• Willkommen im Forum „Tintenzirkel - das Fantasyautor:innenforum“.
 

Singleshaming – Lebensglück durch Partnerschaft?

Begonnen von Brillenkatze, 27. März 2022, 09:47:48

« vorheriges - nächstes »

0 Mitglieder und 1 Gast betrachten dieses Thema.

Brillenkatze

Hallo zusammen,

ich werfe das hier jetzt mal so in die Runde:
Seit einiger Zeit beschäftige ich mich aus Interesse mit dem Thema Lebenszufriedenheit. In der Bücherei meines Vertrauens lachte mich dazu u.a. das Buch "Weiblich, ledig, glücklich – sucht nicht" von Gunda Windmüller an.  :buch:
Hier ihre Thesen kurz und knapp schriftlich zusammen gefasst vom Deutschlandfunk Nova, auch mit Hör-Interview:
Frauenrolle-weiblich-single-und-glücklich-dabei

Die Autorin weist in ihrem Buch darin darauf hin, dass es einen enormen gesellschaftlichen Druck vor allem (aber nicht nur) auf Frauen gibt, einen Partner zu finden. Darauf, dass der Glaubenssatz besteht, eine Frau ohne Partner könne kein zufriedener Mensch sein. Dieser Druck werde durch die Medien, Filme und Romane unterstützt.
Dem Klischee nach muss die alte Dame, die nie einen Partner hatte, eben eine verbitterte alte Jungfrau sein? Oder wer kennt nicht das Bild der Frau, die sich mit ihren zehn Katzen darüber hinwegtröstet, dass sie nie die große Liebe gefunden hat? Es ist ein Stigma.
Männer hätten mit dem Singledasein zwar auch Probleme, aber es gibt viel mehr Beispiele für glückliche Junggesellen.

Die LGBTQ-Gemeinschaft hat sich mittlerweile zum Glück mehr durchgesetzt auf dem Buchmarkt. Was ist mit den Asexuellen und den Aromantischen?

Hier noch ein Artikel aus Amerika von der Psychotherapeutin Allison Abrams zum Singleshaming (auf Englisch):
Psychologytoday: Defying Single-shaming

Wie ich diesem Artikel entnehme, scheint das Thema Glück ohne Partner gerade bei amerikanischen Milennials mehr und mehr in den Fokus zu rücken. Stattdessen konzentrieren diese sich auf ihre Karriere, enge Freundschaften und Hobbys.

Auch in meinem deutschen Milennial-Bekanntenkreis gibt es einige junge Frauen, die noch/wieder Single sind. Die zwischen Mitte und Ende zwanzig sind und es nicht eilig damit haben, sich fest zu binden. Die aber auch von außen mehr oder weniger gut gemeinten Druck bekommen, dies doch zu tun.

Wie Allison Abrams schreibt, kann dieser Druck durchaus zu mangelndem Selbstbewusstsein, chronischer Unzufriedenheit und damit zu Depressionen führen.

Nun habe ich bisher ja nur als Leserin Erfahrungen mit dem Buchmarkt gesammelt, (noch) nicht als Autorin. Aber bei mir entsteht da schon ein gewisser Eindruck. Korrigiert mich bitte, wenn ich falsch liege:

Für Verlage gilt eine Liebesgeschichte meistens als zwingendes Kriterium für die Aufnahme von Büchern in ihr Programm?

Ausnahmen bestätigen die Regel. Mir fallen unzählige Beispiele für Fantasybücher (und TV-Serien und Filme)  ein, in denen der/die Protagonist*in neben dem eigentlichen Welt-rette-Plot verliebt ist und diese romantische Liebe nach langem hin und her, auf die eine oder andere Weise, schließlich in einer Partnerschaft, wenn nicht sogar in der Gründung einer Familie endet. Happy ever after?
Spontan fallen mir nur einzelne Geschichten ein, in denen es tatsächlich nicht so ist.
Andererseits habe ich von einem Beispiel gelesen, wo im Buch die Protagonistin am Ende glücklicher Single war, in der Fernsehadaption dies jedoch geändert wurde. Kann sein, dass das Beispiel im Buch von Gunda Windmüller stand, aber nagelt mich darauf nicht fest.
(Ich will hier niemandem die Enden von Geschichten spoilern, deshalb bleibe ich so vage).

