann, kann ich sehr gut in den Spiegel blicken.
Es wäre mir nur lieb, wenn du Autoren nicht gleich verurteilen würdest, nur weil sie eine andere Herangehensweise haben - solange sie nicht verherrlichend ist, sehe ich da keinen Grund, harsch zu werden, zumal wir immer klar gemacht haben, das es eben nicht verherrlichend werden darf.
Ansonsten denke ich aber auch, dass wir die Diskussion hier lassen können - ich finde nur schade, dass sie nicht vollkommen sachlich abgehen konnte, aber bei so einem heiklen Thema ist das sicher kein Wunder und ich bin es auch gewohnt, das gleich von meinem Interesse an der Ambivalenz auf meine Einstellung bezüglich solcher Straftaten geschlossen wird - dabei gehöre ich zu den Menschen, die solche Taten unter die absolut Unverzeihlichen buchen und stehe dem alles Andere als freundlich gegenüber, bin letztlich genauso geschockt über jede Vergewaltigungsmeldung im Fernsehen wie du - und nein, ich renne dann nicht hin und will für den Täter eine Erklärung suchen, die alles entschuldigt - eine Erklärung interessiert mich, aber sie entschuldigt nicht, wenn er es bereits getan hat.

Im Übrigen, und das ist auch der Grund, warum ich das hier noch beantworte, gibt es bereits Bücher und Serien, in denen diese Themata ausführlich behandelt werden und die ganz normal im Fernsehen laufen oder im Bücherregal stehen, sie werden auch nicht verurteilt und nicht verbrannt - Diskussionen gibt es, die sind auch sehr interessant. Erst vor kurzem habe ich eine CSI Folge gesehen, in der ein Pädophiler vorkam, der hat aber auch nichts getan, nur gegen seine Neigung gekämpft - so viel ich weiß war er kurz einer Tat verdächtig und hat sie aber nicht begangen, es war nicht in aller Ausführlichkeit dargelegt, aber angeschnitten und der Mann wirkte auch von der Darstellung nicht unsympathisch, eher sehr gequält. Er hat nichts getan und war am Ende auch unschuldig. Das war eine dieser Darstellungen. Bei Bedarf kann ich dir, Arcor, wenn du willst noch mehr Beispiele jetzt allgemein für grenzwertige Personen und Handlungen in Buch und Fernsehen heraussuchen, wenn du daran Interesse hast - da gibts auch einiges in der klassischen Literatur, sehr interessant. Meld dich einfach.

Kati: Dann werde ich in der Plotschmiede in diese Richtung besonders viele Augen auf deine Plots werfen und du auf meine, einverstanden?  ;D Da bei mir derzeit wieder Lust auf ein gewisses High Fantasy Projekt hochkocht wäre das die ideale Möglichkeit  :vibes:. So und jetzt verschwinde ich aus dem meine-Projekte-OT.
Unmögliches wird Stück für Stück erledigt, Wunder können mich mal!

Debbie

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Re: Wie weit darf ein Protagonist gehen?
« Antwort #36 am: 13. Januar 2013, 18:14:11 »
Nur kurz zur Klärung:


@Kati:
Valaé gleich zu unterstellen, sie hätte mehr Interesse an den Gefühlen der Täter als an den Opfern finde ich grenzwertig. Das hat sie nicht gesagt und sicherlich auch nicht gemeint.

und ich muss zugeben, dass ich diesen Bereich um ein Vielfaches spannender und ambivalenter finde als das bloße Opfer, dessen Erlebnis keine Frage traumatisierend und sicher an Grausamkeit schwer zu überbieten ist, das aber außerhalb der Bewältigung dieses Erlebnisses kaum literarisches Entwicklungspotential bietet und auch nur wenig die Frage nach dem Warum stellt.


