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Begonnen von Malou, 26. Mai 2022, 08:52:51

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Malou

Hi @Madrisa , danke für deine Anmerkungen :) Wäre es möglich, ein paar Quellen hier reinzuposten, die auf das, was du eben beschreibst, eingehen und anhand derer man nachvollziehen kann, warum 'Schamanismus' in Europa eine Erfindung von den genannten Wissenschaftlern sein soll? Das interessiert mich, und ich würde es gerne nachlesen können :)

Als Leserin von Fantasy bin ich mir immer bewusst, keine historischen Romane zu lesen und erfreue mich gewöhnlich an der kreativen Ader der Schaffenden und daran, von den Restriktionen und Verstrickungen dieser Welt loszukommen und ähnliche oder sogar bereits vorbelastete Konzepte neu erleben zu können. Das ist einer der Gründe, warum ich persönlich so gerne Fantasy lese. Ich werde aber über den Begriff nachdenken. Bisher ist mir leider noch nichts über den Weg gelaufen oder in den Sinn gekommen, an dem ich Gefallen finden konnte. Naja, bis ich fertig bin, dauert es eh noch, da kann ich mir noch eine Weile weiter den Kopf darüber zerbrechen, wie ich es machen will :)

»Ich werde dich nicht töten, Ossian von Cumhaill. Nein, ich werde zusehen, wie du lebst.«.


Madrisa

@Malou: Du musst uns dann unbedingt berichten, wie Du es gelöst hast. Das würde mich riesig interessieren! Ich finde es selbst auch toll, dass man in der Fantasy eben frei ist, neue (und alte) Welten zu entwerfen.

Jetzt aber zu den Quellen: Wenn man da ein bisschen buddelt, wird es wirklich spannend! Und es basiert auf einem grösseren Zusammenhang, weshalb ich hier etwas aushole. Bitte entschuldige! Es wird sicher lang.  ;D

Ende des 19. Jahrhunderts begann die wissenschaftliche Suche nach dem, was «Religion» ausmacht. Einer der zentralen Vertreter war Friedrich Max Müller. Er forderte, der Sprachwissenschaft folgend, einen vergleichenden Blick auf verschiedene Religionen mit dem Ziel, das Ursprünglich-Gemeinsame herauszukristallisieren. (F.M. Müller, Essays. Erster Band, Beiträge zur vergleichenden Religionswissenschaft, Leipzig 1869, S. VIII). Das Ziel des Vergleichs von Religionen war also (vermeintliche) Urelemente zu finden. Dieses Vorgehen wurde dann in der sogenannten «Religionsphänomenologie» im 20. Jahrhundert ausgeführt. Forschende verglichen Religionen transkulturell und transhistorisch und suchten nach dem Gemeinsamen. Dieses wurde zum Beispiel im «Numinosen» gefunden (Rudolf Otto) oder im Gebet (Friedrich Heiler). Auch Konzepte wie «Animismus» (Begriff von Edward B. Tylor aus: Primitive Culture, 1871) oder eben «Schamanismus» wurden populär, weil man darin Urformen von Religion sah. Die Idee eines transkulturellen Schamanismus, wie er heute in der Esoterik vertreten wird, wurde massgeblich von Mircea Eliade entworfen und verbreitet in Büchern wie «Schamanismus und archaische Ekstasetechnik» (von 1951). Eliades Biographie zeigt, dass er mit dem Faschismus sympathisierte (siehe den Beitrag zu ihm von Ulrich Berner in: Axel Michaels (Hg.), Klassiker der Religionswissenschaft, München 1997). Ich würde Eliades Werke und Konzepte schon deshalb nicht unkritisch übernehmen.