Ich habe generell nichts gegen Liebesgeschichten in Plots und spiele selbst mit einigen Ideen dazu. Aber:

Was meint ihr zum Thema Singleshaming allgemein?
Und braucht der Buchmarkt vielleicht neben mehr LGBTQ-Protagonist*innen auch mehr Progaginist*innen, die glückliche Singles sind?
Gibt es dazu vielleicht schon ein Genre, das ich einfach übersehen habe?

Ich bin gespannt auf eure Antworten.  :)
"But have you ever noticed one encouraging thing about me, Marilla? I never make the same mistake twice."
"I don't know as that's much benefit when you're always making new ones."
- Anne of Green Gables, Lucy Maud Montgomery

Ryadne

#1
Der Druck, eine Liebesgeschichte einzubauen, ist vor allem bei Agenturen und größeren Verlagen in einigen Subgenres auf jeden Fall da. Ich schreibe bewusst keinen romantischen Subplot in meine Romane ein, höchstens für Nebenfiguren oder bei Auftragsarbeiten. Aber es wird fast jedes Mal, wenn ich entsprechende Werke anbiete, darum gebeten, dass ich noch eine Liebesgeschichte einbaue. Und meinem Empfinden nach hat das sogar in den letzten Jahren noch zugenommen, vielleicht bedingt durch den großen Erfolg von Romantasy und v. a. auch New Adult. Einmal hat mir ein Verlag einen Vertrag angeboten, aber unter der Voraussetzung, dass ich noch eine Liebesgeschichte einbaue. Ich habe es dann tatsächlich versucht, aber da ich in dieser Hinsicht die Romantik einer Wandfliese besitze, wurde es einfach nur cringe. War das letzte Mal, dass ich so etwas versucht habe ...

Sowohl als Autorin als auch als Leserin wünsche ich mir mehr Romane, in denen tiefe, nicht sexuell konnotierte Freundschaft anstelle von Liebesbeziehungen tritt, sowohl für jugendliche als auch erwachsene Figuren. (Obwohl ich zugleich z. B. Romantasy ab und zu gerne lese, wo klar ist, dass sich der Plot um eine Beziehung dreht. Aber das ist für mich etwas anderes als dieses notorische "ok, die untersucht zwar eigentlich nur, warum Elfen umgebracht wurden, aber unbedingt muss sie sich jetzt noch verlieben!" Edit: Natürlich haben auch solche Subplots ihre Daseinsberechtigung, mich stört nur ihre Omnipräsenz, die die ständige Suche nach Liebesbeziehungen zu etwas scheinbar Selbstverständlichem macht.)

Das Thema wird ja auch im gerade wieder aktiven LGBT-Thread angeschnitten. Wobei ich mir mehr Repräsentation nicht nur für "gezielt" asexuelle oder aromantische Figuren erhoffe, sondern auch für Leute, für die es einfach im Lebensabschnitt keine Rolle spielt. (Beides kann sich natürlich überschneiden.) Ein bisschen was hat sich schon getan, aber gerade das Freundschaftsthema wird sehr vernachlässigt.

In Diskussionen im Freundeskreis und auch mit Leser*innen habe ich allerdings schon oft mitbekommen, dass Leute das Nicht-Vorhandensein von romantischen oder zumindest sexuellen Beziehungen als "unrealistisch" empfinden, sobald der normale Alltag von Figuren eine Rolle spielt. Das macht es einerseits umso wichtiger, zu zeigen, dass es auch Menschen (und damit Figuren) gibt, für die das nicht unrealistisch ist (sonst landen wir eben genau beim Singleshaming). Aber andererseits macht es entsprechende Werke eben auch unverkäuflicher. Das altbekannte Problem.