Und dann noch:

... und ich bin es auch gewohnt, das gleich von meinem Interesse an der Ambivalenz auf meine Einstellung bezüglich solcher Straftaten geschlossen wird - dabei gehöre ich zu den Menschen, die solche Taten unter die absolut Unverzeihlichen buchen und stehe dem alles Andere als freundlich gegenüber, bin letztlich genauso geschockt über jede Vergewaltigungsmeldung im Fernsehen wie du - und nein, ich renne dann nicht hin und will für den Täter eine Erklärung suchen, die alles entschuldigt - eine Erklärung interessiert mich, aber sie entschuldigt nicht, wenn er es bereits getan hat.

Da könnte man dann ja mal über die Gewichtung in deiner Argumentation nachdenken - denn offensichtlich bin ich ja nicht die Einzige die das "falsch verstanden" hat  ;)

Und meiner Ansicht nach, war ich durchaus sachlich - wenn ich unsachlich und direkt werde, hört es sich anders an.  :engel:

Offline Kati

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Re: Wie weit darf ein Protagonist gehen?
« Antwort #37 am: 13. Januar 2013, 18:26:39 »
Ich möchte mich da jetzt eigentlich raushalten, weil wir auf keinen gemeinsamen Nenner kommen werden, aber ich verstehe Valaé ganz deutlich so, dass sie als Autorin diese Figuren interessanter findet, als die Opfer. Aber in der Realität nicht die Gefühle der Opfer minder wichtig findet als die der Täter. Das sind zwei Paar Schuhe und das hier empfinde ich schon als Angriff:

Zitat
Schade, dass bei dir - wie bei so vielen anderen - das Interesse an den Gefühlen des Täters stärker zu sein scheint, als an denen des Opfers.


Ich weiß nicht, ob es bloß die Wortwahl ist, aber das liest sich stark danach, als würdest du ihr - und mir und anderen, wenn ich den Einschub betrachte - unterstellen, wir würden das Leiden der Opfer herunterspielen, bloß, weil wir uns auch für die Motive und Gedanken der "Täter" interessieren. Täter in Anführungszeichen, weil wir mehrmals betont haben, dass es uns um Menschen geht, die längst nicht zum Täter geworden sind. Dass das keinesfalls so ist, sollte deutlich geworden sein. Ich sehe nicht, was falsch oder respektlos daran ist, sich für die Abgründe des menschlichen Geistes zu interessieren und sie in Romanen zu beleuchten. Ich finde deine Einstellung, Menschen für Gedanken zu verurteilen sehr schade, aber das ist deine Meinung und die steht dir zu. Aber bitte rede andere auch nicht für ihre Meinung klein.
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Offline Valaé

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Re: Wie weit darf ein Protagonist gehen?
« Antwort #38 am: 13. Januar 2013, 18:35:18 »
Wenn du etwas zitierst und von Aussagen auf Schlüsse ziehst, dann bitte das ganze Argument, du hast den wichtigsten Teil nämlich weggelassen:

Zitat
und auch nur wenig die Frage nach dem Warum stellt. Ein Roman, der dieses Thema behandelt und den Täter ausschließlich als Monster darstellt, fände ich nun wiederum problematisch auch gerade im Bezug auf das Opfer, weil es postuliert, es gibt grausame Menschen und die sind einfach so und da kann man nichts gegen tun und wenn die sich nicht unter Kontrolle haben dann pasisert so eine Tragödie - anstatt kritisch darauf einzugehen, welche Umstände einen Täter erst zu so etwas machen können und inwieweit vielleicht auch jeder Mensch und die Gesellschaft, die solche Täter hervorbringt, mit zur Verantwortung zu ziehen ist

