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Autor Thema: Tipps zum Schreiben von nichtweißen Figuren (BI_PoC) mit Linksammlung  (Gelesen 4195 mal)

Offline Manouche

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Meine Frage passt nur bedingt in dieses Thema, ist aber für mich eng damit verbunden, daher schreibe ich sie mal hier, in der Hoffnung, dass es ok ist. Sonst lasse ich mich sehr gerne korrigieren.

Und zwar hat es mit der Frage von Felsenkatze und den folgenden Threats vor einem Monat zu tun.
Im laufe der Diskussion kam ja immer wieder das Thema, dass wir idealerweise, die Farben der (eher plotrelevanten) Figuren schreiben wollen/sollten, also eben auch die Hautfarbe der „weissen“ beschreiben. Für mich ist dieser Ansatz im Moment sehr stimmig. Doch nun merke ich dass ich gerade auch mit der Beschreibung von weissen Figuren unschlüssig bin. Da die „weisse“ Hautfarbe so als gegeben angesehen wird, merke ich, dass hier die Bezeichnungen sehr hinken.
 

In ihrem eindrücklichen Projekt Humanae https://www.youtube.com/watch?v=NiMgOklgeos zeigt Angélica Dass sehr schön, dass “weisse“ Haut häufig rosa ist. Aber zum Schreiben bin ich mir unsicher, es ruft für mich eher das Bild eines gesunden Babys hervor. Und in meinem speziellen Fall, handelt es sich um eine Dystopie und die Menschen sind nicht gesund und rosa. Im Gegenteil sie sind alle blass und ungesund... Und ihre Erlebniswelt ist sehr klein, es gibt wenig, was für sie als Vergleich herhalten könnte.
(Es ist auch nicht so, dass ich mich auf kulturelle Bräuche oder so berufen könnte, da diese „nicht mehr existieren“...)

Wie seht ihr das:
Geht das, wenn ich eine Person mit brauner und eine andere mit heller Haut beschreibe? „Dunkelhäutig“ will (und sollte) ich nicht schreiben.
Seht ihr aber eine Schwierigkeit, wenn ich „hellhäutig“ schreibe?
Oder wie löst ihr das?

Online Nikki

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Zitat
Geht das, wenn ich eine Person mit brauner und eine andere mit heller Haut beschreibe?

Ist insofern problematisch, dass helle Haut nicht weiß sein muss. Es gibt so viele Hauttöne - eine Person mit fast schwarzer Hautfarbe wird eine andere Person mit dunkelbrauner Haut vielleicht eher als "hell" beschreiben, weil für sie der Standard ihre eigene (dunkle) Hautfarbe ist. Du kannst schon schreiben, dass eine Figur helle Haut hat, nur musst du das in Relation setzen (bzw. tun das die Leser*innen automatisch, wenn du es nicht explizit tust) und solltest es nicht als Synonym für weiß verwenden. Wenn du das tust, geht das meiner Meinung stark in die Richtung vom weißen Default.

Hell und dunkel sind Spezifizierungen, aber keine Hautfarben. Ich persönlich mag generell nicht die Wörter mit "-häutig", weil mich das stark an den vorbelasteten Diskurs um nordamerikanische Ureinwohner*innen erinnert.

Zitat
Oder wie löst ihr das?

Indem ich Vergleiche finde, die einerseits farblich passen, aber auch vom Kontext her stimmig wirken. Weiße Haut ist ja nur sehr selten wirklich weiß. Grau-, Rosa-, aber auch Hellbrauntöne können passen für die Beschreibung von weißer Haut. Außerdem vermeide ich Lebensmittelvergleiche jeglicher Art. Darum habe ich auch das Wort "olivfarben" aus meinen Texten gestrichen, weil es mir sonst wie mit zweierlei Maß messen vorkommt.

Offline Manouche

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Danke Nikki

Zitat
Wenn du das tust, geht das meiner Meinung stark in die Richtung vom weißen Default.

Das war eben auch meine Befürchtung.

"-häutig" schreibe ich grundsätzlich auch nicht, das war eher um meine Frage deutlich zu machen.