Biene

@Brillenkatze, danke für den Lesetipp, werde ich mir in Kürze zu Gemüte führen.
Für Interessierte hätte ich auch noch eine andere Empfehlung: In Kinderfrei statt Kinderlos von Verena Brunschweiger geht es um den Sozialen Druck der Gesellschaft auf Frauen, Kinder zu bekommen. (Achtung, ist recht radikal.) Es geht, denke ich, in die gleiche Richtung wie das Singleshaming.

Ich gehöre selbst zu weiblich, glücklich, ledig – sucht nicht und musste mir schon einiges anhören, und es nervt einfach. Single (und kinderfrei) zu sein, hat so viele Vorteile. Was die Leute nicht kapieren ist, dass man als Single nicht zwingend einsam sein muss, dass man nicht allein ist. Ich habe gute Freunde, pflege meine Freundschaften und schließe neue. Mir wird oft der Eindruck vermittelt, dass ich ohne Partner doch hilflos, einsam und unglücklich sein müsse und es wird mit Skepsis reagiert, wenn ich widerspreche. Ich habe kein Problem mit Leuten, für die der Lebensentwurf Partnerschaft die Erfüllung ist, ich wünschte nur, dass auch andere Lebensentwürfe akzeptiert würden.

Was Liebesgeschichten in Romanen angeht, mag ich sie im Nebenstrang schon. So ein bisschen Herzschmerz gerne mit Happy End ist schon nett, sollte aber nicht im Vordergrund stehen. (Liebesschnulzen sind definitiv nicht meins.) Was das angeht, passe ich wahrscheinlich genau in das Beuteschema der Verlage. Ich habe da ehrlich noch nicht drauf geachtet, weil ich es wahrscheinlich mag. Auch ich selbst habe i.d.R eine Liebesgeschichte dabei, allerdings ist sie nie schmückendes Beiwerk, sondern erfüllt einen Zweck, möglich, dass das einen Unterschied macht. Ich finde es schön, wenn Menschen zueinanderfinden. (Dabei ist mir die sexuelle Gesinnung völlig wurscht, auch eine tiefe Freundschaft stellt mich da zufrieden.)
Tu erst das Notwendige, dann das Mögliche, und plötzlich schaffst du das Unmögliche. (Franz von Assisi)

Brillenkatze

@Ryadne  Dann hat mich mein Gefühl den Verlagen gegenüber da tatsächlich nicht getrogen und ich nicht einfach die falschen Bücher gelesen. Schade.

Dabei wäre es gerade im Bereich der Jugendliteratur wohl sehr wichtig, da auch Protagonist*innen zuzulassen, die sich bewusst noch nicht auf eine Beziehung einlassen wollen und dazu stehen. Oder die einfach das Alter durchlaufen und sich nicht verlieben – soll es ja auch geben.
Ich kenne das von mir, dass ich damals doch noch arge Probleme hatte, mich da emotional vom Gruppendruck auch durch Serien und Romane zu distanzieren. Nicht, dass ich dadurch Partnerschaften eingegangen wäre, für die ich selbst eigentlich noch gar nicht bereit gewesen wäre - andere vielleicht schon. Aber dieser Zweifel ,,Wann kommt denn nun die erste Liebe?", ,,Warum bin ich jetzt schon 15 und da tut sich immer noch nichts" und ,,Warum funktioniert das bei gefühlt allen anderen, nur bei mir nicht?" war bei mir stets aktiv. Da kann ich meine alten Klagebücher zu befragen. Ich habe mich quasi selbst mit Single-geshamed. Und so war ich nie wirklich zufrieden mit dem Leben.

Erst im Studium kam dann irgendwann der Punkt wo ich mir gesagt habe: So, jetzt reicht's. Entweder da passiert von allein mal was, aber wenn nicht, ist es auch nicht schlimm. Dann verliebe ich mich jetzt eben nicht. So what? Davon lasse ich mich ab sofort nicht mehr verrückt machen. Ich bin ich und nicht ,,die anderen". Ich möchte jetzt glücklicher Single sein.