In den 1970er und 1980er Jahren folgte dann eine starke Kritik an solchen transkulturellen und transhistorischen Vergleichen wie sie mit dem Begriff «Schamanismus» gemacht werden. Beispielsweise fragt der US-amerikanische Religionswissenschaftler Jonathan Z. Smith 1982, ob ein solcher Vergleich nicht eigentlich magisch und nicht wissenschaftlich sei, weil er beliebige und nicht nachvollziehbare Kausalitäten herstellt (in: Smith, Imagining Religion. From Babylon to Jonestown, Chicago 1982, S. 22). Das Problem an solchen grossen vergleichenden Begriffen wie «Schamanismus» ist, dass sie erstens eurozentrisch sind und sehr verschiedene religiöse Praktiken unterschiedlicher Kulturen und Zeiten aus einer Aussensicht unter ein Konzept subsumieren. Damit entheben sie zweitens religiöse Praktiken aus ihren kulturellen und historischen Kontexten und behaupten Gemeinsamkeiten, wo keine sind, bzw. negieren Unterschiede. Und drittens wird automatisch davon ausgegangen, dass «indigene» Kulturen gleich oder ähnlich seien wie prähistorische Kulturen. Und das ist natürlich extrem problematisch, weil diese Kulturen damit als resistent gegen Wandel bezeichnet wurden und gegen irgendetwas, was dann als «Buchreligion» oder sowas bezeichnet wird, gestellt wird.

Unterdessen finden sich neuere Studien, die Schamanismus reflektieren und auch überlegen, wie und wo man diesen Begriff trotzdem sinnvoll verwenden kann. Diese Studien zeigen auch auf, dass die Prozesse rund um «Schamanismus» komplex und dynamisch sind, dass sich «indigene» Kulturen zum Beispiel an «westliche» Erwartungen anpassen, dass der Tourismus neue Religionsformen entstehen lässt und so weiter. Die neueren Studien untersuchen aber Schamanismus in einer Kultur oder vielleicht im Vergleich von zwei konkreten kulturellen Settings. Eine kulturübergreifende Idee von «Schamanismus», der von Europa über Amerika bis hin zu Asien zu finden sei, kenne ich persönlich heute nur noch aus esoterischen Schriften (aber ich kenne natürlich nicht alles).

Ich finde z.B. folgende beiden Schriften, die explizit auf Schamanismus Bezug nehmen, aber ihn auch kritisch reflektieren und v.a. die Dynamiken betonen, spannend:

Heiko Grünwedel, Schamanismus zwischen Sibirien und Deutschland. Kulturelle Austauschprozesse in globalen religiösen Diskursfeldern, Bielefeld: transcript 2013 – er geht der Komplexität von Schamanismus an zwei Orten anhand eines diskurstheoretischen Ansatzes nach. Sehr spannend zu lesen.

Robert J. Wallis/ Max Carocci (Hg.), Art, Shamanism and Animism, Special Issue des Journals Religions 2022 – in diesem Special Issues wird anhand von Case Studies aufgezeigt, wie komplex und unterschiedlich die Phänomene sind, die unter Schamanismus oder Animismus rezipiert wurde.

Wie gesagt, das ist nur meine Meinung, die aus meiner (kulturwissenschaftlichen) Perspektive stammt. Ich persönlich würde in einem Fantasy-Buch den Begriff Schamanismus wohl nicht verwenden, sondern beschreiben, was der*die religiöse Spezialist*in macht. Aber eben: Das ist dann nochmals eine ganz andere Debatte. Es handelt sich ja wirklich um etwas Fiktives. Und jetzt höre ich auch auf, sonst wird es noch ausufernder. ;)

Yamuri

#17
Man muss auch immer bedenken: "die Kelten"gab es nicht. Es handelte sich um unterschiedliche Volksgruppen. Ich halte auch den Begriff eurozentrisch für problematisch. Er suggeriert man dürfe alle europäischen Kulturen in einen Topf werfen und mit dem Label westlich versehen. Wer aber die einzelnen europäischen Staaten bereist und sich intensiv mit den lokalen Bräuchen und Traditionen befasst, wird erkennen, dass es kein einheitliches Europa gibt. Wir sind auch in Europa heterogen und unterschiedlich. Nur weil jemand helle Haut hat, ist er vom Weltbild, dem Verhalten, der Meinungsbildung noch nicht einfach gleichzusetzen mit seinem Nachbarn. Da können sich große Unterschiede auftun, wenn man genau hinsieht.

Und umso größer ein Land ist, desto heterogener ist seine innere Struktur und zwar unabhängig davon ob man zufällig dieselbe Hautfarbe teilt oder nicht. So lassen sich z.B. Bayern nicht mit Preußen in einen Topf werfen und das wird in Bayern auch nicht gern gesehen.