Und ja, ich finde weiss ist einfach keine Hautfarbe.
Das mit den Vergleichen ist halt in meinem Fall jetzt sehr schwierig.

(Tja, irgendwie fand ich das auch schon als Kind schwierig, wenn ich einen Menschen zeichnen wollte, welche Farbe ich da wählen sollte. Es gab ja diesen Farbstift der "Hautfarben" hiess. ( :nöö: Unglaublich oder!) Aber auch der passte nicht wirklich...)

Edit: Ich werde dem noch weiter nach gehen.
Vielleicht ist es vorallem ein Problem in meinem bestimmten Setting, sonst sind Vergleiche sicher ok, aber sie sollen halt nicht total aus dem Kontext sein.

Online Nikki

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Wenn man Beschreibungen wie "hell" und "dunkel" verwendet, sollte man auch besonders aufpassen, nicht in Colorism zu verfallen, dessen Paradigma es ist "desto heller desto besser". Ein bekanntes Beispiel in der Popkultur dafür wäre die Neubesetzung der Tante in der Serie Prince von Bel Air in den 90ern. Da wurde die Schauspielerin Janet Hubert durch Daphne Maxwell Reid ersetzt, für viele ist diese Umbesetzung ein wesentlicher Bestandteil des Trends in Hollywood, Schwarze (Frauen-)Rollen eher mit Schauspieler*innen zu besetzen, deren Hautton im hellen Spektrum angesiedelt ist. Da kommt zur rassistischen Diskriminierung der Hautfarbe auch noch die sexistische dazu, da Schwarze Frauen mit dünklerer Hautfarbe mehrfach benachteiligt werden. (Stichwort Intersektionalität)

Zitat
Vielleicht ist es vorallem ein Problem in meinem bestimmten Setting, sonst sind Vergleiche sicher ok, aber sie sollen halt nicht total aus dem Kontext sein.

Wir befinden uns als weiße Autor*innen in Europa in der (un-)bequemen Lage, dass Weißsein traditionsgemäß nie großartig thematisiert werden musste, weil es stillschweigend als die Norm vorausgesetzt wurde, indem Nichtweißsein konsequent geothert wurde. Und außerdem hat es der Diskurs geschafft, das Problem Schwarz vs. Weiß nach Amerika auszulagern, sodass wir uns immer einreden konnten, das wären nicht unsere Probleme. Das ist ein tiefgreifendes Umdenken in unseren Sprach- und Wahrnehmungsmustern, das uns bevorsteht, wenn wir dem entgegenwirken wollen. Von daher würde ich aktiv die Augen offen halten nach "weißen" Hauttönen, wie ich diese beschreiben könnte, mich auch in Farblehre einlesen, um zu erfahren, welche Farbbeschreibungen es überhaupt gibt und wie ihre Geschichte ausschaut (es flasht mich immer wieder, dass Anfang des 20. Jhdt Rosa eine "männliche" Farbe war und wie es zu der heutigen Trendumkehr hat kommen können), und Medien rezipieren, die nicht durch den weißen Blick geprägt sind. Auf diese Weise löst man sich von der eigenen inhärenten Normierung gewisser Darstellungsweisen und schafft es nach und nach, verinnerlichte -ismen abzubauen. So erweitert sich der eigene Horizont und neue Möglichkeiten in Darstellung und Beschreibung eröffnen sich, die davor noch gar nicht denkbar gewesen wären.

Offline Manouche

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Nur ganz kurz, da ich grad auf dem Sprung bin...

Mit Setting meinte ich, dass in der Welt meines Romans viele Vergleiche und Farbbezeichnungen unpassend wären.

Offline Fianna

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Nora Bendzko hat zu diesem Thema gerade einen Blogartikel bei TOR Online veröffentlicht,  in dem viele Dinge angesprochen werden, über die auch im Forum kürzlich diskutiert wurde.
   