@Biene
Ja, es hat tatsächlich so viele Vorteile, Single (und kinderlos) zu sein.
Freut mich, wenn ich dir Leseanregung geben konnte. Dein Tipp klingt auch interessant, da werde ich mal die Augen nach offen halten.

Es ist schön, dass heterogene Partnerschaften in Büchern mittlerweile auf Augenhöhe stattfinden und es so viele starke Partnerinnen dort gibt.
Vielleicht ist es der nächste Schritt, die starken, unabhängigen Protagonist*innen, egal welcher sexuellen Orientierung, am Ende auch als glückliche Junggesell*innen mehr zu feiern? Weil, manchmal stimmt eben der Beziehnugspartner doch nicht? Es gibt keinen anderen? Und Single-Frau ist glücklich damit? :)
"But have you ever noticed one encouraging thing about me, Marilla? I never make the same mistake twice."
"I don't know as that's much benefit when you're always making new ones."
- Anne of Green Gables, Lucy Maud Montgomery

Biene

@Brillenkatze , schaun mer mal. Nach dem Roman ist vor dem Roman. Da geht bestimmt was. Ich merke nur für mich gerade, dass ich noch stark in anerzogenen und von meinem Umfeld geprägten Ansichten stecke und bemühe mich da herauszukommen. Ist nicht einfach, aber zumindest ist mir schon bewusst, wenn meine Denke in eine bestimmte Richtung abschwenkt, in die sie nicht abschwenken soll. Auf meiner To-Do-Liste steht ganz oben, dass ich mit Themen wie verschiedene Hautfarben, Nationalitäten, sexuelle Gesinnungen und Geschlechterrollen ernsthaft auseinandersetze und ich denke, das wird auch in die nächsten Romane einfließen. Ich werde hier im Tizi-Universum einiges Hilfreiches dazu finden. Bin schon fleißig am schmökern.
Tu erst das Notwendige, dann das Mögliche, und plötzlich schaffst du das Unmögliche. (Franz von Assisi)

Brillenkatze

@Biene
Immer schön offen und reflektiert bleiben, das ist auch meine Einstellung. Und generell alles hinterfragen.  :)

Ich denke, meine Geschichten und damit auch meine Botschaften muss ich mir einfach mal von der Seele schreiben. Das fühlt sich nach einem inneren Bedürfnis an.  :omn: Und das will ich auch so gut und professionell wie möglich machen. TiZi steh mir bei mit all deiner Weisheit.
Ob die Geschichten dann aber auch mehr als 3 Leute lesen möchten, tja... Das werde ich wohl ausprobieren müssen. Wozu habe ich meinen Brotjob sonst?
"But have you ever noticed one encouraging thing about me, Marilla? I never make the same mistake twice."
"I don't know as that's much benefit when you're always making new ones."
- Anne of Green Gables, Lucy Maud Montgomery

Yamuri

Wäre dieses Thema nicht eigentlich gut im Workshop aufgehoben?

Ich finde es jedenfalls toll, dass es angesprochen wird. Denn mich stört dieser gesellschaftliche Druck schon sehr lange. Singles wird leider oft unterstellt entweder egoistisch zu sein, beziehungsunfähig zu sein oder aber unglücklich und frustriert zu sein. Auch in Geschichten beobachte ich oft, dass fast schon zwanghaft Charaktere verkuppelt werden. Warum darf ein Mensch nicht Single und glücklich sein, aber gleichzeitig ein total sozial eingestellter Mensch, der sich aufopfernd um andere kümmert und vielleicht auch gerade deshalb dann gar keine Zeit bleibt für einen Partner.