Aber aus dem Grund, dass es eben auch in in den entwurzelten Staaten Europas keine Staatenbildung gab bevor die Römer ihre Eroberungen durchführten und die Völker keine Schriftsprache, sondern eine orale Tradition hatten, ist es heute schwierig Aussagen zu treffen über Kultur und Religion unserer Vorfahren. Leider muss ich zustimmen, dass die meisten Bücher über den sogenannten europäischen Schamanismus meines Wissens nur populärwissenschaftliche, eher fragwürdige Quellen sind, von denen man lieber die Finger lässt.

Das Buch ist zwar schon etwas veraltet und nicht mehr auf dem neuesten Stand, galt aber in der Keltologie als Standardwerk, das alle Student:innen besitzen sollten: Die Kelten von Helmut Birkhan. Sehr kompackt, sehr gut aufbereitet, aber kostet 100 Euro. (mir fällt ein @Malou, ich wollte dir daraus noch was einscannen über wissenschaftliche Thesen und Erkenntnisse hinsichtlich der Glaubenssysteme kontinental- und inselkeltischer Volksgruppen. Ich hoffe ich komme nächstes Wochenende mal dazu.

Madrisa

@Yamuri: Ich stimme dir in Sachen Wichtigkeit eines zeit- und regionsspezifischen Blicks völlig zu. Es ist zu kurz gedacht, von "den" Römer*innen oder, wie du prägnant aufzeigst, "den" Kelt*innen als irgendwie einer homogenen Kulturgruppe zu sprechen. Dasselbe gilt auch für Religionen wie "das" Christentum oder eben, wie wir ja übereinstimmen, "den" Schamanismus. Auch sie sind nicht homogen.

Allerdings würde ich den Begriff "eurozentisch" hier etwas verteidigen. "Eurozentrismus" ist ja genau ein Kritikbegriff. Ich würde ihn dafür verwenden, eine problematische Homogenisierung und Glattstreichung von etwas Europäischem zu bezeichnen, die dazu verwendet wird, Othering-Prozesse in Gang zu setzen, also vermeintlich "Eigenes" von vermeintlich "Anderem" zu unterscheiden und das "Eigene" dabei als die Norm zu setzen. Habe ich dich richtig verstanden, dass du sagst, in der Kritik dieser problematischen Prozesse, die du treffend beschreibst, liegt selbst wieder eine Homogenisierung? (Darüber muss ich mal noch etwas nachdenken, weil das ein interessanter Gedanke ist). Und falls ja: Woran würdest du das festmachen? Weil wir selbst in Europa wohnen und deshalb immer blind sind, unsere eigenen Normen hinter Konzepten zu fassen? Und welcher Begriff wäre besser geeignet, diese Othering-Prozesse zu bezeichnen?

(Sorry fürs komplizierte Formulieren, irgendwie geht es nicht einfacher - aber ich finde es echt eine spannende Diskussion).
 

Yamuri

Ich bin mir grade unsicher, ob wir damit nicht vom eigentlich Thema sehr weit wegkommen ;) Wir sollten das vielleicht in Privatnachrichten verschieben, weil es, denke ich, zu weit vom Thema "Schamanismus" wegführt und ich auch grade das Bedürfnis habe etwas mit dir zu teilen, aber das persönlicher ist und ich es nicht öffentlich posten mag. :) Ich schreibe dir die Tage eine PN :)

Madrisa

Zitat von: Yamuri am 17. Oktober 2022, 20:45:44Ich bin mir grade unsicher, ob wir damit nicht vom eigentlich Thema sehr weit wegkommen ;) Wir sollten das vielleicht in Privatnachrichten verschieben, weil es, denke ich, zu weit vom Thema "Schamanismus" wegführt und ich auch grade das Bedürfnis habe etwas mit dir zu teilen, aber das persönlicher ist und ich es nicht öffentlich posten mag. :) Ich schreibe dir die Tage eine PN :)

Stimmt, wir kommen vom Thema ab. ;) Ja, sehr gerne! Danke!

Sparks

Hallo Malou und Madrisa.

Zitat von: Madrisa am 14. Oktober 2022, 15:53:41"Schamanismus" ist ein meines Erachtens heikles Konzept, das Ähnlichkeiten konstruiert, wo es keine gibt. Das, was heute gängigerweise unter "Schamanismus" gezählt wird, ist eine Erfindung von europäischen Wissenschaftlern (oft männlich), die einen religionsvergleichenden Blick auf verschiedene Kulturen anwenden wollten.

