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Ist das noch Fantasy … oder schon Horror?

Begonnen von Skalde, 14. Juni 2022, 09:09:40

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Araluen

ZitatMir fallen aber spontan jede Menge Horrorgeschichten ein, wo gerade die Protas eine äußerst starke Charakterentwicklung hinter sich haben, bei der es nicht nur um das Über-sich-Herauswachsen geht. Beispielsweise Filme wie Carrie, wo es ums Erwachsenwerden geht,
Ich würde ja eher sagen, dass es in Carrie um die Folgen von Mobbing, religiöse Verblendung und die Stigmatisierung von Weiblichkeit geht, am Rande gerne auch um die Probleme der Pubertät (vor allem der körperlichen Veränderungen). Ich komm nur nicht darauf, bei welchem Charakter du große Entwicklung siehst. Das mein ich jetzt gar nicht provokativ. Es interessiert mich, da ich Carrie noch für eines der besseren Bücher von King halte. Carrie ist zu Beginn der Geschichte eine unterdrückte und gedemütigte Person und ist es zum Ende immernoch - nur ihre Kräfte haben sich gesteigert und führen zur Katastrophe. Also man kann es natürlich als Entwicklung sehen, wenn eine Figur in sich die Stärke für Rache gegen die Peiniger findet. Es muss sich ja nicht immer zum besseren wenden. Allerdings steht Carrie damit am Ende auch nicht irgendwie als Sieger da, sondern vernichtet sich selbst.. Und da sehe ich einfach keine Entwicklung. Im Grunde ist Carrie am Ende das gleiche verletzte Mädchen wie am Anfang, auch wenn sie zwischendrin etwas mehr Slebstbewusstsein gefunden hat. Im Grunde sagt die Geschichte nur eins: Schau wohin Mobbing und religiöse Verblendung führen - zur die Vernichtung aller Beteiligten.
Also ja, die Geschichte hat Botschaft und ein Thema und Carrie ist durchaus eine Figur mit klarem Profil. Nur eine Entwicklung sehe ich nicht. Wenn ich versuchen würde eines der zahlreichen Werkzeuge zur Charaktererschaffung auf Carrie anzuwenden, würde ich scheitern.

Skalde

#16
So unterschiedlich können die Wahrnehmungen und Gewichtungen einer Geschichte doch ausfallen :D

Für mich dreht es sich in dem Film (und auch im Buch) sehr viel um Carries Erwachsenwerden und ihre damit erwachende Sexualität - was in der Tat durch die irre durchgeknallte religiöse fanatische Mutter extrem unterdrückt wird, da sie ihre eigene Tochter als Frucht des Bösen ansieht (schließlich ist sie das Ergebnis einer Vergewaltigung). So hält die Mutter beispielsweise ja ihre erste Menstruationsblutung ausdrücklich als schlimmen Beweis ihrer erwachenden Sexualität, ebenso wie ihre Brüste etc.

Im Folgenden geht es dann darum (in meinen Augen), wie sich Carrie zunehmend ihrer Umwelt gegenüber, die versucht sie zu unterdrücken und zu mobben, entgegenstellt und Selbstbewusstsein entwickelt. Sie legt ihre Schüchternheit ab (und entwickelt dazu parallel ihre telekinetischen Fähigkeiten) und wagt es zu rebellieren, indem sie sich hübsch macht (inklusive sich ein Kleid zu nähen, Frisur zu machen, etc.). Die Erfüllung ihrer Rebellion und Akzeptanz ihrer Sexualität liegt darin, dass sie sich mit ihrem Schwarm für den Ball verabredet und mit ihm dahingeht.

Insofern vollendet sie ihre Entwicklung und behauptet sich.

Was dann folgt, ist in der Tat, dass die fiese Mitschülerin und ihre Freundinnen das nicht akzeptieren wollen und die berühmte Eimer-Blut-Geschichte. Genauso wenig wie ihre Mutter, die sie aufs Übelste beschimpft. D.h. ihre Umwelt akzeptiert ihre Weiterentwicklung nicht und wird dafür letztlich mit dem Tode bestraft.

Ich würde Dir also sofort rechtgeben, dass das Ende für Carrie selbst definitiv kein Happy End ist, natürlich nicht, schließlich stirbt sie ja. Aber in meinen Augen geht sie definitiv ihre Entwicklung zu Ende - und die telekinetischen Kräfte sind letztlich wohl eher als Symbol ihrer eigenen erwachten Kraft zu verstehen.

Aber wahrscheinlich sieht das ein jeder anders - was ja zum Teil das Spannende an Geschichten ist  ;D

Araluen

Ja, da driften einfach Wahrnehmungen auseinander. So dargelegt kann ich deiner Argumentation folgen, hätte Carrie aber nie so wahrgenommen.

Mefisto

Also ich würde unheimlich gern was zu Horror schreiben und Dir Tipps geben aber – das ist so gar nicht meines. Mit Arbeits-Stress und Nachrichten habe ich genug was meine Nerven in den Wahnsinn treibt, da mag ich lieber Friede, Freude, Eierkuchen, wenn es um Geschichten geht, vor allem ein Happy End. Zudem wurde hier ja schon sehr viel geschrieben, also ergänze ich nur meine Meinung. Ob Horror, Fantasy, Fantasy-Horror, etc. liegt nach meinen Empfinden daran wie stark es dein Buch prägt. Sind es einzelne Szenen, zieht es sich durch jedes Kapitel durch, etc.  – und last not least. Jeder wird das wohl anders empfinden ... wo der eine schon knapp vor dem Herzinfarkt steht, ist der andere noch am Gähnen – also eine ,,allgemeingültige" Abgrenzung finde ich schwer zu finden, aber ich denke durchaus, dass man einen ,,Stil" entwickeln kann als Autor – so wie Lovevcraft – der dann eben ein Begriff ist.

Ergänzend sei noch erwähnt: Ich finde Fantasy eine unheimlich verstärkende Kraft für ,,emotionale Spitzen", allerdings liegt aus meiner Sicht der Schlüssel in der Art des Schreibens, d.h. versteckte Andeutungen, die Gefühle/Sinne des Lesers in eine Richtung lenken, die Gänsehaut verursacht, weil man mitfiebert. Aber das wiederum ist vollkommen unabhängig ob Fantasy, Urban Fantasy, Dark-Fantasy, etc.

P.S.: Outen tust du dich mit Horro aus meiner Sicht nicht – darf ja jeder seine Vorlieben haben ... solange du nicht Life und in Farbe versuchst mit der Kettensäge auf Erfahrungssammlung zu gehen  ;D