In einem Buch musste sich ein Charakter, der eine Art schamanische Ausbildung machte, einmal entscheiden für den Weg des Singles oder den Weg der Partnerschaft. Um ein wirklich großer Träumer zu werden, durfte Wolfsträumer keinen Menschen über einen anderen setzen. Jedes Leben war von gleicher Bedeutung. Seine Lehrmeisterin erklärte ihm, dass er, wenn er beides wolle, er entweder der großen Aufgabe sein Volk zu retten nicht gerecht werden könne oder aber er die Partnerschaft zu der Frau, die er liebte, zerstören würde. Ich fand das sehr eindrücklich beschrieben und dachte mir: manche Lebenswege sind vielleicht mit einer Partnerschaft einfach nicht kompatibel und können doch zugleich Lebenswege sein, die ein Dienst für die Gemeinschaft sind und gerade deshalb voraussetzen, dass der Mensch Single bleibt, um alle gleichbehandeln zu können. Indirekt fand ich es ein schönes Beispiel dafür, dass hier ein Mensch als sozial dargestellt wird und sich seine Mitmenschlichkeit gerade darin zeigte, dass er sich bewusst für den Pfad des Singles entschied.

Finde es auf jeden Fall gut, wenn es mehr gelungene Repräsentationen von glücklichen Singles gäbe, die nicht zwangsläufig als egoistische oder schwierige Menschen charakterisiert werden. :)

Franziska

Ich hab den Eindruck, dass immer noch vor allem von Autorinnen erwartet eine Liebesgeschichte eunzubauen und dass alle Leserinnen das auch lesen wollen. Genre, in denen Autoren dominieren, etwa Hard SF haben oft keine Liebesgeschichte. (z. B. Andy Weir) Oder Krimis und Thriller. Da wird das Single-sein dann aber mit der Figur des geschiedenen beziehungsunfähigen Detective, oft negativ dargestellt.
Ich schreibe selbst Romance und lese es auch gern, aber bei Fantasy und SF brauche ich keine Liebesgeschichte. Ich mag auch Bücher sehe, in denen Freundschaften im Fokus stehen.

Feuertraum

Ich bin eingefleischter Single, muss aber gestehen, dass ich mich tatsächlich für beziehungsuntauglich halte (bitte nicht falsch verstehen. Ich sehe mich selber als beziehungsuntauglich, nicht Singles im Allgemeinen).
Interessanterweise muss ich gestehen, dass ich überhaupt kein Single-Shaming kennenlernen durfte. Zwar hat mal einer versucht, mir einzureden, dass eine Partnerschaft doch etwas Tolles ist, doch nachdem ich ihm klipp und klar gesagt hatte, dass dies vielleicht für ihn und für einige andere zutreffen mag, aber eben nicht für jeden Menschen, wurde das Thema nie wieder angesprochen.

Und wie meine Vorredner geht es mir auch gehörig auf den Geist, dass es gefühlt in jedem Roman zu einer Liebesbeziehung kommt.
Wozu?
Für mich ist das so unrealistisch, weil grundsätzlich passiert, was im wirklichen Leben eher selten der Fall ist. Aber die Verlage bestimmen, was der Leser lesen will, der Leser kauft, und selbst wenn es den Leser stört, wird das weiter eingebaut. Der Leser kauft, ergo  muss es ihm ja gefallen ... :P
Für das Lesen dieser Signatur wird keine App benötigt :-p

Schattenlied

Sehr interessantes Thema. Da ich selbst sehr offensiv damit umgehe, dass andere Menschen mir meistens gestohlen bleiben können - insbesondere aber nicht nur im romantischen Sinn - gab es dazu in meinem Leben interessanterweise fast nie Kommentare. (Während Corona mach(t)e ich mich dezent unbeliebt, weil ich die Lockdowns und das Home Office so gefeiert habe: endlich keine Kollegen den ganzen Tag, keine Menschen um einen rum, mehr Abstand zu Fremden, kein Händeschütteln  :wolke:.)