Offline DunkelSylphe

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Ich wollte gerade den Artikel verlinken, vielen Dank, dass du das für mich übernommen hast, @Fianna:herzchen:

Für TOR online habe ich über kulturelle Marker geschrieben und wie man diese einsetzen kann, um People of Color in der Fantasy zu schreiben. Nichtweiße Figuren sind nämlich viel mehr als ihre Hautfarbe, wobei es dafür auch weiterführende Links in dem Artikel gibt. Stattdessen gebe ich weitere Anregungen und Werkzeuge dazu, wie man Multikulturalität bei Figuren und Weltenbau umsetzen kann. Teils diskutiere ich auch rassismuskritisch die Geschichte der Fantasy, wie das veraltete Erbe von Tolkien, Whitewashing bei Erdsee, und wie man sich davon wegbewegen kann à la Dungeons & Dragons, die gerade vorreiten, was inklusive Spielwelten betrifft.

Ich hoffe, das gibt ein paar gut Anregungen & dass auch die verlinkten Quellen helfen. Wenn ihr ein paar Fragen zum Artikel habt, dann könnt ihr die mir gerne hier schreiben.
Man braucht die Dunkelheit, um stärker leuchten zu können.

Online Nikki

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Buzzfeed hat von 39 Berühmtheiten mit mixed-asiatischen Wurzeln Eindrücke gesammelt, die oberflächliche Einblicke in deren Lebenswelten gewähren. Ich denke, dieser Artikel zeigt schön, wie vielfältig Erfahrungen sind und kann guten Input für dreidimensionale nicht weiße Figuren geben. (Der Artikel ist auf Englisch.)

Online Nikki

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Ich bin über das Video The Day Rue "Became" Black des YT-Kanals Yhara zayd gestolpert. In einer halben Stunde wird analysiert, wie die Figur Rue im ersten Band von Tribute von Panem beschrieben wird und die Castingentscheidung für eine Schwarze Besetzung eine kontroverse wurde. Es ist sehr gut gegliedert und wirft u.a. die Frage auf, wie mit der white default Einstellung (in den Köpfen der Leser*innen) umgegangen wird. Es werden noch andere populärkulturelle Castingentscheidungen diskutiert. Das Video ist auf Englisch und CN sind u.a. Rassismus, Colorismus und Whitewashing.

Außerdem liefert das Video einen wertvollen Literaturtipp, der im Hinblick von Colorismus ganz besonders lesenswert ist: Girlhood Interrupted: The Erasure of Black Girls' Childhood.

Online Nikki

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In dem Video Real Things White People Have Said to Me präsentiert die Youtuberin Lilly Singh eine Auswahl von Fragen/Aussagen weißer Personen, die auf Lillys indischen Hintergrund abzielen. Für besonders spannend halte ich den zweiten Teil des Videos, wenn Lilly den Spieß umdreht und auf subversive Art weiße Personen fragt bzw. deren Handeln kommentiert, um aufzuzeigen, wie rassistisch/vorurteilbehaftet diese Art der Kommunikation ist.

Online Nikki

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Allen, die selbst keine Erfahrung mit krausem Haar haben, lege ich Keep it kraus. Das Basisbuch für Krauselocken von Diana & Esther Donkor ans Herz. (Alle, die selbst widerspenstiges Haar haben, werden in diesem Buch sicher auf den ein oder anderen hilfreichen Tipp stoßen. :wolke:) In ihrem Blog http://krauselocke.de/ findet ihr weitere Tipps und Infos.

Online Nikki

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Kein Link, aber ein absolut lesenswertes Kapitel über die Darstellung von BIPoCs in Medien findet sich in Why we matter von Emilia Roig. Es trägt - ganz überraschender Weise - den Titel In den Medien (S. 139 ff.). Besonders die Filme Ziemlich beste Freunde, Die Götter müssen verrückt sein und Schindlers Liste werden unter die Lupe genommen, aber auch die Berichterstattung über Verbrechen von weißen und nicht-weißen Personen. Des Weiteren wird die Empathielücke thematisiert, die sich durch die Unterrepräsentation von Personen ergibt, die von der Norm des weißen, cis, heterosexuellen, dyadischen (nicht inter), allosexuellen, abled Mannes abweichen. So lernen wir zwar von klein auf, uns in solche Männer hineinzuversetzen, haben aber Schwierigkeiten damit, uns in andere Perspektiven hineinzufühlen, die sich wenig bis gar nicht mit diesem Prototypen decken.

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