Das hier ist die Erklärung, warum das Innenleben des Täters unter Umständen als literarisch und kritisch wertvoller zu betrachten ist, als das Opfer. Am Schicksal des Opfers kann ich keine Gründe festmachen, nur eine große, grausame Tragödie, die ich nicht ändern kann. Das als Conclusio eines Buches, finde ich nun wieder sehr grenzwertig.
Dazu kommt dass du von der Aussage "literarisch wertvoller" im Sinne von, man kann daran mehr zeigen und wertvollere Erkenntnisse für die Gesellschaft ziehen, darauf geschlossen hast, mich würden die Gefühle des Täters mehr berühren, mehr erschüttern, ja wichtiger sein als die des Opfers. Das habe ich nicht gesagt. Es war ausschließlich eine Aussage über den Gehalt der Gefühle im Sinne auf ihre Deutungsmöglichkeit im Bezug auf Fehler der Gesellschaft und die Frage nach dem Warum. Welche Gefühle hier wichtiger sind im Sinne von welche mich als Menschen mehr rühren, mehr erschüttern und mir mehr MItleid, mehr Bestürzung entreißen das war hier gar nicht die Frage. Ich habe nie ausgesagt, dass der Täter in mir mehr Gefühle weckt als das Opfer. Oder das ich den Täter per se interessanter finde, als das Opfer.
Ich empfinde es nur auch mehr als meine Aufgabe, Lösungsmöglichkeiten und Begründungen innerhalb der Ursachen und Gesellschaft zu liefern, als einfach nur zu bestürzen und Mitleid zu erwecken - denn nur Mitleid hilft leider nicht - weder dem Opfer noch dem Täter.

Und ja, du bist natürlich nicht die Einzige, die es missverstanden hat - das hatte ich ja am Anfang schon postuliert, dass viele allein beim Hören des Problems und der Grundaussage an sich einfach schon so abgeschreckt und voller Abscheu sind, dass sie gar nicht mehr richtig auf meine Argumentation eingehen (indem sie beispielsweise die Hälfte meines Arguments weglassen und nur das lesen/hören, was ihre Theorie unterstreicht) - aber bisher konnte ich die allermeisten nach eindeutiger Schilderung und Richtigstellung davon überzeugen, dass man meiner Betrachtung zumindest eine Chance geben sollte - da bist du also wirklich die Ausnahme. Aber die gibt es natürlich und da habe ich auch kein Problem damit - solange du kein Problem damit hast, dass es die andere Seite eben auch gibt.
Zumal ich da auch sagen muss: Nun, anscheinend habe ja auch nicht nur ich deinen Ton hier und da für unsachlich empfunden und das du, wenn du deinem eigenen Empfinden nach unsachlich wirst, anders klingst, macht es für mich ganz ehrlich auch nicht besser. Aber es ist in Ordnung, ich habe deine Meinung von mir zu schlucken und auch wenn es mir ziemlich gegen den Strich geht, wie du mich nach einigen Aussagen wohl siehst, obwohl ich ganz eindeutig anders argumenntiert habe, ist das nichts was ich ändern kann - ich habe getan was ich konnte um mit aller Relativierung zu zeigen, wie ambivalent und kritisch ich mich diesem Thema nähere, wenn das nicht ausreicht, dann bleibe ich in den Augen von dir eben eine Befürworterin von Sexualstraftätern - kann ich nicht ändern. Das ich das nicht bin, habe ich vielleicht in meinen Begründungen anderen nahe bringen können - deutlich zeigt die Diskussion immerhin genau das angesprochene Problem - es ist heikel und es kann übel nach hinten losgehen und manchmal nützt auch die intensivste und vorsichtigste Schilderung nicht, wenn jemand das Thema von vorneherein rigoros ablehnt, dann geht jeder Versuch, etwas zu erklären, nach hinten los und alles genau so interpretiert, wie man es eigentlich vermeiden wollte und durch Relativierung eigentlich auch versucht hat.

Edit: Mit dem Argument wie meine Aussagen gemeint waren war diesmal Kati schneller ... und ja, damit hat sie auch recht, so war es ausgesagt.  :)
Unmögliches wird Stück für Stück erledigt, Wunder können mich mal!

Churke

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Re: Wie weit darf ein Protagonist gehen?
« Antwort #39 am: 13. Januar 2013, 19:24:09 »
Meinst du den Film "Public Enemies"?
An den hatte ich jetzt gar nicht gedacht. John Dillinger taucht seit 1945 in mindestens 18 Filmen auf:

http://www.imdb.com/character/ch0034541/?ref_=fn_al_ch_1

Für einen Staatsfeind Nr. 1 ist das ziemlich gute Presse.  :)


Zitat von: Kati
Ich denke, der Leser akzeptiert gern Dinge, die als "gut" gekennzeichnet werden. Wenn der Held nun ein ganz dunkler Typ ist, und tausende von Menschen metzelt, dies aber im Namen des Guten geschieht, akzeptieren wir es - merkwürdigerweise - sehr schnell. Tut er aber genau dasselbe im Namen des Bösen sind wir empört und hassen ihn - es sei denn, es wird als nachvollziehbar und "aus guten Gründen" dargestellt.