Wo ich jetzt darüber nachdenke, stelle ich aber fest, dass ich Schnulzen sehr gerne lese (diese mich meistens auch nicht stören) und auch sehr viel welche schreibe  :hmhm?:. Und zwar gerade die Dramatischen mit der ewigen Liebe usw. Erklärung dafür habe ich gerade nicht wirklich.
Was mich  hingegen wirklich nervt ist "the power of friendship", insbesondere wenn Karrieremenschen/Einzelgänger/etc. im Verlaufe der Handlung immer lernen müssen, dass es total toll und bereichernd wäre, sich mehr auf andere Menschen einzulassen und aus sich herauskommen usw. Das kann ich gar nicht haben und finde ich wirklich beinahe angreifend.
Offenbar kann ich mir eher vorstellen, dass Liebe einen wie ein Blitz erwischt und man dann damit zurechtkommen muss, als diese Moralkeule des sozialen Menschen.

In letzter Zeit gibt es aber - gefühlt - bei den Romanzen auch mehr Variation. Insbesondere auch, das mal etwas lockerer zu sehen, dass man sich viel bedeuten und eine Beziehung haben kann, dann aber auch wieder eigener Wege geht und dabei die Welt nicht untergeht, oder einfach zu probieren, wie man zusammen passt und sich dann doch auf Freundschaft zu einigen. Oder Konstellationen wie Dreier-Beziehungen usw. Das ist auch ganz erfrischend.

Tatsächlich grübel ich über ein Setting zu einer sehr individualistischen Gesellschaft, um die Stärke des Alleinseins mehr auszuloten - da fehlt mir jetzt aber der Konflikt: vielleicht  hilft ja eine tragische Romanze  :rofl:

Exlibris

@Brillenkatze - danke für dieses Thema. Ich gebe dann auch mal meinen Senf dazu ...

Ich, geboren 2001, zwanzig Jahre alt, muss bekennen: Ich bemerke diesen Druck allüberall. Vielleicht liegt es an meiner ländlichen Herkunft, aber in meinem Bekanntenkreis dreht sich fast alles um Beziehungen. Sich nicht binden zu wollen scheint dabei eine selten vertretene Meinung zu sein - und das trifft (zumindest bei den Menschen in meinem Umfeld) auf alle Geschlechter zu. Vielleicht befinden wir uns in diesem Alter aber auch noch teilweise im Stadium Partner=Prestige.

Literarisch betrachtet ist die Liebesgeschichte tatsächlich fast omnipräsent. Ich bin kein Gegner von Liebesgeschichten, halte diese Entwicklung aber auch nicht für vorteilhaft. Allerdings habe ich eine These, warum das so ist: Wie wir an zahllosen Fanfictions erkennen können, scheinen viele LeserInnen das Bedürfnis zu haben, ihre Lieblingscharaktere miteinander zu verkuppeln. Ich denke, dass eine Beziehung zwischen Charakteren für eine tiefgreifendere emotionale Beziehung zwischen LeserIn und Charakter sorgen soll, da wir uns ja schließlich auch mit diesen Charakteren identifizieren und somit quasi durch "Wish-Fulfillment" wir selbst glücklich gemacht werden sollen (oder geläutert, wie Aristoteles sagen würde). Wenn die Verlage also davon ausgehen, dass sich ein signifikanter Prozentsatz an Personen grundsätzlich eine Beziehung wünscht, wollen sie die Beziehung quasi "zur Sicherheit" einbauen, um der Katharsis im Fall des Falles einen kleinen Bonus zu verleihen.

Ich hoffe, das macht Sinn. Was meint ihr dazu?   
"Turning history into avantgarde"
- Krzysztof Penderecki

Brillenkatze

Hallo @Exlibris  ,
Senf ist völlig in Ordnung, aber auch Ketchup und Mayo werden hier gern genommen. Und Maggi und Marmite.  ;)

Katharsis – ein Fremdwort, dass ich zum besseren Verständnis erstmal bei Wikipedia nachgeschlagen habe. Ich weiß zwar immer noch nicht, ob ich den Begriff jetzt ganz durchschaut habe (mein Hirn fühlt sich gerade leider leicht verknotet an), aber ich versuche mal von meinem jetzigen Verständnis her zu antworten.