Nun, diese Argumente ähneln den Argumenten, die gegen die "vergleichende Religionswissenschaft" (Religionssystematik: https://de.wikipedia.org/wiki/Religionssystematik ) angebracht werden. Diese Kritikpunkte sind aber eher Ausdruck einer Rivalität der Religionen untereinander. Wenn man einen Vergleich macht, bedeutet das ja, dass es konkurierende Systeme gibt, und das man bei einer möglichen Wertung, die ein Vergleich ja auch implizieren könnte, den kürzeren ziehen könnte.

Theologen, die an bestimmte Religionen gebunden sind, stehen der vergleichender Religionswissenschaft meistens skeptisch gegenüber, obwohl sie ihn selber natürlich ständig betreiben. Beispiel: https://de.wikipedia.org/wiki/Antitrinitarier
(Randbemerkung: Bestimmte Strömungen des Islam ordnen die christlichen Kirchen mit einer Vorstellung von einer Trinität als polytheistisch ein)

Wesentlich stichhaltiger ist nach meiner Ansicht das Argument, dass diese Systematik, nach der Schamanismus eingeordnet wird, aus der westlichen Sicht kommt und historisch männlich geprägt ist.

Zitat von: Madrisa am 14. Oktober 2022, 15:53:41Ein solcher Vergleich schert (zu) viel unter einen Kamm; die verschiedenen religiösen Ausprägungen werden nicht mehr betont. Hinzu kommen die mit diesem Begriff verbundenen Wertungen, die mal exotisierend, mal diffamierend waren (je nach Blick und je nachdem, was man betonen wollte), aber auf jeden Fall problematische Othering-Prozesse anstiessen.

Irgendwo muss man ja halt Anfangen mit dem Systematisieren, und wenn man damit Anfängt, kann man nur die aktuelle Quellenlage berücksichtigen, und die ist nun mal westlich und männlich. Das muss aber ja nicht so bleiben, wenn sich auch mehr Leute aus anderen Bereichen an der Erforschung beteiligen werden.

Das mit dem "Othering" wird aber immer eine Nummer bleiben, wenn sich jemand fremdes mit einer für in fremden Religion auseinandersetzt. Der umgekehrt Fall wäre, wenn man nur Angehörigen einer Religion zugestehen würde, über diese zu sprechen. Das liefe auf exessive Nabelschau hinaus. Einige Sekten handhaben das aber tatsächlich so.

Die Annahme das religiöse Systeme "konkurieren" müssen, ist vermutlich auch schon westlich und männlich.

Du könntest Dich natürlich auch auf den Standpunkt stellen, das jede Systematisierung von Religionen schon des Bösen ist. So bootest Du dann Atheisten wie mich aus, weil ohne den Versuch eines Vergleichs und einer Systematisierung bin ich überhaupt nicht in der Lage, über Religionen zu denken, geschweige zu sprechen.

Zitat von: Madrisa am 14. Oktober 2022, 15:53:41Seither wurde der Terminus in den New Age und die Esoterik übertragen und dort als Eigenbegriff verwendet. Was dort aber unter "Schamanismus" verstanden wird, ist eine Neuerfindung (nicht, dass das schlecht ist, aber es hat eben nicht sehr viel mit historischen Kulturen zu tun).

Das Problem ist eher, dass in New Age und Esoterik meistens versucht wird, dieses Neuerfindung als "überliefert" darzustellen.
Vermutlich ist das aber eigentlich für den "religiösen" Part nicht nötig, weil die Psychologie dahinter funktioniert auch ohne Verankerung in der Geschichte. Aber die Esoteriker, die damit Geld machen wollen, wollen auf einen gefakten historischen Hintergrund halt nicht verzichten.

Zitat von: Madrisa am 14. Oktober 2022, 15:53:41Für einen Fantasy-Roman kann eine solche neue Religionsform natürlich perfekt passen und sicher viele Lesende ansprechen, aber vielleicht könnte ein anderer Begriff dafür gefunden werden, der nicht ganz so "vorbelastet" ist? Oder zumindest wäre es hilfreich, wie Malinche sagt, genau zu überlegen, welche Quellen man verwendet und diese auch kritisch zu hinterfragen. ;)

Ein neuer Begriff ist eine gute Idee.