Das ist bei mir nun gerade nicht so. Ich achte sehr genau darauf, was jemand tut. Und wen ich absolut nicht leiden kann, das sind die "ich-hatte-keine-Wahl"-Typen. Man sagt nicht zuletzt, dass der Krieg aus den Menschen das Beste und des Schlechteste heraus holt.

Es ist, denke ich, die Situation, die eventuell auch undenkbare Dinge rechtfertigen kann. Wenn schon Tausende gestorben sind (auch Frauen, Kinder und Hundewelpen), dann bin ich als Verantwortlicher schon zu sehr abgestumpft, um mich schuldig zu fühlen und deswegen aufzuhören. Das Problem ist, dies dem Leser zu vermitteln.

Man braucht keine Schuldgefühle, um zu wissen, was richtig und was falsch ist. Aber man braucht Anstand und Charakter, um das auch durchzusetzen.
"Company K" von William March (gibt's auch als Film) ist die amerikanische Antwort auf "Im Westen nichts Neues". Eine der eindringlichsten Episoden (die alle auf wahre Begebenheiten zurück gehen) handelt von der Erschießung deutscher Kriegsgefangener. Der Captain sagt dem Sergeant, er soll sich ein paar Männer nehmen und das erledigen. Der Sergeant weiß, dass das eine Riesensauerei ist. Aber er führt den Befehl aus, ohne auch nur zu versuchen, den Captain davon abzubringen.

Zitat
Und, ehrlich: Eine Frau zu verletzen oder /und umzubringen? Vergewaltigungen? Glaubt hier jemand, dass irgendeine Armee der Welt, egal ob "gut" oder "böse" (was ohnehin vom Sieger definiert wird) davor jemals zurück geschreckt ist?
Ist dir schon mal aufgefallen, dass 007 keine bösen Bond-Girls tötet? Die haben immer irgendwelche Unfälle. Das ist zwar lächerlich, aber James Bond muss sauber bleiben.  ;D
Und Männer, die in Russland gegen Frauen gekämpft haben, haben gesagt, dass sie das fertig gemacht hat. Ist heute vielleicht anders, aber in einer patriarchalischen Gesellschaft bringt "man" keine Frauen um. Oder man ist ein Schuft. Solche Dinge können zum heißen Eisen werden, weil die Werte des Protagonisten settingsbedingt möglicherweise andere sind als die des Lesers.

An dieser Stelle sei mir auch noch eine Bemerkung zum Thema Kinderschänder & Co erlaubt: Bei den alten Römern war das völlig normal, das Sklaven, auch minderjährige und Kinder, den Herren sexuell zur Verfügung standen. Der Knabe ist de iure eine Sache und wenn er mir keinen blasen will, dann verkaufe ich ihn an ein Bordell. Das war sozialadäquates Verhalten angesehener Bürger. Und damit sind wir bei der Frage: Wie steht der Leser zu einem Verbrechen, das im Setting des Romans legal und akzeptiert ist?

Zitat
Folter?
Wenn ich dadurch den Untergang meiner eigenen Armee oder /und den Tod vieler Unschuldiger verhindern kann? Die Moral der Entscheidung kann sehr stark durch die Umstände beeinflusst werden.
Andererseits entscheidet der Autor, dass ein Protagonist jetzt mal eben folten will/muss/kann. Denn er gestaltet die Situation mit der Absicht, dem Helden die Folterwerkzeuge in die Hand zu geben. Dramaturgisch sinnvoll ist das nur, wenn der Autor zeigen will, dass der Held kein Pardon kennt. Der Autor könnte es ja auch so einrichten, dass der Schurke vom Helden überlistet wird... wenn du verstehst, was ich meine...