Bestimmt der Verlag überhaupt konkret, welche Figur mit welcher verkuppelt werden soll? Oder geben Verlage eher vor, das überhaupt eine Liebesgeschichte vorhanden sein soll? Dann wäre doch eher der/die Autor*in für die Partnervermittlung zuständig? Oder bei antiautoritärem Schreiben gar die Figur selbst? Kann der Prozentsatz der Fans, die sich die Verkupplung zweier Figuren wünschen werden, bei vollkommen neuen Werken überhaupt vorhergesagt werden?

Für mich klang es bei Wikipedia so, als müsste ein*e Leser*in, wenn er/sie durch eine Liebesgeschichte in einem Buch eine Katharsis (also eine Auslebung von persönlichen inneren Konflikten und verdrängten Emotionen) erfahren soll, möglichst aktiv daran teilhaben und mitbestimmen dürfen, was passiert. Wenn es ein einzelnes Solobuch ist, ist es nun aber schon existent und aktive Mitbestimmung wäre gar nicht mehr möglich. Bei Serien ist das natürlich anders, da habe ich auch schon von Wuschkonzerten gelesen.

Wenn zwei Figuren gesetzt im Buch/in einer Serie miteinander verkuppelt werden, gibt es meiner Beobachtung nach gerade bei sehr populären Werken mindestens eine Fanbasis, die lieber eine andere Paarbildung bevorzugt hätte. Das habe ich zumindest so beobachtet, vor allem sehr eindrücklich im Bereich zeichnender und malender Fan-Künstler.

Hieße dass nicht, egal wie ich die Figuren in meinen Geschichten verkupple, der echte Fan holt sich seine Katharsis eh selbstständig und aktiv? Wenn ich als Autorin sie ihm nicht (passend) gebe, dann denkt/schreibt/zeichnet er sie sich selbst?

Wenn ich als Autorin nun auch mal gar keine Vorgabe mache, zu welcher der anderen Figuren meine Figur sich romantisch orientiert – weil die Figur sich z.B. grundsätzlich nicht orientieren möchte - wäre das dann wohl anregender für die Fantasie der Leser*innen, diese Figur in Fanfictions doch zu verkuppeln? Und jeder hätte irgendwie recht und keiner müsste sich aufregen?  :hmmm:

So viele Fragezeichen  :)
"But have you ever noticed one encouraging thing about me, Marilla? I never make the same mistake twice."
"I don't know as that's much benefit when you're always making new ones."
- Anne of Green Gables, Lucy Maud Montgomery

Yamuri

Ich muss auch gestehen, obwohl ich selbst kein Interesse an Beziehungen habe, habe ich selbst in Fanfictions auch schon Lieblinge miteinander verkuppelt und unterschwellig gibt es in meinen Geschichten auch Beziehungen. Sie sind nur nicht so voyeuristisch dargestellt, sondern subtil durch das vertraute Verhalten von Charakteren zueinander. Ich bin generell ein Fan von subtiler Darstellung.

@Brillenkatze: Tatsächlich habe ich nie Canon Pairings beschrieben, wenn ich Fanfictions geschrieben habe. Ich habe nahezu ausschließlich andere Charaktere aus dem Fandom zusammengebracht, schlicht weil mir die vorgegebenen Pairings in den westlichen Büchern/Filmen oft nicht gefallen. Ist interessanterweise bei ostasiatischen Serien anders. Da mag ich die Canon Pairings oft viel lieber. Allerdings nur bei den Realserien, bei Anime tritt bei mir auch das Phänomen auf, dass ich vor allem gern männliche Charaktere verkupple, die gar nicht als homosexuell gedacht waren. Warum das so ist, weiß ich nicht. Liegt vielleicht auch nur daran, dass ich damals, als ich FFs schrieb, von anderen Fanfiction Autor:innen inspiriert wurde und in deren Geschichten ungewöhnlichere Pairings für gut geschrieben betrachtet habe.

Ich kann mir auf jeden Fall vorstellen, dass es für Fanfiction Autor:innen egal ist, ob du ein Pairing andeutest oder nicht. Die nehmen sich wirklich einfach das, was ihnen gefallen würde. :)

Damiano

Ohje, dieses Thema...