Zitat von: Malou am 02. Oktober 2022, 09:50:07Darin werden damalige Gegebenheiten, Geschichten und Mythen analysiert, die durchaus darauf hinweisen, dass es irgendeine Form von Schamanismus in Europa gegeben haben 'müsste'.

Irgendwas hat es bestimmt gegeben, denn die damaligen Menschen werden nicht areligiös gewesen sein. Ob das, was aber z.B. im Neolithikum passierte, noch "Schamanismus" oder schon eine andere Organisationsform von Religion ist, lässt sich nicht abschätzen. Viel deutet darauf hin, das es im Umfeld (und vieleicht schon vorher) der neolithischen Revolution andere kulturelle Umbrüche gegeben hat, was dann erst sekundär die neolitische Revolution auslöste. (Lesetipp: https://de.wikipedia.org/wiki/G%C3%B6bekli_Tepe und ja, es ist wieder eine westliche und männliche Interpretation)

Zitat von: Malou am 02. Oktober 2022, 09:50:07So werden dort auch Figuren wie "Frau Holle" und selbst Festlichkeiten wie etwa Weihnachten (Weihnachtsbaum könnte ein Äquivalent zum Weltenbaum sein) angeführt. Die Frage ist natürlich, wie viel von den aktuellen Überlieferungen Spekulation ist, wie viel der Realität entspricht

"Frau Holle" spricht auf einer surrealistischen Ebene die Menschen an. Daher spricht viel dafür, das sie authentisch im Sinne von passend ist. Sie ist mag nur an eine moderne ("modern" als die Grimms das ganze aufzeichneten) Umwelt angepasste alte Göttin sein, oder aber eine Neuerfindung. Das ist egal, sie wirkt in dem Sinne, in dem sie ein nicht einfach hinterfragbares Vorbild für soziales Handeln darstellt, und das vermute ich, hätte ein originale Frau Holle in der Jungsteinzeit, bei den Kelten und Germanen und in der Spätantike genauso vollbracht, falls sie schon existierte.

Beim Weihnachtsbaum ist es aber anders. Der ist mit einiger Sicherheit eine neuere Erfindung. Falls er auf älteren Vorbildern beruhen sollte, hat sich aber seine Aussage vermutlich stark gändert und an einem romantischen Bedarf orientiert, der vorher nicht bestand.

Zitat von: Malou am 02. Oktober 2022, 09:50:07und wie viel möglicherweise aus anderen Kulturen übernommen wurde, auch damals bereits. Die Übernahme kultureller Elemente hat meines Wissens nach historisch wiederholt stattgefunden - vor allem, wenn die Kulturen / Völker sich gegenseitig denn eher wohlgesonnen waren.

Ich denke, das keine Kultur so einfach blind und taub durch die Welt stolpern kann, ohne nicht Anregungen von anderswo aufzunehemn. Das ist natürlich die Kehrseite der kulturellen Aneignung: Man kann sich nichts kulturell aneignen, ohne zuzulassen, das seine eigene Kultur von einer anderen verändert wird.

Diese Ambivalenz sehen wir ja aktuell in der Diskussion über die China Politik sehr direkt. Wer beeinflusst hier wen und wie?
Und geht uns das in dem konkreten Fall auf den Senkel, macht uns Angst oder ist eine willkommene Bereicherung?

Zitat von: Malou am 02. Oktober 2022, 09:50:07Zu diesem Kommentar möchte ich jedoch hinzufügen, dass ich in dieser Hinsicht weit weg von einem Experten-Status bin. Ich mag einfach die Vorstellung, dass Kulturen sich damals wahrlich gegenseitig bereichert haben könnten.

Ich bin auch kein Experte in Religion. Ich bin eigentlich Elektroniker und Atheist.

Zitat von: Malou am 02. Oktober 2022, 09:50:07Alles in allem ergibt es meiner Ansicht nach durchaus Sinn, dass es damals Schamanismus in Europa gegeben hat. Allein aufgrund der Gegebenheit, wie weit der Schamanismus weltweit verbreitet ist. Irgendwie vermag ich es mir nur schlecht vorzustellen, dass nahezu ganz Europa sich einem derartigen Phänomen "entziehen" konnte.