Offline Ratzefatz

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Re: Wie weit darf ein Protagonist gehen?
« Antwort #40 am: 13. Januar 2013, 19:40:51 »
Zitat
Zitat von: Ratzefatz am Heute um 12:06:58

    Meinst du den Film "Public Enemies"?

An den hatte ich jetzt gar nicht gedacht. John Dillinger taucht seit 1945 in mindestens 18 Filmen auf:

http://www.imdb.com/character/ch0034541/?ref_=fn_al_ch_1

Für einen Staatsfeind Nr. 1 ist das ziemlich gute Presse.  :)

Hm, ich muss gestehen, dass ich keinen der anderen 17 gesehen habe, aber ich frage mich, wie er in denen präsentiert wird. "Public Enemies" würde ich aus den vorhin schon dargelegten Gründen nicht als gute Presse werten. Für zB Dracula finde ich bei der IMDB-Charakterabfrage ganze 300 Hits, und der ist nun ein eindeutiger Bösewicht. Relativ bekannt ist John Dillinger sicher, aber ob er als "Held" gilt?

LG
Ratzefatz
„Dein Name ist Venko“, raunte Zoya in sein Ohr. „Venko, Venko, Venko.“ Sie gab ihm für jedes „Venko“ einen Kuss und ermahnte ihren Mann: „Vergiss deinen Namen nicht!“
„Wie könnte ich ihn vergessen, meine Zoya“, raunte er zurück, „wenn ihn vergessen auch dich vergessen hieße?“

Barbara Schinko, Ein Mantel so rot, 2017

Offline AlpakaAlex

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Re: Wie weit darf ein Protagonist gehen?
« Antwort #41 am: 03. September 2021, 15:58:29 »
Grundlose Grausamkeit, Kinder, Behinderte, Leute an denen eine ganze Familie hängt.
Ich fühle mich ein wenig schlecht, einen so alten Beitrag zu zitieren, aber ich konnte es mir gerade beim durchlesen des Threads nicht verkneifen. Denn da ist eben ein Punkt, über den in meinen Augen nicht oft genug reflektiert wird: Viele der einfachen Bösewichts-Handlanger werden eine Familie haben. In diversen Fällen (gerade wenn man ein sehr patriarchales Fantasy-Setting hat) mag es sogar so sein, dass diese Familie finanziell komplett von diesem einfachen Handlanger und dem Geld, den er eben als Handlanger verdient, abhängig ist. Nur weil dies natürlich nie in der Handlung erörtert wird, selbst wenn es aus dem Weltenbau gesehen nur Sinn ergibt, kräht halt nie ein Hahn danach, wenn diese Handlanger einfach umgelegt werden. Ich mein, das habe ich mir auch schon damals bei Herr der Ringe gedacht: Irgendwo müssen die Orkfrauen und Orkkinder sein, die auf ihre Orkväter warten, die im Krieg für Sauron kämpfen ...  :hmmm:

Es ist vielleicht auch gerade deswegen, dass ich in vielen Geschichten alles in allem relativ wenig schwere Gewalt gegen Handlanger habe. Weil mir dabei eben unwohl ist, da ich halt davon ausgehe, dass die meisten Handlanger Familien haben. Allerdings lässt es sich halt in einigen Geschichten auch nicht vermeiden. Beispiel ist halt die ganze Story rund um Mosaik herum. Das ganze hat halt viel mit Gangs und Mafia zu tun und diese lassen nur bedingt gut mit sich reden. Die Protagonistin tötet zwar nicht gerne - weil sie nicht einsieht unnötige Tode für die Ziele ihrer Auftraggeber*innen (meistens Kapitalinteressen) - zu verursachen, aber wenn jemand auf sie schießt, schießt sie halt zurück. Weil ihr eigenes Überleben liegt ihr dann halt doch mehr am Herz - und ein anderes Leben als das mit Gewalt, das sie lebt, kann sie sich nicht vorstellen. Es gibt auch in der Geschichte ab und an Szenen, wo sie dann doch sehr brutal mordet, was halt immer jeweils aus Rache motiviert ist.

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