Das ist jetzt nicht bezogen auf diesen Thread, sondern die Erwartung der breiten Masse, dass komplexe Beziehungen immer romantisch enden müssen. Die Diskussionen darüber konsternieren mich jedesmal wieder.

Meine Position hierzu:
Da ich meine gegenwärtige Welt um ihre Schöpfungsgeschichte (nicht als Mythos, sondern als gelebte Geschichte) herum aufbaue, sind heterosexuelle Beziehungen in jedem Fall Teil er Handlung, damit die ursprünglichen Vertreter der verschiedenen Spezies (Katzen, Wölfe, Füchse usw.) die Fortpflanzung ihrer Art überhaupt vorantreiben. Dies ist aber immer nur ein beiläufig erwähnter Komplex und nie der Fokus der Handlung. Meine Erfahrung war nun, dass bei Fertigstellung des ersten Bandes viele Testleser etwas irritiert zurückblieben bezüglich der Tatsache, dass der Hauptantagonist des Buches, eine spirituelle Entität, die sich in Form eines Glasfuchses manifestiert, und seine Gegenspielerin, eine Rotfüchsin, nach seiner Reformierung am Ende keine romantische Beziehung eingehen.
Es ist schon auffällig, dass der Umstand, dass der Blickwinkelcharakter für die Fuchspopulation ein Weibchen ohne Partner ist, große Ratlosigkeit mit sich bringt. Dabei weiß ich nicht einmal, ob ich die Füchsin als asexuell oder aromantisch einstufen kann. Die Frage ergibt sich für ihren Charakter einfach nicht. Sie hat sich am Ende mit dem Antagonisten ausgesprochen und Frieden mit ihm geschlossen. Die Beziehung der beiden zueinander geht sehr tief, ist aber weder eine sexuelle noch eine Liebesbeziehung. Sie können sich lediglich nicht mehr voneinander trennen, da die über den Verlauf der Geschichte erlernte Empathie für beide sehr bedeutend ist.
Ich möchte es eigentlich dabei belassen, fürchte aber, dass ich diesbezüglich auch noch unangenehme Diskussionen mit Lektoren führen darf. 

Robin

Uff... Pärchen in Geschichten.

Klar, es ist super, wenn man jemanden hat, mit dem man sein Leben teilen kann - aber es muss halt auch passen. Weswegen ich wie bei @Damiano im obrigen Beitrag auch nur den Kopf schütteln kann, wenn, klar, eine starke Verbindung da ist, aber das nicht unbedingt gleich Liebe bedeuten muss. Und dieses starke Freundschaft =/= Liebe oder Partnerschaft scheint vielen einfach nicht einzugehen... weil man nicht genug Beispiele dafür findet, sondern vieles einfach zu schnell in Richtung Pärchenbeziehungen geht.

Da gibt es noch schöööön viele unangenehme Themen mit Überschneidung, die man hier aufbringen könnte, aber das ist jetzt gerade nicht der Platz dafür (denke ich). Ja, ich denke durchaus auch, dass es gerade auch in der Fiktion einen merkwürdigen "Paarungsdruck" gibt, vor allem, wenn uns tagtäglich eingeredet wird, dass alleine glücklich zu sein strange ist. Ich sag nur ewige Stereotypen - weibliche mehr wie männliche, meiner Erfahrung nach, aber wie gesagt, das würde jetzt zu weit reichen, wenn ich ewig hier herum moppere.

Weswegen es umso wichtiger wäre, dass es tatsächlich mehr Single-Repräsentation gäbe. Oder auch vielleicht den Schuh anders aufziehen: Beziehung zu Single-Dasein als eine Story persönlichen Wachstums. Manchmal ist ein "Happy Ever After" zu wissen, dass man jemandem "genügen" muss, um glücklich zu sein. (Ich schnüffel hier gerade Inspiration...  :hmmm: )
~Work in Progress~