Das germanische Pantheon hat zu viele Ähnlichkeiten mit dem griechisch-römischen Pantheon, alsdas ich es per se als "Schamanistisch" bezeichnen möchte. Allerdings gibt es auch hier in Deutschland in 2022 mit der fast erdrückenden Vorherschaft der "Buchreligionen" mit ihren Verästelungen in unzähligen Sekten immer noch Leute, die Tarokarten legen und aus der Hand lesen. Insofern sind wir auch nicht sooo weit vom Schamanismus entfernt.
(Lesetipp: https://de.wikipedia.org/wiki/Synkretismus_(Religionswissenschaft) )

Zitat von: Malou am 02. Oktober 2022, 09:50:07
Sorry but you are not allowed to view spoiler contents.


Es ist ok, was Du gerade machst, und wie Du es machst. Glaub mir, diese Unsicherheit kenne ich genauso....

Zitat von: Malou am 02. Oktober 2022, 09:50:07Deine Unterscheidung zwischen den Dingen, die eher als kulturelle Aneignung wahrgenommen werden könnten, empfinde ich als sehr sinnig. Ich wage zu bezweifeln, dass ich wirklich all diese Stolpersteine überwinden kann, aber ich werde natürlich weiterhin versuchen, es in meine Überlegungen einzubeziehen

Mmmmh. Noch eine Möglichkeit wäre, den "Urheber" dieser Kulturtechnik zu nennen, was aber in dem Setting nicht einfach ist.
Es geht ja bei der Diskussion um kulturellen Aneignung nicht darum, dass man nicht von fremden Kulturen lernen soll, sondern das man deren Errungenschaften nutzt, und ihnen keine Anerkennung dafür zukommen lässt.


Zitat von: Malou am 02. Oktober 2022, 09:50:07:) Die Gedanken darum sind einer der Gründe, weswegen mein Roman beispielsweise in Europa, bisher im Norden, spielen wird und andere Settings schon per se ausgeschlossen sind, zumindest, was das "Hauptsetting" angeht. Es wird zusätzlich auch noch eine eigene Geisterwelt geben.

Im "Norden" gibt es nach dem Wikipedia Artikel ( https://de.wikipedia.org/wiki/R%C3%B6ntgenstil )wohl sogar Beispiele für einen "Röntgenstil". Aber relativ weit in der Vergangenheit.

Zitat von: Malou am 02. Oktober 2022, 09:50:07Du wärst ein spannender Betaleser. Werfe ich mal als Kompliment rein :) Keine Sorge, ich bin noch Monate entfernt von der Phase, in der ich Betaleser bräuchte

Danke für das Kompliment. Dir ist aber schon klar, dass ich Vollatheist bin? Meine Mutter ist in der Grundschule mal vom Religionslehrer um eine Unterredung gebeten worden, weil ich als das Gleichnis "vom guten hirten" durchgenommen wurde angemerkt hatte, das man sich im allgemeinen Schafe hält, weil man auf Wolle und Fleisch aus ist.

Zumindest bin ich für eine Anfrage als Betaleser offen. Wie das in der konkreten Situation aussieht, hängt dann an der aktuellen Lebenssituation, in der ich mich dann befinde.

Egal was Du schreibst, rechne damit, das irgendwer vorbeikommt und Fiktion für bare Münze nimmt. Entweder absichtlich um seine eigenen Fake News zu stützen oder unabsichtlich, weil er Probleme damit hat, Realität und Phantasie auseinander zu halten. Schreibe im vorwort/Nachwort/Klappentext explizit davon, das es Fiktion ist. Ansonsten: Gegen Böswilligkeit oder Spinner kannst Du kaum etwas machen. Das einzige ist, Du kannst Versuchen nicht zuzulassen, dass sie über Dein Verhalten und damit über Dein Leben bestimmen. Das heisst zu einem guten Teil: Ignoriere sie!


Noch ein Lesetipp: http://www.ritualdynamik.de/

Madrisa

Hallo Sparks

Vielen lieben Dank für die spannende Diskussion!

Zitat von: Sparks am 09. November 2022, 19:57:13Hallo Malou und Madrisa.

Nun, diese Argumente ähneln den Argumenten, die gegen die "vergleichende Religionswissenschaft" (Religionssystematik: https://de.wikipedia.org/wiki/Religionssystematik ) angebracht werden. Diese Kritikpunkte sind aber eher Ausdruck einer Rivalität der Religionen untereinander. Wenn man einen Vergleich macht, bedeutet das ja, dass es konkurierende Systeme gibt, und das man bei einer möglichen Wertung, die ein Vergleich ja auch implizieren könnte, den kürzeren ziehen könnte.

Ja, genau: Ich behaupte nicht, dass die "vergleichende Religionssystematik" per se schlecht sei. Es kommt halt auf die Frage an, die man an "Religion" stellt. Und ich halte auch nicht den Vergleich an sich für problematisch, denn der Begriff "Religion" ist in sich schon ein Vergleichsbegriff.
Was ich allerdings etwas schwieriger finde, ist ein transhistorischer und überregionaler Vergleich, der unreflektiert bleibt (man sollte doch zumindest die Grenzen eines solchen Vergleichs nennen). Ich will es an einem konstruierten Beispiel illustrieren. Das Beispiel ist jetzt von mir erfunden und dient nur dazu zu zeigen, was ich für hinterfragbar halte:
"Schamanismus" ist ein Begriff, der von Ethnolog*innen für die Religionsform sibirischer Kulturen im (vermutlich - müsste ich nachprüfen) 19. Jahrhundert verwendet wurde. Derselbe Terminus wurde dann angewandt für walisische Religion in prähistorischer Zeit und für nordamerikanische Kulturen im 15. Jahrhundert, etc. Das Problem dabei ist, dass völlig verschiedene Kulturen zu unterschiedlichen Zeiten als "schamanistisch" bezeichnet wurden. Dabei wurde ihnen dieselben oder zumindest ähnliche Rituale und Gefühle und Weltbilder unterstellt, was aufgrund der jeweils sehr anderen Quellenlage nicht ganz so einfach ist, wie es scheint. Es geht, bei dem, was ich meine, also weniger um eine Rivalität zwischen Religionen als um eine Glattstreichung von unterschiedlichen Zeiten und Regionen durch Forschende.
Hinzu kommt, dass zusätzlich Evolutionstheorien auf Religion angewandt wurden (zum Beispiel vom schottischen Ethnologen James George Frazer in seinem Buch "The Golden Bough") und "Schamanismus" als eine vermeintlich frühe oder "urtümliche" Religionsform betrachtet wurde. Dies ist diffamierend für die Kulturen, aus denen der Begriff stammt, und da muss man meines Erachtens (aber eben, es ist meine Meinung) als Fantasyautor*in etwas aufpassen, dass man nicht in dieselbe Falle tritt und "Schamanismus" mit etwas gleichsetzt, das als prähistorisch und/oder "urtümlich" und/oder nicht ausdifferenziert gilt. Die meisten religiösen Systeme sind sehr komplex und keineswegs "banal" oder "natürlich".

Zitat von: Sparks am 09. November 2022, 19:57:13Irgendwo muss man ja halt Anfangen mit dem Systematisieren, und wenn man damit Anfängt, kann man nur die aktuelle Quellenlage berücksichtigen, und die ist nun mal westlich und männlich. Das muss aber ja nicht so bleiben, wenn sich auch mehr Leute aus anderen Bereichen an der Erforschung beteiligen werden.

Ich denke, ich weiss, was Du meinst. Aber ob nur "westliche" und "männliche" Positionen einbezogen werden, haben wir ja selbst im Griff; es gab und gibt andere Perspektiven, man müsste sie nur betonen. Man findet zum Beispiel zahlreiche Frauen, die über Religion nachgedacht und geforscht haben, man denke etwa an die mittelalterliche Schriftstellerin Christine de Pizan, an reisende Frauen des 18. und 19. Jahrhunderts wie Alexandra David-Neél oder an berühmte Religionsforscherinnen wie Jane Harrison, die 1903 ein bahnbrechendes Werk publiziert hat, das einen damals innovativen Blick auf Religion wirft ("Prolegomena to the Study of Greek Religion"). Die Literatur wäre also da, man müsste sie nur rezipieren. ;D